„Seite an Seite“ über Familien

Wer unseren Podcast kennt, der weiß, daß Andi und ich immer drei Titel vorstellen; einen den wir gemeinsam gelesen haben und jeder einen weiteren, den nur er gelesen hat.
Für die aktuellen Folge #17 „Short Story Short“ habe ich aber tatsächlich alle drei Titel gelesen! Nun gut, wie der Name der Folge verrät waren es auch wirklich sehr kurze Büchlein, und weil wir dann auch ein schönes gemeinsames Thema gefunden haben, nämlich Familie im engsten und im weitesten Sinne, dachte ich, ich stelle euch die Bücher aus der Folge einfach mal alle zusammen vor.

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Ilona Hartmann: „Land in Sicht“

„Land in Sicht“ durfte ja mit in den Istrien-Urlaub, wo es sich ganz schnell zum Lektüreliebling entwickelt hat. Der arme Andi bekam per WhatsApp so viele Zitate aus dem Buch geschickt, daß er nicht anders konnte, als mitzulesen und es genauso zu lieben, wie ich.

In Ilona Hartmanns Debütroman geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und auch keine Ahnung hat, wer er ist. Nach dem Gespräch mit einem Freund entschließt sie sich allerdings doch, einmal nachzuforschen. Mit dem Namen, den sie im alten Adressbuch ihrer Mutter findet, entdeckt sie im Internet auch schnell den Erzeuger, der als Kapitän auf dem Donaukreuzfahrtschiff MS Mozart arbeitet. Für Jana ist sofort klar, daß sie diesen Mann endlich einmal kennenlernen will, doch ob sie ihm auch verraten möchte, daß sie seine Tochter ist steht auf einem anderen Blatt. Und so bucht sie kurzentschlossen eine Flusskreuzfahrt auf der MS Mozart, von Passau nach Wien und wieder zurück. 
Ihr Plan, den Vater zunächst aus der Ferne zu beobachten, stellt sich allerdings schnell als schwierig heraus. Erstens, weil das Schiff zu klein ist, um „Ferne“ wirklich zuzulassen und zweitens, weil Jana unter den gefühlt hundertjährigen Rentnern trotz beiger Tarnkleidung sofort auffällt wie ein bunter Hund. Unglücklicherweise auch dem eigenen Vater, der sie auf ein Date einlädt…

„Land in Sicht“ ein Roman, der eine perfekte Balance zwischen Humor und Herzlichkeit findet. Die Geschichte von Jana und ihrem Vater ist kein Traumschiff-Kitsch, bei dem sich die Protagonisten unter Palmen in die Arme fallen, sondern zeigt die schwierige Situation in all seiner Peinlichkeit und mit all den Fragen, die sich stellen, und schafft es trotzdem, einen leichten Ton beizubehalten, der so pointiert ist, daß es extremen Spaß macht, dieses Buch zu lesen.

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Philipp Winkler: „Carnival“

Mit „Hool“ stand Philipp Winkler 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun hat er mit „Carnival“ ein dünnes Bändchen vorgelegt, das durch Sprache und Stil so besticht, daß es auch ohne Handlungsbogen auskommt.

„Carnival“ ist eine Art Abgesang auf Kirmesse und Jahrmärkte, die sich gerade in diesem Jahr, in dem alle abgesagt wurden, mit ganz besonderer Melancholie und Wehmut liest.
Es ist die Geschichte der Kirmser: Schausteller, Artisten, fahrendes Volk, oder auch einfach gestrandete Gestalten, die in der Welt keinen Platz mehr hatten und sich auf den Jahrmärkten neu erfinden konnten.

Philipp Winkler erzählt vom Unterschied zwischen Kirmsern und dem Rest der Welt, von der Hackordnung und Problemen auf dem Jahrmarkt, allerdings auch von Freundschaft und Zusammenhalt und das tut er so atmosphärisch, daß man sofort Sehnsucht nach Zuckerwatte, dem Geruch gebrannter Mandeln und dem Singsang der Fahrgeschäftsleiter bekommt.

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Mely Kiyak: Frausein

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Mely Kiyaks autobiografischer Essay „Frausein“, in dem sie erzählt, wie sie ihre Familie, Herkunft und Erfahrungen, ihre Gesundheit und ihr Körper zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Mely Kiyak wurde als Tochter türkischstämmiger alevitischer Kurden, die als Gastarbeiter nach Deutschland geholt worden waren, geboren und ist Autorin und Journalistin, unter anderem bei „Zeit Online“.

Von frühster Kindheit interessiert sie sich für das Schreiben und ihre Eltern tun alles, um die Kinder zu fördern. Es gibt Szenen, in denen Kiyak beschreibt, welchen extremen körperlichen Belastungen der Vater bei der Arbeit in der Fabrik ausgesetzt ist und der trotzdem immer härter arbeitet, nur um seinen Kindern ihre Wünsche zu erfüllen. 
Man lernt, wie übel den Gastarbeitern mitgespielt wurde, erfährt von der Familie, von der sich Kiyak mehr und mehr entfernt, von den Cousinen, die sich gegenseitig aufklären, ersten sexuellen Erfahrungen und Übergriffen…
Es sind viele Themen, die Mely Kiyak da auf gerade einmal 120 Seiten anspricht, sodass ich ständig fürchte, dem Buch mit ein paar Sätzen nicht gerecht zu werden, aber jeder, der den autobiografischen Stil von Rachel Cusk liebt, sollte sich unbedingt einmal in „Frausein“ reinlesen.

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Alle drei Titel Empfehlungen gibt es auch zum Nachhören, entweder direkt hier, bei Spotify, Apple Podcasts und dem Podcast-Anbieter eurer Wahl, oder beim YouTube-Kanal von Hugendubel.

Lesegrüße aus Istrien

Heute ist der erste Tag, an dem meine Kinder beide wieder in der Schule und im Kindergarten sind. Es ist ungewohnt still in der Wohnung, draußen hält sich der Nebel und der Herbst hat nun wirklich Einzug gehalten.
Kaum zu glauben, daß ich vor gut zwei Wochen noch im Meer geschwommen bin!
Deshalb möchte ich heute noch kurz von meinem Urlaub berichten, bevor es hier bald so richtig grau und regnerisch wird.

Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr am Meer! Und mit Meer meine ich in diesem Fall ein Meer in dem man angenehm schwimmen kann. Nicht die Ostsee oder die Lagune von Venedig.
Als Kind hatten meine Eltern jedes Jahr Strandurlaub mit mir gemacht, sodass ich als Erwachsene eigentlich nur die Nachteile sah: Sonnenbrände, Sand in allen Ritzen und die ständige Langeweile? Ich wollte lieber neue Städte sehen und fremde Landschaften erkunden!

Nachdem uns dieser Frühling dann aber an die eigenen vier Wände gefesselt hatte, wurde meine Sehnsucht nach Wärme, Strand und Meer immer größer. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich die meisten dafür entschieden, Urlaub in der Heimat zu machen, beschloss ich, daß ich ganz, ganz dringend in einem warmen Land Urlaub machen wollte.
Nachdem wir uns aber nicht wirklich wohl damit fühlten, einen Flug zu buchen, entschlossen wir uns, nach Istrien zu fahren; von uns aus in sieben Stunden mit dem Auto zu erreichen, warm und schön. Nachdem dann auch noch einer meiner Kollegen ausgerechnet in dem Hotel Urlaub machte, mit dem wir liebäugelten und schrieb, wie schön es dort war, war es beschlossene Sache!

Die Fahrt nach Istrien gestaltete sich aber dann schon recht abenteuerlich. Obwohl wir vorher brav Vignetten und die elektronische Maut für Tauernautobahn und Karawankentunnel gezahlt hatten und auch die Einreise nach Kroatien online angemeldet hatten, obwohl wir um drei Uhr morgens losgefahren waren, wurden aus sieben Stunden auf dem Navi 14 Stunden im realen Leben.
An dieser Stelle kann ich Marc-Uwe Kling nicht genug dafür danken, daß er die Känguru-Bücher so großartig eingelesen hat! Ich kannte die Hörbücher ja bereits, aber nun hatte auch der Rest der 5- bis 41-jährigen Truppe seinen Spaß daran und tatsächlich kamen wir zwar sehr erschöpft, aber ohne Streit und Gequengel in Pula an.

Diese Aussicht lässt mich die lange Fahrt sofort vergessen!


Das Hotel, für das wir uns entschieden hatten, war eine perfekte Mischung aus allem, was wir uns wünschten: direkt am Meer gelegen, mit Pools und Freizeitangeboten für die Kinder, mit Märkten und Restaurants und trotzdem keine riesige Bettenburg, sondern eher eine Ansammlung von Reihenhäusern, in denen wir ein zweigeschossiges Appartement mit Küche und allem, was wir so brauchten, gebucht hatten.
Und der Ausblick vom Balkon war dann sogar so umwerfend, daß ich nicht zum Frühstücken ins Hauptgebäude ging, sondern mich im Supermarkt mit Lebensmitteln eindeckte und jeden Morgen mit Buch, Brot und Blick aufs Meer dort saß und die Schiffe in der Ferne beobachtete.

In meinen Lesekoffer waren natürlich viel zu viele Bücher gewandert, die mit einfach zu große Lust auf Sommer gemacht hatten, als daß ich sie zuhause hätte lassen können:

“Unter uns das Meer” von Amity Gaige, “Nach der Sonne” von Jonas Eika, “Untertauchen” von Daisy Johnson, “Land in Sicht” von Ilona Hartmann und “Das lügenhafte Leben der Erwachsenen” von Elena Ferrante.

Als Erstes schnappte ich mir “Land in Sicht”, was zwar nicht am Meer spielt, dafür aber auf einem Schiff, nämlich einem Donaukreuzfahrtschiff.
Darin geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und ihn nun kennenlernen möchte. Als sie herausfindet, daß er Kapitän auf ebendiesem Kreuzfahrtschiff ist, beschließt sie, eine Reise darauf zu buchen und fällt natürlich zwischen all den Rentnern an Bord sofort auf, wie ein bunter Hund.
“Land in Sicht” habe ich praktisch am Stück durchgelesen, so begeistert hat mich dieses kleine Büchlein mit seinem Humor, in dem trotzdem ganz viel Herz steckt.
In der aktuellen Podcast-Folge könnt ihr Andi und mich übrigens von diesem Roman schwärmen hören!

Nachdem mich gleich der erste Titel so begeistert hatte, war klar, daß es jedes weitere Buch schwer haben würde. Trotzdem musste natürlich immer Lektüre mit und so packte ich mir für unseren Ausflug zum Nationalpark Kap Kamenjak gleich “Untertauchen” von Daisy Johnson ein. 

Der Nationalpark ist wirklich schön, die Straßen darin ein Alptraum, aber der Weg ist trotzdem absolut lohnend.
Zuerst wanderten wir auf einem Dinosaurier-Pfad, an dem es lebensgroße Dino Modelle und sogar versteinerte Fußspuren gab. Dabei wanderten wir auch durch ein Wäldchen, in dem die Zikaden so laut zirpten, daß man sich tatsächlich in die Urzeit zurückversetzt glauben konnte.

Nachdem der Kleine auf seine Kosten gekommen war, forderte der Große sein Recht und da der zurzeit absolut begeistert vom Klippenspringen ist, beschlossen sein Papa und er, zu den Klippen zu wandern, während ich mit dem Kleinen zum Schnorcheln in eine Bucht in der Nähe ging.

An dieser Stelle muss einmal gesagt sein: Ich liebe es zu Schnorcheln!
Als Kind und als Teenager war praktisch keine Pfütze vor mir und meiner Taucherbrille sicher, warum ich es so lange nicht mehr gemacht habe, ist mir inzwischen völlig unbegreiflich.
Während die Bucht, in der unser Hotel lag, hauptsächlich von Seeigeln und größeren Fischen bewohnt war, gab es am Kap Kamenjak viele Seegurken, bunte Meeresschnecken und praktisch jede Muschel war von einem Einsiedlerkrebs bewohnt. Es war wirklich witzig, über diesen Tieren zu schwimmen und zu beobachten, wie sie um die größeren Muscheln kämpften.

Ein bißchen wollte ich dann doch noch lesen, und nach der Donaukreuzfahrt schien es sinnvoll zu sein, ein Buch über eine Mutter und eine Tochter zu lesen, die gemeinsam auf einem Hausboot leben, doch “Untertauchen” kam gleich recht düster daher.
Darin geht es um Gretel, deren Mutter in ihrer Jugend verschwand und nach der sie seitdem immer wieder in Krankenhäusern und Leichenhallen sucht. – Ein wirklich zu beklemmendes Szenario, um es an einem Badestrand zu lesen.
Deshalb habe ich “Untertauchen” erstmal zur Seite gelegt. Es ist nicht so, daß mir der Stil nicht gefallen hätte, es ist aber eher ein Buch, um es eingekuschelt bei eben diesem Nebelwetter zu lesen.

Als Nächstes hatte ich mir deshalb “Unter uns das Meer” vorgenommen, was vom Setting her wirklich ganz wunderbar gepasst hat, auch wenn es in der Karibik und nicht am Mittelmeer spielt.
“Unter uns das Meer” erzählt die Geschichte von Juliet und ihrem Mann Michael. Die beiden haben eine Familie mit zwei kleinen Kindern und ein ganz normales und geregeltes Leben, als Michael plötzlich beschließt, daß er aussteigen und für mindestens ein Jahr mit der ganzen Familie auf einem Segelschiff leben will. Für Juliet ist diese Idee zunächst etwas beängstigend, doch mit der Zeit lässt sie sich von Michael überreden.
Wir folgen dem, was auf ihrer Reise geschieht einerseits unmittelbar, durch Michaels Logbucheinträge und rückblickend, durch Juliets Erzählung, bei der von Anfang an klar ist, daß irgendetwas auf dieser Reise mit Michael passiert sein muss.
Dieses Buch mit Blick aufs Meer zu lesen war natürlich ein Traum, aber Michael war mir von Anfang an wahnsinnig unsympathisch.

Deshalb nahm ich mir am vorletzten Tag noch “Nach der Sonne”, eine Kurzgeschichtensammlung von Jonas Eika, vor.
In der ersten Geschichte strandet der Protagonist auf einer Geschäftsreise in Kopenhagen und lernt dort einen jungen Mann kennen, der ihn in den Online Derivatehandel einführt. Für mich war die Geschichte ein bißchen zu schräg, allerdings gefällt mir Jonas Eikas Schreibstil, weshalb ich auch dieses Buch bald weiterlesen möchte.
Zu “Das lügenhafte Leben der Erwachsenen” kam ich in meiner kurzen Zeit in Istrien leider gar nicht, dafür lese ich es, seit ich wieder daheim bin und bin bisher sehr angetan davon.

Die Zeit in Istrien war wirklich wahnsinnig schön, auch wenn ich nicht so viel zum Lesen gekommen bin, wie gehofft, was in erster Linie daran lag, daß ich unheimlich viel Geschnorchelt bin. Und das ist doch mal ein schöner Grund, die Bücher ein wenig zur Seite zu legen!

Ich hoffe, ihr alle hattet einen schönen Sommer und jetzt guten Start in den Herbst.

Alles Liebe,
Andrea

Stapelweise Neues im September

Es ist schon komisch… Da denkt man, der Sommer würde ewig dauern, dann kommt ein Regentag, an dem man fast schon froh ist, daß man ein wenig Abkühlung hat, doch dann ist der nächste Tag ebenfalls verregnet und der Tag darauf bewölkt und man begreift, daß der Sommer von einem auf den anderen Tag vorbei ist.
Kaum zu glauben, daß ich vor nicht einmal zwei Wochen noch im Meer geschwommen und geschnorchelt bin!
Doch jetzt hat mich die Arbeit wieder, ein riesiger Stapel mit Herbstnovitäten wartet darauf gelesen zu werden, die Longlist des Deutschen Buchpreises steht fest und mit dem September beginnt meine liebste Zeit des Jahres.

Wie immer in den letzten Monaten, seit der Podcast mein Leben im Griff hat, zeige ich euch hier ein buntes Sammelsurium an Büchern, die ich diesen Monat lesen möchte, die ich bereits angelesen oder zum Teil auch schon beendet habe.
Es ist jedenfalls eine spannende Titelauswahl, die ich euch heute vorstellen möchte.

Von der Longlist des Deutschen Buchpreises hatte ich vor Erscheinen der Auswahl nur zwei Titel gelesen: „Allegro Pastell“ von Leif Randt, das Andi und ich im Podcast schwer gefeiert haben, und „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler, der Ende August noch auf meinen Lesestapel gerutscht war und deshalb hier bisher noch nicht aufgetaucht ist.
Einen Titel der Longlist, den ich unbedingt noch lesen wollte, ist „Triceratops“ von Stephan Roiss; schon alleine, weil ich nicht an diesem unheimlich liebevoll gestalteten Buch vorbei gehen konnte.
Die Handlung und auch die Erzählweise beginnt recht unorthodox, immerhin spricht der Erzähler von sich selbst als „wir“. Trotzdem entwickelt die Geschichte einen ungemeinen Sog, der mich sehr gespannt auf das macht, was noch kommt.


Drei dünne Titel von jungen deutschsprachigen Autoren, die mich sehr für sich einnehmen konnten sind „Land in Sicht“, „Das Palais muss brennen“ und „Carnival“.

Ilona Hartmanns Debütroman „Land in Sicht“ hat sich zu meinem Urlaubslektüre-Highlight entwickelt. Darin macht sich die 24-Jährige Jana auf die Suche nach ihrem Vater und landet auf einem Flusskreuzfahrtschiff, dessen Passagiere allesamt Janas Groß- und Urgroßeltern sein könnten.
Ein wirklich humorvolles Buch, das die Suche nach dem leiblichen Vater aber auch sehr herzlich und ehrlich beschreibt.

Ein weiteres Romandebüt ist „Das Palais muss brennen“ von Mercedes Spannagel, in dem die aufmüpfige Tochter der rechtskonservativen österreichischen Bundespräsidentin die Regierung stürzen will.
Am Wochenende habe ich bereits die ersten Kapitel angelesen und war von der Idee und der schwarzhumorigen Erzählweise sehr begeistert.

Ein weiterer dünner Titel, den ich schon gelesen habe und der mich sofort in seinen Bann geschlagen hat, ist „Carnival“ von Philipp Winkler.
Für sein Debüt „Hool“ stand der Autor auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2016 und gewann den aspekte-Literaturpreis. Mit „Carnival“ legt er nun eine sehr atmosphärische Erzählung vor, die ein Abgesang auf Jahrmärkte und Kirmessen ist.
Gerade in diesem Jahr, in dem eben all die aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt wurden, liest sich dieses Büchlein mit einer ganz besonderen Wehmut.


Weiter geht es mit noch mehr deutschsprachigen Autoren.

In „Das Rauschen der Nacht“ erzählt André Hille von einem Paar, das endlich eine Familie gegründet und ein eigenes Haus gebaut hat. Doch wie der Putz der Hausfassade, so bekommt auch das Leben des Protagonisten immer mehr Risse.

Am 10. September erscheint mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ der fünfte Teil der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe von Joachim Meyerhoff, in dem er seinen Schlaganfall und die Zeit danach verarbeitet. An sich ein schwieriges Thema, das Meyerhoff aber mit seinem gewohnten Witz ganz wunderbar zu verpacken versteht.

Oliver Hilmes ist ja für mich einer der wenigen Sachbuchautoren, die es schaffen, so zu schreiben, daß man nie das Gefühl hat, man würde mit Wissen vollgestopft, sondern die einen in erster Linie ganz großartig unterhalten.
Seine Alma Mahler-Werfel Biografie „Witwe im Wahn“ ist eines meiner liebsten Sachbücher und auch sein Buch zur Olympiade von 1936 „Berlin 1936“ hat mich schwer begeistert.
In „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ widmet sich Hilmes nun einem Kriminalfall von 1932, auf den er eher zufällig bei seinen Recherchen zum Olympia-Buch gestoßen ist und der ihn nie ganz losgelassen hat.
Für mich besonders spannend: Während des Lockdowns habe ich alle Gereon Rath-Krimis von Volker Kutscher als Hörbuch durchgesuchtet. Jetzt stoße ich bei Hilmes auf viele bekannte Namen.


An Annie Ernaux hat ja in den letzten Jahren kein Weg vorbeigeführt, trotzdem habe ich noch keins ihrer Bücher gelesen. Das aktuelle Buch, das nun übersetzt wurde, heißt „Die Scham“ und lässt mich verstehen, warum so viele Leser:innen Annie Ernaux schätzen und lieben, auch wenn ich das Gefühl habe, nicht so ganz mit der Handlung warmzuwerden. Es fühlt sich im Moment so an, als würden mir zu viele Hintergrundinformationen zu Ernaux aus ihren früheren autobiografischen Werken fehlen.

Ein Titel, der perfekt zu diesem Monatsstapel passt, ist die „Septembernovelle“ von Johan Bargum.
Darin geht es um zwei Männer, die zu verschiedenen Zeiten mit derselben Frau verheiratet waren. Nach deren Tod begeben sich die beiden auf einen Segeltörn, von dem nur einer wieder zurückkehren wird.

Sehr gespannt bin ich ich auch auf den neusten Roman von Elena Ferrante. Während ich „Die Frau im Dunkeln“ als komprimiertes Psychogramm einer älteren Frau ganz großartig fand, war ich dann sehr überrascht über den völlig anderen Erzählton in „Meine geniale Freundin“. Ob wirklich unterschiedliche Autor:innen dahinter stecken?
„Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ lässt sich jedenfalls schon gut an, erinnert mich aber vom Stil her eher an die Neapolitanische Saga.


Der Titel, zu dem ich aktuell am häufigsten greife, ist „Hundert Augen“ von Samanta Schweblin. Darin lässt sie ein neue technische Spielerei auf die Menschheit los: die Kentukis.
Diese kleinen Plüschtiere, die sich über das Internet steuern lassen, verbinden die unterschiedlichsten Menschen auf der Welt anonym und bringen dabei die besten wie die schlechtesten Eigenschaften vieler User ans Licht.

Nachdem mich ja „Gespräche mit Freunden“ letztes Jahr nicht wirklich vom Hocker gehauen hat, will ich Sally Rooney trotzdem noch eine Chance geben. Und wieder lese ich nur Kritiken, die „Normale Menschen“ entweder feiern, oder es richtig schlecht finden.
Auch diesmal bin ich gespannt, wo ich mich positionieren werde.


Last but not least gibt es jetzt beim Bohem Verlag eine tolle neue Reihe mit dem handlichen Titel „Große Weltklassiker der britischen Literatur – Kurz & Gut erzählt in Zitaten und Bildern“.
Dabei handelt es sich um vier Klassiker, die in einem wunderschön gestalteten Leporello mit Schuber auf wenigen Seiten erzählt und erklärt werden.
Aktuell gibt es in der Reihe: „Romeo und Julia“, „Alice im Wunderland“, „Der geheime Garten“ und „Stolz und Vorurteil“.
Eine wirklich tolle Reihe, die ich euch schon bald genauer vorstellen möchte.

Ihr seht schon: Für den September habe ich mir wirklich einiges vorgenommen.
Welche der vorgestellten Titel kennt ihr vielleicht schon und auf welche seid ihr ganz besonders gespannt?

Ich wünsche euch einen ganz wunderbaren Start in den Herbst.
Andrea

Lesegrüße aus der Ferne

Ein kleiner Disclaimer am Anfang: Die Frage, ob man derzeit überhaupt in den Urlaub fahren sollte oder nicht, beschäftigt viele.
Der Lockdown und andere persönliche Ereignisse waren in den letzten Monaten eine ziemliche emotionale Herausforderung für mich, also habe ich mich dafür entschieden, einen kleinen Roadtrip mit meinen Jungs zu machen, um uns alle auf andere Gedanken zu bringen.
Mir ist klar, daß diese Entscheidung für viele Leute, die sich aktuell noch im Shielding befinden, ziemlich leichtsinnig wirken wird.
Ich kann an dieser Stelle nur sagen, daß ich mir im Vorfeld meine Gedanken gemacht habe und da ich von vielen gefragt wurde, wie meine Erfahrungen in den Freizeitparks und Hotels war und wie dort auf die Sicherheit der Besucher geachtet wurde, habe ich mich entschlossen, euch von meiner Reise zu erzählen.

Die wenigsten von euch wissen vielleicht, daß ich ein großer Freizeitpark-Fan bin und jedes Jahr bestimmt drei oder vier verschiedene Parks mit meinen Söhnen besuche.
Dieses Jahr wollten wir unbedingt einmal wieder nach Tripsdrill (in der Nähe von Stuttgart) fahren, weil hier gerade neue Achterbahnen fertiggestellt wurden und nachdem wir dann ohnehin schon so weit würden fahren mussten und wir auch noch Europapark Tickets hatten, entschlossen wir uns, das ganze zu einer großen Tour zu verbinden.

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Den Anfang machte also der Erlebnispark Tripsdrill, in dem den Besucher eine durchgängig schwäbischen Thematisierung und einige spektakuläre Achterbahnen erwarten.
Hier war es nicht so voll, daß ich mich unwohl gefühlt hätte, in den Wartebereichen herrschte Maskenpflicht und die Griffe der Achterbahnen und anderen Fahrgeschäfte wurden in regelmäßigen Abständen desinfiziert. Auf den Wegen nahmen dann zwar die meisten ihre Masken ab, allerdings gab es dort so viel Abstand, daß ich mich zu keiner Zeit unwohl fühlte.
Eine besonders schöne Überraschung, die uns bei diesem Besuch erwartete, waren auf den Boden gemalte 3D-Bilder. Diese Bilder hatte ich schon des Öfteren im Internet gesehen und mir immer gewünscht, einmal selbst in so einem Bild zu stehen. Nun hatte ich endlich die Gelegenheit dazu.

Für die Übernachtung hatten wir etwas ganz besonderes geplant: Einmal in einem Baumhaus wohnen!
Neben dem Erlebnispark liegt der Wildpark, an dem es eine Reihe von Baumhäusern und Schäferwagen gibt, in denen man sich einquartieren kann.

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Unser Baumhaus war auch wirklich unheimlich gemütlich. Es gab bequeme Betten, eine schöne Sitzecke, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Fernsehen und WLAN. Und natürlich auch ein schönes kleines Bad mit Toilette und Dusche.
Alle Annehmlichkeiten eines Hotelzimmers also, aber in unschlagbarer Lage.
Nach dem Tag im Freizeitpark spazierten wir durch den Wald zu einem kleinen Schäferwagen, in dem man Abendessen holen konnte. Gleich daneben liegt ein idyllischer Löschteich, in dem riesige Kois leben, die die Kinder richtig fasziniert haben. Gegessen wurde dann bei Sonnenuntergang auf der Terrasse vor dem Baumhaus. – Sehr idyllisch!

Das Frühstück wird wohl normalerweise in einem kleinen Lokal im Wildpark serviert. Weil die Sicherheitsabstände dort aber aktuell nicht eingehalten werden könnten, brachten die Mitarbeiter stattdessen einen riesigen Picknickkorb vorbei, in dem ein so reichhaltiges Frühstück steckte, daß wir uns damit auch gleich noch Proviant für die weitere Reise packen konnten.

Viele haben mir unterwegs geschrieben, weil sie meine Baumhaus-Fotos auf Instagram gesehen hatten und die häufigste Frage war: Wie teuer ist das?
Meine Antwort: Günstig ist leider etwas anderes! Definitiv liegt es nicht im Budget einer Teilzeitbuchhändlerin, aber wir hatten Glück und einen Reisegutschein.
Außerdem muss gesagt sein, daß vor allem die erste Nacht recht teuer ist. Danach relativiert sich der Preis wieder und auch in der Nebensaison ist es nochmal deutlich günstiger.
Ich könnte mir auch gut vorstellen, im Winter in so einem Baumhaus zu wohnen, denn sie verfügen tatsächlich über Fußbodenheizung!
Ein Mitarbeiter erzählte sogar, daß Leute aus der direkten Umgebung die Baumhäuser hin und wieder mieten würden. Anstatt in 5 Kilometer Entfernung im eigenen Bett zu schlafen, erfüllen sich wohl viele den Wunsch, einmal in einem so schicken und komfortablen Baumhaus zu übernachten.
Ich wäre jedenfalls sofort wieder mit dabei!

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Als Reiselektüre hatte ich mir übrigens „Zeit der Wildschweine“ von Kai Wieland eingepackt. Denn wo sollte man dieses Buch denn besser lesen können, als in Schwaben in unmittelbarer Nähe eines Wildschweingeheges?
Besagte Wildschweine ließen sich dann aber am nächsten Tag, als wir der Wildpark besuchten gar nicht blicken.
Dafür waren die Kinder begeistert davon, Hirsche zu füttern und den Schildkröten am Teich zuzuschauen.
Außerdem gibt es hier auch einen sagenhaft schönen Abenteuerspielplatz, von dem selbst ich mich schwer lösen konnte, doch wir hatten an diesem Tag noch eine weite Reise vor uns.

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Von Stuttgart aus ging es dann weiter in Richtung französische Grenze, zum Europapark Rust. Auch hier sind wir etwa alle zwei Jahre, zuletzt kurz vor dem spektakulären Brand, bei dem die „Piraten in Batavia“ vollständig zerstört wurden. Nun wurde die Attraktion wieder neu eröffnet und wir waren unheimlich gespannt darauf, die „neuen Piraten“ zu sehen.

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Diesmal hatten wir uns im Hotel El Andaluz eingemietet, in das ich auch schon immer einmal wollte. Immerhin lese ich ja gerade noch „Die Wahnsinnige“ von Alexa Hennig von Lange, in dem es um Johanna von Kastilien geht. Die perfekte Kulisse also!

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Am Abend nutzten wir dann die Möglichkeit, als Hotelgäste in der letzten Stunde vor Schließung kostenlos in den Park zu gehen und fuhren schon einmal eine Runde „Piraten in Batavia“ und den Favoriten meines Jüngsten: „Madame Freudenreich Curiosités“.
Nach dem Abendessen nutzten wir noch den Poolbereich des Nachbarhotels Santa Isabella und fielen dann recht erschöpft in die Betten. Schließlich erwartete uns noch ein weiterer Hotelwechsel.

Den ganzen nächsten Tag verbrachten wir dann im Europapark und ich muss ganz ehrlich sagen, daß ich hier des Öfteren an die Grenzen meiner Komfortzone kam. Ich bin nun wirklich einiges gewöhnt, immerhin arbeite ich in der Münchner Innenstadt, aber so viele Leute auf so engem Raum habe ich wirklich schon lange nicht mehr gesehen!
Dabei waren die Warteschlangen überraschenderweise nicht das Problem. Zunächst einmal sehen die zwar wirklich endlos aus, was daran liegt, daß sie extrem auseinandergezogen werden. Viele Wartebereiche liegen ja in den Gebäuden und hier wurde alles was ging nach draußen verlagert.
Alle trugen ihren Nase-Mundschutz und das nicht nur in der Warteschlange, sondern auch in den Achterbahnen und die meisten hielten sich an den Sicherheitsabstand.
Wer trotzdem nicht so lange in einer Warteschlange stehen möchte, der kann auch an einigen Achterbahnen den Single-Rider-Eingang nehmen, solange er keinen großen Wert darauf legt, mit einer Gruppe zusammen zu fahren und in der Europapark-App gibt es eine Virtual Line, in der man sich für Zeitslots bei den großen Attraktionen anmelden und dann ohne Wartezeit einsteigen kann. Allerdings muss man immer wieder schauen, ob und wann etwas frei wird und man kann sich auch nur für eine Attraktion anmelden und den nächsten Slot erst dann buchen, wenn man seinen Termin entweder wahrgenommen oder storniert hat. Realistisch gesehen kann man so vielleicht zwei bis vier Warteschlangen vermeiden, aber ein, zwei Stunden Zeitersparnis bringt das Ganze auf jeden Fall.
Was aber definitiv außerhalb meiner Komfortzone lag, waren die Menschenmengen auf den großen Plätzen, wie zum Beispiel im französischen Parkteil. Dabei muss man sagen, daß zwar fast jeder seine Maske trug, wenn es zu solchen Massenansammlungen kam, aber richtig wohlgefühlt habe ich mich dabei nicht.

Immerhin konnten wir aber all unsere Favoriten, wie das Voletarium, die Silver Star und die Blue Fire abhaken und uns dann dort verstecken, wo eigentlich nie jemand ist. Beim Abenteuer Atlantis habe ich zum Beispiel noch nie warten müssen. Warum eigentlich nicht? Ich finde diesen interaktiven Darkride wirklich lustig.

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Abends ging es dann in das nächste Hotel, das Krønasår, das direkt neben dem neuen Wasserpark Rulantica liegt und somit auch das neuste der Europapark-Hotels ist.
Die Thematisierung hier ist wirklich traumhaft!
Das Krønasår ist ein Museum Hotel im skandinavischen Stil, in dem jede Menge Schaukästen, Exponate und wissenschaftliche Illustrationen für ein Ambiente sorgen, das genau meinen Geschmack trifft.
Auch in den Zimmern gibt er Schaukästen und eine Bücherwand und nein, leider kann man die Bücher nicht herausziehen und darin lesen, trotzdem habe ich das Ambiente geliebt.

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Besonders schön konnte man hier auch Frühstücken, denn es gibt eine große Terrasse, die an ein künstliches Meer mit kleinem Hafen und Schiffchen gebaut ist.
Dazu gibt es ein wirklich reichhaltiges Buffet mit Zimtschnecken, die die Kinder und ich sehr lieben.
Für das Frühstück musste man übrigens auch schon im Vorfeld einen Zeitslot buchen. Das Buffet wurde stark entzerrt und Wurst, Käse und Brötchen gibt es nun hinter Plexiglasscheiben. Dort sagt man den Mitarbeitern einfach, was man gerne möchte und sie stellen es dann zusammen. Das hat wirklich gut geklappt und im Krønasår musste ich auch nie warten.

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Zum Abschluss der Reise ging es dann in den neuen Wasserpark Rulantica.
Auch der ist skandinavisch thematisiert, mit einem Tannenwald, einem nordischen Fischerdorf und einem Eispalast.
Es gibt viele Rutschen, einen wirklich wunderschönen Wasserspielplatz für Kinder, ein Wellenbad und Entspannungsbecken.
Hier herrscht natürlich keine Maskenpflicht und deshalb gibt es auch Beschränkungen an den Becken. Ich musste zwar nie besonders lange warten und ich hatte auch nie das Gefühl, komplett auserhalb meiner Komfortzone zu sein, trotzdem habe ich Rückzugsorte vermisst.

Besonders groß ist Rulantica nämlich nicht und auch wenn es wirklich zum Niederknien schön thematisiert ist – besonders für Kinder – finde ich den Preis dann doch etwas überzogen.
Mein 13-Jähriger zählt natürlich schon als Erwachsener, schlägt also mit 38,50 € zu buche und auch für den 5-Jährigen muss bereits 35,50 € bezahlen. Auch Abendtickets sind nur 3 € günstiger.
Meine Meinung: Da muss noch einiges kommen, um die Preise zu rechtfertigen oder es sollten auch Stundentarife angeboten werden, wie in anderen Bädern oder Thermen.

Später an diesem Tag machten wir uns dann wieder auf den Heimweg.
Es war ein wirklich schöner, aber auch anstrengender Roadtrip mit den Kindern, bei dem ich zwar hin und wieder außerhalb meiner Komfortzone, insgesamt aber recht zufrieden damit war, wie die aktuellen Herausforderungen gelöst wurden.

Ich hoffe, ich habe all die Fragen beantwortet, die mir viele von euch während der Reise geschickt haben und kann euch mit diesem Beitrag ein wenig mit der Entscheidung helfen, ob so ein Urlaub für euch infrage kommt oder nicht.

Alles Liebe,
Andrea

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Ausflüge im August?

Ein Sprichwort, an das ich dieses Jahr oft denken muss, ist: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“.
Ich denke, jeder von uns hat dieses Jahr Pläne gemacht, die dann spektakulär ins Wasser gefallen sind, deshalb traue ich mich fast gar nicht mehr, darüber zu schreiben… Allerdings habe ich die nächsten drei Wochen Urlaub und natürlich habe ich ein paar vorsichtige Pläne gemacht. Drückt mir die Daumen, daß etwas daraus wird!

Ich habe die leise Hoffnung, daß ich bald das Meer sehen darf. Hoffen wir mal, daß uns die aktuelle Situation dem keinen Strich durch die Rechnung macht.
Dafür habe ich mir diese drei Titel ausgesucht, die zwar alle noch nicht regulär erschienen sind, die ich aber unbedingt in Wassernähe lesen möchte.

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„Unter uns das Meer“ von Amity Gaige erscheint erst Ende September, aber die Geschichte schreit geradezu danach, am Meer gelesen zu werden. Immerhin geht es um eine Familie, die sich auf einen Segeltörn in die Karibik aufmacht. Da wäre es doch schade, dieses Buch erst im Herbst in der S-Bahn zu lesen.

Ein dünner Kurzgeschichtenband, der Sommer und Meer verspricht ist „Nach der Sonne“ von Jonas Eika. Ich stelle mir vor, Abends mit Blick aufs Meer darin zu lesen, aber besser nicht zu sehr, sonst bin ich am Ende nur zu enttäuscht, wenn doch wieder nichts daraus wird. „Nach der Sonne“ erscheint am 17. August.

„Untertauchen“ von Daisy Johnson spielt zwar nicht am Meer, sondern auf einem Hausboot, trotzdem darf es mit in den Urlaub, denn auf diesen Titel bin ich schon gespannt, seit er vor zwei Jahren für den Booker Prize nominiert war.
Auf Deutsch erscheint „Untertauchen“ am 14. September.

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Drei Romane, die ich bereits im Juli gelesen oder zumindest angelesen habe, sind „Zeit der Wildschweine“, „Schwarzpulver“ und „Die Wahnsinnige“.

„Zeit der Wildschweine“ ist ein Titel, den mir bereits mehrere Kollegen ans Herz gelegt haben und da Kai Wieland im Herbst wohl in unserer Filiale zur Langen Nacht des Lesens zu Gast sein wird, möchte ich den Roman vorher auf jeden Fall noch lesen.

Ein Debütroman, der mich komplett geplättet hat, ist „Schwarzpulver“ von Laura Lichtblau.
Darin geht es um drei Protagonisten, die in Berlin – wenige Jahre in der Zukunft – leben. Der einzige Unterschied zu unserer Zeit ist, daß mittlerweile eine rechtspopulistische Partei an der Macht ist, die ihre streng konservativen Werte mit einer solchen Macht durchsetzt, daß sich die Geschichte fast schon wie eine Dystopie liest.
Bald hört ihr mehr darüber!

Ein Buch, auf das ich schon gewartet habe, seit ich ein Teenager war, ist „Die Wahnsinnige“ von Alexa Hennig von Lange. Mit etwa 13 Jahren hörte ich zum ersten mal von Johanna von Kastilien, die eigentlich eine der mächtigsten Königinnen ihrer Zeit hätte sein sollen, die aber von ihrer Familie weggesperrt wurde.
Die Geschichte hat mich schon damals unheimlich fasziniert, als mir eine Biografie von Johanna in die Hände fiel. Daß es jetzt endlich einen Roman über diese spannende Frau gibt, freut mich ungemein!
„Die Wahnsinnige“ erscheint am 18. August.

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Obwohl ich mir eigentlich schon wieder viel zu viel vorgenommen habe, haben es aber diesen Monat dann noch zwei richtig dicke Wälzer auf meinen Lesestapel geschafft.

„Brüste und Eier“ von Mieko Kawakami kommt mit einer solch begeisterten Empfehlung von meinem Lieblingsautor Haruki Murakami daher, daß ich nicht anders konnte, als es mir vorzunehmen.
Der Titel erscheint am 18. August.

Und dann musste ich mir noch „A Beautifully Foolish Endeavor“, die Fortsetzung von „An Absolutely Remarkable Thing“ („Ein wirklich erstaunliches Ding“) von Hank Green gönnen.
Der erste Teil hat mir wirklich gut gefallen, nur das Ende hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen. Hoffentlich werden all die Fragen, die nach dem ersten Teil noch offen waren, endlich geklärt.

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Als wäre mein Auguststapel damit noch nicht hoch genug, habe ich mir auch zwei ganz dünne Bändchen ausgesucht. So habe ich immer noch etwas leichtes (aber gehaltvolles) zur Hand, wenn ich die Wälzer nicht mitschleppen möchte:

„Sh*tshow“ von Richard Russo ist eine politische Parabel auf die Präsidentschaft von Donald Trump, „Frausein“ von Mely Kiyak ist ein Essay, der sich auf sehr persönliche Weise mit dem Thema Weiblichkeit auseinandersetzt.
„Frausein“ erscheint am 17. August.

Wie sieht es bei euch aus?
Habt ihr für dieses Jahr Urlaubspläne gemacht, oder bleibt ihr daheim?
Und wenn ihr Urlaub macht: Welche Bücher nehmt ihr mit?

Sonnige Grüße,
Andrea

Kurz und knapp: Empfehlungen aus dem Podcast #1

In den letzten Monaten war ich ja auf diesem Blog nur recht sporadisch aktiv.
Der Grund dafür war in erster Linie der Lockdown, durch den ich drei Monate lang keine freie Minute für mich hatte.
Ich kann mich wirklich nur vor den Laptop setzen und konzentriert schreiben, wenn kein Kind um mich herumspringt und meine Aufmerksamkeit fordert. Ach ja, und natürlich wäre es dazu auch hilfreich, tatsächlich vor einem Laptop sitzen zu können. Wenn der aber vom großen Sohn beansprucht wird, um seine Schulaufgaben machen zu können, dann wird schnell klar, daß für das Bloggen kaum Zeit bleibt.

Ein weiterer Grund, der zu der Corona-Krise dazu kam, war daß der Seite an Seite – Podcast meines Kollegen Andi und mir Anfang März seinen Relaunch erlebte und seitdem ganz professionell von Hugendubel produziert wird.
Während Andi und ich also früher in unseren „Wohnzimmerfolgen“ einfach losredeten und uns keinerlei Gedanken über Form und Gliederung machten, werden die neuen Episoden natürlich wesentlich intensiver vorbereitet. Dazu gehört auch, daß wir ein Skript schreiben, um unserer Redakteurin eine Art Fahrplan für die Folge zu geben und auch um uns abzustimmen, über welche Themen wir diskutieren wollen.
Nun ist es so, daß sich die Skripte, die wir schreiben, einfach nicht auf den Blog übertragen lassen. Dazu sind sie viel zu stichpunktartig und zu unvollständig.
Wenn ich dann aber bereits ein Skript zu einem Buch angefertigt und auch schon im Podcast ausführlich davon erzählt habe, stelle ich inzwischen fest, daß ich bei den meisten Titeln wenig hinzufügen kann. Es fühlt sich dann für mich fast so ein, als würde ich nur noch vom Podcast abschreiben.
Deshalb dachte ich, daß es doch schön wäre, die Titel an dieser Stelle noch einmal kurz und knapp vorzustellen und wenn ihr Lust bekommen habt, mehr zu erfahren, dann könnt ihr das ganz einfach in der entsprechenden Podcast-Folge tun.

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Jasmin Schreiber – Marianengraben

In unserer ersten professionellen Folge, die ihr als Folge #5 hören könnt (immerhin hatten wir vier Episoden bereits mit liebevollem Dilettantismus und wenig Ahnung von Schnittprogrammen in Andis Wohnzimmer aufgenommen) stellte ich Jasmin Schreibers Debütroman „Marianengraben“ vor.

Darin wird die Geschichte von Paula erzählt, die nicht über den Tod ihres kleinen Bruders Tim hinwegkommen kann. Als sie aber eines Nachts auf dem Friedhof einbricht, macht sie eine Begegnung, die ihrem Leben eine völlig neue Richtung geben und sie auf einen unerwarteten Roadtrip schicken wird.

In „Marianengraben“ gelingt Jasmin Schreiber der Spagat zwischen Humor und Traurigkeit perfekt. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe die schönsten Sätze daraus auswendig gelernt… Was will man mehr?

Nachzuhören in Folge #5 Nackt im Hotel Corona

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Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Kaum tauchen wir aus dem Marianengraben auf, erwarten uns schon die nächsten Abgründe mit Katya Apekinas literarischen Erfolgsdebüt „Je tiefer das Wasser“.

Als sich ihre Mutter versucht, das Leben zu nehmen, werden die Schwestern Edie und Mae von Louisiana nach New York geschickt, wo sie von nun an bei ihrem Vater, einem berühmten Schriftsteller, leben sollen. Zu dem hatten die beiden zwar keinerlei Kontakt seit er die Familie kurz nach Maes Geburt verließ, trotzdem kümmert er sich sofort rührend um seine Töchter. Es scheint, als wolle er die verlorenen Jahre wieder gutmachen, doch seine immer besitzergreifendere Art bereitet Edie schnell Kopfzerbrechen. Sie sieht ihre Loyalitäten klar bei der Mutter und bricht auf, um sie aus der Nervenklinik zu befreien. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwestern voneinander getrennt sind, entwickelt sich zwischen den Mädchen und dem jeweiligen Elternteil eine immer verstörender werdende Dynamik.

„Je tiefer das Wasser“ ist ein Roman, der dem Leser die volle Dramatik der Geschichte nur nach und nach preisgibt. Erzählerisch macht das Katya Apekina mit verschiedenen Erzählebenen und Perspektiven so gekonnt, daß ich fast gar nicht glauben kann, daß dies ihr erster Roman ist.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, was wir von dieser Autorin noch alles in Zukunft erwarten dürfen.

Nachzuhören in Folge #6 Germanys next Lovestory

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Angie Kim – Miracle Creek

Ein Gesellschaftsroman, der auch ein Thriller sein könnte, ist „Miracle Creek“ von Angie Kim. Darin geht es um die Bewohner der Kleinstadt Miracle Creek, in der ein schreckliches Unglück passiert ist: bei einer Explosion starben zwei Menschen, darunter der achtjährige Henry. Nun ist ausgerechnet seine Mutter Elizabeth wegen Mordes angeklagt; doch ist der Fall wirklich so klar, wie es zunächst den Anschein hat?

Als die Betroffenen ihre Aussagen machen, begreift man als Leser schnell, daß jeder etwas zu verheimlichen hat und das der Fall nur gelöst werden kann, wenn man die Widersprüche in den Aussagen aufdeckt und so der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ein wirklich spannender und überraschend vielschichtiger Roman, der mich ein wenig an „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joël Dicker erinnert hat.

Nachzuhören in Folge #8 Üble Überraschung

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James Baldwin – Giovannis Zimmer

Einen modernen Klassiker haben sich Andi und ich in Folge #9 mit „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin vorgenommen.

„Giovannis Zimmer“ zählt als einer der Klassiker der schwulen Literatur und wäre in den 1950er Jahren beinahe nicht erschienen; immerhin riet Baldwins Verleger ihm, das Manuskript zu verbrennen. Nun werden Baldwins Werke seit zwei Jahren in einer großartigen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow bei dtv neu aufgelegt.

David ist ein amerikanischer Auswanderer, der gemeinsam mit seiner Verlobten in Paris lebt. Als die aber alleine Urlaub in Spanien macht, verliebt sich David in Giovanni, bei dem er auch eine Zeitlang unterkommt.
Es ist nicht die erste homosexuelle Erfahrung für David, doch in den USA, wo Beziehungen zwischen Männern bei Strafe verboten sind, hat er einen regelrechten Hass auf sich und seine Gefühle entwickelt. Im liberalen Paris sieht er zum ersten Mal die Möglichkeit zu leben, ohne einen Teil seiner selbst verleugnen zu müssen. Trotzdem fühlt er, daß die Zeit mit Giovanni schon bald ein Ende finden wird.

„Giovannis Zimmer“ liest sich – trotz seiner mittlerweile siebzig Jahre – immer noch unheimlich modern, was man wohl der wirklich großartigen Neuübersetzung zuschreiben muss. Doch der innere Kampf, den David mit sich ausfechten muss, lässt einen die Unterdrückung, die queere Menschen noch vor einigen Jahrzehnten erfahren mussten, auf eine fast schon beklemmende Weise miterleben.
Baldwins berühmtestes Buch ist daher keine leichte Lektüre, aber eine absolut lohnende!

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Franziska Hauser – Die Glasschwestern

Dunja und Saphie sind Zwillinge, doch sie haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Dann aber sterben die Männer der beiden am selben Tag völlig überraschend; ein Ereignis, das die Schwestern völlig aus der Bahn wirft.
Saphie, die ein Hotel in der Kleinstadt im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet leitet, in der die Zwillinge aufgewachsen sind, stürzt sich in die Arbeit, während Dunja zunächst einmal gar nicht mehr weiß, was sie nun tun soll. Ihre Kinder sind fast erwachsen und behandeln die Mutter wie eine unliebsame Mitbewohnerin, auf die Arbeit als DaF-Lehrerin kann sie sich nicht wirklich konzentrieren und plötzlich steht die Frage im Raum, ob es nicht Zeit ist, noch einmal neu anzufangen.
Und so zieht Dunja in das Hotel ihrer Schwester, um sich neu zu orientieren, doch nach und nach scheint es, als müssten die Zwillinge das Leben der jeweils anderen übernehmen, um wieder glücklich werden zu können.

„Die Glasschwestern“ ist ein Roman, der viele Themen anschneidet: Tod, Trauer, Depression und die Abnabelung der Kinder, der aber auch auf die deutsche Geschichte kurz vor der Wende eingeht und sich mit Flucht und Verrat beschäftigt. Lauter schwierige Themen, so könnte man meinen, trotzdem liest sich dieses Buch mit einer regelrechten Leichtigkeit und unbeschwertem Humor. Denn – das wird schnell klar – die beiden Schwester und ihre Familie lieben sich trotz all des Dramas und als Leser kann man nicht anders, als sich zu wünschen, Teil dieser Familie zu sein.

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ende des 19. Jahrhunderts hat der Leiter der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, den ehrgeizigen Plan, die besten Vertreter des neuen französischen Impressionismus in sein Museum zu holen. Er ist begeistert von Monet, Manet, Renoir und Degas und erkennt als einer der Ersten, wie revolutionär diese neue Kunstform ist. Doch das ruft auch viele Neider auf den Plan. Schon bald entwickelt sich die Frage, ob diese Gemälde ausgestellt werden sollen, zu einem Politikum, das sich bis in die höchsten Kreise um Kaiser Wilhelm II. zieht.

Auch als begeisterter Kunst- und Museumsfan muss ich zugeben, daß ich zuvor noch nie von Hugo von Tschudi gehört hatte. Und das, obwohl die Bilder von van Gogh oder Degas, die ich schon oft in der Neuen Pinakothek in München gesehen hatte, dank der Tschudi-Spende nach München kamen, wo er Museumsleiter wurde, nachdem er in Berlin in Ungnade gefallen war.
Dabei war Hugo von Tschudi ein absolut faszinierender Charakter: zwar war er mit allen bedeutenden Künstlern der damaligen Zeit befreundet oder zumindest bekannt, trotzdem gibt es kein Porträt von ihm, da sein Gesicht von Lupus völlig entstellt war.

Mariam Kühsel-Hussaini schreibt über diesen faszinierenden Mann in einem Stil, der wie mit dem Pinsel eines Impressionisten aufgetragen scheint; sie erschafft neue Worte und spielt begeistert mit den Möglichkeiten der Sprache.
Es würde mich wirklich wundern, wenn dieser Titel nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchen würde.

Nachzuhören in Folge #10 First Date im Fetischshop

 

Review: Die Schönheit der Begegnung

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Diese Frage wird vielen frisch verliebten Paaren gestellt und alle haben dann eine ganz einzigartige Geschichte zu erzählen.

Auch Frank Berzbach, den man von seinen Sachbüchern „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ oder „Die Form der Schönheit“ kennt, fand die Geschichte wie er seine Freundin kennengelernt hat, wäre es wert aufgeschrieben zu werden. Ein Geburtstagsgeschenk für die Liebste sollte es sein; ganz privat und bestimmt nicht zur Veröffentlichung gedacht.
Also begann er, die Geschichte dieses Kennenlernens aufzuschreiben und merkte schnell, daß vielleicht mehr dahinter steckte, als eben nur dieser eine Moment.
Und so schrieb Frank Berzbach eine weitere Fassung. Und dann noch eine. Und noch eine…
Am Ende waren es ganze 32 Variationen, die er drucken und binden ließ und seiner Freundin schenkte. Ein sehr persönliches Geschenk, von dem die Verlegerin Julia Eisele Wind bekam und Frank Berzbach überreden konnte, das Ganze doch auch für ein größeres Publikum herauszugeben.

Dabei entstand dieser wirklich ganz wunderbare Band, in dem der Ich-Erzähler 32 mal von der ersten Begegnung mit seiner großen Liebe Linh erzählt.
Langweilig wird es für den Leser aber nie, denn auch wenn die Prämisse immer die gleiche bleibt, so unterscheiden sich die Orte und Umstände unter denen sich die Protagonisten begegnen, in jeder neuen Geschichte deutlich von der vorherigen.
Da kann das erste Treffen an so banalen Plätzen wie an einer Pommesbude oder in einem Café stattfinden, oder an so ausgefallenen Orten wie in einem Kloster bei christlichen Orientierungstagen oder in einem Fetischshop.
Auch die Art und Weise, wie sich die beiden Liebenden einander nähern variiert von Mal zu Mal. Ist es in einer Geschichte noch ein leidenschaftlicher Impuls, der Linh und den Erzähler gleich am ersten gemeinsamen Abend im Bett landen lässt, zieht es sich das Kennenlernen in der nächsten Episode vielleicht über Wochen oder Monate hin.
In einer Geschichte, die mir unheimlich gut gefallen hat, werden die beiden auch erst im hohen Alter ein Paar.

Jede dieser Variationen ist nur sehr kurz, gerade einmal fünf, sechs Seiten lang. Trotzdem fühlte ich mich nie unvermittelt aus einer Geschichte herausgerissen, wie es für mich bei Kurzgeschichten sonst oft der Fall ist. Denn auch wenn die Berufe und Orte ständig wechseln, gibt es verbindende Themen und Figuren, die in beinahe jeder Variation auftauchen, wie beispielsweise die Romane von Paul Auster und Haruki Murakami, die Beatles, die Liebe zu Tee und guter Musik oder die Tätowiererin Ada.
Als Leser fallen einem mehr und mehr Parallelen aber auch Unterschiede zwischen den Episoden auf und man beginnt zu rätseln, welches denn nun die wahre Geschichte sein könnte.

„Die Schönheit der Begegnung“ hat mir unheimlich viel Freude bereitet.  Ich bin geradezu durch das Buch geflogen und konnte es kaum erwarten, gleich in die nächste Variation einzutauchen.
Frank Berzbachs neustes Buch garantiert kurzweilige Unterhaltung, die die Schönheit des Augenblicks und des Alltäglichen feiert. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

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Übrigens: Im Seite an Seite – Podcast sprechen mein Kollege Andi und ich auch nochmal ganz ausführlich über „Die Schönheit der Begegnung“.
Hört doch mal rein:
Folge #10 First Date im Fetischshop
Oder auf Spotify, Apple Podcasts und de Podcastanbieter eurer Wahl.

Sommerlaune im Juli

In den letzten Tagen ist es richtig heiß geworden, und ich verbringe die Tage mit meinen Kindern am See. Gelegentlich komme ich sogar dazu, ein bißchen zu Lesen und man könnte fast meinen, das Jahr würde endlich in halbwegs normale Bahnen geraten. Trotzdem stelle ich fest, daß ich immer noch aus dem Tritt bin, was meine Blogbeiträge angeht, deshalb gibt es heute (etwas verspätet) meinen Juli-Stapel.

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Einen  Titel, über den ich sogar schon in unserer neusten Podcast-Folge spreche, ist „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano.
Vor zwei Jahren war ich ja mit meinen Söhnen im Urlaub in Südtirol, wo wir auch am Reschensee mit dem berühmten Kirchturm vorbeikamen.
Balzanos Buch hat für mich nochmal ein ganz neues Licht auf dieses Erlebnis geworfen. In „Ich bleibe hier“ wird die Geschichte des Dorfes Graun in Südtirol erzählt, das zunächst zwischen die Fronten der Faschisten während des Zweiten Weltkriegs gerät und später einem Staudammprojekt zum Opfer fällt.

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Ein Buch, das ich nun auch schon länger auf meinem SUB hatte, und mit dem ich nun endlich angefangen habe, ist „The Confession“ („Die Geheimnisse meiner Mutter“) von Jessie Burton. Von ihr habe ich schon „The Miniaturist“ und „The Restless Girls“ gelesen und war von beiden sehr angetan.
Auch Burtons neuer Roman über eine junge Frau, die ohne Mutter aufwächst und nach und nach beginnt, deren Geheimnisse zu lüften, fängt schon mal sehr spannend an!

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Ein weiterer Titel, den ich schon gelesen habe und über den ihr bald mehr hören werdet, ist „Paradise City“ von Zoë Beck.
In diesem beinahe schon dystopischen Roman tauchen wir in ein Deutschland etwa hundert Jahre in der Zukunft ein. Die Küstenstädte sind überschwemmt, viele Landstriche regelrecht entvölkert, nachdem nun der Großteil der Bevölkerung in riesigen Megacities lebt.
Dank Rund-um-die Uhr-Überwachung durch eine Gesundheitsapp sind auch so gut wie alle Krankheiten ausradiert, doch die Journalistin Liina stößt auf immer mehr Ungereimtheiten…
„Paradise City“ liest sich jetzt in Zeiten von Corona an einigen Stellen ja geradezu prophetisch . Dabei hat Zoë Beck bereits vor zwei Jahren mit der Arbeit an diesem Roman begonnen. Welche Entwicklungen es nun bis zum Erscheinen dieses Thrillers gegeben hat, damit hätte Beck vermutlich nicht gerechnet!

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Eine Neuheit, die ich schon mal angelesen habe, ist „Die Sommer“ von Ronya Othmann.
Darin geht es um Leyla, die als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden in München aufwächst und die Sommer bei der Familie des Vaters in Syrien, nahe der türkischen Grenze verbringt.
Bisher eine wirklich schöne Lektüre, mit einem mitreißenden Schreibstil.
(„Die Sommer“ erscheint am 17.08.)

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Ihr wisst ja, wie sehr ich Graphic Novels liebe und deshalb freue ich mich diesen Monat ganz besonders über „Unfollow“ von Lukas Jüliger, der eine wirklich spannende Geschichte erzählt: Was, wenn die Natur zum Influencer werden würde? – Mit Instagram Account und eigenem YouTube-Kanal?
Ein wirklich einzigartiges Gedankenexperiment, dessen Bilder die Handlung perfekt in Szene setzen.

Das sind die Bücher, die ich im Juli lese/gelesen habe/lesen werde…
Kennt ihr vielleicht das ein oder andere davon?

Liebe Grüße und bleibt gesund,
Andrea

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Sommerloch im Juni

In meiner Stadt eröffnet nächste Woche das Freibad, was wohl bedeutet, daß der Sommer dieses verrückten Jahres begonnen hat.

Meine Leselisten sind ordentlich durcheinander geraten. Die Kinder sind ja immer noch zu Hause und so bleibt meine Lese- und Blogzeit weiter begrenzt.
Dafür habe ich jetzt damit begonnen, Hörbücher zu hören. In dem knappen Monat, seit ich eine Hörbuch-Flatrate spendiert bekommen habe, hab ich schon 30 Hörbücher gehört, also jeden Tag eines!

Mit dem Podcast geht es fröhlich weiter, auch wenn wir gerade in einer Art Sommerloch stecken, bei dem wir über die meisten Titel des Frühjahrs, die uns interessiert haben schon geredet haben und alles, worauf wir uns jetzt freuen noch nicht erschienen ist.

In meinem Juni-Stapel gibt es deshalb auch Titel, die noch nicht erschienen sind, die ich aber unbedingt schon lesen, bzw. anlesen wollte.

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Beginnen wir aber mit den Romanen, die schon auf dem Markt sind:
„Der Hund“, „Das Holländerhaus“ und „Was wir voneinander wissen“.

„Der Hund“ von Akiz ist das tatsächlich der einzige Titel auf diesem Stapel, den ich noch nicht angelesen habe. Es geht darin um einen Waisenjungen, der ein ganz besonderes kulinarisches Talent hat.

In „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett geht es um zwei Geschwister, die in einem riesigen und luxuriösen Zuhause aufwachsen, bis sie von ihrer Stiefmutter auf die Straße gesetzt werden…
Mit diesem Roman habe ich schon angefangen und den Stil und die Charaktere bisher sehr einnehmend gefunden.

Auch „Was wir voneinander wissen“ von Jessie Greengrass habe ich bereits angelesen, allerdings konnte mich die Geschichte um eine Frau, die über die Beziehung zu ihrer Mutter und dem eigenen Verhältnis zur Mutterschaft nachdenkt, noch nicht so wirklich fesseln.
Trotzdem möchte ich diesem Titel auf jeden Fall eine Chance geben, wenn ich vielleicht Ende des Monats wieder etwas mehr Zeit habe, um konzentrierter zu lesen.

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Der Titel, der mich im Augenblick am meisten bei der Stange hält, ist „Writers & Lovers“ von Lily King. Ihren Roman „Euphoria“ habe ich vor ein paar Jahren recht begeistert gelesen und auch hier überzeugt mich Kings leichter aber vielschichtiger Schreibstil.
Dieser Titel wird am 16. Juli erscheinen. Dann erzähle ich euch mehr darüber!

Das einzige Buch, das ich von diesem Stapel schon komplett gelesen habe, ist ironischerweise auch das, das noch am längsten auf sich warten lässt. „Turbulenzen“ von David Szalay erscheint nämlich erst am 17. August, aber soviel kann ich vielleicht schon verraten: Das Warten lohnt sich!

Neben meinem Schreibtisch stapeln sich die Titel, die noch rezensiert werden wollen; im Regal warten schon Vorabexemplare, die teilweise erst im September erscheinen werden.  Meine Kinder werden noch mindestens drei Wochen zu Hause bleiben und es fällt in dieser Situation weiterhin schwer, Zeit zum Lesen oder Bloggen zu finden, aber immerhin ist der Podcast eine feste Größe.
Inzwischen habe ich die „Seite an Seite“-Rubrik hier auf der Website auf den neusten Stand gebracht und auch einen Link zum direkten Anhören für alle eingefügt, die keine Podcast-App benutzen. Hört mal rein!

Ich wünsche euch allen einen schönen Juni!
Bleibt gesund!

Eure Andrea

Review: Das wirkliche Leben

Die letzten Wochen habe ich ja Corona-bedingt kaum noch Rezensionen geschrieben. Dafür war es hier mit den Kindern zu chaotisch und auch der Relaunch des Podcasts hat viel Zeit in Anspruch genommen. Schön langsam aber – man glaubt es kaum – kehrt wieder ein wenig Ruhe ein und ich hoffe, daß ich den Stapel der Titel, die endlich rezensiert werden wollen, nach und nach in Angriff nehmen kann.

Ein Buch, von dem ich schon im Podcast geschwärmt habe und das ich hier auch nochmal vorstellen wollte, ist Adeline Dieudonnés Debütroman „Das wirkliche Leben“, welcher mich wirklich geplättet hat.

Es beginnt an einem Sommerabend in der Kleinstadt. Die zehnjährige Ich-Erzählerin und ihr sechsjähriger Bruder Gilles wollen sich nur schnell ein Eis holen, als sie Zeugen eines schrecklichen Unfalls werden; ein Mann stirbt direkt vor den Augen der Kinder.
Beide sind völlig traumatisiert, doch die Eltern sprechen nicht darüber, was passiert ist und bieten ihren Kindern auch keinerlei Trost. Allein die Erzählerin bemerkt, wie sich ihr kleiner Bruder mehr und mehr zurückzieht.
Als der ohnehin schon aggressive Vater der Mutter gegenüber immer handgreiflicher wird, scheint etwas in Gilles zu zerbrechen. Doch was kann eine Zehnjährige tun, um ihren Bruder vor all dem zu schützen?
Bald ist sie überzeugt davon, daß das Unglück am Abend des Unfalls seinen Anfang nahm und daß man in der Zeit zurückreisen müsste, um alles wieder ins Lot zu bringen und zurück in das „wirkliche“ Leben zu finden.
Wie eine Besessene beginnt sich die Ich-Erzählerin dem Ziel zu widmen, eine Zeitmaschine zu bauen, um den Unfall zu verhindern. Die ganzen Sommerferien über schraubt sie auf einem Schrottplatz an Autowracks und kaputten Mikrowellen herum und beginnt, Bücher über Physik zu verschlingen. Doch am Ende des Sommers muss sie enttäuscht feststellen, daß es nicht so einfach ist, die Zeit zurückzudrehen, wie es in den Filmen den Anschein hat.
Was ihr nach diesem Sommer bleibt, ist die Liebe zu den Naturwissenschaften und das unbedingte Bedürfnis, die Seele ihres Bruders doch noch irgendwie zu retten.

In den folgenden fünf Jahren wächst die Ich-Erzählerin heran, sie beschäftigt sich weiter mit Physik und bekommt sogar Privatunterricht von einem ehemaligen Uni-Professor, sie wird selbstständiger und reift zu einer jungen Frau heran, doch sie weiß, daß sie all das vor ihrem Vater geheim halten muss. Der wird immer aggressiver und beginnt nun auch seiner Tochter gegenüber handgreiflich zu werden. Doch die möchte sich nicht zm Opfer machen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und dabei auch ihren Bruder retten, der selbst immer grausamer und gefühlskälter wird.
Diese explosive Mischung steuert auf einen Höhepunkt zu, der es wirklich in sich hat und mich komplett zerstört zurückgelassen hat.

„Das wirkliche Leben“ ist ein Buch, das eine absolute Sogwirkung auf mich hatte. Auch wenn es stellenweise wirklich harte Kost ist, war ich von Anfang an voll in die Protagonistin investiert und musste einfach weiterlesen, um die Geschichte mit ihr zusammen durchzustehen.
Manche mögen diesem Buch handwerkliche Schwächen ankreiden, die ich zwar zum Teil nachvollziehen kann – immerhin haben wir es hier mit einem Debütroman zu tun – aber die ich jederzeit verzeihe, weil die Geschichte mich mit ihrer Intensität voll überzeugt hat.

Für mich ist „Das wirkliche Leben“ jedenfalls einer der Titel dieses Frühjahrs, den ich nur empfehlen kann, der aber auch nichts für schwache Nerven ist.