Review: Nennt mich Nathan

Eine Graphic Novel zu einem spannenden Thema möchte ich Euch heute ans Herz legen: „Nennt mich Nathan“ von Catherine Castro und Quentin Zuttion aus dem Splitter Verlag.

An sich hat Lila eine schöne Kindheit, auch wenn es immer wieder Situationen gibt, die sie ärgern: wenn ihre Oma ihr eine rosa Tasche statt eines Taschenmessers schenkt, oder wenn ihre Mutter sie bittet, ein schickes Kleid anzuziehen.
Doch als ihr Körper anfängt, sich in der Pubertät zu verändern, nehmen Angst und Selbsthass überhand. Denn für Lila ist klar, daß sie kein Mädchen ist.

Aus Lila wird Nathan; ein Schritt, der vor allen Dingen Nathans Familie ratlos zurücklässt. Die Mutter sorgt sich, der Vater glaubt an eine Phase, der kleine Bruder vermisst seine große Schwester…
Doch Nathan weiß, daß er nur glücklich werden kann, wenn er seinen eigenen Weg geht.
Zusammen mit der Hilfe seiner anfangs noch zögerlichen Eltern und Freunde, Experten und Beratern beginnt Nathan seine Reise, um endlich er selbst sein zu können…

Bis vor anderthalb Jahren hatte ich mich nicht groß mit dem Thema Transidentität beschäftigt. Ich hatte eher zufällig die ein oder andere Doku gesehen und war bei YouTube über die sehr bewegende Rede von Lana Wachowski gestolpert, die sie gab, als ihr der HRC Visibility Award verliehen wurde.

Danach hatte ich zwar immer noch keine Ahnung, wie eine Geschlechtsangleichung nun wirklich abläuft, aber ich wurde mir der Tatsache bewusst, daß die Selbstmordrate bei Trans Teenagern erschreckend hoch ist.

Vor anderthalb Jahren dann erklärte eine liebe Bekannte, daß es eine kleine Veränderung im Familienleben geben würde: von nun an hätte ihr Kind einen männlichen Vornamen und würde in Zukunft als Junge leben.
Unsere Söhne sind im selben Alter. Wir haben nicht viel Kontakt, sehen aber auf Facebook, wie die Kinder langsam größer werden.
Mich überraschte dieser Schritt nicht besonders, denn im Laufe der Jahre war das kleine Mädchen langsam aus den Fotos verschwunden und von einem selbstbewussten, lustigen Jungen abgelöst worden.
Dennoch berichtete meine Bekannte von Unverständnis in ihrem Bekanntenkreis und auch wenn ich die Entscheidung der Familie absolut nachvollziehen konnte, musste ich mich selbst über Geschlechtsangleichungen schlaumachen.

Als ich deshalb „Nennt mich Nathan“ sah, war ich sofort begeistert, daß man dieses Thema so greifbar und ehrlich in Szene gesetzt hat.
Nicht nur Nathan kommt zu Wort, sondern auch sein Bruder und seine Eltern, und so schwankt man als Leser immer wieder zwischen Nathans Wunsch nach Veränderung und der Angst, die die Familie vor eben dieser Veränderung hat.

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Die Geschichte wurde in einem reduzierten Stil illustriert: einfache Tuschezeichnungen, die recht flächig koloriert wurden.
Trotzdem taucht man schnell ab in Nathans Geschichte und durchlebt Höhen und Tiefen mit ihm und seiner Familie.

Ich bin ja immer sehr dankbar, wenn Verlage Themen aufgreifen, die nicht gerade Mainstream sind und Bücher machen, die vielleicht nur eine recht kleine Zielgruppe ansprechen, für die es aber unglaublich wichtig ist, gesehen und gehört zu werden.
In diesem Sinne: auch (oder vielleicht besonders) wenn ihr Euch noch nie mit dem Thema Transidentität beschäftigt habt, werft einen Blick in diese wunderbare Graphic Novel!

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Sonnige Lesetage im Juni

Heute Morgen bin ich schon viel zu früh wach, aber die Sonne scheint so schön durch mein Fenster und der Tag schreit förmlich danach, im Schwimmbad verbracht zu werden.
Doch vorher ist noch Zeit, Euch meinen Lesestapel für den Juni vorzustellen.

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Seit ich in der neuen Filiale arbeite, lesen zwei liebe Kollegen und ich ganz zufällig meist die gleichen Bücher zur gleichen Zeit. Wolf Haas, Fred Vargas, Hilmar Klute, Takis Würger, Vea Kaiser, Joel Dicker und zuletzt Friedemann Karig… die Neuerscheinungen dieser Autoren landeten irgendwie immer auf den Lesestapeln von mindestens zwei, wenn nicht gar allen dreien von uns.
Das ist dann auch immer ein schöner Anlass, nach der gemeinsamen Abendschicht noch etwas trinken zu gehen und sich über das aktuelle Buch zu unterhalten. Wir haben zwar einen sehr ähnlichen Geschmack, gehen aber oft völlig verschieden an die Titel heran.
Bei mir muss das Bauchgefühl stimmen, der eine Kollege analysiert und fertigt mitunter schon mal Hefteinträge an, um seine Meinung zu unterstreichen (kein Wunder, immerhin wird er bald Lehrer) und der andere Kollege wird dann zum Schlichter, wenn wir uns gar nicht einigen können.
Ihr merkt schon: ich liebe diesen kleinen, unorganisierten Lesekreis!

Auch diesen Monat wird wieder ein Buch ganz zufällig zusammen gelesen, nämlich „Maschinen wie ich“ von Ian McEwan.
Die Kollegen haben schon damit angefangen und ich habe es nun gestern begonnen. Ich bin schon sehr gespannt, wie unsere Meinungen ausfallen werden!

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Gleich zwei Titel aus dem Hause Luchterhand haben mich vor Kurzem erreicht:
„Geschichte einer Ehe“ von Geir Gulliksen passt ganz wunderbar in meine Leseplanung, weil ich vor der Buchmesse ohnehin noch ein paar norwegische Autoren lesen wollte und „Herkunft“ von Sasa Stanisic wurde mir jetzt schon mehrfach empfohlen, ganz besonders von einem Kollegen, der in der selben Gegend wie Stanisic aufgewachsen ist.
Bisher kenne ich nur seine Kurzgeschichtensammlung „Fallensteller“, die ist mir aber durch einen sehr angenehmen Stil in Erinnerung geblieben.
Ich freu mich drauf!

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Im Bereich Sachbuch gibt es diesen Monat gleich zwei Bücher, die sich mit dem Thema Evolution beschäftigen.

Mit „Ausgestorben, um zu bleiben“ von Bernhard Kegel habe ich schon seit Längerem geliebäugelt, schließlich bin ich seit meiner Kindheit fasziniert von Dinosauriern und lasse auch heute noch kein Museum aus, in dem es Fossilien und Dinosaurierskelette zu bestaunen gibt.
Als ich dann die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg gesehen habe, war ich vollkommen hin und weg! Unter dem Schutzumschlag versteckt sich nämlich nochmal ein echter Hingucker.
Hoffentlich begeistert mich der Inhalt genauso sehr wie die Aufmachung.

Als illustriertes Sachbuch ist im Juni Die Entstehung des Lebens – Evolution aus dem Prestel Verlag mit dabei. Die Illustratorin Katie Scott kennt der ein oder andere von Euch ja vielleicht von „Das Museum der Tiere“, das ebenfalls in der „Eintritt frei!“-Reihe erschienen ist. Ausserdem hatte ich letztes Jahr das von ihr illustrierte Sachbuch Von Inseln, die keiner je fand vorgestellt.

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Und natürlich darf auch diesen Monat keine Graphic Novel fehlen!
Sehr begeistert war ich, als ich in der Vorschau des Splitter Verlags Nennt mich Nathan von Catherine Castro und Quentin Zuttion entdeckte.
Darin geht es um den Transjungen Nathan und seinen Weg zur Geschlechtsangleichung, aber auch um seine Familie, die mit der Situation emotional überfordert ist.
Das Thema Transgender interessiert mich nun schon seit längerem, denn als sich der Sohn einer lieben Bekannten als trans outete, stellte ich fest, wie wenig ich eigentlich über Geschlechtsangleichungen wusste.
Ein Glück, daß es YouTube-Kanäle gibt, auf denen man sich schlau machen kann und jetzt eben auch eine sehr persönliche Graphic Novel, die auf einer wahren Geschichte beruht.

Das ist er also, der Juni-Stapel!
Ich bin sehr glücklich mit der Auswahl der Titel und freue mich, Euch bald mehr von ihnen berichten zu können.
Was liegt gerade auf Euren Lesestapeln und kennt ihr vielleicht schon das ein oder andere Buch von meinem?

Ich wünsche Euch einen ganz wunderbar sonnigen Juni!

Eure Andrea

Review: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

2019 ist Humboldt-Jahr! Schließlich feiern wir im September den 250. Geburtstag eines der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit.
Wobei ich ganz ehrlich sagen muss: als ich damals in der Schule war, schien der Name Alexander von Humboldt nicht im Lehrplan zu stehen. Jedenfalls machte ich erst im Erwachsenenalter Bekanntschaft mit dem Mann, der Darwin zu seinen Forschungsreisen inspirierte.

Ein Glück aber, daß sich einige Verlage dem Thema Humboldt nun mit zum Teil wunderschönen und aufwendig gestalteten Neuerscheinungen angenommen haben!
Vor ein paar Monaten habe ich ja schon das bebilderte Jugendbuch Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne vorgestellt, heute möchte ich von einer spannenden Graphic Novel erzählen, die sich mit Humboldts Reisen beschäftigt.

Erzählt wird seine Geschichte von der Kulturhistorikerin Andrea Wulf, deren Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ das derzeit wohl umfangreichste Werk zu diesem revolutionären Forscher ist.
In „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ widmet sie sich seinen Reisen durch Süd- und Nordamerika zwischen 1799 und 1804. Dabei berichtet sie zwar sehr akkurat, aber auch leicht fiktionalisiert von Humboldts Expeditionen durch den Regenwald, den Bergbesteigungen, der Freundschaft zu Aimé Bonpland und der vermutlichen Liebe zu Carlos Montúfar.
Sie schafft es, trotz der wenigen Worte, die in einer Graphic Novel zur Verfügung stehen, nicht nur die Reiseabenteuer von Humboldt und seinen Gefährten zu erzählen, sondern auch, seine politischen Überzeugungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse herauszuarbeiten.

Dabei geht es mitunter auch recht witzig und selbstironisch zu. In Mexiko beispielsweise treffen Alexander von Humboldt und Andrea Wulf aufeinander, wobei die Autorin von Humboldt gerügt wird, daß sie in ihrer umfangreichen Biografie „Die Erfindung der Natur“ zu wenig über diesen Teil der Reise geschrieben hätte.

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Illustriert wurde die Geschichte von Lillian Melcher, die sich dabei einer Mischung aus Zeichnungen und Kollagen bedient, ähnlich wie Nora Krug in Heimat – Ein deutsches Familienalbum.

Auf den ersten Blick kamen mir die Illustrationen ein wenig zu krude und unsauber vor, doch schon nach ein paar Seiten war ich so von der Handlung gefesselt, daß ich mich auch schnell an den Zeichenstil gewöhnte und ihn im Laufe des Buches immer mehr zu schätzen wusste.
Denn Lillian Melcher hat offenbar jahrelang Archivmaterial gesichtet, um ihre Kollagen mit möglichst viel authentischem Material zu unterlegen. Da findet man die Aufzeichnungen Humboldts, neben den getrockneten Pflanzen Bonplands, zwischen alten Illustrationen und neuen Zeichnungen.

Ich bin wirklich schwer begeistert von diesem Buch und kann es jedem, der mehr über diesen außergewöhnlichen und visionären Forscher erfahren möchte, nur ans Herz legen!

Review: The Handmaid’s Tale – Graphic Novel

Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ ist ja eins der Bücher, die mich mit am meisten beeindruckt haben. Nun erschien auf Englisch gerade eine Adaption des Romans als Graphic Novel; klarer Fall, daß ich die haben musste!

„The Handmaid’s Tale“ erzählt die Geschichte von Offred (auf Deutsch: Desfred).
In einer dystopischen Zukunft existieren die USA, so wie wir sie heute kennen, nicht mehr. Stattdessen gibt es nun die ultrakonservative Republik Gilead, in der Frauen wenige bis gar keine Rechte mehr haben und das Land nach verschiedenen Umweltkatastrophen in manchen Teilen unbewohnbar geworden ist.
Da die Geburtenrate unaufhaltsam sinkt werden den Kommandanten der Republik sogenannte Mägde zur Verfügung gestellt: fruchtbare Frauen, die den Nachwuchs der Elite zur Welt bringen sollen.

Offred ist eine dieser Mägde, doch sie erinnert sich noch gut an die Zeit vor dem Umsturz, als es Frauen noch nicht verboten war zu Lernen, zu Arbeiten, oder ihren Besitz selbst zu verwalten. Eine Zeit, wie die unsere…
Nun ist sie in einer Welt gefangen, in der es für sie keinen Ausweg gibt, außer sich zu beugen. Doch nach und nach bemerkt sie kleine Risse in dieser Welt. Ist es vielleicht doch möglich auszubrechen?

Wer den „Report der Magd“ noch nicht gelesen hat sollte das wirklich nachholen!
Ich selbst habe es richtig bereut, das Buch erst vor ein paar Jahren und nicht schon als Teenager gelesen zu haben. Vermutlich hat es mich abgeschreckt, daß das Buch in der „Zukunft“ spielt; das hörte sich für mich immer nach Science Fiction an.
Dabei könnte die Handlung genauso jetzt, oder vor zwanzig Jahren spielen, denn alles was passiert ist, um Offreds Welt entstehen zu lassen, ist nichts was sich Margaret Atwood ausgedacht hat.
Naturkatastrophen, die Kernkraftwerke zerstört und ganze Landstriche radioaktiv verseucht haben? Nationalisten, die Dank eines Putsches an die Macht gekommen sind, der anschließend einer religiösen Minderheit in die Schuhe geschoben wurde? Frauen, die der Regierungselite als Gebärmaschinen zur Verfügung gestellt wurden? – Das alles ist schon einmal passiert und es gibt keine Garantie, daß es nicht wieder geschehen könnte.

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Die Adaption der Geschichte als Graphic Novel ist unheimlich gut gelungen! Fast möchte ich sagen: es ist eine der besten zeichnerischen Umsetzungen eines Buches, die ich je gesehen habe.
Dabei verwendet die Illustratorin Renée Nault sehr reduzierte Federzeichnungen, die sie dann aber umso aufwändiger koloriert und jeder Szene damit eine einzigartige Atmosphäre gibt.

Auch die Umsetzung der Handlung funktioniert hervorragend, wobei man natürlich im Buch mehr Informationen bekommt, wie es zum Umsturz kam. Trotzdem funktioniert die Graphic Novel auch problemlos als eigenständiges Werk für alle, die den Roman noch nicht gelesen haben.

Auf Deutsch wird die Graphic Novel von „Der Report der Magd“ wohl Anfang September im Berlin Verlag erscheinen, kurz bevor mit „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) endlich die lang erwartete Fortsetzung von „The Handmaid’s Tale“ auf den Markt kommt.
Ich bin schon wahnsinnig gespannt!

 

Meine ausführliche Besprechung von „Der Report der Magd“ findet Ihr hier:

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Review: Der Report der Magd

Review: I’m every woman

In letzter Zeit bin ich immer wieder auf die Comics von Liv Strömquist gestossen, die sich mit Titeln wie „Der Ursprung der Welt“ den Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat.
Also habe ich mir ihr neustes Buch „I’m every woman“ geschnappt, denn wie konnte ich bitte dieser frech grinsenden Madonna auf dem Cover widerstehen?

Bei einem Schwimmbadbesuch mit den Kindern begann ich mit dieser Graphic Novel und musste sie auch schon bald wieder zur Seite legen, weil ich so laut lachen musste, daß die Leute schon guckten…

In verschiedenen Episoden erzählt Liv Strömquist von starken Frauen und spannenden Ideen und nimmt dabei auch schon mal vermeintlich liberale Denkmuster etwas genauer unter die Lupe.

Im ersten Abschnitt werden beispielsweise „Die unsäglichsten Lover der Weltgeschichte“ gekürt. Ein Segment, das ich ebenso lustig wie lehrreich fand, denn daß einige berühmte Männer diverse Frauen nebenher hatten ist ja bekannt. Wie sich manche Herren dabei aber aufgeführt haben, war auch für mich neu…
Edvard Munch zum Beispiel schaffte es, sich bei einem Streit mit seiner Geliebten selbst in den Finger zu schießen, das ganze dann aber ihr in die Schuhe zu schieben (mit der Begründung, sie hätte ihn hypnotisiert) und anschließend blutrünstige Gemälde mit Titeln wie „Die Mörderin“ zu malen, um den Vorfall zu verarbeiten.
Darüber kann man wirklich nur lachen und den Kopf schütteln!

Liv Strömquists Zeichenstil ist sehr schlicht und reduziert. Manche finden ihn ja deshalb nicht besonders ansprechend, ich habe aber nichts daran auszusetzen.
Sie setzt auf sehr einfache Illustrationen, die dann zum Teil koloriert, zum Teil schwarz-weiß belassen sind und bedient sich hin und wieder auch gerne der Kollagetechnik.

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„I’m every woman“ ist kein Buch, das gefallen möchte. Man kann sich immer wieder an einigen Aussagen reiben und stoßen, sie gutheißen oder ablehnen… Liv Strömquist schreibt frei Schnauze, ohne auf political correctness zu achten, oder nach Bestätigung zu heischen. Durch ihre Unangepasstheit bekommt diese Graphic Novel das gewisse Etwas, das sie mir wahnsinnig sympathisch gemacht hat und der rotzfreche Humor hat mich vollends begeistert.
Bestimmt wird das nicht mein letztes Buch von Liv Strömquist gewesen sein!

Abenteuerliches im April

Morgen ist schon der erste April und bevor ihr denkt, daß der riesige Stapel, der sich diesen Monat bei mir angesammelt hat nur ein Aprilscherz ist, erzähle ich Euch lieber jetzt schnell, was im nächsten Monat alles auf meiner Leseliste steht.
Denn es ist eine ganze Menge zusammen gekommen!

Leider hänge ich noch ein wenig mit meinem Märzstapel hinterher, denn wie viele von Euch ja vielleicht mitbekommen haben, war ich schwer beschäftigt damit, die Wohnung zu renovieren, aber wenigstens habe ich nun endlich ein eigenes Zimmer.
Deshalb setze ich für den April vermehrt auf illustrierte Bücher und Graphic Novels. Hach… ich freue mich, denn es ist viel Spannendes und Abenteuerliches mit dabei.

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Aber beginnen wir mit den Romanen:

Das Buch, auf das ich mich wohl am meisten freue ist Das Verschwinden der Stephanie Mailer von Joel Dicker.
Bereits mit seinen ersten beiden Romanen „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ hat mich Dicker restlos begeistert. Hoffentlich kann „Stephanie Mailer“ daran anschließen.

Spannend hört sich auch Katherine Dions Debütroman Die Angehörigen an.
Es geht um einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau feststellt, daß sie wohl Zeit Lebens Geheimnisse vor ihm hatte…

Auf der Buchmesse wurde mir am Stand von weissbooks von Luna Al-Mouslis Roman Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich vorgeschwärmt.
Ende letzten Jahres haben ja viele Blogger sich die Mühe gemacht, um durchzuzählen, wie hoch die Frauenquote bei ihrer Lektüre war. Ich nahm das zum Anlass, um zu sehen, wie divers ich lese. Das Ergebnis: Während ich ganz gut bei den Persons of Color lag (vorausgesetzt man zählt Asiaten mit) und noch recht okay im Bereich LGBTQ+, war lediglich eine einzige Autorin mit Behinderung dabei und gar keine muslimischen Autoren! Daran wollte ich also ohnehin arbeiten, Luna Al-Mousli scheint da schon mal ein guter Einstieg zu sein.

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Natürlich darf auch der neue Moers nicht fehlen!
In Der Bücherdrache legt Walter Moers zwar nicht den lang erwarteten dritten Teil der „Stadt der träumenden Bücher“-Saga vor, dennoch geht es endlich wieder in die Katakomben von Buchhaim, diesmal allerdings mit dem kleinen Buchling Hildegunst von Mythenmetz.

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Weiter geht es mit den Sachbüchern.
Bei meinem neuen Lieblingsreisebuchverlag, dem Reisedepeschen Verlag ist vor Kurzem Vom Glück zu Reisen erschienen.
Darin setzt sich Philipp Laage wohl ebenso kritisch wie humorvoll mit den Auswüchsen der heutigen Reise-Industrie auseinander; von Selbstfindungstrips über Pauschal-Abenteuerurlaube.

Ein Titel auf den ich schon sehr gespannt bin ist Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen von Sy Montgomery. Ihr erstes Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ wurde ja zum Bestseller und mir schon lange von Kollegen ans Herz gelegt. Allerdings habe ich mich nun doch für „Einfach Mensch sein“ entschieden, immerhin wurde es von Rebecca Green illustriert, die zwar in Deutschland weitestgehend unbekannt ist, deren entzückendes Bilderbuch „How to Make Friends with a Ghost“ aber zu meinen Favoriten in diesem Bereich zählt.

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Mit Tieren und Menschen geht es weiter und zwar in zwei Graphic Novels, die von den Forschungsreisen zwei der berühmtesten Naturwissenschaftler ihrer Zeit berichten:
Darwin – An Exceptional Voyage von Fabien Grolleau und Jérémie Royer erzählt von der berühmten Reise auf der Beagle, während Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Humboldt-Expertin und Biografin Andrea Wulf und Illustratorin Lillian Melcher sich mit den Amerika-Reisen des Forschers beschäftigt.
So ähnlich sich die beiden Titel auch vom Thema her sind, so unterschiedlich sind sie in der Umsetzung und den Illustrationen.
Ich freue mich wirklich schon sehr darauf, Euch die Titel diesen Monat noch genauer vorzustellen!

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Bleiben wir bei illustriertem Sachbuch und widmen wir uns den Frauen…
Die Graphic Novel I’m every woman von Liv Strömquist setzt sich auf absolut humorvolle Weise mit Feminismus und Themen, die Frauen bewegen auseinander.

Kickass Women – 52 wahre Heldinnen von Mackenzi Lee dagegen ist im Stil von Büchern wie „Good Night Stories for Rebel Girls“ aufgemacht, wartet aber mit wesentlich unbekannteren Frauen auf, von denen ich zum Großteil noch nie gehört habe, und das obwohl ich im letzten Jahr bereits einige solcher Titel gelesen habe!

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Zu guter letzt bleiben wir bei Geschichten um Frauen und deren grafischer Umsetzung.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood liegt nun endlich auf Englisch als Graphic Novel vor und wurde wirklich verdammt gut umgesetzt!
Mary Who Wrote Frankenstein ist dagegen ein Bilderbuch, das zwar im englischsprachigen Raum zig Preise gewonnen hat, in Deutschland aber noch weitestgehend unbekannt ist.
Darin geht es um die Geschichte von Mary Shelley… Spannend!

Das ist er also, mein viel zu hoher Aprilstapel und wenn ich mir anschaue, was da alles noch vom März liegt könnte man ein bißchen an meinen Plänen zweifeln…
Allerdings ist nun tatsächlich wieder ein bißchen Ruhe in die Wohnung eingekehrt und ich merke, daß ich wieder Zeit finde, mehr zu lesen.
Der Maistapel wird dann aber garantiert wieder kleiner… Bestimmt!

Welche Titel liegen auf Euren Lesestapeln?
Worauf freut Ihr Euch am meisten und kennt Ihr einige der Titel, die ich heute vorgestellt habe vielleicht schon?
Ich wünsche Euch einen wunderbaren Frühling!

Eure Andrea

Review: Wer die Nachtigall stört – Graphic Novel

Viele Jahre lang stand „Wer die Nachtigall stört“ auf meiner Liste der Schande, also meine Liste der Bücher, die ich unbedingt gelesen haben sollte und es trotzdem noch nicht getan habe.
Als ich dann vor zehn Jahren in Chicago war und die Buchhandlungen dort besuchte, war ich zudem überrascht, welchen Status dieses Buch in den USA geniest. Denn in jeder Belletristik-Abteilung gab es immer ein ganzes Regal, das ausschließlich „To Kill a Mockingbird“ gewidmet war und in dem man die verschiedensten Ausgaben fand.

Vor ein paar Jahren, habe ich den Roman dann endlich gelesen und ich weiß noch, daß ich überrascht war, wie leicht er sich lesen lies. Und auch, weil das vordergründige Thema „Rassismus“ vielleicht gar nicht einmal den Kern der Geschichte bildet, sondern weil es für mich die amerikanische Seele beschrieben hat, wie kein anderes Buch.

Nun gibt es „Wer die Nachtigall stört“ auch als Graphic Novel.
Klarer Fall, daß ich sehr gespannt auf die Umsetzung war.

Alabama in den 1930er Jahren. Die achtjährige Scout und ihr großer Bruder Jem wachsen bei ihrem Vater, dem Anwalt Atticus Finch auf.
Ihre Sommer verbringen die Geschwister damit, durch die Nachbarschaft zu stromern und sich mit ihrem Freund Dill Spiele auszudenken. Im Mittelpunkt ihrer Mutproben steht der geheimnisvolle Boo Radley, der sein Haus seit Jahren nicht mehr verlassen hat und über den es die schaurigsten Gerüchte gibt.

Doch alles ändert sich, als der schwarze Arbeiter Tom Robinson angeklagt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben und Atticus dessen Verteidigung übernimmt.
Von da an werden nicht nur Atticus, sondern auch Scout und Jem rassistisch beschimpft und beleidigt.
Während Atticus und auch Jem diesen Umstand recht gleichmütig ertragen, hat die leidenschaftliche Scout sehr damit zu kämpfen. Bald findet sie sich in den Frontlinien eines Konfliktes, der ihre Sicht auf die Dinge nachhaltig verändern wird…

„Wer die Nachtigall stört“ ist ein wirklich vielschichtiges Buch und ich muss sagen, daß der Roman als Graphic Novel wirklich unheimlich gut umgesetzt wurde.
Ich kann mich an keine Szene erinnern, die gefehlt hätte; alles woran ich mich noch lebhaft aus dem Roman erinnere habe ich hier wiedergefunden.

Dabei beschränkte sich Illustrator Fred Fordham nicht nur auf die Dialoge, sondern flicht auch immer wieder stimmungsvolle Bilder ein, die den Szenen eine zusätzliche Tiefe geben.

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Herausgegeben wurde die Graphic Novel bei Rotfuchs, der Jugendbuch-Reihe des Rowohlt Verlags, und wird ab zwölf Jahren empfohlen.

Nun hatte ich ja anfangs geschrieben, daß der Roman recht leicht zu lesen ist, daß er aber ein starkes Bild der amerikanischen Seele zeichnet. Damit meine ich folgendes: während ich persönlich bei dem Thema Rassismus auf die Barrikaden gehe, reagiert Atticus auf eine Weise, die für mich anfangs schwer zu verstehen war.
In einer Szene beispielsweise verbringt Atticus die Nacht vor dem Gefängnis, als ein Mob auftaucht, der Tom ohne Prozess am nächsten Baum aufknüpfen möchte.
Die Situation wird letztendlich erst von der kleinen Scout entschärft, die den Rädelsführern leidenschaftlich entgegen tritt.
Zuhause fühlt sich Scout völlig vor den Kopf gestoßen und sagt: „Ich dachte immer, daß Mr. Cunningham unser Freund ist.“ Woraufhin Atticus ihr entgegnet, daß er das immer noch ist.

Es hat mich schon als Erwachsene viel Zeit gekostet zu verstehen, wie Atticus in der einen Sekunde einen Schwarzen verteidigen kann, der zu Unrecht beschuldigt wurde um in der nächsten den Mob zu verteidigen, der diesen Unschuldigen lynchen will.
Für Kinder und Jugendliche dürfte das ebenso schwer nachzuvollziehen sein und trotzdem finde ich, daß die Altersempfehlung ab zwölf gerechtfertigt ist.
Allerdings würde ich anregen, es mit dem Kind zusammen zu lesen und darüber zu diskutieren und auch zu erklären, warum zu dieser Zeit (und damit auch in diesem Buch) Worte benutzt werden, die heutzutage unverzeihlich wären.

„Wer die Nachtigall stört“ ist ein moderner Klassiker, der durch seine Vielschichtigkeit und das immer noch aktuelle Thema nach wie vor auf jeder Leseliste stehen sollte.
Die Graphic Novel ist ganz wunderbar und unheimlich detailgetreu umgesetzt und steht dem Roman in nichts nach.