Review: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Ein Bekenntnis: der Kundensatz, den man als Buchhändler irgendwann nicht mehr hören kann ist: „Das müssen Sie lesen!!!“
Gerne glaube ich, daß der Kunde einen ausgezeichneten Geschmack hat und dieses Buch mein Leben verändern wird, aber dann denke ich an all die anderen Kunden, die mir heute schon den selben Satz gesagt haben, an den Stapel ungelesener Bücher, der mittlerweile schon ein halbes Zimmer eingenommen hat und all die Ankündigungen der fabelhaften Titel, die in den nächsten Wochen und Monaten erscheinen werden.
Dann nicke ich nur und sage: „Ich merks mir!“, was ich auch tue, aber von all den Empfehlungen, die mir Kunden aussprechen, lese ich tatsächlich nur einen Bruchteil.

Doch eines Tages betrat eine Kundin den Laden praktisch im Laufschritt und mit einem unheilsschwangerem Feuer in den Augen. Sie packte mich fast schon unsanft und verlangte, sofort ein drittes Buch von Joel Dicker ausgehändigt zu bekommen.
Damals war gerade erst „Die Geschichte der Baltimores“ erschienen und ich versicherte der Kundin, daß ich ihrem Wunsch zwar gerne nachkommen würde, daß es aber ausser „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und eben „Die Geschichte der Baltimores“ noch kein weiteres Buch auf Deutsch gäbe…
Es fehlte nicht viel, und die Kundin hätte sich auf den Boden geworfen und mit ihren Fäusten getrommelt!

Einen so schlimmen Fall von Buchausweh (wie Heimweh, nur nach Büchern) habe ich in meinen zwanzig Jahren Berufserfahrung bis dahin noch nicht und danach nicht wieder erlebt.
Ich versuchte sie abzulenken und ihr meine liebsten Bücher zu empfehlen, aber es war zwecklos. Bei jedem neuen Buch seufzte sie nur gequält auf, griff nach „Harry Quebert“ oder den „Baltimores“ und las mir Abschnitte daraus vor.
Meine Diagnose: nichts half… Joel Dicker hatte diese Frau auf absehbare Zeit für andere Literatur komplett verdorben!

Nachdem die Kundin seufzend und mit hängenden Schultern aus der Buchhandlung geschlurft war (und ja, ich bin mir bewusst, daß sich diese Geschichte etwas überspitzt anhören muss, ist sie aber nicht) machte ich es mir im Pausenraum gemütlich und sah dort im Regal mit den Leseexemplaren doch tatsächlich eine schon etwas zerlesene Ausgabe der „Geschichte der Baltimores“.
Ich zuckte die Achseln, dachte daß dies wohl mein heutiges Schicksal sein müsste und begann wenig überzeugt darin zu lesen…

Ein paar Tage später hatte ich sowohl „Die Geschichte der Baltimores“ als auch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ verschlungen und war kurz davor mich neben die Kundin auf den Boden zu werfen und mit den Fäusten zu trommeln, wenn es uns nur ein drittes Buch von Joel Dicker gebracht hätte.

Und nun, ein paar Jahre später, hatte das Warten endlich ein Ende und nachdem der Kollege, der einfach viel zu schnell liest, einige Todesdrohungen von mir erhalten hatte, für den Fall daß er mir irgendetwas aus diesem Buch spoilern würde, konnte ich es mir endlich mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ gemütlich machen…

Captain Jesse Rosenberg schließt seine Karriere mit einem Ergebnis ab, von dem viele Polizisten nur träumen können: einer hundertprozentigen Aufklärungsquote.
Doch ausgerechnet am Abend seiner Abschiedsfeier taucht die junge Journalistin Stephanie Mailer auf, die Jesse damit konfrontiert, daß er beim ersten großen Fall seiner Laufbahn auf der falschen Spur war.
Zwar gab es nie ein Geständnis zum Vierfachmord an dem Bürgermeister der Stadt, seiner Familie und einer Joggerin, die sich zur Tatzeit vor dem Haus befand, doch alle Indizien sprachen gegen den Unternehmer Ted Tennenbaum, der sich dann auch noch eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte, bei der er verunglückte.

Eigentlich ein klarer Fall, trotzdem ist Stephanie überzeugt davon, daß die Ermittler etwas Wichtiges übersehen haben; etwas das offensichtlich gewesen wäre.
Mehr will sie Jesse nicht verraten, bevor sie zu einem Treffen mit ihrem Informanten fährt, von dem Stephanie aber nicht mehr zurückkehrt.

Und sofort befällt Jesse ein ungutes Gefühl: Wo ist Stephanie Mailer? Hatte sie wirklich brisante Informationen? Und kann es sein, daß Ted Tennenbaum damals unschuldig war und der wahre Täter seit zwanzig Jahren frei herumläuft?
Jesse beschließt, seine anstehende Pensionierung zu verschieben und macht sich mit seinem damaligen Partner Derek und der jungen Polizistin Anna daran, Stephanie Mailer zu finden und den alten Fall neu aufzurollen…

Joel Dicker schafft es in „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“, wie auch schon in seinen beiden ersten Romanen, den Leser sofort ganz und gar gefangen zu nehmen.
Die Handlung rast geradezu dahin, immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, überraschende Erkenntnisse und unvorhersehbare Ereignisse.

Ein bißchen traurig war ich zwar, daß Marcus Goldman, der Held aus „Harry Quebert“ und den „Baltimores“ dieses mal nicht mit von der Partie war, aber die Dynamik des Ermittlertrios konnte mich schnell für sich einnehmen.

Woran ich aber ein bißchen zu kritteln habe ist, daß einige der Figuren doch sehr stark überzeichnet waren.
Da ist beispielsweise die junge Geliebte eines verheirateten Mannes, die ihn finanziell ausbluten lässt, das depressive Teenagermädchen, das sich nur mit Drogen durch den Tag rettet, oder der Regisseur eines sonderbaren Theaterstücks, der sich selbst für ein Genie hält und von einem Tobsuchtsanfall in nächsten verfällt.
Einige der Charaktere in „Stephanie Mailer“ glichen fast schon Karikaturen und strapazierten meine Geduld gelegentlich, trotzdem waren der Fall, das Setting und der spannungsgeladene Erzählstil wieder so on point, daß ich dieses Manko gerne verzeihe.

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist definitiv eines meiner Lesehighlights des Frühjahrs und eine perfekte Lektüre für alle, die spannungsgeladene Romane oder literarische Thriller lieben.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

25 Kommentare zu „Review: Das Verschwinden der Stephanie Mailer“

  1. Einigen mag das Verhalten der erwähnten Kundin absonderlich erscheinen, meines Erachtens ist es die einzige nachvollziehbare Reaktion auf die Information, dass es bis zum nächsten Buch von Joel Dicker noch eine Weile dauern wird. 🙂

    Ein ganz wunderbares Buch von jemandem, der einfach richtig gut erzählen kann.

    Und was die Charaktere angeht, da rede ich mir ein: Das soll so! 🙂 Wenn man mal die fürcherlich übervorsorgliche Mutter aus „Harry Quebert“, oder den Verleger Barnaski aus dem selben Buch nimmt, dann waren die auch irgendwie überzeichnet. Oder die Familie Goldmann aus „Die Geschichte der Baltimores“, die alle entweder hochbegabt, profisportlich, Ärzte, Anwälte, stinkreich und sonstwas waren. Bei all denen denke ich mir: Das soll so! 🙂

    Darüber hinaus bin ich der Meinung, in seinen Büchern immer auch eine subtile Art von Kritik am Literatur- bzw. Kulturbetrieb zu finden. Einmal in Form seiner Charaktere wie den erwähnten Verleger oder eben das Regisseur-Genie. Zum Anderen in Form fast schon skurriler Einfälle wie einer Prophezeiung, in der ein Theaterstück eine Rolle spielt. Es mag aber sein, dass ich da überinterpretiere …

    Nun denn, angesichts der Tatsache, dass es bis zu seinem nächsten Roman wohl wieder einige Jahre dauern wird, werfe ich mich jetzt ein bisschen zu Boden und trommele mit den Fäusten. 🙂

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    1. Nachdem ich die Bücher gelesen hatte hab ich die Kundin auch wirklich gut verstehen können und ich bin wirklich froh, daß sie so leidenschaftlich war, weil ich ja vor derart dicken Büchern immer ein bißchen zurückschrecke.
      Natürlich hast du recht, in den anderen Büchern gab es auch schon diese überzeichneten Charaktere. Eigentlich konnte ich die Baltimore Goldmans in all ihrer Perfektheit nur ertragen, weil man ja schon von Anfang an weiß, daß etwas schlimmes mit ihnen passiert. 😅
      Bei Stephanie Mailer empfand ich es zum ersten Mal etwas over the top, aber das ist wie gesagt Jammern auf höchstem Niveau.
      Der Rest war einfach großartig, weshalb ich mich gerne neben dich lege und mit den Fäusten trommle. 😉

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  2. Ohje, jetzt bekomme ich doch ein wenig Angst: Von allen Seiten (auch von fraggle) bekomme ich zu hören „Das MUSST Du lesen!“ – und nun auch von Dir…!
    …und ich habe „Harry Quebert“ und die „Baltimores“ mir auch schon besorgt, und sie liegen lockend auf meinem Wohnzimmertisch! Da wird „Stephanie Mailer“ sicherlich auch sehr bald an meiner Tür klopfen. Und dann…???

    Sollte ich vielleicht jetzt schon die Buchhändlerinnen meines Vertrauens vorwarnen, damit sie mir schon mal vorsorglich einen geräumigen Platz auf ihrem Boden freiräumen???

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    1. Haha… 😂 Oje! Fast noch schlimmer als Buchausweh sind übersteigerte Erwartungen. Da kann das Buch noch so gut sein, wenn man voll allen Seiten hört WIE toll es ist, dann wirds schon schwierig.
      Deshalb versuch ich jetzt mal ganz cool zu gucken, gleichgültig mit den Schultern zu zucken und zu sagen: „Jo… Kann man schon lesen…“
      (Dreht sich um, grinst, pumpt die Faust und hopst ein paar mal auf und ab…)
      😉

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      1. Wenn wir so weiter machen, dann finden wir bald auch auf Büchern diese Horrorbildchen (Andreas völlig derangiert auf dem Buchhandlungsboden liegend) und den Hinweis „Lesen gefährdet ihre Gesundheit!“ Wollen wir das? NEIN! Darum gucke ich jetzt auch ganz gelangweilt und schließe mich Deiner Äußerung an „Jo, kann man schon lesen!“ 😎

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