Review: Die Bagage

Ein Buch, auf dessen Erscheinungstermin ich mich schon seit Monaten freue, nämlich seit mir das Manuskript in die Hände fiel und ich es fast in einem Rutsch durchlas, ist „Die Bagage“ von Monika Helfer.
Dabei war mir die Autorin vorher – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch gar kein Begriff. Natürlich erinnerte ich mich nach kurzer Recherche dann doch daran, daß sie 2017 mit ihrem Roman „Schau mich an , wenn ich mit dir rede!“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Daß Monika Helfer aber schon seit den 1970er Jahren Romane, Hörspiele und Theaterstücke schreibt und mit Michael Köhlmeier verheiratet ist, das alles hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Mit „Die Bagage“ hat sie ihr nun wahrscheinlich autobiografischstes Werk vorgelegt, in dem sie sich der Geschichte ihrer Familie und der ungewissen Herkunft der Mutter widmet.
Im Winter hatte ich die große Freude, Monika Helfer bei einem Abendessen, bei dem sie „Die Bagage“ vorstellte, kennenlernen zu dürfen. Dort meinte sie, sie hätte immer ein wenig „um den heißen Brei herumgeschrieben“. Die Geschichte, die sie eigentlich immer hatte erzählen wollen, wäre diese gewesen.

Vor gut hundert Jahren leben Monika Helfers Großeltern Maria und Josef mit ihren vier Kindern etwas außerhalb eines kleinen Bergdorfes. Sie sind die letzten, die hierhergezogen sind und haben deshalb nur das Land bekommen, das noch übrig war; karger Boden, auf dem nur wenig wächst und ohne eigenen Brunnen. Von den Dorfbewohnern werden sie deshalb nur „die Bagage“ genannt.
Trotzdem kommt die Familie gut zurecht, denn Josef hat ein gewisses Talent dafür, Geschäfte zu machen und ist mit einflussreichen Leuten befreundet, unter anderem dem Bürgermeister des Dorfes.

Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und Josef wird zum Kriegsdienst eingezogen. Maria bleibt mit den Kindern alleine zurück; ohne Einkommen, fruchtbaren Boden und auf die Großzügigkeit der Freunde ihres Mannes angewiesen.
Ausgerechnet in dieser Zeit wird Maria erneut schwanger. Diesmal mit einer Tochter, die später Monika Helfers Mutter werden wird. Doch woher dieses Kind kommt, bleibt ein Familiengeheimnis, dem die Autorin in diesem Roman nachspürt.
Mithilfe der Erzählungen ihrer ältesten Tante versucht Monika Helfer herauszufinden, was damals geschah und wer ihr Großvater ist. Ist es Josef, der während des Krieges hin und wieder auf Heimaturlaub zurückkehrt? Ist es die Geschichte einer großen Liebe oder die eines Verbrechens?
Aber nicht nur das Geheimnis um Marias Schwangerschaft treibt die Familie um, denn als im langen Kriegswinter das Essen knapp wird bedarf es eines drastischen Plans, um zu überleben…

Monika Helfers Familiengeschichte hat mich sehr berührt. Als mir dann bei dem Abendessen mit der Autorin klar wurde, wie nah an der Realität sie in ihrer Erzählung geblieben ist, hatte ich einen dicken Kloß im Hals.

Der Leser wird schnell an Titel wie „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler oder „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger erinnert werden, doch anders als in den Geschichten kriegsmüder Männer wird hier ein anderer, meiner Meinung nach ebenso eindringlicher Kampf ums Überleben geschildert, nämlich der der Frauen, die daheim blieben, die versuchten, ihre Kinder satt zu bekommen und dabei auch immer noch auf ihren guten Ruf achten mussten.

Monika Helfers Protagonisten sind mehr als nur einfache Kunstfiguren. Man spürt, daß sie hier von realen Menschen erzählt, die ihr sehr nah gestanden sind. Das Leseerlebnis wird damit umso eindringlicher und intensiver.
Auch der ruhige, bildhafte Stil der Autorin ist einzigartig, wie sie immer wieder vorgreift, zurückblickt und die wichtigsten Ereignisse gerne dreimal aus leicht verschiedenen Blickwinkeln erzählt, so wie es ihre Tante damals getan hat.

Für mich ist „Die Bagage“ eines der Highlights der Saison und wäre meiner Meinung nach ein verdienter Kandidat für die nächste Longlist des Deutschen Buchpreises.

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

3 Kommentare zu „Review: Die Bagage“

  1. Oh ja, dass klingt sehr wie aus dem Leben. Ich denk oft, was wir doch für ein geregeltes Leben haben mit Absicherungen.
    Wir lesen das als spannende Bücher, unsere Großeltern fanden das eher nicht so.
    Danke Dir für eine spannende Vorstellung
    Liebe Grüße
    Nina

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