Review: Das wirkliche Leben

Die letzten Wochen habe ich ja Corona-bedingt kaum noch Rezensionen geschrieben. Dafür war es hier mit den Kindern zu chaotisch und auch der Relaunch des Podcasts hat viel Zeit in Anspruch genommen. Schön langsam aber – man glaubt es kaum – kehrt wieder ein wenig Ruhe ein und ich hoffe, daß ich den Stapel der Titel, die endlich rezensiert werden wollen, nach und nach in Angriff nehmen kann.

Ein Buch, von dem ich schon im Podcast geschwärmt habe und das ich hier auch nochmal vorstellen wollte, ist Adeline Dieudonnés Debütroman „Das wirkliche Leben“, welcher mich wirklich geplättet hat.

Es beginnt an einem Sommerabend in der Kleinstadt. Die zehnjährige Ich-Erzählerin und ihr sechsjähriger Bruder Gilles wollen sich nur schnell ein Eis holen, als sie Zeugen eines schrecklichen Unfalls werden; ein Mann stirbt direkt vor den Augen der Kinder.
Beide sind völlig traumatisiert, doch die Eltern sprechen nicht darüber, was passiert ist und bieten ihren Kindern auch keinerlei Trost. Allein die Erzählerin bemerkt, wie sich ihr kleiner Bruder mehr und mehr zurückzieht.
Als der ohnehin schon aggressive Vater der Mutter gegenüber immer handgreiflicher wird, scheint etwas in Gilles zu zerbrechen. Doch was kann eine Zehnjährige tun, um ihren Bruder vor all dem zu schützen?
Bald ist sie überzeugt davon, daß das Unglück am Abend des Unfalls seinen Anfang nahm und daß man in der Zeit zurückreisen müsste, um alles wieder ins Lot zu bringen und zurück in das „wirkliche“ Leben zu finden.
Wie eine Besessene beginnt sich die Ich-Erzählerin dem Ziel zu widmen, eine Zeitmaschine zu bauen, um den Unfall zu verhindern. Die ganzen Sommerferien über schraubt sie auf einem Schrottplatz an Autowracks und kaputten Mikrowellen herum und beginnt, Bücher über Physik zu verschlingen. Doch am Ende des Sommers muss sie enttäuscht feststellen, daß es nicht so einfach ist, die Zeit zurückzudrehen, wie es in den Filmen den Anschein hat.
Was ihr nach diesem Sommer bleibt, ist die Liebe zu den Naturwissenschaften und das unbedingte Bedürfnis, die Seele ihres Bruders doch noch irgendwie zu retten.

In den folgenden fünf Jahren wächst die Ich-Erzählerin heran, sie beschäftigt sich weiter mit Physik und bekommt sogar Privatunterricht von einem ehemaligen Uni-Professor, sie wird selbstständiger und reift zu einer jungen Frau heran, doch sie weiß, daß sie all das vor ihrem Vater geheim halten muss. Der wird immer aggressiver und beginnt nun auch seiner Tochter gegenüber handgreiflich zu werden. Doch die möchte sich nicht zm Opfer machen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und dabei auch ihren Bruder retten, der selbst immer grausamer und gefühlskälter wird.
Diese explosive Mischung steuert auf einen Höhepunkt zu, der es wirklich in sich hat und mich komplett zerstört zurückgelassen hat.

„Das wirkliche Leben“ ist ein Buch, das eine absolute Sogwirkung auf mich hatte. Auch wenn es stellenweise wirklich harte Kost ist, war ich von Anfang an voll in die Protagonistin investiert und musste einfach weiterlesen, um die Geschichte mit ihr zusammen durchzustehen.
Manche mögen diesem Buch handwerkliche Schwächen ankreiden, die ich zwar zum Teil nachvollziehen kann – immerhin haben wir es hier mit einem Debütroman zu tun – aber die ich jederzeit verzeihe, weil die Geschichte mich mit ihrer Intensität voll überzeugt hat.

Für mich ist „Das wirkliche Leben“ jedenfalls einer der Titel dieses Frühjahrs, den ich nur empfehlen kann, der aber auch nichts für schwache Nerven ist.

Alles neu im Mai?

Der April war ein unheimlich anstrengender, aber auch ereignisreicher Monat, in dem ich leider so gut wie gar nicht zum Bloggen gekommen bin.
Das liegt einfach daran, daß ich mit den Kindern zu Hause keine Zeit mehr habe, um die Ruhe zu finden, die ich brauche, um meine Gedanken zu formulieren. Wenn ich mir aber etwas Zeit freischaufeln kann, dann geht es an die Planung für die nächsten Podcast-Folgen, ans Skripte und Artikel schreiben.
Für „Mit Vergnügen“ haben Andi und ich zum Beispiel eine ganze Liste mit Buch-Tipps zusammengetragen, die ihr hier finden könnt.
Überhaupt waren die ersten Wochen, seit „Seite an Seite“ von Hugendubel übernommen wurde richtig arbeitsintensiv. Langsam finden Andi und ich aber in einen Rhythmus, mit dem wir ganz gut klar kommen und die Planung, Unterstützung und die Zusammenarbeit mit dem ganzen Team zahlt sich wirklich aus, denn was als kleines Wohnzimmerprojekt angefangen hat, schafft es mittlerweile in die Podcasts Charts.
Für Andi und mich ist das alles immer noch absolut surreal, aber wir haben extrem viel Spaß an der Sache und freuen uns über die Möglichkeiten, die sich uns durch dieses Projekt plötzlich bieten.

Ich habe mir die letzten Wochen überlegt, ob ich dieses Format hier weiterhin beibehalten soll, denn mein Leseverhalten hat sich durch den Podcast extrem verändert. Statt meiner durchgeplanten Monatsstapel, herrscht mittlerweile das kreative Chaos.
Immerhin müssen Andi und ich unsere Leseinteressen jetzt deutlich besser koordinieren, da rutscht dann immer mal wieder etwas rein oder raus, womit wir vielleicht vorher gar nicht gerechnet haben.
Also hatte ich überlegt, statt meiner Monatsstapel zu Monatsrückblicken zu wechseln. Da wir aber immer die Podcast-Folgen eines ganzen Monats im Vorfeld aufnehmen, wäre es vermutlich arg spoilerig, welche Titel ich dann alle gelesen habe.
Letztendlich bleibe ich nun doch bei meinem gewohnten Format und was es dann in die „Seite an Seite“-Episoden schafft ist weiterhin eine Überraschung.

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Beginnen wir den Monat gleich mit zwei Titeln, die euch vielleicht verwundern dürften: „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ von Katrine Engberg.
Den dritten Teil ihrer Kopenhagen-Krimis – „Glasflügel“ – hatte ich zuletzt gelesen, warum jetzt aber so schnell noch die beiden Vorgänger, wenn ich doch aktuell damit beschäftigt bin, für den Podcast zu lesen?
Der Grund dafür freut mich sehr, denn am nächsten Dienstag, also am 05.05. werden Katrine und ich einen Livestream auf dem Instagram-Kanal von Hugendubel und Seite an Seite machen. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf, diese unheimlich nette und spannende Autorin zu interviewen und will mich da vorher natürlich noch ein bißchen mehr in ihre Bücher einlesen.

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Zwei Titel, die ich dann auch noch im April gelesen habe, sind „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin und „Die Schönheit der Begegnung“ von Frank Berzbach.

„Giovannis Zimmer“ erschien bereits in den 1950er Jahren und wurde jetzt – wie die anderen Werke von James Baldwin – neu übersetzt.
Soviel kann ich schon mal verraten: Selten habe ich so viele Post-it’s gebraucht, um großartige Stelle zu markieren, wie in diesem Buch.

Frank Berzbach habe ich im Februar kennengelernt, als der Eisele Verlag zu einem unheimlich schönen Verlagsabend eingeladen hatte, an dem ich mit lieben Kollegen und Buchhändlern aus ganz Bayern zusammen saß, aß und trank und nicht ahnte, daß ich schon bald darauf auf all das verzichten würde müssen…

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Ein weiterer Titel, der es noch in den April geschafft hat, ist „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hossaini.
In dieser literarischen Romanbiografie habe ich den Namen Hugo von Tschudi zum ersten Mal gelesen. – Dabei bin ich doch sonst ein echter Kunst-Nerd!
Der damalige Leiter der Nationalgalerie in Berlin war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts die bekanntesten impressionistischen Werke nach Deutschland holte und der eine ganz persönliche Tragödie erleben musste…
Eine unheimlich spannende Figur und ein wahnsinnig schöner und literarischer Text!

Mitte Juni erscheint „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata, die mit „Die Ladenhüterin“ bekannt geworden ist.
Dieses Buch steht schon lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen wollte; nachdem nun aber schon das Leseexemplar ihres neusten Romans hereinschneite, habe ich mir jetzt wirklich vorgenommen, endlich etwas von Murata zu lesen.

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Zwei französische Titel, die sich ganz wunderbar draußen in der Sonne lesen lassen dürften (vielleicht sogar an einem See, der Balkon ist aber notfalls auch wieder gemütlich hergerichtet), sind „Hitze“ von Victor Jestin und „Du wirst mein Herz verwüsten“ von Morgane Ortin. Beide habe ich schon angelesen und beide machen unheimlich viel Lust auf mehr.

In „Hitze“ wird ein 17-jähriger Junge Zeuge eines Selbstmordes, doch anstatt zu helfen oder jemanden zu alarmieren, lässt er die Leiche verschwinden. Eine unheimlich intensive Ausgangssituation!

„Du wirst mein Herz verwüsten“ ist ein extrem spannendes Projekt, von dem ich hoffe, daß es auch wirklich konstant gut bleibt.
Morgane Ortin hat für dieses Buch nämlich reale Chatverläufe und SMS von anonymen Teilnehmern gesammelt und sie so arrangiert, daß sie eine durchgängige Geschichte bilden.
Ich liebe es ja sehr, wenn sich Autoren trauen, gängige Erzählstrukturen aufzubrechen und sich Neues trauen. Hoffentlich geht dieses Konzept auf!

Das ist also das Kuddelmuddel aus gelesenen, angelesenen und noch ungelesenen Titeln, mit denen ich mich auf jeden Fall noch im Mai beschäftigen werde.
Kennt ihr vielleicht den ein oder anderen davon?

Bis bald und bleibt gesund!
Eure Andrea.

Review: Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough

Frohe Ostern, Ihr Lieben!

Gibt es denn ein schöneres Buch, das man an den Feiertagen lesen könnte, als dieses entzückende Bilderbuch: „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von Rébecca Dautremer.

In diesem unheimlich liebevoll gestalteten, großformatigen Buch begleiten wir den kleinen Hasen Jacominus von der Wiege bis zur Biege und durch alle Abenteuer, die das Leben in der Zwischenzeit für ihn bereithält.
Dabei hat er das Glück stets von seiner Familie und vielen lieben Freunden begleitet zu werden; auch durch den ein oder anderen Schicksalsschlag.

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In sehr stimmungsvollen Illustrationen erzählt Rébecca Dautremer die Höhen und Tiefen eines Hasenlebens, dabei verwendet sie großformatige Bilder in einem gewissen Retro-Look, die man auch ganz wunderbar als Wimmel- und Suchbilder betrachten kann. Immerhin sind Jacominus Freunde Polikarp, Cäsar, Agathon, Byron, Leon und Napoleon nie weit weg, so kann man von einer Seite zur anderen blättern, nach Jacominus Freunden Ausschau halten und vergleichen, wie er und sie sich im Lauf der Zeit verändern.

Vom Verlag wird „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von 6 bis 99 Jahren empfohlen. Für ganz kleine Kinder ist die Grundstimmung des Buches auch zugegebenermaßen ein wenig wehmütig.  Doch trotz dieser Wehmut ist „Jacominus Gainsborough“ ein absolut entzückendes Buch, daß ich Fans von schön illustrierten Titeln unbedingt ans Herz legen möchte.

Aufregendes im April

Na, wer hätte Anfang März gedacht, wie sich unser aller Leben in diesem einen Monat verändern würde?
Ich hatte mich damals noch unheimlich auf die Leipziger Buchmesse gefreut und wir alle wissen ja, daß daraus leider nichts geworden ist…
Seit zwei Wochen sitze ich nun zu Hause, mein Laden hat geschlossen und ich hoffe inständig, daß das Leben bald wieder normal weitergehen kann. Meine Kollegen und ich halten Gott sei dank ständigen Kontakt über unsere WhatsApp-Gruppe. Da erzählen wir uns, was wir den ganzen Tag so treiben; vom Blick aus dem Fenster, über Umräumaktionen der Bücherregale, zu was wir gerade Kochen.
Und wenn ich kurz vorm Verzweifeln bin, weil ich meinen Großen ja derzeit daheim unterrichte, dann bildet sich schnell eine Task Force, die bei den Hausaufgaben hilft…
Ein Hoch auf solche Kollegen und Freunde!

Nachdem die Kinder nun ununterbrochen um mich herum sind, ist auch meine Lesezeit arg in Mitleidenschaft gezogen worden. All diese Posts, in denen die Leute schreiben, wie sie die Zeit zu Hause jetzt nutzen, um endlich zu Lesen, eine Sprache zu lernen, oder überhaupt bessere Menschen zu werden, wurden offenbar von Menschen verfasst, die entweder keine Kinder haben, oder deren Tag eindeutig wesentlich mehr Stunden hat, als der meine.

Dabei bin ich in all diesem Nichtstun tatsächlich schwer am Arbeiten!
Wer mich oder meinen Podcast auf Instagram verfolgt, der weiß, was zurzeit bei uns los ist und darüber will ich auch am Freitag nochmal ausführlich berichten.
Aktuell vergeht kein Tag, an dem Andi und ich keine Telkos haben, an Skripten und Artikeln arbeiten, Pläne festlegen oder einfach E-Mails abarbeiten. In meinem Fall dann immer mit mindestens einem Kind, das um mich herumturnt.

Auch mein Leseverhalten wurde durch Corona und Podcast in den letzten Wochen ganz schön umgeworfen.
Normalerweise stelle ich Euch ja Anfang des Monats immer vor, welche Titel ich mir vornehme und lese sie erst dann.
Diesen Monat ist soviel reingerutscht, daß ich einige Titel hier nachreichen muss, während andere wiederum liegengeblieben sind…
Ich bin gespannt, wie sich das einpendeln wird.

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Beginnen wir deshalb mit einem Buch, das für mich absolut nichts mit Arbeit zu tun hat und über das ich mich wahnsinnig gefreut habe: „Freunde – Was uns verbindet“ von Heike Faller und Valerio Vidali.
Mit Heike Faller hatte ich ja seinerzeit unheimlich netten Kontakt, als mein Sohn und ich „Hundert – Was du im Leben lernen wirst“ gelesen haben und wir deshalb in den Sommerferien am Reschensee landeten. Heike hatte sich so über das Foto von meinem Großen mit ihrem Buch vor dem Kirchturm im See gefreut, daß wir ein bißchen ins Plaudern kamen und nun hat sie mich mit ihrem neusten Buch überrascht.
Ein wirklich tolles Geschenk, gerade in dieser Zeit in der man seinen Freunden virtuell auf einmal ziemlich na ist und sie gleichzeitig so wahnsinnig vermisst!

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Drei Titel, die sich dann als mögliche Besprechungskandidaten für den Podcast doch noch in den März gemogelt haben sind „Allegro Pastell“, „Miracle Creek“ und „Das wirkliche Leben“. – Sehr unterschiedliche Titel, aber wir wollen ja auch vielfältig mit unseren Empfehlungen sein!

In „Allegro Pastell“ erzählt Leif Randt eine Liebesgeschichte, in der sämtliche Gefühlsregungen wie mit einem Skalpell seziert werden und die deshalb durch einen absolut ironischen Erzählton besticht. Ich bin schon sehr gespannt auf Andis Meinung zu diesem Buch.

„Miracle Creek“ von Angie Kim dagegen liest sich wie ein spannender Thriller: In einem kleinen Städtchen geschieht ein tragisches Unglück, bei dem auch ein achtjähriger Junge stirbt. Als seine Mutter wegen Mordes angeklagt wird, beginnen alle Beteiligten ihre Geschichten zu erzählen und nach und nach kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht.

Ein Debütroman, der in Deutschland erst am 24.04. erscheinen wird und der mich (soviel kann ich wohl schon verraten) komplett geplättet hat ist „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné. Darüber dann bald mehr!

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Kommen wir zu den Büchern, die nun bald gelesen werden wollen: „Offene See“, „Milchmann“ und „Glasflügel“.

Auf „Offene See“ von Benjamin Myers freue ich mich schon sehr, denn von meinen Kollegen habe ich bisher nur Gutes darüber gehört und eine Kollegin meinte sogar, daß dieses Buch gemeinsam mit „Miracle Creek“ und „Das wirkliche Leben“ zu ihren Lieblingsdebüts des Frühjahrs gehören würde.
Nachdem mich die anderen beiden Titel ja schon sehr überzeugen konnten, ist nun also die Erwartungshaltung bei diesem recht hoch!

Mit „Milchmann“ gewann Anna Burns 2018 den Man Booker Prize. Damals las ich recht viele begeisterte aber auch einige enttäuschte Rezensionen. Offenbar ist „Milchmann“ eines dieser Love-it-or-hate-it-Bücher. Da bilde ich mir immer gerne eine eigene Meinung.

Krimis lese ich ja eher selten, trotzdem hatte ich schon länger mit Katrine Engberg geliebäugelt. „Glasflügel“ ist zwar schon der dritte Teil ihrer Kopenhagen-Krimireihe, aber ich hoffe dennoch, daß ich einen guten Einstieg in die Geschichte finde.

Wie ihr sehen könnt ist bei mir gerade wirklich viel los und am Freitag geht dann auch noch der Podcast in neuem Gewand an den Start!

Wie geht es Euch gerade?
Müsst ihr auch zuhause bleiben oder könnt ihr noch arbeiten?
Nutzt ihr die Zeit zum Lesen?

Alles Liebe und bleibt gesund,
Eure Andrea

Review: Nix passiert

Alex lebt in Berlin,  ist Anfang dreißig und arbeitet als Webentwickler. Vor mittlerweile zehn Jahren hat er Braus, die Kleinstadt in der er aufgewachsen ist, verlassen und nicht mehr wirklich zurückgeschaut.
Doch als ihn seine Freundin Jenny verlässt, fällt Alex plötzlich in ein tiefes Loch. Er muss feststellen, daß er ohne Jenny sehr einsam ist, denn enge Freunde hat er kaum, meistens war er mit Jennys Clique unterwegs. Sein Job macht ihm schon lange keinen Spaß mehr und selbst das hippe Leben in der Großstadt ist gar nicht so lebenswert, wenn man sich in einer schweren Depression befindet…
Also packt Alex seine Sachen und überrascht seine Eltern mit einem spontanen Besuch in Braus. Die staunen nicht schlecht, immerhin hat sich ihr Ältester in den letzten zehn Jahren kaum gemeldet und eine Erklärung, warum er sie gerade jetzt auf unbestimmte Zeit besuchen will, gibt er nicht.
Stattdessen verschanzt sich Alex im alten Kinderzimmer im Keller und schafft es kaum mehr, vor die Türe zu gehen.
Als es sein Vater dann doch schafft, ihn vor die Tür zu locken, muss sich Alex nicht nur seiner jetzigen Situation stellen, sondern sieht sich auch den Geistern seiner Vergangenheit gegenüber und man begreift, daß es mehr als nur der Kleinstadtkoller war, der Alex seinerzeit die Brücken nach Braus hat abbrechen lassen…

In „Nix passiert“ passiert tatsächlich rein oberflächlich betrachtet nicht wirklich viel, trotzdem schafft es Kathrin Weßling eine überraschend vielschichtige Geschichte zu erzählen, die verschiedene Themen anspricht.
Natürlich geht es vordergründig um Angststörungen und Depressionen; Themen, mit denen sich Kathrin Weßling auch in ihren anderen Büchern schon beschäftigt hat und zu denen sie aus eigener Erfahrung sehr persönliche Einblicke liefern kann.
Da geht es aber auch ums Erwachsenwerden und wie sich die Beziehungen zu den Eltern oder ehemaligen Schulfreunden verändern.
Mich persönlich haben gerade die Teile der Geschichte besonders angesprochen, in denen Alex seine Eltern überhaupt erst als eigenständige Menschen und eben nicht nur als Eltern wahrnimmt und sie deshalb plötzlich auch ganz neu kennenlernen kann.

„Nix passiert“ war für mich eine kurzweilige Lektüre, die sich aber als überraschend facettenreich herausstellt, mit vielen schlauen Gedanken und einem herrlich trockenen Humor.

Messevorfreude im März

Trotz der grassierenden Corona-Panik freue ich mich wirklich schon ungemein auf die Leipziger Buchmesse. Dieses Jahr habe ich zwar gefühlte tausend Termine und darf das erste Mal an einer Panel-Diskussion teilnehmen, trotzdem ist es für mich immer ein absolutes Fest, so viele Büchermenschen auf einmal zu treffen.
Kurz nach der Messe wird ein noch halbwegs geheimes Projekt das Licht der Welt erblicken und ich bin schon unheimlich aufgeregt, was es dann Ende des Monats alles zu berichten gibt.
Als wäre das nicht schon genug Aufregung, geht auch der Blogbuster Award, bei dem ich in der Bloggerjury sitze, langsam in die nächste Phase; also noch schnell die letzten Manuskripte fertig lesen und einen Favoriten festlegen. – Leichter gesagt als getan…
Ihr merkt schon, der März ist bei mir ganz schön voll mit spannenden Projekten und Treffen, na hoffentlich bleibt da noch ein bißchen Zeit zum Lesen!

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Trotzdem haben es wieder einige Titel auf meinen Lesestapel geschafft, wobei ich Buch Nummer eins schon heimlich still und leise gelesen habe, nachdem es ja in dem Projekt eine Rolle spielen wird: „Nix passiert“ von Kathrin Weßling.
Hier geht es um Alex, der sich nach der Trennung von seiner Freundin bei den Eltern verkriecht und sich mit all den unaufgearbeiteten Problemen konfrontiert sieht, die er seinerzeit zurücklassen wollte.
Obwohl es um schwierige Themen wie Depressionen und Angststörungen geht, ist „Nix passiert“ ein durchweg unterhaltsames und auch humorvolles Buch. Bald mehr dazu!

Eine weitere Autorin, auf die ich schon sehr gespannt bin, ist Anna Hope.
Über „Was wir sind“ schrieb Maria Piwowarski kürzlich, es wäre all das, was sie bei Sally Rooney vermisst hätte. Ich persönlich konnte ja mit „Gespräche mit Freunden“ auch nicht so wirklich warm werden. Hoffentlich geht es mir deshalb bei Anna Hope ähnlich wie Maria.

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Völlig unbeabsichtigt und zufällig ist der Umstand, daß es in den nächsten drei Romanen durchweg um Schwesterngeschichten geht.
In „Long Bright River“ erzählt Liz Moore von einer Polizistin, deren Schwester drogenabhängig ist und auf den Strich geht. Katya Apekina schreibt in „Je tiefer das Wasser“ von zwei Schwestern, die nach dem Selbstmordversuch der Mutter zu ihrem Vater, einem weltberühmten Schriftsteller, geschickt werden und in „Die Glasschwestern“ von Franziska Hauser geht es um Zwillingsschwestern, die durch einen Schicksalsschlag wieder näher zusammen finden.

Schon seltsam, daß man sich manchmal scheinbar völlig verschiedene Titel aussucht, die dann aber alle ein verbindendes Thema haben… Passiert Euch das auch manchmal?

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Gleich drei Graphic Novels sind diesen Monat auf meinem Lesestapel gelandet:
„Das Tagebuch der Anne Frank“ in der Adaption von Ari Folman und David Polonsky ist ja nun schon ein Weilchen auf dem Markt, allerdings gibt es gerade eine günstige Sonderausgabe bei den Zentralen für politische Bildung. Nachdem ich nun schon ewig um dieses Buch herumgeschlichen war, musste ich da natürlich zuschlagen.
Politisch interessant wird es auch in „Jein“ von Büke Schwarz. Hier geht es um eine türkischstämmige Künstlerin, die eigentlich recht unpolitisch ist; bis das türkische Verfassungsreferendum 2017 in ihr die Frage weckt, ob Kunst nicht eben auch politisch ist.
Und zu guter Letzt ist dann noch die neuste Graphic Novel von Liv Strömquist ganz frisch bei mir eingetrudelt: „Ich fühl’s nicht“. – Achtung: Erst ab 12. März im Handel erhältlich!
Bei „I’m every woman“ habe ich ja damals Tränen gelacht, beim ersten Anlesen des neusten Titel ging es mir ganz ähnlich.

Das ist er also, der Märzstapel…
Kennt schon den ein oder anderen Titel und wie fandet Ihr ihn?
Und sehen wir uns in Leipzig?

Bis bald,
Eure Andrea

Review: Rate, wer zum Essen bleibt

Vor etwa einem Jahr meinte mein Kollege, ich solle doch bei YouTube nach „Steiner & Tingler“ suchen; das Format würde ihm so gut gefallen. Tatsächlich war ich auch sofort hin und weg von den kurzen Clips, in denen sich Nicola Steiner und Philipp Tingler über Literatur und alles darum herum unterhalten. Außerdem ist Tingler regelmäßiger Gast beim SFR Literaturclub, der ebenfalls von Nicola Steiner moderiert wird.
Philipp Tingler war mir mit seiner charmanten, aber auch sehr direkten Art sofort sympathisch, doch als Romanautor hatte ich ihn bisher noch gar nicht auf dem Schirm gehabt.

Im Herbst ist nun sein neustes Buch „Rate, wer zum Essen bleibt“ erschienen und nachdem ich zwischenzeitlich viel von Philipp Tingler gesehen hatte, war ich nun auf sehr auf seine Schreibe gespannt.

Felix und Franziska sind ein erfolgreiches Ehepaar: Felix ist Kritiker in einer bekannten Literatursendung, Franziska Akademikerin. Beide ergänzen sich wunderbar, klarer Fall also, daß Felix seine Frau bei einem wichtigen Abendessen mit dem Dekan ihrer Uni unterstützen will. Dort ist nämlich eine Stelle frei geworden, auf die es Franziska abgesehen hat und so wird der Abend bis ins letzte Detail geplant… – Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes.
Statt des Dekans und seiner Frau steht plötzlich Felix‘ alte Studienfreundin Conni vor der Tür. Die hat Felix nämlich im Fernsehen gesehen und sich kurzerhand entschlossen, vor ihrem Rückflug nach New York, wo sie mittlerweile lebt, unangemeldet vorbeizuschauen. Völlig überrumpelt lädt Felix Conni ein, zum Essen zu bleiben und noch bevor Franziska eingreifen kann, kommen auch schon der Dekan und seine Frau an.
Damit beginnt die Katastrophe; zumindest für Franziskas berufliche Zukunft, denn Conni hat absolut keinen Filter zwischen Gehirn und Mund und sie lässt kein Fettnäpfchen und keine Gelegenheit aus, um alle am Tisch in Verlegenheit zu bringen.
Grund genug also, Conni schnellstmöglich wieder loszuwerden, doch die ist ganz offenbar gekommen um zu bleiben. Während des Essens wird sie nämlich so krank, daß ein herbeigerufener Arzt Conni strikte Bettruhe verschreibt und so müssen Felix und Franziska den ungebetenen Hausgast beherbergen, während sich auch für die folgenden Tage eine ganze Reihe wichtiger Besuche ankündigt…

„Rate, wer zum Essen bleibt“ liest sich beinahe wie ein Theaterstück mit seinen pointierten und spitzfindigen Dialogen und den überzeichneten, etwas schrulligen Charakteren.
Dabei entwickelten sich gerade Connis anstrengenden und ungefilterten Aussagen, die man in echten Leben vermutlich keine zwei Stunden ertragen könnte, zu meinen absoluten Lieblingsszenen des Buches.
Vermutlich kommt dieser extrem trockene Witz und Connis fast schon naiv ehrliche und direkte Art nicht bei allen Lesern gleichermaßen gut an, für mich hat Philipp Tingler aber genau den richtigen Humor. Ich musste immer wieder laut loslachen, mich fremdschämen und in manchen Situationen vor Unbehagen fast schon winden.

Sollte „Rate, wer zum Essen bleibt“ also tatsächlich einmal als Theaterstück aufgeführt werden, ich würde auf jeden Fall hingehen.