Review: Nix passiert

Alex lebt in Berlin,  ist Anfang dreißig und arbeitet als Webentwickler. Vor mittlerweile zehn Jahren hat er Braus, die Kleinstadt in der er aufgewachsen ist, verlassen und nicht mehr wirklich zurückgeschaut.
Doch als ihn seine Freundin Jenny verlässt, fällt Alex plötzlich in ein tiefes Loch. Er muss feststellen, daß er ohne Jenny sehr einsam ist, denn enge Freunde hat er kaum, meistens war er mit Jennys Clique unterwegs. Sein Job macht ihm schon lange keinen Spaß mehr und selbst das hippe Leben in der Großstadt ist gar nicht so lebenswert, wenn man sich in einer schweren Depression befindet…
Also packt Alex seine Sachen und überrascht seine Eltern mit einem spontanen Besuch in Braus. Die staunen nicht schlecht, immerhin hat sich ihr Ältester in den letzten zehn Jahren kaum gemeldet und eine Erklärung, warum er sie gerade jetzt auf unbestimmte Zeit besuchen will, gibt er nicht.
Stattdessen verschanzt sich Alex im alten Kinderzimmer im Keller und schafft es kaum mehr, vor die Türe zu gehen.
Als es sein Vater dann doch schafft, ihn vor die Tür zu locken, muss sich Alex nicht nur seiner jetzigen Situation stellen, sondern sieht sich auch den Geistern seiner Vergangenheit gegenüber und man begreift, daß es mehr als nur der Kleinstadtkoller war, der Alex seinerzeit die Brücken nach Braus hat abbrechen lassen…

In „Nix passiert“ passiert tatsächlich rein oberflächlich betrachtet nicht wirklich viel, trotzdem schafft es Kathrin Weßling eine überraschend vielschichtige Geschichte zu erzählen, die verschiedene Themen anspricht.
Natürlich geht es vordergründig um Angststörungen und Depressionen; Themen, mit denen sich Kathrin Weßling auch in ihren anderen Büchern schon beschäftigt hat und zu denen sie aus eigener Erfahrung sehr persönliche Einblicke liefern kann.
Da geht es aber auch ums Erwachsenwerden und wie sich die Beziehungen zu den Eltern oder ehemaligen Schulfreunden verändern.
Mich persönlich haben gerade die Teile der Geschichte besonders angesprochen, in denen Alex seine Eltern überhaupt erst als eigenständige Menschen und eben nicht nur als Eltern wahrnimmt und sie deshalb plötzlich auch ganz neu kennenlernen kann.

„Nix passiert“ war für mich eine kurzweilige Lektüre, die sich aber als überraschend facettenreich herausstellt, mit vielen schlauen Gedanken und einem herrlich trockenen Humor.

Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 2 und alle Fragen offen

Letzten Monat ging ja die erste Folge unseres Literaturpodcasts „Seite an Seite“ online und die Reaktionen darauf haben meinen Kollegen Andi und mich wirklich komplett geplättet. Wir hätten wohl nie gedacht, daß unsere kleine Idee so gut ankommen würde und wir gleich so viele Zuhörer hätten.

Natürlich hat es sehr geholfen, daß Friedemann Karig den Podcast auf Instagram geteilt hat… und schwupps hatten wir innerhalb von zwei, drei Tagen die ersten hundert Hörer!

Das viele positive Feedback hat uns sehr viel bedeutet und definitiv motiviert, damit weiterzumachen.
Nun haben wir also wieder einen Monat lang gelesen und uns für Euch gleich mal die ersten Neuerscheinungen des Herbstprogramms vorgenommen.

Viel Spaß also, bei der neusten Folge!

Unsere Titel für diesen Monat sind:

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Andi:
Sally Rooney – Gespräche mit Freunden
Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Andrea:
Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
Kristin Höller – Schöner als überall

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Und zusammen sprechen wir über:
Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios
Anika Decker – Wir von der anderen Seite

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

Ihr findet uns direkt hier: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Oder auf Spotify: Seite an Seite – Der Literaturpodcast
Und bei iTunes: Seite an Seite – Der Literaturpodcast

Und auf Instagram findet Ihr uns unter: seiteanseite.podcast

Schaut auf jeden Fall mal bei uns vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

Cover

Review: Wir von der anderen Seite

Aus den aktuellen Neuerscheinungen sticht Anika Deckers Debütroman „Wir von der anderen Seite“ definitiv heraus. – Schon alleine durch die knallige Covergestaltung mit dem psychedelischen, winkenden Eichhörnchen.
Wer dann auf den Klappentext schaut, der findet dort Lob und Begeisterung der gesamten deutschen Filmprominenz. – Kein Wunder, denn Anika Decker steht als Drehbuchautorin hinter Kinoerfolgen wie „Keinohrhasen“ und führt mittlerweile auch selbst Regie.

Eigentlich konnte mich deutsche Comedy bis jetzt nicht wirklich begeistern, trotzdem schnappte ich mir die Leseprobe von „Wir von der anderen Seite“ und war sofort so gefesselt von Deckers Geschichte, daß ich unbedingt wissen wusste, wie es weiter geht…

Als die Drehbuchautorin Rahel Wald aufwacht, fällt es ihr zunächst schwer zu begreifen, was passiert ist. Sie befindet sich auf der Intensivstation, ist an zahlreiche Monitore angeschlossen und kann Realität und Halluzinationen kaum auseinanderhalten. Nur das freundlich winkende Eichhörnchen, daß ihr immer wieder erscheint, macht sie ein kleines bißchen glücklich.
Es dauert eine ganze Weile, bis Rahel mithilfe der Ärzte und ihrer Familie begreift, was passiert ist: wegen eines Nierensteins kam es zu einer Blutvergiftung mit anschließendem Multiorganversagen. Es sah zeitweise so schlecht für sie aus, daß sie ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Der Weg zurück ins Leben gestaltet sich für Rahel als schwieriger als gedacht, denn in der kurzen Zeit im Koma haben ihre Muskeln bereits so abgebaut, daß sie nicht einmal mehr in der Lage ist, selbstständig zu essen, sich zu waschen, oder auf die Toilette zu gehen. Außerdem wurde ihr Herz in Mitleidenschaft gezogen; ob sie wieder völlig gesund wird, bleibt lange unklar.

Doch zusammen mit ihrer wirklich wunderbaren Familie und einer gehörigen Portion Galgenhumor lässt sich Rahel nicht unterkriegen, auch wenn sie sich auf Einiges keinen Reim machen kann… Wieso wurde bei der Einlieferung eine hohe Dosis Schmerzmittel in ihrem Blut nachgewiesen? Warum fehlen Teile ihrer Erinnerung? Und wo steckt eigentlich ihr Freund Olli?
Es dauert, bis Rahel auf die Beine kommt und alles, was passiert ist, in ihrem Kopf sortieren kann. In der Zwischenzeit hängt sie relativ hilflos im Gesundheitssystem fest, mit Ärzten, die sich widersprechen, Krankenpflegerinnen, die schon mal ihre Kompetenzen ausreizen müssen, um ihren Patienten Antworten zu geben und Physiotherapeuten, die auch anhänglich werden können. Und draußen dreht sich die Welt ohne Rahel weiter…

Ich hatte ja anfangs schon gesagt, daß ich kein allzu großer Fan von deutscher Comedy bin, weil ich sie immer mit etwas plumpem Haudrauf-Humor assoziiere. Vielleicht ist das ja in den letzten Jahren besser geworden, ich habe mich ehrlich gesagt lang nicht mehr damit befasst.
Umso überraschter war ich, daß Anika Decker wirklich unheimlich feinfühlig schreibt, daß ihre Witze immer auf Kosten der Ich-Erzählerin gehen und Charaktere, die sich vielleicht als leichtes Opfer anbieten würden, stattdessen mit sehr viel Herz beschrieben werden.

Die Geschichte, die Rahel Wald da passiert, ist Anika Decker so, oder zumindest so ähnlich, selbst passiert. Nach ihren ersten Kinoerfolgen erlitt sie – wie Rahel – eine Sepsis mit Multiorganversagen und anschließendem Koma.
Sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie die Krankheit, die Hilflosigkeit angesichts des für den Patienten schlecht zu durchschauenden Gesundheitssystems und den harten Weg zurück ins Leben (gerade für Freiberufler) beschreibt.
Dabei lässt sie auch ein wenig hinter die Kulissen der Filmindustrie blicken und mich wirklich dankbar für meinen Job als Buchhändlerin sein.

„Wir von der anderen Seite“ ist Unterhaltungsliteratur im wirklich besten Sinne. Rahel Wald wurde schnell zu meiner besten Freundin, auf die ich mich Abends nach zahlreichen traurigen Büchern, die ich parallel gelesen habe, immer sehr gefreut habe.
Humorvoll, spannend, ehrlich und sehr menschlich…

Vielleicht werde ich mir demnächst doch auch mal einen Film von Anika Decker anschauen. ; )

Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

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Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

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Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

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Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

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Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert, auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman „Schöner als überall“ von Kristin Höller sehr vielversprechend an!

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Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman. Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

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Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über „Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren“ von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel „Sumpfland“ ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

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Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners „Woyzeck“ vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea

Review: Dschungel

Ein Buch, an dem man in diesem Frühjahr wohl kaum vorbeikommt ist „Dschungel“, der erste Roman von Friedemann Karig, der schon mit seinem Sachbuch „Wie wir lieben – Vom Ende der Monogamie“ von sich reden machte.
Die Kollegen schwärmten bereits im Vorfeld davon, klarer Fall also, daß ich sehr gespannt auf diesen Titel war!

Felix und den namenlosen Ich-Erzähler (und nein, er heißt definitiv nicht Julius von Lahnstein) verbindet seit frühster Kindheit eine enge, fast schon obsessive Freundschaft.
Felix ist der Rebell, der immer wieder seine Grenzen auslotet und der Erzähler folgt ihm meist bereitwillig.
Doch nun ist Felix verschwunden. Von einer Reise nach Kambodscha kommt er nicht zurück und auch der Kontakt zu ihm ist ganz plötzlich abgerissen.
Dorothée, die Mutter von Felix, bekniet den Ich-Erzähler, selbst nach Kambodscha zu reisen, seinen besten Freund zu finden und nach Hause zu bringen. Trotz der Bedenken seiner Freundin Lea sitzt er dann auch schon am nächsten Tag im Flugzeug nach Phnom Penh, mit keiner anderen Spur als der Adresse des Hostels, von dem aus sich Felix vor einem Monat das letzte Mal gemeldet hat.

Wie zu befürchten war erinnert sich dort kaum jemand an Felix. Unter den Rucksacktouristen herrscht ein reges Kommen und Gehen und die Einheimischen reagieren misstrauisch auf die Fragen seines Freundes.
Erst, als er die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, stößt er auf eine Spur von Felix; eine namenlose Insel, irgendwo weit draußen im Meer, mit einem verborgenen Strand.

Der Ich-Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Strand und findet dort eine Kommune von Hippies und Aussteigern, die sich hierher zurückgezogen und der Welt den Rücken gekehrt haben.
Sehr zögerlich erfährt er von den Bewohnern des Camps, daß Felix zwar kurz hier war, doch wohin er gegangen ist, oder was mit ihm passierte will ihm zunächst niemand sagen.

Die Suche nach seinem Freund entwickelt sich für den Erzähler immer mehr zu einer Konfrontation mit den eigenen Ängsten und stellt die Frage: Wie viel sind wir bereit zu opfern, um jemanden zu finden, der nicht gefunden werden will?

„Dschungel“ ist ein Buch, das seinen Leser wahnsinnig gut unterhält, aber auch Fragen aufwirft, denen man sich immer wieder stellen muss: Wie viel will man für eine Freundschaft opfern? Wie sehr binde ich mich an einen Menschen? Wie weit will man gehen, um noch einmal neu anzufangen?

Was mich beim Lesen allerdings eine ganze Weile lang irritierte war, daß ich mich stark an drei Bücher erinnert gefühlt habe:
Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl. Auch hier steht eine obsessive Männerfreundschaft im Mittelpunkt, die schon seit Kindertagen besteht. Auch hier haben wir es mit einem Freund zu tun, der seine Grenzen testet und einen, der sich davon mitreißen lässt und auch hier sind die wichtigsten Charaktere der Geschichte die beiden Männer, die Mutter des einen und die Freundin des anderen.
Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell. Auch hier geht es wieder um eine enge Freundschaft zwischen zwei jungen Männern. Auch hier verschwindet ausgerechnet ein Felix und auch hier spielt das Thema Vergessen eine große Rolle.
Und natürlich „Der Strand“ von Alex Garland, bei dem wir ebenfalls auf ein vermeidliches Paradies auf einer verborgenen Insel stoßen. Auch hier treffen wir eine Aussteiger-Kommune, auch hier gibt es romantische nächtliche Schwimmausflüge, Drogen und leicht manipulative Anführer.

Es fühlte sich zwar für mich nicht so an, als wäre „Dschungel“ lediglich ein Mix aus diesen Büchern. Ich weiß auch nicht, ob sie Karig selbst gelesen hat und inwieweit sie als Inspiration dienten (wobei die Ähnlichkeiten zu „Der Strand“ schon wirklich ins Auge stechen), „Dschungel“ bringt viele eigene Ideen auf, die mich überzeugen konnten und schon gespannt auf den nächsten Roman von Friedemann Karig warten lassen.
Dann aber hoffentlich mit Ideen, die mir nicht so verdammt bekannt vorkommen! ; )

Mai-Freude

Willkommen im Mai!
Auch wenn sich der Wonnemonat heute nicht gerade von seiner besten Seite zeigt, freue ich mich schon sehr auf die nächsten (hoffentlich) sonnigen Tage und all die Bücher, die ich mir für diesen Monat ausgesucht habe, und auf die ich schon sehr gespannt bin.

Dank meines neuen Zimmers bin ich im April endlich wieder mehr zum Lesen gekommen, auch wenn einige Rezensionen noch ausstehen, weil das launische Wetter leider einige Krankheitstage mit sich gebracht hat.
Hoffentlich wird das diesen Monat wieder besser und ich komme endlich dazu, Euch von all den Büchern zu erzählen, die mich in den letzten Wochen begeistert haben.

Doch beginnen wir mit meiner Auswahl für den Mai:

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Worauf ich sehr gespannt bin, nicht zuletzt, weil zwei Kollegen schon davon geschwärmt haben, ist Friedemann Karigs Romandebüt Dschungel. Bisher kennen wir Karig nur von seinem Sachbuch „Wie wir lieben“, trotzdem liegt meine Erwartungshaltung recht hoch.
Gestern habe ich im Zug mit Dschungel angefangen und war sofort gefesselt von der Geschichte über eine, wie es auf den ersten Blick scheint, sehr ungleiche Freundschaft, die mich ein wenig an Dunkelgrün fast schwarz erinnert hat.
Mal sehen, wohin die Reise noch gehen wird… Zunächst einmal nach Kambodscha.

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Es ist mir ja fast schon ein bißchen peinlich, wie lange ich gebraucht habe, um zu kapieren, wer hinter dem nächsten Titel steckt, aber irgendwann fiel dann auch bei mir der Groschen und ich begriff, warum jeder so begeistert von Giulia Becker ist.
Die arbeitet nämlich als Autorin für das Neo Magazin Royale und tritt dort immer mal wieder in Sketchen oder mit ihren Songs auf.
Vor zwei Jahren besang sie das weibliche Geschlechtsorgan so leidenschaftlich wie witzig, daß ich dieses Lied rauf und runter hörte, bis sogar meine Söhne „Wir haben eine Scheide…“ mitsangen. Genau mein Humor!
Insofern freue ich mich auch ganz besonders auf ihr Debüt Das Leben ist eins der Härtesten und hoffe, sie schreibt so gut wie sie singt!

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Eine Autorin, die sich dagegen schon vor Jahren einen Namen gemacht hat, ist Sarah MossJen Campbell lobt sie in ihren YouTube-Videos immer wieder über den grünen Klee, weshalb ich mir zwar schon ihren autobiografischen Roman über Island auf Englisch besorgt, aber noch nicht gelesen habe.
Auf der Leipziger Buchmesse kam ich dann aber so nett mit einer Mitarbeiterin des Mare-Verlags ins Gespräch, daß sie mir den Roman Gezeitenwechsel, der ohnehin auf meiner Wunschliste stand, liebenswerterweise gleich in die Hand drückte.
Darin geht es um eine Familie, die lernen muss, mit dem unsicheren Gesundheitszustand der Tochter umzugehen. Als Mutter leide ich bei solchen Themen ja ganz besonders mit…

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Ein Titel, mit dem ich schon ein Weilchen geliebäugelt habe, ist Siebzehnter Sommer von Maureen Daly. Der Titel ist bereits 1942 auf Englisch erschienen, wurde aber vor zwei Jahren von der kleinen Wiener Buchhandlung Anna Jeller, die auch Bücher herausgibt, neu entdeckt.
Aufmerksam wurde ich, weil Kat Menschik, die auch das Cover illustriert hat, dafür Werbung machte, doch zunächst war es nicht über die Großhändler lieferbar und so verschwand das Buch ein wenig aus meinem Fokus, bis es jetzt vom Kein & Aber Verlag als Taschenbuch aufgelegt wurde.

An dieser Stelle ein kleines Geständnis: ich habe bisher noch nichts von Alina Bronsky gelesen!
Ihr neuster Titel Der Zopf meiner Großmutter hat mich nun aber vom Inhalt und Cover her so angesprochen, daß ich das schleunigst ändern wollte.
Familiengeschichten sind aber auch meistens recht spannend!

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Nachdem ich letzten Monat sehr angetan von Sy Montgomerys Autobiografie Einfach Mensch sein war, habe ich mir für diesen Monat ihr Naturkundebuch mit dem eingängigen Titel Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht – Und anderen kleinen großen Wundern der Natur vorgenommen.
Darin erzählt sie nicht von den Tieren, die sie auf Expeditionen im Dschungel erforscht hat, sondern macht uns auf die kleinen, leicht zu übersehenden Pflanzen und Tiere vor unserer eigenen Haustür aufmerksam.
Gestern habe ich das erste Kapitel über Flechten gelesen und was soll ich sagen? Sy Montgomery schreibt tatsächlich so leidenschaftlich und begeistert, daß einem Flechten plötzlich so exotisch vorkommen, wie Lebewesen von einem anderen Planeten!

Zu gute Letzt darf natürlich auch diesen Monat keine Graphic Novel fehlen und nachdem ich im April Darwin – An Exceptional Voyage von Fabien Grolleau und Jérémie Royer gelesen hatte und sehr begeistert war, musste ich mir dann natürlich auch ihr zweites Buch Audubon – On the Wings of the World gönnen.
Audubon sagt vermutlich den wenigsten etwas, doch vielleicht habt Ihr von seinem Werk „The Birds of America“ gehört, das als einer der Schätze der Buchkunst gilt und bei Versteigerungen immer mehrstellige Millionenbeträge erzielt.
Nun bin ich gespannt, mehr über den Mann hinter diesem Buch zu erfahren!

Das ist er also, der Mai-Stapel.
Ich freue mich unheimlich über meine Auswahl!

Was liegt gerade auf Euren Lesestapeln und kennt Ihr vielleicht den einen oder anderen Titel von meiner Liste?

Ich wünsche Euch einen wunderschönen, hoffentlich sonnigen Mai!
Eure Andrea

Review: Schwimmen

Letzten Herbst lag überraschend Buchpost vom Ullstein Verlag in meinem Briefkasten. Nur leider, leider hatte ich schon so viele andere Neuheiten auf meinem Lesestapel, daß „Schwimmen“ von Sina Pousset immer tiefer unter meinem SUB verschwand.
Dabei wurde das Buch an viele Blogger verschickt, die meisten davon haben es brav besprochen und alle Rezensionen, die ich gelesen habe waren absolut euphorisch.
Trotzdem fristete mein Exemplar ein trauriges Dasein, bis ich es mir diesen Monat doch endlich einmal vornahm und mich anschließend fast ein bißchen schämte, daß ich „Schwimmen“ so lange ignoriert habe.

Denn dieses Buch ist wirklich ganz wunderbar…
Ein Glück, daß ich es doch noch gelesen habe!

Seit frühster Kindheit verbindet Jan und Milla eine tiefe und sehr innige Freundschaft. Die Sommerferien verbringen die beiden im Sommerhaus von Millas Großmutter in Frankreich und auch später wohnen sie eine Zeit lang gemeinsam in einer WG.
Doch während des Studiums entfernen sie sich immer weiter voneinander. Da meldet sich Jan eines Tages und bittet Milla, mit ihm und seiner Freundin Kristina in das alte Sommerhaus ihrer Kindheit zu fahren.

Wenige Tage später ist Jan tot und Milla und Kristina müssen plötzlich Entscheidungen treffen, die sie noch Jahre später verfolgen werden…

An dieser Stelle möchte ich wirklich nicht mehr über dieses Buch verraten, denn was die Geschichte in meinen Augen so großartig macht, ist daß sie dem Leser nichts schenkt.
Man wird in die Handlung geworfen und muss erst einmal selbst herausfinden, wie alles zusammenhängt, welche Entscheidung wohin geführt haben… Wer welches Geheimnis hütet und wie alles zusammen passt.
Manchmal wird man dabei auf eine falsche Spur geführt und dann, wenn sich die Puzzleteilchen plötzlich zusammenfügen trifft es einen oft mitten ins Herz.

Ich kann nur sagen: lest dieses Buch!
Die Sprache, die Charaktere, die Handlung und wie alles erst nach und nach preisgegeben wird… das ist große Erzählkunst.
Bitte mehr davon!