Review: Ministerium der Träume

Letztes Jahr machte Hengameh Yaghoobifarah ja mit der taz-Kolumne „All cops are berufsunfähig“ von sich reden und spaltete damit das Land. Während Polizeigewerkschaften und der Bundesinnenminister Yaghoobifarah anzeigen wollten, feierten andere Schriftsteller den Text als gelungene Satire.
Ich persönlich fand die Reaktionen darauf eigentlich spannender, als den Text selbst. Yaghoobifarahs Debütroman hätte ich deshalb vermutlich nicht auf dem Schirm gehabt, hätte ich den irgendwie sehr sanft klingenden Titel „Ministerium der Träume“ nicht als einen starken Kontrast zu der frechen Schreibe der Autor:in empfunden. Meine Neugier war jedenfalls geweckt.

Als sie vom Tod ihrer geliebten Schwester Nushin erfährt, bricht für Nasrin eine Welt zusammen; immerhin sind die beiden ihr ganzes Leben lang zusammen durchs Feuer gegangen.
Sofort hat Nas das Gefühl, daß mehr hinter Nushs Tod stecken muss, als ein einfacher Autounfall, doch an Selbstmord können weder sie noch Nushins Tochter Parvin glauben. Als die Polizei der Autowerkstatt die Schuld an dem Unfall gibt, sind sich beide jedoch einig, daß sie auch diese Erklärung nicht nachvollziehen können.
Schnell jedoch muss Nas die Gedanken an den Tod ihrer Schwester zur Seite schieben und ein neues Leben beginnen, denn nun ist sie der Vormund ihrer 14-jährigen Nichte, die sie mit ihren Eskapaden ständig an ihre Grenzen bringt.

In Rückblenden erfahren wir vom Leben der beiden Schwestern, die als Kinder mit der Mutter vor dem Golfkrieg aus Teheran flohen, von der Ermordung des Vaters, dem Leben als Geflüchtete in Deutschland, von den ständigen Mikroaggressionen, denen die Mädchen ausgesetzt waren, bis hin zu Nasrins Vergewaltigung durch einen Neonazi.

Je länger Nas über ihre Schwester nachdenkt, desto klarer wird ihr, daß Nush ein Geheimnis vor ihr gehabt haben muss. Aber welches? Liegt der Schlüssel zu Nushins Tod irgendwo in der Vergangenheit der Schwestern?

„Ministerium der Träume“ ist ein unheimlich starkes Debüt, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Denn die Aggressionen, denen die Protagonist:innen aufgrund ihrer Herkunft ausgesetzt sind, waren eine Erfahrung für mich, an der ich zunächst ganz schön zu knabbern hatte.
Ich habe mich immer als einen sehr aufgeschlossenen Menschen gesehen, doch bei einigen Szenen in diesem Buch ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: „Okay, ist das jetzt nicht zu dick aufgetragen? Kann es denn wirklich sein, daß eine Horde Neonazis eine Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund am helllichten Tag und an einem belebten Platz jagt, ohne daß jemand einschreitet? Kann es denn sein, daß sogar die Polizei wegschaut?“
Irgendwann wurde mir bewusst, wie sehr meine Gedanken den Aussagen männlicher Freunde ähnelten, wenn ich mit ihnen zum Thema „meetoo“ diskutierte: „Also, ich kann mir das gar nicht vorstellen…“ und „Ich kenne niemanden, der sowas tun würde!“
Als mir das klar wurde und ich aufhörte, ständig zu hinterfragen, ob die Geschichten, die Nasrin, Nushin und ihre Freund:innen erleben denn nun überzeichnet wären, begann ich mich auch an die Lichterketten zu erinnern, die nach rechtsextremen Anschlägen auf Asylbewerber Anfang der 1990er Jahre auch in meiner Stadt stattfanden, und zu denen mich meine Mutter damals mitnahm, ohne daß ich als Kind verstanden hätte, worum es ging.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf liegt das „Ministerium der Träume“ dann umso schwerer im Magen und ist gerade deshalb eine wirklich lohnende Lektüre, die mir die Realität, in der Menschen mit Migrationshintergrund leben, schonungslos vor Augen geführt hat.

Yaghoobifarahs Schreibstil ist in manchen Passagen recht derb, dann fast schon wieder poetisch. Schwankungen, die wohl zum Teil gewollt sind, die man aber häufig bei Debütromanen findet.
Das Ende kam mir ehrlich gesagt ein wenig zu abrupt. Ich wechselte mich immer wieder mit Lesen und dem Hören des Hörbuchs (übrigens ganz wunderbar eingelesen von Susan Zare) ab und wie es der Zufall so wollte kam ich während des Hörens zum Ende des Romans und musste mich dann zu Hause erst einmal davon überzeugen, daß nichts aus dem Buch fehlte.

Trotz dieser Kritikpunkte war „Ministerium der Träume“ ein Buch, das mich unheimlich beschäftigt und bereichert hat und der nächste Roman von Hengameh Yaghoobifarah wird definitiv auf meiner Leseliste landen.

Neuer Lesestoff im März

Ich bin wirklich gespannt, wie sich dieser Monat entwickelt.
Der Kleinste darf ja schon wieder in den Kindergarten, während der Große weiterhin Distanzunterricht hat und ich in den letzten Wochen wieder zum Mathe-Ass werden musste, um Extremwertbestimmungen bei Termen korrigieren zu können. 😉
Vielleicht kann ich diesen Monat auch wieder anfangen, zu arbeiten. – Nachdem ich nun seit Anfang Dezember nicht mehr im Laden war, wäre das auch einmal wieder schön.

Während ich den Novitäten-Frühling 2020 ja eher mau fand, bietet dieses Jahr eine ganze Reihe an Highlights auf, auf die ich mich schon sehr freue.

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Beginnen wir mit zwei Titeln, an denen man derzeit auf Instagram gar nicht vorbeikommt und die ich auf BookBeat bereits gehört habe oder gerade höre: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo und „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah.

„Kim Jiyoung“ war ein Sensationserfolg in Südkorea und hat sich inzwischen zum weltweiten Phänomen entwickelt. Warum das so ist, versteht man schnell, wenn sich mit dem Stoff beschäftigt; denn auch wenn der Schreibstil sehr schnörkellos und an manchen Stellen fast schon sachbuchhaft daher kommt, ist die Erzählung vom Leben einer typischen südkoreanischen Frau, deren Alltag von misogynen Mikroaggressionen geprägt ist, extrem bedrückend und doch gar nicht einmal so weit von der Lebensrealität westlicher Frauen entfernt, auch wenn vieles, das Kim Jiyoung in diesem Roman auf den Kopf zu gesagt wird hierzulande vielleicht eher hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird.

Hengameh Yaghoobifarah haben ja letztes Jahr mit ihrem umstrittenen Artikel „All cops are berufsunfähig“ eine ziemliche Kontroverse ausgelöst. Mich persönlich hat die Kolumne – wenn man sie aufs rein stilistische runterbricht – nicht besonders angesprochen und vermutlich hätte ich ihren Debütroman nicht wirklich auf dem Schirm gehabt, wäre nicht der irgendwie fast schon verträumt wirkende Titel für mich im starken Kontrast zu der rotzfrechen Schreibe des taz-Artikels gestanden.
So war ich dann aber doch recht neugierig und höre „Ministerium der Träume“ derzeit auf meinen Spaziergängen.
Die Geschichte erzählt von Nasrin, deren Schwester bei einem Verkehrsunglück ums Leben kommt. Ein Unfall oder doch Selbstmord?
Während Nasrins Gedanken immer wieder darum kreisen, was wohl mit ihrer Schwester passiert ist, muss sie sich nun auch um deren 14-jährige Tochter kümmern…

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Weiter geht es mit zwei Büchern von Autorinnen, die mich bereits mit ihren Debütromanen begeistert haben.

Raphaela Edelbauer war 2019 für ihr Debüt „Das flüssige Land“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Darin geht es um eine Stadt, die nach und nach von einem riesigen Loch verschluckt wird: Kafka meets Schildbürger.
In „Dave“ geht es nun um künstliche Intelligenz, was mich sofort an Ian McEwans „Maschinen wie ich“ denken lässt.

Megan Hunter hat mich bereits mit ihrem äußerst lyrischem Buch „The End We Start From“ („Vom Ende an“) in ihren Bann geschlagen.
In „Die Harpyie“ erfährt die Protagonistin Lucy, daß sie von ihrem Mann betrogen wird. Um die Beziehung zu retten, trifft man die Entscheidung, daß Lucy ihren Mann dreimal bestrafen darf…
„Die Harpyie“ hört sich für mich beinahe wie ein bitterböses Märchen an. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf!

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Zu guter Letzt liegen noch zwei spannungsgeladene Titel auf meinem Märzstapel: „Das Geheimnis von Zimmer 622“ und „Die Neue“.

Joël Dickers Bücher waren für mich bisher immer die perfekte Mischung aus Krimi und literarischem Genuß; in seinem vierten Roman hat er sich nun selbst zum Protagonisten gemacht.
Hier macht Joël Dicker Urlaub in einem Schweizer Hotel, in dem es zwar einen Raum 621a, aber keinen mit der Nummer 622 gibt. Was steckt wohl dahinter, fragen sich er und seine Zimmernachbarin schon bald und beginnen zu recherchieren…

„Die Neue“ von Harriet Walker ist dagegen ein waschechter Thriller, in dem nichts so ist, wie es scheint.
Ich habe bereits letztes Jahr das englische Manuskript gelesen, da „Die Neue“ mein bold-Patenbuch ist und ich euch im Lauf des Monats – und besonders zum Erscheinen am 18. März – ausführlich davon berichten werde.
Nur soviel sei schonmal verraten: An sich greife ich ja eher selten zu Thrillern, weil mir die Charaktere oft zu eindimensional sind. In „Die Neue“ haben wir es aber mit unheimlich ausgefeilten Charakteren und wechselnden Blickwinkeln zu tun, die den Leser ständig seine Vermutungen ändern lassen müssen.

Kennt ihr schon den ein oder anderen Roman auf meinem Märzstapel und auf welche Titel freut ihr euch in diesem Monat?
Ich wünsche euch eine gute Zeit.

Bleibt alle gesund,
eure Andrea

Review: Queenie

Ein Titel, der zugegebenermaßen völlig an mir vorbeigegangen wäre, wenn mich mein Kollege Christoph, der mich vor Kurzem bei zwei Podcast Folgen unterstützt hat, nicht darauf gestoßen hätte, ist „Queenie“ von Candice Carty-Williams.

Ausgezeichnet als Book of the Year beim British Book Award erwartet man natürlich ein Werk, das sich literarisch oder thematisch von anderen Titeln abhebt. Der Slogan, daß es sich bei Queenie um die Schwarze Bridget Jones handeln würde, irritierte mich da jedoch etwas. – ChickLit oder literarisch relevant?
Gemeinsam mit Christoph nahm ich mir also diesen Roman vor und erlebte dabei eine emotionale Achterbahnfahrt, wie ich sie bei kaum einem anderen Titel dieses Jahr erlebt habe.

Queenie ist Mitte zwanzig und hat einen vergleichsweise schlecht bezahlten Job bei einer Zeitschrift. Als erste in ihrer jamaikanisch-stämmigen Familie hat sie studiert, doch anstatt nun beruflich durchzustarten, steht sie sich meist selbst im Weg. 
Als ihr langjähriger Freund Tom sie um eine Beziehungspause bittet und Queenie zeitgleich erfährt, daß sie eine Fehlgeburt hatte, stürzt sie in ein tiefes Loch. Sie muss die gemeinsame Wohnung verlassen und sucht verzweifelt nach einer bezahlbaren Bleibe, wobei sie immer wieder an zwielichtige Typen gerät. Sie versucht, ihre Beziehung zu Tom zu kitten, doch der blockt jeden ihrer Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, ab. Um sich ein wenig von dieser trostlosen Situation abzulenken, meldet sich Queenie bei Dating-Apps an und durchlebt ein katastrophales Date nach dem nächsten, wobei die Männer ihre Einsamkeit und Verletzlichkeit schamlos ausnutzen.
Als sie dann auch noch von ihrem Job suspendiert wird und ihr eine ihrer besten Freundinnen die Freundschaft kündigt, erleidet Queenie einen kompletten seelischen Zusammenbruch und es braucht viel Kraft, Zeit und Hilfe, um sich aus diesem Tal herauszukämpfen.

Erzählt man allein die Handlung von „Queenie“ hört sich dieser Roman nach ganz schön harter Kost an und tatsächlich gab es auch immer wieder Szenen, bei denen ich kaum weiterlesen konnte.
Dabei erzählt Candice Carty-Williams jedoch mit einer so humorvollen und lockeren Art, daß man anfangs tatsächlich das Gefühl hat, man würde ChickLit lesen.

Zunächst war ich ehrlich gesagt auch eher irritiert von diesem Buch. Wie schon gesagt, erwarte ich bei einem preisgekrönten Titel einen gewissen literarischen oder thematischen Mehrwert, doch all das schien „Queenie “ zunächst nicht zu bieten.
Der Schreibstil ist nicht besonders anspruchsvoll und die Geschichte erinnert anfangs auch stark an all die üblichen 08/15 RomComs, in denen eine charmant naive Protagonistin von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert, bevor sie am Ende das große Glück findet.
Doch Candice Carty-Williams setzt dem Leser diese Klischees vor und beginnt sie nach und nach umzukehren. Denn es ist kein einfaches Missverständnis, das nur aufgeklärt werden muss, damit es zum Happy End kommen kann, sondern sehr viel harte Arbeit. Es ist auch kein gutaussehender Typ, der Queenie am Ende aus ihrem Elend rettet, sondern ein Plädoyer dafür, das selbst zu tun und daß es okay ist, sich dabei Hilfe zu holen. Der Vergleich zu Bridget Jones wurde ja öfter bemüht (im Übrigen von Candice Carty-Williams selbst, die diesen Vergleich aufbrachte, um die Verleger zu überzeugen, daß ihr Roman durchaus massentauglich wäre) und tatsächlich kommt auch in „Queenie“ eine Figur namens Darcy vor, die allerdings nicht der Ritter in schimmernder Rüstung ist, sondern Queenies beste Freundin.

Auch andere wichtige Themen werden angesprochen, wie zum Beispiel Depression, psychische Erkrankungen und deren Stigmatisierung. Was „Queenie“ jedoch in meinen Augen extrem relevant macht, ist das ständig präsente Hintergrundrauschen der Mikroaggressionen und des Alltagsrassismus, deren Opfer Queenie Tag für Tag wird; seien es nun beschwipste Mädchen, die ihr in der Disko durch die Haare wuscheln, oder rassistische Männer, die offenbar gezielt Schwarze Frauen daten, um sie dann zu demütigen.

Als die Black Lives Matter Bewegung im Frühling nach Deutschland schwappte und es auch hierzulande Proteste und Kundgebungen gab, empfahlen viele Buchblogger Leselisten mit Schwarzen Autor:innen, die man dringend gelesen haben sollte. Großartige Titel waren dabei, wie Underground Railroad, Heimkehren, Sing, Unburied, Sing, oder Washington Black; trotzdem schien mir etwas zu fehlen und lange Zeit konnte ich den Finger nicht wirklich darauf legen, was das war.
Erst beim Lesen von „Queenie“ wurde mir dann plötzlich klar, daß ich kaum Bücher kenne, in denen es um Schwarze Protagonist:innen geht, die nichts mit institutionellem Rassismus oder Sklaverei zu tun haben.

„Queenie“ lässt sich in keine Schublade stecken, es erfüllt die Erwartungen seiner Leser bewusst nicht und schwankt ständig von humorvoller ChickLit zu sozialkritischem Roman. Viele Leser tun sich schwer damit, daß man sich nie ganz sicher sein kann, was denn nun die Intention der Autorin ist, oder auch mit der Protagonistin Queenie, an der man hin und wieder verzweifelt.
Auch ich war anfangs zunächst irritiert, was ich von „Queenie“ halten sollte und fand die Hauptperson hin und wieder extrem nervig, auch wenn mir immer bewusster wurde, daß deutlich mehr in diesem Roman steckt, als es zunächst den Anschein hatte.
Im Mittelteil stellte ich dann irgendwann fest, daß ich mich Abends immer richtig darauf freute, weiterlesen zu können. – Wie bei einer guten Serie, die man durchsuchtet.
Am Ende war ich dem Buch dann komplett verfallen. Ich liebte Queenie, mit all ihren Marotten, ich gab ihrer Freundin Kyazike Szenenapplaus und hatte Tränchen in den Augen, als sich ihr fabelhafter Großvater hinter Queenie stellte.

All das hat „Queenie“ für mich zu einem meiner Lesehighlights des Jahres gemacht und ich hoffe sehr, daß sich auch hierzulande mehr Verlage trauen, Bücher auf den Markt zu bringen, in denen es eben nicht um Rassismus und Sklaverei, sondern das ganz normale Leben von Schwarzen Protagonist:innen geht.

Seite_an_Seite_CoverMehr dazu könnt ihr auch im Podcast nachhören.
Ihr findet uns direkt hier, auf Spotify, Apple Podcasts, dem Podcast-Anbieter euerer Wahl und auf dem YouTube-Kanal von Hugendubel.

Herbststimmung im Oktober

Die letzten Tage hält sich der Nebel vor meinem Fenster meist bis Mittag und sorgt dafür, daß ich mich lieber mit einem guten Buch und einer Kuscheldecke zusammenrolle, als das Haus zu verlassen.
Auch diesen Monat gibt es wieder ein buntes Sammelsurium an noch un-, halb- und schon ausgelesenen Büchern, die ich euch heute gerne vorstellen möchte.

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Zwei Romane, die auf den ersten Blick scheinbar wenig miteinander zu tun haben, sind „Was ich im Wasser sah“ von Katharina Köller und „Queenie“ von Candice Carty-Williams. Doch bei beiden stehen Frauen im Mittelpunkt, die auf die eine oder andere Weise mit ihrer Gesundheit zu kämpfen haben.

In „Was ich im Wasser sah“ (von mir bisher erst angelesen) geht es um Klarissa, die als Brustkrebs-Überlebende auf die Insel zurückkehrt, auf der sie aufgewachsen ist.
Katharina Köller hat einen sehr eindringlichen Erzählton, der mich fasziniert. Bald also mehr darüber!

Um die seelische Gesundheit einer jungen Frau geht es in „Queenie“, welches ich bereits gelesen habe.
Was zunächst als 08/15 RomCom über eine ebenso charmante wie naive Protagonistin beginnt, entwickelt sich im Lauf des Buches zu einem unheimlich relevanten Buch über psychische Probleme, deren Stigmatisierung, über Alltagsrassismus und Mikroaggressionen, und einem Plädoyer für Selbstliebe.
Darüber werde ich schon ganz bald mehr berichten!

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Zwei Titel, die man nicht wirklich in die Kategorie „Romane“ einsortieren kann, sind „Aus der Zuckerfabrik“ und „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“.

„Aus der Zuckerfabrik“ von Dorothee Elmiger steht derzeit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und lässt sich nur schwer in eine Kategorie einordnen. Roman? Tagebuch? Recherche? Reportage? – Dorothee Elmiger versucht in diesem Buch einer Spur aus Zuckerkrümeln zu folgen.

Mit „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ hat der Satiriker Jan Böhmermann sein Twitter-Tagebuch von 2009-2020 vorgelegt, in dem der Autor zunächst recht banale Sachen von sich gibt, oder seinen damaligen Chef Harald Schmidt trollt, aber nach und nach eine immer politischere Stimme findet.

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Mit gleich zwei Büchern über William Shakespeare geht es weiter!

Letzten Monat stellte ich euch doch die schöne Reihe  Weltklassiker: Kurz & Gut aus dem Bohem Verlag vor, die unter anderem von Becca Stadtlander illustriert wurde. Nachdem mir ihre Bilder so gut gefallen haben, habe ich ein wenig recherchiert und dabei „Bold and Brave Women from Shakespeare“ entdeckt. Klar, daß ich mir das sofort gönnen musste!

Das zweite Shakespeare Buch diesen Monat ist „Judith und Hamnet“, mit dem Maggie O’Farrell vor Kurzem den Women’s Prize for Fiction gewonnen hat.
Ihre Autobiografie „Ich bin, ich bin, ich bin“ hat mich vor etwa anderthalb Jahren schwer beeindruckt und ich liebe ihren unaufgeregten und trotzdem bildgewaltigen Schreibstil sehr.
In „Judith und Hamnet“ geht es um Shakespeares Familie; besonders seinen kleinen Sohn Hamnet, der früh starb und darüber, wie sein Tod die Familie beeinflusste.
Aktuell lese ich dieses Buch sehr langsam, weil ich mich gar nicht traue, es in den Zug mitzunehmen, aus Angst, daß ich dann vielleicht in der Öffentlichkeit weinen muss.

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Die letzten beiden Bücher drehen sich um faszinierende Künstlerinnen.
Mit „Frida“ legt Maren Gottschalk einen Roman über das Leben von Frida Kahlo vor und „Kusama“ von Elisa Macellari ist eine Graphic Novel über die berühmte japanische Künstlerin Yayoi Kusama. Zwei Bücher also, die mich schon brennend interessieren!

Kennt ihr den ein oder anderen Titel von meinem Oktober-Stapel schon?
Was lest ihr gerade?

Ich wünsche euch ein gemütliches Herbstwochenende!
Eure Andrea

 

„Seite an Seite“ über Familien

Wer unseren Podcast kennt, der weiß, daß Andi und ich immer drei Titel vorstellen; einen den wir gemeinsam gelesen haben und jeder einen weiteren, den nur er gelesen hat.
Für die aktuellen Folge #17 „Short Story Short“ habe ich aber tatsächlich alle drei Titel gelesen! Nun gut, wie der Name der Folge verrät waren es auch wirklich sehr kurze Büchlein, und weil wir dann auch ein schönes gemeinsames Thema gefunden haben, nämlich Familie im engsten und im weitesten Sinne, dachte ich, ich stelle euch die Bücher aus der Folge einfach mal alle zusammen vor.

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Ilona Hartmann: „Land in Sicht“

„Land in Sicht“ durfte ja mit in den Istrien-Urlaub, wo es sich ganz schnell zum Lektüreliebling entwickelt hat. Der arme Andi bekam per WhatsApp so viele Zitate aus dem Buch geschickt, daß er nicht anders konnte, als mitzulesen und es genauso zu lieben, wie ich.

In Ilona Hartmanns Debütroman geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und auch keine Ahnung hat, wer er ist. Nach dem Gespräch mit einem Freund entschließt sie sich allerdings doch, einmal nachzuforschen. Mit dem Namen, den sie im alten Adressbuch ihrer Mutter findet, entdeckt sie im Internet auch schnell den Erzeuger, der als Kapitän auf dem Donaukreuzfahrtschiff MS Mozart arbeitet. Für Jana ist sofort klar, daß sie diesen Mann endlich einmal kennenlernen will, doch ob sie ihm auch verraten möchte, daß sie seine Tochter ist steht auf einem anderen Blatt. Und so bucht sie kurzentschlossen eine Flusskreuzfahrt auf der MS Mozart, von Passau nach Wien und wieder zurück. 
Ihr Plan, den Vater zunächst aus der Ferne zu beobachten, stellt sich allerdings schnell als schwierig heraus. Erstens, weil das Schiff zu klein ist, um „Ferne“ wirklich zuzulassen und zweitens, weil Jana unter den gefühlt hundertjährigen Rentnern trotz beiger Tarnkleidung sofort auffällt wie ein bunter Hund. Unglücklicherweise auch dem eigenen Vater, der sie auf ein Date einlädt…

„Land in Sicht“ ein Roman, der eine perfekte Balance zwischen Humor und Herzlichkeit findet. Die Geschichte von Jana und ihrem Vater ist kein Traumschiff-Kitsch, bei dem sich die Protagonisten unter Palmen in die Arme fallen, sondern zeigt die schwierige Situation in all seiner Peinlichkeit und mit all den Fragen, die sich stellen, und schafft es trotzdem, einen leichten Ton beizubehalten, der so pointiert ist, daß es extremen Spaß macht, dieses Buch zu lesen.

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Philipp Winkler: „Carnival“

Mit „Hool“ stand Philipp Winkler 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun hat er mit „Carnival“ ein dünnes Bändchen vorgelegt, das durch Sprache und Stil so besticht, daß es auch ohne Handlungsbogen auskommt.

„Carnival“ ist eine Art Abgesang auf Kirmesse und Jahrmärkte, die sich gerade in diesem Jahr, in dem alle abgesagt wurden, mit ganz besonderer Melancholie und Wehmut liest.
Es ist die Geschichte der Kirmser: Schausteller, Artisten, fahrendes Volk, oder auch einfach gestrandete Gestalten, die in der Welt keinen Platz mehr hatten und sich auf den Jahrmärkten neu erfinden konnten.

Philipp Winkler erzählt vom Unterschied zwischen Kirmsern und dem Rest der Welt, von der Hackordnung und Problemen auf dem Jahrmarkt, allerdings auch von Freundschaft und Zusammenhalt und das tut er so atmosphärisch, daß man sofort Sehnsucht nach Zuckerwatte, dem Geruch gebrannter Mandeln und dem Singsang der Fahrgeschäftsleiter bekommt.

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Mely Kiyak: Frausein

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Mely Kiyaks autobiografischer Essay „Frausein“, in dem sie erzählt, wie sie ihre Familie, Herkunft und Erfahrungen, ihre Gesundheit und ihr Körper zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Mely Kiyak wurde als Tochter türkischstämmiger alevitischer Kurden, die als Gastarbeiter nach Deutschland geholt worden waren, geboren und ist Autorin und Journalistin, unter anderem bei „Zeit Online“.

Von frühster Kindheit interessiert sie sich für das Schreiben und ihre Eltern tun alles, um die Kinder zu fördern. Es gibt Szenen, in denen Kiyak beschreibt, welchen extremen körperlichen Belastungen der Vater bei der Arbeit in der Fabrik ausgesetzt ist und der trotzdem immer härter arbeitet, nur um seinen Kindern ihre Wünsche zu erfüllen. 
Man lernt, wie übel den Gastarbeitern mitgespielt wurde, erfährt von der Familie, von der sich Kiyak mehr und mehr entfernt, von den Cousinen, die sich gegenseitig aufklären, ersten sexuellen Erfahrungen und Übergriffen…
Es sind viele Themen, die Mely Kiyak da auf gerade einmal 120 Seiten anspricht, sodass ich ständig fürchte, dem Buch mit ein paar Sätzen nicht gerecht zu werden, aber jeder, der den autobiografischen Stil von Rachel Cusk liebt, sollte sich unbedingt einmal in „Frausein“ reinlesen.

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Alle drei Titel Empfehlungen gibt es auch zum Nachhören, entweder direkt hier, bei Spotify, Apple Podcasts und dem Podcast-Anbieter eurer Wahl, oder beim YouTube-Kanal von Hugendubel.

Alles neu im Mai?

Der April war ein unheimlich anstrengender, aber auch ereignisreicher Monat, in dem ich leider so gut wie gar nicht zum Bloggen gekommen bin.
Das liegt einfach daran, daß ich mit den Kindern zu Hause keine Zeit mehr habe, um die Ruhe zu finden, die ich brauche, um meine Gedanken zu formulieren. Wenn ich mir aber etwas Zeit freischaufeln kann, dann geht es an die Planung für die nächsten Podcast-Folgen, ans Skripte und Artikel schreiben.
Für „Mit Vergnügen“ haben Andi und ich zum Beispiel eine ganze Liste mit Buch-Tipps zusammengetragen, die ihr hier finden könnt.
Überhaupt waren die ersten Wochen, seit „Seite an Seite“ von Hugendubel übernommen wurde richtig arbeitsintensiv. Langsam finden Andi und ich aber in einen Rhythmus, mit dem wir ganz gut klar kommen und die Planung, Unterstützung und die Zusammenarbeit mit dem ganzen Team zahlt sich wirklich aus, denn was als kleines Wohnzimmerprojekt angefangen hat, schafft es mittlerweile in die Podcasts Charts.
Für Andi und mich ist das alles immer noch absolut surreal, aber wir haben extrem viel Spaß an der Sache und freuen uns über die Möglichkeiten, die sich uns durch dieses Projekt plötzlich bieten.

Ich habe mir die letzten Wochen überlegt, ob ich dieses Format hier weiterhin beibehalten soll, denn mein Leseverhalten hat sich durch den Podcast extrem verändert. Statt meiner durchgeplanten Monatsstapel, herrscht mittlerweile das kreative Chaos.
Immerhin müssen Andi und ich unsere Leseinteressen jetzt deutlich besser koordinieren, da rutscht dann immer mal wieder etwas rein oder raus, womit wir vielleicht vorher gar nicht gerechnet haben.
Also hatte ich überlegt, statt meiner Monatsstapel zu Monatsrückblicken zu wechseln. Da wir aber immer die Podcast-Folgen eines ganzen Monats im Vorfeld aufnehmen, wäre es vermutlich arg spoilerig, welche Titel ich dann alle gelesen habe.
Letztendlich bleibe ich nun doch bei meinem gewohnten Format und was es dann in die „Seite an Seite“-Episoden schafft ist weiterhin eine Überraschung.

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Beginnen wir den Monat gleich mit zwei Titeln, die euch vielleicht verwundern dürften: „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ von Katrine Engberg.
Den dritten Teil ihrer Kopenhagen-Krimis – „Glasflügel“ – hatte ich zuletzt gelesen, warum jetzt aber so schnell noch die beiden Vorgänger, wenn ich doch aktuell damit beschäftigt bin, für den Podcast zu lesen?
Der Grund dafür freut mich sehr, denn am nächsten Dienstag, also am 05.05. werden Katrine und ich einen Livestream auf dem Instagram-Kanal von Hugendubel und Seite an Seite machen. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf, diese unheimlich nette und spannende Autorin zu interviewen und will mich da vorher natürlich noch ein bißchen mehr in ihre Bücher einlesen.

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Zwei Titel, die ich dann auch noch im April gelesen habe, sind „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin und „Die Schönheit der Begegnung“ von Frank Berzbach.

„Giovannis Zimmer“ erschien bereits in den 1950er Jahren und wurde jetzt – wie die anderen Werke von James Baldwin – neu übersetzt.
Soviel kann ich schon mal verraten: Selten habe ich so viele Post-it’s gebraucht, um großartige Stelle zu markieren, wie in diesem Buch.

Frank Berzbach habe ich im Februar kennengelernt, als der Eisele Verlag zu einem unheimlich schönen Verlagsabend eingeladen hatte, an dem ich mit lieben Kollegen und Buchhändlern aus ganz Bayern zusammen saß, aß und trank und nicht ahnte, daß ich schon bald darauf auf all das verzichten würde müssen…

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Ein weiterer Titel, der es noch in den April geschafft hat, ist „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hossaini.
In dieser literarischen Romanbiografie habe ich den Namen Hugo von Tschudi zum ersten Mal gelesen. – Dabei bin ich doch sonst ein echter Kunst-Nerd!
Der damalige Leiter der Nationalgalerie in Berlin war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts die bekanntesten impressionistischen Werke nach Deutschland holte und der eine ganz persönliche Tragödie erleben musste…
Eine unheimlich spannende Figur und ein wahnsinnig schöner und literarischer Text!

Mitte Juni erscheint „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata, die mit „Die Ladenhüterin“ bekannt geworden ist.
Dieses Buch steht schon lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen wollte; nachdem nun aber schon das Leseexemplar ihres neusten Romans hereinschneite, habe ich mir jetzt wirklich vorgenommen, endlich etwas von Murata zu lesen.

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Zwei französische Titel, die sich ganz wunderbar draußen in der Sonne lesen lassen dürften (vielleicht sogar an einem See, der Balkon ist aber notfalls auch wieder gemütlich hergerichtet), sind „Hitze“ von Victor Jestin und „Du wirst mein Herz verwüsten“ von Morgane Ortin. Beide habe ich schon angelesen und beide machen unheimlich viel Lust auf mehr.

In „Hitze“ wird ein 17-jähriger Junge Zeuge eines Selbstmordes, doch anstatt zu helfen oder jemanden zu alarmieren, lässt er die Leiche verschwinden. Eine unheimlich intensive Ausgangssituation!

„Du wirst mein Herz verwüsten“ ist ein extrem spannendes Projekt, von dem ich hoffe, daß es auch wirklich konstant gut bleibt.
Morgane Ortin hat für dieses Buch nämlich reale Chatverläufe und SMS von anonymen Teilnehmern gesammelt und sie so arrangiert, daß sie eine durchgängige Geschichte bilden.
Ich liebe es ja sehr, wenn sich Autoren trauen, gängige Erzählstrukturen aufzubrechen und sich Neues trauen. Hoffentlich geht dieses Konzept auf!

Das ist also das Kuddelmuddel aus gelesenen, angelesenen und noch ungelesenen Titeln, mit denen ich mich auf jeden Fall noch im Mai beschäftigen werde.
Kennt ihr vielleicht den ein oder anderen davon?

Bis bald und bleibt gesund!
Eure Andrea.