In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle

Nachdem ich ja schon von meinem ersten Tag in Hamburg berichtet habe, an dem ich mich dem Team der drei ??? angeschlossen habe, gibt es nun endlich meinen Bericht über die schönen Buchhandlungen, die ich besucht habe.

Ich weiß, daß es dort noch viele, viele andere schöne Läden gibt, die mir zum Teil wärmstens empfohlen wurden. Da ich aber an dem Tag auch noch auf einer Hochzeit eingeladen war, konzentrierte ich mich auf die Buchhandlungen in der Innenstadt.

Trotz der verhältnismäßig kleinen Fläche, auf der die Läden verteilt sind, war ich begeistert, wie unterschiedlich die drei Buchhandlungen sind, die ich euch jetzt vorstellen möchte.

Marissal Bücher am Rathaus

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Als ich diese Buchhandlung betrat, hätte ich fast ein bißchen weinen können, denn ich fühlte mich sofort in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt. Der Geruch, die Beleuchtung und das Mobiliar… alles erinnerte mich an die kleinen Buchhandlungen meiner Kindheit, die in mir den Wunsch geweckt hatten, Buchhändlerin zu werden.

Eigentlich haben sich Buchhandlungen wie Marissal schon seit Jahren überlebt, wurden aufgegeben oder rigoros modernisiert.
Hier haben wir aber noch eine richtige Bücherhöhle, in der sich in den letzten vierzig Jahren vermutlich wenig verändert hat.
Etwas abgestoßenes Eichenfurnier, Schieberegale zur maximalen Flächennutzung, und weil es bei der letzten Renovierung des Ladens wohl noch keine Hörbücher auf CD gab wurden Verkaufsboxen einfach dazuimprovisiert.

Wer jetzt aber denkt, daß Marissal ein eingestaubter Laden ist, der irrt sich gewaltig. Das geübte Auge erkennt sofort, daß man sich hier sehr um die Bücher kümmert, sie in Folie verpackt, falls nicht vorhanden und die Backlist regelmäßig aussortiert.

Die Auswahl ich wirklich groß; im Erdgeschoß findet man hauptsächlich Romane, von dort aus gelangt man über eine gewundene Treppe auf eine verwinkelte Balustrade. Hier gibt es dann Kinder- und Jugendbücher, sowie Sachbücher. Besonders was Reiseliteratur angeht, wurde hier gut bestückt.

Marissal war für mich Liebe auf den ersten Blick, weil ich so nostalgisch wurde und am Liebsten hätte ich die Buchhandlung, so wie sie ist, eingepackt und mit nach Hause genommen.

Marissal – Buchhandlung am Rathaus
Rathausmarkt 7
20095 Hamburg

stories!

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Anschließend ging es ein paar Strassen weiter, ins Hanseviertel, wo man in einer überdachten Passage eine der beiden stories!-Filialen finden kann.
Von dem stories!-Konzept haben wir Buchhändler sogar hier in Bayern schon viel gehört, also musste ich mir das unbedingt mal selbst anschauen.

Die Idee dahinter ist eigentlich das komplette Gegenteil von Buchhandlungen wie Marissal. Hier wird die Backlist bewusst schlank gehalten und ausgewählte Lieblingsbücher werden in Rahmen präsentiert.

Man merkt sofort, daß die Buchhändler hier keine reinen Waren-Verkäufer sind, sondern beinahe schon Kuratoren, die ihren Kunden ein handverlesenes Sortiment voller persönlicher Highlights präsentieren.

In der Filiale im Hanseviertel findet man hauptsächlich Belletristik, Kinder- und Jugendbücher und hochwertige Bildbände.

Ich fand das Konzept wahnsinnig spannend und auch wirklich schön zu sehen, wie der Beruf des Buchhändlers so aufgewertet wird. Weg von dem Versuch, ein möglichst umfassendes Angebot zu bieten, hin zu einem Laden, in dem jedes Buch mit viel Liebe ausgewählt wurde.

Mein Freund hatte allerdings seine Probleme mit dieser Buchhandlung, die ich zum Teil auch nachvollziehen kann.
Zwei der Bildbände hätten ihn interessiert, doch der eine war noch eingeschweißt, der andere in einem Rahmen, der so weit oben war, daß er ihn (obwohl er nun wirklich nicht klein ist) nicht erreichen konnte.
Als er mir das erzählte, lachte ich zunächst und meinte: „Du, wir Buchhändler werden dafür bezahlt, daß wir verschweißte Bücher öffnen und eine Trittleiter bedienen können!“
Aber er ließ das nicht gelten: „Ich möchte Bücher für mich selbst entdecken!“, rief er leicht genervt.
Und irgendwie hat er damit auch recht.
Das stories!-Konzept lädt dazu ein ins Gespräch zu kommen, doch Kunden, die eher schüchtern sind, oder einfach nur stöbern wollen können sich leicht davon eingeschüchtert fühlen, ein Buch aus seinem Rahmen zu nehmen und dadurch eine Lücke zu hinterlassen.

Trotzdem finde ich die Idee wahnsinnig spannend!

stories! im Hanseviertel
Große Bleichen 36
20354 Hamburg

Felix Jud

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Bevor es Zeit war, sich für die Hochzeit in Schale zu werfen, war aber noch ein Besuch bei Felix Jud fällig, einem Laden, der die in Büchern über die schönsten Buchhandlungen immer wieder auftaucht.

Ich muss sagen, daß ich hier nur noch kopfschüttelnd stand, denn die Buchhandlung Felix Jud zeigt all den Existenzängsten der Branche den wohlmanikürten Mittelfinger.

Taschenbücher sind hier Mangelware. Hier gibt es sehr gute, sehr hochwertige Bücher und nicht einen Fingerbreit weniger.
Die aktuellen Neuerscheinungen passen auf einen einzigen Tisch. Hier wurde rigoros ausgesiebt.
Beliebte Reihen wie „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff gibt es natürlich, aber als Taschenbuch? – Fehlanzeige! Da stehen die gebundenen Ausgaben schön nebeneinander im Regal.
Dabei hat man aber nicht das Gefühl, daß es sich hier um Ladenhüter handelt, nein, hier ist das Konzept.

Neben den Romanen gibt es auch einen Bereich mit schönen Sachbüchern, ausgewählten Kinderbüchern und dazwischen Kunst und kleine Skulpturen und eine Etage mit antiquarischen Büchern hinter Glas.

Den Kern des Ladens stellt wohl die riesige Klassikerabteilung dar, die einfach durchzieht, was sich seit Jahren kein Buchhändler mehr traut.
Hier findet man Reihen wie Manesse, die Insel Bücherei und sogar meine geliebten Clothbound Classics nahezu vollständig.
Thomas Manns Werke in der Frankfurter Ausgabe? – Klar, alles hier drüben! Und weil es so schön ist haben wir uns gleich noch die große Kommentierte Frankfurter Ausgabe daneben gestellt!

Jeder Steuerberater müsste angesichts des Wareneinsatzes, der hier betrieben wird, kurz vorm Herzinfarkt stehen. Jeder Bibliophile hingegen erlebt einen Buchgasmus nach dem anderen.

Wie lässt sich eine Buchhandlung mit einem so radikal hochwertigem Sortiment dauerhaft wirtschaftlich führen? – Keine Ahnung… offenbar gibt es hier eine sehr erlesene, gut betuchte und verdammt treue Stammkundschaft.

Auf der Suche nach exquisiten Büchern ist Felix Jud wohl einfach die Adresse in Hamburg!

Felix Jud – Buchhandlung, Kunsthandlung & Antiquariat
Neuer Wall 13
20354 Hamburg

Ich kann nur sagen, daß es mir eine absolute Freude war, so unterschiedliche und einzigartige Buchhandlungen auf einer relativ kurzen Strecke zu sehen.
Jeder dieser Läden hatte etwas, was ihn einzigartig und sympathisch machte.

Vor kurzem sorgte ja eine deutsche Jugendbuchautorin auf ihrem Blog für einen ziemlichen Aufreger…
Die Besitzerin einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung und Fan der Autorin hatte sie gefragt, ob es denn nicht vielleicht eine gute Idee wäre, wenn sie statt immer nur auf Amazon zu verlinken auch kleine Unternehmen, zum Beispiel über Buy Local, vernetzen könnte.
Die Antwort der Autorin war für viele Buchhändler ein ziemlicher Schlag in die Magengrube…
Sinngemäß meinte sie, daß alle Buchhändler mal bitte leise sterben gehen könnten… Schließlich hätten die sie nicht unterstützt, als sie noch keinen Verlag hatte, warum sollte also sie jetzt die Buchhändler unterstützen, und außerdem seinen sie selbst Schuld daran, wenn sie alle eingehen würden, denn den ganzen Einheitsbrei würde heutzutage eh keiner mehr sehen wollen.

Es sprach viel verletzter Stolz aus dem Beitrag der Autorin und auch wenig Kenntnis der Branche. Wenn ich sehe, wie unterschiedlich und einzigartig Buchhandlungen sein können, die alle praktisch nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, wird klar, wie falsch die Anschuldigungen dieser Autorin sind.

Mein kurzer Ausflug nach Hamburg hat mir jedenfalls das buchhändlerische Herz gewärmt und ich freue mich schon auf mein nächstes Abenteuer aus der Kategorie In vollen Zügen nach…

Was haltet ihr von den verschiedenen Konzepten?
Liebt ihr diese kleinen alten Buchhandlungen so wie ich oder habt ihr es lieber moderner?
Hättet ihr Berührungsängste dabei, ein ausgewähltes Buch aus seinem Rahmen zu nehmen, oder entdeckt ihr lieber eine versteckte Perle in einer Bücherhöhle?

Ich freue mich schon auf eure Kommentare!

Liebe Grüße,
Andrea

Was bisher geschah:

In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 1: Die drei ??? und die weinende Frau

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In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 1: Die drei ??? und die weinende Frau

Letztes Wochenende war es endlich mal wieder Zeit für eine kleine Reise in der Rubrik In vollen Zügen nach…
Hamburg hatte ich dieses Jahr zwar nicht wirklich eingeplant, aber nachdem ich zu einer Hochzeit eingeladen wurde und es dank Bahn-Bonus-Card ein Gratis-Ticket für den ICE gab, gab es auch keine Gründe, nicht hin zu fahren.

Für die Zugfahrt hatte ich mir Nutshell von Ian McEwan, „Die Herrenausstatterin“ von Mariana Leky und „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ von Benjamin Alire Sáenz mitgenommen, aber enttäuschenderweise kam ich gar nicht so viel zum Lesen, wie ich mir gewünscht hätte.
Ich habe wohl zu viele Schläfchen gemacht, aber nachdem es an diesem Wochenende doch noch gut 300 Seiten wurden, werde meinen Blog-Namen nicht ändern müssen. 😉

Der öffentliche Nahverkehr von Hamburg hat dann auch gleich noch Pluspunkte bei mir gesammelt, mit einer sehr schönen Aktion, bei der in den Bussen kleine Bücherschränke mitfahren dürfen. Bitte mehr davon!

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Am Abend trafen wir uns dann mit Freunden auf der Reeperbahn, wo ich mein persönliches Highlight der Reise erlebte.

Normalerweise stelle ich ja bei In vollen Zügen nach… hauptsächlich schöne Buchhandlungen und andere Bookish Places vor, und die werden im nächsten Beitrag nicht zu kurz kommen, aber mein Favorit war etwas, bei dem auch alle Krimileser, Hörbuch-Liebhaber und ganz besonders Fans der „drei ???“ auf ihre Kosten kommen.

Denn wir hatten ein Escape Game bei Skurrilum gebucht, dem angeblich besten Anbieter in Hamburg, und die Erwartungshaltung war entsprechend hoch.

Für alle, die mit Escape Games noch keine Erfahrungen gemacht haben, eine kurze Erklärung:
Die Idee ist denkbar einfach. – Ihr werdet zusammen mit Freunden oder Kollegen in einen Raum gesperrt und habt eine Stunde Zeit, wieder zu entkommen.
Dazu müssen Codes geknackt, Rätsel gelöst und als Team zusammengearbeitet werden.
In der Anfangszeit bestanden die meisten Escape Games nur aus einem Raum mit billigem IKEA Mobiliar und Zahlenschlössern, heute kann man bei vielen Anbietern in die spannendsten Welten abtauchen… Ich habe mich beispielsweise schon aus Burgverliesen und Pharaonengräbern befreien müssen.

Das Skurrilum in St. Pauli geht sogar noch einen Schritt weiter und hat Escape Räume konzipiert, in denen die Geschichte so im Vordergrund steht, daß man zunächst mit einem Hörspiel startet und dann beginnt, die Handlung selbst zu beeinflussen.

Ursprünglich war das Ganze wohl als „Die drei ???“- Abenteuer geplant, aber es war offenbar problematisch, eine Lizenz dafür zu bekommen.
Deshalb wurde Geisterjäger Ernie Hudson (bekannt von den Ghostbusters) ins Leben gerufen, von dem es jetzt auf St. Pauli bereits zwei Spiele gibt.

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Wir hatten uns für „Geisterjäger Ernie Hudson und die weinende Frau“ entschieden und waren davon absolut begeistert!

Das Escape Game beginnt tatsächlich mit einem Hörspiel. Eine verzweifelte Frau bittet Ernie Hudson um Hilfe, weil es in ihrer Villa spukt. Immer wieder wird sie nachts von dem Schluchzen einer Frau geweckt.
Da der Geisterjäger selbst verhindert ist, liegt es nun an seinen Praktikanten (also den Spielern), Licht ins Dunkel zu bringen.

Das Hörspiel erinnert schon wirklich stark an „Die drei ???“, was vermutlich auch daran liegt, daß der Sprecher Jens Wawrczeck (bekannt als die Stimme von Peter Shaw) mit von der Partie war.
Nach der kurzen Einleitung beginnen die Spieler, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, doch der Erzähler schaltet sich immer wieder ein, gibt kleine Hinweise, oder erlaubt sich auch den ein oder anderen Spaß.
Für jeden Fan der drei Detektive ist es, als hätte man plötzlich selbst ihre Rollen übernommen.

Mehr will ich gar nicht verraten, nur so viel…
Ich habe noch nie ein Escape-Game gespielt, in dem es eine so gut durchdachte Geschichte gab, war noch nie beeindruckter von der Gestaltung der Räume und war absolut hingerissen von den Effekten.
Obwohl wir alle schon „alte Hasen“ waren, haben wir an drei Stellen Szenenapplaus gegeben und sogar gejauchzt vor Freude.

„Geisterjäger Ernie Hudson…“ ist wirklich ein Spiel, daß man gespielt haben sollte, wenn man Escape Games mag. Aber auch für alle, die schon immer mal in ein Hörbuch oder eine Geistergeschichte eintauchen wollten, ist es ein kleines Highlight.

Kleine Kritik (auf ganz hohem Niveau): von den Anbietern wurde „Ernie Hudson und die weinende Frau“ für vier bis acht Spieler empfohlen.
Ich würde aber raten, es nur mit einer kleinen Gruppe zu spielen.
Die meisten Rätsel lassen sich von ein bis zwei Personen lösen und da man nur eines nach dem anderen machen kann, würden sich bei einer Gruppe von acht Personen die meisten nur die Füsse in den Bauch stehen.

Abgesehen davon gibt es von mir eine unbedingte Empfehlung!

Wie sieht es bei euch aus?
Habt ihr schon Erfahrungen mit Escape Games gemacht?
Wie findet ihr die Idee, auf diese Art selbst in eine Buch- oder Abenteuerreihe einzutauchen?

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Und im nächsten Beitrag stelle ich euch ganz wunderbare Buchhandlungen in Hamburg vor. Versprochen! 😉

Liebe Grüße,
Andrea

Hier könnt ihr lesen, wie es weiter ging:

In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle

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Review: Nutshell

„Nutshell“ war eines dieser Bücher, die mich reizten, obwohl ich sehr gemischte Meinungen darüber gehört habe.

Die Prämisse ist aber nun auch wirklich ungewöhnlich:

Kurz vor seiner Geburt erzählt ein Baby von den Ereignissen, deren Zeuge er wird.
Die Ehe der Eltern ist völlig zerrüttet, der Vater ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, aber versucht seine hochschwangere Ehefrau zurück zu gewinnen.
Diese hat jedoch mittlerweile eine Affäre mit seinem Bruder begonnen.
Was in der neuen Beziehung stört ist das Baby und natürlich der Ehemann.

Bald schon steht der Plan, diesen aus dem Weg zu räumen, das Baby wegzugeben und ein neues Leben zu beginnen…
Kann der kleine Erzähler die Ereignisse beeinflussen und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen?

An sich finde ich die Idee wirklich gut. Anfangs hatte ich allerdings unheimlich mit der Geschichte zu kämpfen, weil ich nicht in den Erzählton hineinfand.
Denn das Baby ist altklug, snobbistisch und hat zu jedem Thema eine Meinung, sei es der Nahostkonflikt oder das Dekantieren von Wein. Um ehrlich zu sein hatte ich anfangs ständig die Stimme von Baby Stewie aus Family Guy im Kopf, was die Geschichte unfreiwillig komisch und anstrengend für mich machte.

Doch irgendwann begriff ich dann endlich, daß es sich bei „Nutshell“ um eine außergewöhnliche Interpretation von „Hamlet“ handelt!
Das Zitat am Anfang des Buches hätte mir ein Hinweis sein sollen, aber erst als ich die Namen von Mutter und Onkel – Trudy statt Gertrude und Claude statt Claudius – endlich in den richtigen Zusammenhang gebracht hatte, begann die ganze Geschichte für mich einen eigenen, überzeugenderen Ton zu bekommen.

Als Teenager war ich nämlich ein ziemlicher Hamlet-Fan. Nachdem ich die Verfilmung von Kenneth Branagh gesehen hatte, las ich alle möglichen Übersetzungen, die mir in die Finger kamen, sammelte verschiedene Ausgaben und besuchte sogar einmal eine Inszenierung im Residenztheater. Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis!

Mit diesem „Hamlet-Ton“ im Kopf las ich den Rest des Buches in einem Rutsch durch und war fasziniert von der Geschichte.
Spannend, was die kleine Stimme, die uns die Bücher im Kopf vorliest so ausmacht!

Insgesamt fand ich „Nutshell“ also wirklich gut, aber ich kann es verstehen, wenn Leser nicht hineinfinden, denn es ist schon eine Herausforderung, dem Protagonisten dieser Geschichte eine überzeugende Stimme zu verleihen.

Deutscher Titel: Nussschale

Review: Die Ermordung des Commendatore II – Eine Metapher wandelt sich

Vom ersten Teil habe ich ja schon geschwärmt. Heute wollte ich euch nun endlich den zweiten Teil der „Ermordung des Commendatore“ vorstellen.

Im Vorfeld habe ich, ehrlich gesagt, nicht viele gute Kritiken zu „Eine Metapher wandelt sich“ gelesen.
Nach der Euphorie um Band eins schien Katerstimmung zu herrschen.
Eine Kollegin war nach den negativen Besprechungen sogar zu demotiviert, um Band zwei zu lesen… Schade!

Doch worum geht es in diesem Teil?

„Eine Metapher wandelt sich“ schließt unmittelbar an den ersten Teil an.
Der namenlose Ich-Erzähler und Maler hat den Auftrag bekommen, seine Zeichen-Schülerin Marie Akikawa zu porträtieren.
Nebenbei beginnt er ein weiteres Bild; nämlich ein Gemälde, das die geheimnisvolle Grube im Wald darstellt, die im ersten Teil freigelegt wurde.
Auf unerklärliche Art und Weise scheint es einen Bezug zwischen den beiden Bildern zu geben, den sich der Künstler nicht erklären kann.
Doch dann verschwindet Marie plötzlich spurlos. Hat die Grube etwas damit zu tun?
Auf der Suche nach Marie begibt sich der Maler auf eine abenteuerliche Reise…

Wer schon viel von Haruki Murakami gelesen hat weiß, daß sich seine Bücher grob in zwei Kategorien einteilen lassen können.
Da gibt es Bücher, die sehr nah an der Realität sind, wie zum Beispiel „Naokos Lächeln“ und dann gibt es auch wieder andere, in denen der magische Realismus die Oberhand gewinnt und die Geschichte in die Welt des Fantastischen abgleitet.
Persönlich mag ich beides, aber ich kenne genug Leser, die schon bei den Worten Magischer Realismus schaudern.

Während „Eine Idee erscheint“ nun ein recht realitätsnaher Murakami war, natürlich auch mit mysteriösen Elementen, fast wie eine Geistergeschichte, gehört „Eine Metapher wandelt sich“ zu der Kategorie in der sich die Grenzen von Raum und Zeit aufheben.
Auf viele Erklärungen darf der Leser dabei nicht hoffen.
Vielleicht wandelt sich die Reise zu sehr in metaphorische, vielleicht stören sich auch viele Leser daran, daß letztendlich wenige Rätsel gelöst werden.

Meiner Meinung nach hat es Teil zwei der „Ermordung des Commendatore“ schwerer, weil er nicht so alltagstauglich, einsteigerfreundlich und zugänglich ist, wie der erste Band.

Trotzdem kann ich die Katerstimmung einiger Rezensenten nicht nachvollziehen.
„Eine Metapher wandelt sich“ war für mich zwar ein schwer greifbares Buch, bei dem viele Fragen offen bleiben, trotzdem empfand ich es als verdammt spannende Lektüre über die ich noch länger nachdenken werde.

Für Murakami-Einsteiger eignet sich Band Eins der „Ermordung des Commendatore“ wirklich gut, Band zwei ist dagegen vielleicht eher für Murakami-Kenner geeignet.

Und zum Abschluß nochmal ein riesen Dankeschön an den Dumont Verlag, der beide Bücher einfach wahnsinnig schön gestaltet hat!
Das freut das Herz der Bibliophilen!

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Meine Beprechung zum ersten Teil findet ihr hier:

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Review: Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Jahreszeiten-Leser

Kennt ihr das auch?
Alle empfehlen euch ein bestimmtes Buch, aber ihr könnt es einfach nicht sofort lesen, weil die Jahreszeit nicht passt?
Dann herzlich willkommen im Club der Jahreszeiten-Leser!

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, daß mir Bücher in der falschen Jahreszeit Probleme machen, als ich in der neunten Klasse alles von Peter Hoeg las…
Alles, außer „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Es ging einfach nicht!
Es war Hochsommer und meine Mutter hatte das Buch an einem Schwimmbad-Kiosk für mich mitgenommen, weil sie wusste, daß ich diesen Autor gerade begeistert las, aber ich kam nicht über die ersten Zeilen hinaus.
„Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit.“
Immer und immer wieder las ich den ersten Satz, während mir die Sonne auf den Rücken knallte und die Kinder neben mir ins Wasser sprangen.
Nein, ich konnte dieses Buch nicht lesen.

Also wartete ich, bin es Winter wurde und dann las ich „Smilla“ in einem Rutsch durch. Mit den richtigen Außentemperaturen war es plötzlich kein Problem mehr.

Natürlich gilt das nicht für alle Bücher. Trotzdem merke ich, daß mir Geschichten, in denen das Wetter und die Temperaturen ausgiebig beschrieben werden Probleme machen.

Andererseits ist es dann natürlich ein großes Glück, wenn man Bücher ganz zufällig zu genau der richtigen Zeit liest.

An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag vor vielen Jahren schlug ich in meiner Mittagspause die erste Seite von „Der Meister und Margarita“ auf und las: „An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer.“

Immer wenn so etwas passiert hat das Buch schon von Anfang an einen Stein bei mir im Brett.
Letztes Jahr begann ich ausgerechnet kurz vor Weihnachten We Are Okay von Nina LaCour zu lesen, was zeitlich auch exakt gepasst hat. Perfekt!

Wenn ich lese tauche ich immer komplett in den Geschichten ab. Ich stelle mir alles genau vor, dekoriere die Häuser der Protagonisten um und ändere die Räume entsprechend der Beschreibungen ab, wenn mir auffällt, daß etwas nicht passt.
Ich kann in der Regel alles um mich herum vergessen, aber bei zu starken Temperaturunterschieden zwischen der Wirklichkeit und dem Buch fällt es mir schwer, am Ball zu bleiben.

Nur in ganz seltenen Fällen lese ich bewusst gegen die Jahreszeiten an.
Ich kann mich noch erinnern, als es unsagbar heiß war, ich aber nicht an den See gehen konnte, weil ich meinem Sohn, damals gerade erst frisch auf der Welt, die Hitze nicht zumuten wollte. Im Haus war es trotz allem doch noch kühler als draußen.
An diesem Tag griff ich ganz bewusst zu „Der Name der Rose“ und die Sätze: „Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und so bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden.“, kühlten mich sofort ab.
(Tatsächlich hat es jetzt schon gereicht, diese Worte abzuschreiben, um mir eine Gänsehaut zu verpassen!)

Wie gesagt… die meisten Bücher kann ich lesen, wie jeder andere auch, aber manchmal muss ich nach ein paar Sätzen sagen: Tut mir leid, liebes Buch, aber wir sehen uns erst in einem halben Jahr wieder.

Wie ist es bei euch?
Könnt ihr alles jederzeit lesen, oder wartet ihr auch, bis die Jahreszeit passt?
Habt ihr Bücher, die ihr mit ganz bestimmten Zeiten oder Orten in Verbindung bringt?

Ich bis gespannt, ob es noch mehr Jahreszeiten-Leser gibt!

Liebe Grüße,
Andrea

Review: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Für japanische Autoren kann man mich ja immer begeistern und ich liebe magischen Realismus. Kein Wunder also, daß mir „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“, das Erstlingswerk des Filmemachers Genki Kawamura, sofort ins Auge gefallen ist.

In dem dünnen Büchlein lernen wir den Ich-Erzähler, einen jungen Briefträger kennen, der erfährt, daß er nur noch wenige Wochen oder gar Tage zu leben hat.
Zu Hause macht er die überraschende Bekanntschaft des Teufels in Gestalt seines Doppelgängers, der einen verlockenden Vorschlag für den jungen Briefträger hat.
Er kann weiterleben, solange nur eine Sache für jeden Tag seines weiteren Lebens von dieser Welt verschwindet.
Sofort fallen dem Erzähler zahllose überflüssige Dinge ein, doch der Teufel besteht darauf, selbst zu wählen, was verschwinden wird.
Dennoch lässt sich der Briefträger auf den Pakt ein und tags darauf verschwinden die Telefone…
Am zweiten Tag sind es die Filme, danach die Uhren, doch als alle Katzen von der Welt verschwinden sollen kommen dem Protagonisten Zweifel…

An sich fand ich die Idee von Genki Kawamura wirklich gut.
Was macht das Leben lebenswert, was wären wir bereit zu opfern?

Doch die Umsetzung fand ich ein wenig holprig.
Zunächst einmal spielt es so gut wie keine Rolle, daß die Dinge verschwinden. Wer erwartet, daß der Pakt mit dem Teufel Chaos auslösen würde, irrt sich, denn die Leute scheinen einfach nur vergessen zu haben, daß es Telefone oder Uhren jemals gab.
Dabei funktioniert dieser Erklärungsversuch nicht einmal, denn kurz nachdem ihm auffällt, daß sich keiner mehr an sein Telefon zu erinnern scheint, führt er ein Gespräch mit seiner ehemaligen Freundin, in dem sie bemerkt, daß es leichter war, am Telefon mit ihm zu sprechen…
Hat sie also doch nicht vergessen, daß es Telefone gab?
Ich bin kein Mensch, der für alles eine Erklärung braucht, aber solche Unstimmigkeiten fallen mir einfach negativ auf.

Zudem bemerkt man als Leser bald, daß all die verschwundenen Dinge einen Bezug zu einer für den Protagonisten wichtigen Person haben: die Telefone stehen für die Beziehung zu seiner großen Liebe, die Filme für den besten Freund, die Uhren für den Vater und die Katzen für seine Mutter…
Man könnte also meinen, daß es besonders spannend wäre zu sehen, wie sich das Verschwinden der Dinge auf das Leben seiner Freunde auswirkt, doch darauf wird absolut nicht eingegangen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ war für mich eine nette Geschichte, in der aber meiner Meinung nach viel Potential verschenkt wurde.

Wenn mir der Film zum Buch – „If Cats Disappeared from the World“ – mal in die Finger fällt schaue ich aber gerne rein, vielleicht wurde ja dort ein bißchen mehr Zwischenmenschliches hineingepackt.

Review: Insel der Frauen

„Insel der Frauen“ aus dem Splitter Verlag ist eine Graphic Novel mit der ich schon länger geliebäugelt habe, weil ich das Thema einfach wahnsinnig spannend fand.

Als Kind verbrachte ich einen Teil der Ferien bei meinen Großeltern, die mich im Gegensatz zu heutigen Großeltern, nicht auf spannende Ausflüge mitnahmen, sondern auf die Couch packten und mir vom Krieg erzählten.
Besonders bei einem Großelternpaar hatte ich oft das Gefühl, daß sich nach 1945 nichts nennenswertes mehr in ihrem Leben ereignet hatte, so eingeschossen waren sie auf das Thema Krieg, was mich als Kind natürlich absolut überforderte.

Doch im Laufe der Jahre bemerkte ich, daß die Geschichten, die meine Großmütter zu erzählen hatten, die einsichtsvolleren und vielleicht wichtigeren Geschichten aus dieser Zeit waren.

Auch wenn „Insel der Frauen“ von Didier Quella-Guyot schon während des ersten Weltkriegs spielt, konnte ich mich gleich für eine Geschichte begeistern, in der die Frauen im Mittelpunkt stehen.

Als der Befehl zur Mobilmachung kommt, verschwinden vom einen auf den anderen Tag alle Männer zwischen zwanzig und fünfzig Jahren von einer kleinen bretonischen Insel.
Die einzige Ausnahme ist Mael, der wegen seines Klumpfußes ausgemustert wurde.
Während die Frauen versuchen, ihr Leben so gut wie möglich zu meistern und das zusätzliche Pensum der Männer zu bewältigen, wird Mael zum Briefträger befördert.
So wird der Aussenseiter plötzlich zum wichtigsten Vertrauten der Frauen, denn da viele nicht lesen können, muss Mael ihnen die Briefe ihrer Männer vorlesen und auch beantworten.
Mael lernt auf diese Weise viel über die Gefühle der Frauen und macht sich das im Lauf der Zeit zu Nutze.
Bald beginnt er die Briefe zu manipulieren und wird zum Tröstenden, den immer mehr der Frauen in ihre Betten lassen.
Mael berauscht sich regelrecht an der Macht, die er über die Frauen hat, nachdem er jahrelang von ihnen und ihren Männern als Krüppel beschimpft wurde.
Doch irgendwann neigt sich der Krieg dem Ende zu und die Situation auf der Insel wird zum Problem…

„Insel der Frauen“ hat mich sehr überrascht. Ich hatte bei diesem Titel an eine Geschichte über weiblichen Zusammenhalt und Freundschaft gedacht und nicht damit gerechnet, daß die Hauptthemen des Buches Sexualität, Verführung und auch Machtmissbrauch sind.

Zu Beginn ist man als Leser noch ganz vernarrt in Mael, doch das ändert sich im Lauf der Geschichte immer mehr.
Solche Charakterentwicklungen sind immer spannend und auch die Handlung nimmt zuweilen unerwartete Wendungen. Selbst die Solidarität unter den Frauen kommt auf eine Art und Weise daher, mit der ich nicht gerechnet hätte.

Die Stimmung und das Licht auf der Insel wird in den Illustrationen von Sébastien Morice mit warmen Tönen und recht flächigem Farbauftrag ganz wunderbar eingefangen.

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Die „Insel der Frauen“ ist eine recht sinnliche, psychologisch tiefgründige Graphic Novel in der der Leser immer wieder überrascht wird.
Schaut auf jeden Fall mal rein, wenn sie euch in die Finger fällt! 😉