Review: Das wirkliche Leben

Die letzten Wochen habe ich ja Corona-bedingt kaum noch Rezensionen geschrieben. Dafür war es hier mit den Kindern zu chaotisch und auch der Relaunch des Podcasts hat viel Zeit in Anspruch genommen. Schön langsam aber – man glaubt es kaum – kehrt wieder ein wenig Ruhe ein und ich hoffe, daß ich den Stapel der Titel, die endlich rezensiert werden wollen, nach und nach in Angriff nehmen kann.

Ein Buch, von dem ich schon im Podcast geschwärmt habe und das ich hier auch nochmal vorstellen wollte, ist Adeline Dieudonnés Debütroman „Das wirkliche Leben“, welcher mich wirklich geplättet hat.

Es beginnt an einem Sommerabend in der Kleinstadt. Die zehnjährige Ich-Erzählerin und ihr sechsjähriger Bruder Gilles wollen sich nur schnell ein Eis holen, als sie Zeugen eines schrecklichen Unfalls werden; ein Mann stirbt direkt vor den Augen der Kinder.
Beide sind völlig traumatisiert, doch die Eltern sprechen nicht darüber, was passiert ist und bieten ihren Kindern auch keinerlei Trost. Allein die Erzählerin bemerkt, wie sich ihr kleiner Bruder mehr und mehr zurückzieht.
Als der ohnehin schon aggressive Vater der Mutter gegenüber immer handgreiflicher wird, scheint etwas in Gilles zu zerbrechen. Doch was kann eine Zehnjährige tun, um ihren Bruder vor all dem zu schützen?
Bald ist sie überzeugt davon, daß das Unglück am Abend des Unfalls seinen Anfang nahm und daß man in der Zeit zurückreisen müsste, um alles wieder ins Lot zu bringen und zurück in das „wirkliche“ Leben zu finden.
Wie eine Besessene beginnt sich die Ich-Erzählerin dem Ziel zu widmen, eine Zeitmaschine zu bauen, um den Unfall zu verhindern. Die ganzen Sommerferien über schraubt sie auf einem Schrottplatz an Autowracks und kaputten Mikrowellen herum und beginnt, Bücher über Physik zu verschlingen. Doch am Ende des Sommers muss sie enttäuscht feststellen, daß es nicht so einfach ist, die Zeit zurückzudrehen, wie es in den Filmen den Anschein hat.
Was ihr nach diesem Sommer bleibt, ist die Liebe zu den Naturwissenschaften und das unbedingte Bedürfnis, die Seele ihres Bruders doch noch irgendwie zu retten.

In den folgenden fünf Jahren wächst die Ich-Erzählerin heran, sie beschäftigt sich weiter mit Physik und bekommt sogar Privatunterricht von einem ehemaligen Uni-Professor, sie wird selbstständiger und reift zu einer jungen Frau heran, doch sie weiß, daß sie all das vor ihrem Vater geheim halten muss. Der wird immer aggressiver und beginnt nun auch seiner Tochter gegenüber handgreiflich zu werden. Doch die möchte sich nicht zm Opfer machen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und dabei auch ihren Bruder retten, der selbst immer grausamer und gefühlskälter wird.
Diese explosive Mischung steuert auf einen Höhepunkt zu, der es wirklich in sich hat und mich komplett zerstört zurückgelassen hat.

„Das wirkliche Leben“ ist ein Buch, das eine absolute Sogwirkung auf mich hatte. Auch wenn es stellenweise wirklich harte Kost ist, war ich von Anfang an voll in die Protagonistin investiert und musste einfach weiterlesen, um die Geschichte mit ihr zusammen durchzustehen.
Manche mögen diesem Buch handwerkliche Schwächen ankreiden, die ich zwar zum Teil nachvollziehen kann – immerhin haben wir es hier mit einem Debütroman zu tun – aber die ich jederzeit verzeihe, weil die Geschichte mich mit ihrer Intensität voll überzeugt hat.

Für mich ist „Das wirkliche Leben“ jedenfalls einer der Titel dieses Frühjahrs, den ich nur empfehlen kann, der aber auch nichts für schwache Nerven ist.

Alles neu im Mai?

Der April war ein unheimlich anstrengender, aber auch ereignisreicher Monat, in dem ich leider so gut wie gar nicht zum Bloggen gekommen bin.
Das liegt einfach daran, daß ich mit den Kindern zu Hause keine Zeit mehr habe, um die Ruhe zu finden, die ich brauche, um meine Gedanken zu formulieren. Wenn ich mir aber etwas Zeit freischaufeln kann, dann geht es an die Planung für die nächsten Podcast-Folgen, ans Skripte und Artikel schreiben.
Für „Mit Vergnügen“ haben Andi und ich zum Beispiel eine ganze Liste mit Buch-Tipps zusammengetragen, die ihr hier finden könnt.
Überhaupt waren die ersten Wochen, seit „Seite an Seite“ von Hugendubel übernommen wurde richtig arbeitsintensiv. Langsam finden Andi und ich aber in einen Rhythmus, mit dem wir ganz gut klar kommen und die Planung, Unterstützung und die Zusammenarbeit mit dem ganzen Team zahlt sich wirklich aus, denn was als kleines Wohnzimmerprojekt angefangen hat, schafft es mittlerweile in die Podcasts Charts.
Für Andi und mich ist das alles immer noch absolut surreal, aber wir haben extrem viel Spaß an der Sache und freuen uns über die Möglichkeiten, die sich uns durch dieses Projekt plötzlich bieten.

Ich habe mir die letzten Wochen überlegt, ob ich dieses Format hier weiterhin beibehalten soll, denn mein Leseverhalten hat sich durch den Podcast extrem verändert. Statt meiner durchgeplanten Monatsstapel, herrscht mittlerweile das kreative Chaos.
Immerhin müssen Andi und ich unsere Leseinteressen jetzt deutlich besser koordinieren, da rutscht dann immer mal wieder etwas rein oder raus, womit wir vielleicht vorher gar nicht gerechnet haben.
Also hatte ich überlegt, statt meiner Monatsstapel zu Monatsrückblicken zu wechseln. Da wir aber immer die Podcast-Folgen eines ganzen Monats im Vorfeld aufnehmen, wäre es vermutlich arg spoilerig, welche Titel ich dann alle gelesen habe.
Letztendlich bleibe ich nun doch bei meinem gewohnten Format und was es dann in die „Seite an Seite“-Episoden schafft ist weiterhin eine Überraschung.

IMG_20200501_132802-01

Beginnen wir den Monat gleich mit zwei Titeln, die euch vielleicht verwundern dürften: „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ von Katrine Engberg.
Den dritten Teil ihrer Kopenhagen-Krimis – „Glasflügel“ – hatte ich zuletzt gelesen, warum jetzt aber so schnell noch die beiden Vorgänger, wenn ich doch aktuell damit beschäftigt bin, für den Podcast zu lesen?
Der Grund dafür freut mich sehr, denn am nächsten Dienstag, also am 05.05. werden Katrine und ich einen Livestream auf dem Instagram-Kanal von Hugendubel und Seite an Seite machen. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf, diese unheimlich nette und spannende Autorin zu interviewen und will mich da vorher natürlich noch ein bißchen mehr in ihre Bücher einlesen.

IMG_20200501_132618-01

Zwei Titel, die ich dann auch noch im April gelesen habe, sind „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin und „Die Schönheit der Begegnung“ von Frank Berzbach.

„Giovannis Zimmer“ erschien bereits in den 1950er Jahren und wurde jetzt – wie die anderen Werke von James Baldwin – neu übersetzt.
Soviel kann ich schon mal verraten: Selten habe ich so viele Post-it’s gebraucht, um großartige Stelle zu markieren, wie in diesem Buch.

Frank Berzbach habe ich im Februar kennengelernt, als der Eisele Verlag zu einem unheimlich schönen Verlagsabend eingeladen hatte, an dem ich mit lieben Kollegen und Buchhändlern aus ganz Bayern zusammen saß, aß und trank und nicht ahnte, daß ich schon bald darauf auf all das verzichten würde müssen…

IMG_20200501_132728-01

Ein weiterer Titel, der es noch in den April geschafft hat, ist „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hossaini.
In dieser literarischen Romanbiografie habe ich den Namen Hugo von Tschudi zum ersten Mal gelesen. – Dabei bin ich doch sonst ein echter Kunst-Nerd!
Der damalige Leiter der Nationalgalerie in Berlin war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts die bekanntesten impressionistischen Werke nach Deutschland holte und der eine ganz persönliche Tragödie erleben musste…
Eine unheimlich spannende Figur und ein wahnsinnig schöner und literarischer Text!

Mitte Juni erscheint „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata, die mit „Die Ladenhüterin“ bekannt geworden ist.
Dieses Buch steht schon lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen wollte; nachdem nun aber schon das Leseexemplar ihres neusten Romans hereinschneite, habe ich mir jetzt wirklich vorgenommen, endlich etwas von Murata zu lesen.

IMG_20200501_132632-01

Zwei französische Titel, die sich ganz wunderbar draußen in der Sonne lesen lassen dürften (vielleicht sogar an einem See, der Balkon ist aber notfalls auch wieder gemütlich hergerichtet), sind „Hitze“ von Victor Jestin und „Du wirst mein Herz verwüsten“ von Morgane Ortin. Beide habe ich schon angelesen und beide machen unheimlich viel Lust auf mehr.

In „Hitze“ wird ein 17-jähriger Junge Zeuge eines Selbstmordes, doch anstatt zu helfen oder jemanden zu alarmieren, lässt er die Leiche verschwinden. Eine unheimlich intensive Ausgangssituation!

„Du wirst mein Herz verwüsten“ ist ein extrem spannendes Projekt, von dem ich hoffe, daß es auch wirklich konstant gut bleibt.
Morgane Ortin hat für dieses Buch nämlich reale Chatverläufe und SMS von anonymen Teilnehmern gesammelt und sie so arrangiert, daß sie eine durchgängige Geschichte bilden.
Ich liebe es ja sehr, wenn sich Autoren trauen, gängige Erzählstrukturen aufzubrechen und sich Neues trauen. Hoffentlich geht dieses Konzept auf!

Das ist also das Kuddelmuddel aus gelesenen, angelesenen und noch ungelesenen Titeln, mit denen ich mich auf jeden Fall noch im Mai beschäftigen werde.
Kennt ihr vielleicht den ein oder anderen davon?

Bis bald und bleibt gesund!
Eure Andrea.

Review: Fünf Lieben lang

Brrr… Kalt ist es geworden in den letzten Tagen, auf Instagram tauchen schon die ersten Schneebilder auf und auf meinem Rezensionsstapel wartet noch ein letztes Sommerbuch darauf, besprochen zu werden, doch irgendwie konnte ich mich bisher einfach nicht so recht motivieren, etwas zu „Fünf Lieben lang“ von André Aciman zu schreiben.
Nun ist sein neuster Roman „Find Me“, die Fortsetzung seines Weltbestsellers „Call Me by Your Name“ auf Englisch erschienen, deshalb noch ganz kurz mein Feedback zu „Fünf Lieben lang“.

Nein, begeistern konnte mich dieses Buch leider nicht.
Um ehrlich zu sein hat es mich sogar zum Ende hin regelrecht genervt.

Es geht darin um Paul, der von den fünf großen Liebesgeschichten seines Lebens erzählt.
Als Zwölfjähriger verliebt er sich auf einer kleinen italienischen Insel, auf der seine Eltern ein Ferienhaus besitzen, in den Kunstschreiner Giovanni, der für Pauls Familie kleine Reparaturarbeiten am Mobiliar ausführt.
Paul ist hingerissen von diesem Mann, er besucht ihn schon bald täglich unter dem Vorwand, ihm bei seinen Arbeiten helfen zu wollen, aber doch einfach nur, um in seiner Nähe zu sein…
Jahre später lebt Paul dann in New York mit der smarten Journalistin Maud zusammen, doch als er sie eines Tages zufällig beim Mittagessen mit einem anderen Mann sieht, verzweifelt er vor lauter Eifersucht…
Dann folgen Manfred, den Paul lange nur aus der Ferne bewundert, Chloe, mit der ihn eine lange Beziehung verbindet, die aber immer wieder an der Realität scheitert und zum Schluß, als Paul bereits ein wenig in die Jahre gekommen ist, noch die junge Heidi, mit der plötzlich alles noch einmal möglich scheint…

Während ich die ersten beiden Geschichten, besonders die um Maud, wirklich gut fand und sie gerne gelesen habe, begann mir das Buch aber mit jeder weiteren „Liebe“ mehr und mehr auf die Nerven zu gehen.
Denn jede Geschichte hat am Ende immer einen kleinen Kniff, der sich ständig wiederholt. Da der Roman in der ersten Person verfasst wurde, schlüpft man automatisch in Pauls Rolle, man leidet mit ihm mit und wird dann zum Schluss immer wieder von einer Information überrascht, die uns bis dahin vorenthalten wurde und die all den Liebeskummer dann doch stark relativiert.
Beim ersten Mal mag das noch ein überraschender Kunstgriff sein, durch die ständige Wiederholung dieses Kniffs in den folgenden Geschichten macht es Paul einfach nur noch unsympathisch.

Letztendlich geht es in diesem Buch nicht um die Liebe, sondern um einen alternden, egozentrischen Mann, der wohl mehr in das Gefühl des Verliebtseins verliebt ist, als in die Menschen in seinem Leben.
Das ist – trotz erfreulicher Diversität – ein Thema, mit dem ich einfach durch bin…

Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

2019-08-01_11.33.52

Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

2019-08-01_11.33.08

Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

2019-08-01_11.34.19

Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

2019-08-01_11.34.43

Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert, auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman „Schöner als überall“ von Kristin Höller sehr vielversprechend an!

2019-08-01_11.35.05

Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman. Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

2019-08-01_11.32.06

Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über „Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren“ von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel „Sumpfland“ ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

2019-08-01_11.31.27

Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners „Woyzeck“ vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea

Review: The October Man

Auf den Oktober freue ich mich dieses Jahr schon sehr, denn dann wird Ben Aaronovitch bei uns im Laden zu Gast sein, um sein neustes Buch „Der Oktobermann“ vorzustellen.
Als großer Fan der Rivers of London-Reihe schnappte ich mir diesen Band natürlich gleich auf Englisch und war dann zugegebenermaßen ein bißchen überrascht…
Ich hatte zwar gesehen, daß dieser Teil in Deutschland spielen würde, daß es allerdings ganz ohne Peter Grant und Co ablaufen würde… damit hatte ich nicht gerechnet.
Denn auch wenn auf der englischen Ausgabe frech „A Rivers of London Novella“ steht, betritt in „The October Man“ ein völlig neuer Ermittler die Bühne: Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts. Man könnte es wohl als das deutsche Äquivalent der Folly bezeichnen, wäre hier nicht alles streng reglementiert und mit preußischer Effizienz durchorganisiert.
Wer jetzt aber glaubt, daß damit der Charme der Reihe verlorengeht, der irrt, denn Tobias Winter ist zwar deutlich organisierter und abgeklärter als Peter Grant, aber deshalb nicht weniger liebenswert.

An einem Weinberg in Trier wird eine seltsam entstellte Leiche entdeckt: der gesamte Körper ist von einem Pilz überzogen, der dazu eingesetzt wird, Weine zu veredeln und der eigentlich nicht auf den Menschen übergreifen kann. Ein Fall für die Abteilung KDA?
Tobi Winter reist an, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen und wird vor Ort von einer Ermittlerin betreut, die zur Belustigung aller ausgerechnet Vanessa Sommer heißt.

Schnell wird klar, daß Magie beim Tod des Mannes definitiv eine Rolle gespielt haben muss und so beginnen Tobi und Vanessa, die sich erst an den Gedanken gewöhnen muss, daß ihr neuer Partner zaubern kann, zu ermitteln.
Dabei stoßen sie auf eine seltsame Trinkbruderschaft, ein altes Familiengeheimnis und natürlich auf die obligatorischen Flußgöttinnen…

„The October Man“ ist Aaronovitchs zweite Novella nach The Furthest Station und mit knapp 180 Seiten zwar ein kurzes, aber absolut lohnendes Lesevergnügen.

Das beeindruckende an dieser Geschichte ist, daß es Ben Aaronovitch gelungen ist, einen weiteren magischen Ermittler zu schaffen, der aber einen ganz eigenen Erzählton und eine völlig andere Herangehensweise hat. Dabei arbeitet er die Unterschiede zwischen England und Deutschland auf eine wirklich pointierte Art und Weise heraus, ohne dabei die typischen Klischees zu bedienen.
Denn wenn man in der Folly auf Ergebnisse aus anderen Abteilungen wartet, dann sind in der Regel die überarbeiteten, unterbesetzten Kollegen schuld, daß es nicht vorangeht. In Deutschland wird auf die Uhr geschaut, lakonisch festgestellt, daß die Beamten bereits Feierabend haben und der Rest der Ermittlung bis zum Dienstbeginn am nächsten Tag verschoben.

Überhaupt merkt man, daß Ben Aaronovitch sich Hilfe aus Deutschland geholt hat, denn es gibt keinen einzigen Fehler, wenn einmal etwas auf Deutsch gesagt wird. Wie oft habe ich schon englische Bücher gelesen, in denen plötzlich deutsche Figuren auftreten, die dann ein Kauderwelsch von sich geben, für das sich selbst der Google Translator schämen würde?
Sogar einen kleinen Schwaben-Witz bringt Aaronovitch locker unter! Da macht es auch Deutschen Spaß, das Buch im Original zu lesen.

Wer ein bißchen traurig ist, auf Peter Grant und Thomas Nightingale verzichten zu müssen, der sei getröstet… „The October Man“ bietet einen ganz großartigen Einblick in die Welt der Magie außerhalb der Folly und man beginnt zu ahnen, daß mit der Ausbildung von Peter etwas ins Rollen gebracht wurde, das weitreichendere Konsequenzen hat, als man bisher ahnen konnte.
Es gibt auch eine herrliche Szene, in der Tobi Abends im Bett liegt, an Peter Grant denkt und sich fragt, ob Peter wohl weiß, daß es ihn – also Tobi – überhaupt gibt…

Die Geschichte macht absolut Lust auf mehr vom Winter/Sommer-Team und lässt auf ein Crossover mit der Folly hoffen.
Für Fans ein absolutes Muss, auch ohne die üblichen Protagonisten!

Die deutsche Übersetzung „Der Oktobermann“ erscheint Ende September bei dtv.

Neue Bekannte und alte Freunde im März

Schön langsam wird es Frühling und vor der Leipziger Buchmesse schneien gerade viele Neuerscheinungen ins Haus.
Mit dabei sind dieses mal zwei alte Bekannte, zwei Bücher von Autoren, die mir völlig neu sind und zwei Titel, die irgendwo dazwischen liegen.

Fangen wir mit den alten Freunden an, zu denen es auch schöne Geschichten gibt…

2019-03-01_17.03.01

Vea Kaiser hat mich vor Jahren mit Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ schwer begeistert.
Wie es der Zufall so wollte hatte ich dieses Buch ausgerechnet dabei, als ich meine beste Freundin im Sommerhäuschen ihrer Familie im Blauen Land besuchte.
Ich las das Buch während ich mich gemütlich auf der Veranda sonnte, hinter dem Haus weideten die Kühe vorbei und bimmelten mit ihren Glocken, ab und zu tuckerte ein Traktor weiter unten durchs Dorf und wenn ich aufblickte sah ich die Zugspitze.
Für „Blasmusikpop“ hätte ich wohl keinen besseren Leseplatz wählen können und schon allein deshalb war es ein absolutes Lesehighlight für mich.

Auch Vea Kaisers zweiten Roman Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ habe ich begeistert gelesen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Griechenland war.
Nun freue ich mich schon sehr auf ihr neustes Buch Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger.

Und wenn alles klappt, sehe ich Vea Kaiser auch demnächst auf der Leipziger Buchmesse.
Ich bin schon gespannt!

Eine ebenfalls alte Bekannte ist Ingrid Noll.

Ich weiß noch, wie ich damals meinen ersten Roman von ihr gelesen habe: es war vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Ich war 17 und verbrachte das Wochenende bei einer Freundin (nicht die mit dem Sommerhäuschen).
Dort war ich im Zimmer ihrer Schwester untergebracht, die ihrerseits das Wochenende bei Freunden verbrachte und die ein wirklich schönes Bücherregal neben dem Bett stehen hatte.

Da die ganze Familie ausgesprochene Langschläfer waren und ich morgens hungrig und einsam war, aber niemanden wecken wollte, griff ich mir eines der Bücher aus dem Regal der Schwester: „Die Häupter meiner Lieben“.

Ich las es in einem Rutsch durch und erschien dann – trotz des frühen Aufwachens und des Hungers – als Letzte am Frühstückstisch. Das Buch hatte mich an diesem Morgen völlig ans Bett gefesselt.

In der Ausbildung schnappte ich mir noch „Kalt ist der Abendhauch“, aber seltsamerweise habe ich danach nichts mehr von Ingrid Noll gelesen. Dabei fand ich ihre Titel sehr humorvoll und kurzweilig.

Nachdem mich aber vor Kurzem eine regelrechte Nostalgiewelle überrollte, dachte ich mir beim Stöbern im neuen Diogenes Programm: „Warum eigentlich nicht?“
Und so durfte Nolls neustes Buch Goldschatz auf meinem Lesestapel Platz nehmen.

2019-03-01_17.04.37

Zwei Autorinnen, von denen ich zwar schon etwas gelesen habe, wenn auch noch keinen Roman sind Hiromi Kawakami und Elena Ferrante.

Von Kawakami habe ich letzten Sommer Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß als Graphic Novel mit im Südtirol-Urlaub gehabt. Vermutlich lässt sich daraus nicht viel auf ihren Schreibstil schließen, aber die Geschichte gefiel mir gut und deshalb fand ich es an der Zeit, einmal einen richtigen Roman von ihr zu lesen, nämlich ihr neustes Buch Die zehn Lieben des Nishino.

Auch von Elena Ferrante habe ich bisher keinen Roman, sondern nur die Kurzgeschichte Der Strand bei Nacht gelesen.
Frau im Dunkeln hörte sich jedenfalls spannend an und die Besprechungen, die ich bisher davon gelesen habe, haben mich wirklich neugierig gemacht.

2019-03-01_17.07.09

Kommen wir nun zu zwei Titel von mir noch völlig unbekannten Autoren.
„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mìrza wäre wohl nicht auf meiner Leseliste gelandet, gäbe es die gute Jen Campbell und ihren fabelhaften YouTube-Kanal nicht.
Denn in der Liste ihrer Lieblingsbücher des letzten Jahres landete „A Place for us“, die englische Ausgabe dieses Titels auf Platz 1!

Da ich mit Jens Empfehlungen bisher gute Erfahrungen gemacht habe, wollte ich mir dieses Buch auf keinen Fall entgehen lassen.

2019-03-01_17.05.57

Zu guter Letzt durfte diesen Monat natürlich auch kein Sachbuch fehlen.
Als verhinderte Forscherin war ich sehr dankbar für den Tipp zu Christopher Kemps Buch Die verlorenen Arten – Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen.

Das hört sich nun erstmal nicht besonders reißerisch an, aber ich finde es faszinierend, was alles noch unentdeckt in den Schubladen großer Museen vor sich hinschlummert.
Sollte jemand daran zweifeln, dann empfehle ich den YouTube-Kanal „The Brain Scoop“ mit Emily Graslie. Wer naturkundliche Museen danach immer noch langweilig findet, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! 😉

Das ist er also, mein Märzstapel!
Kennt Ihr schon den ein oder anderen Titel?
Auf welche Novitäten freut Ihr Euch besonders?
Und seid Ihr auch auf der LBM und wenn ja: habt Ihr Tipps für mich?

Liebe Grüße und einen guten Start in den Frühling,
Eure Andrea

Review: Die Gesichter

Bear Bavinsky ist ein gefeierter Künstler, doch ein guter Vater oder Ehemann ist er nicht.
Dennoch vergöttert ihn sein Sohn Charles, genannt Pinch, als die kleine Familie Mitte der 50er Jahre gemeinsam in Rom lebt.
Doch kurze Zeit später verlässt Bear Pinch und dessen Mutter Natalie, um zurück nach Amerika zu gehen und schon bald mit einer neuen Frau und neuen Kindern zu leben.

Pinch trifft die Abkehr seines Vaters zutiefst und so versucht er alles, um Bear zu beeindrucken.
Er beginnt selbst zu malen und auch wenn ihm seine Mutter künstlerisches Talent attestiert, ist es doch alleine Bears Meinung, die für ihn zählt.
Als sich Vater und Sohn dann Jahre später wieder treffen, gibt es für Pinch endlich die Möglichkeit, seinen Vater zu beeindrucken, doch der lenkt stets ab, wenn ihm sein Sohn ein Bild zeigen will.
Auf einer Vernissage erzählt Bear zwar jedem, der es hören will, daß sein Sohn ein begnadeter Künstler ist, doch später eröffnet er Pinch, daß aus ihm nie ein berühmter Maler werden kann.

Völlig am Boden zerstört gibt Pinch das Malen auf und beschließt, Kunstgeschichte zu studieren.
Im Laufe der Zeit geraten die Bilder seines Vaters aus der Mode und so entwickelt Pinch den nächsten ehrgeizigen Plan: er beschließt, nach dem Studium ein angesehener Kunstprofessor zu werden und dann die Biografie seines Vaters zu schreiben, um ihm den Platz in der Kunstgeschichte zu geben, den er verdient.
Anfangs wird Pinch auch in diesem Plan von seinem Vater bestärkt, nur um später wieder von ihm abgekanzelt zu werden.

Und so versinkt Pinch nach und nach in der Mittelmäßigkeit.
Statt ein angesehener Kunstexperte zu werden, arbeitet er als Italienischlehrer, heiratet eine Frau, die er nicht liebt, um nicht länger alleine zu sein, nur um schon bald wieder verlassen zu werden…
Das Leben von Charles Bavinsky hat nichts mit den hochtrabenden Plänen seiner Jugend zu tun.

Doch dann entdeckt er zufällig, daß sein Vater eine ganze Reihe exzellenter Gemälde in einem kaum genutzten Ferienhaus in Frankreich aufbewahrt.
Als er die Bilder begutachtet und eines in einem Anfall von Wut beschädigt, bringt er Ereignisse ins Rollen, die das Verhältnis zu seinem Vater von Grund auf ändern werden und sich schon bald nicht mehr aufhalten lassen…

Mit „Die Gesichter“ hat Tom Rachman einen beeindruckenden Roman über eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung geschrieben.
Bear Bavinsky ist eine starke, alles einnehmende Figur, die sofort an Picasso oder Hemingway erinnert.

Mich hat die Mischung aus Künstlerroman und Familiendrama sehr angesprochen.
„Die Gesichter“ ist ein ausnehmend gutes Buch, das die Frage aufwirft, welchen Preis wird bereit sind, für Kunst zu zahlen (und das meine ich in mehr als einer Hinsicht).