Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 4 oder ein literarischer Jahresrückblick

Zum Abschluß des Jahres haben sich Andi und ich einmal etwas anderes ausgedacht.
Statt der üblichen Buchbesprechungen erzählen wir Euch diesmal bei einem Gläschen Kinderpunsch von den Büchern, die uns durch das Jahr begleitet haben.
Angefangen bei Was dann nachher so schön fliegt von Hilmar Klute, das mir Andi im letzten Weihnachtsgeschäft so begeistert ans Herz legte, daß ich nicht anders konnte, als es zu lesen, über Stella von Takis Würger, welches ja im Frühjahr eine Feuilleton-Debatte auslöste und den Startschuss für unsere gemeinsamen Abende gab, an denen wir nach der Arbeit noch über Bücher diskutierten.

Auf der Leipziger Buchmesse traf ich Daniela Krien, die mich mit Die Liebe im Ernstfall sehr berührt hat und ließ mich von Vea Kaiser mit Punschkrapfen mästen, während Andi dafür an der LMU Ian McEwan traf, der dieses Jahr mit Maschinen wie ich und Die Kakerlake gleich zwei Titel auf den Markt brachte.

Unseren Podcast starteten wir im Sommer mit Dschungel von Friedemann Karig, Mareike Fallwickl rettete meinen Sommerurlaub mit ihren unschlagbaren Tipps, dafür las Andi „Tyll“ von Daniel Kehlmann fünfmal.

Im Herbst fuhren zur Frankfurter Buchmesse wo uns Saša Stanišić in Interviews schwer begeisterte. Herkunft war für uns beide übrigens der Roman des Jahres…

Über all das erzählen wir Euch in dieser Podcast Folge und geben Euch zum Schluß auch noch ein paar weihnachtliche Geschenketipps. Hört einfach mal rein!

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Review: Die Kakerlake

Zuletzt hatte ich Euch Ali Smiths Roman „Herbst“ vorgestellt, in dem der Brexit immer wieder angesprochen wurde…
Offenbar ein Thema, das nicht nur Smith umtreibt, denn mit „Die Kakerlake“ hat nun auch Ian McEwan einen Roman zum Brexit beigesteuert.

Eines Morgens erwacht eine bis dahin völlig unbescholtene Kakerlake im Körper von Jim Sams, dem britischen Premierminister. Zunächst ist es ein großer Schock, das Skelett plötzlich im Inneren des Körpers zu wissen und nur noch vier Gliedmaßen zu besitzen, doch etwas treibt Jim Sams von der ersten Minute ab an: der Wille, das Chaos, das sich im Land ausbreitet, endlich zu stoppen.
Denn Großbritannien ist zerrissen; der Vorschlag, den Geldfluss umzukehren, hat bei einem Referendum die Mehrheit der Bevölkerung bekommen, doch nun scheint niemand diesen Plan auch in die Tat umsetzen zu wollen.
Kritiker schlagen Alarm, Ökonomen bezeichnen die Idee als Wahnsinn und kein anderes Land lässt sich davon überzeugen, mitzumachen.
Dabei ist die Idee denkbar einfach: Statt in Geschäften zu bezahlen, bekommt man für den Kauf der Waren auch noch Geld. Dieses braucht man schließlich auch dringend, um für seinen Beruf aufzukommen.

Seit aber entschieden wurde, den Geldfluss umzukehren, ist die Politik völlig gelähmt. Ein Glück also, daß Jim Sams und fast das komplette Kabinett nun von Kakerlaken ersetzt wurden, denn diese sind es gewohnt, als Schwarm zu denken und so herrscht plötzlich vollkommene Einigkeit in der Regierung.
Natürlich meldet noch der ein oder andere Mensch bedenken an, doch Sams versteht es, Allianzen zu schmieden und seine Gegner mundtot zu machen.
Und endlich können die Kakerlaken die Pläne umsetzen, an denen all die Politiker vor ihnen kläglich gescheitert sind…

In „Die Kakerlake“ interpretiert Ian McEwan Kafkas „Verwandlung“ neu und das mit sehr viel Witz und Zynismus.
Statt des Austritts aus der EU wird eine noch viel verrücktere Idee umgesetzt, nämlich die, den kompletten Geldfluss umzukehren. Das dieser Plan von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, dürfte wohl jedem klar sein, trotzdem wird der Wille des Volkes mit aller Macht durchgesetzt. Den Kakerlaken ist die Unsinnigkeit dieser Idee egal. Sie erledigen nur den Auftrag, zu dem sie offenbar eine höhere Macht berufen hat und verschwinden danach wieder.

„Die Kakerlake“ hat mich sehr amüsiert und unterhalten.
Ein wirklich herrlich bissiger Kommentar zur aktuellen politischen Lage in Großbritannien!

Mehr von Ian McEwan findet Ihr übrigens hier:

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Review: Maschinen wie ich

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Review: Nutshell

Review: Herbst

Seit zwei Jahren nun habe ich mit Ali Smiths Jahreszeiten-Quartett auf Englisch geliebäugelt, nun ist der erste Band „Herbst“ auf Deutsch erschienen, höchste Zeit also, es sich endlich einmal vorzunehmen.

Im Herbst 2016 ist Großbritannien ein gespaltenes Land. Nach dem Brexit Referendum herrscht Katerstimmung, die öffentliche Meinung geht immer weiter auseinander und Fremdenfeindlichkeit tritt besonders in den ländlichen Gegenden immer häufiger offen zutage.
Daniel bekommt davon allerdings nichts mit. Er ist hundert Jahre alt und mittlerweile in der „Phase des vermehrten Schlafs“, wie es die Pfleger und Ärzte nennen. Sie tritt ein, wenn es auf das Ende zugeht und Daniel, den wir in seine Traumwelt begleiten, ist sich selbst oft nicht ganz sicher, ob er noch lebt oder schon tot ist.

Elisabeth Demand dagegen steht zwar mitten im Leben, befindet sich aber als wir sie kennenlernen, in ihrer persönlichen Hölle. Denn um ihren ehemaligen Nachbarn Daniel, der immer auf sie aufgepasst hat, als sie noch ein Kind war, im Pflegeheim zu besuchen, muss sie ihren Pass erneuern lassen. Und das gestaltet sich als schwieriger, als gedacht, denn es scheint unmöglich, die unzähligen Vorgaben zu erfüllen.

Zwischen den Episoden von Daniels Traumwelt und Elisabeths Behördengängen erfahren wir von der Freundschaft der beiden, die ihren Anfang nahm, als Elisabeth acht Jahre alt und Daniel bereits in seinen achtzigern war.
Zwar kann Daniel nicht mit Elisabeth herumtollen, doch er nimmt sie mit auf Reisen in ihre Fantasie, ermutigt sie sich Geschichten auszudenken und beschreibt ihr immer wieder die Kollagen der Pop Art Künstlerin Pauline Boty, von denen er keine Bilder hat und die Elisabeth deshalb nur in ihrer Vorstellung sehen kann.
Später beginnt sie Kunstgeschichte zu studieren und sieht dabei die Bilder, die sie sich jahrelang nur vorstellen konnte, plötzlich zu ersten Mal.

„Herbst“ ist eine sehr ruhige Geschichte, die nicht unbedingt durch einen großen Spannungsbogen, sondern durch die Wechselwirkung der einzelnen Episoden zusammengehalten wird.
Dabei unterscheiden sich die Handlungsstränge nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch stark. Denn während Daniels Traumwelt sich wie ein höchst poetisches Märchen liest, erinnern Elisabeths Behördengänge derweil fast schon am Monty Python Sketche.
Das alles scheint vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz zueinanderzupassen und gelegentlich hat man das Gefühl, völlig verschiedene Bücher zu lesen, trotzdem konnte mich Ali Smiths Erzählstil sehr für sich einnehmen.
Er erinnert ein wenig an die Kollagen von Pauline Boty, auf denen auf den ersten Blick auch wenig zusammenzupassen scheint und die doch ein spannendes Gesamtkunstwerk ergeben.

Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf die nächsten Bände des Jahreszeiten-Quartetts. „Winter“ und „Spring“ sind auf Englisch bereits erschienen, „Summer“ kommt im Sommer 2020 auf den Markt.

Review: Fuchs 8

Das vermutlich ungewöhnlichste Buch des letzten Jahres schrieb meiner Meinung nach George Saunders mit „Lincoln im Bardo“. Ungewöhnlich deshalb, weil es sich – als kleiner Hinweis für alle, die es noch nicht gelesen haben – aus fiktiven Quellenangaben und den Stimmen von Geistern zusammensetzt. Ein wirklich außergewöhnliche Schreibstil, der einigen Lesern zu schaffen machte, der sich aber, sobald man einfach aufhörte darüber nachzudenken, wer da nun sprach, doch recht flüssig und unheimlich poetisch lesen ließ.

Nun erschien seine neuste Geschichte „Fuchs 8“, die in einem Büchlein von nur etwa sechzig Seiten mit Illustrationen aufgelegt wurde. Doch wie schon sein Vorgänger ist „Fuchs 8“ wiedereinmal eine höchst außergewöhnliche Geschichte mit einem sehr eigenen Stil.

Fuchs 8 lebt mit seiner Gruppe im Wald, doch abends zieht es ihn immer hin zu den Häusern der Menschen, denn dort gibt es im Schutz der Dunkelheit viel zu lernen.
Zum Beispiel, wenn sie ihren Kindern eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Dann passt Fuchs 8 ganz genau auf und lernt so mit der Zeit nicht nur die Sprache der Menschen, sondern sogar ihre geheimnisvollen Buchstaben richtig zu deuten.
Doch schon bald wird das friedliche Leben im Wald bedroht, als ein riesiger Teil abgeholzt wird, um Platz für ein neues Einkaufszentrum zu machen.
Als die Tiere immer weniger zu fressen finden und zu verhungern drohen, fasst Fuchs 8 einen kühnen Plan; denn er hat gehört, daß die Menschen von einer „Fressmeile“ gesprochen haben. Könnten die Füchse hier eine neue Existenz aufbauen und mit den Menschen friedlich zusammenleben?

Wie Anfangs schon erwähnt ist der Stil von „Fuchs 8“ recht ungewöhnlich. Denn der kleine Fuchs redet nicht nur in einer frechen Jugendsprache; da er die Menschensprache alleine durch Zuhören gelernt hat, ist der komplette Text auch phonetisch geschrieben.
Zwar stolpert man anfangs ein wenig über die ungewohnten Wörter, aber mich hat dieser Stil dann recht schnell begeistern können.
Ein Beispiel gefällig?

Mit Hünern haben wir einen super fären Dil, der get so: Si machen di Aja, wir nemen di Aja, si machen noie Aja. Und manchma essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Hun seine Zustimmung zeigt, von uns gegessen zu werden, indem es nich wekloift, wenn wir neer komm…

Gewöhnungsbedürftig, aber absolut kreativ und humorvoll!

Wer jetzt aber denkt, „Fuchs 8“ wäre ein nettes Buch für Kinder, der irrt, denn hier wird der Eingriff in die Natur stark kritisiert und für den ein oder anderen Fuchs geht die Begegnung mit den Menschen nicht gut aus.

„Fuchs 8“ ist ein wirklich unterhaltsames, aber auch kritisches Büchlein, das durch seinen einzigartigen Stil besticht.
Die Illustrationen von Chelsea Cardinal sind schlicht, fangen die Stimmung der Geschichte aber unheimlich gut ein.

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Mehr von George Saunders findet ihr hier:

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Review: Lincoln im Bardo

Dezember

Jedes mal, wenn ich meinen aktuellen Monatsstapel vorstelle, denke ich mir: „Es kann doch gar nicht sein, daß es schon wieder September, Oktober, November… ist!“
Jetzt also Dezember!
Wohin ist dieses Jahr nur verschwunden?
Es kommt mir so fast vor, als wäre mein Sommerurlaub erst vor wenigen Wochen zu Ende gewesen…

In den letzten Wochen und Monaten haben sich einige Titel angesammelt, die noch vor Jahresende gelesen und rezensiert werden wollen, deshalb habe ich mir für den Dezember nicht allzuviel vorgenommen.
Man will ja schließlich keinen riesigen SUB mit ins neue Jahr nehmen…

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Drei Romane haben mich diesen Monat angelacht.

Mit dem „Tagebuch eines Buchhändlers“ habe ich schon im letzten Jahr auf Englisch geliebäugelt, dann erschien es im Sommer auf Deutsch, doch das recht winterlich anmutende Cover hat es mich bis zum Dezember aufschieben lassen.
Autor Shaun Bythell ist selbst Buchhändler und mit Booktuberin Jen Campbell befreundet, deren Empfehlungen ich ja immer sehr schätze.
Hoffentlich wird es mir im Weihnachtsgeschäft nur nicht zu viel, auch noch in meiner Freizeit von einer Buchhandlung zu lesen!

Ein Titel, auf den ich mich schon sehr freue ist „Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher.
Hier haben wir es mit einem literarischen historischen Roman zu tun, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs spielt.
Ich hoffe auf einen Titel, der mich ähnlich wie „Die Schlange von Essex“ oder Tracy Chevaliers frühe Romane begeistern kann.

Ein weiterer Roman, der sich unheimlich spannend anhört und der mir auf der Buchmesse empfohlen wurde, ist „Die Einsamkeit der Seevögel“ von Gøhril Gabrielsen.
Vor der Messe hatte ich ja einige norwegische Autoren gelesen und die Art und Weise, wie hier düstere Themen auf sehr eindringliche Weise geschildert werden, zu schätzen gelernt.
In „Die Einsamkeit der Seevögel“ begleiten wir eine Wissenschaftlerin in die winterliche Einöde an der Küste Norwegens, wo sie nicht nur auf Vögel, sondern auch ihren Geliebten wartet…
Das Setting erinnert mich an Amy Liptrots autobiografischen Roman „Nachtlichter“, der mich seinerzeit zwar nicht ganz überzeugen konnte, dessen Naturbeschreibungen mich allerdings unheimlich beeindruckt haben.

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Zwei weitere Bücher widmen sich spannenden Gedankenexperimenten.

In Ian McEwans neustem Roman „Die Kakerlake“ nimmt er die aktuelle politische Situation in Großbritannien aufs Korn, indem er Kafkas „Verwandlung“ auf den Kopf stellt und eine unbescholtene Kakerlake eines Morgens im monströsen Körper des britischen Premierministers erwachen lässt.

Gleich elf Gedankenspiele bietet „2029 – Geschichten von Morgen“, ein Erzählband, in dem elf Autoren, darunter prominente Namen wie Vea Kaiser und Thomas Glavinic ihre Vorstellungen von unserer Welt in zehn Jahren zu Kurzgeschichten verarbeitet haben.

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Zum Schluß gibt es diesen Monat ganze drei Graphic Novels.

Aus der Reihe „Die Unheimlichen“ aus dem Carlsen Verlag erschien jetzt Sophokles‘ „Antigone“ mit Illustrationen von Olivia Viehweg und außerdem ganz neu: „Der goldene Kompass“ nach dem Roman von Philip Pullman, illustriert von Stéphane Melchior und Clément Oubrerie.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, daß ich mit der „His Dark Materials“-Reihe nie so richtig warm geworden bin, was mich selbst ein wenig ärgert, weil ich weiß, wie viele Menschen, deren Empfehlungen ich sehr schätze, diese Bücher lieben.
Vielleicht schafft es ja die Graphic Novel, mich doch noch für die Romane zu begeistern.

Zu guter Letzt liegt noch „Schwarze Seerosen“ auf meinem Lesestapel, ein Krimi der in Giverny spielt, dem Dorf, in dem Monet seine berühmten Seerosenbilder gemalt hat.
Michel Bussis Roman, auf dem diese Graphic Novel basiert, ist bisher noch nicht auf Deutsch übersetzt worden, schön also, das die Geschichte nun über die Umsetzung von Didier Cassegrain und Fred Duval ihren Weg zu uns findet.

Euch allen wünsche ich eine schöne Adventszeit, egal ob Ihr Weihnachten feiert, oder nicht.
Und weil es schnell recht stressig werden kann, lasse ich Euch heute nochmal meine Tipps für halbwegs stressfreies Einkaufen im Weihnachtsgeschäft da.

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Willkommen im Weihnachtswahnsinn

Kommt gut durch die Zeit!

Eure Andrea

 

Review: Allmen und der Koi

In seinem neusten Krimi „Allmen und der Koi“ nimmt uns Martin Suter wieder einmal mit in die glamouröse Welt der High Society.

Auf Ibiza verbringen viele der Ultrareichen ihre Freizeit, genießen einen exklusiven Lifestyle abseits des Medienrummels und frönen ihren kostspieligen Hobbys. Derzeit besonders beliebt: die Koi-Zucht. Und weil jeder zeigen will, daß er dem anderen in nichts nachsteht, werden immer größer Teiche angelegt, Pflegepersonal für die edlen Fische aus Japan angeworben und natürlich die kostspieligsten Kois ersteigert.
Doch Boy, der mit seinem Wert von über einer Million Dollar, der wohl teuerste Fisch der Insel ist, ist plötzlich verschwunden. Und da man in der High Society gerne diskret und unter sich bleibt, wird Johann Friedrich von Allmen auf den Fall angesetzt.
Der kennt sich freilich eher mit Kunstraub aus, doch da er sich mit seinem Charme und einer gehörigen Portion Improvisationstalent in der Welt der Schönen und Reichen bewegt, wie ein Fisch im Wasser, fällt es ihm leicht, schnell Zugang zu den Partys der Insel-Prominenz zu erhalten und sich dort nach Boy umzusehen.
Schon bald entpuppt sich die Suche nach dem Koi jedoch als gefährlicher als erwartet…

Die Allmen Krimis überzeugen ja nicht jeden Suter-Fan; für viele sind sie zu klischeebeladen und überzeichnet. Mir gefällt genau das.
Ich bezweifle, daß die Hauptsorgen der High Society darin liegen, welche Anzüge zu welchem Anlass getragen werden sollten und welche Unannehmlichkeit es ist, wenn ebendiese Anzüge vom Personal nicht ordentlich aufgebügelt werden, und so lese ich diese Passagen immer als herrlich überspitzten Seitenhieb auf die Reichen und Mächtigen.

Dabei kann ich mich bestens über Allmens Ermittlerarbeit amüsieren, in der alles mehr Schein als Sein ist, bei der die Klischees aus 70er Jahre Krimis humorvoll bedient werden und mich auf die Hauptcharaktere konzentrieren, die mir mittlerweile alle sehr ans Herz gewachsen sind.

Die Allmen-Reihe:

  1. Allmen und die Libellen
  2. Allmen und der rosa Diamant
  3. Allmen und die Dahlien
  4. Allmen und die verschwundene María
  5. Allmen und die Erotik
  6. Allmen und der Koi

Review: Das flüssige Land

Dieses Jahr hatte ich mir ja einige Titel, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, vorgenommen und auch wenn mein Favorit letztendlich das Rennen gemacht hat, haben mich doch viele Romane von der Long- und Shortlist schwer begeistert.
Eine Autorin, der ich den Preis ebenfalls herzlich gegönnt hätte, ist Raphaela Edelbauer, die den Leser in ihrem Debütroman „Das flüssige Land“ mit auf eine spannende Gratwanderung zwischen magischem Realismus und zeitgeschichtlicher Vergangenheitsbewältigung nimmt.

Ruth Schwarz ist theoretische Physikerin und steckt gerade mitten in ihrer Habilitation, als sie erfährt, daß ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.
Zunächst steht Ruth völlig neben sich, doch als ihre Tante erwähnt, daß die Eltern in Groß-Einland, der Gemeinde, in der sie aufgewachsen sind, beerdigt werden wollten, beschließt Ruth sofort aufzubrechen, um dort alles für die Trauerfeier vorzubereiten.

Nach ein paar Stunden Fahrt wird Ruth aber plötzlich klar: sie hat keine Ahnung, wo Groß-Einland eigentlich liegt. Zwar hat sie eine ungefähre Vorstellung davon, in welcher Region das Städtchen zu finden sein sollte, doch ihr wird bewusst, daß sie nie selbst dort war und die Angaben ihrer Eltern keine Rückschlüsse auf den genauen Ort zulassen.
Auch ein Blick in die Karten und Anrufe bei verschiedenen Kommunalämtern helfen ihr nicht weiter; Groß-Einland scheint gar nicht zu existieren…
Doch Ruth macht sich verbissen weiter auf die Suche. Sie beginnt, alle Anhaltspunkte, die sie aus den Erzählungen ihrer Eltern hat, zusammenzutragen, das Gebiet, in dem sich das Städtchen befinden müsste, systematisch einzukreisen und gerät letztendlich eher durch Zufall nach Groß-Einland.

Die kleine Stadt entpuppt sich dann auch als ein wenig aus der Zeit und aus der Welt gefallen. Aufgrund eines Baufehlers ist Groß-Einland nämlich nicht wirklich ans Straßennetz angeschlossen und auch das Internet hat hier noch keinen Einzug gehalten. Zwar ist man durchaus an der weiten Welt interessiert, doch alle Bewohner scheinen bestimmen täglichen Ritualen zu folgen, in ihrer Gemeinschaft völlig zufrieden zu sein und kein allzu großes Bedürfnis zu verspüren, Groß-Einland zu verlassen.
Auch politisch grenzt sich die Gemeinde vom Rest Österreichs ab, denn hier wird noch eine Art Feudalismus gepflegt, an deren Spitze die exzentrische Gräfin steht.

Trotz anfänglicher Irritation fühlt sich Ruth schon bald sehr wohl in Groß-Einland und beschließt kurzerhand zu bleiben, als ihr die Gräfin eine Stelle anbietet.
Denn das wohl größte Mysterium liegt unter der Stadt: ein gigantisches Loch, das die Gemeinde nach und nach zu verschlingen droht.
Seit Jahrhunderten wurde hier Bergbau betrieben und die Schächte drohen einzubrechen. Dazu kommt, daß die Stollen in der Nazizeit zum Flugzeugbau genutzt wurden und die Stadt, als sie im Krieg fast vollständig zerstört wurde, einfach mitsamt der Toten zubetoniert und darüber wieder neu aufgebaut wurde. Ein wirklich instabiles Konstrukt ist es, auf dem die Groß-Einländer da leben.
Nun soll die Physikerin Ruth ein Mittel entwickeln, um die Stollen zu versiegeln, und die Gemeinde zu retten.

Doch bald schon wird Ruth von völlig widersprüchlichen Gefühlen geplagt: soll sie den Ort und damit auch die Erinnerung an ihre Eltern retten oder gibt es nicht noch vieles, was aufgeklärt und aufgearbeitet werden müsste, wie das mysteriöse Verschwinden von achthundert Zwangsarbeitern in den letzten Tagen des Krieges. Würde das Einspritzen eines Füllmittels nicht bedeuten, daß damit auch die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nie ans Licht kommen würden?

Man muss weder Geschichte noch Philosophie studiert haben, um die Metapher zu deuten, für die das bodenlose Loch steht, daß sich unter der nach außen hin idyllischen Gemeinde auftut.
Im Lauf der Handlung bricht Groß-Einland nach und nach auseinander, doch die Bewohner nehmen dies mit absolutem Stoizismus hin. Das Offensichtliche wird ignoriert, die Schuld an anderer Stelle gesucht. Solange man die Risse im eigenen Haus so unauffällig verspachtelt, daß die Nachbarn nichts davon mitbekommen, ist alles gut…
Was für ein treffender Vergleich für die gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch hierzulande mehr und mehr abzeichnet, wenn es um die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit geht.

„Das flüssige Land“ überzeugt mit einer geschliffenen und dennoch sehr zugänglichen Sprache, mit einer fantastischen Geschichte, die aktueller und ehrlicher kaum sein könnte, mit einem Setting, das irgendwo zwischen kafkaeskem Roman und Schildbürgergeschichte steht und trotzdem sofort ein lebhaftes und glaubwürdiges Bild der Stadt in unseren Köpfen entstehen lässt…

Für mich ist „Das flüssige Land“ definitiv eines meiner Lesehighlights des Jahres und so bin ich schon sehr gespannt auf den zweiten Roman dieser vielversprechenden Autorin!