Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 2 und alle Fragen offen

Letzten Monat ging ja die erste Folge unseres Literaturpodcasts „Seite an Seite“ online und die Reaktionen darauf haben meinen Kollegen Andi und mich wirklich komplett geplättet. Wir hätten wohl nie gedacht, daß unsere kleine Idee so gut ankommen würde und wir gleich so viele Zuhörer hätten.

Natürlich hat es sehr geholfen, daß Friedemann Karig den Podcast auf Instagram geteilt hat… und schwupps hatten wir innerhalb von zwei, drei Tagen die ersten hundert Hörer!

Das viele positive Feedback hat uns sehr viel bedeutet und definitiv motiviert, damit weiterzumachen.
Nun haben wir also wieder einen Monat lang gelesen und uns für Euch gleich mal die ersten Neuerscheinungen des Herbstprogramms vorgenommen.

Viel Spaß also, bei der neusten Folge!

Unsere Titel für diesen Monat sind:

fbt

Andi:
Sally Rooney – Gespräche mit Freunden
Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Andrea:
Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
Kristin Höller – Schöner als überall

fbt

Und zusammen sprechen wir über:
Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios
Anika Decker – Wir von der anderen Seite

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

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Schaut auf jeden Fall mal bei uns vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

Cover

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Review: Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht

Im Frühling hatte ich ja bereits Sy Montgomerys Autobiografie Einfach Mensch sein vorgestellt, in der die Naturwissenschaftlerin sehr eindrucksvoll schildert, welchen Einfluss bestimmte Tiere auf ihr Leben hatten. Darin geht es nicht nur um kuschelige Schoßhündchen, sondern auch um haarige Taranteln, blutdurstige Wiesel und die Tintenfische, die sie zu ihrem Bestseller „Rendezvous mit einem Oktopus“ inspiriert haben.
Dabei konnte man spüren, wie begeistert Montgomery von all diesen Lebewesen ist, egal ob sie auf den ersten Blick hübsch oder eher angsteinflößend sind.

Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, als mir ihr neustes Buch „Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht – Und anderen kleinen und großen Wundern der Natur“ in die Hände gefallen ist.

Darin setzt die Autorin den Fokus nicht auf außergewöhnliche Tiere, die man wohl in freier Wildbahn nie zu Gesicht bekommen wird, sondern auf die kleinen Wunder, die die Flora und Fauna direkt vor der eigenen Haustüre bietet.

Es beginnt mit so unscheinbaren Gewächsen wie Flechten, beschreibt verschiedene Arten von Schlamm und lässt uns Spinnennetze genauer unter die Lupe nehmen.
Das hört sich langweilig an? – Absolut nicht, denn Sy Montgomery bringt so viel Enthusiasmus für diese Themen mit, daß man augenblicklich davon angesteckt wird und ganz nebenbei noch allerhand Interessantes lernt oder falsche Annahmen endlich korrigiert bekommt.
So erzählte mir meine Mutter immer, ich solle die Finger von Schnee mit schwarzen Pünktchen darauf lassen, der sei nämlich voller Ruß. Dabei hätte es sich wirklich gelohnt, einmal genauer hinzusehen, denn diese schwarzen Pünktchen sind in der Regel Schneeflöhe, die zwar nur 1,5 Millimeter groß werden, aber ganze 15 Zentimeter weit springen können!

Überhaupt lernt man, daß die Natur um uns herum voller kleiner Wunder steckt; selbst wenn wir mitten in der Stadt leben und jeden Tag nur einen kleinen Grünstreifen sehen, können wir auch dort einiges entdecken. – Und das zu jeder Jahreszeit…
„Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht“ gliedert sich nämlich in die vier Jahreszeiten und es überrascht dann doch, daß man selbst im Frühling, wenn es tagelang nur regnet, oder im tiefsten dunklen Winter immer noch überall Spannendes entdecken kann.

Dieses Buch ist ein wirklich schöner Anlass, die Welt um uns herum einmal mit anderen Augen zu betrachten, genauer unter die Lupe zu nehmen und dabei vieles um sich herum zu entdecken, das man sonst gar nicht wahrgenommen hätte.

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Stimmungsvoll illustriert wurde das Buch übrigens von Tine Pagenberg

Review: Mein Ein und Alles

„Mein Ein und Alles“ von Gabriel Tallent ist wohl ein absolutes Love-it-or-Hate-it-Buch. Von so vielen Lesern hatte ich gehört, daß sie es gar nicht aus der Hand legen konnten, während andere es nach dem ersten Kapitel abbrechen mussten.
Nachdem ich wirklich nur diese extremen Meinungen und nichts dazwischen gehört hatte, musste ich mir jetzt doch noch ein eigenes Bild machen, bevor ich von der Flut der Herbstnovitäten mitgerissen würde…

Julia – genannt Turtle – lebt zusammen mit ihrem Vater Martin abgeschieden in den Wäldern Kaliforniens. Ihre Mutter starb, als Turtle noch sehr klein war, ihre einzige Bezugsperson neben Martin ist ihr Großvater, der in einem Wohnwagen auf dem Grundstück lebt, aber seine Tage meist mit Trinken verbringt.
In die Schule geht Turtle nur lustlos; sie hat kein Interesse daran, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden und auch ihre Noten sind schlecht. Schließlich sieht sie keinen Sinn darin, Algebra oder Fremdwörter zu lernen, wenn es wichtigeres gibt…
Denn Martin ist davon überzeugt, daß die Gesellschaft kurz vor dem Kollaps steht und bereitet seine Tochter auf das Unausweichliche vor. In ihrem schäbigen Holzhaus bunkern Turtle und ihr Vater Konserven, Benzin und Waffen, um für den Zusammenbruch vorbereitet zu sein, ihre Freizeit verbringt Turtle mit Schießübungen.

Martin tut alles, um seine Tochter für die Zukunft hartzumachen, und dabei schreckt er vor nichts zurück. Auch die Art und Weise, wie er seine Liebe zu ihr beweist, ist mehr als schockierend.

Erst als Turtle in den Wäldern auf die Freunde Jakob und Brett stößt, die sich verirrt haben, beginnt sie zu begreifen, daß es für sie eine Zukunft ohne die ständige Kontrolle und den Zugriff ihres Vaters geben könnte. Doch als Turtle zu rebellieren beginnt, fängt die Situation mit Martin an, zu eskalieren…

Zunächst einmal: ich kann wirklich jeden verstehen, der dieses Buch nach dem ersten Kapitel abgebrochen hat. „Mein Ein und Alles“ ist wohl eines der härtesten Bücher, die ich je gelesen habe, aber ich bin, um ganz ehrlich zu sein, auch sehr zart besaitet.
Trotzdem konnte ich es einfach nicht weglegen. Die Geschichte entwickelte eine regelrechte Sogwirkung auf mich, auch wenn ich später im Buch immer wieder zu kämpfen hatte und mich stellenweise dabei ertappte, wie ich beim Lesen die Augen zusammenkniff. Das funktioniert zwar gut, wenn man einen brutalen Film sieht, nicht aber beim Lesen, und so schwankte ich gegen Ende oft zwischen Abbruch und dem Bedürfnis, die Geschichte endlich zu einem  – hoffentlich guten – Ende zu bringen.

Ich weiß, daß es sich nicht so anhört, als wollte ich Euch dieses Buch schmackhaft machen, aber es war für mich definitiv eines der besten und intensivsten Leseerlebnisse der letzten Monate.

Wenn Ihr zu den Leuten gehört, die Trigger-Warnungen brauchen, dann lasst besser die Finger von diesem Buch, denn dann müsste ich sagen: „Alles, was Euch irgendwie triggern könnte, wird hier passieren!“.
Und trotzdem konnte ich „Mein Ein und Alles“ nicht aus der Hand legen.
Love it or hate it… Obwohl ich jeden verstehen kann, der dieses Buch abbricht, bin ich wirklich verdammt froh, es gelesen zu haben.

Review: Auf Erden sind wir kurz grandios

„On Earth We’re Briefly Gorgeous“ wurde ja die letzten Monate schon auf vielen englischen Bookstagram-Seiten in den Himmel gelobt, also war ich natürlich neugierig auf den Debütroman dieses in den USA bereits sehr erfolgreichen Lyrikers.

Little Dog wächst als Sohn einer vietnamesischen Immigrantin in Connecticut auf. Sowohl seine Mutter, als auch die Großmutter, die bei ihnen lebt, sind vom Krieg traumatisiert, kämpfen auch nach vielen Jahren noch mit der neuen Sprache und können weder Lesen noch Schreiben.
Sein Vater verschwand aus seinem Leben, nachdem er der Mutter gegenüber gewalttätig wurde und auch Little Dogs Mutter schlägt ihren Sohn, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Sie arbeitet hart, doch das Geld reicht kaum aus.

In der Schule wird Little Dog aufgrund seiner Herkunft gehänselt und geschlagen, es fällt ihm schwer, seinen Platz im Leben und in der neuen Heimat zu finden.
Auch die Suche nach seiner Identität wird später nicht leichter, als er sich Trevor verliebt und ihm klar wird, daß seine Homosexualität ein weiterer Grund für Diskriminierung sein wird…

In „Auf Erden sind wir kurz grandios“ verarbeitet Ocean Vuong viele autobiografische Elemente; im Großen und Ganzen stimmen wohl weite Teile von Little Dogs Geschichte mit dem Leben des Autors überein.
Dabei benutzt er einen Stil, der mir so noch nicht untergekommen ist: als Lyriker geht er mit einer gewissen Verspieltheit an die Sätze heran. Der zerpflückt Worte, dröselt ihre Bedeutung auf, setzt sie neu zusammen… und auch seine Vergleiche sind immer wieder einzigartig.
Auch der Aufbau der Geschichte erfolgt nicht linear, sondern springt zeitlich vor und zurück, fokussiert sich auf kleine Details, oder betrachtet gleich darauf wieder das große Ganze. Ich fühlte mich an eine Collage erinnert, bei der sich viele Details erst später ins Bild einordnen lassen.
Das sorgt zwar nicht unbedingt dafür, daß man als Leser das Gefühl hat, den Charakteren besonders nah zu sein, aber man liest immer aufmerksam, um die Puzzlestücke der Geschichte nach und nach zusammenzusetzen.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist die berührende Erzählung eines jungen Mannes auf der Suche nach seiner Identität.
Was mich wirklich beeindruckt hat, war daß Autor und Protagonist trotz aller Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Tristesse es immer schaffen, in allem eine gewisse Schönheit zu finden.

Review: Schöner als überall

Wenn ich mich jetzt schon auf ein Debüt des Jahres festlegen müsste, dann würde ich wohl für „Schöner als überall“ von Kristin Höller stimmen.
Dieser Roman hat mich die letzten Tage sehr begeistern können und das, obwohl ich anfangs eher skeptisch war.

Der Ich-Erzähler Martin ist ein eher unscheinbarer Student, dessen ganzes Leben sich um seinen besten Freund Noah zu drehen scheint. Seit frühster Kindheit sind die beiden unzertrennlich und als der charismatische Noah das Heimatdorf verlässt, um in München Schauspieler zu werden, kommt Martin ganz selbstverständlich mit.
Doch bereits nach seinem ersten Film gerät Noahs Karriere ins Stocken. Weitere Filmangebote lassen auf sich warten, also stürzt er sich ins Münchner Nachtleben; immer mit Martin an seiner Seite.

Eines Nachts passiert dann etwas, was das Leben der beiden Freunde zunächst einmal ziemlich auf den Kopf stellt: als Noah versucht, völlig betrunken auf die Athene Statue am Königsplatz zu klettern, bricht ihr Bronzespeer ab. Er nimmt das massive Teil kurzerhand mit nach Hause, doch gleich am nächsten Tag wird Noah klar, was er da angerichtet hat. Von 10.000 € Sachschaden ist die Rede und so mietet er einen Transporter und sammelt Martin in der nächsten Nacht ein, um den Speer verschwinden zu lassen.

Doch was beginnt wie ein Roadmovie endet schon früh am nächsten Morgen, als die beiden in der Kleinstadt ihrer Kindheit, irgendwo im Nirgendwo eintreffen. Der Speer wird schnell im örtlichen Baggersee versenkt, die beiden Freunde bleiben zunächst einmal etwas planlos vor Ort, beziehen ihre alten Kinderzimmer in den Elternhäusern und schlüpfen in die abgetragenen Klamotten, die man beim Auszug vor zwei Jahren zurückgelassen hat.

Noah fällt es leicht, nahtlos an sein altes Leben anzuknöpfen. Er lädt sofort die Freunde von damals zum Grillen ein, bandelt mit der früheren Freundin an und genießt die Zeit bei seinen Eltern, ohne ein Auge für deren Probleme zu haben.
Martin dagegen blickt zum ersten Mal von außerhalb auf sein früheres Leben und kann endlich seinen Finger auf all das legen, was ihr damals gestört hat und wovon er sich befreien wollte…

Als ich mit „Schöner als überall“ begann, war ich zunächst nicht besonders überzeugt.
Sprachlich ist die Geschichte in einem recht schluffigen Stil ohne direkte Rede gehalten, den man ja aus diversen anderen Romanen der letzten Zeit kennt, in denen ein junger Ich-Erzähler das Wort hat.
Auch inhaltlich bekommen wir es zunächst mit zwei Motiven zu tun, die in den letzten Jahren bereits zur Genüge durchgekaut wurden: einem Roadtrip und einer ungleichen Männerfreundschaft…

Doch dann macht Kristin Höller etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: sie nimmt all das und geht in eine eigene, ganz neue Richtung. Der Raodtrip ist so schnell zu Ende, wie er begonnen hat und wird zu einer Geschichte über das nach Hause kommen. Die ungleiche Männerfreundschaft wird weder toxisch, noch entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, stattdessen kommt es zu einem Gleichgewicht zwischen Martin und Noah.

Und auch die etwas naive Erzählweise begeistert dann mit wirklich wunderschönen Sätzen, profunden Wahrheiten und pointierten Aussagen. Manche Absätze musste ich zwei-, dreimal lesen, einfach weil sie so schön waren, daß ich gar nicht genug davon bekommen konnte.

Mit „Schöner als überall“ hat Kristin Höller ein wirklich beachtliches Debüt vorgelegt, das sich sofort einen Platz auf der Liste meiner Lesehighlights des Jahres gesichert hat und das hoffen lässt, daß wir in Zukunft noch mehr von dieser vielversprechenden Autorin erwarten dürfen.

Review: Wir von der anderen Seite

Aus den aktuellen Neuerscheinungen sticht Anika Deckers Debütroman „Wir von der anderen Seite“ definitiv heraus. – Schon alleine durch die knallige Covergestaltung mit dem psychedelischen, winkenden Eichhörnchen.
Wer dann auf den Klappentext schaut, der findet dort Lob und Begeisterung der gesamten deutschen Filmprominenz. – Kein Wunder, denn Anika Decker steht als Drehbuchautorin hinter Kinoerfolgen wie „Keinohrhasen“ und führt mittlerweile auch selbst Regie.

Eigentlich konnte mich deutsche Comedy bis jetzt nicht wirklich begeistern, trotzdem schnappte ich mir die Leseprobe von „Wir von der anderen Seite“ und war sofort so gefesselt von Deckers Geschichte, daß ich unbedingt wissen wusste, wie es weiter geht…

Als die Drehbuchautorin Rahel Wald aufwacht, fällt es ihr zunächst schwer zu begreifen, was passiert ist. Sie befindet sich auf der Intensivstation, ist an zahlreiche Monitore angeschlossen und kann Realität und Halluzinationen kaum auseinanderhalten. Nur das freundlich winkende Eichhörnchen, daß ihr immer wieder erscheint, macht sie ein kleines bißchen glücklich.
Es dauert eine ganze Weile, bis Rahel mithilfe der Ärzte und ihrer Familie begreift, was passiert ist: wegen eines Nierensteins kam es zu einer Blutvergiftung mit anschließendem Multiorganversagen. Es sah zeitweise so schlecht für sie aus, daß sie ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Der Weg zurück ins Leben gestaltet sich für Rahel als schwieriger als gedacht, denn in der kurzen Zeit im Koma haben ihre Muskeln bereits so abgebaut, daß sie nicht einmal mehr in der Lage ist, selbstständig zu essen, sich zu waschen, oder auf die Toilette zu gehen. Außerdem wurde ihr Herz in Mitleidenschaft gezogen; ob sie wieder völlig gesund wird, bleibt lange unklar.

Doch zusammen mit ihrer wirklich wunderbaren Familie und einer gehörigen Portion Galgenhumor lässt sich Rahel nicht unterkriegen, auch wenn sie sich auf Einiges keinen Reim machen kann… Wieso wurde bei der Einlieferung eine hohe Dosis Schmerzmittel in ihrem Blut nachgewiesen? Warum fehlen Teile ihrer Erinnerung? Und wo steckt eigentlich ihr Freund Olli?
Es dauert, bis Rahel auf die Beine kommt und alles, was passiert ist, in ihrem Kopf sortieren kann. In der Zwischenzeit hängt sie relativ hilflos im Gesundheitssystem fest, mit Ärzten, die sich widersprechen, Krankenpflegerinnen, die schon mal ihre Kompetenzen ausreizen müssen, um ihren Patienten Antworten zu geben und Physiotherapeuten, die auch anhänglich werden können. Und draußen dreht sich die Welt ohne Rahel weiter…

Ich hatte ja anfangs schon gesagt, daß ich kein allzu großer Fan von deutscher Comedy bin, weil ich sie immer mit etwas plumpem Haudrauf-Humor assoziiere. Vielleicht ist das ja in den letzten Jahren besser geworden, ich habe mich ehrlich gesagt lang nicht mehr damit befasst.
Umso überraschter war ich, daß Anika Decker wirklich unheimlich feinfühlig schreibt, daß ihre Witze immer auf Kosten der Ich-Erzählerin gehen und Charaktere, die sich vielleicht als leichtes Opfer anbieten würden, stattdessen mit sehr viel Herz beschrieben werden.

Die Geschichte, die Rahel Wald da passiert, ist Anika Decker so, oder zumindest so ähnlich, selbst passiert. Nach ihren ersten Kinoerfolgen erlitt sie – wie Rahel – eine Sepsis mit Multiorganversagen und anschließendem Koma.
Sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie die Krankheit, die Hilflosigkeit angesichts des für den Patienten schlecht zu durchschauenden Gesundheitssystems und den harten Weg zurück ins Leben (gerade für Freiberufler) beschreibt.
Dabei lässt sie auch ein wenig hinter die Kulissen der Filmindustrie blicken und mich wirklich dankbar für meinen Job als Buchhändlerin sein.

„Wir von der anderen Seite“ ist Unterhaltungsliteratur im wirklich besten Sinne. Rahel Wald wurde schnell zu meiner besten Freundin, auf die ich mich Abends nach zahlreichen traurigen Büchern, die ich parallel gelesen habe, immer sehr gefreut habe.
Humorvoll, spannend, ehrlich und sehr menschlich…

Vielleicht werde ich mir demnächst doch auch mal einen Film von Anika Decker anschauen. ; )

Review: Durch die Nacht

Dieses Jahr wird ja Norwegen der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein, weshalb ich mir vorgenommen habe, mich intensiv mit den spannenden Neuerscheinungen zu beschäftigen, die in diesem Zuge auf den Markt kommen.

Ein Titel, der mir bereits auf der Leipziger Buchmesse sehr ans Herz gelegt wurde, war „Durch die Nacht“ von Stig Sæterbakken aus dem Dumont Verlag.

Es ist die herzzerreißende Geschichte von Karl Meyer, dessen Sohn Ole-Jakob Selbstmord begeht und von Karls Versuch, danach irgendwie weiterzuleben.
Von Ole-Jakobs Tod ausgehend, erfahren wir die ganze Geschichte zunächst in Rückblicken: Karl führt ein recht ruhiges Leben mit seinen beiden Kindern im Teenageralter und seiner Frau Eva, zu der er auch nach zwanzig Ehejahren ein sehr inniges Verhältnis hat.
Doch dann verliebt sich Karl ganz plötzlich in die jüngere Mona, wirft dafür sein gesamtes bisheriges Leben über Bord und verlässt seine Familie, nur um bei ihr sein zu können.
Doch bereits nach kurzer Zeit, als der Reiz des Neuen nachlässt, wird Karl klar, welchen Fehler er begangen hat. Er kehrt zu seiner Familie zurück, doch der Schaden ist schon angerichtet. Ole-Jakob spricht nicht mehr mit seinem Vater und zieht sich immer mehr in seine eigene Welt zurück, bis er schließlich einen Autounfall provoziert, der ihn augenblicklich tötet.

Danach ist nichts mehr so, wie es einmal war und die Familie hat sehr unterschiedliche Wege, mit der Trauer umzugehen. Immer wieder muss sich Karl fragen, ob sein Verhalten der Auslöser für Ole-Jakobs Selbstmord war; war es die Beziehung zu Mona, die seinen Sohn dazu getrieben hat, oder lag der Auslöser schon weiter zurück?

Auch Karl zieht sich nun mehr und mehr von sehr seiner Familie zurück und verlässt sie ein weiteres Mal, um ziellos durch Europa zu irren, bis ihm eine Geschichte einfällt, die ihm ein Freund erzählt hatte: von einem Haus irgendwo in der Slowakei, in dem man seinen schlimmsten Ängsten in Auge sehen muss.
Und so macht sich Karl auf, um das Haus zu finden, „wo Hoffnung zu Staub wird“

Die erste Hälfte dieses Buches, in der Karl vom Ende seiner Ehe und dem Selbstmord seines Sohnes erzählt, hatte mich sofort mitten ins Herz getroffen.
Alles wird so eindringlich und ungeschönt beschrieben, daß ich mir in der S-Bahn oft die Tränen aus den Augen wischen musste.
In der zweite Hälfte der Geschichte verlor ich mein Gefühl für Karl aber immer mehr…

Es war für mich kaum zu begreifen, wie er seine Tochter ein zweites Mal verlassen konnte, wie er ihr und Eva zuspricht, ein neues Leben beginnen zu können, während er für sich beschließt, daß es keine Hoffnung mehr gibt und alle Brücken niederreißt.
Ein bißchen Hoffnung hätte ich mir für diesen Charakter dann doch gewünscht.

Ich bin ja nun eine, die am liebsten so wenig wie möglich über die Autoren, die ich gerade lese, wissen möchte, weil die Biografie dann irgendwie immer auf die Geschichte abfärbt, doch ich hatte schon im Vorfeld erfahren, daß Stig Sæterbakken kurz nach der Veröffentlichung dieses Buches selbst Suizid begangen hatte. Deshalb wollte ich im Anschluß noch ein wenig mehr über den Autor herausfinden und stolperte dabei über eine Kontroverse, bei der sich Sæterbakken in der norwegischen Literaturszene unbeliebt gemacht hatte: 2008 musste er nach heftigen Protesten von seinem Posten als Chef des Norwegischen Literaturfestivals zurücktreten. Grund dafür war, daß er den berüchtigten Holocaust-Leugner David Irving als Gastredner eingeladen hatte.
An dieser Stelle muss ich sagen, daß ich nicht wirklich nachvollziehen konnte, warum Sæterbakken ausgerechnet Irving verpflichtete. Offenbar sollte dieser einen Vortrag zum Thema „Wahrheit“ halten. Eine kalkulierte Provokation, bei der das Thema Meinungsfreiheit bis zum Äußersten ausgereizt werden sollte? Die meisten Artikel dazu sind auf Norwegisch, wer also mehr Informationen hat, wessen Geistes Kind Sæterbakken war: immer her damit!

Und so komme ich nun auch nach mehreren Tagen, in denen ich intensiv über dieses Buch nachgedacht habe nicht wirklich zu einem abschließenden Urteil…
Der erste Teil der Geschichte traf mich direkt ins Herz, die Hoffnungslosigkeit der zweiten Hälfte nahm mich gehörig mit und der Autor bleibt mir ein Rätsel.

Wenn ihr also „Durch die Nacht“ ebenfalls gelesen habt, dann würde ich mich freuen zu hören, was ihr zu diesem Roman zu sagen habt!