Sommerloch im Juni

In meiner Stadt eröffnet nächste Woche das Freibad, was wohl bedeutet, daß der Sommer dieses verrückten Jahres begonnen hat.

Meine Leselisten sind ordentlich durcheinander geraten. Die Kinder sind ja immer noch zu Hause und so bleibt meine Lese- und Blogzeit weiter begrenzt.
Dafür habe ich jetzt damit begonnen, Hörbücher zu hören. In dem knappen Monat, seit ich eine Hörbuch-Flatrate spendiert bekommen habe, hab ich schon 30 Hörbücher gehört, also jeden Tag eines!

Mit dem Podcast geht es fröhlich weiter, auch wenn wir gerade in einer Art Sommerloch stecken, bei dem wir über die meisten Titel des Frühjahrs, die uns interessiert haben schon geredet haben und alles, worauf wir uns jetzt freuen noch nicht erschienen ist.

In meinem Juni-Stapel gibt es deshalb auch Titel, die noch nicht erschienen sind, die ich aber unbedingt schon lesen, bzw. anlesen wollte.

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Beginnen wir aber mit den Romanen, die schon auf dem Markt sind:
„Der Hund“, „Das Holländerhaus“ und „Was wir voneinander wissen“.

„Der Hund“ von Akiz ist das tatsächlich der einzige Titel auf diesem Stapel, den ich noch nicht angelesen habe. Es geht darin um einen Waisenjungen, der ein ganz besonderes kulinarisches Talent hat.

In „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett geht es um zwei Geschwister, die in einem riesigen und luxuriösen Zuhause aufwachsen, bis sie von ihrer Stiefmutter auf die Straße gesetzt werden…
Mit diesem Roman habe ich schon angefangen und den Stil und die Charaktere bisher sehr einnehmend gefunden.

Auch „Was wir voneinander wissen“ von Jessie Greengrass habe ich bereits angelesen, allerdings konnte mich die Geschichte um eine Frau, die über die Beziehung zu ihrer Mutter und dem eigenen Verhältnis zur Mutterschaft nachdenkt, noch nicht so wirklich fesseln.
Trotzdem möchte ich diesem Titel auf jeden Fall eine Chance geben, wenn ich vielleicht Ende des Monats wieder etwas mehr Zeit habe, um konzentrierter zu lesen.

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Der Titel, der mich im Augenblick am meisten bei der Stange hält, ist „Writers & Lovers“ von Lily King. Ihren Roman „Euphoria“ habe ich vor ein paar Jahren recht begeistert gelesen und auch hier überzeugt mich Kings leichter aber vielschichtiger Schreibstil.
Dieser Titel wird am 16. Juli erscheinen. Dann erzähle ich euch mehr darüber!

Das einzige Buch, das ich von diesem Stapel schon komplett gelesen habe, ist ironischerweise auch das, das noch am längsten auf sich warten lässt. „Turbulenzen“ von David Szalay erscheint nämlich erst am 17. August, aber soviel kann ich vielleicht schon verraten: Das Warten lohnt sich!

Neben meinem Schreibtisch stapeln sich die Titel, die noch rezensiert werden wollen; im Regal warten schon Vorabexemplare, die teilweise erst im September erscheinen werden.  Meine Kinder werden noch mindestens drei Wochen zu Hause bleiben und es fällt in dieser Situation weiterhin schwer, Zeit zum Lesen oder Bloggen zu finden, aber immerhin ist der Podcast eine feste Größe.
Inzwischen habe ich die „Seite an Seite“-Rubrik hier auf der Website auf den neusten Stand gebracht und auch einen Link zum direkten Anhören für alle eingefügt, die keine Podcast-App benutzen. Hört mal rein!

Ich wünsche euch allen einen schönen Juni!
Bleibt gesund!

Eure Andrea

Review: Das wirkliche Leben

Die letzten Wochen habe ich ja Corona-bedingt kaum noch Rezensionen geschrieben. Dafür war es hier mit den Kindern zu chaotisch und auch der Relaunch des Podcasts hat viel Zeit in Anspruch genommen. Schön langsam aber – man glaubt es kaum – kehrt wieder ein wenig Ruhe ein und ich hoffe, daß ich den Stapel der Titel, die endlich rezensiert werden wollen, nach und nach in Angriff nehmen kann.

Ein Buch, von dem ich schon im Podcast geschwärmt habe und das ich hier auch nochmal vorstellen wollte, ist Adeline Dieudonnés Debütroman „Das wirkliche Leben“, welcher mich wirklich geplättet hat.

Es beginnt an einem Sommerabend in der Kleinstadt. Die zehnjährige Ich-Erzählerin und ihr sechsjähriger Bruder Gilles wollen sich nur schnell ein Eis holen, als sie Zeugen eines schrecklichen Unfalls werden; ein Mann stirbt direkt vor den Augen der Kinder.
Beide sind völlig traumatisiert, doch die Eltern sprechen nicht darüber, was passiert ist und bieten ihren Kindern auch keinerlei Trost. Allein die Erzählerin bemerkt, wie sich ihr kleiner Bruder mehr und mehr zurückzieht.
Als der ohnehin schon aggressive Vater der Mutter gegenüber immer handgreiflicher wird, scheint etwas in Gilles zu zerbrechen. Doch was kann eine Zehnjährige tun, um ihren Bruder vor all dem zu schützen?
Bald ist sie überzeugt davon, daß das Unglück am Abend des Unfalls seinen Anfang nahm und daß man in der Zeit zurückreisen müsste, um alles wieder ins Lot zu bringen und zurück in das „wirkliche“ Leben zu finden.
Wie eine Besessene beginnt sich die Ich-Erzählerin dem Ziel zu widmen, eine Zeitmaschine zu bauen, um den Unfall zu verhindern. Die ganzen Sommerferien über schraubt sie auf einem Schrottplatz an Autowracks und kaputten Mikrowellen herum und beginnt, Bücher über Physik zu verschlingen. Doch am Ende des Sommers muss sie enttäuscht feststellen, daß es nicht so einfach ist, die Zeit zurückzudrehen, wie es in den Filmen den Anschein hat.
Was ihr nach diesem Sommer bleibt, ist die Liebe zu den Naturwissenschaften und das unbedingte Bedürfnis, die Seele ihres Bruders doch noch irgendwie zu retten.

In den folgenden fünf Jahren wächst die Ich-Erzählerin heran, sie beschäftigt sich weiter mit Physik und bekommt sogar Privatunterricht von einem ehemaligen Uni-Professor, sie wird selbstständiger und reift zu einer jungen Frau heran, doch sie weiß, daß sie all das vor ihrem Vater geheim halten muss. Der wird immer aggressiver und beginnt nun auch seiner Tochter gegenüber handgreiflich zu werden. Doch die möchte sich nicht zm Opfer machen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und dabei auch ihren Bruder retten, der selbst immer grausamer und gefühlskälter wird.
Diese explosive Mischung steuert auf einen Höhepunkt zu, der es wirklich in sich hat und mich komplett zerstört zurückgelassen hat.

„Das wirkliche Leben“ ist ein Buch, das eine absolute Sogwirkung auf mich hatte. Auch wenn es stellenweise wirklich harte Kost ist, war ich von Anfang an voll in die Protagonistin investiert und musste einfach weiterlesen, um die Geschichte mit ihr zusammen durchzustehen.
Manche mögen diesem Buch handwerkliche Schwächen ankreiden, die ich zwar zum Teil nachvollziehen kann – immerhin haben wir es hier mit einem Debütroman zu tun – aber die ich jederzeit verzeihe, weil die Geschichte mich mit ihrer Intensität voll überzeugt hat.

Für mich ist „Das wirkliche Leben“ jedenfalls einer der Titel dieses Frühjahrs, den ich nur empfehlen kann, der aber auch nichts für schwache Nerven ist.

Alles neu im Mai?

Der April war ein unheimlich anstrengender, aber auch ereignisreicher Monat, in dem ich leider so gut wie gar nicht zum Bloggen gekommen bin.
Das liegt einfach daran, daß ich mit den Kindern zu Hause keine Zeit mehr habe, um die Ruhe zu finden, die ich brauche, um meine Gedanken zu formulieren. Wenn ich mir aber etwas Zeit freischaufeln kann, dann geht es an die Planung für die nächsten Podcast-Folgen, ans Skripte und Artikel schreiben.
Für „Mit Vergnügen“ haben Andi und ich zum Beispiel eine ganze Liste mit Buch-Tipps zusammengetragen, die ihr hier finden könnt.
Überhaupt waren die ersten Wochen, seit „Seite an Seite“ von Hugendubel übernommen wurde richtig arbeitsintensiv. Langsam finden Andi und ich aber in einen Rhythmus, mit dem wir ganz gut klar kommen und die Planung, Unterstützung und die Zusammenarbeit mit dem ganzen Team zahlt sich wirklich aus, denn was als kleines Wohnzimmerprojekt angefangen hat, schafft es mittlerweile in die Podcasts Charts.
Für Andi und mich ist das alles immer noch absolut surreal, aber wir haben extrem viel Spaß an der Sache und freuen uns über die Möglichkeiten, die sich uns durch dieses Projekt plötzlich bieten.

Ich habe mir die letzten Wochen überlegt, ob ich dieses Format hier weiterhin beibehalten soll, denn mein Leseverhalten hat sich durch den Podcast extrem verändert. Statt meiner durchgeplanten Monatsstapel, herrscht mittlerweile das kreative Chaos.
Immerhin müssen Andi und ich unsere Leseinteressen jetzt deutlich besser koordinieren, da rutscht dann immer mal wieder etwas rein oder raus, womit wir vielleicht vorher gar nicht gerechnet haben.
Also hatte ich überlegt, statt meiner Monatsstapel zu Monatsrückblicken zu wechseln. Da wir aber immer die Podcast-Folgen eines ganzen Monats im Vorfeld aufnehmen, wäre es vermutlich arg spoilerig, welche Titel ich dann alle gelesen habe.
Letztendlich bleibe ich nun doch bei meinem gewohnten Format und was es dann in die „Seite an Seite“-Episoden schafft ist weiterhin eine Überraschung.

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Beginnen wir den Monat gleich mit zwei Titeln, die euch vielleicht verwundern dürften: „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ von Katrine Engberg.
Den dritten Teil ihrer Kopenhagen-Krimis – „Glasflügel“ – hatte ich zuletzt gelesen, warum jetzt aber so schnell noch die beiden Vorgänger, wenn ich doch aktuell damit beschäftigt bin, für den Podcast zu lesen?
Der Grund dafür freut mich sehr, denn am nächsten Dienstag, also am 05.05. werden Katrine und ich einen Livestream auf dem Instagram-Kanal von Hugendubel und Seite an Seite machen. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf, diese unheimlich nette und spannende Autorin zu interviewen und will mich da vorher natürlich noch ein bißchen mehr in ihre Bücher einlesen.

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Zwei Titel, die ich dann auch noch im April gelesen habe, sind „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin und „Die Schönheit der Begegnung“ von Frank Berzbach.

„Giovannis Zimmer“ erschien bereits in den 1950er Jahren und wurde jetzt – wie die anderen Werke von James Baldwin – neu übersetzt.
Soviel kann ich schon mal verraten: Selten habe ich so viele Post-it’s gebraucht, um großartige Stelle zu markieren, wie in diesem Buch.

Frank Berzbach habe ich im Februar kennengelernt, als der Eisele Verlag zu einem unheimlich schönen Verlagsabend eingeladen hatte, an dem ich mit lieben Kollegen und Buchhändlern aus ganz Bayern zusammen saß, aß und trank und nicht ahnte, daß ich schon bald darauf auf all das verzichten würde müssen…

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Ein weiterer Titel, der es noch in den April geschafft hat, ist „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hossaini.
In dieser literarischen Romanbiografie habe ich den Namen Hugo von Tschudi zum ersten Mal gelesen. – Dabei bin ich doch sonst ein echter Kunst-Nerd!
Der damalige Leiter der Nationalgalerie in Berlin war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts die bekanntesten impressionistischen Werke nach Deutschland holte und der eine ganz persönliche Tragödie erleben musste…
Eine unheimlich spannende Figur und ein wahnsinnig schöner und literarischer Text!

Mitte Juni erscheint „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata, die mit „Die Ladenhüterin“ bekannt geworden ist.
Dieses Buch steht schon lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen wollte; nachdem nun aber schon das Leseexemplar ihres neusten Romans hereinschneite, habe ich mir jetzt wirklich vorgenommen, endlich etwas von Murata zu lesen.

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Zwei französische Titel, die sich ganz wunderbar draußen in der Sonne lesen lassen dürften (vielleicht sogar an einem See, der Balkon ist aber notfalls auch wieder gemütlich hergerichtet), sind „Hitze“ von Victor Jestin und „Du wirst mein Herz verwüsten“ von Morgane Ortin. Beide habe ich schon angelesen und beide machen unheimlich viel Lust auf mehr.

In „Hitze“ wird ein 17-jähriger Junge Zeuge eines Selbstmordes, doch anstatt zu helfen oder jemanden zu alarmieren, lässt er die Leiche verschwinden. Eine unheimlich intensive Ausgangssituation!

„Du wirst mein Herz verwüsten“ ist ein extrem spannendes Projekt, von dem ich hoffe, daß es auch wirklich konstant gut bleibt.
Morgane Ortin hat für dieses Buch nämlich reale Chatverläufe und SMS von anonymen Teilnehmern gesammelt und sie so arrangiert, daß sie eine durchgängige Geschichte bilden.
Ich liebe es ja sehr, wenn sich Autoren trauen, gängige Erzählstrukturen aufzubrechen und sich Neues trauen. Hoffentlich geht dieses Konzept auf!

Das ist also das Kuddelmuddel aus gelesenen, angelesenen und noch ungelesenen Titeln, mit denen ich mich auf jeden Fall noch im Mai beschäftigen werde.
Kennt ihr vielleicht den ein oder anderen davon?

Bis bald und bleibt gesund!
Eure Andrea.

Review: Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough

Frohe Ostern, Ihr Lieben!

Gibt es denn ein schöneres Buch, das man an den Feiertagen lesen könnte, als dieses entzückende Bilderbuch: „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von Rébecca Dautremer.

In diesem unheimlich liebevoll gestalteten, großformatigen Buch begleiten wir den kleinen Hasen Jacominus von der Wiege bis zur Biege und durch alle Abenteuer, die das Leben in der Zwischenzeit für ihn bereithält.
Dabei hat er das Glück stets von seiner Familie und vielen lieben Freunden begleitet zu werden; auch durch den ein oder anderen Schicksalsschlag.

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In sehr stimmungsvollen Illustrationen erzählt Rébecca Dautremer die Höhen und Tiefen eines Hasenlebens, dabei verwendet sie großformatige Bilder in einem gewissen Retro-Look, die man auch ganz wunderbar als Wimmel- und Suchbilder betrachten kann. Immerhin sind Jacominus Freunde Polikarp, Cäsar, Agathon, Byron, Leon und Napoleon nie weit weg, so kann man von einer Seite zur anderen blättern, nach Jacominus Freunden Ausschau halten und vergleichen, wie er und sie sich im Lauf der Zeit verändern.

Vom Verlag wird „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von 6 bis 99 Jahren empfohlen. Für ganz kleine Kinder ist die Grundstimmung des Buches auch zugegebenermaßen ein wenig wehmütig.  Doch trotz dieser Wehmut ist „Jacominus Gainsborough“ ein absolut entzückendes Buch, daß ich Fans von schön illustrierten Titeln unbedingt ans Herz legen möchte.

Aufregendes im April

Na, wer hätte Anfang März gedacht, wie sich unser aller Leben in diesem einen Monat verändern würde?
Ich hatte mich damals noch unheimlich auf die Leipziger Buchmesse gefreut und wir alle wissen ja, daß daraus leider nichts geworden ist…
Seit zwei Wochen sitze ich nun zu Hause, mein Laden hat geschlossen und ich hoffe inständig, daß das Leben bald wieder normal weitergehen kann. Meine Kollegen und ich halten Gott sei dank ständigen Kontakt über unsere WhatsApp-Gruppe. Da erzählen wir uns, was wir den ganzen Tag so treiben; vom Blick aus dem Fenster, über Umräumaktionen der Bücherregale, zu was wir gerade Kochen.
Und wenn ich kurz vorm Verzweifeln bin, weil ich meinen Großen ja derzeit daheim unterrichte, dann bildet sich schnell eine Task Force, die bei den Hausaufgaben hilft…
Ein Hoch auf solche Kollegen und Freunde!

Nachdem die Kinder nun ununterbrochen um mich herum sind, ist auch meine Lesezeit arg in Mitleidenschaft gezogen worden. All diese Posts, in denen die Leute schreiben, wie sie die Zeit zu Hause jetzt nutzen, um endlich zu Lesen, eine Sprache zu lernen, oder überhaupt bessere Menschen zu werden, wurden offenbar von Menschen verfasst, die entweder keine Kinder haben, oder deren Tag eindeutig wesentlich mehr Stunden hat, als der meine.

Dabei bin ich in all diesem Nichtstun tatsächlich schwer am Arbeiten!
Wer mich oder meinen Podcast auf Instagram verfolgt, der weiß, was zurzeit bei uns los ist und darüber will ich auch am Freitag nochmal ausführlich berichten.
Aktuell vergeht kein Tag, an dem Andi und ich keine Telkos haben, an Skripten und Artikeln arbeiten, Pläne festlegen oder einfach E-Mails abarbeiten. In meinem Fall dann immer mit mindestens einem Kind, das um mich herumturnt.

Auch mein Leseverhalten wurde durch Corona und Podcast in den letzten Wochen ganz schön umgeworfen.
Normalerweise stelle ich Euch ja Anfang des Monats immer vor, welche Titel ich mir vornehme und lese sie erst dann.
Diesen Monat ist soviel reingerutscht, daß ich einige Titel hier nachreichen muss, während andere wiederum liegengeblieben sind…
Ich bin gespannt, wie sich das einpendeln wird.

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Beginnen wir deshalb mit einem Buch, das für mich absolut nichts mit Arbeit zu tun hat und über das ich mich wahnsinnig gefreut habe: „Freunde – Was uns verbindet“ von Heike Faller und Valerio Vidali.
Mit Heike Faller hatte ich ja seinerzeit unheimlich netten Kontakt, als mein Sohn und ich „Hundert – Was du im Leben lernen wirst“ gelesen haben und wir deshalb in den Sommerferien am Reschensee landeten. Heike hatte sich so über das Foto von meinem Großen mit ihrem Buch vor dem Kirchturm im See gefreut, daß wir ein bißchen ins Plaudern kamen und nun hat sie mich mit ihrem neusten Buch überrascht.
Ein wirklich tolles Geschenk, gerade in dieser Zeit in der man seinen Freunden virtuell auf einmal ziemlich na ist und sie gleichzeitig so wahnsinnig vermisst!

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Drei Titel, die sich dann als mögliche Besprechungskandidaten für den Podcast doch noch in den März gemogelt haben sind „Allegro Pastell“, „Miracle Creek“ und „Das wirkliche Leben“. – Sehr unterschiedliche Titel, aber wir wollen ja auch vielfältig mit unseren Empfehlungen sein!

In „Allegro Pastell“ erzählt Leif Randt eine Liebesgeschichte, in der sämtliche Gefühlsregungen wie mit einem Skalpell seziert werden und die deshalb durch einen absolut ironischen Erzählton besticht. Ich bin schon sehr gespannt auf Andis Meinung zu diesem Buch.

„Miracle Creek“ von Angie Kim dagegen liest sich wie ein spannender Thriller: In einem kleinen Städtchen geschieht ein tragisches Unglück, bei dem auch ein achtjähriger Junge stirbt. Als seine Mutter wegen Mordes angeklagt wird, beginnen alle Beteiligten ihre Geschichten zu erzählen und nach und nach kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht.

Ein Debütroman, der in Deutschland erst am 24.04. erscheinen wird und der mich (soviel kann ich wohl schon verraten) komplett geplättet hat ist „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné. Darüber dann bald mehr!

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Kommen wir zu den Büchern, die nun bald gelesen werden wollen: „Offene See“, „Milchmann“ und „Glasflügel“.

Auf „Offene See“ von Benjamin Myers freue ich mich schon sehr, denn von meinen Kollegen habe ich bisher nur Gutes darüber gehört und eine Kollegin meinte sogar, daß dieses Buch gemeinsam mit „Miracle Creek“ und „Das wirkliche Leben“ zu ihren Lieblingsdebüts des Frühjahrs gehören würde.
Nachdem mich die anderen beiden Titel ja schon sehr überzeugen konnten, ist nun also die Erwartungshaltung bei diesem recht hoch!

Mit „Milchmann“ gewann Anna Burns 2018 den Man Booker Prize. Damals las ich recht viele begeisterte aber auch einige enttäuschte Rezensionen. Offenbar ist „Milchmann“ eines dieser Love-it-or-hate-it-Bücher. Da bilde ich mir immer gerne eine eigene Meinung.

Krimis lese ich ja eher selten, trotzdem hatte ich schon länger mit Katrine Engberg geliebäugelt. „Glasflügel“ ist zwar schon der dritte Teil ihrer Kopenhagen-Krimireihe, aber ich hoffe dennoch, daß ich einen guten Einstieg in die Geschichte finde.

Wie ihr sehen könnt ist bei mir gerade wirklich viel los und am Freitag geht dann auch noch der Podcast in neuem Gewand an den Start!

Wie geht es Euch gerade?
Müsst ihr auch zuhause bleiben oder könnt ihr noch arbeiten?
Nutzt ihr die Zeit zum Lesen?

Alles Liebe und bleibt gesund,
Eure Andrea

Review: Nix passiert

Alex lebt in Berlin,  ist Anfang dreißig und arbeitet als Webentwickler. Vor mittlerweile zehn Jahren hat er Braus, die Kleinstadt in der er aufgewachsen ist, verlassen und nicht mehr wirklich zurückgeschaut.
Doch als ihn seine Freundin Jenny verlässt, fällt Alex plötzlich in ein tiefes Loch. Er muss feststellen, daß er ohne Jenny sehr einsam ist, denn enge Freunde hat er kaum, meistens war er mit Jennys Clique unterwegs. Sein Job macht ihm schon lange keinen Spaß mehr und selbst das hippe Leben in der Großstadt ist gar nicht so lebenswert, wenn man sich in einer schweren Depression befindet…
Also packt Alex seine Sachen und überrascht seine Eltern mit einem spontanen Besuch in Braus. Die staunen nicht schlecht, immerhin hat sich ihr Ältester in den letzten zehn Jahren kaum gemeldet und eine Erklärung, warum er sie gerade jetzt auf unbestimmte Zeit besuchen will, gibt er nicht.
Stattdessen verschanzt sich Alex im alten Kinderzimmer im Keller und schafft es kaum mehr, vor die Türe zu gehen.
Als es sein Vater dann doch schafft, ihn vor die Tür zu locken, muss sich Alex nicht nur seiner jetzigen Situation stellen, sondern sieht sich auch den Geistern seiner Vergangenheit gegenüber und man begreift, daß es mehr als nur der Kleinstadtkoller war, der Alex seinerzeit die Brücken nach Braus hat abbrechen lassen…

In „Nix passiert“ passiert tatsächlich rein oberflächlich betrachtet nicht wirklich viel, trotzdem schafft es Kathrin Weßling eine überraschend vielschichtige Geschichte zu erzählen, die verschiedene Themen anspricht.
Natürlich geht es vordergründig um Angststörungen und Depressionen; Themen, mit denen sich Kathrin Weßling auch in ihren anderen Büchern schon beschäftigt hat und zu denen sie aus eigener Erfahrung sehr persönliche Einblicke liefern kann.
Da geht es aber auch ums Erwachsenwerden und wie sich die Beziehungen zu den Eltern oder ehemaligen Schulfreunden verändern.
Mich persönlich haben gerade die Teile der Geschichte besonders angesprochen, in denen Alex seine Eltern überhaupt erst als eigenständige Menschen und eben nicht nur als Eltern wahrnimmt und sie deshalb plötzlich auch ganz neu kennenlernen kann.

„Nix passiert“ war für mich eine kurzweilige Lektüre, die sich aber als überraschend facettenreich herausstellt, mit vielen schlauen Gedanken und einem herrlich trockenen Humor.

Messevorfreude im März

Trotz der grassierenden Corona-Panik freue ich mich wirklich schon ungemein auf die Leipziger Buchmesse. Dieses Jahr habe ich zwar gefühlte tausend Termine und darf das erste Mal an einer Panel-Diskussion teilnehmen, trotzdem ist es für mich immer ein absolutes Fest, so viele Büchermenschen auf einmal zu treffen.
Kurz nach der Messe wird ein noch halbwegs geheimes Projekt das Licht der Welt erblicken und ich bin schon unheimlich aufgeregt, was es dann Ende des Monats alles zu berichten gibt.
Als wäre das nicht schon genug Aufregung, geht auch der Blogbuster Award, bei dem ich in der Bloggerjury sitze, langsam in die nächste Phase; also noch schnell die letzten Manuskripte fertig lesen und einen Favoriten festlegen. – Leichter gesagt als getan…
Ihr merkt schon, der März ist bei mir ganz schön voll mit spannenden Projekten und Treffen, na hoffentlich bleibt da noch ein bißchen Zeit zum Lesen!

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Trotzdem haben es wieder einige Titel auf meinen Lesestapel geschafft, wobei ich Buch Nummer eins schon heimlich still und leise gelesen habe, nachdem es ja in dem Projekt eine Rolle spielen wird: „Nix passiert“ von Kathrin Weßling.
Hier geht es um Alex, der sich nach der Trennung von seiner Freundin bei den Eltern verkriecht und sich mit all den unaufgearbeiteten Problemen konfrontiert sieht, die er seinerzeit zurücklassen wollte.
Obwohl es um schwierige Themen wie Depressionen und Angststörungen geht, ist „Nix passiert“ ein durchweg unterhaltsames und auch humorvolles Buch. Bald mehr dazu!

Eine weitere Autorin, auf die ich schon sehr gespannt bin, ist Anna Hope.
Über „Was wir sind“ schrieb Maria Piwowarski kürzlich, es wäre all das, was sie bei Sally Rooney vermisst hätte. Ich persönlich konnte ja mit „Gespräche mit Freunden“ auch nicht so wirklich warm werden. Hoffentlich geht es mir deshalb bei Anna Hope ähnlich wie Maria.

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Völlig unbeabsichtigt und zufällig ist der Umstand, daß es in den nächsten drei Romanen durchweg um Schwesterngeschichten geht.
In „Long Bright River“ erzählt Liz Moore von einer Polizistin, deren Schwester drogenabhängig ist und auf den Strich geht. Katya Apekina schreibt in „Je tiefer das Wasser“ von zwei Schwestern, die nach dem Selbstmordversuch der Mutter zu ihrem Vater, einem weltberühmten Schriftsteller, geschickt werden und in „Die Glasschwestern“ von Franziska Hauser geht es um Zwillingsschwestern, die durch einen Schicksalsschlag wieder näher zusammen finden.

Schon seltsam, daß man sich manchmal scheinbar völlig verschiedene Titel aussucht, die dann aber alle ein verbindendes Thema haben… Passiert Euch das auch manchmal?

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Gleich drei Graphic Novels sind diesen Monat auf meinem Lesestapel gelandet:
„Das Tagebuch der Anne Frank“ in der Adaption von Ari Folman und David Polonsky ist ja nun schon ein Weilchen auf dem Markt, allerdings gibt es gerade eine günstige Sonderausgabe bei den Zentralen für politische Bildung. Nachdem ich nun schon ewig um dieses Buch herumgeschlichen war, musste ich da natürlich zuschlagen.
Politisch interessant wird es auch in „Jein“ von Büke Schwarz. Hier geht es um eine türkischstämmige Künstlerin, die eigentlich recht unpolitisch ist; bis das türkische Verfassungsreferendum 2017 in ihr die Frage weckt, ob Kunst nicht eben auch politisch ist.
Und zu guter Letzt ist dann noch die neuste Graphic Novel von Liv Strömquist ganz frisch bei mir eingetrudelt: „Ich fühl’s nicht“. – Achtung: Erst ab 12. März im Handel erhältlich!
Bei „I’m every woman“ habe ich ja damals Tränen gelacht, beim ersten Anlesen des neusten Titel ging es mir ganz ähnlich.

Das ist er also, der Märzstapel…
Kennt schon den ein oder anderen Titel und wie fandet Ihr ihn?
Und sehen wir uns in Leipzig?

Bis bald,
Eure Andrea

Review: Rate, wer zum Essen bleibt

Vor etwa einem Jahr meinte mein Kollege, ich solle doch bei YouTube nach „Steiner & Tingler“ suchen; das Format würde ihm so gut gefallen. Tatsächlich war ich auch sofort hin und weg von den kurzen Clips, in denen sich Nicola Steiner und Philipp Tingler über Literatur und alles darum herum unterhalten. Außerdem ist Tingler regelmäßiger Gast beim SFR Literaturclub, der ebenfalls von Nicola Steiner moderiert wird.
Philipp Tingler war mir mit seiner charmanten, aber auch sehr direkten Art sofort sympathisch, doch als Romanautor hatte ich ihn bisher noch gar nicht auf dem Schirm gehabt.

Im Herbst ist nun sein neustes Buch „Rate, wer zum Essen bleibt“ erschienen und nachdem ich zwischenzeitlich viel von Philipp Tingler gesehen hatte, war ich nun auf sehr auf seine Schreibe gespannt.

Felix und Franziska sind ein erfolgreiches Ehepaar: Felix ist Kritiker in einer bekannten Literatursendung, Franziska Akademikerin. Beide ergänzen sich wunderbar, klarer Fall also, daß Felix seine Frau bei einem wichtigen Abendessen mit dem Dekan ihrer Uni unterstützen will. Dort ist nämlich eine Stelle frei geworden, auf die es Franziska abgesehen hat und so wird der Abend bis ins letzte Detail geplant… – Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes.
Statt des Dekans und seiner Frau steht plötzlich Felix‘ alte Studienfreundin Conni vor der Tür. Die hat Felix nämlich im Fernsehen gesehen und sich kurzerhand entschlossen, vor ihrem Rückflug nach New York, wo sie mittlerweile lebt, unangemeldet vorbeizuschauen. Völlig überrumpelt lädt Felix Conni ein, zum Essen zu bleiben und noch bevor Franziska eingreifen kann, kommen auch schon der Dekan und seine Frau an.
Damit beginnt die Katastrophe; zumindest für Franziskas berufliche Zukunft, denn Conni hat absolut keinen Filter zwischen Gehirn und Mund und sie lässt kein Fettnäpfchen und keine Gelegenheit aus, um alle am Tisch in Verlegenheit zu bringen.
Grund genug also, Conni schnellstmöglich wieder loszuwerden, doch die ist ganz offenbar gekommen um zu bleiben. Während des Essens wird sie nämlich so krank, daß ein herbeigerufener Arzt Conni strikte Bettruhe verschreibt und so müssen Felix und Franziska den ungebetenen Hausgast beherbergen, während sich auch für die folgenden Tage eine ganze Reihe wichtiger Besuche ankündigt…

„Rate, wer zum Essen bleibt“ liest sich beinahe wie ein Theaterstück mit seinen pointierten und spitzfindigen Dialogen und den überzeichneten, etwas schrulligen Charakteren.
Dabei entwickelten sich gerade Connis anstrengenden und ungefilterten Aussagen, die man in echten Leben vermutlich keine zwei Stunden ertragen könnte, zu meinen absoluten Lieblingsszenen des Buches.
Vermutlich kommt dieser extrem trockene Witz und Connis fast schon naiv ehrliche und direkte Art nicht bei allen Lesern gleichermaßen gut an, für mich hat Philipp Tingler aber genau den richtigen Humor. Ich musste immer wieder laut loslachen, mich fremdschämen und in manchen Situationen vor Unbehagen fast schon winden.

Sollte „Rate, wer zum Essen bleibt“ also tatsächlich einmal als Theaterstück aufgeführt werden, ich würde auf jeden Fall hingehen.

Review: Das Evangelium der Aale

Wenn man mir noch vor ein paar Wochen gesagt hätte, daß ein Sachbuch über Aale zu meinen Favoriten dieses Frühjahrs gehören würde, dann hätte ich denjenigen vermutlich für verrückt erklärt!
Mit Aalen hatte ich bisher so gar nichts am Hut und um ehrlich zu sein, wusste ich nicht das Geringste über sie. Doch dann wurde mir „Das Evangelium der Aale“  des schwedischen Journalisten Patrik Svensson empfohlen und schon das erste Kapitel faszinierte mich so sehr, daß ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Viele empfinden den Aal als eklig, manche lieben es, ihn zu essen, für Svensson war er ein wichtiges Bindeglied zwischen ihm und seinem Vater.
Als Kind verbrachten die beiden viele Abende gemeinsam beim Aalfischen und auch später, als sie das nicht mehr gemeinsam taten, war es doch ein verbindenes Thema, auch wenn Vater und Sohn immer weniger gemeinsam zu haben schienen…

Der Aal ist ein wirklich faszinierendes Wesen, wenn man sich denn einmal mit ihm beschäftigt. Berühmte Wissenschaftler, wie Aristoteles, der eben nicht nur Philosoph war, oder auch Sigmund Freud, bissen sich die Zähne daran aus, herauszufinden, was es eigentlich mit dem Aal auf sich hat.
Denn der Lebensweg dieser Fische ist wirklich spannend: Er beginnt in der Sargassosee, nahe der Karibik, wo die Aale das Licht der Welt erblicken. Als sogenannte Weidenblattlarven treiben sie mit dem Golfstrom in Richtung der europäischen Küsten, wo sie eine Metamorphose vollziehen und zu Glasaalen werden; dünne, etwa fingerlange durchscheinende Fischlein, die besonders im Baskenland als Delikatesse gelten.
Sie beginnen, die Flüsse hinaufzuschwimmen und verwandeln sich ein weiteres Mal. Diesmal in den Gelbaal, den man wohl vor Augen hat, wenn man eben an Aale denkt.
So lebt er für viele Jahre in den Flüssen uns Seen und kann unter bestimmten Umständen ein geradezu biblisches Alter erreichen; offenbar lebte ein Aal – abgeschnitten vom Rest der Welt – an die 150 Jahre in einem Brunnen.
Doch früher oder später folgen sie einem Ruf der Natur und beginnen, die Flüsse wieder Richtung Meer herabzuschwimmen und eine letzte Metamorphose zu durchlaufen: die zum Blankaal.
Erst jetzt entwickelt der Aal Geschlechtsorgane, er hört auf zu fressen und wendet alle im verbleibende Kraft dafür auf, um wieder zu dem Ort zu gelangen, von dem er kam: zur Sargassosee. Was aber dort passiert, das hat die Wissenschaft auch bis heute nicht vollständig erforschen können.
Man weiß, daß die Aale dorthin schwimmen und nicht mehr zurückkehren und man weiß, daß hier kurze Zeit später die kleinsten Weidenblattlarven gefunden werden, doch wie sich der Aal vermehrt, das hat noch niemand beobachten können.

Bis heute gibt der Aal uns viele Rätsel auf, dabei ist ein tieferes Verständnis dieses Fisches unablässig, wenn wir ihn schützen wollen. Denn seine Art ist durch Überfischung, die Turbinen der Wasserkraftwerke, aber vor allen Dingen durch steigende Wassertemperaturen vom Aussterben bedroht. Und es ist fast völlig unmöglich, den Aal nachzuzüchten, um die Bestände wieder zu erhöhen.

Patrik Svensson gelingt es in diesem Buch eine persönliche und berührende Geschichte mit faszinierenden Fakten zu vermischen. Dabei schreibt er ebenso informativ, wie poetisch.

„Das Evangelium der Aale“ ist definitiv eines meiner Frühlings-Highlights und ich kann es jedem, der hin und wieder ein gutes Sachbuch lesen möchte nur ans Herz legen. Auch, wenn man Aale vielleicht anfangs ein wenig eklig findet.

Review: Die Bagage

Ein Buch, auf dessen Erscheinungstermin ich mich schon seit Monaten freue, nämlich seit mir das Manuskript in die Hände fiel und ich es fast in einem Rutsch durchlas, ist „Die Bagage“ von Monika Helfer.
Dabei war mir die Autorin vorher – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch gar kein Begriff. Natürlich erinnerte ich mich nach kurzer Recherche dann doch daran, daß sie 2017 mit ihrem Roman „Schau mich an , wenn ich mit dir rede!“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Daß Monika Helfer aber schon seit den 1970er Jahren Romane, Hörspiele und Theaterstücke schreibt und mit Michael Köhlmeier verheiratet ist, das alles hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Mit „Die Bagage“ hat sie ihr nun wahrscheinlich autobiografischstes Werk vorgelegt, in dem sie sich der Geschichte ihrer Familie und der ungewissen Herkunft der Mutter widmet.
Im Winter hatte ich die große Freude, Monika Helfer bei einem Abendessen, bei dem sie „Die Bagage“ vorstellte, kennenlernen zu dürfen. Dort meinte sie, sie hätte immer ein wenig „um den heißen Brei herumgeschrieben“. Die Geschichte, die sie eigentlich immer hatte erzählen wollen, wäre diese gewesen.

Vor gut hundert Jahren leben Monika Helfers Großeltern Maria und Josef mit ihren vier Kindern etwas außerhalb eines kleinen Bergdorfes. Sie sind die letzten, die hierhergezogen sind und haben deshalb nur das Land bekommen, das noch übrig war; karger Boden, auf dem nur wenig wächst und ohne eigenen Brunnen. Von den Dorfbewohnern werden sie deshalb nur „die Bagage“ genannt.
Trotzdem kommt die Familie gut zurecht, denn Josef hat ein gewisses Talent dafür, Geschäfte zu machen und ist mit einflussreichen Leuten befreundet, unter anderem dem Bürgermeister des Dorfes.

Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und Josef wird zum Kriegsdienst eingezogen. Maria bleibt mit den Kindern alleine zurück; ohne Einkommen, fruchtbaren Boden und auf die Großzügigkeit der Freunde ihres Mannes angewiesen.
Ausgerechnet in dieser Zeit wird Maria erneut schwanger. Diesmal mit einer Tochter, die später Monika Helfers Mutter werden wird. Doch woher dieses Kind kommt, bleibt ein Familiengeheimnis, dem die Autorin in diesem Roman nachspürt.
Mithilfe der Erzählungen ihrer ältesten Tante versucht Monika Helfer herauszufinden, was damals geschah und wer ihr Großvater ist. Ist es Josef, der während des Krieges hin und wieder auf Heimaturlaub zurückkehrt? Ist es die Geschichte einer großen Liebe oder die eines Verbrechens?
Aber nicht nur das Geheimnis um Marias Schwangerschaft treibt die Familie um, denn als im langen Kriegswinter das Essen knapp wird bedarf es eines drastischen Plans, um zu überleben…

Monika Helfers Familiengeschichte hat mich sehr berührt. Als mir dann bei dem Abendessen mit der Autorin klar wurde, wie nah an der Realität sie in ihrer Erzählung geblieben ist, hatte ich einen dicken Kloß im Hals.

Der Leser wird schnell an Titel wie „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler oder „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger erinnert werden, doch anders als in den Geschichten kriegsmüder Männer wird hier ein anderer, meiner Meinung nach ebenso eindringlicher Kampf ums Überleben geschildert, nämlich der der Frauen, die daheim blieben, die versuchten, ihre Kinder satt zu bekommen und dabei auch immer noch auf ihren guten Ruf achten mussten.

Monika Helfers Protagonisten sind mehr als nur einfache Kunstfiguren. Man spürt, daß sie hier von realen Menschen erzählt, die ihr sehr nah gestanden sind. Das Leseerlebnis wird damit umso eindringlicher und intensiver.
Auch der ruhige, bildhafte Stil der Autorin ist einzigartig, wie sie immer wieder vorgreift, zurückblickt und die wichtigsten Ereignisse gerne dreimal aus leicht verschiedenen Blickwinkeln erzählt, so wie es ihre Tante damals getan hat.

Für mich ist „Die Bagage“ eines der Highlights der Saison und wäre meiner Meinung nach ein verdienter Kandidat für die nächste Longlist des Deutschen Buchpreises.