Review: Fünf Lieben lang

Brrr… Kalt ist es geworden in den letzten Tagen, auf Instagram tauchen schon die ersten Schneebilder auf und auf meinem Rezensionsstapel wartet noch ein letztes Sommerbuch darauf, besprochen zu werden, doch irgendwie konnte ich mich bisher einfach nicht so recht motivieren, etwas zu „Fünf Lieben lang“ von André Aciman zu schreiben.
Nun ist sein neuster Roman „Find Me“, die Fortsetzung seines Weltbestsellers „Call Me by Your Name“ auf Englisch erschienen, deshalb noch ganz kurz mein Feedback zu „Fünf Lieben lang“.

Nein, begeistern konnte mich dieses Buch leider nicht.
Um ehrlich zu sein hat es mich sogar zum Ende hin regelrecht genervt.

Es geht darin um Paul, der von den fünf großen Liebesgeschichten seines Lebens erzählt.
Als Zwölfjähriger verliebt er sich auf einer kleinen italienischen Insel, auf der seine Eltern ein Ferienhaus besitzen, in den Kunstschreiner Giovanni, der für Pauls Familie kleine Reparaturarbeiten am Mobiliar ausführt.
Paul ist hingerissen von diesem Mann, er besucht ihn schon bald täglich unter dem Vorwand, ihm bei seinen Arbeiten helfen zu wollen, aber doch einfach nur, um in seiner Nähe zu sein…
Jahre später lebt Paul dann in New York mit der smarten Journalistin Maud zusammen, doch als er sie eines Tages zufällig beim Mittagessen mit einem anderen Mann sieht, verzweifelt er vor lauter Eifersucht…
Dann folgen Manfred, den Paul lange nur aus der Ferne bewundert, Chloe, mit der ihn eine lange Beziehung verbindet, die aber immer wieder an der Realität scheitert und zum Schluß, als Paul bereits ein wenig in die Jahre gekommen ist, noch die junge Heidi, mit der plötzlich alles noch einmal möglich scheint…

Während ich die ersten beiden Geschichten, besonders die um Maud, wirklich gut fand und sie gerne gelesen habe, begann mir das Buch aber mit jeder weiteren „Liebe“ mehr und mehr auf die Nerven zu gehen.
Denn jede Geschichte hat am Ende immer einen kleinen Kniff, der sich ständig wiederholt. Da der Roman in der ersten Person verfasst wurde, schlüpft man automatisch in Pauls Rolle, man leidet mit ihm mit und wird dann zum Schluss immer wieder von einer Information überrascht, die uns bis dahin vorenthalten wurde und die all den Liebeskummer dann doch stark relativiert.
Beim ersten Mal mag das noch ein überraschender Kunstgriff sein, durch die ständige Wiederholung dieses Kniffs in den folgenden Geschichten macht es Paul einfach nur noch unsympathisch.

Letztendlich geht es in diesem Buch nicht um die Liebe, sondern um einen alternden, egozentrischen Mann, der wohl mehr in das Gefühl des Verliebtseins verliebt ist, als in die Menschen in seinem Leben.
Das ist – trotz erfreulicher Diversität – ein Thema, mit dem ich einfach durch bin…

Review: Verlorene Arten

Wer meine Liebe zu schön illustrierten Sachbüchern kennt, der dürfte sich über das heutige Buch nicht wundern: „Verlorene Arten“ von Jess French und Daniel Long.

In diesem Buch erfahren wir von Tierarten, die im Lauf der Geschichte ausgestorben sind; das Spannende daran ist aber, daß es dabei nicht vordergründig um Dinosaurier, Meeresreptilien oder  Mammuts geht, obwohl von diesen natürlich auch erzählt wird. Doch jenseits dieser populären Arten, die wohl jedes Kind kennt, und auch einiger, von denen die meisten vielleicht schon gehört haben, wie dem Megalodon oder dem Dodo, lernen wir hier auch weniger bekannte Tiere, wie zum Beispiel den faszinierenden Magenbrüterfrosch kennen.

Die meisten Tiere sind schon vor Urzeiten ausgestorben, doch erschreckend viele auch erst in den letzten Jahren, was uns vor Augen führt, wie schnell es passieren kann, daß Lebewesen auf nimmer wiedersehen verschwinden.
Ein für mich besonders trauriges Leseerlebnis war es, zu erfahren, daß der chinesische Flussdelfin seit dem Jahr 2006 als ausgestorben gilt. Als Kind hatte ich ein Buch gelesen, in dem es um diese Tiere ging und erzählt wurde, wie bedroht sie damals waren.
In meiner kindlichen Naivität war ich davon ausgegangen, daß nun, nachdem sogar eine Zehnjährige über das Schicksal der Flußdelfine informiert war, alles vonseiten der Regierung und der Umweltschützer getan werden würde, um dafür zu Sorgen, daß die sich die Bestände wieder erholen würden.
Es machte mich wirklich sehr traurig über die Tiere zu lesen, die in meinen Lebzeiten ausgestorben sind und das, obwohl das Thema Umweltschutz damals in den 80ern ständig Thema in der Schule und in den Medien war.
Als Kind war ich einfach davon ausgegangen, daß die Erwachsenen, sobald sie wussten, daß ein Tier geschützt werden musste, alles daran setzten, dies auch zu tun. Doch die Entwicklung in den letzten Jahren zeigt, daß wir uns am Beginn eines neuen großen Massenaussterbens befinden.
Wie schön wäre es, wenn meine Kinder in dreißig Jahren nicht von Tierarten lesen müssten, die heute noch leben und bis dahin als ausgestorben gelten…

Immerhin endet „Verlorene Arten“ mit einem kleinen Hoffnungsschimmer, nämlich einem Kapitel über die sogenannten Lazarus-Arten. Dabei handelt es sich um Tiere, die man für ausgestorben hielt und die dann doch wieder auftauchten, wie beispielsweise der Quastenflosser.

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„Verlorene Arten“ wurde farbenfroh, aber trotzdem künstlerisch ansprechend illustriert. Die großformatigen Doppelseiten lassen den Betrachter ganz in die Welt der Tiere abtauchen und die Informationen sind so gehalten, daß man sie schon kleinen Kindern vorlesen kann, aber auch daß Erwachsene hier noch etwas lernen können.

Vom Verlag wird das Buch ab acht Jahren empfohlen, allerdings schleppte es schon mein Vierjähriger fast täglich zum Vorlesen an.
Ein wirklich schönes und interessantes Buch, daß Leser aller Altersgruppen vor Augen führt, wie dringlich es ist, die Tiere unserer Welt zu schützen.

In vollen Zügen nach… Wien

In den Herbstferien wollte ich noch einmal reisen…
Dank Sprachschule und den Sommerferien, in denen mein Großer ja mit den Cousins in Griechenland war, hatte ich dieses Jahr noch gar keinen Urlaub mit beiden Kindern gemacht und dank Überstundenabbau hatte ich ohnehin in der Ferienwoche frei.
Doch die Planung gestaltete sich als schwierig. Urlaub in einem Familienhotel? – So kurzfristig unbezahlbar! Und alles andere, was ein paar halbwegs entspannte Tage versprochen hätte, lag zu weit weg…
Als ein paar Freunde erzählten, daß sie zu dieser Zeit nach Wien fahren würden, beschloss ich also kurzerhand die Jungs einzupacken und mitzufahren.

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Unsere erste Station lag dann schon auf dem Weg, nämlich der Fantasiana Erlebnispark Straßwalchen in der Nähe von Salzburg.
Ich mag diesen kleinen, inhabergeführten Freizeitpark wirklich gerne und versuche, immer wieder vorbeizukommen, wenn es sich ergibt.
Er war ursprünglich ein Märchenpark, doch im Laufe der Zeit entstanden immer mehr Attraktionen um die Märchen- und Wichtelwelt herum, sodass man inzwischen wirklich viel für jede Altersgruppe geboten bekommt.
Ein Highlight für mich ist immer Sindbads Abenteuerreise, ein Dark Ride, der uns in die Welt von tausendundeiner Nacht entführt, aber für kleine Kinder noch recht gruselig daherkommt.
Der Große liebt die Achterbahn, die (kein Witz!) von den Herstellern der MIR-Raumstation gebaut wurde. Offenbar ist der Markt für Weltraumstationen recht überschaubar, da macht ein zweites Standbein wohl Sinn.
Und mein Kleiner konnte vom Flyrosaurus gar nicht genug bekommen, einem Kettenkarussell, mit dem es 35 Meter nach oben geht. Bei Sonnenuntergang war die Aussicht wirklich spektakulär!
Abends war es überhaupt sehr schön im Park; viele Besucher hatten sich zu Halloween verkleidet und alles war sehr gruselig-stimmungsvoll geschmückt. Die Kinder rösteten Marshmallows über einer Feuerschale und waren rundum glücklich und entspannt. Das hat man tatsächlich in den wenigsten Freizeitparks, wobei ich wirklich betonen muss, wie unheimlich freundlich und engagiert die Mitarbeiter von Fantasiana sind, weshalb auch die ganze Atmosphäre sehr gelassen ist.
Schaut auf jeden Fall mal vorbei, wenn ihr in der Gegend seid!

Danach ging es weiter nach Wien. Die Kinder und ich schlummerten auf der Fahrt schon ein wenig und im Hotel fielen wir nur noch ins Bett und schliefen sofort ein.

Der nächste Tag begann dann erstmal mit einem sehr ausgiebigen, sehr reichhaltigem Frühstücksbuffet mit Livemusik. – Man gönnt sich ja sonst nichts!

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Danach ging es eigentlich weiter wie am Tag davor, nämlich mit Achterbahnen und Karussells am Wiener Prater.
Obwohl ich schön öfter in Wien war, hatte ich es noch nie hierher geschafft. Schade eigentlich, denn die Atmosphäre hat mir wirklich gut gefallen. Eigentlich ist es wie die Wiesn nur mit wesentlich weniger Alkohol. Da macht es auch mal Spaß über so ein großes Volksfest zu laufen.
Die Fahrgeschäfte hatten zum Teil sehr unterschiedliche Qualität; was mich allerdings schwer begeisterte war, daß die Attraktionen für die Kleinsten immer auch irgendwelche aberwitzigen Elemente hatten, die die Kinder gar nicht wirklich wahrgenommen, dafür aber bei den Erwachsenen für ungläubiges Staunen oder hochrote Köpfe gesorgt haben.
Hach, ich liebe diesen österreichischen Humor!

Der Favorit am Prater war aber wohl „Fluch der Piraten“, denn auch wenn diese Geisterbahn von außen vielleicht ein wenig unscheinbar daherkommt, lohnt es sich auf jeden Fall hineinzugehen!
Die Effekte, die dort benutzt werden, haben selbst die erfahrensten Freizeitparkgänger unter uns so noch nicht gesehen und für große Begeisterung gesorgt.

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Danach trafen wir uns noch mit einer Wiener Freundin, die uns mit auf eine kleine Stadtführung nahm.
Ich mag Sightseeing zwar sehr, aber mit Kindern im Schlepptau sind Städtereisen natürlich immer ganz schön anstrengend. Also kürzten wir hier ab, denn auch für den nächsten Tag hatten wir schon große Pläne.

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47 Meter große Pläne, um genau zu sein…
So hoch ist nämlich der alte Flakturm am Esterházypark, der das Haus des Meeres beherbergt.
Die Wiener Flaktürme abzureißen gestaltet sich als ziemlich schwierig, so dick sind die Mauern und mitten im Stadtgebiet zu sprengen ist wohl auch keine gute Idee, also hat man einfach ein riesiges Aquarium und Tropenhaus daraus gemacht, für das man sich gut und gerne den ganzen Tag freihalten kann.

Auf zehn Stockwerken kann man hier Meeresbewohner aus aller Welt bestaunen, aber auch allerhand Reptilien, Amphibien, Spinnen und sogar eine Kolonie Blattschneiderameisen, die sich in einem Röhrensystem über mehrere Stockwerke bewegen.

Im Tropenhaus, eine Art riesigem Wintergarten, kann man zwischen echten Bäumen auf Hängebrücken laufen und dabei Vögel und kleine Affen beobachten und auf der gegenüberliegenden Seite liegt ein weiterer verglaster Außenbereich: der Krokipark, in dem man Krokodile und Schildkröten von oben, oder (im Eingangsbereich) sogar von unten beobachten kann. Der Kleine war ganz hin und weg…

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Damit der Große am letzten Tag aber auch noch auf seine Kosten kam, schauten wir beim Heeresgeschichtlichen Museum vorbei, wo er unbedingt die Panzer im Garten sehen wollte. Ich erspare Euch das mal, aber das Gebäude ist wirklich unheimlich hübsch.

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Zum Schluß ging es dann endlich zu einer Station, die ich schon lange auf meiner Liste hatte, und die ich – nachdem die Wünsche der Kinder alle erfüllt waren – endlich ansteuern konnte.
Von Hartliebs Buchhandlung in der Währinger Straße hatte ich ja schon in Petra Hartliebs Büchern gelesen, nun wollte ich sie auch einmal im richtigen Leben sehen.
Zugegeben, ich hatte irgendwie angenommen, daß Petra Hartlieb ein bißchen übertreibt, wenn sie beschreibt wie voll und eng es im Weihnachtsgeschäft im Laden wird. Man kann auch in der größten Buchhandlung von München arbeiten und trotzdem hat man im Weihnachtsgeschäft oft das Gefühl in deiner Sardinendose zu leben, doch „Hartliebs Bücher“ ist wirklich so klein, wie in den Büchern beschrieben.

Trotzdem hat man hier auf engem Raum ein unheimlich großes Sortiment, was möglich ist, weil die Regale bis ganz unter die hohen Decken gehen. Selbst über Tür und Fenstern gibt es noch Bücherregale!
Und wie schaffen die Buchhändler*innen es, an all die Bücher heranzukommen? Indem sie auf deckenhohe Leitern klettern und das so schnell und behände, daß ich einerseites absolut begeistert und andererseits ziemlich nervös war.
Diese Leitern sind übrigens in Schienen an der Decke verankert, die dann zur passenden Stelle am Regal gezogen werden können. Das verlangt dann ein Tänzchen von Buchhändler, Kunde und Leiter, das ein wenig an eine Partie Tetris erinnert, bei dem alle aber gerne mitmachen, um an das gewünschte Buch zu kommen.
Überhaupt waren die Buchhändlerinnen, die an diesem Tag im Laden waren alle unheimlich nett und besonders gelungen finde ich auch das hartliebsche Werbemagazin. Dort empfehlen nämlich auf der Rückseite alle Kollegen Bücher zu verschiedenen Themen. So sieht man gleich, wer welchen Geschmack hat und kann dann gezielt mit den Buchhändlern ins Gespräch kommen, um sich noch weitere Tipps in diese Richtung geben zu lassen.
Was für eine schöne Art der Kundenbindung!

„Hartliebs Bücher“ hat mich sehr begeistert. Es muss wirklich schön sein, hier zu arbeiten, auch wenn es mir meine Angst zu fallen vermutlich schwer machen würde, für die Kunden in solche Höhen zu klettern.

Anschließend ging es auch schon wieder zurück nach Hause. Schade eigentlich, denn es gäbe noch so viel mehr zu erleben in Wien…
Vielleicht das nächste Mal dann wieder ohne Kinder und mit mehr Zeit, auch ein paar von Euch zu treffen.

Bis ganz bald,
Eure Andrea

Review: Natürliche Schönheit

Dieses Frühjahr begeisterte mich ja die schwedische Comic-Künstlerin Liv Strömquist mit ihrer Graphic Novel „I’m every woman“, in der sie sich mit feministischen Themen und Denkmustern auseinandersetzt.
Nun hat der Avant Verlag auch ihre Landsfrau Nanna Johansson aufgelegt, die mit einem vergleichbaren Zeichenstil aufwartet und sich auch ähnlichen Themen widmet.
Klar, daß ich sehen wollte, ob ihr Buch „Natürliche Schönheit“ mich ebenso sehr begeistern würde, wie das von Liv Strömquist…

„Natürliche Schönheit“ ist eine Zusammenstellung von verschiedenen Comics, Cartoons, Zeichnungen und Kollagen, die auf die eine oder andere Art mit dem Thema Schönheit zu tun haben, wobei aber auch immer wieder völlig unterschiedliche Dinge behandelt werden.
So werden zum Beispiel die Schmink- und Abnehmtipps der Frauenzeitschriften wunderbar aufs Korn genommen, dann wiederum schaltet sich ein übler Teenager ein, der Tricks verrät, wie man bekommt, was man will.

Der Zeichenstil ist recht einfach gehalten und erinnert eben an den von Liv Strömquist. „Natürliche Schönheit“ kommt allerdings sehr viel bunter und auch vielseitiger daher, denn hier wechseln sich Cartoons, Fotos und Kollagen fröhlich ab, ohne daß es jedoch dabei zum Stilbruch kommen würde.

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Der größte Unterschied, den ich zu Strömquist sehe, ist daß Nanna Johansson eher mit Überspitzungen unterhält, während ihre Landsfrau dadurch punktet, daß sie Denkmuster (auch liberale!) auf eine sehr bissige Art und Weise hinterfragt.
Was mir in „Natürliche Schönheit“ ein bißchen fehlte, war ein roter Faden, der die zum Teil sehr unterschiedlichen Segmente miteinander verbunden hätte. Zwar war das Thema „Schönheit“ als Oberbegriff gewählt worden, allerdings gab es dann doch so viele verschiedene Geschichten, die nichts damit zu tun hatten, daß sie eher wie Beiwerk wirkten, anstatt dem Buch eine einheitliche Richtung zu geben.

Nanna Johansson hat mich mit „Natürliche Schönheit“ zwar gut unterhalten, aber noch nicht so überzeugen können, wie die Bücher von Liv Strömquist. Trotzdem erkennt man das Potential dieser Illustratorin, das auf jeden Fall Lust macht, beim nächsten Titel wieder reinzuschauen.

Review: Dort dort

Wer die neuste Folge des „Seite an Seite“-Podcasts schon gehört hat, weiß wie beeindruckt mich Tommy Oranges Debütroman „Dort dort“ zurückgelassen hat.
Heute möchte ich Euch nochmal ein wenig ausführlicher von diesem Buch erzählen, das den American Book Prize gewann, für den Pulitzer Prize nominiert war und es letztes Jahr auf die „Bücher des Jahres“-Liste von Barack Obama schaffte.

„Dort dort“ erzählt die Geschichten von zwölf Protagonisten, die meisten von ihnen sind Native Americans, die das Big Oakland Powwow besuchen wollen; ein Fest, auf dem sie ihre Traditionen pflegen oder einfach nur bei den Tanzwettkämpfen zuschauen möchten…
Alle Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen, keines ihrer Leben verlief bisher reibungslos, doch diese einschneidenden Erlebnisse sind es letztendlich, die sie nach Oakland bringen.
Da ist zum Beispiel Edwin, der seinen Vater vor kurzem über das Internet ausfindig gemacht hat und der ihn hier treffen will, oder Jacquie, die lange Zeit alkoholabhängig war und nun zu ihren Enkelsöhnen zurückkehren will, um für sie da zu sein, oder Dene, der einen Dokumentarfilm über das Powwow drehen möchte.
Doch es gibt auch die, die ihre Chance wittern, ans große Geld zu kommen…

Es dauert – soviel muss gesagt werden – zunächst ein Weilchen, bis sich die Sogwirkung von „Dort dort“ entfaltet. Nacheinander werden die Protagonisten eingeführt und zunächst scheinen die Geschichten nicht viel miteinander zu tun zu haben. Sogar die Erzählform schwankt von Figur zu Figur von der ersten zur dritten Person und wieder zurück.
So wirkt das Buchs anfangs eher wie eine Kurzgeschichtensammlung mit einem gemeinsamen Thema, als ein zusammenhängender Roman, doch nach und nach beginnt man als Leser Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Figuren zu erkennen. Man muss schon aufpassen um das alles richtig zuzuordnen, und so entwickelt sich die erste Hälfte von „Dort dort“ nur langsam…

Doch danach nimmt die Geschichte plötzlich mehr und mehr Fahrt auf und spitzt sich auf ein so dramatisches Ende zu, daß ich das letzte Drittel des Buches in einem Rutsch durchgelesen habe, dabei kaum still sitzen konnte, immer wieder die Hand vors Gesicht geschlagen und mir die Haare gerauft habe… Die Leute in der S-Bahn haben schon ganz unbehaglich geguckt! Damit hat mir Tommy Orange wohl eines meiner intensivsten Leseerlebnisse des Jahres beschert.

Die Geschichten, die in „Dort dort“ verwebt werden, zeichnen ein großartiges Bild einer Kultur, von der viele Leser wohl gar nicht wissen, das es sie gibt. Denn meist denkt man beim Begriff Native American an Wildwest-Romantik, oder vielleicht die Nachrichtenbilder von Protesten in Reservaten, durch die Pipelines gezogen werden sollen. Daß die meisten Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner jedoch nicht in Reservaten, sondern in Städten leben, wo sie den Spagat zwischen dem Erreichen des amerikanischen Traums und der Bewahrung ihrer Traditionen machen, war mir bis jetzt nie so bewusst gewesen.
Daß dies Spuren hinterlässt und der Umgang der US-Regierung mit den Natives in der Vergangenheit tiefe Wunden geschlagen hat, die auch noch Generationen später spürbar sind, arbeitet Tommy Orange höchst eindringlich heraus.

„Dort dort“ ist für mich eines der besten Bücher des Jahres, auch wenn man der Geschichte ein wenig Zeit geben muss, um sich zu entwickeln.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, was wir noch von Tommy Orange erwarten dürfen!

Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 3 oder ooh baby baby, it’s a wild world

Ein bißchen still ist es in den letzten Wochen auf unserem Podcast geworden…
Das lag aber nicht etwa daran, daß Andi und ich keine Lust gehabt hätten, über die Bücher zu reden, die wir gelesen haben. Das Problem war, daß Andi noch an der Zulassungsarbeit für sein Staatsexamen saß und den ganzen Tag nichts anderes tat, als alle Daniel Kehlmann Bücher zum wasweißichwievielten Male durchzulesen und auf ihre Metafiktionalität abzuklopfen.
Gut… Vielleicht hätten wir auch einen Podcast darüber machen können…
Vermutlich braucht Andi jetzt aber mal eine kurze Pause von Daniel Kehlmann.

Jetzt geht es jedenfalls wieder frisch motiviert weiter, also viel Spaß mit unserer neusten Folge!

Unsere Titel in dieser Folge sind:

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Andi:
Sophie Passmann – Frank Ocean
Jonathan Safran Foer – Wir sind das Klima!

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Andrea:
Tommy Orange – Dort dort
Mareike Fallwickl – Das Licht ist hier viel heller

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Und zusammen sprechen wir über:
Simone Lappert – Der Sprung

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

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Schaut auf jeden Fall mal vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

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Nebeliger November

Willkommen im November!
Der Monat begrüßt mich mit nassgrauem Wetter und in den Isarauen, die ich von meinem Fenster aus überblicken kann, hängt noch immer der Nebel…
Zeit, es sich mit einem dicken Stapel Romane und einer Tasse Tee unter der Kuscheldecke gemütlich zu machen!

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Meine ersten beiden Bücher kommen dann auch gleich sehr herbstlich daher, was Titel und Cover betrifft, nämlich „Herbst“ von Ali Smith und „Fuchs 8“ von George Saunders.

Auf „Herbst“ bin ich schon sehr gespannt, schließlich schwärmt Jen Campbell auf ihrem YouTube-Kanal ständig von Smiths „Jahreszeiten-Quartett“.
Während der letzte Band der Reihe, „Summer“, nach „Winter“ und „Spring“ bald auf Englisch erscheinen wird, wurde nun mit „Herbst“ der erste Band, der auch für den Booker Prize nominiert war, auf Deutsch vorgelegt.

Ein ganz schmales Bändchen ist dagegen „Fuchs 8“ von George Saunders.
Saunders war lustigerweise im gleichen Jahr wie Ali Smith für den Booker Prize nominiert, hat diesen aber dann auch gewonnen und zwar für seinen einzigartigen Roman „Lincoln im Bardo“.
„Fuchs 8“ dagegen ist eine Kurzgeschichte, die illustriert und als kleine Einzelausgabe herausgebracht wurde.
Da mir Saunders innovativer und außergewöhnlicher Stil in „Lincoln im Bardo“ sehr imponiert hat, bin ich nun gespannt auf diese Geschichte, die aus der Sicht eines Fuches erzählt wird.

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Die nächsten beiden Bücher scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben, außer daß sie schmale Bändchen von jeweils deutlich unter 200 Seiten sind, für mich sind sie jedoch stark mit meinen Erinnerungen an die Frankfurter Buchmesse verknüpft.

Mona Høvring war ja als Vertreterin des Gastlandes Norwegen auf die Messe gekommen, wo Isa von it’s Vonk ein tolles Interview mit ihr geführt hat, das ihr hier sehen könnt.
Auf Isas Empfehlung hin hatte ich deshalb auch noch vor der Messe ihren Roman „Was helfen könnte“ gelesen und war einfach begeistert, wie diese Autorin es schafft, große Panoramen mit wenigen Sätzen zu zeichnen.
Deshalb musste ihr neustes Buch „Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte“ dann auch unbedingt auf meinen Novemberstapel.

Darin geht es übrigens um zwei Schwestern, genauso wie im nächsten Buch, das ich mit der Buchmesse verbinde: „Die langen Arme“ von Sebastian Guhr.
Guhr war der Gewinner der zweiten Staffel des Blogbuster-Preises, von dem nun auf der Messe der Startschuss zur dritten Staffel gegeben wurde.
Und dieses Mal bin ich mit dabei in der Blogger-Jury!
Wer also ein fertiges Romanmanuskript zu Hause hat, der sollte auf die Website des Blogbuster Awards gehen und überlegen, ob er sich nicht bewerben möchte.
Dabei lesen zehn Blogger die Manuskripte und wählen jeweils einen Favoriten aus. Diese Longlist geht dann an die Fachjury und der Gewinnertitel wird in dieser Staffel bei Eichborn verlegt.
Doch auch viele Autoren, die nicht den ersten Preis gewonnen haben, schafften es in vergangenen Staffeln, durch die Aufmerksamkeit, einen Verlagsvertrag zu ergattern, wie zum Beispiel Gunnar Kaiser mit seinem Roman „Unter der Haut“.
Ein wirklich spannendes Projekt, auf das ich mich schon ungemein freue!

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Auf der Buchmesse traf ich beim KiWi-Verlag dann auch die Autorin eines meiner nächsten Titel: Dana von Suffrin stellte dort nämlich ihren Debütroman „Otto“ vor und brachte die ganze Runde sehr zum Lachen…

Wer mich auch immer wieder zum Schmunzeln bringt, ist ja Philipp Tingler, von dem ich bisher tatsächlich noch nichts gelesen habe, dessen Videos mit Nicola Steiner ich aber gerne mal in Dauerschleife sehe. Schaut einfach mal unter „Steiner/Tingler“ bei YouTube! Die Dynamik der beiden macht einfach unheimlich Spaß, da bin ich schon gespannt, auf Tinglers neusten Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“.

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Gleich drei Titel, die sich mit Frauen und ihren Lebensentscheidungen beschäftigen, liegen diesen Monat auf meinem Lesestapel:
In „Drei Wünsche“ von Laura Karasek geht es um drei Frauen um die dreißig, die wichtige Lebensentscheidungen treffen müssen…
Etwas weiter im Leben sind wir dann bei „Die Zehnjahrespause“ von Meg Wolitzer. Hier geht es um vier Frauen Anfang vierzig, die alle feststellen, daß es eben nicht einfach ist, Kinder und Karriere gut miteinander zu vereinbaren und die nun die Weichen für ihr zukünftiges Leben stellen müssen.
Wolitzers letzter Roman „Das weibliche Prinzip“ hatte es ja recht schwer, weil es als feministisches Buch vermarktet wurde, obwohl der Fokus der Geschichte eigentlich woanders lag. Trotzdem hatten mich ihre starken, sehr lebensnahen Charaktere beeindruckt, weshalb ich ihrem neuen Buch gerne nochmal eine Chance geben wollte.
In „Tage des Verlassenwerdens“ von Elena Ferrante geht es dann, wie man sich schon denken kann, um das Ende einer Ehe…
Während ich die Neapolitanische Saga zwar ganz nett, aber nicht unbedingt beeindruckend fand, gehörte ihr früher Roman „Frau im Dunkel“, das im Frühling erstmal auf Deutsch erschien zu meinen Lesehighlights des Jahres.
„Tage des Verlassenwerdens“ soll ähnlich sein, also habe ich sehr hohe Erwartungen an dieses Buch!

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Zum Schluß werden wir noch ein bißchen klassisch…
„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder handelt von Gustav Meyrink, dem Autor des „Golem“. Der soll hier gegen Honorar ein Buch schreiben, das den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg gibt. Das hört sich für mich nach einem unheimlich spannenden Roman an!

Und weil mittlerweile nun wirklich jeder mitbekommen haben dürfte, wie sehr ich gut illustrierte Bücher liebe, freue ich mich diesen Monat sehr auf „Die Nibelungen“ aus der Insel-Bücherei, die von Burkhard Neie illustriert wurden. Ich bin ja ein großer Fan von Neies Illustrationsstil und freue mich schon sehr auf diesen Augenschmaus…
In der Insel-Bücherei gibt es von Neie übrigens bereits zwei Bände mit deutschen Sagen und zwei mit Balladen, die ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann!

Das ist er also, mein November-Stapel…
Unglaublich, wie schnell das Jahr vergeht!
Kommt gut und ohne Schnupfen durch den Monat!

Verfrorene Grüße,
Eure Andrea