Hohe September-Stapel

Die letzten warmen Tage des Jahres sind angebrochen und wir Buchhändler lesen uns durch die hohen Novitäten-Stapel, um die Kunden in der kalten Jahreszeit perfekt beraten zu können. Schon komisch, wenn man noch in der Sommersonne liegt und dabei überlegt, welche Titel man dieses Jahr in die Weihnachtsempfehlungen packen möchte…

Jetzt genieße ich aber erst einmal meinen Lieblingsmonat September. Ich freue mich auf meinen Geburtstag in zwei Wochen und habe angefangen, mein geliebtes Lesezimmer gemütlich für den Herbst und Winter zu machen.

Aber schauen wir uns an, welche Titel diesen Monat auf meinem Lesestapel gelandet sind:

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Zunächst einmal wollte ich mich noch ein bißchen tiefer in die Longlist des Deutschen Buchpreises einlesen. Bisher kenne ich nämlich nur „Herkunft“ und „Miroloi“.
Diesen Monat möchte ich mir nun also „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel und „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer vornehmen.
Von beiden Büchern habe ich bisher nur Gutes von den Kollegen gehört.
Ich freue mich darauf und bin schon sehr gespannt, wer es in die Shortlist schafft und am Ende das Rennen macht.

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Zwei Titel, auf die ich ebenfalls schon gespannt bin sind „Washington Black“ von Esi Edugyan und „Ich bin Circe“ von Madeline Miller.
Beide Titel sind dicke Romane mit historischem Hintergrund, die wohl eine gehörige Portion magischen Realismus mitbringen. Eigentlich genau meine Welt.
Da könnte es draußen sogar gerne noch ein bißchen ungemütlicher werden, um sich damit einzumummeln.

Esi Edugyan wird übrigens am 11. September im Amerikahaus in München zu Gast sein, um ihren Roman zu präsentieren. Der Eintritt ist frei, man sollte sich aber vorher anmelden. Ich habe das schon getan und hoffe, ich kann mir an dem Tag ein bißchen Zeit freischaufeln. Vielleicht sieht man sich ja!

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Zwei Romane von amerikanischen Autoren, die sich mit ihrem Platz in der Gesellschaft auseinandersetzen, sind Tommy Orange mit seinem Debütroman „Dort Dort“ und Elizabeth Acevedo mit „Poet X“.

Tommy Orange schreibt über Traditionen und das moderne Leben der native americans; spannend, denn zu diesem Thema habe ich bisher noch nichts gelesen.
Elizabeth Acevedo ist Poetry Slammerin, deren erstes Jugendbuch in den USA zig Preise abgeräumt hat. Nachdem ich ja nun im Laden wieder in der Belletristik-Abteilung arbeite, neben der auch gleich die Young Adult Bücher zu finden sind, möchte ich mich auch hier einmal wieder ein bißchen einlesen.

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Zwei Bücher, die auf den ersten Blick wohl gar nichts miteinander zu tun haben, die aber beide von norwegischen Autoren geschrieben wurden und von denen ich ja im Zuge der Frankfurter Buchmesse noch mehr lesen wollte, sind „Mittwoch also“ von Lotta Elstand und „Ein Freitod“ von Steffen Kverneland.

In „Mittwoch also“ geht es um eine junge Frau, die nach einem One-Night-Stand ungewollt schwanger wird und sich zu einer Abtreibung entschließt. Allerdings muss sie eine kurze Wartezeit einhalten, die ihr dann wider Erwarten sehr zu schaffen macht.
Angeblich soll dieses Buch recht humorvoll sein. Bei dem Thema bin ich eher skeptisch, aber es hat mich dann doch wirklich neugierig gemacht.

„Ein Freitod“ ist dagegen eine Graphic Novel, in der der Autor mit Illustrationen und Collagetechnik den Selbstmord seines Vaters verarbeitet.
Auch wieder so ein düsteres Thema, aber ich hoffe auf eine ähnlich gute Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, wie es Nora Krug letztes Jahr mit „Heimat“ gelungen ist.

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Am Ende haben wir auch wieder einen schönen Titel aus der Kategorie illustriertes Sachbuch mit dabei: „Rebel Artists – 15 Malerinnen, die es der Welt gezeigt haben“.
Eigentlich habe ich ja nun mittlerweile wirklich viele Bücher gelesen, in denen starke, mutige und außergewöhnliche Frauen in farbenfrohen Porträts vorgestellt werden, eines das sich aber ausschließlich mit Künstlerinnen beschäftigt war bisher noch nicht dabei.

Ich freue mich schon sehr auf all die Titel auf meinem September-Stapel. Hoffentlich komme ich diesen Monat dann auch wieder mehr zum Lesen; der August war da eher schwierig, nachdem ich die liebsten Kinder von früh bis spät bei Laune halten durfte und ich dank Urlaub auch so gut wie keine Zeit beim Pendeln verbrachte.

Auf welche Bücher freut Ihr Euch im September?
Kennt Ihr Titel von meinem Stapel schon und wie haben sie Euch gefallen?

Ich wünsche Euch einen tollen Start in einen hoffentlich goldenen Herbst!

Eure Andrea

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Review: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

„Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer ist ein Roman, der mir immer wieder von begeisterten Kunden empfohlen wurde, die sich gerne eine Fortsetzung der Geschichte wünschten.
Nachdem ihnen dieser Wunsch nun endlich im Oktober mit „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ erfüllt wird und der erste Band schön illustriert bei der Büchergilde Gutenberg aufgelegt wurde, war es nun für mich wirklich höchste Zeit, mir dieses Buch einmal vorzunehmen!

Mordechai Wolkenbruch – genannt Motti – lebt ein sehr entspanntes Leben im Schoß seiner jüdisch-orthodoxen Familie. Zumindest bis seine Mutter beschließt, daß es höchste Zeit wird, ihren Jüngsten unter die Haube zu bringen.
Bald schon kann sich Motti gar nicht mehr retten, vor Abendessen mit jungen Frauen, die ihm seine Mutter schmackhaft machen will, dabei hat er a) noch gar keine Lust schon zu heiraten und ist b) in seine hübsche Studienkollegin Laura verliebt, die allerdings eine Schickse, also nicht jüdisch ist.

Je stärker seine Mutter ihre Hochzeitspläne vorantreibt, desto unwilliger wird Motti und umso mehr beginnt er, die strengen Ansichten seiner Familie zu hinterfragen.
Nach und nach fängt Motti an, sich abzukapseln und die Welt außerhalb seiner Gemeinde zu erkunden. Daß das dann aber auch schon bald für Ärger mit seiner Mutter sorgt, kann man sich lebhaft vorstellen…

„Wolkenbruchs wunderliche Reise…“ ist ein sehr humorvoller Roman, der einen bittersüßen Einblick in die jüdisch-orthodoxe Welt bietet.
Das Buch ist in weiten Teil auf Jiddisch verfasst, weshalb ich ein wenig Anlauf brauchte, bis ich voll im Lesefluss war, dann konnte ich mich aber sehr an Ausdrücken wie zum Beispiel „blizbrif“ (für E-Mail) erfreuen.

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Bei der Gestaltung hat sich die Büchergilde Gutenberg wirklich mächtig ins Zeug gelegt und ein richtiges Gesamtkunstwerk herausgebracht.
Die Illustrationen von Samuel Glättli sind in rostrot und graublau gehalten und mit Fäden in diesen Farben wurde das Buch geheftet; ein kleines, aber wirklich schönes Detail.
Schade fand ich es deshalb besonders, daß eine Seite des Buches nicht gedruckt wurde.
Ich vermute, daß man wohl in letzter Minute noch eine Illustration eingefügt und den Text dabei verschlampt hat. Das kann passieren, ist aber natürlich gerade bei einem so hochwertigen Buch wirklich schade.
Unglücklich fand ich auch, daß dieser Umstand dann nicht ausreichend kommuniziert wurde.
Ich las nachts im Bett und ahnte nichts Böses, als ich plötzlich das Gefühl hatte, daß ich den Faden verloren hatte. War ich zu müde zum Lesen?
Ich blätterte vor und zurück, aber der Satz machte keinen Sinn.
Zum Glück war die fabelhafte Isa von it’s Vonk noch wach. Von ihr wusste ich, daß sie die Originalausgabe aus dem Diogenes Verlag hatte und bat sie, mir doch zu sagen, wie der Satz bei ihr weiterging. Isa war mir allerdings schon zwei Schritte voraus: sie machte nämlich gerade einen Beitrag zur neuen Büchergilde Abo Box, in der in diesem Quartal „Wolkenbruchs wunderliche Reise…“ verschickt wird und war bei ihrer Recherche über einen Vermerk in der Produktbeschreibung gestoßen, in dem es hieß, daß eben tatsächlich vergessen wurde, eine Seite zu drucken und ein Link zum Download des fehlenden Textes hinterlegt war.
Ein Glück, wenn man so schlaue Leute kennt! In der Titelbeschreibung hätte ich nämlich vermutlich nie nachgesehen…

In den Ausgaben, die mittlerweile ausgeliefert werden, sind übrigens Errata-Zettel beigefügt. Alle die sich das Buch aber gekauft haben, bevor der Fehler bemerkt wurde, so wie ich, schauen dann erstmal ein bißchen blöd, wenn sie niemanden haben, der Bescheid weiß.
Ich war ja schon ein bißchen motzig, daß man nicht einfach eine E-Mail (oder gerne auch einen blizbrif) geschrieben und über den Fehler informiert hat. Da ich das Buch online bestellt habe, hätte das ja nicht besonders schwer sein dürfen. Die Büchergilde antwortete allerdings auf Instagram, daß es nicht möglich wäre, Einzelkunden zu informieren.
Eine Followerin, die das Buch ebenfalls in der Erscheinungswoche gekauft hatte und die fehlende Seite nirgendwo finden konnte, merkte daraufhin an, daß man so etwas doch bitte offener kommunizieren könnte, zum Beispiel auf den Social Media Kanälen oder in einem Newsletter.
Die Büchergilde antwortete zwar darauf, daß man nicht vorhätte, die Kunden damit allein zu lassen, eine entsprechende Meldung habe ich aber bisher nirgendwo entdecken können.

Ich möchte aber auch gar nicht zu viel schimpfen, denn abgesehen von der fehlenden Seite, ist dieses Buch wirklich absolut lesenswert und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung. Die würde ich dann am liebsten parallel mit dem Hörbuch lesen, beziehungsweise vorgelesen bekommen. Bei den jiddischen Begriffen kann man so nämlich bestimmt noch einiges dazulernen.

Review: Ausgestorben, um zu bleiben

Meine Liebe zu Dinosauriern begann sonderbarerweise damit, daß in einem Neubaugebiet in der Nähe meines Hauses Solnhofener Kalkstein benutzt wurde, um die Baustelle zu schottern. Wir Kinder verbrachten unsere Wochenenden in den halbfertigen Häusern und stellten schnell fest, daß es etwas mit diesen hellen, staubigen Steinen auf sich hatte, die auf dem ganzen Gelände herumlagen.
Manche hatten ganz seltsame Formen, fast wie Schneckenhäuser, nur größer.
Schon bald schleppten wir eimerweise Steine von der Baustelle, bis wir dabei beobachtet wurden und das Gelände abgesperrt wurde, bevor wir alle Steine stehlen und ein Kind in einen ungesicherten Kellerschacht stürzen konnten.

Danach führte mich mein Weg in die kleine Gemeindebücherei, in der ich ein Buch über Fossilien entdeckte, auf dessen Umschlag eine dieser großen Schnecken – Ammoniten, wie ich erfuhr – abgebildet war, wenn auch wesentlich hübscher als meine Baustellenfunde. Von da an war klar, daß ich Paläontologin werden wollte. Ich liebte die Besuche im Museum „Mensch und Natur“ in München, ich sammelte jedes Buch, jede Figur, jedes noch so kleine Fitzelchen, das irgendetwas mit Fossilien oder Dinosauriern zu tun hatte.
Als ich elf Jahre alt war, kam dann der Film „Jurassic Park“ in die Kinos und machte Dinos plötzlich auch bei allen anderen Kindern unheimlich populär, was mich unheimlich freute. Endlich konnte ich mit anderen über meine Leidenschaft sprechen.
Wenig später war der Hype dann auch schon wieder vorbei und meine Klassenkameraden rollten nur noch mit den Augen, wenn ich einen neuen Trilobiten aus meiner Tasche zog. Nun ja… alles hat irgendwann ein Ende. Auch meine Pläne, Paläontologin zu werden.

Mein ältester Sohn hat sich nie für Dinosaurier interessiert, doch dann kam der Kleinste, sah seinen ersten Dinosaurier und verlor sein Herz, genauso wie seine Mutter damals…
Als ich damit begann, ihm neue Dino-Bücher vorzulesen, wurde mir bewusst, daß sich in den letzten 25 Jahren einiges getan hatte. Daß in Südamerika riesige Sauropodenskelette gefunden worden waren, daß es Beweise dafür gab, daß einige Raubsaurier gefiedert gewesen sein mussten, das hatte ich am Rande mitbekommen, doch viele Dinos, mit denen der Kleinste jetzt aufwächst hat es in meiner Kindheit noch gar nicht gegeben, beziehungsweise waren sie einfach noch nicht entdeckt oder ausreichend erforscht worden.

Und plötzlich hatte ich wieder große Lust, mich auch einmal jenseits von Bilderbüchern ein bißchen über meine einst so geliebten Urzeitriesen zu informieren.

Das Buch, das mir dabei am häufigsten empfohlen wurde, ist „Ausgestorben, um zu bleiben – Dinosaurier und ihre Nachfahren“ von Bernhard Kegel.
Mittlerweile ist der Titel auch schon als Taschenbuch bei Dumont erschienen, ich hatte mich aber in die wunderschöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg verguckt.

In diesem schönen Sachbuch erhalten wir auf durchaus spannende Weise einen Überblick über die Geschichte der Paläontologie, von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Dabei wird beschrieben, wie sich unser Bild der Dinosaurier im Laufe der Zeit und mit jeder neuen Entdeckung oftmals grundlegend verändert hat, zum Beispiel mit der Entdeckung der Liaoning-Fossilien in China, bei denen zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, daß viele der kleinen Raubsaurier Federn hatten und den Vögeln damit ähnlicher waren, als Anfangs gedacht.

Bernhard Kegel bietet einen unterhaltsamen und spannenden Einblick in die Geschichte der Paläontologie. Dabei greift er auch immer wieder Filme und Bücher auf, die unsere Vorstellung der Dinosaurier geprägt haben, und klopft diese auf ihren Wahrheitsgehalt hin ab.
„Ausgestorben, um zu bleiben“ ist ein wirklich informatives und kurzweiliges Sachbuch für alle Erwachsenen Dino-Fans, die sich einmal wieder schlaumachen wollen, was sich in den letzten Jahre alles in der Forschung getan hat.

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Hier nochmal die schönen Details der Büchergilden-Ausgabe. Und ein paar der Kalksteine, die ich damals als Kind gefunden und bis heute aufbewahrt habe.

Review: Deutschland im Winter

Vor ein paar Wochen wurde ich auf das wunderschöne Reisehandbuch „Deutschland im Winter“ des kleinen aber feinen Reisedepeschen Verlags aufmerksam.
Schon die Covergestaltung und die spannende Zusammenstellung waren sehr vielversprechend, doch dann öffnete ich das Buch um den Klappentext zu lesen und schon war ich diesem Verlag verfallen, denn sie verstehen es wie kein anderer, sich beim potentiellen Käufer beliebt zu machen.

Nicht nur wird man hier ob seines ungewöhnlich guten Geschmacks gelobt, nein; man bekommt im selben Atemzug noch den seltsamen Schuppentier-Orden verliehen. Das nenne ich mal Kundenbindung!

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Und meine Begeisterung stieg gleich darauf noch weiter, denn bevor wir zu den Winteraktivitäten kommen, gibt es erst noch ein paar Tipps zum Thema „Nachhaltiges Reisen“.
Sehr gut!

Danach durchstreifen wir Deutschland von Nord nach Süd, Ost nach West.
Aus allen Regionen wurden die besten Tipps zusammengetragen, die den Leser für die kalte Jahreszeit begeistern sollen, sei es mit Indoor oder Outdoor Aktivitäten, Wellness-Oasen, Museen, Wanderungen, Wintermärkten, undundund…

Wolltet Ihr das neue Jahr schon immer mit einem unvergesslichen Erlebnis starten? Wie wäre es dann mit dem traditionellen „Anbaden“ in Büsum.
Wollt Ihr Schnee und Eis so richtig genießen und habt nicht das Geld, Euch eine Reise nach Grönland zu leisten? Auch im Allgäu kann man Iglus bauen und darin übernachten!
Oder zieht es Euch eher hin zu fremden Kulturen? Dann schaut doch mal im Hinduistischen Tempel von Hamm vorbei!

Für die großen Städte gibt es gesonderte Karten, auf man neben Schlittenhügeln, Hamams und Eislaufdiskotheken auch die besten Adressen für heiße Schokolade oder frische Waffeln finden kann.

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Die Tipps in diesem Buch sprechen jeden an: sei es für Alt oder Jung, Gemütliche oder Aktive und für größere oder kleinere Geldbeutel…

„Deutschland im Winter“ ist deshalb so vielseitig, weil es aus Beiträgen von verschiedenen Reisebloggern und Journalisten zusammengestellt wurde.
Jeder erzählt in seinem ganz eigenen Stil; manchmal fast ein bißchen poetisch, dann wieder humorvoll oder mit einer persönlichen Geschichte verbunden.
So macht das Buch seinem Untertitel „Geheimtipps von Freunden“ alle Ehre.

Ich kann „Deutschland im Winter“ wirklich nur empfehlen, sei es als Geschenk, als kleinen Anreiz, den Hintern im Winter ein bißchen hoch zu bekommen, oder für alle, die die undankbare Aufgabe haben, Firmenausflüge im Winter zu planen.

Und haltet die Augen offen nach diesem wunderbarem, kleinen Verlag, der seinen Leser schon auf der ersten Seite das Gefühl gibt, etwas ganz besonderes zu sein!

Review: Mittagsstunde

Vor drei Jahren landete Dörte Hansen mit ihrem Debütroman „Altes Land“ einen absoluten Überraschungserfolg, der seitdem aus den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken ist.
Zunächst war ich von dem Hype um das Buch abgeschreckt und las es erst, kurz bevor es als Taschenbuch auf den Markt kam, aber dann war auch ich begeistert.
Nach einem solch erfolgreichen Debüt ist es immer schwierig, den zweiten Roman abzuliefern, der sich dann unweigerlich mit seinem Vorgänger messen lassen muss. Trotzdem war es mir wichtig, daß ich unvoreingenommen an „Mittagsstunde“ herangehe.

Ingwer Feddersen ist schon beinahe fünfzig Jahre alt, doch er hat nicht das Gefühl, viel im Leben erreicht zu haben.
Schon sein halbes Leben wohnt er in einer Wohngemeinschaft, die er mit den Worten „zwei Männer, eine Frau, nichts Halbes und nichts Ganzes“ beschreibt. Und auch beruflich tut er sich schwer damit, sich als vollwertiger Universitäts-Professor zu fühlen, denn eigentlich, so denkt Ingwer, hätte er in dem kleinen Ort Brinkebüll bleiben müssen, aus dem er stammt, die Dorfwirtschaft des Großvaters übernehmen und vielleicht auch seine Landwirtschaft ein Stück weit weiterführen sollen.

Doch nun kehrt Ingwer zurück in das Dorf seiner Kindheit, um sich um seine pflegebedürftigen Großeltern zu kümmern, die Ingwer seinerzeit großgezogen haben…

In Rückblenden erzählt Dörte Hansen von Ingwers Familie, deren Geschichte eng mit der von Brinkebüll verbunden ist. Besonders die Flurbereinigung Ende der sechziger Jahre verändert nicht nur das Aussehen des Dorfes, sondern beschert der Familie Feddersen auch den kleinen Ingwer, den ein Landvermesser auf der Durchreise mit der siebzehnjährigen, geistig verwirrten Marret zeugt.

Bei seiner Rückkehr nach Brinkebüll muss Ingwer feststellen, daß das Dorf seiner Kindheit beinahe nur noch in der Erinnerung seiner Bewohner existiert.

„Mittagsstunde“ ist ein Buch, das mich ganz persönlich tief angesprochen hat.
Als ich noch Kind war, fuhren meine Eltern und ich jedes zweite Wochenende zu meinen Großeltern aufs Land, wo wir von Freitag bis Sonntag zusammen in ihrem großen Haus wohnten.
Eigentlich hatten meine Großeltern dieses Haus für unsere ganze Familie gebaut, doch meine Eltern zogen es vor, sechzig Kilometer entfernt in der Stadt zu wohnen, wo man nicht für jede Besorgung zwangsläufig ins Auto steigen musste, oder nie sicher war, ob der Kindergarten und die Dorfschule nicht im kommenden Schuljahr geschlossen werden mussten.

Ich liebte diese Wochenenden auf dem Land, doch als meine Großeltern das Haus altersbedingt aufgeben mussten, wollten auch mein Mann und ich nicht dort einziehen. So schön das Landleben auch ist, praktisch ist es nicht.

Vielleicht konnte ich mich deshalb so gut in Ingwer Feddersen hineinversetzen. Deswegen und auch, weil ich weiß wie es ist, demenzkranke Großeltern zu haben.

Im direkten Vergleich ist „Altes Land“ ein Buch, das es dem Leser leichter macht. Hier geht es um Neuanfänge und die Versöhnung mit der Vergangenheit. In „Mittagsstunde“ hingegen geht es um Abschiede; von den Großeltern, der Kindheit und den Orten, die uns geprägt haben und die nach und nach verschwinden, um Neuem Platz zu machen.

Deshalb wird es „Mittagsstunde“ vermutlich schwerer haben, eine so breite Leserschaft zu begeistern, wie sein Vorgänger.
Trotzdem hat mich die Geschichte auf ihre ruhige und etwas nostalgische Art sehr angesprochen.

Review: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung

Morgen ist schon wieder der letzte Adventssamstag und wenn ihr bis jetzt noch keine Geschenke habt, ist dies nun der perfekte Augenblick, um in Panik zu verfallen. 😉
Für uns Buchhändler ist dies die anstrengendste, aber auch wichtigste Zeit des Jahres. Ein betriebswirtschaftlicher Himmel und eine logistische Hölle…
Man muss es erlebt haben, um es zu verstehen, oder vielleicht einfach das schöne Büchlein „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“ von Petra Hartlieb zur Hand nehmen.

Vor fünfzehn Jahren kauften sie und ihr Mann ganz überraschend eine kleine Traditionsbuchhandlung in Wien. Seitdem ist Petra Hartlieb Buchhändlerin mit Leib und Seele und macht ihren Laden immer wieder zum Mittelpunkt ihrer Bücher, sei es nun in den beiden Bänden zur „wundervollen Buchhandlung“, oder in ihren historischen Romanen.

In ihrem neuen Buch beschreibt sie das Leben eines Buchhändlers im Dezember. Das Kind kann nicht mehr richtig versorgt werden, die Wohnung über dem Laden verwandelt sich in einen Lagerraum und wenn Freunde, die ganz offensichtlich keine Ahnung haben, was es bedeutet im Weihnachtsgeschäft Buchhändler zu sein, darauf bestehen, daß man sie besucht, schläft man auch gerne mal über dem Essen ein…

Dabei passiert aber auch immer viel lustiges, unerwartetes und skurriles.
Besonders schön fand ich Petra Hartliebs Geschichten von Kunden, die im Lauf der Zeit zu Freunden wurden, und ihre Buchhändler tatkräftig unterstützen. Sei es nun durch das Mitbringen von Grillhendl, Einladungen an die vernachlässigte Tochter oder in dem der Arzt einen Hausbesuch macht, um seinen kranken Buchhändlern Infusionen zu legen, damit sie am nächsten Tag wieder fit im Laden stehen können…

Ich war fast ein bißchen neidisch, daß ich in einer großen Buchhandlung arbeite, in der die Logistik dann doch etwas runder läuft und niemand die ganze Nacht über Bücher auspacken muss, wenn man liest, wie rührend sich Petra Hartliebs Stammkunden um sie und ihr Team kümmern.

Als Buchhändlerin erkenne ich vieles wieder und kann Kapitelüberschriften wie „Lass mich einfach hier sitzen und sterben“ nur emphatisch nickend zustimmen.
Wer sich denkt, daß wir da vielleicht ein bißchen übertreiben, der lese dieses wunderbare Buch, das kein Blatt vor den Mund nimmt und trotzdem humorvoll wie herzerwärmend ist. Am Ende wird man eine größere Wertschätzung für den Einzelhandel im allgemeinen und den Buchhandel im besonderen haben.

Also ihr Lieben, wenn ihr heute und morgen panisch in die Läden einfallt: seid lieb zu euren Verkäufern und Buchhändlern. Das brauchen sie dieser Tage ganz besonders… ❤

Meine Weihnachtsgeschenketipps: Für Literaturliebhaber

Und schon haben wir den zweiten Advent und ab nächster Woche können wir dann alle in eine gepflegte Weihnachtspanik verfallen.
Von meiner Seite gibt es deshalb heute schon mal ein paar Tipps, welche Bücher Ihr getrost unter Euren Christbaum legen könnt.
Alle Titel sind dieses Jahr erschienen und sollten in jeder Buchhandlung vorrätig sein.

Zu jedem Buch schreibe ich hier ein paar Zeilen, eine ausführliche Rezension findet Ihr immer, wenn Ihr auf die blau unterlegten Titel klickt.
Viel Spaß beim Stöbern!

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Wolf Haas: Junger Mann

Am häufigsten habe ich die letzten Wochen dieses Buch im Laden empfohlen.
In „Junger Mann“ erzählt Wolf Haas von einem übergewichtigen Jungen, der sich in Elsa, die Frau des Fernfahrers Tscho verliebt.
Natürlich setzt er alles daran, der Angebeteten näher zu kommen, da packt ihn Tscho eines Tages kurzentschlossen ein und nimmt ihn mit auf einen denkwürdigen Roadtrip Richtung Griechenland.

„Junger Mann“ macht einfach Spaß zu lesen, es ist leicht geschrieben ohne dabei trivial zu werden, hat gelegentlich regelrecht philosophische Momente und dürfte Fernfahrer wie Akademiker gleichermaßen ansprechen.

Das perfekte Geschenk für: junge Männer, alte Männer und natürlich auch alle Altersgruppen dazwischen, genauso wie für Frauen… Einfach für alle, die gut geschriebene, humorvolle Bücher lieben.

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Alex Capus: Königskinder

In „Königskinder“ bleibt das Ehepaar Max und Tina mit ihrem Auto auf einem verschneiten Gebirgspass liegen. Um sich die Zeit zu vertreiben, beginnt Max die Liebesgeschichte von Jakob und Marie zu erzählen, allerdings nicht ohne daß sich Tina nicht immer wieder einschalten und die Handlung verändern würde…

Dieses Buch eignet sich einfach perfekt dazu, es sich gegenseitig an langen Winterabenden vorzulesen. Mit seinem leichten und charmanten Erzählton hat Alex Campus Charaktere geschaffen, die einem sofort sympathisch sind.

Das perfekte Geschenk für: alle Paare, egal ob sie erst vor kurzem zusammengekommen sind wie Jakob und Marie, oder sich schon so lange kennen wie Max und Tina.

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Juli Zeh: Neujahr

Nicht ganz so gemütlich geht es dagegen in Juli Zehs neustem Buch „Neujahr“ zu.
Darin fährt der Familienvater Henning mit Frau und Kindern über die Feiertage nach Lanzarote. Doch als er sich eine kurze Auszeit gönnt und zu einer Radtour in die Berge aufbricht, bricht auch ein Trauma auf, das lange in ihm geschlummert hat…

Das perfekte Geschenk für: eigentlich alle, aber besonders Eltern von kleinen Kindern werden dieses Buch mit Gänsehaut lesen.

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Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Für alle, die wenig Zeit zum Lesen haben empfehle ich dieses Jahr gerne „Die Wahrheit über das Lügen“, eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten des literarischen Ausnahmetalents Benedict Wells.

In jeder Geschichte schlägt Wells einen anderen Erzählton an, schlüpft in völlig unterschiedliche Charaktere und macht auch den ein oder anderen Ausflug in die Welt des magischen Realismus.

Das perfekte Geschenk für: Studenten im Prüfungsstress und jeden, der immer sagt, er hätte keine Zeit, ein Buch zu lesen. Die Geschichten haben zwar recht unterschiedliche Längen, trotzdem lässt sich jede einzelne recht schnell durchlesen.

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Der Held im Pardelfell

Für alle, die keine Lust auf zeitgenössische Literatur haben empfehle ich dieses Jahr den georgischen Nationalepos „Der Held im Pardelfell“.
Diese Geschichte genießt in Georgien in etwa den selben Status wie hierzulande das „Nibelungenlied“ und wurde nun von Tilman Spreckelsen zeitgemäß nacherzählt.
Dabei ist die Legende zweier Ritter, die versuchen die Frauen, die sie lieben für sich zu gewinnen, überraschend modern und multikulturell.

Illustriert wurde die Geschichte wieder immer ganz wunderbar von meiner Lieblingsillustratorin Kat Menschik, was den „Held im Pardelfell“ nicht nur zu einem Klassiker der Literaturgeschichte, sondern auch zu einem bibliophilen Meisterwerk macht.

Das perfekte Geschenk für: alle die Märchen und Sagen lieben und illustrierte, wunderschön gemachte Bücher zu schätzen wissen.

Für den Fall, daß jetzt aber jemand sagt: „Nein, nein… Die Person, der ich das schenken will hat schon alles gelesen. Alles!!!“, habe ich noch einen Bonus-Tipp.
Mein Favorit in der Königsdisziplin „Hat schon alles, kennt schon alles“ ist Bibliophile von Jane Mount.

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Leider ist dieser Titel bisher nur auf Englisch erschienen, allerdings kann er recht schnell bestellt werden und manche Buchhandlungen (wie zum Beispiel meine) haben ihn auch vorrätig.

In diesem Buch vereint Jane Mount alles, was den Bibliophilen glücklich macht.
Den Großteil machen illustrierte Bücherstapel zu allen möglichen Themen aus. Daneben werden einzigartige Buchhandlungen nebst der dort lebenden Hunde und Katzen vorgestellt, es gibt verschiedene Rätsel, in denen man beispielsweise die passenden Planeten zu SciFi-Geschichten zuordnen muss.
Auf jeder Seite entdeckt man Neues und hat sofort das Bedürfnis, all die wunderbaren Buchhandlungen zu besuchen und die Bücher stapelweise herauszutragen!

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So… das also waren meine Geschenketipps im Bereich Literatur. Nächste Woche empfehle ich Euch dann noch ein paar richtig gute und vor allem schöne Sachbücher für jede Altersgruppe.

Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Advent und lasst Euch nicht stressen!

Eure Andrea

Und hier nochmal meine Tipps, wie ihr den Geschenkekauf zur Weihnachtszeit möglichst stressfrei über die Bühne bringt:

Willkommen im Weihnachtswahnsinn

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