Kurz und knapp: Empfehlungen aus dem Podcast #2

Heute ist es einmal wieder Zeit, noch kurzes Feedback zu den Romanen zu geben, über die ich bereits im Podcast gesprochen habe, aber da ihn ja nicht jeder von euch hört, gibt es die Titel hier nochmal im Schnelldurchlauf.

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Marco Balzano – Ich bleibe hier

Vor gut zwei Jahren machte ich zusammen mit meinem Vater und den Kindern einen Urlaub in Südtirol, beidem uns unser Weg auch am Reschensee vorbei führte. Mein Großer hatte den Kirchturm von Graun im Reiseführer entdeckt und uns dann überredet, auf dem Rückweg nicht über den Brenner, sondern den Reschenpass zu fahren; ein Umweg, der sich für uns alle wirklich gelohnt hat, denn der Weg war landschaftlich extrem schön und der Kirchturm im Reschensee und die Wanderung, die ich mit meinem Sohn durch den See unternahm (ja, es führt tatsächlich ein Weg durch das Wasser) war ein unvergessliches Erlebnis.

In „Ich bleibe hier“ geht es um das Bergdorf Graun, das in den 1950er Jahren einem Staudammprojekt zum Opfer fiel und im See versank.
Am Beispiel von Trina erzählt Marco Balzano die Geschichte von Graun, das zu Zeiten des Faschismus komplett zwischen die Fronten gerät. Die Faschisten unter Mussolini verbieten es den Südtirolern, Deutsch zu sprechen und besetzen wichtige Posten mit regimetreuen Italienern. Als Fremde im eigenen Land kommt vielen das Angebot von Hitler recht, das ihnen ermöglicht, ein neues Leben im Deutschen Reich aufzubauen.
Bleiben oder gehen? – Diese Frage spaltet schon bald nicht nur das ganze Dorf, sondern auch Trinas Familie…

„Ich bleibe hier“ erzählt die Geschichte von Südtirol auf sehr lebendige Weise. Man beginnt zu begreifen, wie die politischen Entscheidungen der damaligen Zeit auch heute noch Einfluss auf diesen Landstrich haben.
Pflichtlektüre für alle, die den Reschensee besuchen wollen!

Nachzuhören in Folge #13 Im ICE nach Chemnitz

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Victor Jestin – Hitze

Es sind die heißesten Tage des Jahres, die der 17-jährige Léonard mit seiner Familie auf einem Campingplatz an der französischen Küste verbringt.
Léonard fühlt sich nicht wohl, er findet keinen Anschluss zu den anderen Jugendlichen, er weiß nicht, was er mit sich anfangen soll und kann in den drücken heißen Nächten nicht schlafen.
Als Léonard in der letzten Nacht des Urlaubs einen Strandspaziergang unternimmt, wird er Zeuge eines schrecklichen Ereignisses: Der gleichaltrige Oscar nimmt sich vor Léonards Augen das Leben und der tut nichts, um ihn zu retten.
Erst als Oscar tot ist, erwacht Léonard aus seiner Starre, doch von Schuldgefühlen geplagt, alarmiert er nicht etwa die Erwachsenen, sondern verscharrt den Leichnam im Sand.
Auch am nächsten Tag schafft es Léonard nicht, seinen Eltern zu erzählen, was passiert ist. Orientierungslos und zunehmend dehydriert beginnt Léonard, das fröhliche Treiben auf dem Campingplatz mehr und mehr als Alptraum wahrzunehmen, dem er nicht entkommen kann…

Bei „Hitze“ ist der Name Programm. Man fühlt beim Lesen die drückende Hitze, die sonnenverbrannte Haut und die Sandkörner zwischen den Zehen.
Ein Debütroman, der zwar noch erzählerische Schwächen aufweist, aber so atmosphärisch geschrieben ist, daß ich das nächste Buch von Victor Jestin schon mit Spannung erwarte.

Nachzuhören in Folge #11 Sommer, Sonne, rosa Hasen

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David Szalay – Turbulenzen

Eine Sammlung von Kurzgeschichten, die aber alle miteinander verbunden sind, ist „Turbulenzen“ von David Szalay.
Was die Protagonisten der einzelnen Geschichten miteinander verbindet, sind die Flugreisen, die sie alle unternehmen. Dabei fällt schnell auf: Keiner ist nur zum Urlaub machen unterwegs. Oft sind es berufliche oder familiäre Gründe, die der Anlass der Reise sind.
So beginnt dieses Buch beispielsweise mit einer älteren Frau, die ihren Sohn in London besucht, weil er an Prostatakrebs erkrankt ist. Auf dem Heimflug nach Madrid, wo sie lebt, lernt sie Cheikh kennen, der weiter nach Dakar fliegt, wo ihn eine schlimme Überraschung erwartet…
So nehmen uns die Figuren der einzelnen Geschichten jeweils ein Stück der Reise mit, wobei sie immer wieder in metaphorische Turbulenzen geraten, sei es einen Familienstreit, eine Affäre oder eine menschliche Katastrophe.

Wie die Weltkarte mit den eingezeichneten Flugstrecken auf dem Vorsatzpapier schon verrät, umrunden wir in „Turbulenzen“ einmal die gesamte Welt und begegnen dabei Menschen aus den verschiedensten Kulturen und sozialen Schichten und erleben kurze, aber einschneidende Momente in ihrem Leben.

Kurzgeschichtensammlungen mit einem gemeinsamen Thema finde ich immer spannend, denn das kann wirklich gut funktionieren, wie in Frank Berzbachs Die Schönheit der Begegnung oder es kann etwas konstruiert wirken, wie in Tom Hanks Uncommon Type. Bei „Turbulenzen“ gehen die einzelnen Geschichten so gut ineinander über, daß man schon fast eher das Gefühl hat, einen Roman zu lesen, als zwölf einzelne Kurzgeschichten.

Nachzuhören in Folge #16 Lost Places

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Lily King – Writers & Lovers

Lily Kings Roman Euphoria hat mich vor ein paar Jahren zwar durch seinen Stil begeistern können, allerdings fand ich, daß die Geschichte um eine Ethnologin auf Forschungsreise im Neuguinea der 1930er Jahre auch ihre Längen hatte.

Mit „Writers & Lovers“ legt Lily King nun einen sehr persönlichen Roman vor.

Casey ist Anfang 30 und hat nach dem Studium alles auf eine Karte gesetzt: sich ganz dem Schreiben zu widmen, um Autorin zu werden.
Doch inzwischen fragt sie sich immer öfter, wie lange sie diesen Traum noch verfolgen kann. Ihr Schuldenberg wächst ins Unermessliche, sie lebt in einem kleinen Schuppen auf dem Grundstück eines Bekannten und übernimmt lange Schichten als Kellnerin, um zumindest halbwegs über die Runden zu kommen.
Nach dem Tod ihrer Mutter und einer schmerzhaften Trennung ist Casey an einem Punkt angelangt, an dem sie kaum mehr schreiben kann, doch sie hält weiter an ihrem Traum fest…

„Writers & Lovers“ ist die perfekte Lektüre für all diejenigen, die gegen alle Widerstände an ihren Träumen festhalten wollen.
Am Ende löst sich alles vielleicht ein wenig zu harmonisch auf, aber nach Caseys langem Kampf gönnt man es ihr gerne.

Nachzuhören in Folge #14 Z wie Zukunftsmusik

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Leif Randt – Allegro Pastell

Eigentlich hatte ich schon lange vor, einmal ausführlich über „Allegro Pastell“ zu schreiben, doch inzwischen haben Andi und ich diesen Titel schon so oft im Podcast erwähnt und so ausführlich darüber gesprochen, daß ich das Gefühl habe, jeder der mich halbwegs kennt, weiß inzwischen, daß es das Buch war, daß mich dieses Jahr am meisten begeistern konnte.

Bestimmt hätte ich diesen Titel nie gelesen, hätte Andi ihn nicht unbedingt für den Podcast besprechen wollen; so unscheinbar wirkte das Cover auf mich.
Wir begannen mit der Lektüre in der ersten Woche des Lockdowns im März. Ich war mit meinen beiden Söhnen den ganzen Tag in der Wohnung, wo mir neben Homeschooling und dem Versuch, den Kleinen soweit abzulenken, daß sein großer Bruder seine Hausaufgaben machen konnte, langsam aber sicher die Decke auf den Kopf fiel.
Also beschloss ich, jeden Vormittag eine Runde über die Felder hinterm Haus zu drehen. Wir leben nämlich genau am Rand der Stadt und deshalb war es kein Problem, Spazieren zu gehen, ohne irgendwelchen Leuten zu begegnen.
Zu diesem Zeitpunkt war es noch wahnsinnig kalt. Ich erinnere mich, daß ich zwei Jacken und zwei Schals trug, die ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt hatte, weil der Wind auf den Feldern so eisig und schneidend war.
Von meinem Haus aus führt ein Weg den Hügel hinauf über die Felder. Am höchsten Punkt auf halber Strecke gibt es eine Bank vor einer alten Scheune, die halbwegs windgeschützt ist. Nachdem ich mich durch den Eiswind gekämpft hatte, war es dann auf dieser Bank im Sonnenschein oft so warm, daß ich mich nach und nach aus meinen Schals und Jacken schälte.
Von hier aus hat man einen wunderschönen Ausblick auf München und (bei klarem Wetter) die Alpen, denn der Hügel hinter meinem Haus ist tatsächlich eine der ersten Erhebungen hinter der Münchner Ebene.
Hier saß ich dann jeden Tag eine halbe Stunde, las „Allegro Pastell“ und lachte in meinem kleinen windgeschützten Versteck über Leif Randts hyperreflektierte Protagonisten, die einem mit ihrer überzeichneten selbstgefälligen Art so auf die Nerven gehen, daß man sich einfach nur darüber freut, wie geschickt und absolut überspitzt der Autor die Millenial Generation in diesem Roman aufs Korn nimmt.

Das war zugegeben sehr wenig über das Buch und sehr viel darüber, wo und wie ich es gelesen habe, aber die Umstände waren so außergewöhnlich, daß ich wohl immer an diese verrückten ersten Wochen des Lockdowns denken muss, in denen wir alle nicht wussten, was noch auf uns zukommen würde.

Nachzuhören in Folge #6 Germanys next Lovestory

Review: Queenie

Ein Titel, der zugegebenermaßen völlig an mir vorbeigegangen wäre, wenn mich mein Kollege Christoph, der mich vor Kurzem bei zwei Podcast Folgen unterstützt hat, nicht darauf gestoßen hätte, ist „Queenie“ von Candice Carty-Williams.

Ausgezeichnet als Book of the Year beim British Book Award erwartet man natürlich ein Werk, das sich literarisch oder thematisch von anderen Titeln abhebt. Der Slogan, daß es sich bei Queenie um die Schwarze Bridget Jones handeln würde, irritierte mich da jedoch etwas. – ChickLit oder literarisch relevant?
Gemeinsam mit Christoph nahm ich mir also diesen Roman vor und erlebte dabei eine emotionale Achterbahnfahrt, wie ich sie bei kaum einem anderen Titel dieses Jahr erlebt habe.

Queenie ist Mitte zwanzig und hat einen vergleichsweise schlecht bezahlten Job bei einer Zeitschrift. Als erste in ihrer jamaikanisch-stämmigen Familie hat sie studiert, doch anstatt nun beruflich durchzustarten, steht sie sich meist selbst im Weg. 
Als ihr langjähriger Freund Tom sie um eine Beziehungspause bittet und Queenie zeitgleich erfährt, daß sie eine Fehlgeburt hatte, stürzt sie in ein tiefes Loch. Sie muss die gemeinsame Wohnung verlassen und sucht verzweifelt nach einer bezahlbaren Bleibe, wobei sie immer wieder an zwielichtige Typen gerät. Sie versucht, ihre Beziehung zu Tom zu kitten, doch der blockt jeden ihrer Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, ab. Um sich ein wenig von dieser trostlosen Situation abzulenken, meldet sich Queenie bei Dating-Apps an und durchlebt ein katastrophales Date nach dem nächsten, wobei die Männer ihre Einsamkeit und Verletzlichkeit schamlos ausnutzen.
Als sie dann auch noch von ihrem Job suspendiert wird und ihr eine ihrer besten Freundinnen die Freundschaft kündigt, erleidet Queenie einen kompletten seelischen Zusammenbruch und es braucht viel Kraft, Zeit und Hilfe, um sich aus diesem Tal herauszukämpfen.

Erzählt man allein die Handlung von „Queenie“ hört sich dieser Roman nach ganz schön harter Kost an und tatsächlich gab es auch immer wieder Szenen, bei denen ich kaum weiterlesen konnte.
Dabei erzählt Candice Carty-Williams jedoch mit einer so humorvollen und lockeren Art, daß man anfangs tatsächlich das Gefühl hat, man würde ChickLit lesen.

Zunächst war ich ehrlich gesagt auch eher irritiert von diesem Buch. Wie schon gesagt, erwarte ich bei einem preisgekrönten Titel einen gewissen literarischen oder thematischen Mehrwert, doch all das schien „Queenie “ zunächst nicht zu bieten.
Der Schreibstil ist nicht besonders anspruchsvoll und die Geschichte erinnert anfangs auch stark an all die üblichen 08/15 RomComs, in denen eine charmant naive Protagonistin von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert, bevor sie am Ende das große Glück findet.
Doch Candice Carty-Williams setzt dem Leser diese Klischees vor und beginnt sie nach und nach umzukehren. Denn es ist kein einfaches Missverständnis, das nur aufgeklärt werden muss, damit es zum Happy End kommen kann, sondern sehr viel harte Arbeit. Es ist auch kein gutaussehender Typ, der Queenie am Ende aus ihrem Elend rettet, sondern ein Plädoyer dafür, das selbst zu tun und daß es okay ist, sich dabei Hilfe zu holen. Der Vergleich zu Bridget Jones wurde ja öfter bemüht (im Übrigen von Candice Carty-Williams selbst, die diesen Vergleich aufbrachte, um die Verleger zu überzeugen, daß ihr Roman durchaus massentauglich wäre) und tatsächlich kommt auch in „Queenie“ eine Figur namens Darcy vor, die allerdings nicht der Ritter in schimmernder Rüstung ist, sondern Queenies beste Freundin.

Auch andere wichtige Themen werden angesprochen, wie zum Beispiel Depression, psychische Erkrankungen und deren Stigmatisierung. Was „Queenie“ jedoch in meinen Augen extrem relevant macht, ist das ständig präsente Hintergrundrauschen der Mikroaggressionen und des Alltagsrassismus, deren Opfer Queenie Tag für Tag wird; seien es nun beschwipste Mädchen, die ihr in der Disko durch die Haare wuscheln, oder rassistische Männer, die offenbar gezielt Schwarze Frauen daten, um sie dann zu demütigen.

Als die Black Lives Matter Bewegung im Frühling nach Deutschland schwappte und es auch hierzulande Proteste und Kundgebungen gab, empfahlen viele Buchblogger Leselisten mit Schwarzen Autor:innen, die man dringend gelesen haben sollte. Großartige Titel waren dabei, wie Underground Railroad, Heimkehren, Sing, Unburied, Sing, oder Washington Black; trotzdem schien mir etwas zu fehlen und lange Zeit konnte ich den Finger nicht wirklich darauf legen, was das war.
Erst beim Lesen von „Queenie“ wurde mir dann plötzlich klar, daß ich kaum Bücher kenne, in denen es um Schwarze Protagonist:innen geht, die nichts mit institutionellem Rassismus oder Sklaverei zu tun haben.

„Queenie“ lässt sich in keine Schublade stecken, es erfüllt die Erwartungen seiner Leser bewusst nicht und schwankt ständig von humorvoller ChickLit zu sozialkritischem Roman. Viele Leser tun sich schwer damit, daß man sich nie ganz sicher sein kann, was denn nun die Intention der Autorin ist, oder auch mit der Protagonistin Queenie, an der man hin und wieder verzweifelt.
Auch ich war anfangs zunächst irritiert, was ich von „Queenie“ halten sollte und fand die Hauptperson hin und wieder extrem nervig, auch wenn mir immer bewusster wurde, daß deutlich mehr in diesem Roman steckt, als es zunächst den Anschein hatte.
Im Mittelteil stellte ich dann irgendwann fest, daß ich mich Abends immer richtig darauf freute, weiterlesen zu können. – Wie bei einer guten Serie, die man durchsuchtet.
Am Ende war ich dem Buch dann komplett verfallen. Ich liebte Queenie, mit all ihren Marotten, ich gab ihrer Freundin Kyazike Szenenapplaus und hatte Tränchen in den Augen, als sich ihr fabelhafter Großvater hinter Queenie stellte.

All das hat „Queenie“ für mich zu einem meiner Lesehighlights des Jahres gemacht und ich hoffe sehr, daß sich auch hierzulande mehr Verlage trauen, Bücher auf den Markt zu bringen, in denen es eben nicht um Rassismus und Sklaverei, sondern das ganz normale Leben von Schwarzen Protagonist:innen geht.

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Novitäten im November

Im November kann ich mich vor Novitäten kaum retten! – Klar, immerhin muss ich mich für das anstehende Weihnachtsgeschäft nochmal ausgiebig informieren und die Weihnachtsempfehlungsfolge für den Podcast vorbereiten.
Deshalb gibt es heute wieder einen bunten Mix aus bereits gelesenen und noch ungelesenen Romanen und Sachbüchern, die eine ziemliche Bandbreite abdecken.

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Los geht es mit drei etwas ernsteren Roman: „Meine dunkle Vanessa“, „Insel der verlorenen Erinnerung“ und „Als die Welt stehen blieb“.

„Meine dunkle Vanessa“ von Kate Elizabeth Russell erzählt von Vanessa, die als 15-Jährige von ihrem Highschool Lehrer sexuell missbraucht wird, und lange Zeit glaubt, sie selbst wäre es gewesen, die diese Beziehung gewollt hätte.
Eine unheimlich facettenreiche Geschichte, die ich schon als englisches Hörbuch gehört habe, und die es wert ist, sich noch einmal etwas ausführlicher damit zu beschäftigen.

„Die Insel der verlorenen Erinnerung“ von Yoko Ogawa erzählt von einer Insel, auf der Dinge nicht nur aus dem Alltag, sondern auch aus der Erinnerung der Menschen verschwinden und von einer geheimnisvollen Erinnerungspolizei, die dafür sorgt, daß diese Dinge auch verschwunden bleiben.
Auf Instagram und den Buchblogs hört man derzeit nur begeisterte Stimmen; Zeit also, mir diesen Titel auch einmal vorzunehmen.

Morgen beginnt ja der nächste Lockdown, diesmal in der Light-Version, aber ich denke, wir alle erinnern uns noch lebhaft an den ersten Lockdown im März. Bestsellerautorin Maja Lunde („Die Geschichte der Bienen“, „Die Geschichte des Wassers“) hat ihre Gedanken in dieser Zeit aufgeschrieben und zu einem Buch verarbeitet: „Als die Welt stehen blieb“.
Mein erster Gedanke war, daß ich definitiv kein Buch über den Lockdown brauche, allerdings höre ich von allen Seiten nur Gutes über „Als die Welt stehen blieb“. Ich hoffe also, daß mich dieser Titel gut durch den nächsten Lockdown bringen wird, vielleicht sogar so, als hätte ich eine Freundin an meiner Seite, die ihre Gedanken mit mir teilt.

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Zum Ausgleich habe ich mir auch gleich noch drei humorvollere Titel ausgesucht: „QualityLand 2.0“, „Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte“ und das „Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“.

Tatsächlich habe ich Marc-Uwe Kling erst während des Lockdowns für mich entdeckt und dann gleich alles, was es gab, als Hörbuch durchgesuchtet.
Dabei war ich dann wirklich positiv überrascht, welchen Tiefgang gerade „QualityLand“ mit seiner nicht unrealistischen Dystopie zu bieten hat, obwohl man fast ununterbrochen lachen muss.
In „QualityLand 2.0 – Kikis Geheimnis“ tauchen wir wieder ins beste aller möglichen Länder ab und in die Abgründe, die sich darunter auftun.

Mein Verhältnis zu den Büchern von Jonas Jonasson schwankt zugegebenermaßen immer ein wenig. Während ich „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster Stieg und verschwand“ sehr mochte und „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ geliebt habe, fand ich „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ dagegen richtig schlecht. „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ war dann wieder recht sympathisch, von „Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte“ erwarte ich mir nun einen Roman, der mich beim Pendeln ein wenig zum Lachen bringt, wenn es bald im Laden wieder stressiger wird.

Das „Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“ von Marie-Renée Lavoie handelt von Diane, Ende 40, die ganz plötzlich von ihrem Mann für eine deutlich jüngere Frau verlassen wird. Das beschreibt Lavoie mit soviel bissigem Humor, daß man trotz des eigentlich ziemlich traurigen Themas immer wieder laut loslachen muss.

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Gleich drei Titel aus dem Hause Diogenes haben mich diesen Monat erreicht, nämlich Amélie Nothombs neuster Roman „Die Passion“, „Dieses ganze Leben“ von Raffaella Romagnolo und „Das Buch eines Sommers“ vom „Ernährungskompass“-Autor Bas Kast.

Amélie Nothomb ist ja eine meiner liebsten Autorinnen, in „Die Passion“ erzählt sie von Jesus Christus in der Nacht vor seiner Kreuzigung. Nothombs düsterer Witz in einer biblischen Geschichte? – Schwer vorzustellen, aber ich bin sehr gespannt!

Raffaella Romagnolo wurde mit „Bella Ciao“ bekannt, in „Dieses ganze Leben“ geht es um ein Geschwisterpaar, das sich aufmacht, die Welt ihres Viertels zu erkunden. Der Klappentext hört sich zumindest schonmal vielversprechend an.

Wenn ein berühmter Sachbuchautor plötzlich einen Roman schreibt, finde ich das ja erstmal ziemlich spannend. Der Untertitel von „Das Buch eines Sommers“, nämlich: „Werde, der du bist“, machte mich zwar schon ein wenig stutzig, denn mit als Roman verpackten Lebensratgebern kann ich mich einfach nicht anfreunden, doch von einigen Leuten hörte ich, das Buch wäre überhaupt nicht kitschig, sondern einfach nur richtig schön.
Anfangs hätte ich das auch unterschrieben, aber leider driftet „Das Buch eines Sommers“ sehr schnell in die gefürchtete Lebensweisheit-Roman-Schiene ab. Leider gar nicht mein Fall!

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Auch zwei Sachbücher haben es auf meinen Novemberstapel geschafft.

„Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“ (Ja, das schreibt man wirklich so!) ist das unangefochten schönste Buch des Jahres!
Wenn Kat Menschik illustriert und Mark Benecke allerhand sonderbare Fakten über Tiere erzählt, dann ist das ein Buch genau für mich!

Das zweite Sachbuch kommt dafür mit einem deutlich ernsteren Thema daher: „How to be an Antiracist“ von Ibram X. Kendi.
Während des Lockdowns im April habe ich mir ja „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters und „exit RACISM“ von Tupoka Ogette als Hörbücher angehört und war schwer beeindruckt, zugleich aber auch schockiert, wie wenig ich zu Thema Rassismus in Deutschland wusste (Stichwort: Kolonialgeschichte).
Ibram X. Kendi erzählt in „How to be an Antiracist“ von seiner persönlichen Geschichte und davon, die man Rassismus aktiv entgegensteuern kann. Nachdem Kathy von anothergreatetc so von diesem Buch geschwärmt hat, bin ich jetzt richtig gespannt darauf!

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Seltsamerweise sind diesen Monat auch gleich zwei Titel über David Bowie auf meinem Lesestapel gelandet; seltsamerweise, weil ich an sich kein großer Bowie Fan bin. Das heißt nicht, daß ich ihn oder seine Lieder nicht mögen würde, ich habe nur tatsächlich nie aktiv seine Musik gehört und könnte (an dieser Stelle brüllen vermutlich viele von euch: „Frevel!“) wohl kein einziges Lied von ihm nennen.

„Bowies Bücher – Literatur, die sein Leben veränderte“ von John O’Connell rutschte auf meinen Lesestapel, nachdem einige Kollegen sehr davon geschwärmt hatten. Es ist wohl eine Eigenheit unseres Berufs, daß wir es lieben, in andere Bücherregale zu schauen, um uns ein Bild von der Person zu machen. Überraschenderweise habe ich auch von den hundert Büchern, über die Bowie spricht, gerade einmal drei gelesen!

Der zweite Titel über David Bowie ist „Bowie – Ein illustriertes Leben“ von María Hesse und Fran Ruiz.
María Hesses Illustrationen liebte ich ja schon in „Frida Kahlo – Eine Biografie“ sehr und inzwischen habe ich mir sogar zwei Drucke von ihr gegönnt. Klarer Fall also, daß ich nun auch ihr neustes Buch haben musste und zusammen mit „Bowies Bücher“ ergibt es bestimmt ein sehr schönes Porträt dieses spannenden Menschen. Vielleicht werde ich dabei sogar noch anfangen, seine Musik zu hören. 😉

Ganz schön viel habe ich mir da vorgenommen!
Kennt ihr vielleicht schon den ein oder anderen Titel?
Ich wünsche euch allen einen schönen November.

Bleibt gesund!

Review: Unfollow

In den sozialen Netzwerken taucht ein Influencer auf, der es schafft, Millionen von Menschen für seine Ideen zu begeistern: Earthboi.
Als kleiner Junge erscheint er praktisch aus dem Nichts, mit Erinnerungen, die bis zu Entstehung der Welt zurückreichen. Aus dem Kinderheim bricht er aus, um fortan im Wald und im Einklang mit der Natur zu leben, allerdings nicht ohne vorher den Laptop und das Handy der Heimleiterin und ein Solar Panel vom nahegelegenen Supermarkt zu stehlen und auf YouTube, Instagram und Co von seinem autarken Leben fernab der Menschen zu berichten.

Schon bald erreicht Earthboi mehr und mehr Follower, die ihn für seine Videos über das Leben in der Natur und die Dokumentation der Umweltverschmutzung feiern. Als er die Influencerin Yu kennenlernt und sich in sie verliebt, schließen sich die beiden zusammen, um noch mehr Menschen zu erreichen.
Earthboi beginnt damit, eine Art Meditations-App zu programmieren, die ihre Nutzer wieder in Einklang mit der Natur bringen soll und die Menschen so begeistert, daß sie sich zu einem weltweiten Phänomen entwickelt.

Gemeinsam mit Yu beschließt Earthboi all seine Visionen wahr werden zu lassen und zusammen mit anderen Influencern und Gleichgesinnten eine autarke Kommune zu errichten, die er „Erde“ nennt. Hier leben Earthbois Followers zusammen, bauen Obst, Gemüse und Getreide an, widmen sich der Gemeinschaft und ihrer Selbstverwirklichung und tragen die Botschaft, daß ein nachhaltiges Leben möglich ist über ihr Social-Media-Kanäle in die Welt hinaus.
Earthboi wird für seine Follower und die Bewohner von Erde immer mehr zu einer Art Guru, der ihnen in Ritualen beibringt, eins mit dem Kosmos zu werden; doch einige seiner Anhänger verklären seine Ideen bald so sehr, daß sie bereit sind, Earthbois Traum von einer besseren Welt mit radikalen Mitteln in die Tat umzusetzen…

„Unfollow“ von Lukas Jüliger ist eine Graphic Novel die aktueller kaum sein könnte. Es geht um Nachhaltigkeit, Umweltschutz und den um den Wunsch, aus der Konsumgesellschaft auszubrechen, aber auch um die Macht von Social Media.
Mich hat „Unfollow“ von der ersten Seite an fasziniert, mir aber auch ständig Gänsehaut bereitet. Die Geschichte um Earthboi ist keine, die man einfach mal so nebenher weglesen sollte, sondern fordert die Aufmerksamkeit des Lesers und sorgt dafür, daß man immer wieder innehält und über die Denkansätze und Zwischentöne des Buches nachdenken muss.

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Lukas Jüliger beeindruckt aber nicht nur durch eine extrem tiefgründige Geschichte, sondern auch durch unheimlich atmosphärische Illustrationen, die das Geschehen in oft ungewöhnlichen Perspektiven einfangen, fast so, als würde der Leser die Szene aus einem Versteck heraus beobachten.
Dabei benutzt Jüliger Blau- und Apricottöne, die er so geschickt einsetzt, daß man zuweilen fast das Gefühl hat, man könnte die Wärme und Kälte beim Lesen auf der Haut spüren.

„Unfollow“ ist eine extrem schön gestaltete Graphic Novel mit viel Tiefgang, die alle begeistern wird, die schön gestaltete Titel lieben und sich auch nachdenklich mit aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz auseinandersetzen.

Kurz und Knapp – Was ich noch so alles gelesen habe #1

Nachdem ich die letzten Monate praktisch kaum zum Bloggen gekommen bin, haben sich so viele Titel angesammelt, zu denen ich zumindest noch ein kurzes Feedback geben möchte, daß mich der Gedanke daran, über jedes dieser Bücher noch einmal einzeln und ausführlich zu schreiben, regelrecht überfordert.
Deshalb habe ich mir nun vorgenommen, einmal kurz von den Titeln zu erzählen, die zum Teil schon länger auf meinem Rezensionsstapel liegen.

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Der Roman, der vermutlich am längsten auf diesem Stapel liegt, ist „Blackbird“ von Matthias Brandt. Ein paar Kollegen und ich hatten schon im letzten Sommer die Idee, dieses Buch gemeinsam zu lesen und dann darüber zu sprechen, aber irgendwie haben wir es nie geschafft, einen Termin zu finden, an dem wir alle Zeit hatten und so rutschte „Blackbird“ bei den Titeln, über die ich schreiben wollte, immer weiter zurück.

Hauptfigur ist der 15-jährige Motte, der eigentlich genug mit der Scheidung seiner Eltern und dem ersten Liebeskummer zu tun hätte, als er erfährt, daß sein bester Freund an Krebs erkrankt ist.
Es fällt Motte immer schwerer, Bogi im Krankenhaus zu besuchen und so zu tun, als ob alles normal sei. Also kapselt er sich mehr und mehr ab. Nicht nur von Bogi, sondern auch von allen anderen.

„Blackbird“ war ein Buch, mit dem ich ziemlich zu kämpfen hatte. Als Mutter von zwei Jungs fällt es mir unheimlich schwer, über lebensbedrohliche Krankheiten bei Kindern zu lesen. Deshalb kämpfte ich beinahe mehr mit dem Buch, als der Protagonist Motte mit seinem schlechten Gewissen. Dabei bedient sich Brandt eines jugendlich „verschlufften“ Erzählstils, der mich auch nicht wirklich mit dem Thema versöhnen konnte.
Kein schlechtes Buch, das nun wirklich nicht, aber einfach nichts für mich.

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Auch schon seit dem letzten Jahr wartet Dana von Suffrins Debütroman „Otto“ auf eine Besprechung. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich die große Freude zu einer Lesung von Dana von Suffrin eingeladen zu werden und eigentlich wollten Andi und ich damals noch im Podcast in einer unserer alten Wohnzimmerfolgen darüber sprechen, aber dann kam verschiedenes dazwischen und auch „Otto“ verlor sich in meinem Rezensionsstapel.

Als der Patriarch Otto im Krankenhaus landet, ist für Timna und ihre Schwester Babi schnell klar, daß sie nicht in der Lage sind, ihrem Vater die rund-um-die-Uhr Betreuung zukommen zu lassen, nach der er verlangt. Nicht so sehr, weil er sie wirklich brauchen würde, aber Otto ist nur dann glücklich, wenn immer jemand da ist, den er herumkommandieren kann und der sich dennoch aufopferungsvoll um ihn kümmert. Von seinen alten siebenbürgischen Kameraden wird im schnell eine Pflegerin besorgt, die sich zum gewöhnungsbedürftigen Familienzuwachs entwickelt.

Rückblickend erzählt Timna von dem verrückten Leben mit Otto und den skurrilen Erlebnissen der Familie. Das schafft Dana von Suffrin mit so viel Wärme und Humor, daß ich hoffe, bald mehr von ihr lesen zu können.

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Ein weiterer Titel, der nun schon lange auf seine Besprechung wartet, ist „Melmoth“ von Sarah Perry.

Melmoth ist eine unheimliche Sagengestalt, die verzweifelte Menschen in ihren Bann zieht, sie mit sich nimmt und erst dann wieder freigibt, wenn sie bereit sind, zu sterben.
Helen glaubt nicht an solche Schauermärchen, doch dann zeigt ihr ihr guter Freund Karel ein Manuskript, daß er von einem Bekannten kurz vor dessen Tod bekommen hat und in dem dieser die Geschichte seines Lebens und seine Begegnung mit eben dieser Sagengestalt beschreibt. Karel wirkt so unruhig und paranoid, daß Helen einwilligt, das Manuskript zu lesen, doch dann verschwindet Karel plötzlich spurlos und Helen beginnt sich zu fragen, ob Melmoth nicht doch mehr sein könnte, als ein bloßes Hirngespinst.

„Melmoth“ ist eine höchst literarische Schauergeschichte, die man ganz wunderbar im Winter lesen kann. So mitreißen und begeisterten wie in „Die Schlange von Essex“, konnte mich Sarah Perry mit „Melmoth“ aber leider nicht.

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Ein dünnes Büchlein ist „Der Hund“ von Akiz.
Auf weniger als 200 Seiten erzählt er von Mo, einem Koch, der in einer Dönerbude gegenüber des berühmt-berüchtigten Sternerestaurants El Cion arbeitet.
Als eines Tages ein Straßenjunge in der Dönerbude aushelfen soll, entdeckt Mo, daß der Junge, den die anderen nur den „Hund“ nennen, ein kulinarisches Talent wie kein zweiter hat. Mo beschließt, zusammen mit dem Hund im El Cion anzuheuern und dort Karriere zu machen, doch dabei setzt er Ereignisse in Gang, die das Leben aller Beteiligten völlig aus den Fugen geraten lassen.

„Der Hund“ ist ein knappe, bitterböse Geschichte, die ein wenig an Süskinds „Parfum“ erinnert. Von der ziemlich derben Sprache sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen.

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Sayaka Murata wurde mit ihrem Roman „Die Ladenhüterin“ bekannt, im Sommer erschien nun ihr neustes Buch „Das Seidenraupenzimmer“.

Natsuki fühlt sich schon als Kind als Außenseiterin. Ihre Eltern bevorzugen klar die Schwester und auch an der Schule ist sie nicht übermäßig beliebt.
Nur in den Ferien, die sie mit der ganzen Verwandschaft im Haus der Großeltern verbringt, fühlt sie sich wirklich wohl, denn in ihrem gleichaltrigen Cousin Yu hat sie einen Seelenverwandten gefunden.
Der erzählt, ein Außerirdischer zu sein und auch Natsuki glaubt, magische Fähigkeiten zu besitzen. So fühlen sich die beiden beieinader sicher und akzeptiert.
Doch zurück an der Schule wird Natsuki von einem Lehrer sexuell mißbraucht und so beschließt sie, daß sie sich Yu einmal hingeben will, bevor sie wohl sterben muss. Das verursacht einen Skandal in der Familie, der Natsuki und Yu für viele Jahre auseinanderreißt.
Erst als die beiden schon erwachsen sind, sehen sie sich wieder. Natsuki ist inzwischen mit einem Mann verheiratet, der nicht mit ihr schlafen möchte. – Eine Absprache, die beide sehr zu schätzen wissen.
Doch als ihre Familien immer mehr Druck machen, daß es doch an der Zeit wäre, ein Kind zu bekommen, wünscht sich Natsuki immer mehr aus der Gesellschaft zu fliehen, in der Menschen offenbar nur Reproduktionsmaschinen sind.
Zusammen mit ihrem Mann fährt sie in die Berge, um Yu zu besuchen, der mittlerweise im abgelegenen Haus der Großeltern lebt. Alle drei wünschen sich ein Leben fernab der Anforderungen der Gesellschaft. Doch schon bald werden sie selbst an diesem abgeschiedenen Ort von den Erwartungen ihrer Familien und der Vergangenheit eingeholt…

Während „Die Ladenhüterin“ noch halbwegs zahm daherkam, empfand ich „Das Seidenraupenzimmer“ schon hart an der Grenze des Erträglichen. Wer Trigger-Warnungen für Bücher braucht, der sollte definitiv nicht nach diesem Titel greifen!

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Zu guter letzt wollte ich euch noch ein Hörbuch ans Herz legen, das mich wirklich unheimlich berührt hat: „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler, gelesen von der Autorin zusammen mit Sandra Hüller.

Als ich Karen Köhler letztes Jahr zur Präsentation ihres Romans Miroloi kennenlernen durfte, las sie uns auch die ersten Kapitel vor, was ein wirklich unheimlich schönes Erlebnis war.
Karen Köhler ist ja ausgebildete Schauspielerin und hat eine extrem angenehme Stimme, dazu kam auch, daß „Miroloi“ ja einen sehr eigenen Rhythmus hat, den die Autorin natürlich perfekt traf. Mit dieser Stimme im Ohr hatte ich dann auch keinerlei Schwierigkeiten, in das Buch mit seiner zum Teil eigenwilligen Sprache zu hineinzufinden.

Nachdem mich Karen Köhler also sowohl als Autorin, als auch als Sprecherin völlig begeistert hatte, wollte ich mir ihre Kurzgeschichtensammlung „Wir haben Raketen geangelt“ unbedingt als Hörbüch anhören.
Blöd nur, wenn man das im Auto macht, denn manche Geschichten bewegten mich derart, daß ich völlig verheult über österreichische Bergpässe kurvte. – Nicht zur Nachahmung empfohlen!

Eine große Empfehlung aber für „Wir haben Raketen geangelt“ und das wirklich unheimlich schön eingelesene Hörbuch, bei dem die Stimmen der beiden Sprecherinnen so gut aufeinander abgestimmt waren, daß ich manchmal wirklich Mühe hatte, sie auseinanderzuhalten.

Gewinnspiel: #eichborncanlit

Wenn die Frankfurter Buchmesse heute Abend eröffnet wird, wird vieles sehr anders sein, als in den Jahren zuvor.
Statt uns auf den Fluren der Messehallen zu treffen, in die Arme zu fallen und über die neusten Bücher zu sprechen, werden die meisten von uns nur online an den Angeboten der Verlage teilnehmen können. Natürlich ist das ein bißchen traurig, trotzdem aber auch wirklich schön zu sehen, was sich die Verlage alles einfallen lassen, um die Buchmesse zu den Leser:innen nach Hause zu bringen.

Deshalb freue ich mich ganz besonders, daß ich auch ein Teil des Ganzen sein kann und einen von euch in Kooperation mit dem Eichborn Verlag beschenken darf!

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Unter dem Hashtag #eichborncanlit macht das Eichborn-Team auf die Neuerscheinungen seiner Autor:innen aus dem Buchmesse-Gastland Kanada aufmerksam.
Vier spannende Titel wurden da zu einem Buchpaket geschnürt, das ich diese Woche an einen von euch verlosen darf!

Im #eichborncanlit Paket findet ihr diese Bücher:

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Michael Crummey: Die Unschuldigen

Der elfjährige Evered und seine zwei Jahre jüngere Schwester Ada wachsen unter kargen Bedingungen auf. Sie sind die Kinder von Fischern, die allein inmitten der kanadischen Wildnis leben.
Als ihre Eltern sterben, sind die Geschwister auf sich allein gestellt; sie wissen nur das von der Welt, was sie von Mutter und Vater gelernt haben. Also führen sie deren hartes Leben nach Kräften weiter. Bis die Loyalität der Geschwister auf die Probe gestellt wird und sie für ihre Zukunft kämpfen müssen.
 
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Marie-Renée Lavoie: Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau 
 
Die 48-jährige Diane wird von ihrem Mann verlassen. Sie sei ihm zu langweilig geworden. Und er habe übrigens eine neue, natürlich ein paar Jahre jüngere, Freundin …
Diane macht sich auf die Suche nach ihrem Selbstvertrauen und erlebt Zusammenbrüche in Umkleidekabinen, kleine Rachen an der Geliebten sowie der ewig vorwurfsvollen (Ex-)Schwiegermutter, Weißweinpartys am frühen Nachmittag und Zerstörungsorgien im ehemals trauten Heim. 
Ein schreiend komischer und aufs Beste unterhaltender Roman.
 
Außerdem hat die Eichborn-Familie Zuwachs bekommen; nämlich mit ihrer eigenen Taschenbuch-Reihe!
 
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Anaïs Barbeau-Lavalette: So nah an den glücklichen Stunden
 
Als Anaïs geboren wird, ist das Band zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter längst zerschnitten. Als junge Frau hatte die Großmutter ihren Mann und die zwei kleinen Kinder verlassen – für ihre Nachkommen ist sie eine Fremde. Erst nach ihrem Tod will Anaïs wissen, wer diese Frau war, die ihr Leben so rigoros geführt hat, und folgt ihren Spuren um die Welt. Es entsteht das bewegende Porträt einer faszinierenden Künstlerin, die immer ihren Platz suchte – unsentimental und liebevoll zugleich.
 
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Esi Edugyan: Washington Black
 
Barbados, 1830: Der Sklavenjunge Washington Black lebt und arbeitet auf einer Zuckerrohrplantage unter unmenschlichen Bedingungen. Bis er zum Leibdiener Christopher Wildes auserwählt wird, dem Bruder des brutalen Plantagenbesitzers. Christopher ist Erfinder, Entdecker, Naturwissenschaftler – und Gegner der Sklaverei. Das ungleiche Paar flieht von der Plantage in einem selbst gebauten Heißluftballon. Es beginnt eine abenteuerliche Flucht, die die beiden um die halbe Welt führen wird.
 
„Washington Black“ ist übrigens eine große persönliche Empfehlung von mir!
Letztes Jahr habe ich dieses Buch bereits gelesen und dann noch das große Glück gehabt, Esi Edugyan persönlich kennenlernen zu dürfen und ein Interview mit ihr zu führen.
Meine Rezension von „Washington Black“ findet ihr hier, das Interview mit Esi findet ihr hier.
 
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Und so könnt ihr teilnehmen:
Folgt meinem Blog und/oder Instagram-Account, liked diesen Beitrag und schreibt mir in einem Kommentar, was ihr dieses Jahr auf der Buchmesse vermissen werdet und auf welche Aktionen der Verlage ihr euch schon freut.
Wer auf dem Blog und auf Insta abonniert, liked und kommentiert hüpft sogar zweimal in den Lostopf.
Das Gewinnspiel läuft bis zum Samstag, den 17.10.2020.
Am Sonntag, den 18.10.2020 wird ein Gewinner ausgelost.
Das Buchpaket wird dem Gewinner dann direkt vom Eichborn Verlag zugeschickt.
 
Ich drücke euch allen die Daumen!
 
 
 
 

Teilnahmebedingungen:
Verlost wird ein Buchpaket mit den vier Titeln der #eichborncanlit Aktion.
An der Verlosung dürfen alle volljährigen Abonnenten des „Lesen… in vollen Zügen“-Blogs und/oder des Instagram-Accounts teilnehmen. 
Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst ihr lediglich bis Samstag, den 17.10.2020 um 23:59 Uhr einen Kommentar unter diesem Blogbeitrag oder Instagram-Post schreiben. 
Verlost wird der Gewinn am Sonntag, den 18.10.2020.
Der Gewinner wird durch die zufällige Ziehung unter allen Teilnehmern, die rechtzeitig einen Kommentar dalassen, ermittelt und von mir per E-Mail oder Direktnachricht über den Gewinn informiert.
Mit der Teilnahme am Gewinnspiel willigen ihr in die Erhebung und Verwendung  eurer E-Mail-Adresse ein. Diese personenbezogenen
Daten werden zur Durchführung und Abwicklung des Gewinnspiels erhoben, gespeichert und verarbeitet, um euch im Falle eines Gewinns zu
benachrichtigen. Eine Weitergabe der Daten an Dritte findet nicht statt, ausgenommen davon ist jedoch die Übermittlung der Adresse des Gewinners an den Eichborn Verlag, der das Buchpaket direkt an den Gewinner versendet.
Ihr könnt die Einwilligungen jederzeit durch eine Nachricht an mich widerrufen. Eure Daten werden anschließend gelöscht.

Review: Hundert Augen

Zugegeben, manchmal hat man Autoren und Titel einfach nicht auf dem Schirm. Doch dann stolpert man über ein Cover, an dem man einfach nicht vorbeigehen kann und entdeckt dabei ein Lesehighlight. So ging es mir mit „Hundert Augen“.

In ihrem neusten Roman erfindet die argentinische Autorin Samanta Schweblin eine technische Spielerei, die Menschen auf der ganzen Welt auf eine innovative Weise miteinander vernetzen soll: die Kentukis.
Diese Plüschtiere sind mit Rädern, Kamera und Mikro ausgestattet und lassen sich über das Internet steuern. Eigentlich ist das doch nichts Neues, mag man denken, doch die Kentukis funktionieren nach einem einzigartigen Prinzip: Derjenige, der das Kentuki kauft und der, der es über das Internet steuert
wissen zunächst einmal nichts voneinander, denn Geräte und Zugangscodes werden getrennt voneinander verkauft und nach dem Zufallsprinzip miteinander verbunden. Da die Kentukis nur ein „Leben“ haben und sowohl die Geräte, als auch die Zugangscodes nicht mehr aktivierbar sind, sollte die Verbindung einmal unterbrochen werden, entwickeln sich zwischen den Besitzern und ihren Kentukis oft enge Bande, fast wie bei einem Haustier.

In „Hundert Augen“ folgen wir fünf Protagonisten ab der Inbetriebnahme ihres Kentukis. Da sind Emilia, eine ältere Frau, deren Sohn weit weg lebt und den sie sehr vermisst und der kleine Marvin, dessen Mutter gestorben ist und der sich seitdem furchtbar alleine fühlt. Beide steuern Kentukis in völlig verschiedenen Erdteilen; während Emilia ihre Nachmittage nun in der Wohnung einer jungen deutschen Frau verbringt, für die sie schon bald mütterliche Gefühle entwickelt, steuert Marvin ein Kentuki in Norwegen, das zunächst in einem Schaufenster gefangen ist und das der Junge auf eine abenteuerliche Reise in den Schnee schicken will.

Enzo und Carmen sind dagegen Besitzer von Kentukis. Enzo zunächst eher gegen seinen Willen, da seine Exfrau darauf besteht, daß er ein solches Gerät als Haustierersatz für den gemeinsamen Sohn besorgt. Doch schon bald hat Enzo das Gefühl in seinem neuen Gefährten eine wunderbare Ergänzung zur Familie gefunden zu haben.
Carmen dagegen kauft sich ihr Kentuki eher aus Langeweile. Da ihr Mann ein Stipendium in Mexiko erhalten hat, sitzt sie nun mit ihm in einer Künstlerkolonie fest, in der sie kaum Anschluss findet. Doch schon bald bereut sie ihre Entscheidung und beginnt all ihren Frust auf den Kentuki zu projizieren.

Grigor dagegen verdient sein Geld mit einer schlauen Geschäftsidee; denn viele Menschen wollen nicht die Katze im Sack kaufen. Also kauft er Zugangscodes für Kentukis, spioniert diese aus und schreibt Steckbriefe, die seine Kunden informieren, in welchen Land sich das Gerät befindet, mit wie vielen Personen welcher Altersgruppe es zusammenlebt, in welchem sozialen Umfeld es sich bewegt und was es dort alles zusehen gibt. Die Zugangscodes mit diesen Informationen verkauft er dann für ein Vielfaches des regulären Preises an Kunden, die ganz gezielte Vorstellungen haben, was sie sehen und erleben wollen.

Neben diesen fünf Geschichten, deren Kapitel sich immer wieder abwechseln, gibt es noch weitere, einzelne Episoden aus dem Kentuki-Kosmos und die sind so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Mal verlieben sich zwei Kentukis ineinander, mal beginnt eines, den Besitzer zu erpressen und fast immer versuchen die Kentukis und ihre Herren, Kontakt miteinander aufzunehmen und zeigen sich dabei von ihrer besten, oft genug aber von ihrer schlechtesten Seite.

„Hundert Augen“ war wohl eines meiner intensivsten Leseerlebnisse dieses Jahr. Sofort stellt man sich die Frage, was man denn selbst wohl lieber wäre? Ein Kentuki oder sein Herr?
Ist man voyeuristisch genug, um das Leben einer Person oder auch deren ganzer Familie mehrere Stunden am Tag zu beobachten oder ist man so exhibitionistisch, einem völlig Fremden uneingeschränkten Zugang zu seinem Privatleben zu geben.
Schnell stoßen auch die Protagonisten in „Hundert Augen“ an ihre Grenzen und das sorgt beim Lesen immer wieder für Gänsehautmomente.

Dabei nimmt sich Samanta Schweblin sehr zurück, sie verzichtet darauf, die Emotionen der Charaktere lang und breit zu schildern, sondern lässt den Leser die Geschichten unmittelbar miterleben und so selbst in die Rolle des Protagonisten versetzen.
Durch diese erzählerisch direkte Art, in der man ständig Grenzsituationen durchlebt, wurde „Hundert Augen“ zu einem der Bücher, die mich dieses Jahr wohl am meisten beeindruckt haben und das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Mehr zu diesem Buch erfahrt ihr übrigens auch in der neusten Folge von „Seite an Seite“:
#19 „100 Augen – 100 Punkte“

Herbststimmung im Oktober

Die letzten Tage hält sich der Nebel vor meinem Fenster meist bis Mittag und sorgt dafür, daß ich mich lieber mit einem guten Buch und einer Kuscheldecke zusammenrolle, als das Haus zu verlassen.
Auch diesen Monat gibt es wieder ein buntes Sammelsurium an noch un-, halb- und schon ausgelesenen Büchern, die ich euch heute gerne vorstellen möchte.

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Zwei Romane, die auf den ersten Blick scheinbar wenig miteinander zu tun haben, sind „Was ich im Wasser sah“ von Katharina Köller und „Queenie“ von Candice Carty-Williams. Doch bei beiden stehen Frauen im Mittelpunkt, die auf die eine oder andere Weise mit ihrer Gesundheit zu kämpfen haben.

In „Was ich im Wasser sah“ (von mir bisher erst angelesen) geht es um Klarissa, die als Brustkrebs-Überlebende auf die Insel zurückkehrt, auf der sie aufgewachsen ist.
Katharina Köller hat einen sehr eindringlichen Erzählton, der mich fasziniert. Bald also mehr darüber!

Um die seelische Gesundheit einer jungen Frau geht es in „Queenie“, welches ich bereits gelesen habe.
Was zunächst als 08/15 RomCom über eine ebenso charmante wie naive Protagonistin beginnt, entwickelt sich im Lauf des Buches zu einem unheimlich relevanten Buch über psychische Probleme, deren Stigmatisierung, über Alltagsrassismus und Mikroaggressionen, und einem Plädoyer für Selbstliebe.
Darüber werde ich schon ganz bald mehr berichten!

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Zwei Titel, die man nicht wirklich in die Kategorie „Romane“ einsortieren kann, sind „Aus der Zuckerfabrik“ und „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“.

„Aus der Zuckerfabrik“ von Dorothee Elmiger steht derzeit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und lässt sich nur schwer in eine Kategorie einordnen. Roman? Tagebuch? Recherche? Reportage? – Dorothee Elmiger versucht in diesem Buch einer Spur aus Zuckerkrümeln zu folgen.

Mit „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ hat der Satiriker Jan Böhmermann sein Twitter-Tagebuch von 2009-2020 vorgelegt, in dem der Autor zunächst recht banale Sachen von sich gibt, oder seinen damaligen Chef Harald Schmidt trollt, aber nach und nach eine immer politischere Stimme findet.

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Mit gleich zwei Büchern über William Shakespeare geht es weiter!

Letzten Monat stellte ich euch doch die schöne Reihe  Weltklassiker: Kurz & Gut aus dem Bohem Verlag vor, die unter anderem von Becca Stadtlander illustriert wurde. Nachdem mir ihre Bilder so gut gefallen haben, habe ich ein wenig recherchiert und dabei „Bold and Brave Women from Shakespeare“ entdeckt. Klar, daß ich mir das sofort gönnen musste!

Das zweite Shakespeare Buch diesen Monat ist „Judith und Hamnet“, mit dem Maggie O’Farrell vor Kurzem den Women’s Prize for Fiction gewonnen hat.
Ihre Autobiografie „Ich bin, ich bin, ich bin“ hat mich vor etwa anderthalb Jahren schwer beeindruckt und ich liebe ihren unaufgeregten und trotzdem bildgewaltigen Schreibstil sehr.
In „Judith und Hamnet“ geht es um Shakespeares Familie; besonders seinen kleinen Sohn Hamnet, der früh starb und darüber, wie sein Tod die Familie beeinflusste.
Aktuell lese ich dieses Buch sehr langsam, weil ich mich gar nicht traue, es in den Zug mitzunehmen, aus Angst, daß ich dann vielleicht in der Öffentlichkeit weinen muss.

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Die letzten beiden Bücher drehen sich um faszinierende Künstlerinnen.
Mit „Frida“ legt Maren Gottschalk einen Roman über das Leben von Frida Kahlo vor und „Kusama“ von Elisa Macellari ist eine Graphic Novel über die berühmte japanische Künstlerin Yayoi Kusama. Zwei Bücher also, die mich schon brennend interessieren!

Kennt ihr den ein oder anderen Titel von meinem Oktober-Stapel schon?
Was lest ihr gerade?

Ich wünsche euch ein gemütliches Herbstwochenende!
Eure Andrea

 

Weltklassiker – Kurz & Gut

Ihr alle wisst ja inzwischen, daß ich an schön illustrierten Titeln einfach nicht vorbeigehen kann! Kein Wunder also, daß mir die neue Reihe „Große Weltklassiker der britischen Literatur – Kurz & Gut erzählt in Zitaten und Bildern“ des Bohem Verlags sofort ins Auge gestochen ist.

Bisher gibt es vier Titel in der Serie: „Alice im Wunderland“, „Romeo und Julia“, „Der geheime Garten“ und „Stolz und Vorurteil“. Alles wohlbekannte und viel geliebte Titel also, die man hier in kurzer Zeit neu entdecken, oder noch einmal Revue passieren lassen kann.

Jeder Band ist ein Leporello in einem dünnen Schuber, in dem die ganze Geschichte in Szenenbildern nacherzählt wird und in dem jedem Bild ein Zitat des Buches beigestellt wurde.
Außerdem werden die Charaktere auf einer extra Seite vorgestellt und die gesamte Handlung sowie die Bedeutung des Romans für die Literaturgeschichte in wenigen Sätzen zusammengefasst.

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Für alle, die diese Klassiker gerade erst entdecken, ist die „Kurz & Gut“-Reihe wohl eher ein Appetitanreger, denn um den zum Teil recht komplexen Themen gerecht zu werden, dafür reichen jeweils 14 Bilder nicht aus. Doch gerade für Fans der Originale sind die Leporellos eine wirklich schöne Möglichkeit, um kurz in die Lieblingsbücher einzutauchen und sich von den Illustrationen von Yelena Brysenkova und Becca Stadtlander an die berühmten Schauplätze und zu den Protagonisten versetzen zu lassen.

Die „Große Weltklassiker“-Reihe eignet sich wunderbar, um Schulkindern, oder denen, die sich nicht an die Originale herantrauen, einen kurzen Einblick in die Handlung zu vermitteln und natürlich als das perfekte Geschenk für Fans der Romane.

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„Seite an Seite“ über Familien

Wer unseren Podcast kennt, der weiß, daß Andi und ich immer drei Titel vorstellen; einen den wir gemeinsam gelesen haben und jeder einen weiteren, den nur er gelesen hat.
Für die aktuellen Folge #17 „Short Story Short“ habe ich aber tatsächlich alle drei Titel gelesen! Nun gut, wie der Name der Folge verrät waren es auch wirklich sehr kurze Büchlein, und weil wir dann auch ein schönes gemeinsames Thema gefunden haben, nämlich Familie im engsten und im weitesten Sinne, dachte ich, ich stelle euch die Bücher aus der Folge einfach mal alle zusammen vor.

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Ilona Hartmann: „Land in Sicht“

„Land in Sicht“ durfte ja mit in den Istrien-Urlaub, wo es sich ganz schnell zum Lektüreliebling entwickelt hat. Der arme Andi bekam per WhatsApp so viele Zitate aus dem Buch geschickt, daß er nicht anders konnte, als mitzulesen und es genauso zu lieben, wie ich.

In Ilona Hartmanns Debütroman geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und auch keine Ahnung hat, wer er ist. Nach dem Gespräch mit einem Freund entschließt sie sich allerdings doch, einmal nachzuforschen. Mit dem Namen, den sie im alten Adressbuch ihrer Mutter findet, entdeckt sie im Internet auch schnell den Erzeuger, der als Kapitän auf dem Donaukreuzfahrtschiff MS Mozart arbeitet. Für Jana ist sofort klar, daß sie diesen Mann endlich einmal kennenlernen will, doch ob sie ihm auch verraten möchte, daß sie seine Tochter ist steht auf einem anderen Blatt. Und so bucht sie kurzentschlossen eine Flusskreuzfahrt auf der MS Mozart, von Passau nach Wien und wieder zurück. 
Ihr Plan, den Vater zunächst aus der Ferne zu beobachten, stellt sich allerdings schnell als schwierig heraus. Erstens, weil das Schiff zu klein ist, um „Ferne“ wirklich zuzulassen und zweitens, weil Jana unter den gefühlt hundertjährigen Rentnern trotz beiger Tarnkleidung sofort auffällt wie ein bunter Hund. Unglücklicherweise auch dem eigenen Vater, der sie auf ein Date einlädt…

„Land in Sicht“ ein Roman, der eine perfekte Balance zwischen Humor und Herzlichkeit findet. Die Geschichte von Jana und ihrem Vater ist kein Traumschiff-Kitsch, bei dem sich die Protagonisten unter Palmen in die Arme fallen, sondern zeigt die schwierige Situation in all seiner Peinlichkeit und mit all den Fragen, die sich stellen, und schafft es trotzdem, einen leichten Ton beizubehalten, der so pointiert ist, daß es extremen Spaß macht, dieses Buch zu lesen.

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Philipp Winkler: „Carnival“

Mit „Hool“ stand Philipp Winkler 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun hat er mit „Carnival“ ein dünnes Bändchen vorgelegt, das durch Sprache und Stil so besticht, daß es auch ohne Handlungsbogen auskommt.

„Carnival“ ist eine Art Abgesang auf Kirmesse und Jahrmärkte, die sich gerade in diesem Jahr, in dem alle abgesagt wurden, mit ganz besonderer Melancholie und Wehmut liest.
Es ist die Geschichte der Kirmser: Schausteller, Artisten, fahrendes Volk, oder auch einfach gestrandete Gestalten, die in der Welt keinen Platz mehr hatten und sich auf den Jahrmärkten neu erfinden konnten.

Philipp Winkler erzählt vom Unterschied zwischen Kirmsern und dem Rest der Welt, von der Hackordnung und Problemen auf dem Jahrmarkt, allerdings auch von Freundschaft und Zusammenhalt und das tut er so atmosphärisch, daß man sofort Sehnsucht nach Zuckerwatte, dem Geruch gebrannter Mandeln und dem Singsang der Fahrgeschäftsleiter bekommt.

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Mely Kiyak: Frausein

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Mely Kiyaks autobiografischer Essay „Frausein“, in dem sie erzählt, wie sie ihre Familie, Herkunft und Erfahrungen, ihre Gesundheit und ihr Körper zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Mely Kiyak wurde als Tochter türkischstämmiger alevitischer Kurden, die als Gastarbeiter nach Deutschland geholt worden waren, geboren und ist Autorin und Journalistin, unter anderem bei „Zeit Online“.

Von frühster Kindheit interessiert sie sich für das Schreiben und ihre Eltern tun alles, um die Kinder zu fördern. Es gibt Szenen, in denen Kiyak beschreibt, welchen extremen körperlichen Belastungen der Vater bei der Arbeit in der Fabrik ausgesetzt ist und der trotzdem immer härter arbeitet, nur um seinen Kindern ihre Wünsche zu erfüllen. 
Man lernt, wie übel den Gastarbeitern mitgespielt wurde, erfährt von der Familie, von der sich Kiyak mehr und mehr entfernt, von den Cousinen, die sich gegenseitig aufklären, ersten sexuellen Erfahrungen und Übergriffen…
Es sind viele Themen, die Mely Kiyak da auf gerade einmal 120 Seiten anspricht, sodass ich ständig fürchte, dem Buch mit ein paar Sätzen nicht gerecht zu werden, aber jeder, der den autobiografischen Stil von Rachel Cusk liebt, sollte sich unbedingt einmal in „Frausein“ reinlesen.

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Alle drei Titel Empfehlungen gibt es auch zum Nachhören, entweder direkt hier, bei Spotify, Apple Podcasts und dem Podcast-Anbieter eurer Wahl, oder beim YouTube-Kanal von Hugendubel.