Review: Unter der Drachenwand

Anfang 1944 wird der junge Soldat Veit Kolbe verwundet und zurück in die Heimat geschickt.
Doch in der elterlichen Wohnung in Wien hält er es kaum aus und so beschließt er, zu seinem Onkel nach Mondsee zu fahren.
Hier führen die Leute ein ruhiges, vom Krieg weitestgehend unberührtes Leben, und zum ersten Mal seit fünf Jahren kann Veit wieder ein wenig aufatmen und ein bißchen Leben nachholen.
Bald kommt er seiner Zimmernachbarin Margot näher und fast ein ganzes Jahr lang geniest er ihr Zusammensein und die scheinbare Normalität des Alltags.

Doch der Krieg holt Veit und Margot immer wieder ein, sei es durch Briefe, die die beiden erreichen, durch die drohende Gesundschreibung Veits, oder durch kleine und große Ereignisse, die die Bewohner Mondsees nicht vergessen lassen, daß der Führer ein stets wachsames Auge hat…

Eigentlich gehe ich Büchern über dem Krieg ja meistens aus dem Weg. „Unter der Drachenwand“ hörte sich jedoch interessant und anders an.
Nicht der Krieg steht hier im Vordergrund, sondern die zerbrechliche Illusion des Friedens.

Ein wahnsinnig spannendes Buch darf man hier nicht erwarten. „Unter der Drachenwand“ kommt langsam und ruhig daher, trotzdem leidet und fiebert man irgendwann so mit den Protagonisten mit, daß man immer wieder vorblättern möchte um herauszufinden, ob es ein Happy End für sie geben wird.

Worauf man an dieser Stelle allerdings noch hinweisen sollte:
Irgendwie habe ich das Gefühl, daß sich irreführende Klappentexte bei Hanser in letzter Zeit häufen. So auch bei diesem Buch.
Denn wenn man den Schutzumschlag liest, scheint es, als würde hier eine Dreiecksgeschichte verkauft werden wollen.
„…hier trifft er zwei Frauen…“
„Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist die Hoffnung…“
Dabei ist Margarete letztendlich eine Frau, der Veit anfangs zwei-, dreimal begegnet und die recht schnell klar macht, daß sie nicht an ihm interessiert ist.

Vermutlich wurde hier darauf gesetzt, daß sich ein Buch mit der Handlung „Junger Soldat zwischen zwei Frauen“ einfach besser verkauft als „Junger Soldat hat keine Lust mehr auf Krieg“.
Der Klappentext ist nicht absichtlich falsch, aber er lenkt die Gedanken doch irgendwie in eine falsche Richtung.

In letzter Zeit passiert mir das immer häufiger…
Woran das wohl liegen mag…?

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

27 Kommentare zu „Review: Unter der Drachenwand“

  1. Das ist mir auch schon oft passiert. Und ich bin ziemlich sicher, dass diese Texte absichtlich so gestaltet werden, dass sie möglichst viele Leser anziehen. Der Zusammenhang mit dem Buch an sich ist dann nebensächlich. Schade, aber wohl nicht ganz verkehrt …

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      1. Das ist mir auch schon bei Filmanmeldungen in Zeitungen passiert, dass ich mich geärgert habe, besonders wenn ich den Film schon gesehen hatte. Manchmal glaube ich, dass die sich die Filme gar nicht angucken. Vielleicht lesen die Klappenschreiber das Buch gar nicht … 😉

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      2. Neulich hatte ich eine ehemalige Kollegin im Laden, die sich die Rente mit Klappentexten aufgebessert hat. Die war ziemlich irritiert, als ich meinte, daß da in letzter Zeit einiges quer läuft. Vermutlich sind die Texte Kreativität auf einem ganz neuen Level und ich bin einfach nur zu dumm eine Dreiecksgeschichte in Desinteresse hineinzulesen. 😉

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      3. Dieses Phänomen hatte ich kürzlich, als ich Thomas Olde Heuvelts Roman „Hex“ gelesen hatte. Der Klappentext ist nicht nur irreführend, sondern schlichtweg falsch. Manch einer hat aufgrund des Klappentextes dann völlig falsche Erwartungen an das Buch, was sicher auch die teilweise sehr verhaltenen Rezensionen erklärt. Ich finde so etwas sehr ärgerlich.

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      4. Dabei ist „Hex“ ein richtig gutes Buch – mal ein etwas anderer Horror-Roman. Ich bin mir sicher, hätte man mich gefragt, ich hätte einen genauso reisserischen, aber inhaltlich korrekten Klappentext hinbekommen 😉

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  2. Ach, sowas ist in der Tat ärgerlich, wenn der Klappentext einem eine andere Geschichte vorgaukelt als die, die einen tatsächlich erwartet. :/ Klar liest jeder vielleicht immer ein bisschen was anderes in eine Geschichte hinein, aber dass man dann den Klappentext so ‚reißerisch‘ und Zielgruppenorientiert formuliert, ist doch echt nicht nötig. Vor allem, wenn man vielleicht weniger an Dreiecksbeziehungen in Kriegszeiten interessiert ist, sondern an dem, womit das Buch tatsächlich aufwarten kann. Dann wird man richtig schön fehlgeleitet und greift am Ende doch zu einem anderen Buch.

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    1. Also zur Verteidigung muss gesagt werden, daß Hanser da nicht direkt reißerisch ist, aber es wird doch etwas impliziert, was so nicht statt findet.
      In anderen Kommentaren haben einige aber ähnliche Beobachtungen geteilt, bei denen zum Teil wirklich reißerisch falsch geschrieben wurde. Das ist dann natürlich nur noch ärgerlich. 😒

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  3. Tatsächlich würde man mich auch eher mit „Soldat hat keineust mehr auf Krieg“ bekommen, als mit einer dreiecksbeziehung😅
    Mir tutztt es immer weh, wenn der klappentext nicht mit dem Inhalt überein stimmt. Nicht nur, weil es den Käufer fehl leitet, sondern auch, weil es dem Buch gegenüber nicht fair ist. Oftmals wird eine wesentlich tiefgreifendere Geschichte völlig verflacht… Und das bleibt dann auch noch auf dem buchrücken stehen und man kann nix gegen tun… 😒
    Nichtsdestotrotz mal zum Roman : der klingt wirklich spannend, werde mich da mal mehr informieren 😊
    Liebe Grüße

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    1. Wir gesagt… Die Geschichte an sich kommt ohne großes Drama aus und ist sehr ruhig.
      Die Bedrohung entsteht durch die mögliche Rückkehr an die Front. Für mich war das dann doch Grund genug, das Buch zu lesen. Das hätte man vielleicht ein bißchen mehr in den Fokus rücken können, statt groß zu erwähnen, daß er sich mit einer anderen Frau unterhalten hat. 😅

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  4. Ich lese grundsätzlich keine Klappentexte, denn es nervt mich, wenn schon die Hälfte der Geschichte verraten wird. Meist kann man sich dann die ersten 100 Seiten sparen. Außerdem sind die tatsächlich oft so plakativ, dass sie mir die Lust am Buch verderben.
    Jetzt muss ich mich leider korrigieren. Ich lese schon Klappentexte, aber erst, wenn ich das Buch gelesen habe.
    So ähnlich verhält es sich auch mit Filmtrailern. Die besten Szenen möchte ich im Zusammenhang sehen und nicht schnell zusammengeklatsch vorher…

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    1. Ich lese tatsächlich hauptsächlich Klappentexte, wenn ich weiß, daß ich die Bücher eh nicht lese. 😉
      Meine Lektüre stellt sich zusammen aus geliebten Autoren, Tipps von Kollegen und Coverkäufen (mein wunder Punkt! 😂).
      „Unter der Drachenwand“ war eigentlich gar nicht auf meiner Leseliste und ich habs mir dann doch mitgenommen, weil es ja am Mondsee spielt und ich als Kind mal dort war. „Mondsee“… Das ist ein Wort, das ich lutschen könnte, wie ein Bonbon… 😉

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      1. Hallo Andrea,

        ich war sehr auf Deine Rezension gespannt und freue mich, dass Dir der Roman gefallen hat – ich fand ihn atemberaubend gut. Die Sache mit dem Klappentext ist mir allerdings auch unangenehm aufgefallen, und auch ich hätte mir von Hanser etwas Anderes erwartet.
        „Dreiecksgeschichte“ ist meiner Meinung nach so daneben, wie es nur sein könnte, und ich finde es ganz und gar nicht okay, dass die Verlage die Klappentexte so schreiben, dass vor allem reißerische Clichés dabei rauskommen. Die Frage ist nur: Wie darauf reagieren? Die betreffenden Verlage boykottieren und all die guten Bücher versäumen? Seine Zeit damit verschwenden, wütende Briefe an den Verlag zu schreiben?
        Ich werde Deinen Beitrag zum Anlass nehmen, dem Thema in Zukunft beim Bloggen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn wir das alle tun, kann das vielleicht ein Umdenken bewirken. Wozu sind wir schließlich Influencer ?😉😉😉😉😉😉😉😉😉

        Ich schicke ein Bild vom Mondsee, wenn es mich wieder mal dorthin verschlägt, ich finde es dort auch wunderschön.

        Vorläufig mal liebe Grüße aus Wien
        Niamh

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      2. Na, ein Glück, daß das mit dem Klappentext nicht nur mir aufgefallen ist…
        Ich hab immer wieder überlegt, ob ich nur zuviel hineininterpretiert habe, aber dann bin ich wohl keine Ausnahme. 😉

        Grüß mir den Mondsee wenn du da bist! Ich muss vielleicht auch mal wieder hin!
        Daß die Berge dort Drachenwand hießen wusste ich als Kind gar nicht, sonst wäre es vermutlich noch mystischer für mich gewesen. 😉
        Das sind ja Namen wie aus einem Märchen.

        Liebe Grüße zurück nach Wien!

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  5. Na, könnte es bei allem Verdacht (der gar nicht unplausibel ist) nicht dennoch so sein, dass die Klappentexte/innen schlicht und ergreifend die Bücher nicht lesen, die sie vertexten? Das würde mich überhaupt nicht wundern. Zumal es genug Rezensent/innen gibt, die ebenfalls darauf verzichten.

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    1. Ich glaube, dass es eine Kombination aus beidem ist: Das Buch gar nicht oder nur anlesen und dann einen Klappentext verfassen, der darauf ausgerichtet ist, den Verkauf anzukurbeln. Viele der gekauften Bücher verstauben dann wohl wieder ungelesen in Bücherregalen, womit sich der Kreis schließt.

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    2. Ich dachte immer, daß die Lektoren gleich noch den Klappentext schreiben würden, aber offenbar gibt es da in einigen Verlagen auch extra Leute…
      Aber so oder so kommt einem wirklich der tatsächlich gar nicht so unplausible Verdacht, daß in erster Linie auf Verkaufsargumente statt auf Inhalt gesetzt wird.

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