Kurz und knapp: Empfehlungen aus dem Podcast #3

Wer meinen Podcast regelmäßig hört, der kennt meine Meinung zu den folgenden Titeln natürlich schon. Für alle anderen gibt es wieder einen ganzen Schwung an Büchern im Schnelldurchlauf.
Diesmal zeichnet sich tatsächlich sogar ein gemeinsames Thema ab: Denn in allen Titeln spielen Politik und Zeitgeschichte eine wichtige Rolle.

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Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0 – Kikis Geheimnis

Überraschend viele Dystopien tummeln sich hier auf meinem Bücherstapel!
Die vermutlich lustigste davon ist „QualityLand 2.0“ vom „Känguru“-Erfinder Marc-Uwe Kling.
An dieser Stelle muss ich zugeben, daß ich Kling erst während des Lockdowns im April für mich entdeckt habe. Nachdem unzählige Kunden mir immer wieder „Die Känguru-Chroniken“, bzw. die Folgebände mit den Worten „Das MÜSSEN sie lesen!!!“ aus den Händen rissen, stellte ich für mich fest, daß ich die Bücher definitiv nicht lesen musste, um sie zu empfehlen; sie verkauften sich nämlich ganz wunderbar ohne meine Hilfe, und daß ich trotzig auf das Wort „muss“ reagiere.
Nachdem mir aber ein Hörbuch-Abo gesponsort wurde und ich während des Lockdowns ohnehin nicht zum Lesen kam, dafür aber ständig am Putzen war, begann ich einfach den ganzen Tag ununterbrochen Hörbücher zu hören und natürlich landete ich irgendwann auch bei Marc-Uwe Klings Gesamtwerk.
Dabei stellte ich fest, daß ich meinen Kunden unrecht getan hatte und sie mit ihrer Empfehlung absolut recht gehabt hatten.
Besonders „QualityLand“ überraschte mich mit seinem sehr überzeugenden Worldbuilding und der wirklich extrem spannenden Grundidee, die sich hinter dem oberflächlichen Delfin-Vibrator-Humor verbirgt.

In „QualityLand 2.0“ kehren wir zurück in das beste aller möglichen Länder und den Figuren aus dem ersten Teil.
Während es in Band 1 in erster Linie um die Macht der Algorithmen ging, taucht man im zweiten Teil weiter in die unvermeidlichen Konsequenzen einer Welt ein, die fast vollständig von künstlicher Intelligenz gesteuert wird.
Das schafft Marc-Uwe Kling mit soviel Scharfsinn und Humor, daß man immer wieder laut lachen muss, während sich einem zugleich die Nackenhaare aufstellen.

Nachzuhören in Folge #22 Was in Minute 4 passiert, ist ULTRAKRASS

Zoë Beck: Paradise City

Eine weitere (allerdings keine besonders lustige) Dystopie liefert Zoë Beck mit „Paradise City“, welches sie zwar schon letztes Jahr beendete, das sich aber mit seinem Erscheinen während des ersten Lockdowns ungeplant als beinahe schon prophetisch erwies.

Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft: Der Klimawandel hat zugeschlagen und den Norden Deutschlands in weiten Teilen überflutet, die Menschen, die verschiedene Pandemie-Wellen überlebt haben, leben nun in Megacitys, wo es gute Infrastrukturen gibt. Auf dem Land, fernab dieser Städte ist es kaum noch möglich, normal zu leben.
Für die Journalistin Liina ist es schon fast als Zumutung, als sie einem Fall in der Uckermark nachgehen soll, bei dem eine Frau von Schakalen zerfleischt wurde. Liina arbeitet bei einem der wenigen nichtstaatlichen Nachrichtenportale und würde lieber über relevante politische Themen schreiben, als einen Todesfall, der niemanden interessiert.
Doch zurück in Frankfurt erfährt sie, daß ihr Chef vor eine einfahrende Bahn gestürzt ist. Ein Unfall, Selbstmordversuch oder Attentat?
Als eine weitere Angestellte der Nachrichtenagentur kurz darauf stirbt, wird Liina klar, daß die beiden einer brisanten Geschichte auf der Spur gewesen sein müssen und alles deutet darauf hin, daß es dabei um die Gesundheits-App geht, der Liina, die an einem Herzfehler leidet, ihr Leben zu verdanken hat…

In „Paradise City“ spricht Zoë Beck Themen an, die aktueller kaum sein könnten: Gesundheits-Apps, Pandemien, den Klimawandel und freien Journalismus.
Ein kleiner Kritikpunkt ist vielleicht, daß diese doch sehr globale Handlung mit einem Personal von nur etwa fünf Personen erzählt wird. Das wirkt ein wenig unglaubwürdig, allerdings hat sich Zoë Beck, als sie den Roman schrieb, bestimmt auch nicht träumen lassen, daß die Bevölkerung in diesem Jahr zu angehenden Experten für diese Themen werden würde.

Nachzuhören in Folge #14 Z wie Zukunftsmusik

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Laura Lichtblau: Schwarzpulver

Auch ein wenig dystopisch mutet Laura Lichtblaus Debütroman „Schwarzpulver“ an, dabei ist der einzige unterschied zu unserer jetzigen Welt der, daß eine erzkonservative und rechtspopulistische Partei an der Macht ist.
Die setzt eine Meldepflicht für Homosexuelle ein, die sich am besten gleich noch umerziehen lassen sollen, fast genauso schlimm sind Alleinerziehende und die freie Meinungsäußerung ist ebenfalls eine Sache, die diese Partei deutlich eingeschränkt sehen will.

In diesem düsteren Berlin kreuzen sich zur Jahreswende die Wege der drei Protagonisten, deren Leben auf die ein oder andere Weise mit dem politischen System verknüpft sind: Da ist Burschi, die lesbisch ist, sich verliebt und nun nicht weiß, wo sie ihre Liebste treffen soll, aus Angst, von den Mitbewohnern angeschwärzt zu werden. Da ist der 19-jährige Charlie, der ein Praktikum bei einem Rap-Label macht, das von der Partei kritisch ins Auge gefasst wird und der es leid ist, nach den Regeln der Partei zu leben, und da ist Charlies Mutter Charlotte, die ihren Sohn alleine großgezogen hat und nun, da er flügge wird, langsam aber sicher den Halt im Leben verliert. Um wieder eine Aufgabe zu haben, lässt sie sich in der Bürgerwehr, die der exekutive Arm der Regierungspartei ist, zur Scharfschützin ausbilden. Nun liegt Charlotte Abends mit ihrem Gewehr auf Hochhausdächern an belebten Berliner Plätzen, um potenzielle Staatsfeinde auszuschalten…

Besonders die Figur der Charlotte hat mich in diesem Buch ungemein beeindruckt. Denn Laura Lichtblau schafft es, diesen Charakter so einfühlsam zu beschreiben, daß der Leser wirklich versteht, warum Charlotte die Dinge tut, die sie tut, auch wenn sich natürlich alles in einem selbst dagegen sträubt.
Schon alleine wegen dieser Protagonistin kann ich „Schwarzpulver“ nur empfehlen!

Nachzuhören in Folge #16 Lost Places

Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen

Noch mehr Geschichten mit rechtspopulistischen Parteien gefällig? – Nein?
Zugegeben, das Thema kann einen wirklich runterziehen. Mercedes Spannagel setzt dem in „Das Palais muss brennen“ allerdings sehr viel Humor entgegen.

Luise ist Jurastudentin mit einem komfortablen finanziellen Hintergrund. Dabei ist ihr gerade der wahnsinnig unangenehm, denn ihre Mutter ist die österreichische Bundespräsidentin und das ausgerechnet mit einer schrecklich rechtspopulistischen Partei.
Zu Hause rebelliert Luise ebenso kreativ wie erfolglos, doch dann beschließt ihre linksliberale Clique, daß es endlich an der Zeit ist, die Regierung zu stürzen…

„Das Palais muss brennen“ ist ein unheimlich witziger Roman, der mit einer einzigartigen, etwas verschlufften Sprache daherkommt, aber hey! – Den Großteil ihres Buches hat Mercedes Spannagel auf dem Handy getippt, während sie mit der Transsib durch Russland reiste!

Nachzuhören in Folge #20 God Save The Queenie

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Maja Lunde: Als die Welt stehen blieb

Maja Lunde ist ja durch Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers bekannt geworden, doch während sie am vierten Teil ihres Klima-Quartetts schreibt, passiert etwas, das ihr Leben und das von wohl allen Menschen auf der Welt aus der Bahn wirft: die Corona-Pandemie.

Als Norwegen in den Lockdown geht und Majas Welt auf ihren Computer, das Handy und das Haus mit ihrem Mann und den drei Söhnen zusammenschrumpft, beginnt sie sich zu fragen, wo ihr Platz im großen ganzen ist. Darf man von den Kindern genervt sein, die keine Schularbeiten machen wollen, wenn da draußen Menschen sterben?
Diesen Fragen geht sie in ihrem Lockdown-Tagebuch nach, sie betrachtet die Ereignisse in der Welt und beobachtet die Dynamik ihrer eigenen Familie.

Natürlich haben wir, glaube ich, mittlerweile alle genug von diesem Thema, doch „Als die Welt stehen blieb“ hat mir wirklich unheimlich gut gefallen, denn weil Maja Lunde so ehrlich über ihre eigenen Gefühle spricht, fällt es leichter, sich selbst ein wenig zu sortieren.

Nachzuhören in Folge #23 So düster wie das Wetter

Jan Böhmermann: Gefolgt von niemandem, dem du folgst

Ein weiteres Tagebuch, das allerdings genau da abbricht, wo Maja Lunde ansetzt, ist das Twitter-Tagebuch von Jan Böhmermann: „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“.
Hier finden wir seine Tweets von 2009 bis zum Februar 2020, die Kommentare der Fans und der Hater, ziemlich verrückte Diskussionen mit Stars und Politikern und manchmal auch einfach nur ganz profane Aussagen wie: „Hunger!“
Dabei kann man mitverfolgen, wie Böhmermann einerseits immer politischer wird, andererseits aber auch, wie sich Twitter verändert und im Laufe der Jahre immer mehr Hasskommentare dazu kommen.

Beim Lesen denkt man sich immer wieder: „Stimmt, da war ja was!“ und erinnert sich an kleinere oder größere Polit- oder Promiskandale. Durch die Form erlebt man alle Geschehnisse wieder ganz unmittelbar, kann aber auch in den zahlreichen Fußnoten herausfinden, wie sich manche Geschichten dann letztendlich entwickelt haben.

Nachzuhören in Folge #22 Was in Minute 4 passiert, ist ULTRAKRASS

Durch den düsteren Dezember

Ein wirklich seltsames Jahr geht zu Ende und niemand kann so wirklich sagen, wie das nächste weitergehen wird.
Was sich für mich im Dezember aber schon mal ändert ist, daß ich aktuell keinen Lesedruck habe, was den Podcast angeht.
Seite an Seite geht nach einer Weihnachts-Spezial-Folge erst einmal in Winterpause, was für mich bedeutet, daß ich nach neun Monaten, in denen ich fast ausschließlich für den Podcast gelesen habe, endlich einmal wieder nur für mich lesen kann, ohne mir dabei Gedanken zu machen, wie man diese Geschichte gut in fünf Minuten erzählen kann ohne zu spoilern, oder schwierige Themen nicht ausreichend oder sensibel genug zu besprechen.
Es haben sich wirklich viele Titel angesammelt, die ich angelesen und wieder abgebrochen habe, weil sich nicht wirklich in den Podcast gepasst haben, oder weil ich keine Zeit hatte, dickere Bücher zu lesen.
Jetzt habe ich mir vorgenommen, diese Romane endlich einmal alle fertig zu lesen, trotzdem gibt es auch wieder einige Titel, die ich noch unbedingt im Dezember lesen möchte. Mal sehen, wie weit ich mit meinem Stapel komme!

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Den Anfang macht ein Titel, der einfach perfekt zur Jahreszeit passt: „Winter“ von Ali Smith.
„Winter“ ist der zweite Teil ihres Jahreszeiten-Quartetts, von dem ich bereits letztes Jahr „Herbst“ gelesen habe. Die beiden Teile hängen wohl nicht direkt zusammen, Gerüchten zufolge sollen die verschiedenen Geschichten erst im letzten Band „Sommer“ zueinander finden.
Smiths Schreibstil fordert zwar definitiv meine ganze Aufmerksamkeit, trotzdem begeistern mich ihre Charaktere und ihr trockener Humor.

Deutlich leichter, aber ebenso magisch ist der Stil von Nina LaCour, deren neustes Buch „Watch Over Me“ ich mir gleich auf Englisch kaufen musste.
Vor zwei Jahren las ich ebenfalls im Dezember ihren Roman „We Are Okay“ („Alles okay“), was die perfekte Lektüre für diesen Monat war, denn die Geschichte spielte auch während eines verschneiten Dezembers, was ein unheimlich schönes Leseerlebnis war.

In „Watch Over Me“ geht es wieder um eine Außenseiterin, die eine Job auf einer abgelegenen Farm annimmt, auf der es spuken soll. Eine richtig tolle Geschichte für diese düstere Jahreszeit!

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Eine weitere mystische Geschichte ist „Piranesi“ von Susanna Clarke.
Vor 15 oder 16 Jahren las ich ihr Mammutwerk „Jonathan Strange & Mr. Norrell“, eine unheimlich umfangreiche und literarisch ansprechende Geschichte über die Rivalität von zwei Zauberern. Dank der über tausend Seiten und der unzähligen (winzig gedruckten) Fußnoten brauchte ich eine gefühlte Ewigkeit, um dieses Buch zu beenden und auch wenn es seine Längen hatte, schuf Susanna Clarke in meinem Kopf Bilder, die ich nie vergessen konnte.

In „Piranesi“ geht es um einen Mann, der in einem magischen Haus lebt, das fast in eigenes Universum (mit einem Ozean und eigenem Wetter) ist. Während meiner Quarantäne hätte ich so ein großes Haus gut gebrauchen können!

Auf „Was der Fluss erzählt“ von Diane Setterfield bin ich auch schon wirklich gespannt. Ihr Debütroman „Die dreizehnte Geschichte“ ist eines meiner Lieblingsbücher. Ihr zweites Buch „Aufstieg und Fall des Wollspinners William Bellman“ dagegen hat mich wirklich enttäuscht.
Natürlich haben es Folgewerke von persönlichen Favoriten immer schwer, vielleicht ist es also ganz gut, daß meine Erwartungen an „Was der Fluss erzählt“ nicht besonders hoch sind.

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Ein Titel in den ich leider jetzt schon sehr hohe Erwartungen setze, ist „Hard Land“, der neuste Roman von Benedict Wells. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist eines meiner liebsten Bücher der letzten Jahre, die Messlatte liegt also extrem hoch.
Das Buch erscheint erst am 24.02.2021, aber auch wenn mein Lesestapel eigentlich schon hoch genug ist, muss es erlaubt sein, eine Neuerscheinung aus dem nächsten Frühjahr zu lesen, wenn sie von einem Lieblingsautor kommt.

Ebenfalls aus dem Hause Diogenes stammt das neue Buch von Bernhard Schlink. Ich habe zwar schon mehrere Romane von ihm gelesen, „Abschiedsfarben“ sind aber nun Kurzgeschichten.
Ich bin jedenfalls gespannt!

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Die nächsten zwei Titel könnte man wohl als Sachbücher bezeichnen, auch wenn sich „Männer in Kamelhaarmänteln“ wohl keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt.
Darin erzählt Elke Heidenreich in kurzen Episoden von Kleidungsstücken, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben.

Mackenzie Lee hat mich letztes Jahr mit ihrer rotzfrechen Schreibe in „Kick-Ass Women“ begeistert, jetzt ist ihr neustes Sachbuch „Eine Weltgeschichte in 50 Hunden“ erschienen.
Gerade fällt mir übrigens ein, daß ich den Vorgänger bei einem außerplanmäßigen Besuch im Krankenhaus beendet habe. – Hoffentlich bleibt mir das bei diesem Buch erspart!

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Und dann gibt es auch noch zwei weihnachtliche Titel.

„Das Wunder von R.“ von Francesca Cavallo (der Co-Autorin von „Good Night Stories for Rebel Girls“) ist gerade im neuen Mentor Verlag erschienen.
Besonders schön: In dieser Weihnachtsgeschichte ab 8 Jahren geht es um eine Familie mit zwei Mamas.

Deutlich gruseliger kommt dagegen die Graphic Novel „Der Speichermann“ von Kai Meyer – illustriert von Jana Heidersdorf – daher.
Ehrlich gesagt habe ich schon beim Durchblättern ein bißchen Angst bekommen, aber die Illustrationen sind auch ganz wunderbar schaurig.

Mal sehen, wie weit ich mit all den neuen Büchern und dem halb gelesenen Stapel komme. Ich wünsche euch allen jedenfalls eine schöne Vorweihnachtszeit!

Eure Andrea

Review: Hundert Augen

Zugegeben, manchmal hat man Autoren und Titel einfach nicht auf dem Schirm. Doch dann stolpert man über ein Cover, an dem man einfach nicht vorbeigehen kann und entdeckt dabei ein Lesehighlight. So ging es mir mit „Hundert Augen“.

In ihrem neusten Roman erfindet die argentinische Autorin Samanta Schweblin eine technische Spielerei, die Menschen auf der ganzen Welt auf eine innovative Weise miteinander vernetzen soll: die Kentukis.
Diese Plüschtiere sind mit Rädern, Kamera und Mikro ausgestattet und lassen sich über das Internet steuern. Eigentlich ist das doch nichts Neues, mag man denken, doch die Kentukis funktionieren nach einem einzigartigen Prinzip: Derjenige, der das Kentuki kauft und der, der es über das Internet steuert
wissen zunächst einmal nichts voneinander, denn Geräte und Zugangscodes werden getrennt voneinander verkauft und nach dem Zufallsprinzip miteinander verbunden. Da die Kentukis nur ein „Leben“ haben und sowohl die Geräte, als auch die Zugangscodes nicht mehr aktivierbar sind, sollte die Verbindung einmal unterbrochen werden, entwickeln sich zwischen den Besitzern und ihren Kentukis oft enge Bande, fast wie bei einem Haustier.

In „Hundert Augen“ folgen wir fünf Protagonisten ab der Inbetriebnahme ihres Kentukis. Da sind Emilia, eine ältere Frau, deren Sohn weit weg lebt und den sie sehr vermisst und der kleine Marvin, dessen Mutter gestorben ist und der sich seitdem furchtbar alleine fühlt. Beide steuern Kentukis in völlig verschiedenen Erdteilen; während Emilia ihre Nachmittage nun in der Wohnung einer jungen deutschen Frau verbringt, für die sie schon bald mütterliche Gefühle entwickelt, steuert Marvin ein Kentuki in Norwegen, das zunächst in einem Schaufenster gefangen ist und das der Junge auf eine abenteuerliche Reise in den Schnee schicken will.

Enzo und Carmen sind dagegen Besitzer von Kentukis. Enzo zunächst eher gegen seinen Willen, da seine Exfrau darauf besteht, daß er ein solches Gerät als Haustierersatz für den gemeinsamen Sohn besorgt. Doch schon bald hat Enzo das Gefühl in seinem neuen Gefährten eine wunderbare Ergänzung zur Familie gefunden zu haben.
Carmen dagegen kauft sich ihr Kentuki eher aus Langeweile. Da ihr Mann ein Stipendium in Mexiko erhalten hat, sitzt sie nun mit ihm in einer Künstlerkolonie fest, in der sie kaum Anschluss findet. Doch schon bald bereut sie ihre Entscheidung und beginnt all ihren Frust auf den Kentuki zu projizieren.

Grigor dagegen verdient sein Geld mit einer schlauen Geschäftsidee; denn viele Menschen wollen nicht die Katze im Sack kaufen. Also kauft er Zugangscodes für Kentukis, spioniert diese aus und schreibt Steckbriefe, die seine Kunden informieren, in welchen Land sich das Gerät befindet, mit wie vielen Personen welcher Altersgruppe es zusammenlebt, in welchem sozialen Umfeld es sich bewegt und was es dort alles zusehen gibt. Die Zugangscodes mit diesen Informationen verkauft er dann für ein Vielfaches des regulären Preises an Kunden, die ganz gezielte Vorstellungen haben, was sie sehen und erleben wollen.

Neben diesen fünf Geschichten, deren Kapitel sich immer wieder abwechseln, gibt es noch weitere, einzelne Episoden aus dem Kentuki-Kosmos und die sind so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Mal verlieben sich zwei Kentukis ineinander, mal beginnt eines, den Besitzer zu erpressen und fast immer versuchen die Kentukis und ihre Herren, Kontakt miteinander aufzunehmen und zeigen sich dabei von ihrer besten, oft genug aber von ihrer schlechtesten Seite.

„Hundert Augen“ war wohl eines meiner intensivsten Leseerlebnisse dieses Jahr. Sofort stellt man sich die Frage, was man denn selbst wohl lieber wäre? Ein Kentuki oder sein Herr?
Ist man voyeuristisch genug, um das Leben einer Person oder auch deren ganzer Familie mehrere Stunden am Tag zu beobachten oder ist man so exhibitionistisch, einem völlig Fremden uneingeschränkten Zugang zu seinem Privatleben zu geben.
Schnell stoßen auch die Protagonisten in „Hundert Augen“ an ihre Grenzen und das sorgt beim Lesen immer wieder für Gänsehautmomente.

Dabei nimmt sich Samanta Schweblin sehr zurück, sie verzichtet darauf, die Emotionen der Charaktere lang und breit zu schildern, sondern lässt den Leser die Geschichten unmittelbar miterleben und so selbst in die Rolle des Protagonisten versetzen.
Durch diese erzählerisch direkte Art, in der man ständig Grenzsituationen durchlebt, wurde „Hundert Augen“ zu einem der Bücher, die mich dieses Jahr wohl am meisten beeindruckt haben und das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Mehr zu diesem Buch erfahrt ihr übrigens auch in der neusten Folge von „Seite an Seite“:
#19 „100 Augen – 100 Punkte“

Kurz und knapp: Empfehlungen aus dem Podcast #1

In den letzten Monaten war ich ja auf diesem Blog nur recht sporadisch aktiv.
Der Grund dafür war in erster Linie der Lockdown, durch den ich drei Monate lang keine freie Minute für mich hatte.
Ich kann mich wirklich nur vor den Laptop setzen und konzentriert schreiben, wenn kein Kind um mich herumspringt und meine Aufmerksamkeit fordert. Ach ja, und natürlich wäre es dazu auch hilfreich, tatsächlich vor einem Laptop sitzen zu können. Wenn der aber vom großen Sohn beansprucht wird, um seine Schulaufgaben machen zu können, dann wird schnell klar, daß für das Bloggen kaum Zeit bleibt.

Ein weiterer Grund, der zu der Corona-Krise dazu kam, war daß der Seite an Seite – Podcast meines Kollegen Andi und mir Anfang März seinen Relaunch erlebte und seitdem ganz professionell von Hugendubel produziert wird.
Während Andi und ich also früher in unseren „Wohnzimmerfolgen“ einfach losredeten und uns keinerlei Gedanken über Form und Gliederung machten, werden die neuen Episoden natürlich wesentlich intensiver vorbereitet. Dazu gehört auch, daß wir ein Skript schreiben, um unserer Redakteurin eine Art Fahrplan für die Folge zu geben und auch um uns abzustimmen, über welche Themen wir diskutieren wollen.
Nun ist es so, daß sich die Skripte, die wir schreiben, einfach nicht auf den Blog übertragen lassen. Dazu sind sie viel zu stichpunktartig und zu unvollständig.
Wenn ich dann aber bereits ein Skript zu einem Buch angefertigt und auch schon im Podcast ausführlich davon erzählt habe, stelle ich inzwischen fest, daß ich bei den meisten Titeln wenig hinzufügen kann. Es fühlt sich dann für mich fast so ein, als würde ich nur noch vom Podcast abschreiben.
Deshalb dachte ich, daß es doch schön wäre, die Titel an dieser Stelle noch einmal kurz und knapp vorzustellen und wenn ihr Lust bekommen habt, mehr zu erfahren, dann könnt ihr das ganz einfach in der entsprechenden Podcast-Folge tun.

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Jasmin Schreiber – Marianengraben

In unserer ersten professionellen Folge, die ihr als Folge #5 hören könnt (immerhin hatten wir vier Episoden bereits mit liebevollem Dilettantismus und wenig Ahnung von Schnittprogrammen in Andis Wohnzimmer aufgenommen) stellte ich Jasmin Schreibers Debütroman „Marianengraben“ vor.

Darin wird die Geschichte von Paula erzählt, die nicht über den Tod ihres kleinen Bruders Tim hinwegkommen kann. Als sie aber eines Nachts auf dem Friedhof einbricht, macht sie eine Begegnung, die ihrem Leben eine völlig neue Richtung geben und sie auf einen unerwarteten Roadtrip schicken wird.

In „Marianengraben“ gelingt Jasmin Schreiber der Spagat zwischen Humor und Traurigkeit perfekt. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe die schönsten Sätze daraus auswendig gelernt… Was will man mehr?

Nachzuhören in Folge #5 Nackt im Hotel Corona

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Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Kaum tauchen wir aus dem Marianengraben auf, erwarten uns schon die nächsten Abgründe mit Katya Apekinas literarischen Erfolgsdebüt „Je tiefer das Wasser“.

Als sich ihre Mutter versucht, das Leben zu nehmen, werden die Schwestern Edie und Mae von Louisiana nach New York geschickt, wo sie von nun an bei ihrem Vater, einem berühmten Schriftsteller, leben sollen. Zu dem hatten die beiden zwar keinerlei Kontakt seit er die Familie kurz nach Maes Geburt verließ, trotzdem kümmert er sich sofort rührend um seine Töchter. Es scheint, als wolle er die verlorenen Jahre wieder gutmachen, doch seine immer besitzergreifendere Art bereitet Edie schnell Kopfzerbrechen. Sie sieht ihre Loyalitäten klar bei der Mutter und bricht auf, um sie aus der Nervenklinik zu befreien. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwestern voneinander getrennt sind, entwickelt sich zwischen den Mädchen und dem jeweiligen Elternteil eine immer verstörender werdende Dynamik.

„Je tiefer das Wasser“ ist ein Roman, der dem Leser die volle Dramatik der Geschichte nur nach und nach preisgibt. Erzählerisch macht das Katya Apekina mit verschiedenen Erzählebenen und Perspektiven so gekonnt, daß ich fast gar nicht glauben kann, daß dies ihr erster Roman ist.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, was wir von dieser Autorin noch alles in Zukunft erwarten dürfen.

Nachzuhören in Folge #6 Germanys next Lovestory

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Angie Kim – Miracle Creek

Ein Gesellschaftsroman, der auch ein Thriller sein könnte, ist „Miracle Creek“ von Angie Kim. Darin geht es um die Bewohner der Kleinstadt Miracle Creek, in der ein schreckliches Unglück passiert ist: bei einer Explosion starben zwei Menschen, darunter der achtjährige Henry. Nun ist ausgerechnet seine Mutter Elizabeth wegen Mordes angeklagt; doch ist der Fall wirklich so klar, wie es zunächst den Anschein hat?

Als die Betroffenen ihre Aussagen machen, begreift man als Leser schnell, daß jeder etwas zu verheimlichen hat und das der Fall nur gelöst werden kann, wenn man die Widersprüche in den Aussagen aufdeckt und so der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ein wirklich spannender und überraschend vielschichtiger Roman, der mich ein wenig an „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joël Dicker erinnert hat.

Nachzuhören in Folge #8 Üble Überraschung

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James Baldwin – Giovannis Zimmer

Einen modernen Klassiker haben sich Andi und ich in Folge #9 mit „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin vorgenommen.

„Giovannis Zimmer“ zählt als einer der Klassiker der schwulen Literatur und wäre in den 1950er Jahren beinahe nicht erschienen; immerhin riet Baldwins Verleger ihm, das Manuskript zu verbrennen. Nun werden Baldwins Werke seit zwei Jahren in einer großartigen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow bei dtv neu aufgelegt.

David ist ein amerikanischer Auswanderer, der gemeinsam mit seiner Verlobten in Paris lebt. Als die aber alleine Urlaub in Spanien macht, verliebt sich David in Giovanni, bei dem er auch eine Zeitlang unterkommt.
Es ist nicht die erste homosexuelle Erfahrung für David, doch in den USA, wo Beziehungen zwischen Männern bei Strafe verboten sind, hat er einen regelrechten Hass auf sich und seine Gefühle entwickelt. Im liberalen Paris sieht er zum ersten Mal die Möglichkeit zu leben, ohne einen Teil seiner selbst verleugnen zu müssen. Trotzdem fühlt er, daß die Zeit mit Giovanni schon bald ein Ende finden wird.

„Giovannis Zimmer“ liest sich – trotz seiner mittlerweile siebzig Jahre – immer noch unheimlich modern, was man wohl der wirklich großartigen Neuübersetzung zuschreiben muss. Doch der innere Kampf, den David mit sich ausfechten muss, lässt einen die Unterdrückung, die queere Menschen noch vor einigen Jahrzehnten erfahren mussten, auf eine fast schon beklemmende Weise miterleben.
Baldwins berühmtestes Buch ist daher keine leichte Lektüre, aber eine absolut lohnende!

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Franziska Hauser – Die Glasschwestern

Dunja und Saphie sind Zwillinge, doch sie haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Dann aber sterben die Männer der beiden am selben Tag völlig überraschend; ein Ereignis, das die Schwestern völlig aus der Bahn wirft.
Saphie, die ein Hotel in der Kleinstadt im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet leitet, in der die Zwillinge aufgewachsen sind, stürzt sich in die Arbeit, während Dunja zunächst einmal gar nicht mehr weiß, was sie nun tun soll. Ihre Kinder sind fast erwachsen und behandeln die Mutter wie eine unliebsame Mitbewohnerin, auf die Arbeit als DaF-Lehrerin kann sie sich nicht wirklich konzentrieren und plötzlich steht die Frage im Raum, ob es nicht Zeit ist, noch einmal neu anzufangen.
Und so zieht Dunja in das Hotel ihrer Schwester, um sich neu zu orientieren, doch nach und nach scheint es, als müssten die Zwillinge das Leben der jeweils anderen übernehmen, um wieder glücklich werden zu können.

„Die Glasschwestern“ ist ein Roman, der viele Themen anschneidet: Tod, Trauer, Depression und die Abnabelung der Kinder, der aber auch auf die deutsche Geschichte kurz vor der Wende eingeht und sich mit Flucht und Verrat beschäftigt. Lauter schwierige Themen, so könnte man meinen, trotzdem liest sich dieses Buch mit einer regelrechten Leichtigkeit und unbeschwertem Humor. Denn – das wird schnell klar – die beiden Schwester und ihre Familie lieben sich trotz all des Dramas und als Leser kann man nicht anders, als sich zu wünschen, Teil dieser Familie zu sein.

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ende des 19. Jahrhunderts hat der Leiter der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, den ehrgeizigen Plan, die besten Vertreter des neuen französischen Impressionismus in sein Museum zu holen. Er ist begeistert von Monet, Manet, Renoir und Degas und erkennt als einer der Ersten, wie revolutionär diese neue Kunstform ist. Doch das ruft auch viele Neider auf den Plan. Schon bald entwickelt sich die Frage, ob diese Gemälde ausgestellt werden sollen, zu einem Politikum, das sich bis in die höchsten Kreise um Kaiser Wilhelm II. zieht.

Auch als begeisterter Kunst- und Museumsfan muss ich zugeben, daß ich zuvor noch nie von Hugo von Tschudi gehört hatte. Und das, obwohl die Bilder von van Gogh oder Degas, die ich schon oft in der Neuen Pinakothek in München gesehen hatte, dank der Tschudi-Spende nach München kamen, wo er Museumsleiter wurde, nachdem er in Berlin in Ungnade gefallen war.
Dabei war Hugo von Tschudi ein absolut faszinierender Charakter: zwar war er mit allen bedeutenden Künstlern der damaligen Zeit befreundet oder zumindest bekannt, trotzdem gibt es kein Porträt von ihm, da sein Gesicht von Lupus völlig entstellt war.

Mariam Kühsel-Hussaini schreibt über diesen faszinierenden Mann in einem Stil, der wie mit dem Pinsel eines Impressionisten aufgetragen scheint; sie erschafft neue Worte und spielt begeistert mit den Möglichkeiten der Sprache.
Es würde mich wirklich wundern, wenn dieser Titel nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchen würde.

Nachzuhören in Folge #10 First Date im Fetischshop

 

Sommerlaune im Juli

In den letzten Tagen ist es richtig heiß geworden, und ich verbringe die Tage mit meinen Kindern am See. Gelegentlich komme ich sogar dazu, ein bißchen zu Lesen und man könnte fast meinen, das Jahr würde endlich in halbwegs normale Bahnen geraten. Trotzdem stelle ich fest, daß ich immer noch aus dem Tritt bin, was meine Blogbeiträge angeht, deshalb gibt es heute (etwas verspätet) meinen Juli-Stapel.

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Einen  Titel, über den ich sogar schon in unserer neusten Podcast-Folge spreche, ist „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano.
Vor zwei Jahren war ich ja mit meinen Söhnen im Urlaub in Südtirol, wo wir auch am Reschensee mit dem berühmten Kirchturm vorbeikamen.
Balzanos Buch hat für mich nochmal ein ganz neues Licht auf dieses Erlebnis geworfen. In „Ich bleibe hier“ wird die Geschichte des Dorfes Graun in Südtirol erzählt, das zunächst zwischen die Fronten der Faschisten während des Zweiten Weltkriegs gerät und später einem Staudammprojekt zum Opfer fällt.

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Ein Buch, das ich nun auch schon länger auf meinem SUB hatte, und mit dem ich nun endlich angefangen habe, ist „The Confession“ („Die Geheimnisse meiner Mutter“) von Jessie Burton. Von ihr habe ich schon „The Miniaturist“ und „The Restless Girls“ gelesen und war von beiden sehr angetan.
Auch Burtons neuer Roman über eine junge Frau, die ohne Mutter aufwächst und nach und nach beginnt, deren Geheimnisse zu lüften, fängt schon mal sehr spannend an!

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Ein weiterer Titel, den ich schon gelesen habe und über den ihr bald mehr hören werdet, ist „Paradise City“ von Zoë Beck.
In diesem beinahe schon dystopischen Roman tauchen wir in ein Deutschland etwa hundert Jahre in der Zukunft ein. Die Küstenstädte sind überschwemmt, viele Landstriche regelrecht entvölkert, nachdem nun der Großteil der Bevölkerung in riesigen Megacities lebt.
Dank Rund-um-die Uhr-Überwachung durch eine Gesundheitsapp sind auch so gut wie alle Krankheiten ausradiert, doch die Journalistin Liina stößt auf immer mehr Ungereimtheiten…
„Paradise City“ liest sich jetzt in Zeiten von Corona an einigen Stellen ja geradezu prophetisch . Dabei hat Zoë Beck bereits vor zwei Jahren mit der Arbeit an diesem Roman begonnen. Welche Entwicklungen es nun bis zum Erscheinen dieses Thrillers gegeben hat, damit hätte Beck vermutlich nicht gerechnet!

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Eine Neuheit, die ich schon mal angelesen habe, ist „Die Sommer“ von Ronya Othmann.
Darin geht es um Leyla, die als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden in München aufwächst und die Sommer bei der Familie des Vaters in Syrien, nahe der türkischen Grenze verbringt.
Bisher eine wirklich schöne Lektüre, mit einem mitreißenden Schreibstil.
(„Die Sommer“ erscheint am 17.08.)

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Ihr wisst ja, wie sehr ich Graphic Novels liebe und deshalb freue ich mich diesen Monat ganz besonders über „Unfollow“ von Lukas Jüliger, der eine wirklich spannende Geschichte erzählt: Was, wenn die Natur zum Influencer werden würde? – Mit Instagram Account und eigenem YouTube-Kanal?
Ein wirklich einzigartiges Gedankenexperiment, dessen Bilder die Handlung perfekt in Szene setzen.

Das sind die Bücher, die ich im Juli lese/gelesen habe/lesen werde…
Kennt ihr vielleicht das ein oder andere davon?

Liebe Grüße und bleibt gesund,
Andrea

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Dezember

Jedes mal, wenn ich meinen aktuellen Monatsstapel vorstelle, denke ich mir: „Es kann doch gar nicht sein, daß es schon wieder September, Oktober, November… ist!“
Jetzt also Dezember!
Wohin ist dieses Jahr nur verschwunden?
Es kommt mir so fast vor, als wäre mein Sommerurlaub erst vor wenigen Wochen zu Ende gewesen…

In den letzten Wochen und Monaten haben sich einige Titel angesammelt, die noch vor Jahresende gelesen und rezensiert werden wollen, deshalb habe ich mir für den Dezember nicht allzuviel vorgenommen.
Man will ja schließlich keinen riesigen SUB mit ins neue Jahr nehmen…

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Drei Romane haben mich diesen Monat angelacht.

Mit dem „Tagebuch eines Buchhändlers“ habe ich schon im letzten Jahr auf Englisch geliebäugelt, dann erschien es im Sommer auf Deutsch, doch das recht winterlich anmutende Cover hat es mich bis zum Dezember aufschieben lassen.
Autor Shaun Bythell ist selbst Buchhändler und mit Booktuberin Jen Campbell befreundet, deren Empfehlungen ich ja immer sehr schätze.
Hoffentlich wird es mir im Weihnachtsgeschäft nur nicht zu viel, auch noch in meiner Freizeit von einer Buchhandlung zu lesen!

Ein Titel, auf den ich mich schon sehr freue ist „Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher.
Hier haben wir es mit einem literarischen historischen Roman zu tun, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs spielt.
Ich hoffe auf einen Titel, der mich ähnlich wie „Die Schlange von Essex“ oder Tracy Chevaliers frühe Romane begeistern kann.

Ein weiterer Roman, der sich unheimlich spannend anhört und der mir auf der Buchmesse empfohlen wurde, ist „Die Einsamkeit der Seevögel“ von Gøhril Gabrielsen.
Vor der Messe hatte ich ja einige norwegische Autoren gelesen und die Art und Weise, wie hier düstere Themen auf sehr eindringliche Weise geschildert werden, zu schätzen gelernt.
In „Die Einsamkeit der Seevögel“ begleiten wir eine Wissenschaftlerin in die winterliche Einöde an der Küste Norwegens, wo sie nicht nur auf Vögel, sondern auch ihren Geliebten wartet…
Das Setting erinnert mich an Amy Liptrots autobiografischen Roman „Nachtlichter“, der mich seinerzeit zwar nicht ganz überzeugen konnte, dessen Naturbeschreibungen mich allerdings unheimlich beeindruckt haben.

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Zwei weitere Bücher widmen sich spannenden Gedankenexperimenten.

In Ian McEwans neustem Roman „Die Kakerlake“ nimmt er die aktuelle politische Situation in Großbritannien aufs Korn, indem er Kafkas „Verwandlung“ auf den Kopf stellt und eine unbescholtene Kakerlake eines Morgens im monströsen Körper des britischen Premierministers erwachen lässt.

Gleich elf Gedankenspiele bietet „2029 – Geschichten von Morgen“, ein Erzählband, in dem elf Autoren, darunter prominente Namen wie Vea Kaiser und Thomas Glavinic ihre Vorstellungen von unserer Welt in zehn Jahren zu Kurzgeschichten verarbeitet haben.

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Zum Schluß gibt es diesen Monat ganze drei Graphic Novels.

Aus der Reihe „Die Unheimlichen“ aus dem Carlsen Verlag erschien jetzt Sophokles‘ „Antigone“ mit Illustrationen von Olivia Viehweg und außerdem ganz neu: „Der goldene Kompass“ nach dem Roman von Philip Pullman, illustriert von Stéphane Melchior und Clément Oubrerie.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, daß ich mit der „His Dark Materials“-Reihe nie so richtig warm geworden bin, was mich selbst ein wenig ärgert, weil ich weiß, wie viele Menschen, deren Empfehlungen ich sehr schätze, diese Bücher lieben.
Vielleicht schafft es ja die Graphic Novel, mich doch noch für die Romane zu begeistern.

Zu guter Letzt liegt noch „Schwarze Seerosen“ auf meinem Lesestapel, ein Krimi der in Giverny spielt, dem Dorf, in dem Monet seine berühmten Seerosenbilder gemalt hat.
Michel Bussis Roman, auf dem diese Graphic Novel basiert, ist bisher noch nicht auf Deutsch übersetzt worden, schön also, das die Geschichte nun über die Umsetzung von Didier Cassegrain und Fred Duval ihren Weg zu uns findet.

Euch allen wünsche ich eine schöne Adventszeit, egal ob Ihr Weihnachten feiert, oder nicht.
Und weil es schnell recht stressig werden kann, lasse ich Euch heute nochmal meine Tipps für halbwegs stressfreies Einkaufen im Weihnachtsgeschäft da.

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Willkommen im Weihnachtswahnsinn

Kommt gut durch die Zeit!

Eure Andrea

 

Nebeliger November

Willkommen im November!
Der Monat begrüßt mich mit nassgrauem Wetter und in den Isarauen, die ich von meinem Fenster aus überblicken kann, hängt noch immer der Nebel…
Zeit, es sich mit einem dicken Stapel Romane und einer Tasse Tee unter der Kuscheldecke gemütlich zu machen!

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Meine ersten beiden Bücher kommen dann auch gleich sehr herbstlich daher, was Titel und Cover betrifft, nämlich „Herbst“ von Ali Smith und „Fuchs 8“ von George Saunders.

Auf „Herbst“ bin ich schon sehr gespannt, schließlich schwärmt Jen Campbell auf ihrem YouTube-Kanal ständig von Smiths „Jahreszeiten-Quartett“.
Während der letzte Band der Reihe, „Summer“, nach „Winter“ und „Spring“ bald auf Englisch erscheinen wird, wurde nun mit „Herbst“ der erste Band, der auch für den Booker Prize nominiert war, auf Deutsch vorgelegt.

Ein ganz schmales Bändchen ist dagegen „Fuchs 8“ von George Saunders.
Saunders war lustigerweise im gleichen Jahr wie Ali Smith für den Booker Prize nominiert, hat diesen aber dann auch gewonnen und zwar für seinen einzigartigen Roman „Lincoln im Bardo“.
„Fuchs 8“ dagegen ist eine Kurzgeschichte, die illustriert und als kleine Einzelausgabe herausgebracht wurde.
Da mir Saunders innovativer und außergewöhnlicher Stil in „Lincoln im Bardo“ sehr imponiert hat, bin ich nun gespannt auf diese Geschichte, die aus der Sicht eines Fuches erzählt wird.

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Die nächsten beiden Bücher scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben, außer daß sie schmale Bändchen von jeweils deutlich unter 200 Seiten sind, für mich sind sie jedoch stark mit meinen Erinnerungen an die Frankfurter Buchmesse verknüpft.

Mona Høvring war ja als Vertreterin des Gastlandes Norwegen auf die Messe gekommen, wo Isa von it’s Vonk ein tolles Interview mit ihr geführt hat, das ihr hier sehen könnt.
Auf Isas Empfehlung hin hatte ich deshalb auch noch vor der Messe ihren Roman „Was helfen könnte“ gelesen und war einfach begeistert, wie diese Autorin es schafft, große Panoramen mit wenigen Sätzen zu zeichnen.
Deshalb musste ihr neustes Buch „Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte“ dann auch unbedingt auf meinen Novemberstapel.

Darin geht es übrigens um zwei Schwestern, genauso wie im nächsten Buch, das ich mit der Buchmesse verbinde: „Die langen Arme“ von Sebastian Guhr.
Guhr war der Gewinner der zweiten Staffel des Blogbuster-Preises, von dem nun auf der Messe der Startschuss zur dritten Staffel gegeben wurde.
Und dieses Mal bin ich mit dabei in der Blogger-Jury!
Wer also ein fertiges Romanmanuskript zu Hause hat, der sollte auf die Website des Blogbuster Awards gehen und überlegen, ob er sich nicht bewerben möchte.
Dabei lesen zehn Blogger die Manuskripte und wählen jeweils einen Favoriten aus. Diese Longlist geht dann an die Fachjury und der Gewinnertitel wird in dieser Staffel bei Eichborn verlegt.
Doch auch viele Autoren, die nicht den ersten Preis gewonnen haben, schafften es in vergangenen Staffeln, durch die Aufmerksamkeit, einen Verlagsvertrag zu ergattern, wie zum Beispiel Gunnar Kaiser mit seinem Roman „Unter der Haut“.
Ein wirklich spannendes Projekt, auf das ich mich schon ungemein freue!

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Auf der Buchmesse traf ich beim KiWi-Verlag dann auch die Autorin eines meiner nächsten Titel: Dana von Suffrin stellte dort nämlich ihren Debütroman „Otto“ vor und brachte die ganze Runde sehr zum Lachen…

Wer mich auch immer wieder zum Schmunzeln bringt, ist ja Philipp Tingler, von dem ich bisher tatsächlich noch nichts gelesen habe, dessen Videos mit Nicola Steiner ich aber gerne mal in Dauerschleife sehe. Schaut einfach mal unter „Steiner/Tingler“ bei YouTube! Die Dynamik der beiden macht einfach unheimlich Spaß, da bin ich schon gespannt, auf Tinglers neusten Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“.

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Gleich drei Titel, die sich mit Frauen und ihren Lebensentscheidungen beschäftigen, liegen diesen Monat auf meinem Lesestapel:
In „Drei Wünsche“ von Laura Karasek geht es um drei Frauen um die dreißig, die wichtige Lebensentscheidungen treffen müssen…
Etwas weiter im Leben sind wir dann bei „Die Zehnjahrespause“ von Meg Wolitzer. Hier geht es um vier Frauen Anfang vierzig, die alle feststellen, daß es eben nicht einfach ist, Kinder und Karriere gut miteinander zu vereinbaren und die nun die Weichen für ihr zukünftiges Leben stellen müssen.
Wolitzers letzter Roman „Das weibliche Prinzip“ hatte es ja recht schwer, weil es als feministisches Buch vermarktet wurde, obwohl der Fokus der Geschichte eigentlich woanders lag. Trotzdem hatten mich ihre starken, sehr lebensnahen Charaktere beeindruckt, weshalb ich ihrem neuen Buch gerne nochmal eine Chance geben wollte.
In „Tage des Verlassenwerdens“ von Elena Ferrante geht es dann, wie man sich schon denken kann, um das Ende einer Ehe…
Während ich die Neapolitanische Saga zwar ganz nett, aber nicht unbedingt beeindruckend fand, gehörte ihr früher Roman „Frau im Dunkel“, das im Frühling erstmal auf Deutsch erschien zu meinen Lesehighlights des Jahres.
„Tage des Verlassenwerdens“ soll ähnlich sein, also habe ich sehr hohe Erwartungen an dieses Buch!

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Zum Schluß werden wir noch ein bißchen klassisch…
„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder handelt von Gustav Meyrink, dem Autor des „Golem“. Der soll hier gegen Honorar ein Buch schreiben, das den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg gibt. Das hört sich für mich nach einem unheimlich spannenden Roman an!

Und weil mittlerweile nun wirklich jeder mitbekommen haben dürfte, wie sehr ich gut illustrierte Bücher liebe, freue ich mich diesen Monat sehr auf „Die Nibelungen“ aus der Insel-Bücherei, die von Burkhard Neie illustriert wurden. Ich bin ja ein großer Fan von Neies Illustrationsstil und freue mich schon sehr auf diesen Augenschmaus…
In der Insel-Bücherei gibt es von Neie übrigens bereits zwei Bände mit deutschen Sagen und zwei mit Balladen, die ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann!

Das ist er also, mein November-Stapel…
Unglaublich, wie schnell das Jahr vergeht!
Kommt gut und ohne Schnupfen durch den Monat!

Verfrorene Grüße,
Eure Andrea

Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 2 und alle Fragen offen

Letzten Monat ging ja die erste Folge unseres Literaturpodcasts „Seite an Seite“ online und die Reaktionen darauf haben meinen Kollegen Andi und mich wirklich komplett geplättet. Wir hätten wohl nie gedacht, daß unsere kleine Idee so gut ankommen würde und wir gleich so viele Zuhörer hätten.

Natürlich hat es sehr geholfen, daß Friedemann Karig den Podcast auf Instagram geteilt hat… und schwupps hatten wir innerhalb von zwei, drei Tagen die ersten hundert Hörer!

Das viele positive Feedback hat uns sehr viel bedeutet und definitiv motiviert, damit weiterzumachen.
Nun haben wir also wieder einen Monat lang gelesen und uns für Euch gleich mal die ersten Neuerscheinungen des Herbstprogramms vorgenommen.

Viel Spaß also, bei der neusten Folge!

Unsere Titel für diesen Monat sind:

fbt

Andi:
Sally Rooney – Gespräche mit Freunden
Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Andrea:
Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
Kristin Höller – Schöner als überall

fbt

Und zusammen sprechen wir über:
Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios
Anika Decker – Wir von der anderen Seite

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

Ihr findet uns direkt hier: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Oder auf Spotify: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Und bei iTunes: Seite an Seite – Der Literaturpodcast

Und auf Instagram findet Ihr uns unter: seiteanseite.podcast

Schaut auf jeden Fall mal bei uns vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

Cover

Review: Schöner als überall

Wenn ich mich jetzt schon auf ein Debüt des Jahres festlegen müsste, dann würde ich wohl für „Schöner als überall“ von Kristin Höller stimmen.
Dieser Roman hat mich die letzten Tage sehr begeistern können und das, obwohl ich anfangs eher skeptisch war.

Der Ich-Erzähler Martin ist ein eher unscheinbarer Student, dessen ganzes Leben sich um seinen besten Freund Noah zu drehen scheint. Seit frühster Kindheit sind die beiden unzertrennlich und als der charismatische Noah das Heimatdorf verlässt, um in München Schauspieler zu werden, kommt Martin ganz selbstverständlich mit.
Doch bereits nach seinem ersten Film gerät Noahs Karriere ins Stocken. Weitere Filmangebote lassen auf sich warten, also stürzt er sich ins Münchner Nachtleben; immer mit Martin an seiner Seite.

Eines Nachts passiert dann etwas, was das Leben der beiden Freunde zunächst einmal ziemlich auf den Kopf stellt: als Noah versucht, völlig betrunken auf die Athene Statue am Königsplatz zu klettern, bricht ihr Bronzespeer ab. Er nimmt das massive Teil kurzerhand mit nach Hause, doch gleich am nächsten Tag wird Noah klar, was er da angerichtet hat. Von 10.000 € Sachschaden ist die Rede und so mietet er einen Transporter und sammelt Martin in der nächsten Nacht ein, um den Speer verschwinden zu lassen.

Doch was beginnt wie ein Roadmovie endet schon früh am nächsten Morgen, als die beiden in der Kleinstadt ihrer Kindheit, irgendwo im Nirgendwo eintreffen. Der Speer wird schnell im örtlichen Baggersee versenkt, die beiden Freunde bleiben zunächst einmal etwas planlos vor Ort, beziehen ihre alten Kinderzimmer in den Elternhäusern und schlüpfen in die abgetragenen Klamotten, die man beim Auszug vor zwei Jahren zurückgelassen hat.

Noah fällt es leicht, nahtlos an sein altes Leben anzuknöpfen. Er lädt sofort die Freunde von damals zum Grillen ein, bandelt mit der früheren Freundin an und genießt die Zeit bei seinen Eltern, ohne ein Auge für deren Probleme zu haben.
Martin dagegen blickt zum ersten Mal von außerhalb auf sein früheres Leben und kann endlich seinen Finger auf all das legen, was ihr damals gestört hat und wovon er sich befreien wollte…

Als ich mit „Schöner als überall“ begann, war ich zunächst nicht besonders überzeugt.
Sprachlich ist die Geschichte in einem recht schluffigen Stil ohne direkte Rede gehalten, den man ja aus diversen anderen Romanen der letzten Zeit kennt, in denen ein junger Ich-Erzähler das Wort hat.
Auch inhaltlich bekommen wir es zunächst mit zwei Motiven zu tun, die in den letzten Jahren bereits zur Genüge durchgekaut wurden: einem Roadtrip und einer ungleichen Männerfreundschaft…

Doch dann macht Kristin Höller etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: sie nimmt all das und geht in eine eigene, ganz neue Richtung. Der Raodtrip ist so schnell zu Ende, wie er begonnen hat und wird zu einer Geschichte über das nach Hause kommen. Die ungleiche Männerfreundschaft wird weder toxisch, noch entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, stattdessen kommt es zu einem Gleichgewicht zwischen Martin und Noah.

Und auch die etwas naive Erzählweise begeistert dann mit wirklich wunderschönen Sätzen, profunden Wahrheiten und pointierten Aussagen. Manche Absätze musste ich zwei-, dreimal lesen, einfach weil sie so schön waren, daß ich gar nicht genug davon bekommen konnte.

Mit „Schöner als überall“ hat Kristin Höller ein wirklich beachtliches Debüt vorgelegt, das sich sofort einen Platz auf der Liste meiner Lesehighlights des Jahres gesichert hat und das hoffen lässt, daß wir in Zukunft noch mehr von dieser vielversprechenden Autorin erwarten dürfen.

Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

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Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

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Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

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Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

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Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert, auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman „Schöner als überall“ von Kristin Höller sehr vielversprechend an!

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Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman. Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

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Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über „Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren“ von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel „Sumpfland“ ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

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Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners „Woyzeck“ vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea