Welche Bücher haben Euer Leben geformt?

Einen wunderschönen Welttag des Buches wünsche ich Euch!
Letztes Jahr habe ich Euch ja meine liebsten Bücher über Bücher vorgestellt, dieses Jahr dachte ich, es wäre doch schön, Euch einmal zu erzählen welche Bücher mein Leben geformt haben und gleich zu fragen, welche Titel es waren, die Euer Leben vielleicht in die eine oder andere Richtung gelenkt haben.

dav

Kurt Held: Die rote Zora und ihre Bande

Das erste richtig dicke Buch, das mir meine Mutter vorgelesen hat, war „Die rote Zora“. Ich war damals wohl fünf oder sechs, hatte gerade erst mit der Schule angefangen und war zwar schon mehr oder weniger gewillt selbst zu lesen, doch so ein dickes Buch hätte ich noch nicht bewältigen können.
Zu diesem Zeitpunkt lief gerade die Serie im Fernsehen, aber immer wieder eine Woche warten zu müssen um zu sehen, wie es weiterging war zuviel! Ein Glück, daß „Die rote Zora“ das Lieblingsbuch meiner Mutter war und sie die Idee, mir mal eben 400 Seiten vorzulesen recht begeistert aufnahm.

Im Jahr davor war etwas passiert an das ich mich nach all der Zeit immer noch erinnere. Vermutlich, weil es einer dieser Aha-Effekte im Leben war…
Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als mich meine Mutter zum Einkaufen mit in die Stadt nahm. Vor einem Geschäft wurde uns die Tür vor der Nase zugeknallt. Ein Mann hatte einfach nicht auf uns geachtet, während meine Mama davon ausgegangen war, daß er die Türe aufhalten würde.
Genervt zischte sie: „Ah, ein echter Gentleman!“
Ich wusste zwar noch nicht, was ein Gentleman ist, aber ich hatte schon eine ungefähre Ahnung von Sarkasmus, also lies ich mir das Wort erklären. „Das ist ein Mann, der nach Frauen schaut und ihnen die Tür aufhält, oder die Einkäufe trägt“, sagte sie. Ich überlegte kurz, dann stemmte ich meinen kleinen Körper gegen die Tür, drückte sie für meine Mutter auf und sagte: „Nein, das brauchen wir nicht. Ich bin auch stark genug.“

In meinem Kopf verknüpft sich dieses Erlebnis immer mit der roten Zora.
Auch sie hat nicht darauf gewartet, daß sich einer der Jungs aus ihrer Bande bequemte, ihr zur Hand zu gehen. Sie hat es entweder selbst gemacht, oder den Jungen die Meinung gegeigt.
Eine starke Heldin, die seinerzeit einen großen Eindruck auf mich gemacht hat und mich heute, wenn Kolleginnen meinen, daß wir uns  von den Männern helfen lassen sollten sagen lässt: „Neee, das können wir auch so!“

dav

Michael Ende: Die unendliche Geschichte

Ein weiteres Buch, an das ich lebhafte Vorlese-Erinnerungen mit meiner Mutter habe ist „Die unendliche Geschichte“. Meine Eltern hatten mich mit vielleicht sieben oder acht Jahren mit in die Bavaria Filmstudios genommen, wo ich auf dem Glücksdrachen Fuchur reiten durfte.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen, aber Fuchur: das war Liebe auf den ersten Blick!

Also nervte ich meine Eltern im Anschluß pausenlos, daß ich dieses Buch haben und den Film sehen musste. Leider zunächst erfolglos. Freundinnen meiner Mutter meinten, der Film wäre zu gruselig und das Buch zwar gut, aber noch zu kompliziert für mich.
Wochenlang litt ich und schaffte dann einfach Tatsachen, indem ich das Buch aus der Bücherei auslieh. Letztendlich einigten wir uns darauf, daß meine Mutter es mir vorlesen würde, was sie aber nicht lange durchhielt.
Also nahm ich die Sache selbst in die Hand, kämpfte mich durch einen Großteil des Buches selbst hindurch und beendete es als recht flüssige Leserin.
Heute mag man es kaum Glauben, aber in der Grundschulzeit empfand ich das Lesen immer als anstrengend. Ich fühlte mich mit Asterix, Fix und Foxi oder den Lustigen Taschenbüchern wohler, als mit dicken Schwarten.
„Die unendliche Geschichte“ hat eine begeisterte Leserin aus mir gemacht. Kein Wunder, daß mein Großer Bastian heißt!

dav

Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels

Nachdem ich in den folgenden Jahren eine recht begeisterte Leserin von Kinderbüchern wie „Neues vom Süderhof“ oder „Berts Katastrophen“ wurde, fiel mir wohl mit etwa dreizehn Jahren ein Buch im Bertelsmann Club-Katalog meiner Mutter auf: „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“.
Der Titel klang so geheimnisvoll, daß ich nicht anders konnte, als meine Mutter zu beknien, es mir zu kaufen.

Ich begann also gespannt zu lesen und verstand erstmal gar nichts:
„Was ist Zeit? Wir stiegen fünf Etagen dem Licht entgegen, verteilten uns in dreizehn Reihen und wandten uns dem Gott zu, der das Tor des Morgens aufschließt.“
Was sollte das heißen? Welcher Gott? Welches Tor?
Bis zu diesem Punkt hatte ich nur geradlinige Kinderbücher gelesen, doch Peter Høeg schrieb anders. Jeder Satz war ein Rätsel, daß sich erst im Laufe der Geschichte erschloss.
Also kämpfte ich mich auch hier durch und jedesmal, wenn ich einen Satz mit all seiner Symbolik oder seinen unterliegenden Anspielungen verstand, dann jubelte ich.

Danach las ich alle anderen Bücher von Peter Høeg, die seinerzeit auf dem Markt waren und ich schrieb meine erste Buchbesprechung zu „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ für unsere Schülerzeitung. Ich kann mich noch daran erinnern, wie stolz ich war, meinen Namen unter dem Artikel zu lesen.
Wer hätte gedacht, daß ich nach mehr als zwanzig Jahren immer noch solchen Spaß daran habe, Buchbesprechungen zu schreiben?

dav

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

In der Zeit, als ich vierzehn, fünfzehn Jahre alt war, war der Jugendbuchmarkt wie wir ihn heute kennen so gut wie nicht existent. Man las Kinderbücher bis man ein Teenager war, um dann mit einer Mischung aus Schullektüre, Krimis und Fantasy den Sprung zur Erwaschsenenliteratur zu machen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bis über beide Ohren in meinen Deutschlehrer verknallt. Der war Anfang, Mitte zwanzig, also uuuralt, aber ich dachte, ich könnte ihm wenigstens intellektuell nahe sein, wenn ich mich durch die Leseliste seiner Lektüreempfehlungen arbeitete. Ein Glück, sonst hätte ich mich wohl nie mit Kafka, Mann oder Frisch beschäftigt.

Als Klassenlektüre lasen wir damals „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, ein Buch das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Meine Mitschüler stöhnten unter Sätzen wie „Für den folgenden Bericht gibt es einige Neben- und drei Hauptquellen, die hier am Anfang einmal genannt, dann aber nicht mehr erwähnt werden.“  Vielversprechender Anfang, hm?
Ich las das Buch dreimal und guckte verliebt, was mir zwar zu diesem Zeitpunkt nichts brachte, mir dann aber am Ende meiner Ausbildung zur Buchhändlerin doch noch zugute kam.

Für die mündliche Prüfung mussten wir nämlich vier Büchern aus verschiedenen Epochen vorbereiten. „Katharina Blum“ war eines der Bücher, die ich dafür ausgewählt hatte und über das ich dann tatsächlich geprüft wurde.
Es lief gut. Verdammt gut sogar!
Die Prüfer der Buchhandlung Lehmkuhl, die nicht gerade dafür bekannt waren, Hugendubel Prüflingen etwas zu schenken wickelte ich um den kleinen Finger. Ich scherzte, becircte, gab gute, schlagfertige Antworten. Endlich machte sich meine unerwiderte Liebe zu meinem Deutschlehrer bezahlt!

Am Ende der Prüfung drehte sich die schlechteste Wirtschaftskundelehrerin der Welt zu mir um und nuschelte: „Na, dann gehen Sie mal bitte raus, daß wir uns beraten können, ob sie bestanden haben.“
Ich stand auf, verdrehte die Augen und sagte nur: „Also bitte…“ Dann verließ ich lachend den Saal und war Buchhändlerin.

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Terry Pratchett: Gevatter Tod

Im Sommer bevor ich 18 Jahre alt wurde stellten sich bereits Weichen, die den Rest meines Lebens lenken sollten, auch wenn mir das damals nicht bewusst war.
Ich lernte meine beste Freundin kennen, machte meinen Schulabschluß, startete meine Fahrstunden, verliebte mich in den Mann, den ich später einmal heiraten sollte und begann meine Ausbildung.
Den literarischen Soundtrack dieser Zeit machten Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane aus, die damals in meiner Clique rauf und runter gelesen wurden. Das erste dieser Bücher, das mir von einem Kumpel in die Hand gedrückt wurde, war „Gevatter Tod“.

Die seltsamen Gesetze dieser Welt, die verrückte aber unumstößliche Logik, die allem zugrunde lag; all das begeisterte mich sofort.
Als ich meinen zukünftigen Ehemann zum ersten Mal sah, erinnerte er gleich an die Beschreibung des Hauptcharakters Mort. Ich beendete das Buch und war verliebt.

Zwanzig Jahre sind mittlerweile vergangen und vieles hat sich verändert, aber vieles, was in diesem Sommer, als wir Terry Pratchett lasen und nächtelang in der Studentenkneipe saßen und uns über unsere Lieblingsstellen totlachten, auf den Weg gebracht wurde, ist gleich geblieben.
Auch wenn meine Ehe gelegentlich schlingert wie ein Schiff im Sturm, ist mein Mann immer noch da. Auch wenn uns mittlerweile Länder trennen, ist meine beste Freundin immer noch meine beste Freundin. Und auch wenn die goldene Zeit des Buchhandels, in denen ich damals meine Ausbildung begann, mittlerweile vorbei sind, stehe ich immer noch gerne im Laden und verkaufe nun zwar weniger Bücher an weniger Kunden, aber immer noch voller Begeisterung.

Wie jung und dumm wir damals an dem Tag am Badesee waren, als mir mein Kumpel „Gevatter Tod“ in die Hand drückte. Unsere Leben lagen noch vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt und doch wurden damals schon alle Linien gezogen.

All diese Bücher haben mein Leben geformt.
Und es gibt so viele andere. Bis heute weiß ich, welches Buch ich gelesen habe, als ich meinen Großvater das letzte Mal im Pflegeheim besuchte, welche Titel mit im Krankenhaus dabei waren, als ich meine Kinder zur Welt brachte, oder welchen Roman ich während der Flitterwochen las…
Es ist schön zu wissen, daß man immer solche treuen Begleiter an seiner Seite hat und sie nur kurz aufschlagen muss, um sofort wieder in die Zeiten transportiert zu werden, in denen man sie zum ersten Mal las.

Und jetzt seid Ihr dran!
Welche Bücher haben Euer Leben geprägt, geformt oder beeinflusst?
Ich bin wirklich gespannt auf Eure Antworten!

In diesem Sinne noch einen fabelhaften Welttag des Buches uns allen!

Eure Andrea

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Review: Die verlorenen Arten

Heute möchte ich Euch ein Sachbuch zu einem spannenden Thema vorstellen…
Na gut, vielleicht hört sich das Thema auf den ersten Blick nicht allzu spannend an, aber klickt noch nicht weiter, vielleicht kann ich Euch ja doch begeistern.

Schon als Kind habe ich Museen geliebt. Mineralien, Fossilien, getrocknete Pflanzen und Schmetterlinge in Glaskästen… All das musste ich haben! Zu Weihnachten wünschte ich mir kein Barbie-Traumhaus sondern ein Mikroskop und ein Teleskop.
Kein Wunder, daß ich Probleme hatte, in der Schule Anschluß zu finden, denn statt der Bravo las ich lieber Bestimmungsbücher.

Meine Liebe zur Naturkunde hat mich im Leben zwar nicht weiter gebracht, aber immer wenn ich in einer Stadt mit einem naturgeschichtlichem Museum bin, ist ein Besuch dort Pflicht!

Als ich vor ein paar Jahren mit Schwangerschaftsübelkeit darnieder lag, stolperte ich dann über den YouTube-Kanal „The Brain Scoop“ mit Emily Graslie. Sie arbeitete damals ehrenamtlich in einem witzigen Museum irgendwo im Nirgendwo und filmte sich dabei, wie sie alles sezierte, was tot am Strassenrand gefunden wurde… Ich liebte es!
Mittlerweile arbeitet sie für das legendäre Field Museum in Chicago und ich kann ihren Kanal nur empfehlen, denn dort habe ich viel gelernt. Unter anderem, daß das, was wir als Besucher in Museen zu sehen bekommen nur ein minimaler Prozentsatz der eigentlichen Sammlung ist und daß sich in kaum besuchten Magazinen und Archiven oft genug Arten befinden, die wir noch gar nicht kennen.
Das hört sich vielleicht ein bißchen paradox an, aber genau damit beschäftigt sich Christopher Kemp in seinem Buch „Die verlorenen Arten – Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen“.

Wenn man hört, daß eine neue Spezies entdeckt wurde, stellt man sich in der Regel vor, wie sich ein verschwitzer, von Moskitos zerstochener Forscher mit Tropenhut und Machete mit letzter Kraft durch den Urwald kämpft und plötzlich steht es vor ihm: das sagenumwobene Regenbogenlama!
Tatsächlich aber werden die meisten Entdeckungen ganz unglamourös am Schreibtisch gemacht. Die Wissenschaftler öffnen eine Schublade mit Fellen einer bekannten Gattung und stellen fest, daß sich eins dieser Felle von den anderen unterscheidet.
Oder ein von Darwin gefangener Käfer, der praktisch seit seiner Entdeckung als verschollen galt, weil schlicht und ergreifend nicht anständig aufgeräumt wurde, fällt dann mehr als 150 Jahre später doch noch einem Forscher in die Hände und stellt sich als unbekannte Spezies heraus!

Jede Geschichte, die Christopher Kemp in diesem Buch erzählt ist einzigartig.
Manche Arten werden durch hartnäckige Recherche entdeckt, andere aus purem Zufall. So wie beispielsweise eine Muschel, die die ältesten Ritzzeichnungen von Hominiden aufweist und die nur deshalb entdeckt wurde, weil ein Wissenschaftler zu wenig Zeit hatte, die Muscheln zu untersuchen und deshalb schnell Fotos von ihnen machte.
Durch das schräg einfallende Licht wurde auf den Bildern sichtbar, was sich mit bloßem Auge kaum erkennen lies: eine 500.000 Jahre alte Zeichnung!

Wie gesagt: ein auf den ersten Blick vielleicht eher langweiliges Thema, das aber viele spannende Geschichten zu bieten hat!
Christoph Kemp schreibt sehr anschaulich und für den Laien verständlich; und er schafft es immer einen Spannungsbogen zwischen den Sammlern und den Wissenschaftlern, die dessen Bedeutung oft erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später entdecken, zu bauen.

Review: Der Bücherdrache

Lange Jahre war es ja still geworden um Walter Moers, nachdem „Das Schloss der Träumenden Bücher“ von Jahr zu Jahr und dann irgendwann auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Nun scheint es allerdings so, als wäre er wohl endgültig aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, offenbar unter der Bedingung, daß man ihn mit dem „Schloß“ in Ruhe lässt.

Gemeinsam mit der Illustratorin Lydia Rode hat er innerhalb der letzten anderthalb Jahre sowohl Prinzessin Insomnia & der alptaumfarbene Nachtmahr als auch Weihnachten auf der Lindwurmfeste herausgebracht und zusammen mit dem Künstler Florian Biege wurde Die Stadt der Träumenden Bücher als Graphic Novel umgesetzt.
Offenbar hat der Input anderer Illustratoren Walter Moers gut getan, denn nun kam tatsächlich auch wieder ein neues – eigenes – Buch auf den Markt: „Der Bücherdrache“.

Wieder einmal steigen wir mit Hildegunst von Mythenmetz hinab in die Katakomben der legendären Bücherstadt Buchhaim, doch noch führt uns der Weg nicht zum Schloß der Träumenden Bücher und es ist auch nicht der Lindwurm Hildegunst den wir begleiten, sondern den kleinen Buchling, der ihm zu Ehren seinen Namen trägt und verpflichtet ist, all seine Werke auswendig zu lernen.

Eigentlich führen die Buchlinge ja ein recht ruhiges Leben, das sich hauptsächlich dem Lesen widmet, doch eines Tages stolpert der kleine Hildegunst völlig unvermittelt in ein eigenes Abenteuer.
In der Schule wird nämlich von Nathaviel, dem Bücherdrachen erzählt, der in den Tiefen des Ormsumpfes hausen soll; eine Legende wie viele, die in der Schule erzählt werden, denkt Hildegunst Zwei.
Doch seine älteren Klassenkameraden berichten von ihren eigenen heimlichen Besuchen bei Nathaviel und drängen den kleinen Buchling dazu, es ihnen nachzutun.
So gerät Klein-Hildegunst in ein unvergessliches Abenteuer, über das er selbst eigentlich ein Buch schreiben könnte…

Gerade mal 160 Seiten kurz ist „Der Bücherdrache“, die Geschichte verläuft recht geradlinig und zielgerichtet, nicht zu vergleichen mit Zamonien-Epen wie „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ oder „Rumo & die Wunder im Dunkeln“. Eine Fingerübung vielleicht, um wieder den nötigen Schwung für Umfangreicheres zu bekommen.
Trotzdem hat mich „Der Bücherdrache“ glänzend unterhalten und mich wieder einmal für die Welt der Buchlinge begeistert.

Bleibt zu hoffen, daß Walter Moers wieder Kraft und vor allen Dingen Lust hat, seine größeren Projekte in Angriff zu nehmen. Ein Buch, das nämlich neben „Das Schloß der Träumenden Bücher“ schon seit Jahren angekündigt aber nie erschienen ist, ist „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ und just von diesem Buch finden wir eine Leseprobe am Ende des „Bücherdrachen“.
Ich war jedenfalls sofort gefangen von der stürmischen Reisebeschreibung des großen Hildegunst von Mythenmetz, die ich in einer langen Nacht mit vielen Infusionen im Krankenhaus gelesen habe. (Keine Sorge, es geht mir wieder gut!)
Schade, daß es nur das erste Kapitel des Buches war.

Review: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Ein Bekenntnis: der Kundensatz, den man als Buchhändler irgendwann nicht mehr hören kann ist: „Das müssen Sie lesen!!!“
Gerne glaube ich, daß der Kunde einen ausgezeichneten Geschmack hat und dieses Buch mein Leben verändern wird, aber dann denke ich an all die anderen Kunden, die mir heute schon den selben Satz gesagt haben, an den Stapel ungelesener Bücher, der mittlerweile schon ein halbes Zimmer eingenommen hat und all die Ankündigungen der fabelhaften Titel, die in den nächsten Wochen und Monaten erscheinen werden.
Dann nicke ich nur und sage: „Ich merks mir!“, was ich auch tue, aber von all den Empfehlungen, die mir Kunden aussprechen, lese ich tatsächlich nur einen Bruchteil.

Doch eines Tages betrat eine Kundin den Laden praktisch im Laufschritt und mit einem unheilsschwangerem Feuer in den Augen. Sie packte mich fast schon unsanft und verlangte, sofort ein drittes Buch von Joel Dicker ausgehändigt zu bekommen.
Damals war gerade erst „Die Geschichte der Baltimores“ erschienen und ich versicherte der Kundin, daß ich ihrem Wunsch zwar gerne nachkommen würde, daß es aber ausser „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und eben „Die Geschichte der Baltimores“ noch kein weiteres Buch auf Deutsch gäbe…
Es fehlte nicht viel, und die Kundin hätte sich auf den Boden geworfen und mit ihren Fäusten getrommelt!

Einen so schlimmen Fall von Buchausweh (wie Heimweh, nur nach Büchern) habe ich in meinen zwanzig Jahren Berufserfahrung bis dahin noch nicht und danach nicht wieder erlebt.
Ich versuchte sie abzulenken und ihr meine liebsten Bücher zu empfehlen, aber es war zwecklos. Bei jedem neuen Buch seufzte sie nur gequält auf, griff nach „Harry Quebert“ oder den „Baltimores“ und las mir Abschnitte daraus vor.
Meine Diagnose: nichts half… Joel Dicker hatte diese Frau auf absehbare Zeit für andere Literatur komplett verdorben!

Nachdem die Kundin seufzend und mit hängenden Schultern aus der Buchhandlung geschlurft war (und ja, ich bin mir bewusst, daß sich diese Geschichte etwas überspitzt anhören muss, ist sie aber nicht) machte ich es mir im Pausenraum gemütlich und sah dort im Regal mit den Leseexemplaren doch tatsächlich eine schon etwas zerlesene Ausgabe der „Geschichte der Baltimores“.
Ich zuckte die Achseln, dachte daß dies wohl mein heutiges Schicksal sein müsste und begann wenig überzeugt darin zu lesen…

Ein paar Tage später hatte ich sowohl „Die Geschichte der Baltimores“ als auch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ verschlungen und war kurz davor mich neben die Kundin auf den Boden zu werfen und mit den Fäusten zu trommeln, wenn es uns nur ein drittes Buch von Joel Dicker gebracht hätte.

Und nun, ein paar Jahre später, hatte das Warten endlich ein Ende und nachdem der Kollege, der einfach viel zu schnell liest, einige Todesdrohungen von mir erhalten hatte, für den Fall daß er mir irgendetwas aus diesem Buch spoilern würde, konnte ich es mir endlich mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ gemütlich machen…

Captain Jesse Rosenberg schließt seine Karriere mit einem Ergebnis ab, von dem viele Polizisten nur träumen können: einer hundertprozentigen Aufklärungsquote.
Doch ausgerechnet am Abend seiner Abschiedsfeier taucht die junge Journalistin Stephanie Mailer auf, die Jesse damit konfrontiert, daß er beim ersten großen Fall seiner Laufbahn auf der falschen Spur war.
Zwar gab es nie ein Geständnis zum Vierfachmord an dem Bürgermeister der Stadt, seiner Familie und einer Joggerin, die sich zur Tatzeit vor dem Haus befand, doch alle Indizien sprachen gegen den Unternehmer Ted Tennenbaum, der sich dann auch noch eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte, bei der er verunglückte.

Eigentlich ein klarer Fall, trotzdem ist Stephanie überzeugt davon, daß die Ermittler etwas Wichtiges übersehen haben; etwas das offensichtlich gewesen wäre.
Mehr will sie Jesse nicht verraten, bevor sie zu einem Treffen mit ihrem Informanten fährt, von dem Stephanie aber nicht mehr zurückkehrt.

Und sofort befällt Jesse ein ungutes Gefühl: Wo ist Stephanie Mailer? Hatte sie wirklich brisante Informationen? Und kann es sein, daß Ted Tennenbaum damals unschuldig war und der wahre Täter seit zwanzig Jahren frei herumläuft?
Jesse beschließt, seine anstehende Pensionierung zu verschieben und macht sich mit seinem damaligen Partner Derek und der jungen Polizistin Anna daran, Stephanie Mailer zu finden und den alten Fall neu aufzurollen…

Joel Dicker schafft es in „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“, wie auch schon in seinen beiden ersten Romanen, den Leser sofort ganz und gar gefangen zu nehmen.
Die Handlung rast geradezu dahin, immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, überraschende Erkenntnisse und unvorhersehbare Ereignisse.

Ein bißchen traurig war ich zwar, daß Marcus Goldman, der Held aus „Harry Quebert“ und den „Baltimores“ dieses mal nicht mit von der Partie war, aber die Dynamik des Ermittlertrios konnte mich schnell für sich einnehmen.

Woran ich aber ein bißchen zu kritteln habe ist, daß einige der Figuren doch sehr stark überzeichnet waren.
Da ist beispielsweise die junge Geliebte eines verheirateten Mannes, die ihn finanziell ausbluten lässt, das depressive Teenagermädchen, das sich nur mit Drogen durch den Tag rettet, oder der Regisseur eines sonderbaren Theaterstücks, der sich selbst für ein Genie hält und von einem Tobsuchtsanfall in nächsten verfällt.
Einige der Charaktere in „Stephanie Mailer“ glichen fast schon Karikaturen und strapazierten meine Geduld gelegentlich, trotzdem waren der Fall, das Setting und der spannungsgeladene Erzählstil wieder so on point, daß ich dieses Manko gerne verzeihe.

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist definitiv eines meiner Lesehighlights des Frühjahrs und eine perfekte Lektüre für alle, die spannungsgeladene Romane oder literarische Thriller lieben.

Review: The Handmaid’s Tale – Graphic Novel

Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ ist ja eins der Bücher, die mich mit am meisten beeindruckt haben. Nun erschien auf Englisch gerade eine Adaption des Romans als Graphic Novel; klarer Fall, daß ich die haben musste!

„The Handmaid’s Tale“ erzählt die Geschichte von Offred (auf Deutsch: Desfred).
In einer dystopischen Zukunft existieren die USA, so wie wir sie heute kennen, nicht mehr. Stattdessen gibt es nun die ultrakonservative Republik Gilead, in der Frauen wenige bis gar keine Rechte mehr haben und das Land nach verschiedenen Umweltkatastrophen in manchen Teilen unbewohnbar geworden ist.
Da die Geburtenrate unaufhaltsam sinkt werden den Kommandanten der Republik sogenannte Mägde zur Verfügung gestellt: fruchtbare Frauen, die den Nachwuchs der Elite zur Welt bringen sollen.

Offred ist eine dieser Mägde, doch sie erinnert sich noch gut an die Zeit vor dem Umsturz, als es Frauen noch nicht verboten war zu Lernen, zu Arbeiten, oder ihren Besitz selbst zu verwalten. Eine Zeit, wie die unsere…
Nun ist sie in einer Welt gefangen, in der es für sie keinen Ausweg gibt, außer sich zu beugen. Doch nach und nach bemerkt sie kleine Risse in dieser Welt. Ist es vielleicht doch möglich auszubrechen?

Wer den „Report der Magd“ noch nicht gelesen hat sollte das wirklich nachholen!
Ich selbst habe es richtig bereut, das Buch erst vor ein paar Jahren und nicht schon als Teenager gelesen zu haben. Vermutlich hat es mich abgeschreckt, daß das Buch in der „Zukunft“ spielt; das hörte sich für mich immer nach Science Fiction an.
Dabei könnte die Handlung genauso jetzt, oder vor zwanzig Jahren spielen, denn alles was passiert ist, um Offreds Welt entstehen zu lassen, ist nichts was sich Margaret Atwood ausgedacht hat.
Naturkatastrophen, die Kernkraftwerke zerstört und ganze Landstriche radioaktiv verseucht haben? Nationalisten, die Dank eines Putsches an die Macht gekommen sind, der anschließend einer religiösen Minderheit in die Schuhe geschoben wurde? Frauen, die der Regierungselite als Gebärmaschinen zur Verfügung gestellt wurden? – Das alles ist schon einmal passiert und es gibt keine Garantie, daß es nicht wieder geschehen könnte.

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Die Adaption der Geschichte als Graphic Novel ist unheimlich gut gelungen! Fast möchte ich sagen: es ist eine der besten zeichnerischen Umsetzungen eines Buches, die ich je gesehen habe.
Dabei verwendet die Illustratorin Renée Nault sehr reduzierte Federzeichnungen, die sie dann aber umso aufwändiger koloriert und jeder Szene damit eine einzigartige Atmosphäre gibt.

Auch die Umsetzung der Handlung funktioniert hervorragend, wobei man natürlich im Buch mehr Informationen bekommt, wie es zum Umsturz kam. Trotzdem funktioniert die Graphic Novel auch problemlos als eigenständiges Werk für alle, die den Roman noch nicht gelesen haben.

Auf Deutsch wird die Graphic Novel von „Der Report der Magd“ wohl Anfang September im Berlin Verlag erscheinen, kurz bevor mit „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) endlich die lang erwartete Fortsetzung von „The Handmaid’s Tale“ auf den Markt kommt.
Ich bin schon wahnsinnig gespannt!

 

Meine ausführliche Besprechung von „Der Report der Magd“ findet Ihr hier:

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Review: Der Report der Magd

Review: I’m every woman

In letzter Zeit bin ich immer wieder auf die Comics von Liv Strömquist gestossen, die sich mit Titeln wie „Der Ursprung der Welt“ den Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat.
Also habe ich mir ihr neustes Buch „I’m every woman“ geschnappt, denn wie konnte ich bitte dieser frech grinsenden Madonna auf dem Cover widerstehen?

Bei einem Schwimmbadbesuch mit den Kindern begann ich mit dieser Graphic Novel und musste sie auch schon bald wieder zur Seite legen, weil ich so laut lachen musste, daß die Leute schon guckten…

In verschiedenen Episoden erzählt Liv Strömquist von starken Frauen und spannenden Ideen und nimmt dabei auch schon mal vermeintlich liberale Denkmuster etwas genauer unter die Lupe.

Im ersten Abschnitt werden beispielsweise „Die unsäglichsten Lover der Weltgeschichte“ gekürt. Ein Segment, das ich ebenso lustig wie lehrreich fand, denn daß einige berühmte Männer diverse Frauen nebenher hatten ist ja bekannt. Wie sich manche Herren dabei aber aufgeführt haben, war auch für mich neu…
Edvard Munch zum Beispiel schaffte es, sich bei einem Streit mit seiner Geliebten selbst in den Finger zu schießen, das ganze dann aber ihr in die Schuhe zu schieben (mit der Begründung, sie hätte ihn hypnotisiert) und anschließend blutrünstige Gemälde mit Titeln wie „Die Mörderin“ zu malen, um den Vorfall zu verarbeiten.
Darüber kann man wirklich nur lachen und den Kopf schütteln!

Liv Strömquists Zeichenstil ist sehr schlicht und reduziert. Manche finden ihn ja deshalb nicht besonders ansprechend, ich habe aber nichts daran auszusetzen.
Sie setzt auf sehr einfache Illustrationen, die dann zum Teil koloriert, zum Teil schwarz-weiß belassen sind und bedient sich hin und wieder auch gerne der Kollagetechnik.

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„I’m every woman“ ist kein Buch, das gefallen möchte. Man kann sich immer wieder an einigen Aussagen reiben und stoßen, sie gutheißen oder ablehnen… Liv Strömquist schreibt frei Schnauze, ohne auf political correctness zu achten, oder nach Bestätigung zu heischen. Durch ihre Unangepasstheit bekommt diese Graphic Novel das gewisse Etwas, das sie mir wahnsinnig sympathisch gemacht hat und der rotzfreche Humor hat mich vollends begeistert.
Bestimmt wird das nicht mein letztes Buch von Liv Strömquist gewesen sein!

Review: Rückwärtswalzer

Seit ich „Blasmusikpop“ damals in einem kleinen Dörfchen nahe der Berge und mit Blick auf die Zugspitze gelesen habe, bin ich begeistert von Vea Kaisers Geschichten. Denn sie schafft es, Generationen umspannende Familiengeschichten so zu schreiben, daß man immer am Ball bleibt und staunt, wie die Ereignisse der Vergangenheit oftmals bis in die Zukunft nachklingen.

Deshalb war ich auch sehr gespannt, als ich endlich Vea Kaisers dritten Roman „Rückwärtswalzer oder Die Mahnen der Familie Prischinger“ in Händen hielt.
Kurz vor der Leipziger Buchmesse begann ich also mit der Lektüre und freute mich umso mehr, als ich die Autorin dann auf der Messe und bei einem kalorienreichen Bloggertreffen kennenlernen durfte.
Tolle Frau, tolles Buch!

In Lorenz Prischingers Leben läuft es gerade wirklich nicht rund. Seine Schauspielkarriere steht vor dem aus, die Schulden häufen sich und seine Freundin lässt ihn sitzen.
So ist er gezwungen, seine schicke Stadtwohnung unterzuvermieten und bei seinen fabelhaften Tanten unterzukriechen.
Hedi, Wetti und Mirl leben alle im selben Genossenschaftsgebäude in einem der weniger schicken Vororte von Wien und die Tatsache, daß er nun im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine leben muss, kratzen schon gewaltig am Ego von Lorenz, doch immerhin tun seine Tanten ihr Möglichstes, um ihn aufzupäppeln, indem sie das machen, was sie ohnehin am liebsten tun; nämlich den ganzen Tag in der Küche von Tante Hedi und Onkel Willi sitzen und zu kochen und backen als wäre der Notstand ausgebrochen.

Doch eines Nachts passiert etwas, womit niemand gerechnet hat. Onkel Willi, der immer so sportlich und fit war, stirbt völlig unerwartet und bringt Tante Hedi damit in eine prekäre Lage. Denn Willi hat geschworen, in Montenegro – dem Land seiner Kindheit – beerdigt zu werden, doch das Sparkonto, daß er extra für Überführungs- und Beerdingungskosten angelegt hat wurde vor kurzem von Hedi geplündert, um der gemeinsamen Tochter finanziell unter die Arme zu greifen.

Was tun, wenn man ein Versprechen gegeben hat, aber nicht das Geld, es zu erfüllen?
Improvisation ist also gefragt, und so machen sich Lorenz, seine Tanten und der tote Onkel Willi kurz darauf auf zu einen unvergesslichen Roadtrip, bei dem Lorenz ganz nebenbei noch von den Geheimnissen der Familie Prischinger erfährt und von den Schicksalsschlägen, die sie so zusammengeschweißt hat.

Mit viel Gefühl und Humor erzählt Vea Kaiser in „Rückwärtswalzer“ wieder einmal eine wunderbare Familiengeschichte mit einzigartigen Charakteren, die man am Liebsten sofort in die eigene Familie aufnehmen möchte.
In Rückblenden erfährt man vom Leben, der drei Tanten, die zwar Österreich bis zu dieser Reise nie verlassen, aber trotzdem viel erlebt haben.

Ich habe viel geschmunzelt, gelacht, und mir am Ende auch ein paar Tränchen verdrückt. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

Und falls ich Euch jetzt Lust auf mehr gemacht habe… In meinen Urlaubs-Empfehlungen habe ich letztes Jahr unter anderem eben „Blasmusikpop“ vorgestellt.
Den Link dazu findet ihr hier:

Urlaubslektüre? – Meine Tipps für Euch!

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