Review: Die Hungrigen und die Satten

Passend zur Landtagswahl hier in Bayern möchte ich euch heute einen politisch hochbrisanten Roman vorstellen.

Mit „Er ist wieder da“ hat mich Timur Vermes vor sechs Jahren ziemlich geplättet. Bei kaum einem Buch habe ich so gelacht, nur im mich zwei Sekunden später zu schämen, denn Vermes versteht es wie kein Zweiter, dem Leser einen bitterbösen Spiegel vorzuhalten.
Dementsprechend gespannt war ich nun auch auf sein neues Buch „Die Hungrigen und die Satten“, bei dem er sich nichts geringerem als der Flüchtlings-Thematik widmet.

In wenigen Jahren hat es die EU geschafft, die Flüchtlingsrouten dicht zu machen. Bis tief in die Sahara wurde alles abgeriegelt und einen Schlepper kann sich kaum noch jemand leisten. So werden die Lager immer größer, doch an echter Hilfe ist niemand interessiert, solange nur genug Geld fließt, um die Flüchtlinge fern von Europa zu halten.

Nadeche Hackenbusch ist eine dieser typischen C-Prominenten, die man aus Shows wie „Promi Big Brother“ oder dem „Dschungelcamp“ kennt.
In ihrer Fernsehsendung besucht sie nun Flüchtlingsheime und inszeniert sich dort als „Engel im Elend“. Für ein aufsehenerregendes Special haben sich die Produzenten aber etwas ganz besonderes ausgedacht: Nadeche soll nach Afrika reisen und dort aus dem größten Flüchtlingslager der Welt berichten.

Die Fernsehmacher stellen sich eine leicht verdauliche Show vor, in der Nadeche Mode an Flüchtlingsfrauen präsentieren soll, doch vor Ort wächst das an sich recht naive und egozentrische Fernsehsternchen über sich hinaus und beschließt, wirklich helfen zu wollen. Doch wie?

Da hat ihr Übersetzer, der Flüchtling Lionel, eine geniale Idee.
Er organisiert einen Fußmarsch nach Europa, dem sich 150.000 Leute aus dem Lager anschließen.
Das Fernsehen ist natürlich live dabei und „Engel im Elend“ entwickelt sich zum absoluten Quotenhit, an dem sich Deutschland und der Rest der EU scheidet.
Denn während viele Menschen mit den Flüchtlingen und Nadeche Hackenbusch mitleiden, wächst in weiten Teilen der Bevölkerung die Angst vor der anrollenden Flüchtlingswelle.
PEGIDA erhält enormen Zulauf, immer mehr Menschen radikalisieren sich, das Land droht zu zerreissen.
Einzig Innenminister Leubl scheint in dieser Situation einen klaren Kopf zu behalten und schlägt ein radikales Umdenken vor.
Doch kann diese Geschichte überhaupt gut ausgehen…?

„Die Hungrigen und die Satten“ ist ein Buch, das es wirklich in sich hat.
Während ich „Er ist wieder da“ seinerzeit in nur zwei Tagen durchgelesen habe, musste ich mir für dieses Buch mehr Zeit nehmen, so nahe ging es mir stellenweise.

Auch wenn es leicht zu lesen ist und für den ein oder anderen Lacher sorgt, ist es doch deutlich düsterer und beklemmender als sein Vorgänger. Vermutlich, weil die Geschichte nicht so weit hergeholt ist, oder wie Vermes in einer kleinen Randnotiz am Anfang des Buches schreibt: „Es ist durchaus möglich, daß alles ganz anders kommt.
Es ist nur nicht wahrscheinlich.“

Hut ab vor Timur Vermes für dieses schonungslose Buch!
Wohlfühllektüre sieht definitiv anders aus, aber trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, gibt es von mir eine dringende Leseempfehlung!

 

PS: An dieser Stelle auch nochmal ein kleines Hoch! an den Eichborn Verlag, der sich wieder einmal etwas ganz außergewöhnliches hat einfallen lassen, und das Cover in Maschendraht-Haptik gestaltet hat!

PPS: „Er ist wieder da“ lief bei uns als Hörbuch immer rauf und runter. Christoph Maria Herbst liest wirklich genial und deshalb war ich sehr begeistert, daß mir der Eichborn Verlag, bzw. Bastei Lübbe auch gleich noch ein Hörexemplar von „Die Hungrigen und die Satten“ hat zukommen lassen.
Ich habe es mir in einer Nacht- und Nebelaktion, in der ich durch drei Länder gefahren bin, um bei einer Freundin zu sein, angehört und auch hier liefert Herbst wieder erstklassige Vorlesekunst ab. Große Empfehlung!

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Review: Happy End

Wenn ich nach meinen Lieblingsautoren gefragt werde landet Amélie Nothomb wohl immer in den Top 3. Wer diese aussergewöhnliche Schriftstellerin bisher noch nicht kennt, dem sei sie also hiermit wärmstens ans Herz gelegt.
Wobei man aber vielleicht einen Hang zu bösen Geschichten mit sehr überraschenden Wendungen mitbringen sollte, um ihr erzählerisches Ausnahmetalent voll schätzen zu können.

„Happy End“ ist gerade frisch erschienen und natürlich habe ich es sofort verschlungen.

Déodat in Trémière könnten unterschiedlicher nicht sein. Denn Déodat ist bereits seit frühster Kindheit so hässlich, daß sich die Menschen in seiner Nähe fast schon körperlich unwohl fühlen, dafür wurde er aber immerhin mit einem genialen Verstand gesegnet.
Trémière dagegen ist so hübsch, daß es fast schon weh tut, sie anzusehen, dafür verbringt sie die meiste Zeit aber damit, Dinge unentwegt anzustarren, was ihr den Ruf einhandelt, eine Idiotin zu sein.

Die Erfahrungen, die Déodat und Trémière allerdings machen, sind sich sehr ähnlich.
Beide werden von ihren Mitschülern ausgegrenzt und gequält, so daß sie sich in ihre eigenen Welten zurückziehen.

Déodat entwickelt enormes Interesse an Vögeln und wird später Ornithologe. Trémière hingegen ist fasziniert von der Schönheit der Dinge, ganz besonders von Schmuck und Edelsteinen und sichert sich einen Vertrag als Model für einen exklusiven Juwelier.

Klar, daß sich Gegensätze anziehen und so fiebert man als Leser gespannt einem Treffen dieser beiden ungewöhnlichen Charaktere entgegen…

Viele Geschichten von Amélie Nothomb sind ja nun wirklich sehr, sehr böse.
„Happy End“ ist dagegen trotz der Grausamkeiten, die Déodat und Trémière ertragen müssen, ein regelrechtes Feelgood-Buch, das mir wieder einmal großen Lesespaß bereitet hat.

Nothombs temporeiche Dialoge, unerwartete Wendungen und einzigartige Figuren sind aber auch immer wieder ein Garant für großartige Unterhaltung!

 

Mehr von Amélie Nothomb findet ihr hier:

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Review: Töte mich

Review: Heimat – Ein deutsches Familienalbum

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem mir klar wurde, daß etwas in der Vergangenheit gründlich schief gelaufen sein muss…
Es war wohl in der fünften Klasse, als ein Junge im Religionsunterricht kichernd Hakenkreuze in sein Heft malte, etwas, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte.
Die Reaktion meines Lehrers darauf war so heftig und so erschüttert, daß ich versuchte, herauszufinden, was es damit auf sich hatte. Und bald schon verstand ich, daß etwas wirklich, wirklich schlimmes passiert war und vor allem, daß meine Großväter, die mit mir bastelten, spazieren gingen und scherzten, daß diese Männer damit zu tun haben mussten…

Nora Krug ist etwa so alt wie ich, auch sie hatte Großväter, die im Krieg gekämpft haben und Eltern, die diese Vergangenheit vielleicht nie richtig aufgearbeitet haben.
Als Deutsche, die mit ihrem jüdischen Ehemann in New York lebt, stolperte sie immer wieder über die Geschichte unseres Landes.
Und so stellte sie sich irgendwann die Frage, die sich vielleicht die meisten von uns schon einmal gestellt haben: Was hat meine Familie getan?

Nora reist zurück nach Deutschland, besucht Historiker, durchwühlt Archive, spricht mit Familienangehörigen und Freunden und versucht, sich ein Bild davon zu machen, in wieweit sich ihre Großeltern schuldig gemacht haben.

Dabei stößt sie auf unbequeme Wahrheiten, aber auch auf Verständnis und Vergebung.

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Die Form, die Nora Krug für ihre Spurensuche gewählt hat ist eine ganz einzigartige Mischung aus Autobiografie, illustriertem Sachbuch und Graphic Novel.
Dabei verwendet sie Comicstrips, Zeitungsartikel, alte Fotos und Kollagen.
Sie schafft es, kleine, auf den ersten Blick vielleicht banale Erinnerungsfetzen in einen größeren Zusammenhang zu bringen und so ihrer Geschichte eine runde Form zu geben.

„Heimat“ war ein Buch, das mir sehr aus der Seele gesprochen hat.
Ich denke, fast jede Familie hat ihren Anteil an Mitschuldigen und Opfern…
Die Aufgabe unser Generation ist es, sie nicht gegeneinander Aufzuwiegen, sondern in Erinnerung zu behalten und einen besseren Weg einzuschlagen.

Rechts und Links im Buchhandel – Vom Platzen der Filterblase

Zum Tag der Deutschen Einheit gibt es heute von mir einmal einen fast schon politischen Beitrag.
Ich habe dieses Thema lange mit mir herumgetragen und mich gefragt, ob ich wirklich darüber schreiben soll, denn mir ist klar, daß es stark polarisieren kann.
Sollte es also Diskussionsbedarf geben bitte ich Euch nur um eins: bleibt höflich und aufgeschlossen.

2010 erschien Thilo Sarrazins vieldiskutiertes Buch „Deutschland schafft sich ab“, das monatelang die Spiegel-Bestsellerliste anführte.
Die Wochen nachdem das Buch auf den Markt gekommen war, waren eine Zeit, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht wirklich gerne in die Arbeit gegangen bin.
Denn plötzlich hatte ich das Gefühl, auf einem Schlachtfeld der Ideologien zu stehen… Fast täglich wurde ich wütend angeknurrt, was ich für ein Mensch sei, daß ich so einen Dreck verkaufen würde, andere fragten mich mit glänzenden Augen, ob ich es denn auch schon gelesen hätte und wenn ich den Kopf schüttelte wurde schon mal ein „Leute wie ihr werdet schon noch sehen…“ in meine Richtung gezischt.

An dieser Stelle fragt Ihr Euch nun vielleicht nach meiner politischen Einstellung.
Tatsächlich ist die für diesen Beitrag relativ irrelevant, denn man kann dieses Thema von beiden Seiten gleich betrachten.
Um aber ein bißchen Farbe zu bekennen: ich bin kein politisch engagierter Mensch, ich gehe aber brav zum Wählen und habe ein ausgeprägtes humanitäres und ökologisches Bewusstsein. Meine Einstellungen würde ich als recht liberal bezeichnen…
Eigentlich sind alle Buchhändler, die ich kenne ein sehr offenes und liberales Grüppchen. Das gilt wohl auch für die meisten Vielleser.
Wenn man in ständig neue Protagonisten mit unterschiedlichen Hautfarben, Geschlechtern und Religionen hineinschlüpft, fällt es schwer, verallgemeinernder Polemik Glauben zu schenken…

Und trotzdem… und da kommen wir zur Crux an der Sache… trotzdem arbeite ich in einer Buchhandlung, in der Bücher verkauft werden, die meinen inneren Überzeugungen zuwiderlaufen. Und ich finde sogar, daß es wichtig ist, diese Bücher in der Buchhandlung zu haben.

Lasst mich erklären…

An dieser Stelle wird nämlich gerne der Vorwurf gemacht, daß der Buchhändler seine Seele für ein paar Euro verkauft und ja, es kann sich nicht jeder leisten, ein Buch, das ein halbes Jahr lang auf Platz eins der Bestsellerliste steht komplett zu ignorieren.
Aber das ist nicht der Punkt.
Die Sache ist die: würde ein Kunde, der dieses spezielle Buch sucht von seinem Kaufvorhaben abgebracht werden, nur weil ich es nicht anbiete?
Ich denke nein. Der Kunde würde sein Handy aus der Tasche ziehen und auf die Website seiner favorisierten Onlinebuchhandlung gehen und es sich dort bestellen. Ganz nebenbei würde der Algorithmus zuschlagen und schon wäre sie da: die Filterblase.

Ich denke, mittlerweile bekommen wir langsam ein Bewusstsein dafür, was diese Filterblase mit uns anstellt. Gleich und gleich wird zusammengeführt, man bewegt sich in einer Echokammer, in der alle einer Meinung sind und sobald man die unterschiedlichen Ansichten aufeinander loslässt, zum Beispiel in der Kommentarfunktion auf Facebook, herrscht Krieg.

Dabei kann sich fast niemand der Filterblase entziehen: Netflix empfiehlt dir deine neue Lieblingsserie, Spotify stellt eine Playlist mit den großartigsten Titeln zusammen, von denen du noch gar nicht wusstest, daß es sie gibt, und dein Onlinebuchhändler macht dich darauf aufmerksam, daß „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben“, auch jenes kauften.
Wenn wir uns dann anschauen, was da angepriesen wird, dann ist recht schnell klar, daß der Algorithmus nicht darauf programmiert wurde, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzudecken, sondern in die immer gleiche Kerbe zu schlagen.

Und das ist die Stelle, an der ich es in der Buchhandlung anders machen kann.
Ich habe die Möglichkeit, Rechts neben Links zu legen, Gauland neben einen AfD-Aussteigerbericht, Ulfkotte neben Albright…

Ich denke, wir unterschätzen, wie sehr Filterblasen unser Denken beeinflussen und der einzige Ort, sie zu durchbrechen ist die Realität.
Gehe ich davon aus, daß jeder AfD-Wähler, der sich ein Buch darüber holt, wie schlimm der Islam ist, auch gleich noch einen Titel mitnimmt, der seine Thesen widerlegt?
Eher nicht.
Aber ein bißchen Hoffnung habe ich. In beide Richtungen.
Vielleicht blättert der AfD-Wähler ja doch in einem kritischen Buch und der ein oder andere Satz setzt sich bei ihm fest.
Vielleicht nimmt aber auch jemand, der AfD-Wähler für kapitale Idioten hält, eins dieser populistischen Werke in die Hand und versteht plötzlich, welche Ängste da geschürt werden…

Ich sehe mich als Buchhändlerin, nicht als Meinungsmacherin.
Ich kann meine Kunden nicht von meiner Weltanschauung überzeugen, dafür ist zu wenig Zeit und die wenigsten kommen zu mir, um sich missionieren zu lassen.
Was ich aber tun kann ist ein möglichst breites Meinungsspektum anzubieten um jedem die Möglichkeit zu geben, auch in Bücher hineinzublättern, die seinen Überzeugungen vielleicht zuwiderlaufen.

In den letzten Jahren geht dieses Spektrum immer weiter auseinander und ja, das macht mir manchmal Angst.
Aber es totschweigen, boykottieren und so die Filterblasen nur noch stärker zu machen… das ist auch keine Lösung.

Goldene Tage im Oktober

Der September neigt sich dem Ende zu und so wie es aussieht erwartet uns ein goldener Herbst.
Den unfassbar hohen Septemberstapel habe ich mittlerweile halbwegs bewältigt, da drängen auch schon die nächsten Neuerscheinungen darauf, gelesen zu werden…

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Den Anfang machen wieder meine geliebten Diogenes Novitäten.
Wie fast jeden Herbst gibt es ein neues Buch von Amélie Nothomb, einer meiner absoluten Lieblingsautorinnen.
Wer sie noch nicht kennt, aber schräge und vor allem böse Geschichten liebt, der sollte unbedingt mal einen Blick hineinwerfen.
Nothombs Bücher folgen keinem klassischen Schema und als Leser wird man immer wieder ins kalte Wasser geworfen. Entsprechend gespannt bin ich deshalb auf Happy End!

Martin Suter hat inzwischen an seiner Allmen-Reihe weitergearbeitet und den mittlerweile fünften Band „Allmen und die Erotik“ auf den Markt gebracht.
Viele Leser haben ja zu den Allmen-Büchern eher gespaltene Meinungen, denn im Gegensatz zu seinen Romanen hat man es hier mit recht klassischen Krimigeschichten zu tun, die gerne auch mal Klischees bedienen.
Ich fand diese Serie bisher immer sehr unterhaltsam. Der verarmte Lebemann Johann Friedrich von Allmen und sein Haushälter Carlos sind aber auch wirklich ein tolles Team!

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Ebenfalls neu ist „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“.
Jonas Jonasson legt damit die direkte Fortsetzung von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ vor.
Der erste Teil hat mich ja damals sehr begeistern können, „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ fand ich sogar noch ein bißchen besser, „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ hat mich dagegen eher enttäuscht.
Mal sehen, wie das neue Buch ist!

Worauf ich schon sehr gespannt bin ist „An Absolutely Remarkable Thing“, welches im Februar 2019 unter dem Titel „Ein wirklich erstaunliches Ding“ auf Deutsch erscheinen wird.
Hank Green ist tatsächlich der kleine Bruder von John Green und wer jetzt mit den Augen rollt und sich denkt, daß dieses Buch bestimmt nur verlegt wurde, weil er so gute Beziehungen hat, der kennt Hank Green nicht!
Gemeinsam betreiben Hank und John den YouTube-Channel VlogBrothers in dem jeder Bruder einen Beitrag pro Woche hochlädt. Ausserdem haben sie viele weitere Nebenkanäle, wie CrashCourse und SciShow, die in englischsprachigen Länder sogar oft im Unterricht gezeigt werden.
Hank ist etwas nerdiger als sein Bruder; er ist Wissenschaftler und Erfinder, singt Lieder über Harry Potter und ist einfach unheimlich sympathisch.
Kein Wunder also, daß sein Debütroman auf meinem Lesestapel gelandet ist!

Weiter geht es wieder hochliterarisch mit drei Empfehlungen von Maria Piwowarki von der Buchhandlung ocelot:

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„Verwirrnis“ von Christoph Hein thematisiert eine homosexuelle Liebesgeschichte zu einer Zeit, als solche Beziehungen noch totgeschwiegen wurden.
Bisher habe ich nur begeisterte Rezensionen zu diesem Buch gelesen.

„Das weiße Schloß“ von Christian Dittloff nimmt sich dafür das Thema Familie in einer dystopischen Zukunft vor.
Wer weiß, wie sehr mich Der Report der Magd beeindruckt hat weiß, daß ich immer auf der Suche nach etwas ähnlichem bin.

Schon etwas älter, aber aktuell wieder im Gespräch, weil vor kurzem der dritte Teil der Reihe auf Deutsch erschienen ist, ist „Outline“ von Rachel Cusk.
Hier weiß ich noch gar nicht, was mich erwartet und ich bin sehr neugierig darauf.

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Zu guter Letzt noch ein Buch, das die von mir sehr geschätzten Genres Graphic Novel und illustriertes Sachbuch miteinander vereint: Heimat von Nora Krug.
In diesem „Deutschen Familienalbum“ setzt sich die in den USA lebende Künstlerin intensiv mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinander und ergründet für sich, was es heißt Deutsch zu sein… Sehr spannend!

Worauf freut Ihr Euch diesen Monat?
Welche Neuerscheinungen wollt Ihr unbedingt noch lesen?
Und kennt Ihr schon den ein oder anderen Titel, den ich hier vorgestellt habe?

Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Oktober!

Liebe Grüße,
Andrea

 

Review: Uns gehört die Nacht

Jamey und Elise scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben: er ist der vielversprechende Erbe einer einflußreichen Bankiersfamilie, sie eine Ausreißerin aus ärmsten Verhältnissen.
Trotzdem kreuzen sich die Wege der beiden, als sie in New Haven, wo Jamey studiert Nachbarn werden.

Anfangs können sie sich nicht ausstehen und man weiß ja, wohin das führt…
Jamey und Elise beginnen eine leidenschaftliche Affäre, wobei es ein eklatantes Ungleichgewicht in der Beziehung der beiden gibt.
Elise ist bald bis über beide Ohren in Jamey verliebt und richtet ihr Leben mehr und mehr nach ihm aus. Jamey hingegen weiß, daß Elise kein Mädchen ist, mit dem er eine ernsthafte Beziehung führen sollte. Nie würde sie es schaffen, von den Menschen seiner Klasse akzeptiert zu werden, und so hasst sich Jamey jedesmal ein bißchen, wenn er wieder in Elises Bett landet, doch genausowenig kann er die Finger von ihr lassen.

Im Lauf der Zeit aber merkt Jamey, wie wichtig Elise für ihn geworden ist und nach und nach beginnt sie der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens zu werden.
Von seiner Familie bleibt das nicht unbemerkt und schon bald bekommt Jamey deutlichen Widerstand zu spüren…

„Uns gehört die Nacht“ ist ein Buch, das in den letzten Wochen für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Mit dem klassischen Thema „Armes Mädchen verliebt sich in reichen Jungen“ spricht es natürlich auch Leser an, die sonst eher im Bereich Young Adult unterwegs sind. Dabei ist „Uns gehört die Nacht“ jedoch deutlich literarischer, als viele andere Bücher mit diesem Thema.
Besonders die Beschreibungen von Elises und Jameys Gefühlswelten zu Beginn der Geschichte haben mich absolut in ihren Bann gezogen.

Als die beiden dann aber endlich an einem gemeinsamen Punkt ankommen, wurde die Handlung ein wenig zu glatt für mich. Hier hätte es deutlich mehr Konfliktpotential geben können.
Doch Jamey und Elise sind ab etwa der Mitte des Buches so in ihrer gemeinsamen Glückseligkeit gefangen, daß die Katastrophe, die ihre Beziehung bedroht, dann recht erzwungen auf mich wirkte und nicht wirklich zum Rest der Geschichte zu passen schien.

Trotzdem hat mich „Uns gehört die Nacht“ gut unterhalten und ich bin definitiv gespannt, was wir noch alles von Jardine Libaire erwarten dürfen.

In vollen Zügen nach… Amsterdam: Buchhandlungen im Regen

Endlich führte mich mein Weg auch mal nach Amsterdam!
Schon lange wollte ich hierher, doch leider präsentierte sich die Stadt in der kurzen Zeit, in der ich zu Besuch war, nicht gerade von ihrer besten Seite.
Es regnete ununterbrochen und alle Fotos, die ich gemacht habe sind nichts als grau, grauer, am grausten…

Aber auch das Sightseeing gestaltete sich als schwierig, da vieles geschlossen hatte oder überfüllt war.
Also konnte ich das tun, was ich ohnehin vorhatte und musste nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben: ich verbrachte die ganze verregnete Zeit in den schönsten Buchhandlungen Amsterdams!

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Zunächst einmal führte mich mein Weg zu Scheltema, der größten Buchhandlung Amsterdams.
Auf fünf Stockwerken findet mal alles, was das Herz begehrt und die Einrichtung des Ladens ist sagenhaft gut!
Denn man hat hier nicht das Gefühl, in einem Warenhaus zu sein, sondern in einem sehr behaglichen Heim, in dem zufällig verdammt viele Bücher herumstehen.
Am liebsten wäre ich gleich eingezogen!

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Die Themenbereiche sind dekoriert, als könnte man hier tatsächlich wohnen…
Die Kochbücher sind beispielsweise um eine Küchenzeile platziert, stilecht mit Knoblauchknollen, Obstkörben, Töpfen und Pfannen!
In der Jugendbuchabteilung können sich die Leser dafür in knallbunte Kissen kuscheln und lesend auf der Fensterbank lümmeln, während von draußen der Regen an die Scheibe prasselt.
Kinderbücher findet man in einer bunten Spielewelt, mit deckenhohem Leuchtturm, Segelboot und Körben voller Spielzeug. Da sind die lieben Kleinen beschäftigt während Mama und Papa stöbern!
Im Sachbuchbereich gibt es dann gemütliche Ledersessel und Spieletische, an denen man eine Partie Schach oder Go mit Freunden oder Fremden spielen kann und in der Fachbuchabteilung findet man Konferenztische, an denen sich Studenten nach der Uni zum gemeinsamen Lernen treffen können.

Die Auswahl hier ist auch für Leser, die des Holländischen nicht mächtig sind groß.
Es gibt eine umfangreiche Abteilung mit fremdsprachigen Titeln, in der man viele englische, aber auch eine überraschend breite Auswahl an deutschen Titeln findet.

Natürlich findet man hier auch ein Café und sogar eine Second Hand Abteilung im obersten Stockwerk.

Scheltema wirkt wirklich eher wie ein Ort, an dem sich Menschen treffen um gemeinsam Zeit zu verbringen, statt wie ein klassischer Buchladen.
Mich hat dieses Konzept sehr angesprochen!

Weiter ging es dann durch den Regen in einen viel kleineren Laden, nämlich den Athenaeum Boekhandel.
Hier findet man ein hauptsächlich holländischsprachiges Sortiment, bei dem sich die fremdsprachigen Titel einfach dazwischenmogeln.
So habe ich das vorher auch noch nicht gesehen.

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Athenaeum hat vielleicht keine so große Auswahl wie Scheltema, ist aber definitiv einen Besuch wert, einfach schon, weil der Laden sehr hübsch und unfassbar verwinkelt ist.
Manchmal steigt man eine Treppe wie in einen Schacht hinunter, nur um dort um die Ecke zu biegen, ein paar Stufen nach oben zu finden und ganz plötzlich wieder im Hauptraum zu stehen.
Von außen fallen die hellen Jugenstilfenster auf und aus dem angeschlossenen Zeitschriftenladen nebenan dringen Jazzklänge in einige Teile der Buchhandlung.
Sehr schön!

Gleich neben Athenaeum liegt das American Book Center (kurz ABC).
Von Außen kam es schon mal sehr sympathisch daher, weil die aktuelle Schaufenstergestaltung die Lieblingsbücher von Barack Obama präsentiert:

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Eyecatcher im ABC ist der große Baumstamm, der in der Mitte des Ladens in die Höhe ragt und die geschwungene, hohe Bücherwand, die über drei Stockwerke hinweg das Herzstück des Ladens bildet.

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Der Schwerpunkt sind ganz klar Romane, wobei man hier eher die typischen amerikanischen Paperback-Ausgaben findet, aber auch im Bereich Kinderbuch und Non-Fiction kann man sich austoben und es gibt eine wirklich große Auswahl an Comics und Graphic Novels.
Ich habe die Vermutung, daß es hier den ein oder anderen Fantasy-Fan im Team gibt, denn die Auswahl in diesem Bereich ist wirklich beachtlich und es gibt sogar eine Ecke mit Magic Karten, D&D und anderen Rollenspielbüchern und Würfeln!

Ein Bereich, dessen beachtlicher Umfang mich ein wenig verwundert hat, vermutlich auch, weil er sich architektonisch vom Rest des Ladens absetzt ist „Spiritualität“.
Während die Buchhandlung von Backsteinmauern und alten Holzpfeilern dominiert wird, strahlt dieser Bereich durch seine hohen Glasfenster und weißen Wände.

Im ersten Stock findet man außerdem eine kleines Café mit ein paar Klappstühlen, ansonsten halten sich die Sitzgelegenheiten im ABC in Grenzen.

Die letzte Buchhandlung, die ebenfalls gleich in der Nähe liegt ist Waterstones.

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Mit edlen, dunklen Holzregalen und rotem, gemustertem Teppichboden, hat man sofort das Gefühl, daß man hier keine einzige Niete aus dem Regal ziehen wird.
Überall stecken Empfehlungskärtchen der Buchhändler und während bei ABC ja die amerikanischen Paperback-Ausgaben überwiegten, findet ihr hier all die wunderschönen gebundenen Klassikerausgaben, die man auf den englischen Bookstagram-Seiten immer seufzend betrachtet.
Dabei ist es hier nicht einmal teurer als im ABC!

Neben großartigen Literaturempfehlungen und einer Lyrikabteilung, die ihresgleichen sucht, gibt es hier auch eine schöne Kinder- und Jugenbuchabteilung, bei der mir das große Regal für LGBTQ+ sofort sehr positiv ins Auge gesprungen ist.
Jeder Teenager, der sich für diesen Bereich interessiert, dürfte hier in einem schweren Kaufrausch verfallen.

Im dritten Stock findet man außerdem eine große Auswahl an Sachbüchern und kann seinen Blick über die Dächer Amsterdams schweifen lassen, während man es sich auf einem Fensterplatz in der Erkernische bequem macht.

Und auch alle, die vielleicht weniger auf Englisch lesen, sollten einfach mal vorbeischauen, denn es gibt hier auch viele Spiele, Taschen und Kleinkram, sowie Fanartikel, wie zum Beispiel zu Doctor Who.

Nach meinem Besuch in all diesen wunderbaren Buchhandlungen war dann aber doch noch ein bißchen Sightseeing angesagt. Ein Glück, daß die Tram 2 einmal quer durch die Stadt fährt und dabei viele Sehenswürdigkeiten abklappert, sonst wären mir an diesem Tag noch Schwimmhäute gewachsen!

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Einen ganz kurzen Abstecher machte ich dann noch zu der Bank, die im „The Fault in Our Stars“-Film eine Nebenrolle spielt.
Ich hatte das Buch noch in letzter Sekunde in den Rucksack geworfen, weil es schon seit Jahren auf meinem SUB liegt und auch, wenn ich im Zug wirklich viel gelesen habe, sind Hazel und Gus bei mir noch gar nicht in Amsterdam gelandet.

Trotzdem war es schön zu sehen, wieviele Fans sich hier mit „Okay? Okay.“ verewigt haben.

Alles in allem war es dann doch ein toller Ausflug und Amsterdam wirkte (zumindest von der Tram aus) wie eine wunderschöne Stadt.
Ich muss definitiv nochmal herkommen, wenn die Sonne scheint!

Liebe Grüße,
Andrea

PS: Und falls Ihr Euch jetzt fragt, was alles mitdurfte…

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