Seite an Seite – Der Literaturpodcast Folge 3 oder ooh baby baby, it’s a wild world

Ein bißchen still ist es in den letzten Wochen auf unserem Podcast geworden…
Das lag aber nicht etwa daran, daß Andi und ich keine Lust gehabt hätten, über die Bücher zu reden, die wir gelesen haben. Das Problem war, daß Andi noch an der Zulassungsarbeit für sein Staatsexamen saß und den ganzen Tag nichts anderes tat, als alle Daniel Kehlmann Bücher zum wasweißichwievielten Male durchzulesen und auf ihre Metafiktionalität abzuklopfen.
Gut… Vielleicht hätten wir auch einen Podcast darüber machen können…
Vermutlich braucht Andi jetzt aber mal eine kurze Pause von Daniel Kehlmann.

Jetzt geht es jedenfalls wieder frisch motiviert weiter, also viel Spaß mit unserer neusten Folge!

Unsere Titel in dieser Folge sind:

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Andi:
Sophie Passmann – Frank Ocean
Jonathan Safran Foer – Wir sind das Klima!

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Andrea:
Tommy Orange – Dort dort
Mareike Fallwickl – Das Licht ist hier viel heller

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Und zusammen sprechen wir über:
Simone Lappert – Der Sprung

(Die blau unterlegten Titel führen Euch zu den Besprechungen auf meinem Blog.)

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Schaut auf jeden Fall mal vorbei und hört rein!
Wir freuen uns schon auf Eure Kommentare!

Andi & Andrea

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Review: Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet

Morgen ist Halloween und leider bin ich ein zu großer Angsthase, um irgendwelche Horrorstories für diejenigen zu empfehlen, die sich gerne gruseln.
Trotzdem wollte ich Euch eine kleine Gespenstergeschichte vorstellen, die ganz nebenbei auch das meiner Meinung nach entzückendste Buch des Jahres ist: „Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ von Rebecca Green.

Vor einiger Zeit hatte ich dieses Bilderbuch auf Englisch entdeckt und mich sofort darin verliebt. Immer wieder versuchte ich es meinem Kleinsten gleich beim Vorlesen zu übersetzen, was aber manchmal ein bißchen holprig wirkte und weshalb ich mich unheimlich darüber freute, als ich sah, daß es nun die deutsche Übersetzung beim Diogenes Verlag gibt.

Die Geschichte ist eine ganz wunderbare Anleitung darüber, wie man ein Gespenst fängt, sich mit ihm anfreundet, was man ihm zu Essen geben kann und welche Dinge man besser nicht tun sollte.
Das ganze Buch über kommt man aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus und am Ende wird man trotzdem Tränen in den Augen haben.

Wer Sy Montgomerys Autobiografie „Einfach Mensch sein“ gelesen hat, der kennt auch schon Rebecca Greens Zeichenstil, denn die Illustrationen in diesem Buch stammen ebenfalls  aus ihrer Feder.
In gedeckten Grau- und Brauntönen und mit roten Farbakzenten setzt sie die herbstlich-düstere Stimmung perfekt in Szene und schafft es trotzdem, daß die Geschichte insgesamt unheimlich farbenfroh wirkt.

„Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ ist ein wirklich wunderbares Bilderbuch, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen bezaubern dürfte.
Empfohlen ist es ab vier Jahren und auch für all die geeignet, die sich sonst eigentlich vor Geistern fürchten. Denn am Ende der Geschichte wird niemand mehr Angst haben, sondern eher darüber nachdenken, wie er sich selbst ein kleines Gespenst fangen kann.

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Review: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin

In meinem Sommerurlaub hatte ich ja nun endlich „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ gelesen. Nun kam mit „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ eine Fortsetzung der Geschichte auf den Markt und nachdem mir Motti Wolkenbruch im ersten Teil sehr ans Herz gewachsen war, wollte ich nun unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Viel Vorwissen ist nicht nötig, um in „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein…“ einzusteigen.
In der „Wunderlichen Reise“ haben wir Motti und seine jüdisch-orthodoxe Familie kennengelernt, von denen er sich abzunabeln versucht, nachdem er sich in eine Nichtjüdin verliebt, ihn die Mutter aber partout mit einer jüdischen Frau verkuppeln will. Am Ende des ersten Bandes lassen wir Motti einsam in einem Hotel zurück, nachdem er von seinen Eltern vor die Tür gesetzt wurde…
Hier finden wir ihn dann auch zu Beginn de zweiten Teils wieder, wo er nach einigen Wochen immer noch orientierungslos und verlassen ist.
Doch da bekommt er unerwarteten Besuch von einem jungen Mann, der Motti einlädt, mit ihm nach Israel zu kommen und sich den „Verlorenen Söhnen“ anzuschließen. Diese Gruppe besteht aus den Söhnen (und Töchtern) streng orthodoxer jüdischer Eltern, die mit ihren Kindern gebrochen haben, nachdem sie eine etwas freiere Glaubensausrichtung an den Tag gelegt haben. Zusammen leben und arbeiten sie in einem Kibbuz, in dem Orangen angebaut und exportiert werden.
Nach außen hin läuft das Leben hier recht ruhig und beschaulich ab, doch dann wird Motti in das Geheimnis der „Verlorenen Söhne“ eingeweiht: Hierbei handelt es sich nämlich um die Jüdische Weltverschwörung, die ja eigentlich eine Lüge der Nazis war, von den Kibbuzbewohnern aber irgendwann begeistert aufgegriffen wurde und an der sie nun seit Jahren mit recht mäßigem Erfolg arbeiten.

Prompt wird Motti dann auch zum Vorsitzenden des Weltjudentums; eine Aufgabe, an die er mit Ehrgeiz herangeht. Durch geschickte Werbekampagnen und die Beeinflussung von Googles Alexa werden plötzlich Schäferlocken, Schakschuka und Klezmer hip, doch es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die die Entwicklung mit unverhohlenem Abscheu beobachten. Denn in einer Bergfeste in den bayerischen Alpen hält sich eine Gruppe Nazis seit dem zweiten Weltkrieg versteckt und arbeitet mit Hochdruck an neusten Technologien, um den Hass der Bevölkerung auf Juden, Muslime und Ausländer im Allgemeinen durch Fake News, antisemitische Memes und Trollkommentare zu schüren.
Und während die neuste Erfindung der Nazis – die Hassmaschine – auf das Internet losgelassen wird, entsendet man zeitgleich die hübscheste Spionin der Bergfeste, um Motti Wolkenbruch ein für alle Mal aus dem Weg zu räumen…

Während „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ eine recht humorvolle Geschichte über den etwas überforderten Sohn einer jüdisch-orthodoxen Familie war, ist „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ völlig anders gestrickt.
Der erzählerische Ton des zweiten Teils unterscheidet sich stark vom ersten, in dem Motti seine Geschichte noch in der ersten Person geschildert hat. Im neuen Roman wird nun die dritte Person benutzt und auch der Fokus der Geschichte wechselt in jedem Kapitel zwischen dem Kibbuz der Jüdischen Weltverschwörer und der Bergfeste der Nazis.
Auch inhaltlich verabschieden wir uns von der beschaulichen Welt der Familie Wolkenbruch hin zu künstlicher Intelligenz, die die Weltherrschaft erlangen will, einem möglichen dritten Weltkrieg und sogar UFOs.
Einen so krassen Unterschied zwischen zwei Romanen mit demselben Protagonisten habe ich noch nie erlebt und trotzdem, oder vielleicht sogar besonders deswegen, hat mich „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ absolut begeistert.
Viele Fortsetzungsromane kranken ja ein wenig daran, daß oftmals die gleiche Geschichte wieder neu aufgewärmt wird… Das ist hier definitiv nicht der Fall!

Als ich die „Wunderliche Reise“ diesen Sommer las, war ich fast ein wenig traurig, daß ich kein Hörbuch zu diesem Roman hatte. Der ist nämlich in weiten Teilen auf Jiddisch geschrieben und auch, wenn wohl alles in der Regel so ausgesprochen wird, wie es geschrieben ist, hatte ich bei vielen Worten keine Vorstellung davon, wie betont wird.

Deshalb wollte ich das „Waghalsige Stelldichein“ unbedingt auch parallel hören. Gelesen wird das Hörbuch als ungekürzte Fassung von Autor Thomas Meyer persönlich.
Das macht unheimlichen Spaß, nicht nur, weil er jiddisch spricht, sondern das Ganze auch noch mit einem Schweizer Akzent.
Könnten Ohren lächeln, sie würden es tun!

Einzige Warnung: Wer sich für das Hörbuch entscheidet, was ich wirklich sehr empfehlen kann, der sollte es sich möglichst nicht im Auto anhören, während man mit den Kindern unterwegs ist. Es fallen einige deftige Ausdrücke und ich muss wohl noch im Kindergarten des Jüngsten erklären, warum er „Alarm! Alarm! Ein Jud! Ein Jud!“ ruft. X)

 

Meine Rezension zu „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ findet ihr hier:

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Review: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Auf Achse im Oktober!

Es wird nun aber wirklich Herbst…
Die Stürme wehen, die Novitätenstapel erreichen Höhen, die mich ins Schwitzen bringen und neben dem Lesen steht einiges an im Oktober!

Mitte des Monats geht es mit den weltbesten Kollegen auf die Frankfurter Buchmesse. Mein Notizbuch platzt schon aus allen Nähten, so viele Termine hab ich mir eingetragen, und ich bin wirklich sehr gespannt, was wir dort alles erleben werden.

Ende des Monats sollte es dann hoffentlich einmal wieder Zeit für eine neue Folge von „In vollen Zügen nach…“ werden. Diesmal soll es nach Wien gehen, allerdings mit beiden Kindern und die haben schon sehr eigene Pläne, was sie dort anstellen wollen!
Ich hoffe aber trotzdem, daß vielleicht ein, zwei Buchhandlungen auf dem Weg liegen werden, über die ich dann berichten kann. Also, liebe Wiener: Welche Buchhandlungen sollte ich unbedingt gesehen haben?

Wie schon erwähnt wird der Novitätenstapel nicht kleiner und ich bin schon wahnsinnig gespannt auf die Titel, die ich mir diesen Monat ausgesucht habe:

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Beginnen wir einmal mit ganz viel Liebe für den Diogenes Verlag, der einen Löwenanteil zu meinem Oktoberstapel beigetragen hat.

Wie eigentlich jedes Jahr gibt es etwas Neues von meiner Lieblingsautorin Amélie Nothomb, von der ich seit meiner Ausbildung jedes Buch verschlinge. „Klopf an dein Herz“ kam schon Anfang des Jahres auf Englisch auf den Markt und so hatte ich bereits im englischsprachigen BookTube sehr begeisterte Besprechungen dazu gesehen. Nun hat das Warten endlich ein Ende!

Ein weiterer Autor, von dem jede Neuerscheinung sofort auf meiner Wunschliste landet, ist Martin Suter. Mit „Allmen und der Koi“ legt er den mittlerweile sechsten Band der Allmen-Reihe vor und auch, wenn nicht jeder Suter-Fan automatisch zum Allmen-Fan wird, mag ich die Charaktere einfach unheimlich gern.

In meinem Sommerurlaub hatte ich „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer gelesen, nun erschien der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“.
In den letzten Monaten habe ich ja langsam wieder angefangen, Hörbücher zu hören und gerade beim ersten Wolkenbruch-Roman bedauerte ich sehr, kein Hörbuch davon zu haben, denn auch wenn man jiddisch wohl ausspricht, wie es geschrieben wird, hatte ich oft keine Ahnung, wie betont wird.
Gestern habe ich dann schon mal ins Hörbuch reingehört und war sofort begeistert von Thomas Meyers Stimme. Jiddisch und ein Schweizer Akzent! – Das freut das Ohr!

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Weiter geht es mit einer ganzen handvoll Romanen:

„Gespräche mit Freunden“ von Sally Rooney hatte mein Kollege Andi ja schon im letzten Podcast vorgestellt und er war nicht wirklich überzeugt davon, allerdings lese ich ausschließlich absolut begeisterte oder komplett enttäuschte Rezensionen. Love it or hate it? Da bilde ich mir immer gern meine eigene Meinung.

Margaret Atwoods neustes Buch „Die Zeuginnen“ habe ich schon gelesen, da es allerdings im September erst auf den Markt kam, nachdem ich meinen Monatsstapel vorgestellt hatte und ich weiß, daß sich einige Leser an den Bildern in meiner Rubrik „Mit Büchern durch das Jahr“ orientieren, um bestimmte Titel wiederzufinden, von denen sie sich nur noch an das Cover erinnern, wird dieser Titel sozusagen nochmal optisch nachgereicht. Die Besprechung könnt ihr allerdings jetzt schon lesen.

Während alle über die Shortlist des Deutschen Buchpreises diskutieren, ist heimlich still und leise die Auswahlliste des Bayerischen Buchpreises erschienen. Mit dabei: „Levi“ von Carmen Buttjer.
Auch so ein Titel, auf den ich mich diesen Monat schon sehr freue!

Ein weiteres „Love it or hate it“-Buch ist wohl „Es ist Sarah“ von Pauline Delabroy-Allard. Wie gesagt; da bilde ich mir gern eine eigene Meinung.

Worauf ich mich aber schon wirklich lange freue, ist „Melmoth“ von Sarah Perry. Ihr Roman „Die Schlange von Essex“ hat mich vor zwei Jahren nach anfänglichen Startschwierigkeiten absolut begeistert, weshalb ich auch große Erwartungen an ihr neues Buch habe.

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Wer meinen Blog nicht erst seit gestern verfolgt, dürfte inzwischen wissen, wie sehr ich die Illustrationen von Kat Menschik liebe, weshalb ihr neustes Buch „Die Puppe im Grase – Norwegische Märchen“ natürlich auf meinem Lesestapel gelandet ist.
Und was für eine schöne Einstimmung auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse!

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Weil ich nicht nur gerne Bücher, sondern auch Bücher über Bücher lese, freue ich mich diesen Monat sehr über „Leseglück“ von Mareike Fallwickl und Florian Valerius und „Nervenkitzel“ von Miriam Semrau. Nachdem ich so gut wie nie Krimis lese, ist besonders letzteres eine tolle Möglichkeit für mich, mein Krimi-Wissen für den Laden etwas aufzupolieren ohne mich zu Tode fürchten zu müssen.

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Ich sage ja immer: „Es ist kein guter Monat, wenn keine Graphic Novel dabei ist!“, dieser Monat sollte demnach großartig werden!
Mit dabei sind nämlich „Hawking“, die neue Graphic Novel-Biografie von Ottaviani & Myrick, von denen ich auch schon den Band über Richard Feynman sehr begeistert gelesen habe. Dann noch „Natürliche Schönheit“ von Nanna Johansson, die sich feministische Themen im Stil ihrer Landsfrau Liv Strömquist vornimmt und „West, West Texas“ von Tillie Walden. Von ihr wollte ich ja immer „Pirouetten“ lesen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben, dann fang ich eben einfach mit ihrem neusten Buch an.

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Zu guter Letzt noch zwei Bücher aus der Rubrik „In der Kinderbuchabteilung gefunden, lassen aber auch die Herzen der Großen höher schlagen“:
„Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ von Rebecca Green ist eines meiner liebsten Bilderbücher, das ich seit längerem auf Englisch besitze. Nun habe ich es mir nochmal auf Deutsch besorgt, um nicht immer simultan übersetzen zu müssen, wenn ich es dem Kleinen vorlesen will und um es Euch allen nochmal vorzustellen.
Es ist nämlich unheimlich entzückend!
Ein großartiges illustriertes Sachbuch hingegen ist „Verlorene Arten“ von Jess French und Daniel Long. Hier geht es eben nicht nur um Mammuts und Dinosaurier, sondern auch um Tiere, die erst in den letzten Jahren ausgerottet wurden.
Sehr spannend und informativ und ich kann jetzt schon sagen, daß dieses Buch sowohl mich, als auch meinen Kleinsten ungemein fasziniert.

So… Seid Ihr noch da oder schon von meinem Oktoberstapel erschlagen worden?

Kennt ihr einige der Titel und wie haben sie Euch gefallen?
Sehen wir uns auf der Buchmesse?
Und was sollte ich in Wien auf keinen Fall verpassen, selbst wenn ich alle Hände voll zu tun habe, weil ein Kind verlangt, die Krokodile im Haus des Meeres zu befreien, während sich das andere einen Panzer im Heeresgeschichtlichen Museum klauen will?

Liebe Grüße,
Andrea

Review: Der Sprung

Auf dieses Buch habe ich mich schon gefreut, seit es beim Diogenes-Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse angekündigt wurde: „Der Sprung“ von Simone Lappert.
Zwar haben es Bücher, in die ich schon lange hohe Erwartungen gesetzt hat, dann meistens schwer bei mir, doch dieser Roman hat gehalten, was versprochen wurde…

Es ist ein Ereignis, das das gewohnte Leben vieler Menschen aus dem Tritt bringt: eine Frau steht auf dem Dach eines Hauses und weigert sich herunterzukommen.
Schnell ist die Polizei vor Ort, Sprungkissen werden aufgepumpt, Gaffer versammeln sich auf der Straße, um das Geschehen zu filmen…
Doch der ganze Trubel hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die in der Straße wohnen, arbeiten oder vorbeikommen.
Da sind zum Beispiel Theres und Werner, deren Gemischtwarenladen gegenüber der Frau auf dem Dach schon seit Jahren keine Gewinne mehr abwirft, und die sich plötzlich einem Ansturm von Kunden gegenüber sehen. Oder Felix, der Polizist, der mit der jungen Frau reden soll und der zu sehr mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat. Da ist Maren, deren Lebensgefährte vermutlich eine Affäre hat und die diesen sonderbaren Tag nutzt, um aus ihrem gewohnten Leben auszubrechen, oder Winnie, das unbeliebteste Mädchen der Schule, die an diesem Tag eine unverhoffte Allianz mit einer Mitschülerin schließt…

In jedem Kapitel schlüpfen wir in eine andere Figur, die das Geschehen auf dem Dach passiv beobachtet, oder versucht, aktiv einzugreifen. Die Gründe, warum die Frau auf dem Dach steht, kann man sich erst nach und nach zusammenpuzzeln, doch auch wenn sie der Ausgangspunkt der Geschichte ist, entwickeln sich die Erzählstränge der zehn Personen um sie herum in zum Teil völlig verschiedene Richtungen. Es sind Geschichten über die Liebe und deren Ende, von Freundschaft, davon, aus seinem Leben auszubrechen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen oder ihr hinterherzutrauern, vertane Chancen und neue Möglichkeiten…

Simone Lappert schreibt über all das in einem Stil, der den Leser sofort mitreißt und auch wenn manche der Geschichten vielleicht ein bißchen kitschig oder weit hergeholt wirken, macht es einfach großen Spaß, dieses Buch zu lesen!

Obwohl wir es mit einer ganzen handvoll Protagonisten zu tun haben und die Kapitel relativ kurz sind, so daß wir die Perspektive immer wieder wechseln, ist man sofort mitten im Geschehen, fiebert mit den Charakteren mit und kann es dann trotzdem kaum erwarten, wieder zu früheren Handlungssträngen zurückzukehren, um zu sehen, wie es bei diesen Figuren weitergeht.
Das macht den „Sprung“ zu einer absolut kurzweiligen Lektüre, die man jedem Leser ans Herz legen möchte.

Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

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Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

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Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

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Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl und „Miroloi“ von Karen Köhler.
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

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Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert, auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman „Schöner als überall“ von Kristin Höller sehr vielversprechend an!

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Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman. Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

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Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über „Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren“ von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel „Sumpfland“ ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

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Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners „Woyzeck“ vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea

Review: Maschinen wie ich

Die Welt in der Charlie Friend lebt, ist der unseren sehr ähnlich, abgesehen davon, daß man hier in den 1980er Jahren, in denen diese Geschichte spielt, technologisch schon wesentlich weiter ist, als wir heute.
Grund dafür ist wohl, daß sich Alan Turing, der Anfang der 50er Jahre wegen seiner Homosexualität angeklagt wurde, nicht zur chemischen Kastration entschied und dann kurz darauf Selbstmord beginn, sondern stattdessen für ein paar Jahre ins Gefängnis ging, wo er forschte, neues erfand und es dann frei zugänglich machte, was den wissenschaftlichen Fortschritt um Jahrzehnte nach vorne katapultierte.

Und so gibt es in dieser Version der 80er Jahre bereits schon lange Handys, selbstfahrende Autos und – ganz neu – Androiden.
Charlie ist fasziniert von dieser technischen Entwicklung und beschließt sich – ganz impulsiv – einen dieser Roboter, genannt „Adam“ zu kaufen, die uns Menschen wirklich zum Verwechseln ähneln.

Kurz zuvor ist er mit seiner Nachbarin, der jungen und hübschen Miranda zusammengekommen. Charlie sieht Adam als ein gemeinsames Projekt, daß ihm Miranda näher bringen soll und so überlässt er ihr die Auswahl der Hälfte von Adams Persönlichkeitsparametern, die die Besitzer frei bestimmen können.

Kurz darauf öffnet Adam die Augen und beginnt schon bald, ein Eigenleben zu entwickeln, das Charlie mehr und mehr irritiert.
So warnt Adam ihn zunächst vor Miranda, nur um sich schon bald darauf in sie zu verlieben. Kein Wunder, immerhin hat ihn Miranda darauf programmiert!
Was ist Mirandas Geheimnis, das sie vor Charlie zu verbergen versucht?
Kann sich eine Maschine wirklich verlieben?
Und stimmen die Gerüchte, daß immer mehr Androiden „Selbstmord“ begehen?

Mit „Maschinen wie ich (und Menschen wie ihr)“ lädt uns Ian McEwan zu einem spannenden Gedankenexperiment ein: Was bedeutet Leben?
Ist eine künstliche Intelligenz dazu fähig, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln und Gefühle zu empfinden?
Und was passiert, wenn man diese logikbasierten Geschöpfe auf die Menschen loslässt, die sich selbst nicht einmal verstehen?

Charlie Friend steht der Entwicklung, die sich da vollzieht, beinahe schon naiv gegenüber. Die philosophischen Fragen, die diese Technologie mit sich bringt, scheinen ihn nicht zu interessieren. Auch, wie er seinen Adam effektiv zur Arbeit einsetzen könnte, fällt ihm reichlich spät ein. Es ist nur eine weitere technische Spielerei, die sich am Ende selbst überleben könnte, so wie die Faxgeräte in unserer Zeit; oder die selbstfahrenden Autos in Charlies, weil sie sich – nachdem sich Ingenieure und Ethiker jahrelang damit beschäftigt haben, wie das Fahrzeug reagieren soll, wenn es zu einem Zusammenstoß mit Personen kommen würde: die Passanten oder den Fahrer opfern? – als zu anfällig gegenüber Hackerangriffen erwiesen haben.

Es ist wirklich interessant, über all die moralischen Probleme nachzudenken, die Ian McEwan da in „Maschinen wie ich“ aufgeworfen hat, denn auch wenn man über Charlies Desinteresse an diesen Themen manchmal nur den Kopf schütteln kann, so lässt es dem Leser Raum, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

An dieser Stelle sollte vielleicht noch gesagt sein: auch wenn ich gerade viel über die ethischen Probleme, die in „Maschinen wie ich“ aufgeworfen werden geschrieben habe, ist es absolut kein langweiliges, rein philosophisches Buch!
Es ist genauso eine Liebesgeschichte, eine über Freundschaft und Verrat, über Rache und Schuld…

Mich hat „Maschinen wie ich“ jedenfalls glänzend unterhalten, mich immer wieder überrascht und viel zum Nachdenken angeregt.