Review: Antigone

Wer heutzutage Sophokles liest, der tut das wohl meist während der Schulzeit. Zumindest kommt es mir als Buchhändlerin so vor, wenn ich in die unmotivierten Gesichter der Kunden blicke, die nach „Antigone“, „König Ödipus“ oder „Elektra“ in der zweisprachigen Reclam-Ausgabe fragen.
Ich selbst hatte nie Griechisch in der Schule und tatsächlich auch keine einzige Unterrichtsstunde zu den großen antiken Tragödien. Klar kennt man in meinem Beruf die Namen, Titel und von einigen auch den groben Inhalt, doch „Antigone“ war eines der Dramen, von denen ich im Vorfeld absolut gar nichts wusste.

Umso spannender fand ich also, daß eben dieser Stoff vom Carlsen Verlag für ihre Graphic Novel-Reihe „Die Unheimlichen“ aufgegriffen wurde.
Vor etwa einem Jahr hatte ich Euch aus dieser Serie bereits Das Wassergespenst von Harrowby Hall vorgestellt, nun erschien diesen Winter „Antigone“ in der Bearbeitung der Comic-Künstlerin Olivia Vieweg, die man von ihrem Drehbuch zum Zombie-Film „Endzeit“ und der darauf basierenden Graphic Novel kennt.

Mit düsteren Themen kennt sich Olivia Vieweg also bestens aus, kein Wunder also, daß sie nun auch einen Teil zu den „Unheimlichen“ beisteuert.
Wer die Reihe noch nicht kennt: Hier interpretieren bekannte Illustratoren klassische Schauergeschichten in ihrem ganz persönlichen Stil neu. – Ein wirklich spannendes Projekt, in das man unbedingt mal reinblättern sollte.

„Antigone“ ist wohl eines der berühmtesten antiken Dramen.
Die titelgebende Heldin ist die Schwester von Polyneikes und Eteokles, die nach dem Tod ihres Vaters König Ödipus beschließen, sich die Herrschaft über Theben zu teilen und abwechselnd zu regieren.
Lange geht das nicht gut und als Eteokles die Herrschaft nicht mehr abgeben will, zettelt sein Bruder eine Rebellion an, die mit dem Tod der beiden endet.
Ihr Onkel Kreon lässt sich daraufhin zum König von Theben ausrufen und verfügt, daß Polyneikes nicht begraben werden darf. Antigone verliert bei dem Gedanken an ihren toten Bruder, der vor der Stadt von wilden Tieren gefressen wird fast den Verstand und nimmt die Dinge in ihre eigenen Hände. Obwohl sie damit das Gesetz bricht, beerdigt sie Polyneikes und wird daraufhin von ihrem Onkel dazu verurteilt, lebendig eingemauert zu werden…

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Wie Anfangs erwähnt hatte ich ja mit diesem Drama noch keine Bekanntschaft gemacht und auch nichts zum Inhalt parat. Ich wusste also absolut nicht, was mich erwarten würde und war dann doch ziemlich geschockt, wie aufreibend und aktuell die Geschichte um Antigone ist, für die der moralischer Kompass wichtiger ist, als willkürliche Gesetze.
In Zeiten, in denen civil disobedience wieder zum Thema wird und in denen Kinder auf die Straße gehen, um für eine bessere Zukunft zu protestieren, wirkt die Geschichte von Antigone, die sich gegen das Gesetz auflehnt, um das zu tun, was richtig ist, alles andere als angestaubt.

Olivia Vieweg setzt die Geschichte in ihrem unverkennbaren Stil und mit starken Kontrasten zwischen den Grautönen bei Landschaft und Menschen und einem tiefen Rot für Sonne und Blut in Szene.
Dabei erzählt sie nicht die ganze Geschichte und lässt das Ende bewusst offen. – Irgendwie passt das zu den Zeiten in denen wir gerade leben…

Review: Hawking

Ich finde es ja immer großartig, wenn komplexe Themen mithilfe der Kunst anschaulich und dadurch verständlicher gemacht werden.
Autor Jim Ottaviani und der Illustrator Leland Myrick nehmen sich in ihren Graphic Novels die bekanntesten Physiker vor und nun ist mit „Hawking“ nach „Feynman: Ein Leben auf dem Quantensprung“ (auf Deutsch leider mittlerweile vergriffen, aber auf Englisch noch lieferbar) ihre zweite Biografie erschienen.

Darin erzählen sie von Stephen Hawkings Leben, angefangen bei seiner Kindheit, über das Studium und die niederschmetternde Diagnose Motoneuron-Krankheit, seine Karriere und Theorien.
Dabei muss gesagt werden, daß Hawkings Privatleben nicht im Fokus der Geschichte steht, sondern daß eher versucht wird, seine Arbeit und Ideen zeichnerisch zu vermitteln. Diese werden mit der Zeit natürlich immer komplexer und um ehrlich zu sein konnte ich ihnen nur zum Teil folgen.

Was ich aus diesem Buch mitnehme ist, daß Begriffe wie „schwarze Löcher“ oder die Idee eines sich ausdehnenden Universums, die heutzutage jedes halbwegs interessierte Schulkind kennt, zu der Zeit, als Stephen Hawking begann, sich mit theoretischer Physik zu beschäftigen, noch gar nicht existierten oder als Denkkonzepte in den Kinderschuhen steckten.
Hawking hat mit seinen Arbeiten Diskussionen angestoßen, die unsere Vorstellung vom Universum maßgeblich vorangetrieben haben.

Man braucht aber definitiv nicht in Panik zu verfallen, wenn man den Theorien in dieser Graphic Novel nicht immer folgen kann. Hawkings Lebensgeschichte wird in die Kapitel über theoretische Physik immer mit eingeflochten, so daß allen unter uns, die nicht Physik studiert haben, trotzdem nicht langweilig wird.

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Illustriert wurde die Graphic Novel von Leland Myrick mit einfachen Tuschezeichnungen, die dann recht flächig koloriert wurden; dennoch kann man trotz des recht reduzierten Stils viele Details und die Gesichtsausdrücke immer klar erkennen.

„Hawking“ ist eine umfangreiche Graphic Novel-Biografie, die sowohl interessierte Laien, als auch Fachleute ansprechen und begeistern wird.
Egal, wie viel man von theoretischer Physik versteht, das ein oder andere wird man garantiert aus diesem Buch lernen und dabei trotzdem bestens unterhalten.

Review: I’m every woman

In letzter Zeit bin ich immer wieder auf die Comics von Liv Strömquist gestossen, die sich mit Titeln wie „Der Ursprung der Welt“ den Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat.
Also habe ich mir ihr neustes Buch „I’m every woman“ geschnappt, denn wie konnte ich bitte dieser frech grinsenden Madonna auf dem Cover widerstehen?

Bei einem Schwimmbadbesuch mit den Kindern begann ich mit dieser Graphic Novel und musste sie auch schon bald wieder zur Seite legen, weil ich so laut lachen musste, daß die Leute schon guckten…

In verschiedenen Episoden erzählt Liv Strömquist von starken Frauen und spannenden Ideen und nimmt dabei auch schon mal vermeintlich liberale Denkmuster etwas genauer unter die Lupe.

Im ersten Abschnitt werden beispielsweise „Die unsäglichsten Lover der Weltgeschichte“ gekürt. Ein Segment, das ich ebenso lustig wie lehrreich fand, denn daß einige berühmte Männer diverse Frauen nebenher hatten ist ja bekannt. Wie sich manche Herren dabei aber aufgeführt haben, war auch für mich neu…
Edvard Munch zum Beispiel schaffte es, sich bei einem Streit mit seiner Geliebten selbst in den Finger zu schießen, das ganze dann aber ihr in die Schuhe zu schieben (mit der Begründung, sie hätte ihn hypnotisiert) und anschließend blutrünstige Gemälde mit Titeln wie „Die Mörderin“ zu malen, um den Vorfall zu verarbeiten.
Darüber kann man wirklich nur lachen und den Kopf schütteln!

Liv Strömquists Zeichenstil ist sehr schlicht und reduziert. Manche finden ihn ja deshalb nicht besonders ansprechend, ich habe aber nichts daran auszusetzen.
Sie setzt auf sehr einfache Illustrationen, die dann zum Teil koloriert, zum Teil schwarz-weiß belassen sind und bedient sich hin und wieder auch gerne der Kollagetechnik.

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„I’m every woman“ ist kein Buch, das gefallen möchte. Man kann sich immer wieder an einigen Aussagen reiben und stoßen, sie gutheißen oder ablehnen… Liv Strömquist schreibt frei Schnauze, ohne auf political correctness zu achten, oder nach Bestätigung zu heischen. Durch ihre Unangepasstheit bekommt diese Graphic Novel das gewisse Etwas, das sie mir wahnsinnig sympathisch gemacht hat und der rotzfreche Humor hat mich vollends begeistert.
Bestimmt wird das nicht mein letztes Buch von Liv Strömquist gewesen sein!

Abenteuerliches im April

Morgen ist schon der erste April und bevor ihr denkt, daß der riesige Stapel, der sich diesen Monat bei mir angesammelt hat nur ein Aprilscherz ist, erzähle ich Euch lieber jetzt schnell, was im nächsten Monat alles auf meiner Leseliste steht.
Denn es ist eine ganze Menge zusammen gekommen!

Leider hänge ich noch ein wenig mit meinem Märzstapel hinterher, denn wie viele von Euch ja vielleicht mitbekommen haben, war ich schwer beschäftigt damit, die Wohnung zu renovieren, aber wenigstens habe ich nun endlich ein eigenes Zimmer.
Deshalb setze ich für den April vermehrt auf illustrierte Bücher und Graphic Novels. Hach… ich freue mich, denn es ist viel Spannendes und Abenteuerliches mit dabei.

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Aber beginnen wir mit den Romanen:

Das Buch, auf das ich mich wohl am meisten freue ist Das Verschwinden der Stephanie Mailer von Joel Dicker.
Bereits mit seinen ersten beiden Romanen „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ hat mich Dicker restlos begeistert. Hoffentlich kann „Stephanie Mailer“ daran anschließen.

Spannend hört sich auch Katherine Dions Debütroman Die Angehörigen an.
Es geht um einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau feststellt, daß sie wohl Zeit Lebens Geheimnisse vor ihm hatte…

Auf der Buchmesse wurde mir am Stand von weissbooks von Luna Al-Mouslis Roman Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich vorgeschwärmt.
Ende letzten Jahres haben ja viele Blogger sich die Mühe gemacht, um durchzuzählen, wie hoch die Frauenquote bei ihrer Lektüre war. Ich nahm das zum Anlass, um zu sehen, wie divers ich lese. Das Ergebnis: Während ich ganz gut bei den Persons of Color lag (vorausgesetzt man zählt Asiaten mit) und noch recht okay im Bereich LGBTQ+, war lediglich eine einzige Autorin mit Behinderung dabei und gar keine muslimischen Autoren! Daran wollte ich also ohnehin arbeiten, Luna Al-Mousli scheint da schon mal ein guter Einstieg zu sein.

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Natürlich darf auch der neue Moers nicht fehlen!
In Der Bücherdrache legt Walter Moers zwar nicht den lang erwarteten dritten Teil der „Stadt der träumenden Bücher“-Saga vor, dennoch geht es endlich wieder in die Katakomben von Buchhaim, diesmal allerdings mit dem kleinen Buchling Hildegunst von Mythenmetz.

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Weiter geht es mit den Sachbüchern.
Bei meinem neuen Lieblingsreisebuchverlag, dem Reisedepeschen Verlag ist vor Kurzem Vom Glück zu Reisen erschienen.
Darin setzt sich Philipp Laage wohl ebenso kritisch wie humorvoll mit den Auswüchsen der heutigen Reise-Industrie auseinander; von Selbstfindungstrips über Pauschal-Abenteuerurlaube.

Ein Titel auf den ich schon sehr gespannt bin ist Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen von Sy Montgomery. Ihr erstes Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ wurde ja zum Bestseller und mir schon lange von Kollegen ans Herz gelegt. Allerdings habe ich mich nun doch für „Einfach Mensch sein“ entschieden, immerhin wurde es von Rebecca Green illustriert, die zwar in Deutschland weitestgehend unbekannt ist, deren entzückendes Bilderbuch „How to Make Friends with a Ghost“ aber zu meinen Favoriten in diesem Bereich zählt.

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Mit Tieren und Menschen geht es weiter und zwar in zwei Graphic Novels, die von den Forschungsreisen zwei der berühmtesten Naturwissenschaftler ihrer Zeit berichten:
Darwin – An Exceptional Voyage von Fabien Grolleau und Jérémie Royer erzählt von der berühmten Reise auf der Beagle, während Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Humboldt-Expertin und Biografin Andrea Wulf und Illustratorin Lillian Melcher sich mit den Amerika-Reisen des Forschers beschäftigt.
So ähnlich sich die beiden Titel auch vom Thema her sind, so unterschiedlich sind sie in der Umsetzung und den Illustrationen.
Ich freue mich wirklich schon sehr darauf, Euch die Titel diesen Monat noch genauer vorzustellen!

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Bleiben wir bei illustriertem Sachbuch und widmen wir uns den Frauen…
Die Graphic Novel I’m every woman von Liv Strömquist setzt sich auf absolut humorvolle Weise mit Feminismus und Themen, die Frauen bewegen auseinander.

Kickass Women – 52 wahre Heldinnen von Mackenzi Lee dagegen ist im Stil von Büchern wie „Good Night Stories for Rebel Girls“ aufgemacht, wartet aber mit wesentlich unbekannteren Frauen auf, von denen ich zum Großteil noch nie gehört habe, und das obwohl ich im letzten Jahr bereits einige solcher Titel gelesen habe!

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Zu guter letzt bleiben wir bei Geschichten um Frauen und deren grafischer Umsetzung.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood liegt nun endlich auf Englisch als Graphic Novel vor und wurde wirklich verdammt gut umgesetzt!
Mary Who Wrote Frankenstein ist dagegen ein Bilderbuch, das zwar im englischsprachigen Raum zig Preise gewonnen hat, in Deutschland aber noch weitestgehend unbekannt ist.
Darin geht es um die Geschichte von Mary Shelley… Spannend!

Das ist er also, mein viel zu hoher Aprilstapel und wenn ich mir anschaue, was da alles noch vom März liegt könnte man ein bißchen an meinen Plänen zweifeln…
Allerdings ist nun tatsächlich wieder ein bißchen Ruhe in die Wohnung eingekehrt und ich merke, daß ich wieder Zeit finde, mehr zu lesen.
Der Maistapel wird dann aber garantiert wieder kleiner… Bestimmt!

Welche Titel liegen auf Euren Lesestapeln?
Worauf freut Ihr Euch am meisten und kennt Ihr einige der Titel, die ich heute vorgestellt habe vielleicht schon?
Ich wünsche Euch einen wunderbaren Frühling!

Eure Andrea

Review: Das unabwendbare Altern der Gefühle

Letztes Jahr hat mich Zidrou mit Die Adoption tief berührt, nun ist gerade seine neuste Graphic Novel „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ beim Splitter Verlag erschienen und schon auf den ersten Blick war ich von der Geschichte gefesselt…

Mediterranee ist Anfang sechzig, als ihre Mutter stirbt. Schlagartig wird ihr bewusst, daß sie nun die Älteste in der Familie ist und das, was man wohl eine „alte Frau“ nennt, auch wenn sie sich in ihrem Inneren noch lange nicht so fühlt.

Ulysses ist Ende fünfzig, als er in Frührente geschickt wird. Seine Frau ist schon vor Jahren gestorben und so sitzt er Abends oft alleine vor dem Fernseher oder einem Sudoku, dabei will er noch nicht zum alten Eisen gehören.

Mit zwei so ähnlichen Geschichten und so schicksalhaften Namen ist klar, daß sich die beiden eines Tages begegnen müssen. Und so kommt es, daß sich Mediterranee und Ulysses ineinander verlieben, sich wieder jung fühlen und ihren zweiten Frühling genießen.

Doch dann passiert etwas, womit keiner rechnen konnte und was das Leben der beiden völlig auf den Kopf stellt…

„Das unabwendbare Altern der Gefühle“ hat mich wirklich sehr bewegt und am Schluß hatte ich – wie so oft bei großartigen Graphic Novels – Tränen in den Augen.

Zunächst einmal hat mich das Thema sehr angesprochen. Über Liebe und Sex im Alter liest man nicht sehr häufig; eigentlich fiel mit spontan nur „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ein.
Dabei zeigt Illustratorin Aimée de Jongh die Körper von Mediterranee und Ulysses wirklich ungeschönt, mit Fettpolstern, Falten und Altersflecken und trotzdem mit sehr viel Schönheit, die von ihrer inneren Haltung und dem gemeinsamen Glück ausgeht.

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„Das unabwendbare Altern der Gefühle“ ist eine wirklich schöne Graphic Novel, mit einer Geschichte, die ans Herz geht, Charakteren, zu denen man (bei mir trotz deutlichem Altersunterschied) sofort eine Verbindung aufbaut und einer Wendung, die man garantiert nicht vorhersieht.

Von mir gibt es dafür eine klare Empfehlung!

Review: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Auf der Suche nach einer schönen dicken Graphic Novel, die mich mit nach Südtirol begleiten durfte, stieß ich auf „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ von Jiro Taniguchi nach dem gleichnamigen Roman von Hiromi Kawakami.

Taniguchis Graphic Novels waren mir schon öfter empfohlen worden und mit mehr als 400 Seiten versprach dieses Buch eine schöne Urlaubslektüre zu werden, die ich nicht schon nach nur einer Stunde durchgeblättert hätte.

Tsukiko ist Single, Ende dreißig, selbstbestimmt. Die Liebe nimmt in ihrem Leben keinen großen Platz ein, am liebsten sitzt sie nach der Arbeit noch in ihrer Lieblingsbar, trinkt ein wenig und genießt das leckere Essen.

Eines Abends kommt sie mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch, als er exakt dieselben Gerichte bestellt, wie sie.
Es stellt sich heraus, daß der ältere Herr neben Tsukiko ein ehemaliger Lehrer von ihr ist, doch da sie sich zunächst nicht mehr an seinen Namen erinnern kann, nennt sie ihn einfach nur Sensei.

Auch wenn sich Tsukiko und der Sensei nie verabreden, treffen sie sich doch nun immer häufiger in der Bar, essen und trinken gemeinsam und ziehen gelegentlich noch ein wenig um die Häuser.
Der Sensei ist ein Gentleman der alten Schule, der auch die ein oder andere seltsame Angewohnheit hat, doch Tsukiko fühlt sich bei ihm sehr wohl und verbringt gerne Zeit mit ihm.

Es dauert lange, bis sie begreift, daß sie mehr als nur einen väterlichen Freund in dem Sensei sieht, doch er scheint ihre Gefühle nicht zu erwidern… oder etwa doch?

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Wie anfangs schon erwähnt, ist „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ein richtig dickes Buch, vermutlich die längste Graphic Novel, die ich bisher gelesen habe.
Der Zeichenstil ist dabei zwar an sich recht schlicht was die Gesichter betrifft, doch dann auch wieder mit herrlich detailverliebten Hintergründen.
Bis auf die ersten paar Seiten ist die ganze Geschichte in schwarz/weiß gehalten.

Den Roman von Hiromi Kawakami, auf dem diese Graphic Novel basiert habe ich noch nicht gelesen. Deshalb kann ich auch schlecht beurteilen, wie originalgetreu Jiro Taniguchi die Geschichte umgesetzt hat.
In einem Interview mit Kawakami und Taniguchi am Ende des Buches, erklärt die Autorin allerdings, daß sie mit der Adaption sehr glücklich ist, also gehe ich davon aus, daß die Stimmung der Geschichte auch gut in den Bildern transportiert wird.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist eine recht ruhige und gefühlvolle Geschichte… Es geht um Freundschaft, Nähe und viel gutes Essen.
Es ist eine wirklich schöne Graphic Novel, die vielleicht auch ein guter Einstieg für klassische Roman-Leser ist.

Lesegrüße vom Gardasee

Diesen Sommer bin ich ja nicht nur einmal, sondern gleich zweimal in Italien und den Anfang machte nun letztes Wochenende ein Ausflug zum Gardasee.
Da ich schon wusste, daß ich die meiste Zeit meinen Kindern hinterherjagen darf, stellte ich mich also darauf ein, nicht besonders viel zum Lesen zu kommen. Also packte ich kurzerhand einige Comics und Mangas ein, die ich an teilweise recht ungewöhnlichen Orten lesen sollte…

Nach fünf Stunden Fahrt kamen wir gut und ohne Stau in Peschiera am Südufer des Gardasees an.
Die Hitze erschlug uns fast, als wir aus dem Auto ausstiegen, also schnell die Koffer in die Ferienwohnung getragen und sofort weiter zum Strand!

Es ist ja am Gardasee oft nicht leicht, einfach so Baden zu gehen. Viele Strandabschnitte gehören zu Hotels oder Campingplätzen, andere Strände verlangen 6 € Leihgebühr für eine Liege… pro Stunde! Und wer da einfach sein Handtuch auf den Boden wirft und sich hinlegt, macht dann schnell Bekanntschaft mit der Strandaufsicht.

Deshalb hatten wir uns schon vorher schlau gemacht und einen Strand in Santa Maria di Lugana (zwischen Peschiera und Sirmione) gefunden, der nicht nur kostenlos war, sondern – Hallelujah! – auch noch über einen ebenso kostenfreien Parkplatz verfügte!

Das Wasser ist an dieser Stelle recht flach. Ich musste fast hundert Meter hinausgehen, bis ich wirklich keinen Boden mehr unter den Füßen hatte.
Für die Kinder war es natürlich ideal und sie planschten den ganzen Nachmittag in den Wellen und sammelten Muscheln.

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Nachdem ich mich ein bißchen abgekühlt hatte, schnappte ich mir also den ersten Teil der „Saga“-Comics von Brian K. Vaughan.
Zur Zeit stolpert man ja gefühlt überall über seine Geschichten…

Was soll ich sagen? „Saga“ hat mich absolut begeistert und das trotz viel grafischer Gewalt, womit man mich ja eigentlich jagen kann. Die Figuren sind zum Teil wirklich schräg, wie Roboterwesen mit menschlichen Körpern und einem Röhrenbildschirm als Kopf, und gelegentlich auch schwer anzusehen, wie der Geist eines Teenagermädchens deren Unterleib fehlt, weswegen man ihr Innenleben leider allzugut sehen kann.
Eigentlich würde ich mir den Comic auf diese Beschreibung hin nie und nimmer kaufen, aber schon auf der zweiten Seite musste ich grinsen und ab Seite drei hatte ich die Protagonisten fest ins Herz geschlossen.
Teil zwei und drei sind schon bestellt!

Am zweiten Tag stand der Caneva Aquapark auf dem Programm.
Als Kind war ich ja mit meinem Dad in Florida und habe dort Typhoon Lagoon und Blizzard Beach besucht und Caneva hat die Gestaltung hier ganz klar abgekupfert.
Dazu dann noch einige Rutschen, die selbst mir als Rutschen-Enthusiastin recht fragwürdig erscheinen und fertig ist ein großer Spaß für die ganze Familie!

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Diesesmal kam dann gleich der nächste Brian K. Vaughan Comic mit, nämlich „Paper Girls“. Ich habe das Gefühl, jeder liest zur Zeit diesen Comic, zumindest lässt es Instagram vermuten.
Im direkten Vergleich fand ich aber „Saga“ deutlich besser und das, obwohl es in „Paper Girls“ lang nicht so blutrünstig zugeht.
Der Zeichenstil erinnert sehr an die 80er Jahre, die Illustrationen kommen in knalligen Pink-, Lila- und Blautönen daher.
Nachdem es sich hier um eine Zeitreisegeschichte handelt, werde ich auf jeden Fall mal in Band zwei hineinblättern. Oft entwickeln solche Geschichten ja noch viel mehr Potenzial, wenn sie die Möglichkeit haben, sich in sich selbst zu verschachteln.

Mit dem Thema Zeitreise ging es dann an Tag drei im Gardaland weiter. Nämlich mit dem zweiten Teil von „Orange“ von Ichigo Takano.
Zu Mangas hatte ich bisher eigentlich keinen Zugang, „Orange“ wurde mir dann auch für Nicht-Manga-Leser empfohlen und nach anfänglichen Startschwierigkeiten (nein, ich habe das Buch nicht verkehrt herum gehalten!) habe ich vor kurzem Band 1 gelesen.

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In „Orange“ geht es um die Schülerin Naho, die plötzlich Briefe von ihrem zehn Jahre älteren Ich erhält.
So versucht sie, den Selbstmord eines Freundes zu verhindern und Naho beginnt, in die Geschichte einzugreifen.
Ich finde, daß die Handlung noch viel Potenzial hat, denn im Moment sieht es so aus, als könnte Naho ihr zukünftiges Leben beeinflussen, was für mich als Mutter dann natürlich die Frage aufwirft, ob sie sich irgendwann entscheiden muss, der Geschichte doch ihren Lauf zu lassen, um nicht zu verhindern, daß ihr Kind zur Welt kommt.
Da bin ich sehr gespannt!

Im Gardaland hatten die Kinder unheimlich viel Spaß!
Ich freue mich ganz besonders, daß es immer noch Attraktionen aus meiner Kindheit gibt, wie zum Beispiel die Raupen-Achterbahn, und ich meine Erinnerungen so mit meinen Kindern teilen kann.

„Orange“ Band 3 stand am vierten und letzten Tag auf dem Plan. Zusammen mit dem Movieland Park.
Hier wurde fleißig bei den Universal Studios geklaut und ich vermute, der besondere Reiz der Attraktionen ist, daß man sich einfach nur freut, überlebt zu haben.
Und das ist nicht mal übertrieben… Jeder TÜV-Prüfer würde hier vermutlich einen Nervenzusammenbruch bekommen. Die Kinder und ich waren begeistert!
Besonders, weil wir bei der Bullenhitze ständig bis auf die Unterwäsche durchnässt wurden. Das tat richtig gut!

Letztendlich war es ein wahnsinnig schöner Ausflug. Die Kinder hatten so viel Spaß und ich kam zwar nicht wirklich zum Lesen, konnte ich mir die Wartezeit vor den Kinderkarussels aber gut mit Comics und Mangas vertreiben.

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Nur einen einzigen Roman habe ich mitgenommen, nämlich Weit weg von Verona von Jane Gardam… Wo sonst sollte ich ihn denn lesen, wenn nicht gar nicht so weit weg von Verona?
Nachdem ich aber eigentlich nur morgens ein wenig Zeit für mich hatte, wenn die Kinder noch geschlafen haben, konnte ich nur knapp ein Viertel des Buches lesen.
Jetzt muss ich also doch weit weg von Verona zu Ende lesen…

Am Wochenende geht es dann auch schon wieder weiter noch Südtirol.
Ich freue mich schon, hoffe aber, daß es ein klein wenig entspannter wird und ich vielleicht ein bißchen mehr zum Lesen komme.

Liebe Sommergrüße,
Andrea