„Washington Black“ – Mein Interview mit Esi Edugyan

Am Mittwoch stellte die kanadische Erfolgsautorin Esi Edugyan ihren neuen Roman „Washington Black“ im Amerikahaus München vor. Davor hatte ich die einmalige Gelegenheit, sie näher kennenzulernen und ein Interview mit ihr zu führen.
Das Wetter war sonnig und schön, also spazierten wir ein wenig durch München, tranken Kaffee, schauten bei mir im Laden vorbei, wo Esi ihre Bücher signierte und wir redeten über das Schreiben im allgemeinen, „Washington Black“ im besonderen und die anstehende Verfilmung dieses Romans, der letztes Jahr den kanadischen Giller Prize gewann, auf der Shortlist des Booker Prizes stand und es auf Barack Obamas „Lieblingsbücher des Jahres“-Liste schaffte.

Wer den Roman noch nicht kennt, kann sich in meiner Besprechung dazu einen kleinen Überblick verschaffen:

2019-09-12_11.25.40

Review: Washington Black

Das Interview lohnt sich auch dann, wenn man „Washington Black“ noch nicht gelesen hat, denn Esi Edugyan ist eine sehr intelligente, unheimlich reflektierte und humorvolle Frau, der man einfach gerne zuhört.
Vielleicht machen Euch ihre Antworten auf meine Fragen ja noch mehr Lust auf dieses Buch.

Liebe Esi, Du hast nach der Schule Kreatives Schreiben studiert und anschließend zunächst Kurzgeschichten und dann Deinen ersten Roman veröffentlicht.
Gab es einen besonderen Moment in Deinem Leben, in dem Du beschlossen hast, daß es das ist, was Du in Zukunft machen willst, oder kam das erst nach und nach?

Ich denke, das kam erst mit der Zeit. Als ich etwa dreizehn Jahre alt war, begann ich darüber nachzudenken, daß ich gerne Bücher schreiben würde, aber ich glaube, ich habe das damals noch nicht als richtigen Beruf wahrgenommen. Ich dachte damals wohl, das wäre etwas, was die Leute als Hobby am Wochenende machen.
Als ich dann nach dem Ende der Highschool studieren sollte, wusste ich nicht so recht, was. Ich war keine besonders gute Schülerin gewesen, außer bei den Sprachen. Es schien klar, daß ich mich in diese Richtung orientieren sollte, aber meine Eltern hatten Bedenken.
Also versprach ich meiner Mutter, zusätzlich zum kreativen Schreiben noch Journalismus zu studieren. Aber innerhalb weniger Monate wurde es offensichtlich, daß ich keine Journalistin werden würde. Dafür fiel es mir zu schwer, fremde Leute anzusprechen.
Danach konzentrierte ich mich ganz auf den kreativen Teil: ich studierte Lyrik, begann mit Belletristik und machte meinen Master. Dann gewann ich ein Stipendium und dachte: „Daraus mache ich wohl besser etwas!“, also schrieb ich meinen ersten Roman.

Gab es bestimmte Bücher oder Autoren, die Dich zum Schreiben inspiriert, oder die Deinen Stil beeinflusst haben?

Als Jugendliche habe ich Bücher gelesen, die man nicht gerade als gehobene Literatur bezeichnen würde. Was mich begeistert hat, waren Horror-Geschichten, die Romane von V. C. Andrews und dergleichen. Daran haben mich wohl hauptsächlich die Spannungsbögen fasziniert.
Als ich dann beschloss, selbst Schriftstellerin zu werden, überlegte ich, daß ich mir ein gewisses literarisches Grundwissen aneignen sollte. Also begann ich, die Klassiker zu lesen und verliebte mich in die Literatur des 19. Jahrhunderts: George Eliot, Thomas Hardy,… aber vor allem die Russen haben mich absolut begeistert.
„Schuld und Sühne“ habe ich immer einmal im Jahr gelesen. Jeden Herbst habe ich es aus meinem Regal gezogen und jedes Mal etwas anderes daraus für mich mitgenommen.
Und dann Tolstoi! Als ich „Anna Karenina“ las, war ich davon überwältigt, wie er es schafft, seine Figuren zum Leben zu erwecken; daß sie so sehr sie selbst sind, ohne dabei zu Karikaturen zu werden…
Ich war absolut gefangen. „Anna Karenina“ habe ich praktisch in einem Stück durchgelesen.

Kommen wir zu Deinem Buch… Ich habe gelesen, daß Du eigentlich einen Roman über den Tichborne Fall, bei dem ein Hochstapler sich als der verschwundene Sohn einer reichen, aristokratischen Familie ausgab, um an deren Vermögen zu kommen, schreiben wolltest und Dich eine Randfigur zu „Washington Black“ inspiriert hat.
War es eine Überraschung für Dich, daß sich Deine Geschichte in eine völlig andere Richtung entwickelt hat?

Ich überlege mir immer sehr lange, worüber ich schreiben will. Zuerst dachte ich, ich würde einen Roman schreiben, der in Afrika spielt; über die Dynastien, den Sklavenhandel,…
Dann stolperte ich eines Tages über einen Verweis auf den Tichborne Prozess, von dem ich davor noch nie gehört hatte. Selbst in England war die Geschichte in Vergessenheit geraten, obwohl es wohl der berüchtigtste Fall seiner Zeit war und sich über Jahrzehnte hinzog.
Ich dachte, ich könnte den Fall aus der Sicht von Andrew Bogle, eines der wichtigsten Zeugen der Verteidigung erzählen. Er war ein ehemaliger Sklave, der von einem Mitglied der Tichborne Familie von seiner Plantage in Jamaika gestohlen wurde, und derjenige, der den Hochstapler als Roger Tichborne identifizierte. Ich fand diese Geschichte unheimlich faszinierend. Er spielte eine Schlüsselrolle in einem der spannendsten Gerichtsfälle der Geschichte und trotzdem wurde dieser Mann fast völlig vergessen.
Als ich aber begann, darüber zu schreiben, spürte ich aber, wie ich den Bezug dazu verlor. Der Fall war so verworren, daß ich gar nicht wusste, wie ich anfangen sollte.
Trotzdem war ich immer noch fasziniert von der Geschichte dieses Mannes, der aus einem Leben voller Not und Elend kam, aus dem er urplötzlich und völlig unerwartet gerissen wurde und sich in einer Gesellschaft zurechtfinden musste, die so völlig anders war, als alles, was er sich jemals hätte vorstellen können…
Und ich dachte: das ist die Geschichte, die ich erzählen will und diese Geschichte wurde „Washington Black“.

Es gibt ja viele Bücher, die von der Flucht aus der Sklaverei erzählen. „Underground Railroad“ war wohl das prominenteste Beispiel in den letzten Jahren.
In „Washington Black“ geht es aber nicht so sehr um die tatsächliche Flucht, als vielmehr darum, inneren Frieden zu finden. Das ist ein scheinbar schwereres Unterfangen, als nur die Insel zu verlassen.
Wolltest Du der Geschichte von Anfang an diesen Schwerpunkt geben oder fiel diese Entscheidung beim Schreiben?

Ja, dieser Gesichtspunkt hat mich von Anfang an interessiert. Ich denke, ich habe in all meinen Büchern versucht, die Nachbeben von großen historischen Ereignissen einzufangen und wie sich das Leben durch solche Begebenheiten verändert.
Ich habe von „Washington Black“ immer als einem post-slavery Roman gesprochen und als das eine befreundete Kritikerin hörte, sagte sie: „Alle Romane über Sklaverei sind doch post-slavery!“ Nachdem sie es dann aber gelesen hatte, verstand sie genau, was ich damit ausdrücken wollte.
Es geht ja in erster Linie darum, die Wash nach seiner Flucht zunächst einmal ein eigenes Leben und eine eigene Persönlichkeit aufbauen muss, nachdem er sein ganzes bisheriges Leben emotional und intellektuell abgestorben war. Er muss herausfinden, wie es ist, ein ganzer Mensch zu sein und mit den Geistern und den Traumata aus seiner Zeit der Unterdrückung zu leben.
Selbst wenn man körperlich und rechtlich gesehen frei ist, kann man nicht in die Welt hinausgehen, ohne Einschränkungen zu erfahren, schon alleine, weil Wash schwarz und durch Verbrennungen entstellt ist. Er muss lernen, daß es immer Orte geben wird, an denen er nicht als Mensch wahrgenommen werden wird.

Washs Retter Titch ist an sich ein recht liebenswerter Charakter, aber trotzdem fühlt man sich nie ganz wohl mit seinen Motiven. Er tut die richtigen Dinge, aber aus den falschen, egoistischen Gründen.
In den letzten Jahren wurde ja immer wieder über die Rolle von weißen Retterfiguren, beispielsweise in Filmen, diskutiert. Titch ist einer dieser white saviors, aber im Lauf der Geschichte wird immer deutlicher, daß seine Rolle zu Spannungen zwischen ihm und Wash führt. Es wird extrem wichtig, daß Wash Titch damit konfrontiert und ihn zu seinen Motiven befragt.
War es Dir von Anfang an wichtig, über das Phänomen der Retterfiguren zu schreiben und eine Diskussion darüber anzustoßen, oder hat sich das beim Schreiben entwickelt?

Das hat definitiv mit der Zeit entwickelt.
Ich beginne jeden Roman mit den Figuren und sehe, wie sie miteinander interagieren. Am Anfang weiß ich oft selbst nicht, wohin alles hinauslaufen wird. Deshalb schreibe ich so viele Entwürfe. Für jeden meiner Romane gab es zehn bis zwölf davon und oft entwickeln sie sich in komplett unterschiedliche Richtungen.
Außerdem finde ich es schwer, mich einer Geschichte über ein Problem anzunähern. Ich finde, das wirkt am Ende oft zu gekünstelt.
Ich habe Wash und Titch einfach dabei beobachtet, wie sie miteinander umgehen und mich angefangen zu fragen, was Titchs Motive sind.
Daraufhin habe ich mich mehr und mehr mit den Gegnern der Sklaverei und ihren Beweggründen beschäftigt und immer abstrusere Geschichten entdeckt. Zum Beispiel habe ich in einem Buch über die Underground Railroad von einem Quäker-Treffen in New York gelesen, wo über die Abschaffung der Sklaverei gesprochen wurde. Man hatte dazu auch drei Schwarze eingeladen, aber sie mussten abseits auf eigenen Bänken sitzen und wurden nicht einmal nach ihrer Meinung gefragt. Sie mussten still dasitzen, während weiße Männer über ihr Schicksal diskutierten. Das ist schon sehr zynisch.
Und ich denke Titch hat einen ähnlichen Hintergrund. Für ihn ist die Sklaverei mehr ein Fleck auf der Moral der Weißen. Das ist wohl der Hauptbeweggrund für sein Handeln und schon sehr bedenklich.

Neben den Abenteuern und den Reisen spielt auch Wissenschaft eine große Rolle. Du schreibst von Luftschiffen, aber auch von Meereskunde…
Waren daß Themen, die Dich schon vorher interessiert haben oder hast Du das während der Recherchen zu „Washington Black“ für Dich entdeckt?

Das war definitiv zweiteres. Ich habe zwar viele Interessen, aber die Geschichte der Luftschifffahrt war keines davon. Derweil ist das Thema so faszinierend!
Und dann noch diese alten Tauchanzüge und wie man seinerzeit Tiere gefangen und Proben genommen hat… Es war eine wirkliche Freude, sich in all das einzulesen und darüber zu lernen.

Von Barbados, zur Arktis, nach London, Amsterdam und Marokko… In Deinem Roman schickst Du Wash auf eine Reise um die halbe Welt.
Und nun macht auch seine Geschichte eine ähnlich weite Reise, denn es ist bereits in vielen englischsprachigen Ländern ein großer Erfolg und wurde jetzt in mehrere Sprachen übersetzt.
Hast Du daran gedacht, daß sich die Reise von Wash mit seinem Buch wiederholen würde, als Du zu Hause am Schreibtisch gesessen bist und über all die fernen Länder geschrieben hast?

Nein, überhaupt nicht!
Es sind nun schon sieben Jahre vergangen, seit mein letztes Buch erschienen ist. Darin ging es um Jazz Musiker in Deutschland und Frankreich zwischen den Weltkriegen. Danach erwarteten viele meiner Leser ein weiteres Buch über Jazz oder den Zweiten Weltkrieg. Jetzt habe ich etwas völlig anderes geschrieben und vielleicht sind einige darüber enttäuscht, aber meine Interessen liegen inzwischen woanders.
Ich muss in jedem Buch etwas Neues machen, ich kann nicht immer wieder das Gleiche schreiben. Aber ich hatte keine Ahnung, wie meine Leser darauf reagieren würden. Daß es jetzt so gekommen ist und sich so viele Menschen auf der ganzen Welt dafür begeistern ist wirklich wunderbar.

Demnächst soll „Washington Black“ ja als Mini-Serie verfilmt werden und Du wirst als executive producer mit dabei sein.
Im Buch hattest Du ja alle Fäden in der Hand, hier wirst Du aber Kompromisse mit vielen Leuten eingehen müssen. Macht Dir das ein bißchen Angst oder freust Du Dich einfach auf dieses Projekt?

Ich freue mich schon sehr darauf!
Ich habe mich lange mit dem Drehbuchautor unterhalten und er hat ein wirklich tiefes Verständnis für mein Buch. Außerdem haben mich seine anderen Drehbücher begeistert, also weiß ich, daß es in guten Händen ist.
Wir hatten sowohl Angebote von öffentlichen Sendern als auch vom PayTV, was eine schwierige Entscheidung war. Natürlich wäre es schöner, wenn alle die Serie kostenlos sehen könnten, andererseits bietet PayTV wesentlich bessere Möglichkeiten, das Buch umzusetzen. Hier müssen wir nicht alle zwanzig Minuten einen Cliffhanger vor der Werbepause einbauen und auch die Sprache und Gewalt der Sklavenhalter muss nicht zensiert werden. Es ist mir wichtig, daß das nicht beschönigt wird.

Meine letzte Frage in Interviews ist immer diese:
Du bist Autorin, ich bin Buchhändlerin… Drehen wir den Spieß doch einmal um und jetzt darfst du mir ein Buch verkaufen!

Welches Buch muss ich gelesen haben?

Ich habe gerade „Just Kids“ von Patti Smith gelesen, und bestimmt kennst Du es, weil anscheinend jeder dieses Buch gelesen hat. Ich hatte davor schon Autobiografien von Musikern gelesen, die mich nicht wirklich begeistern konnten. Aber Smith ist so eine großartige Autorin! Sie schreibt unheimlich strukturiert, aber mit vielen Ebenen… eine richtige Poetin.
Beim Lesen bekommt man ein ganz wunderbares Gefühl für das New York der 70er Jahre, die Kunstszene und ihre schwierige Beziehung zu Robert Mapplethorpe.
Und sie kannte so gut wie jeden!
Das Buch hat mich wirklich sehr bewegt. Das wäre meine Empfehlung…

Okay, das werde ich wohl demnächst wirklich einmal lesen müssen!
Vielen Dank, daß Du Dir Zeit für meine Fragen genommen hast.

 

An dieser Stelle auch nochmal einen großen Dank an Dominique Pleimling und Uwe Kalkowski vom Eichborn Verlag, die dieses Interview möglich gemacht haben.
Es war mir eine große Freude!

Werbeanzeigen

Review: Washington Black

Im englischsprachigen Raum war „Washington Black“ von Esi Edugyan eines der Bücher des letzten Jahres: es stand unter anderem auf der Shortlist des Booker Prize, gewann den Giller Prize und wurde von Barack Obama zu einem seiner Lieblingsbücher des Jahres gekürt.
Nun ist „Washington Black“ auf Deutsch erschienen und ich hatte gestern die große Freude, Esi Edugyan persönlich kennenzulernen und mit ihr zu plaudern.
Das Interview erscheint am Wochenende, bis dahin könnt Ihr Euch erstmal in die fabelhafte Geschichte des Washington Black einlesen:

Barbados, 1830: der etwa zehnjährige George Washington Black – genannt Wash – wächst als Sklave auf der Zuckerrohrplantage Faith auf. Als der alte Besitzer stirbt, vererbt er die Plantage seinem Neffen Erasmus Wilde, der aus England anreißt, um die Zügel auf Faith in die Hand zu nehmen. Wash ist ein hartes Leben mit Bestrafungen gewohnt, doch unter Master Erasmus nimmt die Gewalt auf Faith zu.
Washs Leben verändert sich schlagartig, als Erasmus Bruder Christopher – von seiner Familie Titch genannt – darum bittet, Wash als persönlichen Diener ausleihen zu dürfen.
Der Junge rechnet mit dem Schlimmsten, doch Titch stellt sich als progressiver und freundlicher Naturwissenschaftler heraus, der seine Zeit auf der Insel (und die Arbeitskräfte, die ihm hier zur Verfügung stehen) nutzen möchte, um eine Maschine zu bauen, von der er schon lange träumt: dem Wolkenkutter, eine Art einfaches Luftschiff.

Da er für diese Unternehmung einen Gehilfen braucht, der möglichst klein und leicht ist, fällt seine Wahl auf Wash, dem er auch lesen und schreiben beibringt, um bei den Aufzeichnungen behilflich sein zu können.
Dabei stellt sich heraus, daß Wash über ein außergewöhnliches Zeichentalent verfügt, was ihn für Titch zu einem äußerst wertvollen Mitarbeiter macht.
Wash kann dem neuen Frieden in seinem Leben jedoch nicht so recht trauen. Immer wieder muss er sich daran erinnern, daß ihm der Komfort, in dem er plötzlich lebt, ebenso schnell wieder genommen werden kann… Seine Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen, als Titch Erasmus um Freiheit für Wash bittet; es kommt darüber zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Brüdern.
Als dann auch noch ein Unglück geschieht, beschließt Titch in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem Wolkenkutter zu fliehen und den Jungen kurzerhand mitzunehmen.

Für Wash beginnt damit eine atemberaubende Reise um die halbe Welt. Von Barbados über die Eisfelder der Arktis bis hin zu den Sandstürmen Marokkos und in die Tiefen des Meeres ist er nicht nur auf der Flucht vor dem Sklavenfänger, sondern vor allem auf der Suche nach seinem Platz im Leben.
Dabei erlebt er Abenteuer, von denen er auf den Zuckerrohrfeldern nicht einmal zu träumen gewagt hätte, und stellt sich immer wieder die Frage: „Was bedeutet es, wirklich frei zu sein?“

„Washington Black“ hat mich sehr berührt und gleichzeitig auch ungemein begeistert und unterhalten. Es ist eine wirklich vielschichtige Geschichte, in dem es nicht allein um einen Sklaven und seine Flucht geht, sondern auch ein Abenteuer- und Wissenschaftsroman.

Esi Edugyan schafft es, Charaktere zu beschreiben, die den Leser durch ihre Komplexität und Widersprüchlichkeit fesseln und trotz all der inneren Konflikte und hintergründigen Themen eine wirklich spannende Geschichte abzuliefern.

„Washington Black“ wird definitiv auch eines meiner Lieblingsbücher des Jahres werden und darf ich an dieser Stelle noch davon schwärmen, wie wunderbar bibliophil die Ausgabe vom Eichborn Verlag gestaltet wurde?
Ein großartiges Buch! Von Innen wie von Außen!

2019-07-13_18.53.07

Review: Miroloi

Eine Insel, die wirkt, als wäre sie aus der Zeit und auch ein bißchen aus der Welt gefallen…
Dieser Ort, an dem die Protagonistin aufwächst, funktioniert nach ganz eigenen Regeln: mit einer fast schon archaischen Gesellschaftsstruktur, strengen Gesetzen, einer eigenen Religion, Festen und Ritualen, in der die Männer bestimmen und sich die Frauen fügen.
Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Händler, der etwa einmal im Monat mit seinem Boot auf die Insel kommt, doch auch hier reglementiert der Ältestenrat, was verkauft werden darf und welche Waren wie verteilt werden. Und vieles kann auf der Insel ohnehin nicht gebraucht werden, denn was nutzt schon ein Fernseher, wenn es keinen Strom gibt?

Trotz allem ist das Leben im Dorf – zumindest an der Oberfläche – recht harmonisch. Wichtige Waren, wie Schuhe oder Zahnprothesen, werden von der Dorfkasse bezahlt und nach Bedarf zugeteilt. Jedem Bewohner steht der gleiche Geldbetrag zur Verfügung; Ende des Monats wird das übrige Geld wieder eingesammelt und neu verteilt. Trotzdem wissen alle, daß jene, die ein Familienmitglied im Ältestenrat haben, bevorzugt behandelt werden.
Und wehe denen, die keinen festen Platz in der Gemeinschaft haben… So wie unserer Ich-Erzählerin: als Neugeborene auf den Stufen des Bethauses ausgesetzt, lebt sie wie eine Unberührbare auf der Insel. Sie darf nichts besitzen, hat nicht einmal einen Namen.

Obwohl sie der Bethausvater aufgenommen und zusammen mit seiner Haushälterin Mariah liebevoll aufgezogen hat, ist es auch ihnen nicht möglich, die strengen Regeln des Rates zu umgehen.

Doch als die Protagonistin etwa sechzehn Jahre alt ist, beginnt sich ihr Leben zu verändern. Nach und nach findet sie Freunde und Verbündete im Dorf, sie entdeckt die Liebe und die Lust, und der Bethausvater bringt ihr das Lesen und Schreiben bei, was den Mädchen der Insel verboten ist.
Doch das neue Wissen bringt auch ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten mit sich und während die Ich-Erzählerin die Regeln ihrer Welt mehr und mehr infrage stellt, versuchen die Dorfältesten die Veränderungen, die sich ankündigen mit aller Macht zu verhindern…

„Miroloi“ ist wohl eines der Bücher, über die in letzter Zeit mit am meisten diskutiert wurde. In einigen Feuilletons wurde es von (überwiegend männlichen) Rezensenten verrissen, denen die Kritik am Patriarchat offenbar nicht subtil genug war.
Viele Leser konnte die Geschichte begeistern, andere hatten Schwierigkeiten, sich in die Welt von „Miroloi“ einzufinden.
Damit hatte ich nun wiederum keine Probleme, denn ich hatte das Glück, Karen Köhler im Sommer bei einem netten Abendessen, das der Hanser Verlag organisiert hatte, kennenlernen zu dürfen, und so erfuhr ich aus erster Hand, was hinter dieser aus der Zeit gefallenen Insel steckt. Denn auch wenn die Geschichte manchmal anmutet, als würde sie vor hundert Jahren spielen, kann man sich nach und nach zusammenreimen, daß wir uns in den 1980er Jahren befinden.
Zu Recherchezwecken besuchte Karen Köhler übrigens abgelegene griechische Inseln, sprach mit den Einheimischen und erfuhr, daß einige dieser kleinen Inseln tatsächlich erst Mitte der achtziger Jahre ans Stromnetz angebunden wurden.
In „Miroloi“ wurde diese Abgeschiedenheit natürlich ein wenig überspitzt und mit einer eigenen Religion und Gemeinschaftsorganisation ausgestattet, doch es fiel mir nie schwer, mich in diese Welt einzufinden, anders als bei „The Water Cure“ von Sophie Mackintosh. Auch dort wurde ja vom Leben der Frauen auf einer abgeschiedenen Insel erzählt, doch irgendwie schaffte es diese Autorin nicht, mir ihre Welt glaubhaft zu vermitteln.

Auch Karen Köhlers Schreibstil, mit seiner manchmal fast schon naiven Schlichtheit und den ungewöhnlichen Wortneuschöpfungen, hat mich in keinster Weise gestört. Im Gegenteil; für mich war es das perfekte Stilmittel, um die Abgeschnittenheit der Insel vom Rest der Welt und das Unwissen der Protagonistin auch noch einmal sprachlich zu transportieren.
Und so steht „Miroloi“ meiner Meinung nach auch völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises!

Zum Schluß noch ein kleiner Tipp: an dem schönen Hanser-Abend las Karen Köhler die ersten Kapitel des Romans vor und schaffte es sofort, uns alle mit ihrem Vortrag zu fesseln. Kein Wunder: immerhin hat sie lange genug als Schauspielerin am Theater gearbeitet. Deshalb wollte ich an dieser Stelle auch nochmal das Hörbuch von „Miroloi“ empfehlen, das die Autorin als ungekürzte Lesung selbst eingesprochen hat.

Review: Woyzeck – Graphic Novel

Ach, ach… Georg Büchners „Woyzeck“
Kaum eine Schullektüre ist mir in schlechterer Erinnerung geblieben, als dieses sehr kurze Dramenfragment. Unvergessen der Tag, an dem ich – das unbeliebteste Mädchen der Klasse – zusammen mit einem der „coolen“ Jungs eine Liebesszene daraus vorlesen musste. Mit hochrotem Kopf stotterte ich mich durch den Text, der für mich keinen Sinn ergab, während mein Lehrer darauf bestand, daß ich doch mit ein bißchen mehr Leidenschaft lesen könnte und die Klasse hinter mir kicherte…

Nein, Freunde wurden „Woyzeck“ und ich nun wirklich nicht.

Doch manchmal stolpert man über Interpretationen und Umsetzungen, die eine neue Perspektive vermitteln können und uns alles in einem anderen Licht sehen lassen.
Im Fall von „Woyzeck“ ist mir vor kurzem eine Graphic Novel in die Hände gelegt worden, die schon auf den ersten Blick versprach, diesem angestaubten Text Leben einzuhauchen.

Illustrator Andreas Eikenroth hat die Geschichte grafisch inszeniert und die Fragmente zum Teil neu geordnet. Dabei hat er sich von Künstlern wie George Grosz, Karl Arnold oder Egon Schiele inspirieren lassen und die Handlung insgesamt ein wenig modernisiert, indem er sie vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik verlagert hat.

Für alle, denen „Woyzeck“ als Schullektüre erspart geblieben ist, eine kurze Zusammenfassung:
Franz Woyzeck ist Soldat und arbeitet nebenher als Diener des Hauptmanns. Außerdem verdient er sich noch etwas Geld dazu, indem er sich vom Doktor auf eine Erbsendiät setzen lässt. Dabei darf er monatelang nichts anderes als eben Erbsen zu sich nehmen, was Woyzeck aber bald ans Ende seiner Kräfte und nach und nach um den Verstand bringt.
Das Geld, das er dabei verdient, gibt er seiner Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, und nimmt dafür die Schikanen des Hauptmanns und des Doktors auf sich.
Als Marie dann aber eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt, verfällt Woyzeck in einen regelrechten Wahn, der ihn bis zum äußersten treibt…

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß mich die Geschichte des Woyzeck damals zur Schulzeit absolut langweilte und kein bißchen berührte.
Obwohl ich zu dieser Zeit ganz gerne Dramenklassiker gelesen habe, fand ich nie einen Zugang zu diesem Werk.

Andreas Eikenroths Graphic Novel hat mich dann aber wirklich fasziniert und die Geschichte in einem komplett neuen Licht sehen lassen.
Denn Woyzeck hat sein Herz durchaus am rechten Fleck. Das beweist schon, was er alles auf sich nimmt, um seine Familie zu versorgen. Doch die äußeren Umstände machen es ihm unmöglich, nicht zu scheitern.

Würde man die Handlung in unsere Zeit in die Außenbezirke von Chicago versetzen, den Hauptmann zu einem Drill Sergeant machen und die Erbsendiät zu einer pharmazeutischen Versuchsreihe… plötzlich könnte jeder Woyzeck als absolut zeitgemäßes Drama sehen, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Schade, daß mein Lehrer mir das seinerzeit nicht wirklich vermitteln konnte.
Durch diese Graphic Novel habe ich aber nun endlich einen anderen Blick auf diese ungeliebte Schullektüre bekommen.

Unbedingt mal reinschauen!

2019-09-05_12.27.09

Hohe September-Stapel

Die letzten warmen Tage des Jahres sind angebrochen und wir Buchhändler lesen uns durch die hohen Novitäten-Stapel, um die Kunden in der kalten Jahreszeit perfekt beraten zu können. Schon komisch, wenn man noch in der Sommersonne liegt und dabei überlegt, welche Titel man dieses Jahr in die Weihnachtsempfehlungen packen möchte…

Jetzt genieße ich aber erst einmal meinen Lieblingsmonat September. Ich freue mich auf meinen Geburtstag in zwei Wochen und habe angefangen, mein geliebtes Lesezimmer gemütlich für den Herbst und Winter zu machen.

Aber schauen wir uns an, welche Titel diesen Monat auf meinem Lesestapel gelandet sind:

2019-09-01_10.44.45

Zunächst einmal wollte ich mich noch ein bißchen tiefer in die Longlist des Deutschen Buchpreises einlesen. Bisher kenne ich nämlich nur „Herkunft“ und „Miroloi“.
Diesen Monat möchte ich mir nun also „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel und „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer vornehmen.
Von beiden Büchern habe ich bisher nur Gutes von den Kollegen gehört.
Ich freue mich darauf und bin schon sehr gespannt, wer es in die Shortlist schafft und am Ende das Rennen macht.

2019-09-01_10.46.23

Zwei Titel, auf die ich ebenfalls schon gespannt bin sind „Washington Black“ von Esi Edugyan und „Ich bin Circe“ von Madeline Miller.
Beide Titel sind dicke Romane mit historischem Hintergrund, die wohl eine gehörige Portion magischen Realismus mitbringen. Eigentlich genau meine Welt.
Da könnte es draußen sogar gerne noch ein bißchen ungemütlicher werden, um sich damit einzumummeln.

Esi Edugyan wird übrigens am 11. September im Amerikahaus in München zu Gast sein, um ihren Roman zu präsentieren. Der Eintritt ist frei, man sollte sich aber vorher anmelden. Ich habe das schon getan und hoffe, ich kann mir an dem Tag ein bißchen Zeit freischaufeln. Vielleicht sieht man sich ja!

2019-09-01_10.45.27

Zwei Romane von amerikanischen Autoren, die sich mit ihrem Platz in der Gesellschaft auseinandersetzen, sind Tommy Orange mit seinem Debütroman „Dort Dort“ und Elizabeth Acevedo mit „Poet X“.

Tommy Orange schreibt über Traditionen und das moderne Leben der native americans; spannend, denn zu diesem Thema habe ich bisher noch nichts gelesen.
Elizabeth Acevedo ist Poetry Slammerin, deren erstes Jugendbuch in den USA zig Preise abgeräumt hat. Nachdem ich ja nun im Laden wieder in der Belletristik-Abteilung arbeite, neben der auch gleich die Young Adult Bücher zu finden sind, möchte ich mich auch hier einmal wieder ein bißchen einlesen.

2019-09-01_10.46.58

Zwei Bücher, die auf den ersten Blick wohl gar nichts miteinander zu tun haben, die aber beide von norwegischen Autoren geschrieben wurden und von denen ich ja im Zuge der Frankfurter Buchmesse noch mehr lesen wollte, sind „Mittwoch also“ von Lotta Elstand und „Ein Freitod“ von Steffen Kverneland.

In „Mittwoch also“ geht es um eine junge Frau, die nach einem One-Night-Stand ungewollt schwanger wird und sich zu einer Abtreibung entschließt. Allerdings muss sie eine kurze Wartezeit einhalten, die ihr dann wider Erwarten sehr zu schaffen macht.
Angeblich soll dieses Buch recht humorvoll sein. Bei dem Thema bin ich eher skeptisch, aber es hat mich dann doch wirklich neugierig gemacht.

„Ein Freitod“ ist dagegen eine Graphic Novel, in der der Autor mit Illustrationen und Collagetechnik den Selbstmord seines Vaters verarbeitet.
Auch wieder so ein düsteres Thema, aber ich hoffe auf eine ähnlich gute Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, wie es Nora Krug letztes Jahr mit „Heimat“ gelungen ist.

2019-09-01_10.43.32

Am Ende haben wir auch wieder einen schönen Titel aus der Kategorie illustriertes Sachbuch mit dabei: „Rebel Artists – 15 Malerinnen, die es der Welt gezeigt haben“.
Eigentlich habe ich ja nun mittlerweile wirklich viele Bücher gelesen, in denen starke, mutige und außergewöhnliche Frauen in farbenfrohen Porträts vorgestellt werden, eines das sich aber ausschließlich mit Künstlerinnen beschäftigt war bisher noch nicht dabei.

Ich freue mich schon sehr auf all die Titel auf meinem September-Stapel. Hoffentlich komme ich diesen Monat dann auch wieder mehr zum Lesen; der August war da eher schwierig, nachdem ich die liebsten Kinder von früh bis spät bei Laune halten durfte und ich dank Urlaub auch so gut wie keine Zeit beim Pendeln verbrachte.

Auf welche Bücher freut Ihr Euch im September?
Kennt Ihr Titel von meinem Stapel schon und wie haben sie Euch gefallen?

Ich wünsche Euch einen tollen Start in einen hoffentlich goldenen Herbst!

Eure Andrea

Review: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

„Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer ist ein Roman, der mir immer wieder von begeisterten Kunden empfohlen wurde, die sich gerne eine Fortsetzung der Geschichte wünschten.
Nachdem ihnen dieser Wunsch nun endlich im Oktober mit „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ erfüllt wird und der erste Band schön illustriert bei der Büchergilde Gutenberg aufgelegt wurde, war es nun für mich wirklich höchste Zeit, mir dieses Buch einmal vorzunehmen!

Mordechai Wolkenbruch – genannt Motti – lebt ein sehr entspanntes Leben im Schoß seiner jüdisch-orthodoxen Familie. Zumindest bis seine Mutter beschließt, daß es höchste Zeit wird, ihren Jüngsten unter die Haube zu bringen.
Bald schon kann sich Motti gar nicht mehr retten, vor Abendessen mit jungen Frauen, die ihm seine Mutter schmackhaft machen will, dabei hat er a) noch gar keine Lust schon zu heiraten und ist b) in seine hübsche Studienkollegin Laura verliebt, die allerdings eine Schickse, also nicht jüdisch ist.

Je stärker seine Mutter ihre Hochzeitspläne vorantreibt, desto unwilliger wird Motti und umso mehr beginnt er, die strengen Ansichten seiner Familie zu hinterfragen.
Nach und nach fängt Motti an, sich abzukapseln und die Welt außerhalb seiner Gemeinde zu erkunden. Daß das dann aber auch schon bald für Ärger mit seiner Mutter sorgt, kann man sich lebhaft vorstellen…

„Wolkenbruchs wunderliche Reise…“ ist ein sehr humorvoller Roman, der einen bittersüßen Einblick in die jüdisch-orthodoxe Welt bietet.
Das Buch ist in weiten Teil auf Jiddisch verfasst, weshalb ich ein wenig Anlauf brauchte, bis ich voll im Lesefluss war, dann konnte ich mich aber sehr an Ausdrücken wie zum Beispiel „blizbrif“ (für E-Mail) erfreuen.

2019-08-30_16.32.39

Bei der Gestaltung hat sich die Büchergilde Gutenberg wirklich mächtig ins Zeug gelegt und ein richtiges Gesamtkunstwerk herausgebracht.
Die Illustrationen von Samuel Glättli sind in rostrot und graublau gehalten und mit Fäden in diesen Farben wurde das Buch geheftet; ein kleines, aber wirklich schönes Detail.
Schade fand ich es deshalb besonders, daß eine Seite des Buches nicht gedruckt wurde.
Ich vermute, daß man wohl in letzter Minute noch eine Illustration eingefügt und den Text dabei verschlampt hat. Das kann passieren, ist aber natürlich gerade bei einem so hochwertigen Buch wirklich schade.
Unglücklich fand ich auch, daß dieser Umstand dann nicht ausreichend kommuniziert wurde.
Ich las nachts im Bett und ahnte nichts Böses, als ich plötzlich das Gefühl hatte, daß ich den Faden verloren hatte. War ich zu müde zum Lesen?
Ich blätterte vor und zurück, aber der Satz machte keinen Sinn.
Zum Glück war die fabelhafte Isa von it’s Vonk noch wach. Von ihr wusste ich, daß sie die Originalausgabe aus dem Diogenes Verlag hatte und bat sie, mir doch zu sagen, wie der Satz bei ihr weiterging. Isa war mir allerdings schon zwei Schritte voraus: sie machte nämlich gerade einen Beitrag zur neuen Büchergilde Abo Box, in der in diesem Quartal „Wolkenbruchs wunderliche Reise…“ verschickt wird und war bei ihrer Recherche über einen Vermerk in der Produktbeschreibung gestoßen, in dem es hieß, daß eben tatsächlich vergessen wurde, eine Seite zu drucken und ein Link zum Download des fehlenden Textes hinterlegt war.
Ein Glück, wenn man so schlaue Leute kennt! In der Titelbeschreibung hätte ich nämlich vermutlich nie nachgesehen…

In den Ausgaben, die mittlerweile ausgeliefert werden, sind übrigens Errata-Zettel beigefügt. Alle die sich das Buch aber gekauft haben, bevor der Fehler bemerkt wurde, so wie ich, schauen dann erstmal ein bißchen blöd, wenn sie niemanden haben, der Bescheid weiß.
Ich war ja schon ein bißchen motzig, daß man nicht einfach eine E-Mail (oder gerne auch einen blizbrif) geschrieben und über den Fehler informiert hat. Da ich das Buch online bestellt habe, hätte das ja nicht besonders schwer sein dürfen. Die Büchergilde antwortete allerdings auf Instagram, daß es nicht möglich wäre, Einzelkunden zu informieren.
Eine Followerin, die das Buch ebenfalls in der Erscheinungswoche gekauft hatte und die fehlende Seite nirgendwo finden konnte, merkte daraufhin an, daß man so etwas doch bitte offener kommunizieren könnte, zum Beispiel auf den Social Media Kanälen oder in einem Newsletter.
Die Büchergilde antwortete zwar darauf, daß man nicht vorhätte, die Kunden damit allein zu lassen, eine entsprechende Meldung habe ich aber bisher nirgendwo entdecken können.

Ich möchte aber auch gar nicht zu viel schimpfen, denn abgesehen von der fehlenden Seite, ist dieses Buch wirklich absolut lesenswert und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung. Die würde ich dann am liebsten parallel mit dem Hörbuch lesen, beziehungsweise vorgelesen bekommen. Bei den jiddischen Begriffen kann man so nämlich bestimmt noch einiges dazulernen.

Lesegrüße aus dem Salzkammergut

Es ist August und die Temperatur liegt bei minus drei Grad.
Ich ziehe mir die Kapuze tiefer ins Gesicht, vergrabe die Fäuste in den Taschen meiner Wanderjacke und starre auf die meterhohe Eiswand vor mir.
So hatte ich mir meinen Sommerurlaub eigentlich nicht vorgestellt…

Der Große wird schön langsam flügge; Pfingsten hat er dieses Jahr auf einer Sprachenschule in England verbracht, in den Sommerferien wollte er nun mit seinen Cousins nach Griechenland.
Ich bin ja sehr dafür, daß er seine eigenen Erfahrungen sammelt, aber mein zartes Mutterherz hätte es dann doch nicht ausgehalten, eine Woche daheim zu sitzen und die WhatsApp-Stories seiner Tante nach Bildern von ihm zu stalken.
Ablenkung musste also her! Es sollte nicht zu weit weg sein, mit Spiel und Spaß für den Kleinen und natürlich sollte es sommersonnenwarm sein.

Warum mir mein Gehirn dann ausgerechnet Fuschl am Fuschlsee als das perfekte Urlaubsziel präsentierte bleibt ein Rätsel. Vermutlich, weil ich hier einen extrem heißen Sommer vor knapp einem viertel Jahrhundert verbrachte. Das sich das Wetter in der Region gelegentlich ändern könnte, hatte mein Hirn nicht bedacht.
Und so ignorierte ich den launischen Sommer, bis mich Mareike Fallwickl, meine Wetterfee vor Ort, mit den unschönen Tatsachen konfrontierte: Regen, Regen, Regen…

2019-08-28_09.32.19
Ein Koffer voller Bücher musste natürlich mit…

Na, vielleicht würde ich wenigstens lesen können, wenn der Kleine abgelenkt wäre?
In meinen Bücherkoffer wanderten „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mit beiden Titeln hatte ich schon angefangen und war schwer begeistert.
Außerdem wollte ich nun endlich mal mit „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl und „Der Sprung“ von Simone Lappert anfangen und „Fünf Lieben lang“ von André Aciman zumindest anlesen.
Als Graphic Novel durfte „Ferngespräch“ von Sheree Domingo mit und für die Fahrt hatte ich mir noch das Hörbuch von Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“ besorgt.
Karen hatte ich ja vor Kurzem bei einem Abendessen des Hanser Verlags kennengelernt, wo sie auch aus „Miroloi“ vorgelesen hatte. Eine tolle Stimme!

Mit den „Raketen“ in den Ohren ging es also los und als ich den letzten Hügel umrundete und der Fuschlsee im Tal vor mir lag, hatte ich dicke Tränen in den Augen und die zweite CD war gerade zu Ende gegangen. Mit vier CDs hatte „Wir haben Raketen geangelt“ also zufälligerweise die perfekte Länge für eine Fahrt von Freising nach Fuschl und wieder zurück!

Wir hatten uns in einem kleinen Häuschen eingemietet, das zu einem Bauernhof gehört und am Hang direkt am Waldrand liegt. Ein bißchen rustikal, aber gemütlich.
Ungemütlich war dagegen das Wetter. Also entschloss ich mich, die BuchschrankFinder App von Tobias von Lesestunden auszuprobieren und mich auf die Suche nach der Fuschler Bücherbank zu machen.
Auf dem Weg dorthin stolperte ich dann sogar noch über einen weiteren öffentlichen Bücherschrank, der noch gar nicht eingetragen war. Schnell habe ich ihn also in der App vermerkt und jetzt könnt Ihr, sollte es Euch jemals an den Fuschlsee verschlagen, gleich zwei Bücherschränke in der App finden.

2019-08-28_09.27.30
Bücherschrank und Bücherbank: dank BuchschrankFinder App kein Problem

Das Wetter schien die nächsten Tage weiterhin trostlos zu bleiben und Mareike Fallwickl begann mich mit so vielen Ausflugstipps in der Region zu versorgen, daß mir irgendwann der leise Verdacht kam, ich wäre die Testleserin für ihren ersten Reiseführer.
An dieser Stelle nochmal Tausend Dank, Mareike!
Ernsthaft: ich würde einen Reiseführer von Dir kaufen!

Am nächsten Tag entschieden wir uns also für einen fallwicklschen Ausflugstipp und fuhren zum Haus der Natur nach Salzburg.
Ich bin einfach nur begeistert von diesem Museum!
Hier gibt es wirklich alles zu sehen; von Dinosauriern über Aquarien mit Haien und anderen tollen Fischen, einem Reptilien-Zoo mit riesigem Alligator und Schlangen, so ziemlich jedes ausgestopfte Tier, das man sich vorstellen kann, Planeten und Raumfahrt, Geschichte der Eiszeit, aber auch eine Abteilung über Aberglauben, wo sich Einhörner und gruselige Meerjungfrauen zwischen die normalen Exponate mogeln.
Das Haus der Natur bietet eine großartige Mischung aus sehr modernen Ausstellungsbereichen und einer charmanten Weirdness, die von den alten Exponaten ausgeht.
Groß und Klein waren jedenfalls völlig begeistert.

2019-08-28_09.37.28
Haus der Natur in Salzburg: muss man gesehen haben!

Zurück im Ferienhaus kuschelte ich mich dann auf die Couch und beendete „Wolkenbruchs wunderliche Reise…“. Ein bißchen gewöhnungsbedürftig war das Jiddisch schon, aber das Buch hat mir wirklich gut gefallen und ich freue mich jetzt schon sehr auf die Fortsetzung Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“.

Am nächsten Tag regnete es immer noch und mein Körper verlangte nach sofortiger Wärme und einem Badeausflug.
Also beschlossen wir, zur Salzkammergut-Therme nach Bad Ischl zu fahren.
Viel ist dort nicht geboten, besonders nicht für Kinder, aber wir hatten trotzdem Spaß und während sich der Kleine die Zeit im winzigen Kinderbereich vertrieb, las ich Sheree Domingos Graphic Novel „Ferngespräch“ über philippinische Pflegekräfte in Deutschland in einem Stück durch. Das Thema hört sich vielleicht nicht besonders spannend an, aber mich hat die Geschichte unheimlich berührt und ich hatte am Ende wirklich Tränen in den Augen.
Danach schaffte ich es noch kurz „Der Sprung“ von Simone Lappert anzulesen.
Es geht um einen Tag, an dem das Leben vieler Personen aus dem Tritt gerät, wobei die Figuren immer abwechselnd erzählen. Bisher funktioniert das sehr gut. Ich hoffe, die Autorin schafft es, diesen Rhythmus bis zum Schluß durchzuhalten, ohne daß es zu konfus wird, wenn immer mehr Charaktere auftreten.

2019-08-28_09.29.59
Nix los in der Salzkammergut-Therme. Sieht mich wenigstens keiner, wie ich wegen „Ferngespräch“ weine.

Tag vier und das Wetter war immer noch bescheiden.
Inzwischen war mein Vater zu uns gestoßen und ich beschloss, jede Hoffnung auf einen Sommerurlaub fahren zu lassen und einfach schon im August direkt mit dem Winter zu beginnen.
Dazu fuhren wir nach Hallstatt, um die Rieseneishöhle am Dachsteinmassiv zu erkunden.
Mit der Seilbahn ging es hoch in die Wolken und dann zu Fuß weiter Richtung Höhle. Dort führte unser Weg tief hinein in den Berg, zu den gigantischen Eisformationen, die sich hier im Lauf der Jahrhunderte gebildet haben. Sehr sehenswert und nach einer Stunde bei minus drei Grad kam uns sogar das Sauwetter plötzlich schön mild vor.

2019-08-28_09.43.44
Die Rieseneishöhle am Dachstein. Gleich macht mein Vater eine Dummheit…

Danach fuhren wir mit der Seilbahn noch weiter hoch auf den Krippenstein. Inzwischen hatten sich die Wolken halbwegs verzogen und wir wanderten entlang des Panoramawegs zu den Fünf Fingern, einer spektakulären Aussichtsplattform.
Alles in allem war der Ausflug wirklich großartig, für das Highlight sorgte allerdings unfreiwillig mein Vater, als ich eine Schlange entdeckte, die sich am Wegesrand sonnte. Ich zeigte sie vorsichtig meinem Kleinen, als die Schlage beschloss, in eine Felsspalte zu kriechen.
Mein Vater kam dazu und rief: „Oh, das ist ja eine große Blindschleiche!“.
Ich war mit zu hundert Prozent sicher, daß das definitiv keine Blindschleiche war, doch mein Vater ließ sich nicht beirren und zog das Tier ein bißchen am Schwanz, um es genauer sehen zu können.
Es bedurfte nur einer kurzen Google-Suche und ich hielt ihm vorwurfsvoll den Wikipedia-Eintrag zur Höllenotter, einer Unterart der Kreuzotter, unter die Nase. Das überzeugte meinen Vater letztendlich, daß es eben keine Blindschleiche war und ich zog ihn den Rest des Urlaubs mit Fun Facts über Höllenottern auf.
Fun Fact: während es vier bis fünf Bisse bedarf, um einen Erwachsenen zu töten, hätte der Biss einer Höllenotter für meinen Kleinen gereicht…

2019-08-28_09.46.31
„Wenn der Wind weht“ und „Das Licht ist hier viel heller“: Krippenstein

Irgendwie schaffte ich es an dem Tag sogar noch, endlich „Das Licht ist hier viel heller“ anzulesen. Das zweite Kapitel spielt übrigens in einer Villa am Wolfgangsee. Es war dann aber eigentlich Zufall, daß wir auf dem Heimweg ausgerechnet am Wolfgangsee Pause machten, um in einer Pizzeria am Ufer gemütlich Abend zu essen.

Nachdem ich in der Eishöhle mit dem Sommer abgeschlossen hatte, hatte die Sonne, diese launische Diva, dann doch noch ein bißchen Erbarmen mit mir und zeigte sich den Rest der Woche zumindest so weit, daß Baden plötzlich möglich wurde.
Das Wasser im Fuschlsee ist türkisblau und ganz schön kalt, aber mir war alles egal. Ich schwamm wie ein Fischlein, lag in der Sonne und las „Fünf Lieben lang“ an und auch in „Miroloi“ wieder weiter.

2019-08-28_09.48.45

Viel zum Lesen bin ich ja alles in allem nicht gekommen, aber trotz allem war es ein wirklich schöner Urlaub, der wohl als der Urlaub in die Familiengeschichte eingehen wird, in dem mein Vater mit einer Giftschlange kämpfte.

Das war er also, mein Sommerurlaub… Wie war Eurer?
Liebe Grüße,
Andrea