Nebeliger November

Willkommen im November!
Der Monat begrüßt mich mit nassgrauem Wetter und in den Isarauen, die ich von meinem Fenster aus überblicken kann, hängt noch immer der Nebel…
Zeit, es sich mit einem dicken Stapel Romane und einer Tasse Tee unter der Kuscheldecke gemütlich zu machen!

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Meine ersten beiden Bücher kommen dann auch gleich sehr herbstlich daher, was Titel und Cover betrifft, nämlich „Herbst“ von Ali Smith und „Fuchs 8“ von George Saunders.

Auf „Herbst“ bin ich schon sehr gespannt, schließlich schwärmt Jen Campbell auf ihrem YouTube-Kanal ständig von Smiths „Jahreszeiten-Quartett“.
Während der letzte Band der Reihe, „Summer“, nach „Winter“ und „Spring“ bald auf Englisch erscheinen wird, wurde nun mit „Herbst“ der erste Band, der auch für den Booker Prize nominiert war, auf Deutsch vorgelegt.

Ein ganz schmales Bändchen ist dagegen „Fuchs 8“ von George Saunders.
Saunders war lustigerweise im gleichen Jahr wie Ali Smith für den Booker Prize nominiert, hat diesen aber dann auch gewonnen und zwar für seinen einzigartigen Roman „Lincoln im Bardo“.
„Fuchs 8“ dagegen ist eine Kurzgeschichte, die illustriert und als kleine Einzelausgabe herausgebracht wurde.
Da mir Saunders innovativer und außergewöhnlicher Stil in „Lincoln im Bardo“ sehr imponiert hat, bin ich nun gespannt auf diese Geschichte, die aus der Sicht eines Fuches erzählt wird.

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Die nächsten beiden Bücher scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben, außer daß sie schmale Bändchen von jeweils deutlich unter 200 Seiten sind, für mich sind sie jedoch stark mit meinen Erinnerungen an die Frankfurter Buchmesse verknüpft.

Mona Høvring war ja als Vertreterin des Gastlandes Norwegen auf die Messe gekommen, wo Isa von it’s Vonk ein tolles Interview mit ihr geführt hat, das ihr hier sehen könnt.
Auf Isas Empfehlung hin hatte ich deshalb auch noch vor der Messe ihren Roman „Was helfen könnte“ gelesen und war einfach begeistert, wie diese Autorin es schafft, große Panoramen mit wenigen Sätzen zu zeichnen.
Deshalb musste ihr neustes Buch „Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte“ dann auch unbedingt auf meinen Novemberstapel.

Darin geht es übrigens um zwei Schwestern, genauso wie im nächsten Buch, das ich mit der Buchmesse verbinde: „Die langen Arme“ von Sebastian Guhr.
Guhr war der Gewinner der zweiten Staffel des Blogbuster-Preises, von dem nun auf der Messe der Startschuss zur dritten Staffel gegeben wurde.
Und dieses Mal bin ich mit dabei in der Blogger-Jury!
Wer also ein fertiges Romanmanuskript zu Hause hat, der sollte auf die Website des Blogbuster Awards gehen und überlegen, ob er sich nicht bewerben möchte.
Dabei lesen zehn Blogger die Manuskripte und wählen jeweils einen Favoriten aus. Diese Longlist geht dann an die Fachjury und der Gewinnertitel wird in dieser Staffel bei Eichborn verlegt.
Doch auch viele Autoren, die nicht den ersten Preis gewonnen haben, schafften es in vergangenen Staffeln, durch die Aufmerksamkeit, einen Verlagsvertrag zu ergattern, wie zum Beispiel Gunnar Kaiser mit seinem Roman „Unter der Haut“.
Ein wirklich spannendes Projekt, auf das ich mich schon ungemein freue!

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Auf der Buchmesse traf ich beim KiWi-Verlag dann auch die Autorin eines meiner nächsten Titel: Dana von Suffrin stellte dort nämlich ihren Debütroman „Otto“ vor und brachte die ganze Runde sehr zum Lachen…

Wer mich auch immer wieder zum Schmunzeln bringt, ist ja Philipp Tingler, von dem ich bisher tatsächlich noch nichts gelesen habe, dessen Videos mit Nicola Steiner ich aber gerne mal in Dauerschleife sehe. Schaut einfach mal unter „Steiner/Tingler“ bei YouTube! Die Dynamik der beiden macht einfach unheimlich Spaß, da bin ich schon gespannt, auf Tinglers neusten Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“.

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Gleich drei Titel, die sich mit Frauen und ihren Lebensentscheidungen beschäftigen, liegen diesen Monat auf meinem Lesestapel:
In „Drei Wünsche“ von Laura Karasek geht es um drei Frauen um die dreißig, die wichtige Lebensentscheidungen treffen müssen…
Etwas weiter im Leben sind wir dann bei „Die Zehnjahrespause“ von Meg Wolitzer. Hier geht es um vier Frauen Anfang vierzig, die alle feststellen, daß es eben nicht einfach ist, Kinder und Karriere gut miteinander zu vereinbaren und die nun die Weichen für ihr zukünftiges Leben stellen müssen.
Wolitzers letzter Roman „Das weibliche Prinzip“ hatte es ja recht schwer, weil es als feministisches Buch vermarktet wurde, obwohl der Fokus der Geschichte eigentlich woanders lag. Trotzdem hatten mich ihre starken, sehr lebensnahen Charaktere beeindruckt, weshalb ich ihrem neuen Buch gerne nochmal eine Chance geben wollte.
In „Tage des Verlassenwerdens“ von Elena Ferrante geht es dann, wie man sich schon denken kann, um das Ende einer Ehe…
Während ich die Neapolitanische Saga zwar ganz nett, aber nicht unbedingt beeindruckend fand, gehörte ihr früher Roman „Frau im Dunkel“, das im Frühling erstmal auf Deutsch erschien zu meinen Lesehighlights des Jahres.
„Tage des Verlassenwerdens“ soll ähnlich sein, also habe ich sehr hohe Erwartungen an dieses Buch!

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Zum Schluß werden wir noch ein bißchen klassisch…
„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder handelt von Gustav Meyrink, dem Autor des „Golem“. Der soll hier gegen Honorar ein Buch schreiben, das den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg gibt. Das hört sich für mich nach einem unheimlich spannenden Roman an!

Und weil mittlerweile nun wirklich jeder mitbekommen haben dürfte, wie sehr ich gut illustrierte Bücher liebe, freue ich mich diesen Monat sehr auf „Die Nibelungen“ aus der Insel-Bücherei, die von Burkhard Neie illustriert wurden. Ich bin ja ein großer Fan von Neies Illustrationsstil und freue mich schon sehr auf diesen Augenschmaus…
In der Insel-Bücherei gibt es von Neie übrigens bereits zwei Bände mit deutschen Sagen und zwei mit Balladen, die ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann!

Das ist er also, mein November-Stapel…
Unglaublich, wie schnell das Jahr vergeht!
Kommt gut und ohne Schnupfen durch den Monat!

Verfrorene Grüße,
Eure Andrea

Auf Achse im Oktober!

Es wird nun aber wirklich Herbst…
Die Stürme wehen, die Novitätenstapel erreichen Höhen, die mich ins Schwitzen bringen und neben dem Lesen steht einiges an im Oktober!

Mitte des Monats geht es mit den weltbesten Kollegen auf die Frankfurter Buchmesse. Mein Notizbuch platzt schon aus allen Nähten, so viele Termine hab ich mir eingetragen, und ich bin wirklich sehr gespannt, was wir dort alles erleben werden.

Ende des Monats sollte es dann hoffentlich einmal wieder Zeit für eine neue Folge von „In vollen Zügen nach…“ werden. Diesmal soll es nach Wien gehen, allerdings mit beiden Kindern und die haben schon sehr eigene Pläne, was sie dort anstellen wollen!
Ich hoffe aber trotzdem, daß vielleicht ein, zwei Buchhandlungen auf dem Weg liegen werden, über die ich dann berichten kann. Also, liebe Wiener: Welche Buchhandlungen sollte ich unbedingt gesehen haben?

Wie schon erwähnt wird der Novitätenstapel nicht kleiner und ich bin schon wahnsinnig gespannt auf die Titel, die ich mir diesen Monat ausgesucht habe:

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Beginnen wir einmal mit ganz viel Liebe für den Diogenes Verlag, der einen Löwenanteil zu meinem Oktoberstapel beigetragen hat.

Wie eigentlich jedes Jahr gibt es etwas Neues von meiner Lieblingsautorin Amélie Nothomb, von der ich seit meiner Ausbildung jedes Buch verschlinge. „Klopf an dein Herz“ kam schon Anfang des Jahres auf Englisch auf den Markt und so hatte ich bereits im englischsprachigen BookTube sehr begeisterte Besprechungen dazu gesehen. Nun hat das Warten endlich ein Ende!

Ein weiterer Autor, von dem jede Neuerscheinung sofort auf meiner Wunschliste landet, ist Martin Suter. Mit „Allmen und der Koi“ legt er den mittlerweile sechsten Band der Allmen-Reihe vor und auch, wenn nicht jeder Suter-Fan automatisch zum Allmen-Fan wird, mag ich die Charaktere einfach unheimlich gern.

In meinem Sommerurlaub hatte ich „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer gelesen, nun erschien der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“.
In den letzten Monaten habe ich ja langsam wieder angefangen, Hörbücher zu hören und gerade beim ersten Wolkenbruch-Roman bedauerte ich sehr, kein Hörbuch davon zu haben, denn auch wenn man jiddisch wohl ausspricht, wie es geschrieben wird, hatte ich oft keine Ahnung, wie betont wird.
Gestern habe ich dann schon mal ins Hörbuch reingehört und war sofort begeistert von Thomas Meyers Stimme. Jiddisch und ein Schweizer Akzent! – Das freut das Ohr!

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Weiter geht es mit einer ganzen handvoll Romanen:

„Gespräche mit Freunden“ von Sally Rooney hatte mein Kollege Andi ja schon im letzten Podcast vorgestellt und er war nicht wirklich überzeugt davon, allerdings lese ich ausschließlich absolut begeisterte oder komplett enttäuschte Rezensionen. Love it or hate it? Da bilde ich mir immer gern meine eigene Meinung.

Margaret Atwoods neustes Buch „Die Zeuginnen“ habe ich schon gelesen, da es allerdings im September erst auf den Markt kam, nachdem ich meinen Monatsstapel vorgestellt hatte und ich weiß, daß sich einige Leser an den Bildern in meiner Rubrik „Mit Büchern durch das Jahr“ orientieren, um bestimmte Titel wiederzufinden, von denen sie sich nur noch an das Cover erinnern, wird dieser Titel sozusagen nochmal optisch nachgereicht. Die Besprechung könnt ihr allerdings jetzt schon lesen.

Während alle über die Shortlist des Deutschen Buchpreises diskutieren, ist heimlich still und leise die Auswahlliste des Bayerischen Buchpreises erschienen. Mit dabei: „Levi“ von Carmen Buttjer.
Auch so ein Titel, auf den ich mich diesen Monat schon sehr freue!

Ein weiteres „Love it or hate it“-Buch ist wohl „Es ist Sarah“ von Pauline Delabroy-Allard. Wie gesagt; da bilde ich mir gern eine eigene Meinung.

Worauf ich mich aber schon wirklich lange freue, ist „Melmoth“ von Sarah Perry. Ihr Roman „Die Schlange von Essex“ hat mich vor zwei Jahren nach anfänglichen Startschwierigkeiten absolut begeistert, weshalb ich auch große Erwartungen an ihr neues Buch habe.

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Wer meinen Blog nicht erst seit gestern verfolgt, dürfte inzwischen wissen, wie sehr ich die Illustrationen von Kat Menschik liebe, weshalb ihr neustes Buch „Die Puppe im Grase – Norwegische Märchen“ natürlich auf meinem Lesestapel gelandet ist.
Und was für eine schöne Einstimmung auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse!

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Weil ich nicht nur gerne Bücher, sondern auch Bücher über Bücher lese, freue ich mich diesen Monat sehr über „Leseglück“ von Mareike Fallwickl und Florian Valerius und „Nervenkitzel“ von Miriam Semrau. Nachdem ich so gut wie nie Krimis lese, ist besonders letzteres eine tolle Möglichkeit für mich, mein Krimi-Wissen für den Laden etwas aufzupolieren ohne mich zu Tode fürchten zu müssen.

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Ich sage ja immer: „Es ist kein guter Monat, wenn keine Graphic Novel dabei ist!“, dieser Monat sollte demnach großartig werden!
Mit dabei sind nämlich „Hawking“, die neue Graphic Novel-Biografie von Ottaviani & Myrick, von denen ich auch schon den Band über Richard Feynman sehr begeistert gelesen habe. Dann noch „Natürliche Schönheit“ von Nanna Johansson, die sich feministische Themen im Stil ihrer Landsfrau Liv Strömquist vornimmt und „West, West Texas“ von Tillie Walden. Von ihr wollte ich ja immer „Pirouetten“ lesen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben, dann fang ich eben einfach mit ihrem neusten Buch an.

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Zu guter Letzt noch zwei Bücher aus der Rubrik „In der Kinderbuchabteilung gefunden, lassen aber auch die Herzen der Großen höher schlagen“:
„Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ von Rebecca Green ist eines meiner liebsten Bilderbücher, das ich seit längerem auf Englisch besitze. Nun habe ich es mir nochmal auf Deutsch besorgt, um nicht immer simultan übersetzen zu müssen, wenn ich es dem Kleinen vorlesen will und um es Euch allen nochmal vorzustellen.
Es ist nämlich unheimlich entzückend!
Ein großartiges illustriertes Sachbuch hingegen ist „Verlorene Arten“ von Jess French und Daniel Long. Hier geht es eben nicht nur um Mammuts und Dinosaurier, sondern auch um Tiere, die erst in den letzten Jahren ausgerottet wurden.
Sehr spannend und informativ und ich kann jetzt schon sagen, daß dieses Buch sowohl mich, als auch meinen Kleinsten ungemein fasziniert.

So… Seid Ihr noch da oder schon von meinem Oktoberstapel erschlagen worden?

Kennt ihr einige der Titel und wie haben sie Euch gefallen?
Sehen wir uns auf der Buchmesse?
Und was sollte ich in Wien auf keinen Fall verpassen, selbst wenn ich alle Hände voll zu tun habe, weil ein Kind verlangt, die Krokodile im Haus des Meeres zu befreien, während sich das andere einen Panzer im Heeresgeschichtlichen Museum klauen will?

Liebe Grüße,
Andrea

Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 2 und alle Fragen offen

Letzten Monat ging ja die erste Folge unseres Literaturpodcasts „Seite an Seite“ online und die Reaktionen darauf haben meinen Kollegen Andi und mich wirklich komplett geplättet. Wir hätten wohl nie gedacht, daß unsere kleine Idee so gut ankommen würde und wir gleich so viele Zuhörer hätten.

Natürlich hat es sehr geholfen, daß Friedemann Karig den Podcast auf Instagram geteilt hat… und schwupps hatten wir innerhalb von zwei, drei Tagen die ersten hundert Hörer!

Das viele positive Feedback hat uns sehr viel bedeutet und definitiv motiviert, damit weiterzumachen.
Nun haben wir also wieder einen Monat lang gelesen und uns für Euch gleich mal die ersten Neuerscheinungen des Herbstprogramms vorgenommen.

Viel Spaß also, bei der neusten Folge!

Unsere Titel für diesen Monat sind:

fbt

Andi:
Sally Rooney – Gespräche mit Freunden
Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Andrea:
Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
Kristin Höller – Schöner als überall

fbt

Und zusammen sprechen wir über:
Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios
Anika Decker – Wir von der anderen Seite

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

Ihr findet uns direkt hier: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Oder auf Spotify: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Und bei iTunes: Seite an Seite – Der Literaturpodcast

Und auf Instagram findet Ihr uns unter: seiteanseite.podcast

Schaut auf jeden Fall mal bei uns vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

Cover

Review: Herkunft

Saša Stanišić ist ja derzeit in aller Munde, nicht zuletzt durch seine großartige Aktion, bei der er das Hamburger Abitur, in dem es um seinen Roman „Vor dem Fest“ ging, unter Pseudonym mitgeschrieben hat und dabei 13 Punkte absahnen konnte.

Bisher hatte ich von ihm nur seine Kurzgeschichtensammlung „Fallensteller“ gelesen, die mich aber sehr begeistern konnte, und das, obwohl ich mir ja mit Kurzgeschichten meist ein wenig schwertue.

Stanišićs neustes Buch „Herkunft“ ist ein autobiografischer Roman, der mir von allen Seiten begeistert empfohlen wurde. Klarer Fall, daß ich ihn da natürlich lesen musste!

Als Sašas Großmutter immer dementer wird, beschließt er, die Geschichten seiner Familie aufzuschreiben, bevor sie verloren gehen.
Er erzählt von seinem Urgroßvater, der als Flößer arbeitete, und der den Gesang seiner zukünftigen Frau für den einer Vila – einer Art Flußgeist – hielt und sich in die Drina stürzte, um nicht von ihr verflucht zu werden. Von der Familie der Großmutter, die in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen lebte und zum Teil immer noch lebt, von seinem Vater, der einem Schlagennest wie durch ein Wunder entkam und von dem Tag, an dem seine Mutter auf dem Marktplatz gefragt wurde, ob sie denn wisse, wie spät es sei, und sie begreift, daß es Zeit ist, zu fliehen…

Saša Stanišić erzählt aber auch von seiner eigenen Geschichte und der Flucht nach Deutschland.
Als Sohn einer Bosniakin und eines Serben wächst er unbeschwert in dem Vielvölkerstaat auf, der damals Jugoslawien war. Die verschiedenen Religionen und Ethnien gehören für ihn zu seinem Land, wie zu seiner Familie. Doch dann bricht der Krieg aus und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Die Mutter flieht mit ihrem Jungen nach Deutschland, der Vater kommt einige Zeit später nach, der Rest der Familie zerstreut sich in alle Winde und das Land aus Sašas Kindheit hört auf zu existieren.

„Meine Familie lebt über die ganze Welt verstreut. Wir sind mit Jugoslawien auseinandergebrochen und haben uns nicht mehr zusammensetzen können.“

In Deutschland beginnt ein neues Leben für Saša und seine Eltern. Die gut ausgebildeten Eltern – eigentlich Betriebswirt und Politologin – können plötzlich nur noch als Hilfskräfte arbeiten, man lebt in Flüchtlingsunterkünften und versucht, sich eine Wohnung mit dem einzurichten, was andere nicht mehr brauchen…
Doch Saša findet sich bald in Deutschland zurecht, schließt Freundschaften, und entdeckt dank eines engagierten Lehrers seine Liebe zur Literatur.

Während Saša diese Geschichte aufschreibt, schwindet das Gedächtnis seiner Großmutter mehr und mehr und bald begreift er, daß die Erinnerung eine trügerische Sache ist. Denn als er versucht, einzelne Geschichten, die ihm sogar selbst passiert sind mithilfe seiner Familie genauer zu rekonstruieren, muss er feststellen, daß vieles, an was er sich lebhaft erinnert, so gar nicht passiert sein kann…

Deshalb darf man bei „Herkunft“ auch keinen linearen Bericht erwarten. Die Geschichte springt vor und zurück, erzählt eine Begebenheit, nur um sie kurz darauf zu widerlegen und bietet zuweilen schon mal alternative Abläufe an.
Ich finde diesen Erzählstil wirklich großartig, denn man ist als Leser selbst gefragt, sich die Handlung ein wenig zusammen zu puzzeln und wenn wir schon bei Spielereien sind, dann möchte ich noch von dem großartigen letzten Teil der Geschichte erzählen.
(Vorsicht, wer sich überraschen lassen möchte, sollte alles Kursive überspringen!)

„Herkunft“ endet mit Sašas letztem Besuch bei seiner mittlerweile völlig dementen Großmutter. Sie ist die Frau, die ihn aufgezogen hat, als seine Eltern beruflich eingespannt waren und die nun in einem Pflegeheim ihre letzten Tage verbringt. Eigentlich müsste Saša zurück nach Deutschland fliegen, doch er schafft es nicht, sich von seiner Großmutter zu trennen und so beginnt die Geschichte „Der Drachenhort“, in der man selbst in Saša Stanišićs Rolle schlüpft und in Form eines Choose Your Own Adventure eine letzte Nacht bei der Großmutter verbringt.

Für alle, denen dieser Begriff nichts sagt: vielleicht erinnert ihr Euch ja an Bücher wie „Die Insel der 1000 Gefahren“, in denen man Entscheidungen treffen und dann auf der entsprechenden Seite weiterlesen muss?

Genau das macht Saša Stanišić am Ende dieses Buches und so entscheidet der Leser selbst, wie Sašas letztes Treffen mit seiner Großmutter verläuft.
Ich konnte es natürlich nicht lassen und habe, sobald ich ein Ende erreicht hatte, wieder zurückgeblättert, um all die anderen Szenarien durchzuspielen. Manchmal endet die Geschichte sehr nüchtern und lakonisch, dann wieder in einem fulminanten letzten Abenteuer, in dem es die Großmutter sogar mit Drachen aufnimmt…

Ich war schwer beeindruckt von diesem Buch und davon, wie begeistert und spielerisch Saša Stanišić seine Geschichte verpackt.

Beim Lesen musste ich aber auch immer wieder daran denken, daß ich in einer Welt groß geworden bin, in der es Länder wie Jugoslawien, die ČSSR oder die DDR noch gab.
Jugoslawien war ein Land, in das ich als Kind mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr; leckeres Essen, nette Menschen und wunderschöne Strände…
Als mir meine Eltern erklärten, daß wir nicht mehr dort hinfahren könnten, weil es Krieg gab, konnte ich die Tragweite des Ganzen natürlich nicht verstehen. Für mich war klar, daß die netten Menschen offenbar beschlossen haben mussten, ihr leckeres Essen und die schönen Strände für sich zu behalten.
(Wie gesagt, ich war damals noch ein Kind.)

Es ist doch aber auch eigentlich unvorstellbar, daß es zu meinen Lebzeiten (und nein, ich habe die 40 noch nicht erreicht!) Krieg in europäischen Urlaubsländern gab! – Daß Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Religion abgeschlachtet wurden…
Wir leben mittlerweile in einem Europa, in dem wir so an diesen Einheitsgedanken gewöhnt sind, daß immer wieder Stimmen laut werden, doch endlich wieder unabhängig zu werden. Für uns sind Frieden und Wohlstand die Normalität, so daß wir völlig vergessen haben, wie schnell es zu einem Krieg kommen kann.
Und Saša Stanišić schreibt in „Herkunft“:

„Heute ist der 21. September 2018. Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, käme die AfD auf 18% der Stimmen.“

Review: Geschichte einer Ehe

Die Ehe von Jon und Timmy scheint lange Zeit über perfekt zu sein, bis sie es ganz plötzlich nicht mehr ist…

Die Geschichte ihrer Ehe beginnt zwanzig Jahre zuvor, als sich Jon so Hals über Kopf verliebt, daß er seine erste Ehefrau und die gemeinsame Tochter von einem Tag auf den anderen verlässt, nur um bei Timmy sein zu können.
Die letzten Worte, die Jons Exfrau ihm mit auf den Weg gibt sind: „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du einmal genau so verlassen werden wirst, wie du mich verlassen hast.“ – Ein dunkler Wunsch, der ihm nie aus dem Kopf gehen wird.

Doch die Beziehung mit Timmy verläuft zwanzig Jahre lang absolut harmonisch. Sie führen eine moderne, gleichberechtigte Ehe, in der Jon als Schriftsteller viel zu Hause ist und sich um die Kinder kümmert, während Timmy weiter Karriere macht und sich ihre Freiheiten gönnt.
Und auch das Liebesleben der beiden scheint nach all den Jahren noch genauso intensiv zu sein, wie am Anfang.

Die Ehe scheitert nicht aus den üblichen Gründen; nicht daran, daß man sich auseinandergelebt oder an seiner Rolle in der Beziehung aufgerieben hätte…
Das Ende kommt von einer völlig unerwarteten Seite, nämlich durch Jons Fantasien und seinem Bedürfnis zu beweisen, daß ihre Ehe stärker ist, als alles andere.

„Geschichte einer Ehe“ hat mich ungemein gefesselt und fasziniert. Es ist nicht das typische Buch, das von einer Trennung berichtet, sondern eine sehr erotische Geschichte um eine Leidenschaft, die sich nach und nach selbst zerstört.

Die Art und Weise, wie Geir Gulliksen seine Figuren erzählen lässt, ist ungemein spannend: denn es ist Jon, der verzweifelte Verlassene, der die Ereignisse in einem fiktiven Gespräch mit seiner Frau aus ihrer Sicht rekapituliert.
Das hört sich vielleicht etwas kompliziert an, doch dieses hin und her schlüpfen zwischen den Figuren und von der Rolle eines allwissenden Erzählers zu der eines unreliable narrators gibt der Geschichte eine erzählerische Tiefe, die ich so noch nie erlebt habe.

Kein Wunder, daß Geir Gulliksen diese literarischen Kniffe perfekt beherrscht, denn auch wenn er hierzulande noch unbekannt ist, so ist er in seiner Heimat Norwegen ein wichtiger Name in der Literaturszene. Er schreibt nicht nur selbst Lyrik, Romane, Dramen, Essays und Kinderbücher, er arbeitet zudem auch als Lektor und Verleger und ist verantwortlich für die Entdeckung bekannter norwegischer Autoren, wie Karl Ove Knausgård.

„Geschichte einer Ehe“ ist ein unheimlich intensiver und erotischer Roman über das Scheitern einer großen Liebe.
Ich hoffe, daß dieses Buch im Zuge der Buchmesse, deren Gastland ja dieses Jahr Norwegen ist, noch mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Sonnige Lesetage im Juni

Heute Morgen bin ich schon viel zu früh wach, aber die Sonne scheint so schön durch mein Fenster und der Tag schreit förmlich danach, im Schwimmbad verbracht zu werden.
Doch vorher ist noch Zeit, Euch meinen Lesestapel für den Juni vorzustellen.

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Seit ich in der neuen Filiale arbeite, lesen zwei liebe Kollegen und ich ganz zufällig meist die gleichen Bücher zur gleichen Zeit. Wolf Haas, Fred Vargas, Hilmar Klute, Takis Würger, Vea Kaiser, Joel Dicker und zuletzt Friedemann Karig… die Neuerscheinungen dieser Autoren landeten irgendwie immer auf den Lesestapeln von mindestens zwei, wenn nicht gar allen dreien von uns.
Das ist dann auch immer ein schöner Anlass, nach der gemeinsamen Abendschicht noch etwas trinken zu gehen und sich über das aktuelle Buch zu unterhalten. Wir haben zwar einen sehr ähnlichen Geschmack, gehen aber oft völlig verschieden an die Titel heran.
Bei mir muss das Bauchgefühl stimmen, der eine Kollege analysiert und fertigt mitunter schon mal Hefteinträge an, um seine Meinung zu unterstreichen (kein Wunder, immerhin wird er bald Lehrer) und der andere Kollege wird dann zum Schlichter, wenn wir uns gar nicht einigen können.
Ihr merkt schon: ich liebe diesen kleinen, unorganisierten Lesekreis!

Auch diesen Monat wird wieder ein Buch ganz zufällig zusammen gelesen, nämlich Maschinen wie ich von Ian McEwan.
Die Kollegen haben schon damit angefangen und ich habe es nun gestern begonnen. Ich bin schon sehr gespannt, wie unsere Meinungen ausfallen werden!

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Gleich zwei Titel aus dem Hause Luchterhand haben mich vor Kurzem erreicht:
Geschichte einer Ehe von Geir Gulliksen passt ganz wunderbar in meine Leseplanung, weil ich vor der Buchmesse ohnehin noch ein paar norwegische Autoren lesen wollte und Herkunft von Saša Stanišić wurde mir jetzt schon mehrfach empfohlen, ganz besonders von einem Kollegen, der in der selben Gegend wie Stanisic aufgewachsen ist.
Bisher kenne ich nur seine Kurzgeschichtensammlung „Fallensteller“, die ist mir aber durch einen sehr angenehmen Stil in Erinnerung geblieben.
Ich freu mich drauf!

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Im Bereich Sachbuch gibt es diesen Monat gleich zwei Bücher, die sich mit dem Thema Evolution beschäftigen.

Mit Ausgestorben, um zu bleiben von Bernhard Kegel habe ich schon seit Längerem geliebäugelt, schließlich bin ich seit meiner Kindheit fasziniert von Dinosauriern und lasse auch heute noch kein Museum aus, in dem es Fossilien und Dinosaurierskelette zu bestaunen gibt.
Als ich dann die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg gesehen habe, war ich vollkommen hin und weg! Unter dem Schutzumschlag versteckt sich nämlich nochmal ein echter Hingucker.
Hoffentlich begeistert mich der Inhalt genauso sehr wie die Aufmachung.

Als illustriertes Sachbuch ist im Juni Die Entstehung des Lebens – Evolution aus dem Prestel Verlag mit dabei. Die Illustratorin Katie Scott kennt der ein oder andere von Euch ja vielleicht von „Das Museum der Tiere“, das ebenfalls in der „Eintritt frei!“-Reihe erschienen ist. Ausserdem hatte ich letztes Jahr das von ihr illustrierte Sachbuch Von Inseln, die keiner je fand vorgestellt.

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Und natürlich darf auch diesen Monat keine Graphic Novel fehlen!
Sehr begeistert war ich, als ich in der Vorschau des Splitter Verlags Nennt mich Nathan von Catherine Castro und Quentin Zuttion entdeckte.
Darin geht es um den Transjungen Nathan und seinen Weg zur Geschlechtsangleichung, aber auch um seine Familie, die mit der Situation emotional überfordert ist.
Das Thema Transgender interessiert mich nun schon seit längerem, denn als sich der Sohn einer lieben Bekannten als trans outete, stellte ich fest, wie wenig ich eigentlich über Geschlechtsangleichungen wusste.
Ein Glück, daß es YouTube-Kanäle gibt, auf denen man sich schlau machen kann und jetzt eben auch eine sehr persönliche Graphic Novel, die auf einer wahren Geschichte beruht.

Das ist er also, der Juni-Stapel!
Ich bin sehr glücklich mit der Auswahl der Titel und freue mich, Euch bald mehr von ihnen berichten zu können.
Was liegt gerade auf Euren Lesestapeln und kennt ihr vielleicht schon das ein oder andere Buch von meinem?

Ich wünsche Euch einen ganz wunderbar sonnigen Juni!

Eure Andrea

Review: Neujahr

Am Neujahrsmorgen beschließt Henning, eine Radtour in die Berge Lanzarotes zu unternehmen…
Er ist Anfang vierzig, hat zwei kleine Kinder und führt eine glückliche Ehe. Seine Familie hat absolute Priorität, deshalb tritt der auch beruflich kürzer, um die Kinder zu versorgen und seine Frau zu unterstützen. Eigentlich läuft alles perfekt, wären da nicht die plötzlichen Panikattacken, die Henning immer wieder heimsuchen und ihn aus der Bahn werfen.

Auf seiner Tour beginnt er, über seine Familie und die Angststörung nachzudenken, doch hängen sie wirklich zusammen?
Während des beschwerlichen Aufstiegs scheint ihm seine Fantasie immer wieder Streiche zu spielen und eine innere Unruhe breitet sich in ihm aus.
Als Henning dann endlich den Gebirgspass erreicht wird ihm plötzlich klar; dies ist nicht sein erster Besuch auf Lanzarote. Er war schon einmal als Kind hier und damals muss etwas passiert sein, das ihn schwer traumatisiert hat…

Seit „Nullzeit“ bin ich ja ein großer Fan von Juli Zeh und war dementsprechend gespannt auf ihr neustes Buch.
Wie schon damals bei „Nullzeit“ konnte ich nun auch „Neujahr“ kaum aus der Hand legen und habe es fast in einem Rutsch durchgelesen.

Schon ganz zu Anfang war ich begeistert, denn Juli Zeh seziert das Innenleben einer nach außen hin perfekten Familie so ehrlich und leicht zynisch, wie ich es bisher noch nirgendwo gelesen habe.
Auch wenn Henning und seine Frau Theresa eine sehr gleichberechtigte Ehe führen, scheint es eine Art „Schuldenkonto“ zu geben, das besonders Henning stark im Blick hat. Wieviel Freizeit darf er sich gönnen, wieviel Hausarbeit muss er machen, wenn Theresa mehr verdient? Wieviele Ausflüge muss man mit den Kindern machen, wieviel dem Partner zugestehen, bevor man sich selbst eine Auszeit nimmt?
Ich kann schlecht einschätzen, wie Leser ohne Kinder diese Aufrechnerei finden, ich selbst habe meine Familie dabei sehr oft wiedererkannt und auch mein Mann musste lachen und zustimmend nicken, wenn ich ihm diese  Sätze aus „Neujahr“ vorgelesen habe.
Über dieses „Zeitkonto“, das es wohl in vielen Familien gibt, habe ich bisher noch nie in einem Roman gelesen und war begeistert, wie gut Juli Zeh hier den Nagel auf den Kopf trifft.

Der zweite Teil des Buches ist dann so spannend, daß man stellenweise fast Angst hat, weiterzulesen. Ich möchte an dieser Stelle nicht zuviel verraten, nur soviel: Es gibt weder Mord noch Totschlag, doch (besonders Eltern) müssen sich hier ihren Alpträumen stellen…

„Neujahr“ ist für mich ein absolutes Highlight dieses Herbstes und definitiv ein Buch, das ihr im Dezember auf meiner Geschenketipp-Liste wiederfinden werdet!

 

Mehr von Juli Zeh findet ihr hier:

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Review: Leere Herzen