Review: Wer die Nachtigall stört – Graphic Novel

Viele Jahre lang stand „Wer die Nachtigall stört“ auf meiner Liste der Schande, also meine Liste der Bücher, die ich unbedingt gelesen haben sollte und es trotzdem noch nicht getan habe.
Als ich dann vor zehn Jahren in Chicago war und die Buchhandlungen dort besuchte, war ich zudem überrascht, welchen Status dieses Buch in den USA geniest. Denn in jeder Belletristik-Abteilung gab es immer ein ganzes Regal, das ausschließlich „To Kill a Mockingbird“ gewidmet war und in dem man die verschiedensten Ausgaben fand.

Vor ein paar Jahren, habe ich den Roman dann endlich gelesen und ich weiß noch, daß ich überrascht war, wie leicht er sich lesen lies. Und auch, weil das vordergründige Thema „Rassismus“ vielleicht gar nicht einmal den Kern der Geschichte bildet, sondern weil es für mich die amerikanische Seele beschrieben hat, wie kein anderes Buch.

Nun gibt es „Wer die Nachtigall stört“ auch als Graphic Novel.
Klarer Fall, daß ich sehr gespannt auf die Umsetzung war.

Alabama in den 1930er Jahren. Die achtjährige Scout und ihr großer Bruder Jem wachsen bei ihrem Vater, dem Anwalt Atticus Finch auf.
Ihre Sommer verbringen die Geschwister damit, durch die Nachbarschaft zu stromern und sich mit ihrem Freund Dill Spiele auszudenken. Im Mittelpunkt ihrer Mutproben steht der geheimnisvolle Boo Radley, der sein Haus seit Jahren nicht mehr verlassen hat und über den es die schaurigsten Gerüchte gibt.

Doch alles ändert sich, als der schwarze Arbeiter Tom Robinson angeklagt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben und Atticus dessen Verteidigung übernimmt.
Von da an werden nicht nur Atticus, sondern auch Scout und Jem rassistisch beschimpft und beleidigt.
Während Atticus und auch Jem diesen Umstand recht gleichmütig ertragen, hat die leidenschaftliche Scout sehr damit zu kämpfen. Bald findet sie sich in den Frontlinien eines Konfliktes, der ihre Sicht auf die Dinge nachhaltig verändern wird…

„Wer die Nachtigall stört“ ist ein wirklich vielschichtiges Buch und ich muss sagen, daß der Roman als Graphic Novel wirklich unheimlich gut umgesetzt wurde.
Ich kann mich an keine Szene erinnern, die gefehlt hätte; alles woran ich mich noch lebhaft aus dem Roman erinnere habe ich hier wiedergefunden.

Dabei beschränkte sich Illustrator Fred Fordham nicht nur auf die Dialoge, sondern flicht auch immer wieder stimmungsvolle Bilder ein, die den Szenen eine zusätzliche Tiefe geben.

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Herausgegeben wurde die Graphic Novel bei Rotfuchs, der Jugendbuch-Reihe des Rowohlt Verlags, und wird ab zwölf Jahren empfohlen.

Nun hatte ich ja anfangs geschrieben, daß der Roman recht leicht zu lesen ist, daß er aber ein starkes Bild der amerikanischen Seele zeichnet. Damit meine ich folgendes: während ich persönlich bei dem Thema Rassismus auf die Barrikaden gehe, reagiert Atticus auf eine Weise, die für mich anfangs schwer zu verstehen war.
In einer Szene beispielsweise verbringt Atticus die Nacht vor dem Gefängnis, als ein Mob auftaucht, der Tom ohne Prozess am nächsten Baum aufknüpfen möchte.
Die Situation wird letztendlich erst von der kleinen Scout entschärft, die den Rädelsführern leidenschaftlich entgegen tritt.
Zuhause fühlt sich Scout völlig vor den Kopf gestoßen und sagt: „Ich dachte immer, daß Mr. Cunningham unser Freund ist.“ Woraufhin Atticus ihr entgegnet, daß er das immer noch ist.

Es hat mich schon als Erwachsene viel Zeit gekostet zu verstehen, wie Atticus in der einen Sekunde einen Schwarzen verteidigen kann, der zu Unrecht beschuldigt wurde um in der nächsten den Mob zu verteidigen, der diesen Unschuldigen lynchen will.
Für Kinder und Jugendliche dürfte das ebenso schwer nachzuvollziehen sein und trotzdem finde ich, daß die Altersempfehlung ab zwölf gerechtfertigt ist.
Allerdings würde ich anregen, es mit dem Kind zusammen zu lesen und darüber zu diskutieren und auch zu erklären, warum zu dieser Zeit (und damit auch in diesem Buch) Worte benutzt werden, die heutzutage unverzeihlich wären.

„Wer die Nachtigall stört“ ist ein moderner Klassiker, der durch seine Vielschichtigkeit und das immer noch aktuelle Thema nach wie vor auf jeder Leseliste stehen sollte.
Die Graphic Novel ist ganz wunderbar und unheimlich detailgetreu umgesetzt und steht dem Roman in nichts nach.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

7 Kommentare zu „Review: Wer die Nachtigall stört – Graphic Novel“

  1. Das gemalte Buch steht nun definitiv auf meiner Liste. Ich glaube übrigens, dass gerade Kinder zB die Scene, die Du vor dem Gefängnis beschreibst, erkennen und verstehen. Schon im Kindergarten gibt es doch diesen Satz, *jetzt bin ich nicht mehr Dein Freund* und Heulen und Zähneknirschen, die Erwachsenen ärgern sich, sind traurig, hilflos… und dann spielen die Kinder wieder miteinander, als wäre nichts gewesen, auch wenn für kurze Zeit die Welt nicht in Ordnung war.
    Außerdem können wir uns, glaube ich, diese Zeit eh kaum vorstellen.
    Aber es ist wichtig, es zu versuchen…

    Liebe Grüsse
    Nina

    Gefällt 1 Person

    1. Die „Liste der Schande“ wurde geboren, als ich festgestellt habe, daß man den Kunden empfehlen kann was man will, sobald man zugibt irgendeinen Klassiker nicht gelesen zu haben hat man jede Professionalität eingebüßt.
      Wenn ich aber sage: „Ach ach, das steht schon auf meiner Liste der Schande!“, dann lachen die Kunden und bekräftigen einen, das Buch auf jeden Fall zu lesen. 😉
      Ich kann „Wer die Nachtigall stört“ wirklich sehr empfehlen.
      Liebe Grüße zurück,
      Andrea

      Gefällt mir

      1. Ohhh, ich verstehe. 😉 Wie so häufig denken die Leute sehr eindimensional, aber immerhin reicht ihnen wohl dein Plan es zu lesen in Form dieser Liste. Finde ich sehr amüsant. 😉
        Schönes Wochenende!
        Jenny

        Gefällt 1 Person

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