Review: Woyzeck – Graphic Novel

Ach, ach… Georg Büchners „Woyzeck“
Kaum eine Schullektüre ist mir in schlechterer Erinnerung geblieben, als dieses sehr kurze Dramenfragment. Unvergessen der Tag, an dem ich – das unbeliebteste Mädchen der Klasse – zusammen mit einem der „coolen“ Jungs eine Liebesszene daraus vorlesen musste. Mit hochrotem Kopf stotterte ich mich durch den Text, der für mich keinen Sinn ergab, während mein Lehrer darauf bestand, daß ich doch mit ein bißchen mehr Leidenschaft lesen könnte und die Klasse hinter mir kicherte…

Nein, Freunde wurden „Woyzeck“ und ich nun wirklich nicht.

Doch manchmal stolpert man über Interpretationen und Umsetzungen, die eine neue Perspektive vermitteln können und uns alles in einem anderen Licht sehen lassen.
Im Fall von „Woyzeck“ ist mir vor kurzem eine Graphic Novel in die Hände gelegt worden, die schon auf den ersten Blick versprach, diesem angestaubten Text Leben einzuhauchen.

Illustrator Andreas Eikenroth hat die Geschichte grafisch inszeniert und die Fragmente zum Teil neu geordnet. Dabei hat er sich von Künstlern wie George Grosz, Karl Arnold oder Egon Schiele inspirieren lassen und die Handlung insgesamt ein wenig modernisiert, indem er sie vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik verlagert hat.

Für alle, denen „Woyzeck“ als Schullektüre erspart geblieben ist, eine kurze Zusammenfassung:
Franz Woyzeck ist Soldat und arbeitet nebenher als Diener des Hauptmanns. Außerdem verdient er sich noch etwas Geld dazu, indem er sich vom Doktor auf eine Erbsendiät setzen lässt. Dabei darf er monatelang nichts anderes als eben Erbsen zu sich nehmen, was Woyzeck aber bald ans Ende seiner Kräfte und nach und nach um den Verstand bringt.
Das Geld, das er dabei verdient, gibt er seiner Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, und nimmt dafür die Schikanen des Hauptmanns und des Doktors auf sich.
Als Marie dann aber eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt, verfällt Woyzeck in einen regelrechten Wahn, der ihn bis zum äußersten treibt…

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß mich die Geschichte des Woyzeck damals zur Schulzeit absolut langweilte und kein bißchen berührte.
Obwohl ich zu dieser Zeit ganz gerne Dramenklassiker gelesen habe, fand ich nie einen Zugang zu diesem Werk.

Andreas Eikenroths Graphic Novel hat mich dann aber wirklich fasziniert und die Geschichte in einem komplett neuen Licht sehen lassen.
Denn Woyzeck hat sein Herz durchaus am rechten Fleck. Das beweist schon, was er alles auf sich nimmt, um seine Familie zu versorgen. Doch die äußeren Umstände machen es ihm unmöglich, nicht zu scheitern.

Würde man die Handlung in unsere Zeit in die Außenbezirke von Chicago versetzen, den Hauptmann zu einem Drill Sergeant machen und die Erbsendiät zu einer pharmazeutischen Versuchsreihe… plötzlich könnte jeder Woyzeck als absolut zeitgemäßes Drama sehen, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Schade, daß mein Lehrer mir das seinerzeit nicht wirklich vermitteln konnte.
Durch diese Graphic Novel habe ich aber nun endlich einen anderen Blick auf diese ungeliebte Schullektüre bekommen.

Unbedingt mal reinschauen!

2019-09-05_12.27.09

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

12 Kommentare zu „Review: Woyzeck – Graphic Novel“

  1. Ja, auch bei unserem Sohn in der Stufe wurde im Abi Buch dieses Buch als das unliebste gewählt. Brrr. Ich kann es nachvollziehen. Das Thema an sich, ist aber nach wie vor aktuell und wird es wohl immer bleiben.
    Ich finde es ja auch toll, dass mitlerweile einige Klassiker als Graphic Novelle umgesetzt wurden, aber oft gefallen mit die Zeichnungen nicht so. Auch bei diesem finde ich zwar die Zeichnungen gut, aber die Farbgebung? SW wäre vielleicht besser gewesen. Oder nur leicht mit Aquarell. Aber ich bin bei Comics und G. Novellen auch sehr eigen 😉
    Liebe Grüsse
    Nina

    Gefällt 1 Person

  2. Verrückt, habe als Lehrerin „Woyzeck“ gerade noch vor ein paar Monaten unterrichtet, allerdings habe ich das Drama zusammen mit erwachsenen Schülerinnen und Schülern gelesen, die sogar was damit anfangen konnten. Vielleicht hat auch eine wirklich tolle Theaterinszenierung, die wir am Ende der Einheit erlebt haben, ihren Teil dazu beigetragen. Ich finde, Theatertexte brauchen dieses visuelle Element und sollten eben nicht als kleingedruckte Textwüste in Schulbuchausgaben „verwurstet“ werden. Also auf die Bühne und in Bild und Ton! So wie hier als Grafic Novel ist durchaus auch eine interessante Idee!🙂
    Lieben Gruß an dich, Andrea,
    Sarah

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, das ist ein toller Ansatz, etwas Visuelles im Unterricht mitzuliefern, nur dann bitte nicht, indem man verängstigte Teenager zum Lesen nach vorne holt. 😂
      Ich finde, wenn man junge Leute heutzutage noch für Klassiker begeistern will, muss man als Lehrer einen Bezug zur Gegenwart mitliefern.
      Mein Podcast Kollege wird ja nächstes Jahr Lehrer, der hatte auch eine tolle Idee, nämlich die Romantik mit diesen Instagram Bildern (du weißt schon: Landschaftsfoto und Sinnspruch) zu erklären. Die Idee fand ich auch super.
      Liebe Grüße zurück,
      Andrea

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    1. Haha… „Effi Briest“ ist mir erspart geblieben. Wir mussten aber von Fontane „Frau Jenny Treibel“ an der Buchhändlerschule lesen. Da fragte dann der Literaturkundelehrer: „Na, wie hats Ihnen denn gefallen?“.
      Und ich (charmant wie immer): „Ja, scheiße wars halt!“.
      Der Lehrer: „Okay… Und wie begründen Sie das?“
      Ich: „Ach Gott, es geht die ganze Zeit nur um Aprikosenbouquets und Landpartien… Inwiefern ist das heute noch relevant?“
      Lehrer (zuckt die Schultern): „Hmmm… Auch wahr…“
      Und dann das beste überhaupt: der Lehrer hat das Buch beiseite gelegt und nie wieder darüber gesprochen! Unserer ganze Lektürebesprechung war in zwei Minuten vorbei! 😂

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      1. Oh, stimmt. „Jenny Treibel“. Jedes Mal wenn es Bratkartoffeln gibt muss ich daran denken. Das Buch hatte ich ebenfalls total verdrängt. Selbst der grandiose Literatur-Dozent an der Buchhandelsschule in Seckbach konnte mir danach Fontane nicht mehr schmackhaft machen. Und der hat mein Feuer für die meisten deutschen Klassiker tatsächlich wieder entfachen können. Bei vielen liegt es ja tatsächlich daran, wie man an die Lektüre herangeht bzw. sie bearbeiten muss. Bei Theodor Fontane ist auch meine Theorie: Diesen schmalzigen Scheiss kannste einfach nich lesen. 😉

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    1. 🤷🏻‍♀️ Haha… Ich bin ja vorzeitig eingeschult worden, war also immer die jüngste in der Klasse und noch dazu ziemlich altklug. Hab mich nie für irgendwas interessiert, was meine Schulkameraden cool fanden und dann kam noch eine schlimme Neurodermitis dazu… 😅 Im Teenageralter also der absolute Jackpot!

      Gefällt 1 Person

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