Review: Ministerium der Träume

Letztes Jahr machte Hengameh Yaghoobifarah ja mit der taz-Kolumne „All cops are berufsunfähig“ von sich reden und spaltete damit das Land. Während Polizeigewerkschaften und der Bundesinnenminister Yaghoobifarah anzeigen wollten, feierten andere Schriftsteller den Text als gelungene Satire.
Ich persönlich fand die Reaktionen darauf eigentlich spannender, als den Text selbst. Yaghoobifarahs Debütroman hätte ich deshalb vermutlich nicht auf dem Schirm gehabt, hätte ich den irgendwie sehr sanft klingenden Titel „Ministerium der Träume“ nicht als einen starken Kontrast zu der frechen Schreibe der Autor:in empfunden. Meine Neugier war jedenfalls geweckt.

Als sie vom Tod ihrer geliebten Schwester Nushin erfährt, bricht für Nasrin eine Welt zusammen; immerhin sind die beiden ihr ganzes Leben lang zusammen durchs Feuer gegangen.
Sofort hat Nas das Gefühl, daß mehr hinter Nushs Tod stecken muss, als ein einfacher Autounfall, doch an Selbstmord können weder sie noch Nushins Tochter Parvin glauben. Als die Polizei der Autowerkstatt die Schuld an dem Unfall gibt, sind sich beide jedoch einig, daß sie auch diese Erklärung nicht nachvollziehen können.
Schnell jedoch muss Nas die Gedanken an den Tod ihrer Schwester zur Seite schieben und ein neues Leben beginnen, denn nun ist sie der Vormund ihrer 14-jährigen Nichte, die sie mit ihren Eskapaden ständig an ihre Grenzen bringt.

In Rückblenden erfahren wir vom Leben der beiden Schwestern, die als Kinder mit der Mutter vor dem Golfkrieg aus Teheran flohen, von der Ermordung des Vaters, dem Leben als Geflüchtete in Deutschland, von den ständigen Mikroaggressionen, denen die Mädchen ausgesetzt waren, bis hin zu Nasrins Vergewaltigung durch einen Neonazi.

Je länger Nas über ihre Schwester nachdenkt, desto klarer wird ihr, daß Nush ein Geheimnis vor ihr gehabt haben muss. Aber welches? Liegt der Schlüssel zu Nushins Tod irgendwo in der Vergangenheit der Schwestern?

„Ministerium der Träume“ ist ein unheimlich starkes Debüt, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Denn die Aggressionen, denen die Protagonist:innen aufgrund ihrer Herkunft ausgesetzt sind, waren eine Erfahrung für mich, an der ich zunächst ganz schön zu knabbern hatte.
Ich habe mich immer als einen sehr aufgeschlossenen Menschen gesehen, doch bei einigen Szenen in diesem Buch ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: „Okay, ist das jetzt nicht zu dick aufgetragen? Kann es denn wirklich sein, daß eine Horde Neonazis eine Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund am helllichten Tag und an einem belebten Platz jagt, ohne daß jemand einschreitet? Kann es denn sein, daß sogar die Polizei wegschaut?“
Irgendwann wurde mir bewusst, wie sehr meine Gedanken den Aussagen männlicher Freunde ähnelten, wenn ich mit ihnen zum Thema „meetoo“ diskutierte: „Also, ich kann mir das gar nicht vorstellen…“ und „Ich kenne niemanden, der sowas tun würde!“
Als mir das klar wurde und ich aufhörte, ständig zu hinterfragen, ob die Geschichten, die Nasrin, Nushin und ihre Freund:innen erleben denn nun überzeichnet wären, begann ich mich auch an die Lichterketten zu erinnern, die nach rechtsextremen Anschlägen auf Asylbewerber Anfang der 1990er Jahre auch in meiner Stadt stattfanden, und zu denen mich meine Mutter damals mitnahm, ohne daß ich als Kind verstanden hätte, worum es ging.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf liegt das „Ministerium der Träume“ dann umso schwerer im Magen und ist gerade deshalb eine wirklich lohnende Lektüre, die mir die Realität, in der Menschen mit Migrationshintergrund leben, schonungslos vor Augen geführt hat.

Yaghoobifarahs Schreibstil ist in manchen Passagen recht derb, dann fast schon wieder poetisch. Schwankungen, die wohl zum Teil gewollt sind, die man aber häufig bei Debütromanen findet.
Das Ende kam mir ehrlich gesagt ein wenig zu abrupt. Ich wechselte mich immer wieder mit Lesen und dem Hören des Hörbuchs (übrigens ganz wunderbar eingelesen von Susan Zare) ab und wie es der Zufall so wollte kam ich während des Hörens zum Ende des Romans und musste mich dann zu Hause erst einmal davon überzeugen, daß nichts aus dem Buch fehlte.

Trotz dieser Kritikpunkte war „Ministerium der Träume“ ein Buch, das mich unheimlich beschäftigt und bereichert hat und der nächste Roman von Hengameh Yaghoobifarah wird definitiv auf meiner Leseliste landen.

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

3 Kommentare zu „Review: Ministerium der Träume“

  1. Eindrucksvoll zu der Buchvorstellung bringst Du Deine eigenen Gedankengänge bei der Lektüre ein.
    Das weckt Erinnerungen. Die Lichterkette damals um die Nürnberger Altstadt mit zehntausenden Menschen. Zuletzt die Lichterkette nach dem Attentat in Halle.
    Doch nochmal zum besprochenen Roman: Was hat es denn mit dem Titel auf sich?

    Gefällt 1 Person

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