Review: Ein Freitod

Bald ist wieder Frankfurter Buchmesse, wo dieses Jahr Norwegen Ehrengast sein wird. Im Lauf der letzten Monate habe ich Euch schon einige norwegische Neuerscheinungen vorgestellt, heute soll es nun um eine sehr persönliche Graphic Novel des Comic-Künstlers Steffen Kverneland gehen.

In „Ein Freitod“ erzählt Kverneland vom Selbstmord seines Vaters, der sich wenige Monate nach dem achtzehnten Geburtstag seines Sohnes das Leben nahm.

Inzwischen sind 38 Jahre vergangen, doch man merkt, daß Steffen Kverneland immer noch nicht mit diesem Ereignis abgeschlossen hat. Spät ist er durch Adoption selbst Vater geworden und so sitzt er oft mit seinem kleinen Sohn zusammen und spürt der Zeit mit dem eigenen Vater nach…

Odd Kverneland war ein äußerst liebevoller Vater, ein begeisterter Erfinder, jemand der gerne Witze machte… aber auch ein Mensch, der die Welt oft in schwarz und weiß sah, nicht viel von Ausländern oder Andersdenkenden hielt und getrieben war von inneren Dämonen.

Kverneland erzählt von seinen Kindheitserinnerungen, den guten, wie den schlechten und versucht, in all dem etwas Bedeutsames zu finden, das damals schon erahnen ließ, wie sein Vater bald darauf seinem Leben ein Ende setzen würde.
Dabei fällt ihm aber auch auf, wie viel von ihm bis heute überdauert hat; sei es der alte Zeichentisch, an dem dieses Buch entstand, oder die lustigen Ausdrücke, die er benutzte und die der Autor heute in Gesprächen mit dem eigenen Sohn verwendet…

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Ähnlich wie Nora Krug ihrer Familiengeschichte letztes Jahr in „Heimat“ nachgespürt hat, bedient sich Steffen Kverneland ebenfalls einer spannenden Mischung aus Familienfotos, Aquarellen und Tuschezeichnungen und springt immer wieder von den Vergangenheit mit seinem Vater zur Gegenwart mit dem eigenen Sohn.

„Ein Freitod“ ist eine wirklich sehr persönliche und berührende Geschichte, die versucht, im Suizid eines geliebten Menschen irgendeinen Sinn zu erkennen. Und sie erzählt vom Weiterleben, dem Vermächtnis und den Erinnerungen, die bleiben.

Review: Ferngespräch

Wer das Cover sieht, denkt an Urlaub, Sonne, Strand…
Doch „Ferngespräch“ von Sheree Domingo ist eine Graphic Novel, die sich eindrucksvoll mit einem Thema beschäftigt, über das ich zuvor noch nie etwas gelesen hatte.

Es ist ein heißer Sommer und eigentlich möchte die junge Protagonistin nur ins Freibad, wie all ihre Schulkameraden. Doch ihre Mutter hat keinen Urlaub und nimmt sie kurzerhand mit in das Pflegeheim, in dem sie arbeitet.
Normalerweise würde sich ihre Tante kümmern, doch die ist auf die Philippinen geflogen, um bei ihrer Mutter, der Großmutter des Mädchens, sein zu können, weil diese im Sterben liegt…

Das Mädchen erinnert sich kaum noch an die Philippinen und ihre Familie dort. Sie weiß, sie sollte traurig sein, doch sie kennt ihre Großmutter nur noch von Fotografien und hat keinen richtigen Bezug zu ihr.
Ihre Mutter hingegen ist völlig zerrissen. Während sie sich um deutsche Rentner kümmert, ist sie in Gedanken weit weg, bei ihrer eigenen Mutter, von der sie sich nicht einmal verabschieden kann.
Ihre Tochter wandert indessen durch die Gänge des Pflegeheims und lernt dabei Frau Herrmann kennen, deren Ehemann gerade gestorben ist und die genauso verzweifelt ist, in diesem Heim festzusitzen, wie das Mädchen…

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„Ferngespräch“ ist eine Geschichte, die mit wenigen Worten auskommt und es schafft, stattdessen mit eindrucksvollen Bildern die Gefühle des Lesers anzusprechen.

Die drei Frauen der Geschichte haben alle eine andere Beziehung zum Tod: die Tochter, die zum ersten Mal damit konfrontiert ist und nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, die Mutter, die nicht Abschied nehmen kann, und die Seniorin, die weiß, daß es für sie bald selbst soweit sein wird und die doch immer noch am Leben hängt…

In einem Nachwort erzählt Sheree Domingo von der Situation der philippinischen Auswanderer, zu denen auch ihre Mutter gehörte: etwa 10 % des Bruttosozialprodukts kommt in Form von Überweisungen ins Land, die Arbeitsmigranten an ihre Familien senden. Diese Migration wird von der Regierung sogar gefördert; an den staatlichen Universitäten werden Pflegekräfte gezielt für den ausländischen Markt ausgebildet, während die Krankenhäuser im eigenen Land chronisch unterbesetzt sind.
In fast jeder Familie arbeitet mindestens ein Familienmitglied im Ausland, ein viertel aller philippinischer Kinder wachsen daher ohne oder mit nur einem Elternteil auf.

Es ist schon eine erschreckende Entwicklung, die das Wohlstandsgefälle auf dem globalen Arbeitsmarkt auf eine Weise aufzeigt, die wir alle nachempfinden können. Denn ist es nicht schrecklich zynisch, daß viele Menschen in ihrem Land keine Perspektive sehen, so daß sie ihre eigenen Kinder verlassen, um die Kinder reicher Amerikaner zu betreuen? Oder daß sie ihre Eltern vor deren Tod nicht mehr sehen, während sie hier in Deutschland Senioren pflegen, deren eigene Kinder sie nicht einmal besuchen kommen?

„Ferngespräch“ spricht dieses Thema auf eine sehr eindrückliche Art und Weise an. Dabei wertet die Geschichte nicht; sie zeigt uns nur eine Welt, von der viele nicht wissen, daß es sie gibt. Es tut gut, gelegentlich über den Tellerrand zu blicken und sein Weltbild zu überdenken.

Mich hat „Ferngespräch“ jedenfalls tief berührt.

Review: Woyzeck – Graphic Novel

Ach, ach… Georg Büchners „Woyzeck“
Kaum eine Schullektüre ist mir in schlechterer Erinnerung geblieben, als dieses sehr kurze Dramenfragment. Unvergessen der Tag, an dem ich – das unbeliebteste Mädchen der Klasse – zusammen mit einem der „coolen“ Jungs eine Liebesszene daraus vorlesen musste. Mit hochrotem Kopf stotterte ich mich durch den Text, der für mich keinen Sinn ergab, während mein Lehrer darauf bestand, daß ich doch mit ein bißchen mehr Leidenschaft lesen könnte und die Klasse hinter mir kicherte…

Nein, Freunde wurden „Woyzeck“ und ich nun wirklich nicht.

Doch manchmal stolpert man über Interpretationen und Umsetzungen, die eine neue Perspektive vermitteln können und uns alles in einem anderen Licht sehen lassen.
Im Fall von „Woyzeck“ ist mir vor kurzem eine Graphic Novel in die Hände gelegt worden, die schon auf den ersten Blick versprach, diesem angestaubten Text Leben einzuhauchen.

Illustrator Andreas Eikenroth hat die Geschichte grafisch inszeniert und die Fragmente zum Teil neu geordnet. Dabei hat er sich von Künstlern wie George Grosz, Karl Arnold oder Egon Schiele inspirieren lassen und die Handlung insgesamt ein wenig modernisiert, indem er sie vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik verlagert hat.

Für alle, denen „Woyzeck“ als Schullektüre erspart geblieben ist, eine kurze Zusammenfassung:
Franz Woyzeck ist Soldat und arbeitet nebenher als Diener des Hauptmanns. Außerdem verdient er sich noch etwas Geld dazu, indem er sich vom Doktor auf eine Erbsendiät setzen lässt. Dabei darf er monatelang nichts anderes als eben Erbsen zu sich nehmen, was Woyzeck aber bald ans Ende seiner Kräfte und nach und nach um den Verstand bringt.
Das Geld, das er dabei verdient, gibt er seiner Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, und nimmt dafür die Schikanen des Hauptmanns und des Doktors auf sich.
Als Marie dann aber eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt, verfällt Woyzeck in einen regelrechten Wahn, der ihn bis zum äußersten treibt…

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß mich die Geschichte des Woyzeck damals zur Schulzeit absolut langweilte und kein bißchen berührte.
Obwohl ich zu dieser Zeit ganz gerne Dramenklassiker gelesen habe, fand ich nie einen Zugang zu diesem Werk.

Andreas Eikenroths Graphic Novel hat mich dann aber wirklich fasziniert und die Geschichte in einem komplett neuen Licht sehen lassen.
Denn Woyzeck hat sein Herz durchaus am rechten Fleck. Das beweist schon, was er alles auf sich nimmt, um seine Familie zu versorgen. Doch die äußeren Umstände machen es ihm unmöglich, nicht zu scheitern.

Würde man die Handlung in unsere Zeit in die Außenbezirke von Chicago versetzen, den Hauptmann zu einem Drill Sergeant machen und die Erbsendiät zu einer pharmazeutischen Versuchsreihe… plötzlich könnte jeder Woyzeck als absolut zeitgemäßes Drama sehen, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Schade, daß mein Lehrer mir das seinerzeit nicht wirklich vermitteln konnte.
Durch diese Graphic Novel habe ich aber nun endlich einen anderen Blick auf diese ungeliebte Schullektüre bekommen.

Unbedingt mal reinschauen!

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Review: Sumpfland

Heute möchte ich Euch eine ganz besondere Graphic Novel vorstellen, die mich sehr beeindruckt hat: „Sumpfland“ der deutschen Künstlerin Moki aus dem Reprodukt Verlag.

In „Sumpfland“ folgen wir sehr verschiedenen Charakteren in recht unterschiedlichen Geschichten, die aber durch gemeinsame Themen miteinander verbunden sind.
Da ist zum Beispiel Ocre, eine Frau die durch die Landschaft zieht und versucht, eins mit ihr zu werden. Dann gibt es den introvertierten Aldi und seine Füchsin Puffi, deren Beziehung fast an Aldis Eigenbrötlerei zerbricht. Und es gibt die Getüme, seltsame quallenartige Wesen, die all ihre Energie auf Arbeit und ökonomisches Wachstum verwenden, bis die Frage nach der Endlichkeit der Ressourcen aufkommt.

Es gibt viele gesellschafts- und sozialkritische Themen, die in „Sumpfland“ angesprochen werden: die Zerstörung der Natur und der Versuch einzelner, zur Natur zurückzufinden oder die Wachstumsgesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen kaum gewürdigt wird. Es gibt aber auch sehr menschliche Themen, wie Verlassen zu werden, sich selbst zu verlieren und wiedergefunden zu werden.

So richtig erklären kann man „Sumpfland“ nicht. Man muss es schon gesehen haben und die Bilder auf sich wirken lassen; bestimmt werden viele Leser ganz andere Themen für sich entdecken.
Dabei würde man die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel beim ersten Durchblättern vielleicht gar nicht erkennen, denn Mokis Protagonisten sind Wesen, die wirken, als wären sie aus den verschiedensten Filmen oder Comics zusammengewürfelt worden. Da gibt es zum Beispiel die kleinen, niedlichen Flocken, die aussehen, wie flauschige Bällchen, die aber alles sehr genau beobachten und kritische Fragen stellen, oder Ichi, eine Art hasenohrigen Geist, der so zufrieden mit sich und der Welt ist, daß er stets nur das Gute sieht.

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Die Seiten des Buches sind alle in einem hellen Grünton gehalten, die Illustrationen wechseln von cartoonhaften Zeichnungen zu detailverliebten Skizzen, ohne daß es dabei zum Stilbruch kommen würde.

„Sumpfland“ ist für mich definitiv eins der Graphic Novel-Highlights dieses Jahres, auch wenn es mir wirklich schwerfällt, die Geschichte auf den Punkt zu bringen.
Denn hier werden in erster Linie Emotionen transportiert und das schafft Moki wie es wirklich nur wenige können.
Sollte Euch „Sumpfland“ also beim nächsten Besuch in Eurer Lieblingsbuchhandlung in die Hände fallen, dann lest auf jeden Fall rein!

Review: Audubon – On the Wings of the World

Kennt ihr eigentlich Jean-Jacques (John James) Audubon?
Ich muss selber zugeben, daß ich mir seinen Namen nie merken konnte, allerdings ist mir sein bedeutendes Werk ein Begriff: „The Birds of America“.

„The Birds of America“ gilt mittlerweile als ein Meisterwerk der Buchkunst. Wenn heutzutage eines der wenigen vollständigen Exemplare versteigert wird, werden immer Millionenbeträge dafür gezahlt.
Doch der Weg, den Audubon ging, um dieses Werk zu schaffen, war oft mehr als nur steinig…

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In Haiti geboren und in Frankreich aufgewachsen, wurde der junge Jean-Jacques Audubon in die amerikanischen Ländereien seines Vaters geschickt, um den Napoleonischen Kriegen zu entgehen.
Nachdem er als Geschäftsmann gescheitert war, widmete er sich seiner großen Leidenschaft: den Vögeln.

Er reiste durch das ganze Land, um jeden amerikanischen Vogel zu finden, zu fangen und zu malen. Eine Idee, die auf wenig Unterstützung stieß, immerhin gab es schon einen Atlas der Vogelkunde, der erst kurz zuvor herausgegeben wurde.
Ein weiterer Kritikpunkt war, das Audubon die Vögel nicht in streng wissenschaftlichen Illustrationen abbildete, sondern sie künstlerisch ambitioniert und in lebensechten Situationen darstellte.
Doch Audubon ließ sich nicht beirren und opferte sein halbes Leben diesem Projekt, das schließlich in Großbritannien und nicht in den USA realisiert wurde.

Das Besondere an diesem Buch ist außerdem, daß Audubon versuchte, die Vögel möglichst im Maßstab 1:1 abzubilden, es ist also ein wirklich großes Buch, das unter anderem in „Alles Licht, das wir nicht sehen“ erwähnt wird.

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Obwohl das Leben und Werk von Jean-Jacques Audubon wirklich faszinierend ist, hätte ich mich wohl nie damit beschäftigt, gäbe es nicht diese schöne Graphic Novel von Fabien Grolleau und Jérémie Royer.
Vor kurzem hatte ich ja schon ihren Band über Darwin gelesen, der mir so gut gefallen hat, daß ich mir diesen Titel dann sofort bestellte.

Die Geschichte wurde im franko-belgischen Comicstil illustriert, mit einfach gezeichneten Figuren und opulenten Landschaftsbildern.

„Audubon – On the Wings of the World“ ist eine dieser Graphic Novels, die Wissen und Kunst vereinen, eine Idee, für die Audubon selbst schon vor zweihundert Jahren geworben hat.

Meine Rezension zu der schönen Graphic Novel über Charles Darwin findet ihr hier:

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Review: Darwin – An Exceptional Voyage

Review: Nennt mich Nathan

Eine Graphic Novel zu einem spannenden Thema möchte ich Euch heute ans Herz legen: „Nennt mich Nathan“ von Catherine Castro und Quentin Zuttion aus dem Splitter Verlag.

An sich hat Lila eine schöne Kindheit, auch wenn es immer wieder Situationen gibt, die sie ärgern: wenn ihre Oma ihr eine rosa Tasche statt eines Taschenmessers schenkt, oder wenn ihre Mutter sie bittet, ein schickes Kleid anzuziehen.
Doch als ihr Körper anfängt, sich in der Pubertät zu verändern, nehmen Angst und Selbsthass überhand. Denn für Lila ist klar, daß sie kein Mädchen ist.

Aus Lila wird Nathan; ein Schritt, der vor allen Dingen Nathans Familie ratlos zurücklässt. Die Mutter sorgt sich, der Vater glaubt an eine Phase, der kleine Bruder vermisst seine große Schwester…
Doch Nathan weiß, daß er nur glücklich werden kann, wenn er seinen eigenen Weg geht.
Zusammen mit der Hilfe seiner anfangs noch zögerlichen Eltern und Freunde, Experten und Beratern beginnt Nathan seine Reise, um endlich er selbst sein zu können…

Bis vor anderthalb Jahren hatte ich mich nicht groß mit dem Thema Transidentität beschäftigt. Ich hatte eher zufällig die ein oder andere Doku gesehen und war bei YouTube über die sehr bewegende Rede von Lana Wachowski gestolpert, die sie gab, als ihr der HRC Visibility Award verliehen wurde.

Danach hatte ich zwar immer noch keine Ahnung, wie eine Geschlechtsangleichung nun wirklich abläuft, aber ich wurde mir der Tatsache bewusst, daß die Selbstmordrate bei Trans Teenagern erschreckend hoch ist.

Vor anderthalb Jahren dann erklärte eine liebe Bekannte, daß es eine kleine Veränderung im Familienleben geben würde: von nun an hätte ihr Kind einen männlichen Vornamen und würde in Zukunft als Junge leben.
Unsere Söhne sind im selben Alter. Wir haben nicht viel Kontakt, sehen aber auf Facebook, wie die Kinder langsam größer werden.
Mich überraschte dieser Schritt nicht besonders, denn im Laufe der Jahre war das kleine Mädchen langsam aus den Fotos verschwunden und von einem selbstbewussten, lustigen Jungen abgelöst worden.
Dennoch berichtete meine Bekannte von Unverständnis in ihrem Bekanntenkreis und auch wenn ich die Entscheidung der Familie absolut nachvollziehen konnte, musste ich mich selbst über Geschlechtsangleichungen schlaumachen.

Als ich deshalb „Nennt mich Nathan“ sah, war ich sofort begeistert, daß man dieses Thema so greifbar und ehrlich in Szene gesetzt hat.
Nicht nur Nathan kommt zu Wort, sondern auch sein Bruder und seine Eltern, und so schwankt man als Leser immer wieder zwischen Nathans Wunsch nach Veränderung und der Angst, die die Familie vor eben dieser Veränderung hat.

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Die Geschichte wurde in einem reduzierten Stil illustriert: einfache Tuschezeichnungen, die recht flächig koloriert wurden.
Trotzdem taucht man schnell ab in Nathans Geschichte und durchlebt Höhen und Tiefen mit ihm und seiner Familie.

Ich bin ja immer sehr dankbar, wenn Verlage Themen aufgreifen, die nicht gerade Mainstream sind und Bücher machen, die vielleicht nur eine recht kleine Zielgruppe ansprechen, für die es aber unglaublich wichtig ist, gesehen und gehört zu werden.
In diesem Sinne: auch (oder vielleicht besonders) wenn ihr Euch noch nie mit dem Thema Transidentität beschäftigt habt, werft einen Blick in diese wunderbare Graphic Novel!

Review: Darwin – An Exceptional Voyage

Vor Kurzem hatte ich hier ja schon Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Andrea Wulf und Lillian Melcher vorgestellt; eine Graphic Novel, die von den Amerika-Reisen des berühmten Naturforschers erzählt.
Zufälligerweise zog zeitgleich eine weiter Graphic Novel bei mir ein, die sich ebenfalls mit den Reisen eines Wissenschaftlers beschäftigt, der auch heute noch in aller Munde ist: „Darwin – An Exceptional Voyage“ von Fabien Grolleau und Jérémie Royer.

Es war wirklich ganz wunderbar, diese beiden Geschichten gleich nacheinander zu lesen, denn mir war bis dahin nicht bewusst gewesen, welchen Einfluss die Reisen Humboldts auf Darwin hatten.

1831 bricht der junge Charles Darwin gegen den Willen seines Vaters auf eine Reise auf, bei der er innerhalb von fünf Jahren die Welt umrunden und Entdeckungen machen wird, die die Geschichte unserer Erde für immer verändern werden.

Dabei erlebt er viele Abenteuer, kämpft gegen Seekrankheit, lernt neue Völker und Kulturen kennen und entwickelt seine berühmte Theorie von der Entstehung der Arten.
Soweit kennt man die Geschichte vermutlich…
In dieser Graphic Novel lernte ich aber auch vieles, was ich noch nicht über Darwin und die Reise auf der HMS Beagle wusste: zum Beispiel, daß Darwin hauptsächlich deshalb mit auf diese Reise genommen wurde, um dem Kapitän des Schiffes, Robert FitzRoy, Gesellschaft zu leisten. Dieser hatte auf einer früheren Expedition drei Feuerländer gefangen, die er in London „zivilisierte“ und sie nun zurück in ihre Heimat bringen wollte, damit sie gemeinsam mit einem Pfarrer das Wort Gottes und die moderne Zivilisation nach Feuerland bringen sollten.
Darwin selbst hatte sehr starke Ansichten, was das Thema Sklaverei anging: er lehnte sie rundheraus ab, weshalb es immer wieder zu Streitigkeiten mit Kapitän FitzRoy kam.

Spannend, was ich in diesem Buch alles gelernt habe!

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Illustriert wurde es im frankobelgischen Comicstil, das heißt recht vereinfachte, gelegentlich fast cartoonhafte Figuren, während der Hintergrund meist sehr realistisch und atmosphärisch in Szene gesetzt wird.

Dieses Gesamtkunstwerk aus Text, spannenden Informationen und wunderbaren Illustrationen hat mich schwer begeistert. So sehr, daß ich mir sofort die Graphic Novel über Audubon aus der selben Reihe bestellen musste, und das, obwohl mich Audubon bisher nicht wirklich interessiert hat!

Auf Deutsch wird das Buch im September unter dem Titel „Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle“ bei Knesebeck erscheinen.
Ich kann es allen, die an Graphic Novels, Biografien und/oder Naturwissenschaften interessiert sind nur wärmstens ans Herz legen!