Review: Miroloi

Eine Insel, die wirkt, als wäre sie aus der Zeit und auch ein bißchen aus der Welt gefallen…
Dieser Ort, an dem die Protagonistin aufwächst, funktioniert nach ganz eigenen Regeln: mit einer fast schon archaischen Gesellschaftsstruktur, strengen Gesetzen, einer eigenen Religion, Festen und Ritualen, in der die Männer bestimmen und sich die Frauen fügen.
Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Händler, der etwa einmal im Monat mit seinem Boot auf die Insel kommt, doch auch hier reglementiert der Ältestenrat, was verkauft werden darf und welche Waren wie verteilt werden. Und vieles kann auf der Insel ohnehin nicht gebraucht werden, denn was nutzt schon ein Fernseher, wenn es keinen Strom gibt?

Trotz allem ist das Leben im Dorf – zumindest an der Oberfläche – recht harmonisch. Wichtige Waren, wie Schuhe oder Zahnprothesen, werden von der Dorfkasse bezahlt und nach Bedarf zugeteilt. Jedem Bewohner steht der gleiche Geldbetrag zur Verfügung; Ende des Monats wird das übrige Geld wieder eingesammelt und neu verteilt. Trotzdem wissen alle, daß jene, die ein Familienmitglied im Ältestenrat haben, bevorzugt behandelt werden.
Und wehe denen, die keinen festen Platz in der Gemeinschaft haben… So wie unserer Ich-Erzählerin: als Neugeborene auf den Stufen des Bethauses ausgesetzt, lebt sie wie eine Unberührbare auf der Insel. Sie darf nichts besitzen, hat nicht einmal einen Namen.

Obwohl sie der Bethausvater aufgenommen und zusammen mit seiner Haushälterin Mariah liebevoll aufgezogen hat, ist es auch ihnen nicht möglich, die strengen Regeln des Rates zu umgehen.

Doch als die Protagonistin etwa sechzehn Jahre alt ist, beginnt sich ihr Leben zu verändern. Nach und nach findet sie Freunde und Verbündete im Dorf, sie entdeckt die Liebe und die Lust, und der Bethausvater bringt ihr das Lesen und Schreiben bei, was den Mädchen der Insel verboten ist.
Doch das neue Wissen bringt auch ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten mit sich und während die Ich-Erzählerin die Regeln ihrer Welt mehr und mehr infrage stellt, versuchen die Dorfältesten die Veränderungen, die sich ankündigen mit aller Macht zu verhindern…

„Miroloi“ ist wohl eines der Bücher, über die in letzter Zeit mit am meisten diskutiert wurde. In einigen Feuilletons wurde es von (überwiegend männlichen) Rezensenten verrissen, denen die Kritik am Patriarchat offenbar nicht subtil genug war.
Viele Leser konnte die Geschichte begeistern, andere hatten Schwierigkeiten, sich in die Welt von „Miroloi“ einzufinden.
Damit hatte ich nun wiederum keine Probleme, denn ich hatte das Glück, Karen Köhler im Sommer bei einem netten Abendessen, das der Hanser Verlag organisiert hatte, kennenlernen zu dürfen, und so erfuhr ich aus erster Hand, was hinter dieser aus der Zeit gefallenen Insel steckt. Denn auch wenn die Geschichte manchmal anmutet, als würde sie vor hundert Jahren spielen, kann man sich nach und nach zusammenreimen, daß wir uns in den 1980er Jahren befinden.
Zu Recherchezwecken besuchte Karen Köhler übrigens abgelegene griechische Inseln, sprach mit den Einheimischen und erfuhr, daß einige dieser kleinen Inseln tatsächlich erst Mitte der achtziger Jahre ans Stromnetz angebunden wurden.
In „Miroloi“ wurde diese Abgeschiedenheit natürlich ein wenig überspitzt und mit einer eigenen Religion und Gemeinschaftsorganisation ausgestattet, doch es fiel mir nie schwer, mich in diese Welt einzufinden, anders als bei „The Water Cure“ von Sophie Mackintosh. Auch dort wurde ja vom Leben der Frauen auf einer abgeschiedenen Insel erzählt, doch irgendwie schaffte es diese Autorin nicht, mir ihre Welt glaubhaft zu vermitteln.

Auch Karen Köhlers Schreibstil, mit seiner manchmal fast schon naiven Schlichtheit und den ungewöhnlichen Wortneuschöpfungen, hat mich in keinster Weise gestört. Im Gegenteil; für mich war es das perfekte Stilmittel, um die Abgeschnittenheit der Insel vom Rest der Welt und das Unwissen der Protagonistin auch noch einmal sprachlich zu transportieren.
Und so steht „Miroloi“ meiner Meinung nach auch völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises!

Zum Schluß noch ein kleiner Tipp: an dem schönen Hanser-Abend las Karen Köhler die ersten Kapitel des Romans vor und schaffte es sofort, uns alle mit ihrem Vortrag zu fesseln. Kein Wunder: immerhin hat sie lange genug als Schauspielerin am Theater gearbeitet. Deshalb wollte ich an dieser Stelle auch nochmal das Hörbuch von „Miroloi“ empfehlen, das die Autorin als ungekürzte Lesung selbst eingesprochen hat.

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Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 2 und alle Fragen offen

Letzten Monat ging ja die erste Folge unseres Literaturpodcasts „Seite an Seite“ online und die Reaktionen darauf haben meinen Kollegen Andi und mich wirklich komplett geplättet. Wir hätten wohl nie gedacht, daß unsere kleine Idee so gut ankommen würde und wir gleich so viele Zuhörer hätten.

Natürlich hat es sehr geholfen, daß Friedemann Karig den Podcast auf Instagram geteilt hat… und schwupps hatten wir innerhalb von zwei, drei Tagen die ersten hundert Hörer!

Das viele positive Feedback hat uns sehr viel bedeutet und definitiv motiviert, damit weiterzumachen.
Nun haben wir also wieder einen Monat lang gelesen und uns für Euch gleich mal die ersten Neuerscheinungen des Herbstprogramms vorgenommen.

Viel Spaß also, bei der neusten Folge!

Unsere Titel für diesen Monat sind:

fbt

Andi:
Sally Rooney – Gespräche mit Freunden
Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Andrea:
Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
Kristin Höller – Schöner als überall

fbt

Und zusammen sprechen wir über:
Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios
Anika Decker – Wir von der anderen Seite

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

Ihr findet uns direkt hier: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Oder auf Spotify: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Und bei iTunes: Seite an Seite – Der Literaturpodcast

Und auf Instagram findet Ihr uns unter: seiteanseite.podcast

Schaut auf jeden Fall mal bei uns vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

Cover

Review: Auf Erden sind wir kurz grandios

„On Earth We’re Briefly Gorgeous“ wurde ja die letzten Monate schon auf vielen englischen Bookstagram-Seiten in den Himmel gelobt, also war ich natürlich neugierig auf den Debütroman dieses in den USA bereits sehr erfolgreichen Lyrikers.

Little Dog wächst als Sohn einer vietnamesischen Immigrantin in Connecticut auf. Sowohl seine Mutter, als auch die Großmutter, die bei ihnen lebt, sind vom Krieg traumatisiert, kämpfen auch nach vielen Jahren noch mit der neuen Sprache und können weder Lesen noch Schreiben.
Sein Vater verschwand aus seinem Leben, nachdem er der Mutter gegenüber gewalttätig wurde und auch Little Dogs Mutter schlägt ihren Sohn, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Sie arbeitet hart, doch das Geld reicht kaum aus.

In der Schule wird Little Dog aufgrund seiner Herkunft gehänselt und geschlagen, es fällt ihm schwer, seinen Platz im Leben und in der neuen Heimat zu finden.
Auch die Suche nach seiner Identität wird später nicht leichter, als er sich Trevor verliebt und ihm klar wird, daß seine Homosexualität ein weiterer Grund für Diskriminierung sein wird…

In „Auf Erden sind wir kurz grandios“ verarbeitet Ocean Vuong viele autobiografische Elemente; im Großen und Ganzen stimmen wohl weite Teile von Little Dogs Geschichte mit dem Leben des Autors überein.
Dabei benutzt er einen Stil, der mir so noch nicht untergekommen ist: als Lyriker geht er mit einer gewissen Verspieltheit an die Sätze heran. Der zerpflückt Worte, dröselt ihre Bedeutung auf, setzt sie neu zusammen… und auch seine Vergleiche sind immer wieder einzigartig.
Auch der Aufbau der Geschichte erfolgt nicht linear, sondern springt zeitlich vor und zurück, fokussiert sich auf kleine Details, oder betrachtet gleich darauf wieder das große Ganze. Ich fühlte mich an eine Collage erinnert, bei der sich viele Details erst später ins Bild einordnen lassen.
Das sorgt zwar nicht unbedingt dafür, daß man als Leser das Gefühl hat, den Charakteren besonders nah zu sein, aber man liest immer aufmerksam, um die Puzzlestücke der Geschichte nach und nach zusammenzusetzen.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist die berührende Erzählung eines jungen Mannes auf der Suche nach seiner Identität.
Was mich wirklich beeindruckt hat, war daß Autor und Protagonist trotz aller Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Tristesse es immer schaffen, in allem eine gewisse Schönheit zu finden.

Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

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Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

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Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

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Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl (erscheint am 30.08.) und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

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Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert, auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman Schöner als überall von Kristin Höller sehr vielversprechend an!

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Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman. Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

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Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel Sumpfland ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

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Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners Woyzeck vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea

Review: Die zehn Lieben des Nishino

Letzten Sommer nahm ich mir Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß von Hiromi Kawakami mit in den Urlaub. Allerdings als Graphic Novel, weshalb ich zwar sehr gefangen von Kawakamis Geschichte war, zu ihrem Schreibstil allerdings wenig sagen konnte.
Höchste Zeit also, einmal einen „richtigen“ Roman von ihr zu lesen!

Yukihiko Nishino ist auf den ersten Blick ein Mann, der alles hat: er ist gutaussehend, erfolgreich und selbstbewusst. Die Frauen liegen ihm schnell zu Füssen und er behandelt sie immer zuvorkommend, ist aufmerksam und geht auf sie ein.
Doch schon bald wird seinen Geliebten auf die ein oder andere Weise klar, daß Nishino nicht wirklich lieben kann, daß das Zusammensein mit ihm eher von seiner Vorstellung davon, wie er sich eine ideale Beziehung vorstellt, bestimmt wird, als von seinen wahren Gefühlen.

Eine Frau nach der anderen trennt sich von ihm, ohne allzu großen Schmerz dabei zu empfinden und dennoch bleibt Nishino in ihren Erinnerungen stets präsent.
Zehn von Nishinos Freundinnen kommen in diesem Buch zu Wort; jede erzählt von ihrer Beziehung mit diesem Mann, der sich im Laufe der Jahre immer wieder ein Stück weit neu erfindet und dessen Beziehungen doch dem immergleichen Schema zu folgen scheinen.

Von seiner Jugend, bis zu seinem Tod und ein kleines Stück weit darüber hinaus tauchen wir in jeder Episode ein Stückchen tiefer in die Geschichte von Nishino ein. Das Ganze passiert aber nicht chronologisch, sondern springt von der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück, wobei der Leser immer wieder einen etwas anderen Mann kennenlernt, sei es, weil ihn die Zeit und seine Erfahrungen verändert haben, oder weil wir ihn nur durch die Augen seiner ehemaligen Geliebten sehen.

„Die zehn Lieben des Nishino“ ist eines dieser Bücher, die sich leicht lesen lassen und zwischen den Zeilen doch einen erfreulichen Tiefgang besitzen.
Hiromi Kawakamis Schreibstil hat mich sofort begeistert und an Banana Yoshimoto erinnert, die ich ja sehr liebe.

Ein wirklich schönes Büchlein mit leichten, aber auch gut durchdachten Erzählungen, die sich nach und nach zu der Lebensgeschichte eines Mannes zusammenfügen, der seinen einzelnen Freundinnen immer ein wenig fremd geblieben ist…

 

Review: Stella

Mein Stapel der zu rezensierenden Bücher will gar nicht kleiner werden und auch wenn hier noch vieles liegt, was mich begeistert hat, ist es doch höchste Zeit, sich um die Titel zu kümmern, die – seit Monaten ganz stiefmütterlich behandelt – immer weiter nach hinten rutschen.

Heute also „Stella“ von Takis Würger, das ich zwar schon auf Höhe des Hypes gelesen hatte, zu dem aber soviel gesagt wurde, daß ich lange überlegt habe, wo ich nun eigentlich stehe.
Die Feuilletons zerrissen dieses Buch gnadenlos, Buchhändler sprangen Takis Würger bei, andere riefen zum Boykott auf, die Schmökerbox goss noch ein wenig Öl ins Feuer, als sie „Stella“ mit Badebomben-Goodies verschickte. NS-Romantik im Blubberbad?
Ich stand irgendwo dazwischen und zuckte nur resigniert mit den Schultern.

Doch für alle, an denen das ganze Drama um dieses Buch vorbeigegangen ist, hier eine kurze Zusammenfassung:

Friedrich kommt aus einer wohlhabenden Schweizer Familie, doch 1942 entschließt er sich, ausgerechnet nach Berlin zu gehen, um dort an Kunst-Kursen teilzunehmen. Es eine Mischung aus Abenteuerlust, Rebellion und Neugier die ihn nach Nazi-Deutschland gebracht hat; besonders politisch interessiert ist Friedrich jedenfalls nicht.

Bei seinem ersten Kunst-Kurs lernt er die kesse Kristin kennen, die dort als Aktmodell arbeitet und außerdem in Nachtklubs auftritt. Sofort ist Friedrich fasziniert von dieser Frau und beginnt, mit ihr und ihrem Bekannten Tristan das Berliner Nachtleben zu erkunden.

Doch bald stellt sich heraus, daß seine neuen Freunde nicht nur die fröhlichen Partygänger sind, als die Friedrich sie kennengelernt hat. Tristan ist ein Offizier der SS und Kristin, die eigentlich Stella heißt, ist Jüdin, hat allerdings keinerlei Bezug zu dieser Religion. Sie arbeitet als Greiferin, das heißt, sie spioniert die Verstecke von anderen Juden aus, um diese dann der Gestapo auszuliefern.
Zwar tut sie dies, nachdem sie gefoltert wurde und ihre Eltern ins Gefängnis gesteckt wurden, doch geschieht es auch mit einer gewissen Nonchalance, denn man merkt, daß sie der Ideologie der Nazis näher steht, als ihren jüdischen Wurzeln…

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß ich nach all den Monaten immer noch keine rechte Meinung zu diesem Buch habe. Was ich allerdings mit Sicherheit sagen kann ist daß es wesentlich mehr Wirbel um diesen Roman gab, als gerechtfertigt gewesen wäre.

Die Geschichte lässt sich gut und schnell lesen, sie greift ein Thema auf, von dem ich zuvor nichts wusste und schlägt den Leser schnell in seinen Bann.
Allerdings bleibt alles in diesem Buch – die Beweggründe, die Motive, die Konsequenzen – absolut oberflächlich und damit hatte ich ein Problem.
Bestimmt ist es nicht leicht, über die moralischen Konflikte einer realen Person zu schreiben, die ja so nicht näher dokumentiert sind. Es bleibt also bei oberflächlichen Mutmaßungen, und das ist gerade bei einem so schwierigen Thema ein echtes Manko.
Vielleicht wäre es vom Autor schlauer gewesen, sich von der realen Person der Stella Goldschlag zu lösen und stattdessen eine fiktive Figur mit ähnlicher Geschichte zu schaffen. Man hätte so das Seelenleben einer Person, die zum Instrument des Nazi-Regimes wurde, freier erforschen können.

Mein Kollege formulierte es wohl am besten, als er sagte: „Wenn man sich entscheidet, über den Abgrund zu schreiben, dann muss man auch in den Abgrund blicken!“
Mir fehlte jedenfalls dieser Abgrund. Stattdessen ist Stellas Geschichte eine von mit Drogen versetzten Pralinen, Schaumbädern und rauschenden Partys.
Schade, man hätte mehr daraus machen können!

Neue Bekannte und alte Freunde im März

Schön langsam wird es Frühling und vor der Leipziger Buchmesse schneien gerade viele Neuerscheinungen ins Haus.
Mit dabei sind dieses mal zwei alte Bekannte, zwei Bücher von Autoren, die mir völlig neu sind und zwei Titel, die irgendwo dazwischen liegen.

Fangen wir mit den alten Freunden an, zu denen es auch schöne Geschichten gibt…

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Vea Kaiser hat mich vor Jahren mit Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ schwer begeistert.
Wie es der Zufall so wollte hatte ich dieses Buch ausgerechnet dabei, als ich meine beste Freundin im Sommerhäuschen ihrer Familie im Blauen Land besuchte.
Ich las das Buch während ich mich gemütlich auf der Veranda sonnte, hinter dem Haus weideten die Kühe vorbei und bimmelten mit ihren Glocken, ab und zu tuckerte ein Traktor weiter unten durchs Dorf und wenn ich aufblickte sah ich die Zugspitze.
Für „Blasmusikpop“ hätte ich wohl keinen besseren Leseplatz wählen können und schon allein deshalb war es ein absolutes Lesehighlight für mich.

Auch Vea Kaisers zweiten Roman Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ habe ich begeistert gelesen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Griechenland war.
Nun freue ich mich schon sehr auf ihr neustes Buch Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger.

Und wenn alles klappt, sehe ich Vea Kaiser auch demnächst auf der Leipziger Buchmesse.
Ich bin schon gespannt!

Eine ebenfalls alte Bekannte ist Ingrid Noll.

Ich weiß noch, wie ich damals meinen ersten Roman von ihr gelesen habe: es war vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Ich war 17 und verbrachte das Wochenende bei einer Freundin (nicht die mit dem Sommerhäuschen).
Dort war ich im Zimmer ihrer Schwester untergebracht, die ihrerseits das Wochenende bei Freunden verbrachte und die ein wirklich schönes Bücherregal neben dem Bett stehen hatte.

Da die ganze Familie ausgesprochene Langschläfer waren und ich morgens hungrig und einsam war, aber niemanden wecken wollte, griff ich mir eines der Bücher aus dem Regal der Schwester: „Die Häupter meiner Lieben“.

Ich las es in einem Rutsch durch und erschien dann – trotz des frühen Aufwachens und des Hungers – als Letzte am Frühstückstisch. Das Buch hatte mich an diesem Morgen völlig ans Bett gefesselt.

In der Ausbildung schnappte ich mir noch „Kalt ist der Abendhauch“, aber seltsamerweise habe ich danach nichts mehr von Ingrid Noll gelesen. Dabei fand ich ihre Titel sehr humorvoll und kurzweilig.

Nachdem mich aber vor Kurzem eine regelrechte Nostalgiewelle überrollte, dachte ich mir beim Stöbern im neuen Diogenes Programm: „Warum eigentlich nicht?“
Und so durfte Nolls neustes Buch Goldschatz auf meinem Lesestapel Platz nehmen.

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Zwei Autorinnen, von denen ich zwar schon etwas gelesen habe, wenn auch noch keinen Roman sind Hiromi Kawakami und Elena Ferrante.

Von Kawakami habe ich letzten Sommer Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß als Graphic Novel mit im Südtirol-Urlaub gehabt. Vermutlich lässt sich daraus nicht viel auf ihren Schreibstil schließen, aber die Geschichte gefiel mir gut und deshalb fand ich es an der Zeit, einmal einen richtigen Roman von ihr zu lesen, nämlich ihr neustes Buch Die zehn Lieben des Nishino.

Auch von Elena Ferrante habe ich bisher keinen Roman, sondern nur die Kurzgeschichte Der Strand bei Nacht gelesen.
Frau im Dunkeln hörte sich jedenfalls spannend an und die Besprechungen, die ich bisher davon gelesen habe, haben mich wirklich neugierig gemacht.

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Kommen wir nun zu zwei Titel von mir noch völlig unbekannten Autoren.
„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mìrza wäre wohl nicht auf meiner Leseliste gelandet, gäbe es die gute Jen Campbell und ihren fabelhaften YouTube-Kanal nicht.
Denn in der Liste ihrer Lieblingsbücher des letzten Jahres landete „A Place for us“, die englische Ausgabe dieses Titels auf Platz 1!

Da ich mit Jens Empfehlungen bisher gute Erfahrungen gemacht habe, wollte ich mir dieses Buch auf keinen Fall entgehen lassen.

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Zu guter Letzt durfte diesen Monat natürlich auch kein Sachbuch fehlen.
Als verhinderte Forscherin war ich sehr dankbar für den Tipp zu Christopher Kemps Buch Die verlorenen Arten – Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen.

Das hört sich nun erstmal nicht besonders reißerisch an, aber ich finde es faszinierend, was alles noch unentdeckt in den Schubladen großer Museen vor sich hinschlummert.
Sollte jemand daran zweifeln, dann empfehle ich den YouTube-Kanal „The Brain Scoop“ mit Emily Graslie. Wer naturkundliche Museen danach immer noch langweilig findet, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! 😉

Das ist er also, mein Märzstapel!
Kennt Ihr schon den ein oder anderen Titel?
Auf welche Novitäten freut Ihr Euch besonders?
Und seid Ihr auch auf der LBM und wenn ja: habt Ihr Tipps für mich?

Liebe Grüße und einen guten Start in den Frühling,
Eure Andrea