Review: Die Mitternachtsbibliothek

Als Teenager hat Nora die besten Chancen, um später einmal ein erfolgreiches Leben zu führen: Sie ist unheimlich intelligent, eine Einser-Schülerin, außerdem ist sie musisch sehr begabt und eine begeisterte Schwimmerin.
Doch nach und nach wirft sie alles in ihrem Leben hin.
Das Schwimmen gibt sie, trotz Goldmedaillen in wichtigen Wettkämpfen auf, später verlässt sie die Band, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder und einem Freund gegründet hat, kurz bevor sie einen Vertrag bei einem großen Musiklabel unterzeichnen, auch ihren Verlobten verlässt sie kurz vor der Hochzeit. Statt als Akademikerin arbeitet sie nun Teilzeit in einem kleinen Musikladen.

Seit Jahren fühlt sich Nora als Versagerin, nimmt Antidepressiva und hat kaum noch Kontakt zu ihrem Bruder oder Freunden von früher. Als sie dann auch noch ihren Job verliert und ihr geliebter Kater stirbt, sieht sie keinen Sinn mehr im Leben und beschließt, es zu beenden.

Doch anstatt im Jenseits, landet Nora an einem Zwischenort, der sich die Mitternachtsbibliothek nennt; einem fantastischen Raum, voll mit Millionen von Büchern, in dem ihr die alte Bibliothekarin aus ihrer Schulzeit erklärt, daß jedes Buch ein alternatives Leben enthält, also eines, das sie gelebt hätte, wenn sie sich in bestimmten Situationen anders entschieden hätte.
Die Bibliothekarin verspricht Nora, daß sie gerettet werden kann, wenn sie ein Leben findet, in dem sie wirklich glücklich ist. Nur dann darf sie in dieser Realität bleiben.

Fasziniert beginnt Nora zu lesen und wird in die verschiedenen Leben, die ihr alle offengestanden hätten, hineingezogen.
Wie würde ihr Leben aussehen, wenn sie ihren Verlobten nicht verlassen hätte?
Was, wenn sie mit ihrer besten Freundin nach Australien gezogen wäre?
Nach und nach durchlebt Nora alternative Realitäten, die sie sich nie erträumt hätte. Sie wird zum gefeierten Rockstar, zur Polarforscherin und zur Olympiasiegerin. Doch keins dieser Leben kann Nora wirklich erfüllen.
Wird sie es schaffen, eine alternative Realität zu finden, in der sie bleiben kann, bevor es zu spät ist?

„Die Mitternachtsbibliothek“ war das erste Buch von Matt Haig, das ich gelesen habe. Zuvor wusste ich nur, daß er wohl selbst mit klinischer Depression zu kämpfen hatte und diese Erfahrungen mitunter in seinen Büchern verarbeitet. Da seine Romane aber eher den Ruf haben, Feelgood-Titel zu sein, befürchtete ich, daß mir das Ganze ein wenig zu kitschig werden könnte. 
Trotzdem wollte ich seinem neusten Roman gerne eine Chance geben.

Ein bißchen trafen meine Befürchtungen dann auch zu. Man ahnt eigentlich schon beim Lesen des Klappentextes, welchen Ausgang die Geschichte nehmen wird; auf einen überraschenden Plottwist wartet man vergebens.
Außerdem ist Nora eine Heldin, mit der ich mich nur schwer identifizieren konnte. Dazu hat sie einfach ein zu großes Skillset, das ihr wohl in erster Linie mitgegeben wurde, um eine möglichst große Bandbreite von alternativen Realitäten durchzuspielen. Doch die wenigsten Menschen sind nicht nur überdurchschnittlich intelligent, sondern auch noch geniale Singer- Songwriter und obendrauf noch Hochleistungssportler.
Diese „Du kannst alles sein, was du willst, wenn du nur fest an dich glaubst und deine Träume lebst!“-Mentalität empfinde ich einfach als ungesund. Nicht jeder kann sich für eine Olympiade qualifizieren, nicht jeder kann eine Koryphäe auf seinem Gebiet werden. Natürlich macht es Spaß, diese Extreme mit der Protagonistin zu durchleben, aber ich finde, das macht es auch schwer, mich selbst in Nora zu sehen.

Trotzdem hat es mir durchaus Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, auch wenn mich die Handlung zu keiner Sekunde wirklich überrascht hat.
Matt Haig scheint sein Handwerk einfach zu verstehen und weiß, wie er die Spannung trotz eines Plots aufrechterhält, der eher an eine dieser „inspirierenden“ Geschichten erinnert, die gerne als Kettenbrief versandt werden.
„Die Mitternachtsbibliothek“ ist für mich kein absolutes must read, aber eine gute Adresse für alle, die Lust auf ein spannendes Gedankenexperiment mit einer guten Dosis wholesomeness haben.