Review: Winter

Nachdem Ali Smiths Jahreszeitenquartett ja im englischsprachigen Raum große Erfolge gefeiert hat und auch diverse BookTuber aus dem Schwärmen nicht mehr herausgekommen sind, wollte ich diese Bücher so sehr lieben, wie alle anderen, doch der erste Teil „Herbst“ ließ mich etwas ratlos zurück.
Natürlich beeindruckte mich Smiths unheimlich dichter Erzählstil, doch ich hatte oft das Gefühl, der Handlung, die oft auf verschiedenen Metaebenen geführt wurde, nicht immer folgen zu können.
Deshalb war ich ein wenig hin- und hergerissen, ob ich denn nun beim Jahreszeitenquartett weiterlesen sollte. Als mir dann aber „Winter“ eher unerwartet in die Hände fiel, dachte ich: „Das ist ein Zeichen. Du solltest dem ganzen noch eine Chance geben!“.
Diese Chance habe ich definitiv nicht bereut, denn „Winter“ hat mich quasi im Alleingang aus einer schlimmen lockdownbedingten Leseflaute herausgerissen.

Arthur, genannt Art, ist ein relativ erfolgreicher Nature Writing Blogger. Doch  was die wenigsten wissen ist, daß all die stimmungsvollen Beiträge, in denen er von seinen Erlebnissen in der Natur berichtet und die er auf „Art in Nature“ teilt, allesamt frei erfunden sind.
Daß Art ein ziemlicher Blender ist, bringt seine Freundin Charlotte eines Tages derart in Rage, daß sie ihm nicht nur den Laufpass gibt, sondern auch noch seinen Laptop zerstört, seinen Twitter Account hackt und in seinem Namen einen Shitstorm nach dem anderen auslöst.
Um Charlotte nicht wenigstens auch noch die Befriedigung zu geben, am Heiligabend alleine bei seiner Mutter auftauchen zu müssen, heuert Art kurzentschlossen eine junge Frau namens Lux an, die er an einer Bushaltestelle kennenlernt. Die soll beim gemeinsamen Weihnachtsessen als Charlotte auftreten, doch als das vorgebliche Paar im Landhaus von Arts Mutter Sophia eintrifft, finden sie die ältere Frau in einem ziemlich desolaten Zustand vor.
Lux überredet Art Sophias Schwester, seine Tante Iris, anzurufen und um Hilfe zu bitten, doch Art ahnt, daß dies eine schlechte Idee sein könnte; immerhin haben die beiden Schwestern seit dreißig Jahren nicht mehr miteinander gesprochen.

Sophia kämpft derweil mit ihren eigenen Dämonen, beziehungsweise der Halluzination eines Kopfes, der sie ständig verfolgt. Als also ihr Sohn, seine Freundin und ihre Schwester plötzlich alle in ihrem Haus auftauchen, ist sie alles andere als glücklich über diesen Weihnachtsbesuch…

In Rückblenden erfahren wir auch vom Leben der beiden Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Sophia, die sehr konservative Ansichten hat und sich mit ihrem ererbten Reichtum Sonderbehandlungen erkauft und Iris, die ihr Leben lang in Kommunen gelebt hat und nun in den Auffanglagern im Mittelmeerraum unterwegs ist, um den Geflüchteten dort zu helfen.

Ali Smiths Jahreszeitenquartett ist ein Kommentar auf die politischen Entwicklungen in der Welt und im Besonderen in Großbritannien.
So ist beispielsweise Sophias riesiges Landhaus, in dem sie angeblich keinen Platz für die Verwandten hat und sie stattdessen bittet, in der Scheune zu übernachten, eine unverhohlene Kritik an der britischen Flüchtlingspolitik oder Charlotte, die mit den Falschmeldungen, die sie auf Arts Plattformen verbreitet, eine Anspielung auf Fake News und Alternative Facts, die ein unerwartetes Eigenleben entwickeln.

Wie andere Werke von Smith strotzt „Winter“ nur so von politischen, aber auch literarischen und mythologischen Anspielungen und Wortspielen, die man vielleicht manchmal in der deutschen Übersetzung nicht sofort begreift, über die man sich jedoch unheimlich freut, wenn sie einem dann doch ins Auge stechen.

Auch stilistisch hat mich Ali Smith hier noch einmal sehr begeistern können. Immer wider benutzt sie erzählerische Kniffe, die ich so noch nie gelesen habe, wie beispielsweise als sich Art und Lux kennenlernen und sich derart fremd sind, daß man zuerst Arts Teil des Dialoges liest und danach dann Luxs Antworten und man sich das Gespräch im Kopf zusammenpuzzeln muss, was ich unheimlich kreativ und witzig fand.

Während ich also nach der Lektüre von „Herbst“ noch etwas unentschlossen war, bin ich nun nach „Winter“ absolut begeistert von Ali Smiths Romanreihe und freue mich schon sehr auf „Frühling“, den dritten Teil des Quartetts, der Ende des Monats erscheinen wird.
Die einzelnen Bände bauen übrigens inhaltlich nicht aufeinander auf. Angeblich sollen die Protagonisten der verschiedenen Bände zwar im letzten Band „Sommer“ auftauchen, die Reihenfolge davor kann jeder Leser aber selbst wählen.

Meine Rezension von „Herbst“ findet ihr übrigens hier:

Review: Herbst

 

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

3 Kommentare zu „Review: Winter“

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