Review: Unfollow

In den sozialen Netzwerken taucht ein Influencer auf, der es schafft, Millionen von Menschen für seine Ideen zu begeistern: Earthboi.
Als kleiner Junge erscheint er praktisch aus dem Nichts, mit Erinnerungen, die bis zu Entstehung der Welt zurückreichen. Aus dem Kinderheim bricht er aus, um fortan im Wald und im Einklang mit der Natur zu leben, allerdings nicht ohne vorher den Laptop und das Handy der Heimleiterin und ein Solar Panel vom nahegelegenen Supermarkt zu stehlen und auf YouTube, Instagram und Co von seinem autarken Leben fernab der Menschen zu berichten.

Schon bald erreicht Earthboi mehr und mehr Follower, die ihn für seine Videos über das Leben in der Natur und die Dokumentation der Umweltverschmutzung feiern. Als er die Influencerin Yu kennenlernt und sich in sie verliebt, schließen sich die beiden zusammen, um noch mehr Menschen zu erreichen.
Earthboi beginnt damit, eine Art Meditations-App zu programmieren, die ihre Nutzer wieder in Einklang mit der Natur bringen soll und die Menschen so begeistert, daß sie sich zu einem weltweiten Phänomen entwickelt.

Gemeinsam mit Yu beschließt Earthboi all seine Visionen wahr werden zu lassen und zusammen mit anderen Influencern und Gleichgesinnten eine autarke Kommune zu errichten, die er „Erde“ nennt. Hier leben Earthbois Followers zusammen, bauen Obst, Gemüse und Getreide an, widmen sich der Gemeinschaft und ihrer Selbstverwirklichung und tragen die Botschaft, daß ein nachhaltiges Leben möglich ist über ihr Social-Media-Kanäle in die Welt hinaus.
Earthboi wird für seine Follower und die Bewohner von Erde immer mehr zu einer Art Guru, der ihnen in Ritualen beibringt, eins mit dem Kosmos zu werden; doch einige seiner Anhänger verklären seine Ideen bald so sehr, daß sie bereit sind, Earthbois Traum von einer besseren Welt mit radikalen Mitteln in die Tat umzusetzen…

„Unfollow“ von Lukas Jüliger ist eine Graphic Novel die aktueller kaum sein könnte. Es geht um Nachhaltigkeit, Umweltschutz und den um den Wunsch, aus der Konsumgesellschaft auszubrechen, aber auch um die Macht von Social Media.
Mich hat „Unfollow“ von der ersten Seite an fasziniert, mir aber auch ständig Gänsehaut bereitet. Die Geschichte um Earthboi ist keine, die man einfach mal so nebenher weglesen sollte, sondern fordert die Aufmerksamkeit des Lesers und sorgt dafür, daß man immer wieder innehält und über die Denkansätze und Zwischentöne des Buches nachdenken muss.

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Lukas Jüliger beeindruckt aber nicht nur durch eine extrem tiefgründige Geschichte, sondern auch durch unheimlich atmosphärische Illustrationen, die das Geschehen in oft ungewöhnlichen Perspektiven einfangen, fast so, als würde der Leser die Szene aus einem Versteck heraus beobachten.
Dabei benutzt Jüliger Blau- und Apricottöne, die er so geschickt einsetzt, daß man zuweilen fast das Gefühl hat, man könnte die Wärme und Kälte beim Lesen auf der Haut spüren.

„Unfollow“ ist eine extrem schön gestaltete Graphic Novel mit viel Tiefgang, die alle begeistern wird, die schön gestaltete Titel lieben und sich auch nachdenklich mit aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz auseinandersetzen.

Review: Schwarze Seerosen

Michel Bussi ist Krimilesern von Titeln wie „Das Mädchen mit den blauen Augen“ oder „Fremde Tochter“ bestimmt ein Begriff. Eines seiner früheren Werke „Nymphéas noirs“ („Schwarze Seerosen“) ist zwar bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden, allerdings dank des Splitter Verlags nun als Graphic Novel auch für die deutschsprachige Leserschaft erhältlich.

Wer sich – wenn auch nur kurz – mit dem französischen Impressionisten Claude Monet beschäftigt hat, der wird auch den Namen Giverny schon einmal gehört haben. In diesem kleinen Dorf lebte und arbeitete der Künstler viele Jahre lang; hier legte er den Seerosenteich an, an dem er seine berühmtesten Bilder malte.

In ebendiesem idyllischen Dörfchen geschieht ein Mord. Der wohlhabende Augenchirurg Jéròme Morval wird tot in einem kleinen Bach gefunden: erschlagen, erstochen und ertränkt… Jemand muss folglich einen großen Hass auf diesen Mann gehabt haben.
Die Ermittler stoßen auch schon bald auf ein mögliches Motiv, denn Morval war ein Frauenheld, der viele Affären hatte. Könnte es sein, daß seine Ehefrau, ein eifersüchtiger Ehemann oder eine verlassene Geliebte den Mord begangen hat?
Doch auch andere Motive kommen in Frage. So war es Morvals größter Wunsch, einen echten Monet zu besitzen. Ist er deshalb mit zwielichtigen Kreisen in Kontakt gekommen?
Und was hat es mit der geheimnisvollen Postkarte auf sich, die in der Jackentasche der Leiche gefunden wurde? Darin wird jemandem zur 11. Geburtstag gratuliert, doch wem?
Als die Polizei herausfindet, daß in den 1930er Jahren an der gleichen Stelle ein elfjähriger Junge tot aufgefunden wurde, wird die Verwirrung immer größer.
Hängen die beiden Todesfälle irgendwie miteinander zusammen?

„Schwarze Seerosen“ beginnt fast wie ein Märchen:
„In einem Dorf lebten drei Frauen… Die erste war böse… Die zweite eine Lügnerin… Die dritte eine Egoistin…“
Die drei Frauen, um die es geht, könnten unterschiedlicher nicht sein. Die erste ist eine über achtzigjährige Witwe, „zumindest fast“, wie sie sagt, die im Turm der „Hexenhaus“ genannten Mühle lebt und als stumme Beobachterin mehr weiß, als sie preisgibt.
Die zweite Frau ist Mitte dreißig und in einer unglücklichen und kinderlosen Ehe gefangen.
Die dritte im Bunde ist ein elfjähriges Mädchen, die das Malen liebt und davon träumt, eines Tages an einer angesehenen Kunsthochschule zu studieren.
Alle drei haben eines gemeinsam: Sie wollen weg aus Giverny und ihrem alten Leben, und alle drei werden in den Ermittlungen um den Mord eine große Rolle spielen…

„Schwarze Seerosen“ hat mich absolut begeistert. Die Geschichte ist großartig inszeniert und auch wenn den Leser hin und wieder eine leise Ahnung beschleicht, wie alles zusammenhängen könnte, begreift man wirklich erst ganz am Schluss, was da eigentlich passiert ist. Das als Graphic Novel umzusetzen, muss eine große Herausforderung gewesen sein, die aber perfekt gelungen ist.

Krimis sind ja meist keine Bücher, die man zweimal liest, schließlich kennt man dann die Lösung schon, doch im Fall der „schwarzen Seerosen“ lohnt es sich absolut, die Geschichte noch einmal zu lesen um zu begreifen, wie gekonnt man hier von Autor Michel Bussi, sowie Fred Duval und Didier Cassegrain, die für die Adaption zur Graphic Novel verantwortlich waren, in die Irre geführt worden ist.

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Die Illustrationen fangen die Stimmung in dem verschlafenen Dörfchen ganz wunderbar ein und nutzen gelegentlich auch bekannte Motive von Monet, um die Handlung der Geschichte darin einzubetten.
Beim Blättern bekommt man jedenfalls sofort Lust, seine Sachen zu packen und Giverny einen Besuch abzustatten.

„Schwarze Seerosen“ ist für mich eine der gekonntesten und besten Romanadaptionen, die ich in dieser Form gesehen habe.
Für mich ein absolutes Highlight und eine ganz große Leseempfehlung!

Review: West, West Texas

Gibt etwas schöneres, als das neue Jahr mit einem Titel zu beginnen, der ganz zufällig auch im Januar spielt?

In der Graphic Novel „West, West Texas“ von Tillie Walden begeben sich zwei junge Frauen auf einen Roadtrip, der schon bald unerwartete Wendungen nimmt…

Lou hat sich seit dem Tod ihrer Mutter in die Arbeit gestürzt, sich keinen Urlaub, keine Auszeit gegönnt, doch nun ist sie völlig ausgebrannt. Also beschließt sie, sich mit ihrem kleinen Wohnwagen auf die mehrtägige Reise nach Texas zu machen, um dort ihre Tante zu besuchen und auf der langen Fahrt hoffentlich ein wenig zur Ruhe zu kommen.
Doch schon an der ersten Tankstelle läuft ihr die 18-jährige Bea, die Tochter einer Nachbarin, über den Weg.
Schnell wird klar, das Bea von zu Hause abgehauen ist, aber keine rechte Ahnung hat, wohin sie eigentlich will. Also entschließt sich Lou, sie ein Stück weit mitzunehmen.
Die beiden sind jedoch zunächst sehr unfreiwillige Begleiterinnen; sowohl Lou als auch Bea haben Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, beide sind nicht besonders aufgeschlossen, leicht reizbar und geraten mitunter schnell aneinander. Trotzdem beginnen sie sich einander nach und nach zu öffnen und über die Dinge zu sprechen, die sie beide auf diesen Weg geführt haben.
Alles ändert sich jedoch, als Bea und Lou ein Kätzchen finden, auf deren Marke eine Adresse in West, West Texas eingraviert ist. Kurzerhand packen die beiden die kleine Katze, die sie Diamond nennen ein, um sie zu ihrer Familie zurückzubringen, doch ab diesem Zeitpunkt nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung…
Das Wetter spielt immer mehr verrückt, die Landschaft scheint sich zu verändern und plötzlich tauchen bedrohlich wirkende Männer auf, die offenbar hinter Diamond her sind.
Schnell wird aus dem Roadtrip eine immer surrealere Verfolgungsjagd, auf der sich Bea und Lou nicht nur ihren mysteriösen Verfolgern, sondern auch ihren eigenen Ängsten stellen müssen.

„West, West Texas“ hat mich sehr berührt und beschäftigt.
Was als eine einfache Geschichte über zwei junge Frauen beginnt, die sich eine Auszeit vom Leben nehmen müssen, um mit ihren Problemen klarzukommen, entwickelt ich nach und nach zu einer fantastischen Geschichte in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen.

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Tillie Waldens Illustrationsstil ist an sich recht einfach, mit flächigen Kolorierungen, die meist über mehrere Seiten Ton in Ton gehalten sind, trotzdem schafft sie es, nicht nur große Emotionen einzufangen, sondern auch den Spagat zwischen den Landschaften der wirklichen Welt und denen der Traumwelt ohne Stilbruch zu machen.

„West, West Texas“ war für mich wohl eine der berührendsten Graphic Novels des letzten Jahres und am liebsten würde ich mich jetzt selbst mit einem winzigen Wohnwagen ins Abenteuer stürzen.

Review: Hawking

Ich finde es ja immer großartig, wenn komplexe Themen mithilfe der Kunst anschaulich und dadurch verständlicher gemacht werden.
Autor Jim Ottaviani und der Illustrator Leland Myrick nehmen sich in ihren Graphic Novels die bekanntesten Physiker vor und nun ist mit „Hawking“ nach „Feynman: Ein Leben auf dem Quantensprung“ (auf Deutsch leider mittlerweile vergriffen, aber auf Englisch noch lieferbar) ihre zweite Biografie erschienen.

Darin erzählen sie von Stephen Hawkings Leben, angefangen bei seiner Kindheit, über das Studium und die niederschmetternde Diagnose Motoneuron-Krankheit, seine Karriere und Theorien.
Dabei muss gesagt werden, daß Hawkings Privatleben nicht im Fokus der Geschichte steht, sondern daß eher versucht wird, seine Arbeit und Ideen zeichnerisch zu vermitteln. Diese werden mit der Zeit natürlich immer komplexer und um ehrlich zu sein konnte ich ihnen nur zum Teil folgen.

Was ich aus diesem Buch mitnehme ist, daß Begriffe wie „schwarze Löcher“ oder die Idee eines sich ausdehnenden Universums, die heutzutage jedes halbwegs interessierte Schulkind kennt, zu der Zeit, als Stephen Hawking begann, sich mit theoretischer Physik zu beschäftigen, noch gar nicht existierten oder als Denkkonzepte in den Kinderschuhen steckten.
Hawking hat mit seinen Arbeiten Diskussionen angestoßen, die unsere Vorstellung vom Universum maßgeblich vorangetrieben haben.

Man braucht aber definitiv nicht in Panik zu verfallen, wenn man den Theorien in dieser Graphic Novel nicht immer folgen kann. Hawkings Lebensgeschichte wird in die Kapitel über theoretische Physik immer mit eingeflochten, so daß allen unter uns, die nicht Physik studiert haben, trotzdem nicht langweilig wird.

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Illustriert wurde die Graphic Novel von Leland Myrick mit einfachen Tuschezeichnungen, die dann recht flächig koloriert wurden; dennoch kann man trotz des recht reduzierten Stils viele Details und die Gesichtsausdrücke immer klar erkennen.

„Hawking“ ist eine umfangreiche Graphic Novel-Biografie, die sowohl interessierte Laien, als auch Fachleute ansprechen und begeistern wird.
Egal, wie viel man von theoretischer Physik versteht, das ein oder andere wird man garantiert aus diesem Buch lernen und dabei trotzdem bestens unterhalten.

Review: Natürliche Schönheit

Dieses Frühjahr begeisterte mich ja die schwedische Comic-Künstlerin Liv Strömquist mit ihrer Graphic Novel „I’m every woman“, in der sie sich mit feministischen Themen und Denkmustern auseinandersetzt.
Nun hat der Avant Verlag auch ihre Landsfrau Nanna Johansson aufgelegt, die mit einem vergleichbaren Zeichenstil aufwartet und sich auch ähnlichen Themen widmet.
Klar, daß ich sehen wollte, ob ihr Buch „Natürliche Schönheit“ mich ebenso sehr begeistern würde, wie das von Liv Strömquist…

„Natürliche Schönheit“ ist eine Zusammenstellung von verschiedenen Comics, Cartoons, Zeichnungen und Kollagen, die auf die eine oder andere Art mit dem Thema Schönheit zu tun haben, wobei aber auch immer wieder völlig unterschiedliche Dinge behandelt werden.
So werden zum Beispiel die Schmink- und Abnehmtipps der Frauenzeitschriften wunderbar aufs Korn genommen, dann wiederum schaltet sich ein übler Teenager ein, der Tricks verrät, wie man bekommt, was man will.

Der Zeichenstil ist recht einfach gehalten und erinnert eben an den von Liv Strömquist. „Natürliche Schönheit“ kommt allerdings sehr viel bunter und auch vielseitiger daher, denn hier wechseln sich Cartoons, Fotos und Kollagen fröhlich ab, ohne daß es jedoch dabei zum Stilbruch kommen würde.

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Der größte Unterschied, den ich zu Strömquist sehe, ist daß Nanna Johansson eher mit Überspitzungen unterhält, während ihre Landsfrau dadurch punktet, daß sie Denkmuster (auch liberale!) auf eine sehr bissige Art und Weise hinterfragt.
Was mir in „Natürliche Schönheit“ ein bißchen fehlte, war ein roter Faden, der die zum Teil sehr unterschiedlichen Segmente miteinander verbunden hätte. Zwar war das Thema „Schönheit“ als Oberbegriff gewählt worden, allerdings gab es dann doch so viele verschiedene Geschichten, die nichts damit zu tun hatten, daß sie eher wie Beiwerk wirkten, anstatt dem Buch eine einheitliche Richtung zu geben.

Nanna Johansson hat mich mit „Natürliche Schönheit“ zwar gut unterhalten, aber noch nicht so überzeugen können, wie die Bücher von Liv Strömquist. Trotzdem erkennt man das Potential dieser Illustratorin, das auf jeden Fall Lust macht, beim nächsten Titel wieder reinzuschauen.

Review: Victor Hugo – Im Exil

„Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Les Misérables – Die Elenden“ sind wohl Titel, von denen jeder schon einmal gehört hat. Über das Leben ihres Autors Victor Hugo wusste ich allerdings bis vor kurzem so gut wie gar nichts; das heißt, bis ich diese Graphic Novel las.

In „Victor Hugo – Im Exil“ vermischen Esther Gil und Laurent Paturaud Realität und Fiktion zu einer sowohl spannenden, als auch interessanten Geschichte.

Nachdem sich Charles Louis Napoléon Bonaparte nach einem Staatsstreich zunächst zum Präsidenten auf Lebenszeit und später zum Kaiser erklären lies, wurde Victor Hugo, der ihn dafür scharf kritisierte, aus Frankreich verbannt.
Die Jahre des Exils verbrachte er auf den britischen Kanalinseln, wohin mehrere Regimegegner geflüchtet waren. Trotz der Verbannung war Hugo politisch äußerst aktiv und versuchte, mit engagierten Briefen auf die Mächtigen einzuwirken.
Ein schwerer Schicksalsschlag war der Tod seiner Tochter Léopoldine, die ertrank, nachdem ihr Ausflugsboot gekentert war. Ihr Ehemann starb bei dem Versuch, sie zu retten.
Soweit die historischen Fakten.

„Victor Hugo – Im Exil“ beginnt zehn Jahre nach diesen Ereignissen. Hugo lebt gemeinsam mit anderen Exilanten auf der Insel Jersey und hat den Tod von Léopoldine immer noch nicht verwunden. Gemeinsam mit Auguste Vaquerie, dem Bruder von Léopoldines ebenfalls ertrunkenem Ehemann, beginnt man, Séancen abzuhalten, um Kontakt zu den Seelen der Verstorbenen aufzunehmen.
Eines Abends erscheint dann tatsächlich Léopoldines Geist und fragt, warum sie sterben musste.

Hugo beschließt, trotz der Verbannung nach Frankreich zu reisen, um nachzuforschen, ob vielleicht doch mehr hinter dem Tod seiner Tochter steckt, als nur ein Unfall.
Schon bald findet er tatsächlich Ungereimtheiten und Hinweise, doch auch die Spione Napoléons III. haben ihre Augen und Ohren überall…

Diese Graphic Novel beeindruckt nicht nur durch ihre aufwendigen Illustrationen, sondern auch durch die Verdichtung historischer Fakten und moralischer Fragen, die in einen spannenden Kriminalfall eingebettet wurden.

Obwohl die Geschichte von „Victor Hugo – Im Exil“ in erster Linie erfunden ist, orientiert sie sich doch im Großen und Ganzen an wahren Ereignissen und so erfährt man viel über die damalige Zeit und die progressiven Ansichten eines außergewöhnlichen Autors.

Ein absoluter Tipp für alle Fans von phänomenal illustrierten Graphic Novels!

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Review: Ein Freitod

Bald ist wieder Frankfurter Buchmesse, wo dieses Jahr Norwegen Ehrengast sein wird. Im Lauf der letzten Monate habe ich Euch schon einige norwegische Neuerscheinungen vorgestellt, heute soll es nun um eine sehr persönliche Graphic Novel des Comic-Künstlers Steffen Kverneland gehen.

In „Ein Freitod“ erzählt Kverneland vom Selbstmord seines Vaters, der sich wenige Monate nach dem achtzehnten Geburtstag seines Sohnes das Leben nahm.

Inzwischen sind 38 Jahre vergangen, doch man merkt, daß Steffen Kverneland immer noch nicht mit diesem Ereignis abgeschlossen hat. Spät ist er durch Adoption selbst Vater geworden und so sitzt er oft mit seinem kleinen Sohn zusammen und spürt der Zeit mit dem eigenen Vater nach…

Odd Kverneland war ein äußerst liebevoller Vater, ein begeisterter Erfinder, jemand der gerne Witze machte… aber auch ein Mensch, der die Welt oft in schwarz und weiß sah, nicht viel von Ausländern oder Andersdenkenden hielt und getrieben war von inneren Dämonen.

Kverneland erzählt von seinen Kindheitserinnerungen, den guten, wie den schlechten und versucht, in all dem etwas Bedeutsames zu finden, das damals schon erahnen ließ, wie sein Vater bald darauf seinem Leben ein Ende setzen würde.
Dabei fällt ihm aber auch auf, wie viel von ihm bis heute überdauert hat; sei es der alte Zeichentisch, an dem dieses Buch entstand, oder die lustigen Ausdrücke, die er benutzte und die der Autor heute in Gesprächen mit dem eigenen Sohn verwendet…

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Ähnlich wie Nora Krug ihrer Familiengeschichte letztes Jahr in „Heimat“ nachgespürt hat, bedient sich Steffen Kverneland ebenfalls einer spannenden Mischung aus Familienfotos, Aquarellen und Tuschezeichnungen und springt immer wieder von den Vergangenheit mit seinem Vater zur Gegenwart mit dem eigenen Sohn.

„Ein Freitod“ ist eine wirklich sehr persönliche und berührende Geschichte, die versucht, im Suizid eines geliebten Menschen irgendeinen Sinn zu erkennen. Und sie erzählt vom Weiterleben, dem Vermächtnis und den Erinnerungen, die bleiben.

Review: Ferngespräch

Wer das Cover sieht, denkt an Urlaub, Sonne, Strand…
Doch „Ferngespräch“ von Sheree Domingo ist eine Graphic Novel, die sich eindrucksvoll mit einem Thema beschäftigt, über das ich zuvor noch nie etwas gelesen hatte.

Es ist ein heißer Sommer und eigentlich möchte die junge Protagonistin nur ins Freibad, wie all ihre Schulkameraden. Doch ihre Mutter hat keinen Urlaub und nimmt sie kurzerhand mit in das Pflegeheim, in dem sie arbeitet.
Normalerweise würde sich ihre Tante kümmern, doch die ist auf die Philippinen geflogen, um bei ihrer Mutter, der Großmutter des Mädchens, sein zu können, weil diese im Sterben liegt…

Das Mädchen erinnert sich kaum noch an die Philippinen und ihre Familie dort. Sie weiß, sie sollte traurig sein, doch sie kennt ihre Großmutter nur noch von Fotografien und hat keinen richtigen Bezug zu ihr.
Ihre Mutter hingegen ist völlig zerrissen. Während sie sich um deutsche Rentner kümmert, ist sie in Gedanken weit weg, bei ihrer eigenen Mutter, von der sie sich nicht einmal verabschieden kann.
Ihre Tochter wandert indessen durch die Gänge des Pflegeheims und lernt dabei Frau Herrmann kennen, deren Ehemann gerade gestorben ist und die genauso verzweifelt ist, in diesem Heim festzusitzen, wie das Mädchen…

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„Ferngespräch“ ist eine Geschichte, die mit wenigen Worten auskommt und es schafft, stattdessen mit eindrucksvollen Bildern die Gefühle des Lesers anzusprechen.

Die drei Frauen der Geschichte haben alle eine andere Beziehung zum Tod: die Tochter, die zum ersten Mal damit konfrontiert ist und nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, die Mutter, die nicht Abschied nehmen kann, und die Seniorin, die weiß, daß es für sie bald selbst soweit sein wird und die doch immer noch am Leben hängt…

In einem Nachwort erzählt Sheree Domingo von der Situation der philippinischen Auswanderer, zu denen auch ihre Mutter gehörte: etwa 10 % des Bruttosozialprodukts kommt in Form von Überweisungen ins Land, die Arbeitsmigranten an ihre Familien senden. Diese Migration wird von der Regierung sogar gefördert; an den staatlichen Universitäten werden Pflegekräfte gezielt für den ausländischen Markt ausgebildet, während die Krankenhäuser im eigenen Land chronisch unterbesetzt sind.
In fast jeder Familie arbeitet mindestens ein Familienmitglied im Ausland, ein viertel aller philippinischer Kinder wachsen daher ohne oder mit nur einem Elternteil auf.

Es ist schon eine erschreckende Entwicklung, die das Wohlstandsgefälle auf dem globalen Arbeitsmarkt auf eine Weise aufzeigt, die wir alle nachempfinden können. Denn ist es nicht schrecklich zynisch, daß viele Menschen in ihrem Land keine Perspektive sehen, so daß sie ihre eigenen Kinder verlassen, um die Kinder reicher Amerikaner zu betreuen? Oder daß sie ihre Eltern vor deren Tod nicht mehr sehen, während sie hier in Deutschland Senioren pflegen, deren eigene Kinder sie nicht einmal besuchen kommen?

„Ferngespräch“ spricht dieses Thema auf eine sehr eindrückliche Art und Weise an. Dabei wertet die Geschichte nicht; sie zeigt uns nur eine Welt, von der viele nicht wissen, daß es sie gibt. Es tut gut, gelegentlich über den Tellerrand zu blicken und sein Weltbild zu überdenken.

Mich hat „Ferngespräch“ jedenfalls tief berührt.

Review: Woyzeck – Graphic Novel

Ach, ach… Georg Büchners „Woyzeck“
Kaum eine Schullektüre ist mir in schlechterer Erinnerung geblieben, als dieses sehr kurze Dramenfragment. Unvergessen der Tag, an dem ich – das unbeliebteste Mädchen der Klasse – zusammen mit einem der „coolen“ Jungs eine Liebesszene daraus vorlesen musste. Mit hochrotem Kopf stotterte ich mich durch den Text, der für mich keinen Sinn ergab, während mein Lehrer darauf bestand, daß ich doch mit ein bißchen mehr Leidenschaft lesen könnte und die Klasse hinter mir kicherte…

Nein, Freunde wurden „Woyzeck“ und ich nun wirklich nicht.

Doch manchmal stolpert man über Interpretationen und Umsetzungen, die eine neue Perspektive vermitteln können und uns alles in einem anderen Licht sehen lassen.
Im Fall von „Woyzeck“ ist mir vor kurzem eine Graphic Novel in die Hände gelegt worden, die schon auf den ersten Blick versprach, diesem angestaubten Text Leben einzuhauchen.

Illustrator Andreas Eikenroth hat die Geschichte grafisch inszeniert und die Fragmente zum Teil neu geordnet. Dabei hat er sich von Künstlern wie George Grosz, Karl Arnold oder Egon Schiele inspirieren lassen und die Handlung insgesamt ein wenig modernisiert, indem er sie vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik verlagert hat.

Für alle, denen „Woyzeck“ als Schullektüre erspart geblieben ist, eine kurze Zusammenfassung:
Franz Woyzeck ist Soldat und arbeitet nebenher als Diener des Hauptmanns. Außerdem verdient er sich noch etwas Geld dazu, indem er sich vom Doktor auf eine Erbsendiät setzen lässt. Dabei darf er monatelang nichts anderes als eben Erbsen zu sich nehmen, was Woyzeck aber bald ans Ende seiner Kräfte und nach und nach um den Verstand bringt.
Das Geld, das er dabei verdient, gibt er seiner Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, und nimmt dafür die Schikanen des Hauptmanns und des Doktors auf sich.
Als Marie dann aber eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt, verfällt Woyzeck in einen regelrechten Wahn, der ihn bis zum äußersten treibt…

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß mich die Geschichte des Woyzeck damals zur Schulzeit absolut langweilte und kein bißchen berührte.
Obwohl ich zu dieser Zeit ganz gerne Dramenklassiker gelesen habe, fand ich nie einen Zugang zu diesem Werk.

Andreas Eikenroths Graphic Novel hat mich dann aber wirklich fasziniert und die Geschichte in einem komplett neuen Licht sehen lassen.
Denn Woyzeck hat sein Herz durchaus am rechten Fleck. Das beweist schon, was er alles auf sich nimmt, um seine Familie zu versorgen. Doch die äußeren Umstände machen es ihm unmöglich, nicht zu scheitern.

Würde man die Handlung in unsere Zeit in die Außenbezirke von Chicago versetzen, den Hauptmann zu einem Drill Sergeant machen und die Erbsendiät zu einer pharmazeutischen Versuchsreihe… plötzlich könnte jeder Woyzeck als absolut zeitgemäßes Drama sehen, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Schade, daß mein Lehrer mir das seinerzeit nicht wirklich vermitteln konnte.
Durch diese Graphic Novel habe ich aber nun endlich einen anderen Blick auf diese ungeliebte Schullektüre bekommen.

Unbedingt mal reinschauen!

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Review: Sumpfland

Heute möchte ich Euch eine ganz besondere Graphic Novel vorstellen, die mich sehr beeindruckt hat: „Sumpfland“ der deutschen Künstlerin Moki aus dem Reprodukt Verlag.

In „Sumpfland“ folgen wir sehr verschiedenen Charakteren in recht unterschiedlichen Geschichten, die aber durch gemeinsame Themen miteinander verbunden sind.
Da ist zum Beispiel Ocre, eine Frau die durch die Landschaft zieht und versucht, eins mit ihr zu werden. Dann gibt es den introvertierten Aldi und seine Füchsin Puffi, deren Beziehung fast an Aldis Eigenbrötlerei zerbricht. Und es gibt die Getüme, seltsame quallenartige Wesen, die all ihre Energie auf Arbeit und ökonomisches Wachstum verwenden, bis die Frage nach der Endlichkeit der Ressourcen aufkommt.

Es gibt viele gesellschafts- und sozialkritische Themen, die in „Sumpfland“ angesprochen werden: die Zerstörung der Natur und der Versuch einzelner, zur Natur zurückzufinden oder die Wachstumsgesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen kaum gewürdigt wird. Es gibt aber auch sehr menschliche Themen, wie Verlassen zu werden, sich selbst zu verlieren und wiedergefunden zu werden.

So richtig erklären kann man „Sumpfland“ nicht. Man muss es schon gesehen haben und die Bilder auf sich wirken lassen; bestimmt werden viele Leser ganz andere Themen für sich entdecken.
Dabei würde man die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel beim ersten Durchblättern vielleicht gar nicht erkennen, denn Mokis Protagonisten sind Wesen, die wirken, als wären sie aus den verschiedensten Filmen oder Comics zusammengewürfelt worden. Da gibt es zum Beispiel die kleinen, niedlichen Flocken, die aussehen, wie flauschige Bällchen, die aber alles sehr genau beobachten und kritische Fragen stellen, oder Ichi, eine Art hasenohrigen Geist, der so zufrieden mit sich und der Welt ist, daß er stets nur das Gute sieht.

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Die Seiten des Buches sind alle in einem hellen Grünton gehalten, die Illustrationen wechseln von cartoonhaften Zeichnungen zu detailverliebten Skizzen, ohne daß es dabei zum Stilbruch kommen würde.

„Sumpfland“ ist für mich definitiv eins der Graphic Novel-Highlights dieses Jahres, auch wenn es mir wirklich schwerfällt, die Geschichte auf den Punkt zu bringen.
Denn hier werden in erster Linie Emotionen transportiert und das schafft Moki wie es wirklich nur wenige können.
Sollte Euch „Sumpfland“ also beim nächsten Besuch in Eurer Lieblingsbuchhandlung in die Hände fallen, dann lest auf jeden Fall rein!