Review: Heute hat die Welt Geburtstag

Damals während meiner Ausbildung, also vor etwa zwanzig Jahren, war die Band, auf die wir Buchhändler uns fast alle einigen konnten überraschenderweise Rammstein.
Wenn ich das heute erzähle schütteln die jüngeren Kollegen den Kopf und fragen: „Rammstein?!?“, während die älteren immer noch enthusiastisch „Rammstein!!!“ rufen.
Es sind wohl die sehr poetischen Texte, besonders der früheren Lieder, vielleicht haben wir damals aber auch einfach besser hingehört und die Doppelbödigkeit von Till Lindemanns Lyrik, den Bruch zwischen Inhalt und Ausdruck und den sehr speziellen Humor einfach anders wahrgenommen.

Als ich hörte, daß Flake (eigentlich Christian Lorenz), der Keyboarder der Band, autobiografische Bücher schrieb, war ich zwar neugierig, allerdings nicht so sehr, daß ich sie mir dann auch sofort kaufte.
Erst kürzlich sah ich auf YouTube das Video einer Lesung von Flake mit einem anschließenden Gespräch zwischen ihm und Horst Evers. Fast bin ich aus dem Bett gefallen, so sehr musste ich lachen!
Da war klar: Nicht nur brauchte ich sofort sein aktuelles Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“, sondern es musste unbedingt das Hörbuch sein!

Da mein Großer inzwischen auch seine Liebe zu Metal im Allgemeinen und Rammstein im Besonderen entdeckt hat, überredete er mich, als er das Hörbuch sah, die CDs gleich mit ins Auto zu nehmen, um sie auf der Fahrt gemeinsam zu hören.
Schon nach zwei Minuten lachten der Große und ich dann auch so schallend los, daß der Kleine auf dem Rücksitz zu weinen begann. So laut gelacht habe ich schon lange nicht mehr!

In „Heute hat die Welt Geburtstag“ erzählt Flake von einem ganz normalen Tag auf einer Rammstein-Tour: der Reißverschluss des Kostüms klemmt, die Bühnenschminke, die aus Kaffee besteht, führt zu Schlaflosigkeit und manchmal vergisst man auch seinen Einsatz…
In Rückblenden und kleinen oder größeren Abschweifungen erfahren wir dann auch von der Entstehung der Band, den spannenden ersten Jahren und dem Durchbruch in den USA.
Die Geschichten und Anekdoten sind dabei so skurril und oftmals auch völlig überraschend, daß es einfach nur Spaß macht, Flake beim Erzählen zuzuhören. – Egal ob man Rammstein-Fan ist, oder nicht.

Dank Flakes leicht verpeilter Erzählweise und seinem unterschwelligen Humor lohnt es sich sehr, zum Hörbuch von „Heute hat die Welt Geburtstag“ zu greifen.
Mit knapp neun Stunden handelt es sich hierbei auch um eine ungekürzte Lesung.

In vollen Zügen auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Kurz nach der Leipziger Buchmesse fassten meine Kollegen Andi, den Ihr ja vielleicht von unserem gemeinsamen Podcast kennt, Kafka (leider nicht verwandt) und ich den Entschluss, daß wir doch alle gemeinsam zur Frankfurter Buchmesse fahren könnten. Zusammen mit der wunderbaren Laura als Verstärkung brachen wir also am Mittwoch morgen Richtung Frankfurt am Main auf.
Für die anderen war es ihre erste Buchmesse überhaupt, während ich einen randvollen Terminkalender im Gepäck hatte.

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Da wir für diesen Tag noch nichts geplant hatten, beschlossen wir, ein bißchen Sightseeing zu machen. Tatsächlich hatte ich die Frankfurter Innenstadt noch nie gesehen und schon im Zug waren wir beeindruckt von den riesigen Wolkenkratzern.

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Die Innenstadt überraschte uns dann alle, weil sie so klein und überschaubar war. Es kam mit fast so vor, als hätte man das Klischee eines typisch deutschen Städtchens, wie es sich Chinesen oder Amerikaner vorstellen, mitten zwischen die Wolkenkratzer gesetzt. – Irgendwie nett aber surreal.
Also beschlossen wir, dem großen Hugendubel am Steinweg einen Besuch abzustatten, den wir ja nur von Fotos kannten. In der Filiale trafen wir dann auch gleich auf viele bekannte Gesichter, denn nicht nur die Frankfurter Kollegen war hier, auch einige Münchner hatten beschlossen vorbeizuschauen und schnell kam man miteinander ins Plaudern.
Dort trafen wir dann auch einen lieben Kollegen, der uns mit den kulinarischen Besonderheiten der Frankfurter Küche bekannt machte. Einen Bembel Ebbelwoi und Schnitzel mit grüner Soße? – Okay, das kannten wir vorher auch noch nicht!

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Am Donnerstag war dann unser erster Messetag.
Die anderen waren schnell ziemlich erschlagen von all den Eindrücken und fanden es ein wenig surreal, daß die Autoren der Bücher, die sie gestern noch im Zug gelesen hatten (Sascha Lobo und Saša Stanišić), ihnen offenbar ständig über den Weg liefen.
Und so blieben wir dann auch beim Spiegel Talk mit Saša Stanišić hängen. Immerhin war „Herkunft“ eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr.
Saša war dann im Gespräch auch gleich unheimlich sympathisch und brachte wohl jeden im Publikum zum Schmunzeln, als er von seinem kleinen Sohn erzählte: „Der denkt nämlich, ich bin Kranfahrer. Das hab ich ihm irgendwann mal so erzählt und jetzt komm ich aus der Geschichte nicht mehr raus. Jedes Mal wenn wir durch die Stadt gehen und er einen Kran sieht, leuchten seine Augen auf und er fragt: „Papa, ist das deiner?“ und ich will ihm nicht sein Herz brechen. Ich werde mir wohl einen Helm und eine Warnweste kaufen müssen.“

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Saša Stanišić (wird wohl bald als Kranfahrer arbeiten müssen)

Mittags hatte ich dann meinen ersten Termin. Da wurde nämlich der Startschuss für die dritte Staffel des Blogbuster-Preises gegeben, wo ich dieses Mal mit von der Partie bin und in der Bloggerjury sitze.
Wer also ein vollständiges Manuskript aber noch keinen Verlag hat, kann sein Exposé und eine Leseprobe bis zum Jahresende auf der Blogbuster Website hochladen und sich für einen von zehn Bloggern entscheiden. Danach beginnen wir, die Manuskripte zu lesen und entscheiden uns für je einen Favoriten. Diese Longlist wird dann der Fachjury präsentiert, die dann den Gewinner kürt. In der Fachjury sitzen diesmal Eichborn Programmleiter Dominique Pleimling, Bloggerin Alexandra Stiller, Literaturkritiker Knud Cordsen, Autorin Alexa Henning von Lange und Literaturagentin Elisabeth Ruge.
Ich bin schon sehr gespannt auf die Manuskripte!

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Die Blugbuster-Truppe (Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Elyseo da Silva)

Anschließend sauste ich dann von Termin zu Termin und hätte fast den Autor René Anour versetzt, der mir als Ortskundiger noch ein paar Tipps für meine Wien-Reise Ende des Monats und seinen Roman „Im Schatten des Turms“ mit auf den Weg gab.
Nochmal tausend Dank dafür!

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Nach meinem letzten Termin bei Uwe von Eichborn ging es dann los mit der Happy Hour…
Bei Hanser traf ich viele liebe und bereits bekannte Gesichter aus der Blogger-Szene und einige auch endlich zum ersten Mal im richtigen Leben, bei Random House fand ich dann all meine Kollegen wieder und ergatterte ein paar Snacks und bei Beltz versackten wir dann anschließend noch, denn diese Kinderbuchverlage wissen, wie man feiert! Und die Live-Musik war richtig gut…

Am Freitag hetzte ich dann von einem Termin zum nächsten.
Besonders schön waren die Bloggertreffen von KiWi und Diogenes
Bei KiWi präsentierte Dana von Suffrin ihren Debütroman „Otto“ unheimlich sympathisch und sorgte mit dem Team vom Verlag für viele Lacher, während Simone Lappert beim Diogenes-Treffen für Gänsehaut sorgte, als sie den Prolog von „Der Sprung“ auswendig vortrug.

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Dana von Suffrin (oben) bei KiWi und Simone Lappert (unten) bei Diogenes

Besonders schön finde ich es auch immer, wenn man eben nicht nur bei den großen, sondern auch bei den ganz kleinen Verlagen nette Gespräche hat und so freute ich mich sehr auf das Treffen mit Marianna Hillmer vom Reisedepeschen Verlag.
Ein kleines Highlight war es dann auch für mich, als sie mir die aktuelle Verlagsvorschau in die Hand drückte, wo für den Verlag unter anderem mit einem Zitat von mir geworben wird. Das hat mich unheimlich stolz und glücklich gemacht!

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Zum Abschluß landete etwa die Hälfte der Kollegen, die sich auf der Messe tummelten bei dtv, wo mir der netteste Key Account Manager noch einen Roman als Mitbringsel für die daheimgebliebene Kollegin gab.

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, keine Bücher auf der Messe mitzunehmen, aber wenn im Gespräch die Frage kommt: „Kann ich dir irgendwas Schönes mitgeben?“, kann ich einfach nicht widerstehen und bitte die Verlagsmenschen gerne, ein Buch für mich auszusuchen. Schließlich wird man als Buchhändler ja eher selten beim Buchkauf beraten und da freue ich mich immer über die Herzensbücher der Verleger, denn oftmals sind Sachen dabei, die ich selbst gar nicht auf dem Schirm hatte.
Deshalb durften dann auch dieses Jahr ein paar Titel mit, die mir so begeistert ans Herz gelegt wurden.

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Tausend Dank für die tollen Empfehlungen!

Anschließend hieß es dann Aufbruch und ab in den Zug nach Hause.
Hier verliebte ich mich spontan in den Zugführer, der mit Durchsagen wie: „Aktuell haben wir zehn Minuten Verspätung, aber… ach… egal! Ist auf jeden Fall schön, daß Ihr jetzt alle da seid, das freut mich. Klasse! Dann fahren wir auch gleich mal los…“ für gute Laune sorgte.
Um Mitternacht war ich dann endlich zuhause und am Samstag auch schon wieder im Laden. Diese Bücher verkaufen sich ja nicht von selbst!

Es war eine wirklich schöne Messe und ging wie immer viel zu schnell vorbei.
Das nächste Mal habe ich dann hoffentlich wieder mehr Zeit für Gespräche.
Liebe Grüße an alle, denen ich begegnet bin und an die, die ich knapp verpasst habe.
Es war mir ein Fest!

Vielen Dank für die schöne Zeit und liebe Grüße,
Eure Andrea

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Und weil ich auf der Messe immer zu überwältigt bin, um vernünftige Fotos zu machen, springt mein lieber Kollege Thomas Kafka mit der Reihe „Kafka am Stand“ ein!

Auf zur Buchmesse! – Auf nach Norwegen!

Morgen Früh werden die weltbesten Kollegen und ich nach Frankfurt aufbrechen und dann am Donnerstag und Freitag die Messe unsicher machen.
Ich freue mich schon sehr auf all die Treffen mit Verlagen, Autoren und natürlich mit Euch! Und ganz besonders freue ich mich auch schon auf das diesjährige Gastland der Buchmesse: Norwegen.

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Meine erste Bekanntschaft mit der norwegischen Literatur machte ich mit Jostein Gaarder. An seinem Roman „Sofies Welt“ kam seinerzeit wirklich niemand vorbei… Über ein Jahr lang (um genau zu sein 63 Wochen) stand er auf Platz 1 der Spiegel Bestseller-Liste.
Ich weiß noch, wie eine Klassenkameradin „Sofies Welt“ in einem Referat vorstellte und ich sofort wusste: Dieses Buch muss ich haben!
Damals war ich 13 oder 14 Jahre alt und nicht wirklich an klassischer Philosophie interessiert, trotzdem fesselte mich die Geschichte von Sofie, die rätselhafte Briefe erhält, in denen sie eben darin unterrichtet wird.
Zugegeben… Gegen Ende des Buches fand ich die immer komplexer werdenden Ideen ein wenig ermüdend und so blätterte ich meist weiter, um zu erfahren, was denn eigentlich mit Sophie passierte… Trotzdem hat mich dieser Roman schwer beeindruckt.

Es war das erste Buch, über das ich mit Erwachsenen reden wollte und nachdem ich „Sofies Welt“ als Buchclub Ausgabe gekauft hatte, holte ich mir die anderen Bücher von Jostein Gaarder in den schönen Ausgaben vom Hanser Verlag. Vermutlich hat mich „Das Kartengeheimnis“ fast im Alleingang zur Bibliophilen gemacht. Die unverwechselbare Covergestaltung von Quint Buchholz, die Halbleinenbindung, das wunderschöne Vorsatzpapier und die Illustrationen im Buch… Ich erfreute mich einfach stundenlang daran und vielleicht kam da auch schon der Wunsch, später mit Büchern zu arbeiten.

Dank Jostein Gaarder habe ich als Jugendliche Lust dazu bekommen, mich auch intellektuell mit den Büchern auseinanderzusetzen und nicht nur Geschichten zu konsumieren. Inzwischen üben die neuen Titel von ihm aber keinen großen Reiz mehr auf mich aus. Ich weiß noch, daß mich das Ende von „Das Orangenmädchen“ regelrecht erboste…
Trotzdem werden „Sofies Welt“ und die Bände, die kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurden, immer einen nostalgischen Platz in meinem Herzen haben.

Im Zuge der Buchmesse wurde nun viel aus dem Norwegischen übersetzt. Im Laufe der letzten Wochen habe ich Euch schon einige Titel ausführlich vorgestellt, heute wollte ich Euch nochmal alles zusammenfassen.
Durch einen Klick auf die blau unterlegten Titel gelangt Ihr auf meine Rezensionen.

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Was sich beim Lesen recht schnell abzeichnete: Die Norweger schrecken vor schwierigen und unbequemen Themen nicht zurück.

Die ersten beiden Titel handeln dann auch gleich von Selbstmorden.
In „Ein Freitod“ verarbeitet Comic-Künstler Steffen Kverneland den Tod seines Vaters in Form einer Graphic Novel. Sehr persönlich, ungeschönt und ehrlich…

Ein Roman, der viel diskutiert wurde ist „Durch die Nacht“ von Stig Sæterbakken; nicht zuletzt, weil der Dumont Verlag unter dem Hashtag #thepassionweshare zum gemeinsamen Lesen aufforderte, wobei einem ein norwegischer Lesepartner an die Seite gestellt wurde. – Eine schöne Aktion!

Sæterbakken war selbst Leiter des norwegischen Literaturfestivals, bis er wegen eines Skandals den Hut nehmen musste und bald darauf, kurz nach dem Erscheinen von „Durch die Nacht“, Selbstmord beging.

Auch der Roman handelt von diesem Thema und wird durch die Geschichte des Autors umso beklemmender.
Was den Skandal betrifft, so könnt Ihr gerne die Podcast-Folge anhören, in der ich ein paar Hintergrundinformationen zu diesem Thema recherchiert habe.

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Düsteren Themen widmet sich auch Maja Lunde. In ihrem Klima-Quartett beschreibt sie die Katastrophe, auf die unsere Welt zusteuert, indem sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählerisch miteinander verbindet.
„Die Geschichte der Bienen“ war ein durchschlagender Erfolg, als dann „Die Geschichte des Wassers“ auf den Markt kam waren viele irritiert davon, daß die Autorin das Thema Klimawandel wieder in sehr ähnlicher Form aufbereitet.
Ich muss gestehen, daß ich zwar auch Bedenken habe, daß sich dieses Projekt nicht irgendwann totläuft, zumal sich Maja Lunde einen recht straffen Zeitplan gesetzt hat. Da mir „Die Geschichte des Wassers“ allerdings tatsächlich fast besser gefallen hat als „Die Geschichte der Bienen“, werde ich ihrem nächsten Buch der Reihe „Die Letzten ihrer Art“, das demnächst erscheinen wird, auf jeden Fall eine Chance geben.

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Zwei Titel, die sich mit einem recht positiven Erzählton schwierigen Themen widmen, sind „Was helfen könnte“ von Mona Høvring und „Mittwoch also“ von Lotta Elstad.

In „Was helfen könnte“ geht es um die Einsamkeit und wie eine junge Protagonistin versucht, diese mit sexuellem Verlangen zu stillen, ganz ähnlich wie in „Mittwoch also“, wo die Hauptfigur, von ihrem Freund verlassen wird und sich auf einen One-Night-Stand einlässt, bei dem sie schwanger wird.
In beiden Romanen erleben wir Frauen, die nicht notwendigerweise stark und auch nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben sind, die es aber letztendlich selbst in die Hand nehmen wollen.

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Auch Liebesgeschichten kommen aus Norwegen, doch in „Die Geschichte einer Ehe“ von Geir Gulliksen erleben wir das Scheitern einer großen Leidenschaft.
Tieftraurig, sehr erotisch und mit einer unkonventionellen, spannenden Erzählperspektive war dieses Buch eines, das mich wohl von den norwegischen Neuerscheinungen mit am meisten beeindruckt hat.

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Wem das jetzt aber alles zu viel Drama und zu viele schwierige Themen waren, dem seien zum Schluß noch die norwegischen Märchen von Asbjørnsen und Moe wärmstens ans Herz gelegt.
In der schönen Sammlung „Die Puppe im Grase“ hat sich meine Lieblingsillustratorin Kat Menschik wiedereinmal gestalterisch austoben können und meine Güte, was das für ein schönes Buch geworden ist!
Mein absoluter Norwegen-Lieblingstitel in diesem Herbst.

Das war er also, mein kleiner Ausflug in die norwegische Literatur.
Welche Autoren dieses Landes könnt ihr besonders empfehlen?

Und natürlich: Sehen wir uns auf der Messe?
Es würde mich freuen, wenn ich Euch treffe!

Bis dahin liebe Grüße,
Eure Andrea

Review: Was helfen könnte

Die ganze Woche schon habe ich Euch Bücher von norwegischen Autoren vorgestellt, denn der Countdown zur Buchmesse läuft und ich freue mich wirklich schon sehr darauf und natürlich auf das diesjährige Gastland.
Einen Beitrag mit all meinen norwegischen Favoriten gibt es dann nächste Woche, heute möchte ich Euch aber noch ein schmales Bändchen von Mona Høvring vorstellen, das mich sehr berührt hat.

Laura ist in der erste Klasse, als ihre Mutter Selbstmord begeht. Ihr Vater, ein Fischer, ist nur selten zu Hause und ihr älterer Bruder Magnus hat ganz eigene Interessen…
So entsteht in Lauras Leben eine große Lücke; sie sehnt sich nach Zuwendung, Aufmerksamkeit und Geborgenheit, weiß aber nicht, woher diese Nähe kommen soll.
Als Jugendliche wecken eher zufällige Berührungen, wie zum Beispiel von der Mutter ihrer besten Freundin, so etwas wie Verlangen in ihr, wobei sie sexuelle Erregung und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe kaum auseinanderhalten kann. So stürzt sie sich dann auch in eine kurze Affäre mit einer älteren Frau, doch diese Liebelei zieht unerwartete Folgen nach sich…

Mit nur gut 120 Seiten ist „Was helfen könnte“ ein wirklich kurzer Roman, trotzdem hat mich die Intensität der Geschichte so gefangen genommen, daß sie mich noch Tage später nicht losgelassen hat.
Hier passiert viel zwischen den Zeilen… Lauras Gefühle werden nicht detailliert aufgedröselt und seziert, vielmehr schafft es die Autorin, den Leser mit wenigen Worten so in das Leben der Hauptfigur zu versetzen, daß es nur ein wenig Empathie braucht, um Lauras Traurigkeit und Einsamkeit zu spüren.
Bei all dem lässt Mona Høvring ihre Protagonistin aber nie Verzweifeln. Stattdessen nimmt Laura ihr Leben selbst in die Hand, hört vertrauensvoll in sich hinein und trifft ihre eigenen Entscheidungen.

„Was helfen könnte“ ist ein kurzes, aber intensives Leseerlebnis und einer der schönsten Coming of Age-Geschichten, die ich je gelesen habe. Traurig, sinnlich und hoffnungsvoll zugleich… Diesen Roman sollte man sich nicht entgehen lassen.

Die deutsche Originalausgabe von „Was helfen könnte“ ist im Frühling bei Edition Fünf erschienen und nun im aktuellen Programm der Büchergilde Gutenberg.

Review: Die Puppe im Grase

Sollte sich die schöne Tradition entwickeln, daß Kat Menschik die Gastländer der Frankfurter Buchmesse in Zukunft jedes Jahr so schön in Szene setzt, dann wäre ich schwer begeistert.
Letztes Jahr illustrierte sie bereits den georgischen Nationalepos „Der Held im Pardelfell“, dieses Jahr hat sie sich die norwegischen Märchen von Peter Christian Asbjørn und Jørgen Moe, die sozusagen die Brüder Grimm Norwegens sind, vorgenommen.

In „Die Puppe im Grase“ sind zwölf klassische norwegische Märchen versammelt. Einige davon nur ein, zwei Seiten lang, andere ein wenig umfangreicher. Manche erzählen von sprechenden Tieren, andere von verzauberten Prinzessinnen und gewitzten Helden.

Was sofort auffällt, ist wie ähnlich die Geschichten unseren deutschen Märchen oft sind.
Auch hier kommen immer wieder drei Wünsche, drei Aufgaben oder drei Brüder vor, außerdem treffen wir auf bekannte Namen, wie zum Beispiel „Schneeweiß und Rosenrot“, was hier allerdings der Name einer Person ist, und der Name „Aschenbrödel“ scheint der Name schlechthin für männliche Helden zu sein, denn so heißt der Protagonist in vier der zwölf Märchen.
Am auffälligsten aber fand ich die Parallelen von „Die zwölf wilden Enten“ zu „Die sechs Schwäne“ der Brüder Grimm. – Spannend, wie man die gleichen Geschichten in verschiedenen Länder erzählt und welche Details sich dabei verändern!

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Für jeden Band ihrer „Lieblingsbücher“-Reihe beim Galiani Verlag, lässt sich Kat Menschik ja immer etwas Neues einfallen. Dieser Titel wurde in Blau, Weiß und Rot illustriert. – Eine Anspielung auf die norwegische Flagge?

Wer die Reihe bisher übrigens noch nicht kennt, dem sei sie hiermit sehr ans Herz gelegt. Hier darf sich Kat Menschik nämlich ziemlich frei austoben, was Illustrationsstil und Cover-Materialien angeht und auch inhaltlich finden wir hier allerhand unterschiedliches; von „Essen essen“, einem Kochbuch mit Lieblingsrezepten, über Klassiker wie Poes „Unheimliche Geschichten“ und aktuelle Krimis wie „Moabit“ von Volker Kutscher ist alles dabei. Einheitlich ist immer das Format und ein knalliger Farbschnitt. Das freut das bibliophile Herz!

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„Die Puppe im Grase“ ist eine ganz wunderbare Einstimmung auf Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse und auch ein wunderbares Bändchen, wenn man es sich mit spannenden Märchen und wunderschönen Illustrationen gemütlich machen möchte.

Review: Mittwoch also

Vor der Buchmesse hatte ich mir ja vorgenommen, mich ein bißchen in das diesjährige Gastland Norwegen einzulesen. Was ich dabei bisher gelernt habe: die norwegischen Autoren schrecken vor schwierigen Themen nicht zurück!
So auch in diesem Fall, denn in „Mittwoch also“ von Lotta Elstad geht es um Abtreibung.

Hedda ist Anfang dreißig, Journalistin und ausgerechnet in Lukas verliebt, der geschäftlich fast ununterbrochen auf Reisen ist. Als sich dieser von ihr trennt und Hedda fast zeitgleich ihren Job verliert, gerät ihr Leben komplett aus dem Tritt.
Einer Laune folgend bucht sie sich einen Flug nach Athen; einfach nur weg von allen Problemen!
Doch der Flug verläuft ähnlich dramatisch wie Heddas Leben in letzter Zeit: Wegen eines medizinischen Notfalls muss die Maschine mit einem gewagten Manöver in Sarajevo notlanden und Hedda beschließt, daß für sie hier Schluß ist. Zittrig verlässt sie das Flugzeug, ihr Koffer fliegt ohne sie weiter nach Athen und Hedda beschließt, den Heimweg zurück nach Oslo anzutreten. – Mit möglichst bodennahen Verkehrsmitteln.

In Berlin lernt sie dann den Lebenskünstler Milo kennen, der in seinem Wohnmobil durch die Welt tingelt, die verrücktesten Jobs annimmt und die Gabe hat, sich sofort überall zurechtzufinden.
Hedda verbringt eine Nacht mit ihm, bevor sie zurück nach Oslo reist, nur um dort festzustellen, daß sie schwanger ist. Schnell ist für Hedda klar: Das muss weg!
Doch als sie ihren Gynäkologen aufsucht um „kurzen Prozess zu machen“, wie sie es nennt, teilt dieser ihr mit, daß sie zuvor drei volle Werktage Bedenkzeit einhalten muss, bevor der Eingriff genehmigt werden kann. – Ein Zeitraum, der Hedda unerträglich lange vorkommt.
Sie versucht krampfhaft, nicht darüber nachzudenken, überlegt, es Lukas zu sagen, in der Hoffnung, daß er es für sein Kind halten und zu ihr zurückkommen wird, lässt diese Idee fallen, schwankt, zaudert, kann die Miete nicht mehr bezahlen und dann steht plötzlich auch noch Milo vor ihrer Tür…

„Mittwoch also“ wurde mir als humorvolles Buch mit einer toughen Protagonistin angepriesen, was mich zwar neugierig, aber auch ein wenig stutzig machte… Kann ein Buch über Abtreibung denn wirklich humorvoll sein?
Tatsächlich sind wir schon auf den ersten Seiten voll im Geschehen und in Heddas Leben, das gerade dabei ist, völlig aus dem Ruder zu laufen. Und ja, das schreibt Lotta Elstad mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor und entwaffnender Direktheit. Doch trotz dieses leichten und temporeichen Stils und der charmanten Protagonistin ist diese Geschichte unter der Oberfläche einfach sehr, sehr traurig.
Denn Hedda ist keine „toughe“ Protagonistin. Sie ist absolut verloren, aus der Bahn geworfen, trifft keine rationalen Entscheidungen mehr und wird von ihren Problemen regelrecht überrollt. Damit ist sie auch völlig alleine, denn sowohl mit ihrer besten Freundin, als auch mit Milo, kann oder will sie nicht darüber sprechen. Sie igelt sich ein, ist zunächst unfähig, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen und lässt sich auf gefährliche Experimente ein…

Aktuell habe ich ja das Gefühl, daß jedes Buch, das sich im Kern um ein Thema dreht, das vor allem Frauen betrifft, immer gleich als „feministisch“ gemarketet wird. Man rechnet dann meist mit einer starken Protagonistin, die sich durchsetzt und die weiß, was sie will. Und all das ist Hedda eben nicht.
Sie ist unentschlossen, überfordert, verängstigt. Aber genau das darf man auch sein.

„Mittwoch also“ ist ein Roman, der sich tatsächlich mit einem recht lockeren und humorvollen Stil an ein schwieriges Thema macht. Dabei handelt es sich aber um kein feministisches Manifest und keine Streitschrift zum Thema Selbstbestimmung, sondern um die Geschichte einer Frau, die von einem halbwegs stabilen Leben plötzlich ins absolute Chaos gestürzt wird.

Mir hat dieser Roman gefallen. Auch wenn das Thema und seine Umsetzung bestimmt nicht jedermanns Geschmack treffen, beschreibt Lotta Elstad das widersprüchliche Seelenleben ihrer Protagonistin mit viel Herz, Humor und einer Portion Traurigkeit.

Review: Poet X

Die 15-jährige Xiomara wächst zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Xavier in einer streng religiösen Familie auf. Jeden Tag besucht ihre Mutter die Kirche und legt ihrer Tochter strikte Regeln auf: Sie darf nicht ausgehen, sich mit Jungen treffen, soll Demut zeigen. Doch Xiomara fühlt sich, als ob sie nicht in dieses Leben passen würde, das ihre Mutter für sie gewählt hat.
Sie möchte auf Partys gehen, feiern, sich verlieben… All diese Gedanken kann sie nur ihrem Notizbuch anvertrauen, das sie ununterbrochen mit Gedichten über ihr Leben, ihre Familie und ihren Wünschen füllt.

Als ihre Lehrerin Ms. Galiano sie eines Tages einlädt, am Spoken Word Poetry Club der Schule teilzunehmen, möchte Xiomara nichts anderes lieber tun, doch zeitgleich findet bereits ihr Kommunionsunterricht in der Kirche statt. Keine Chance also, für Xiomara das zu tun, was sie sich am meisten wünscht, denn ihre Mutter hat trotz aller Liebe absolut brutale Methoden, um ihre Tochter vor der Welt – wie sie meint – zu beschützen.
Doch Xiomara rebelliert, verliebt sich, äußert ihre Zweifel an der konservativen Glaubensauslegung ihrer Mutter und riskiert damit, alles zu verlieren…

Mit „Poet X“ hat Elizabeth Acevedo bereits prestigeträchtige Preise, wie die Carnegie Medal oder den National Book Award abgeräumt. Kein Wunder, denn ihr Schreibstil ist wirklich eindrucksvoll. Acevedo ist selbst Poetry Slammerin und so ist auch das ganze Buch sehr rhythmisch, fast wie eine Sammlung von Gedichten verfasst. Das kann anstrengend oder gekünstelt wirken, doch in diesem Fall sorgt der Stil dafür, daß wir tief in Xiomaras Gedankenwelt eintauchen und mit ihr hoffen und bangen.
Für die Übersetzung hat der Rowohlt Verlag die kluge Entscheidung getroffen, mit Leticia Wahl eine deutsche Poetry Slammerin zu verpflichten, die es schafft, den Rhythmus des Originals einzufangen und ihm eine eigene Note zu verleihen.

Auch wenn „Poet X“ ein Young Adult Roman ist, der vom Verlag ab 14 Jahren empfohlen wird, werden hier Themen angesprochen, die auch ältere Leser bewegen dürften. Der ungewöhnliche und kreative Schreibstil macht dieses Buch dann auch nochmal zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.