Lesegrüße aus Istrien

Heute ist der erste Tag, an dem meine Kinder beide wieder in der Schule und im Kindergarten sind. Es ist ungewohnt still in der Wohnung, draußen hält sich der Nebel und der Herbst hat nun wirklich Einzug gehalten.
Kaum zu glauben, daß ich vor gut zwei Wochen noch im Meer geschwommen bin!
Deshalb möchte ich heute noch kurz von meinem Urlaub berichten, bevor es hier bald so richtig grau und regnerisch wird.

Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr am Meer! Und mit Meer meine ich in diesem Fall ein Meer in dem man angenehm schwimmen kann. Nicht die Ostsee oder die Lagune von Venedig.
Als Kind hatten meine Eltern jedes Jahr Strandurlaub mit mir gemacht, sodass ich als Erwachsene eigentlich nur die Nachteile sah: Sonnenbrände, Sand in allen Ritzen und die ständige Langeweile? Ich wollte lieber neue Städte sehen und fremde Landschaften erkunden!

Nachdem uns dieser Frühling dann aber an die eigenen vier Wände gefesselt hatte, wurde meine Sehnsucht nach Wärme, Strand und Meer immer größer. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich die meisten dafür entschieden, Urlaub in der Heimat zu machen, beschloss ich, daß ich ganz, ganz dringend in einem warmen Land Urlaub machen wollte.
Nachdem wir uns aber nicht wirklich wohl damit fühlten, einen Flug zu buchen, entschlossen wir uns, nach Istrien zu fahren; von uns aus in sieben Stunden mit dem Auto zu erreichen, warm und schön. Nachdem dann auch noch einer meiner Kollegen ausgerechnet in dem Hotel Urlaub machte, mit dem wir liebäugelten und schrieb, wie schön es dort war, war es beschlossene Sache!

Die Fahrt nach Istrien gestaltete sich aber dann schon recht abenteuerlich. Obwohl wir vorher brav Vignetten und die elektronische Maut für Tauernautobahn und Karawankentunnel gezahlt hatten und auch die Einreise nach Kroatien online angemeldet hatten, obwohl wir um drei Uhr morgens losgefahren waren, wurden aus sieben Stunden auf dem Navi 14 Stunden im realen Leben.
An dieser Stelle kann ich Marc-Uwe Kling nicht genug dafür danken, daß er die Känguru-Bücher so großartig eingelesen hat! Ich kannte die Hörbücher ja bereits, aber nun hatte auch der Rest der 5- bis 41-jährigen Truppe seinen Spaß daran und tatsächlich kamen wir zwar sehr erschöpft, aber ohne Streit und Gequengel in Pula an.

Diese Aussicht lässt mich die lange Fahrt sofort vergessen!


Das Hotel, für das wir uns entschieden hatten, war eine perfekte Mischung aus allem, was wir uns wünschten: direkt am Meer gelegen, mit Pools und Freizeitangeboten für die Kinder, mit Märkten und Restaurants und trotzdem keine riesige Bettenburg, sondern eher eine Ansammlung von Reihenhäusern, in denen wir ein zweigeschossiges Appartement mit Küche und allem, was wir so brauchten, gebucht hatten.
Und der Ausblick vom Balkon war dann sogar so umwerfend, daß ich nicht zum Frühstücken ins Hauptgebäude ging, sondern mich im Supermarkt mit Lebensmitteln eindeckte und jeden Morgen mit Buch, Brot und Blick aufs Meer dort saß und die Schiffe in der Ferne beobachtete.

In meinen Lesekoffer waren natürlich viel zu viele Bücher gewandert, die mit einfach zu große Lust auf Sommer gemacht hatten, als daß ich sie zuhause hätte lassen können:

“Unter uns das Meer” von Amity Gaige, “Nach der Sonne” von Jonas Eika, “Untertauchen” von Daisy Johnson, “Land in Sicht” von Ilona Hartmann und “Das lügenhafte Leben der Erwachsenen” von Elena Ferrante.

Als Erstes schnappte ich mir “Land in Sicht”, was zwar nicht am Meer spielt, dafür aber auf einem Schiff, nämlich einem Donaukreuzfahrtschiff.
Darin geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und ihn nun kennenlernen möchte. Als sie herausfindet, daß er Kapitän auf ebendiesem Kreuzfahrtschiff ist, beschließt sie, eine Reise darauf zu buchen und fällt natürlich zwischen all den Rentnern an Bord sofort auf, wie ein bunter Hund.
“Land in Sicht” habe ich praktisch am Stück durchgelesen, so begeistert hat mich dieses kleine Büchlein mit seinem Humor, in dem trotzdem ganz viel Herz steckt.
In der aktuellen Podcast-Folge könnt ihr Andi und mich übrigens von diesem Roman schwärmen hören!

Nachdem mich gleich der erste Titel so begeistert hatte, war klar, daß es jedes weitere Buch schwer haben würde. Trotzdem musste natürlich immer Lektüre mit und so packte ich mir für unseren Ausflug zum Nationalpark Kap Kamenjak gleich “Untertauchen” von Daisy Johnson ein. 

Der Nationalpark ist wirklich schön, die Straßen darin ein Alptraum, aber der Weg ist trotzdem absolut lohnend.
Zuerst wanderten wir auf einem Dinosaurier-Pfad, an dem es lebensgroße Dino Modelle und sogar versteinerte Fußspuren gab. Dabei wanderten wir auch durch ein Wäldchen, in dem die Zikaden so laut zirpten, daß man sich tatsächlich in die Urzeit zurückversetzt glauben konnte.

Nachdem der Kleine auf seine Kosten gekommen war, forderte der Große sein Recht und da der zurzeit absolut begeistert vom Klippenspringen ist, beschlossen sein Papa und er, zu den Klippen zu wandern, während ich mit dem Kleinen zum Schnorcheln in eine Bucht in der Nähe ging.

An dieser Stelle muss einmal gesagt sein: Ich liebe es zu Schnorcheln!
Als Kind und als Teenager war praktisch keine Pfütze vor mir und meiner Taucherbrille sicher, warum ich es so lange nicht mehr gemacht habe, ist mir inzwischen völlig unbegreiflich.
Während die Bucht, in der unser Hotel lag, hauptsächlich von Seeigeln und größeren Fischen bewohnt war, gab es am Kap Kamenjak viele Seegurken, bunte Meeresschnecken und praktisch jede Muschel war von einem Einsiedlerkrebs bewohnt. Es war wirklich witzig, über diesen Tieren zu schwimmen und zu beobachten, wie sie um die größeren Muscheln kämpften.

Ein bißchen wollte ich dann doch noch lesen, und nach der Donaukreuzfahrt schien es sinnvoll zu sein, ein Buch über eine Mutter und eine Tochter zu lesen, die gemeinsam auf einem Hausboot leben, doch “Untertauchen” kam gleich recht düster daher.
Darin geht es um Gretel, deren Mutter in ihrer Jugend verschwand und nach der sie seitdem immer wieder in Krankenhäusern und Leichenhallen sucht. – Ein wirklich zu beklemmendes Szenario, um es an einem Badestrand zu lesen.
Deshalb habe ich “Untertauchen” erstmal zur Seite gelegt. Es ist nicht so, daß mir der Stil nicht gefallen hätte, es ist aber eher ein Buch, um es eingekuschelt bei eben diesem Nebelwetter zu lesen.

Als Nächstes hatte ich mir deshalb “Unter uns das Meer” vorgenommen, was vom Setting her wirklich ganz wunderbar gepasst hat, auch wenn es in der Karibik und nicht am Mittelmeer spielt.
“Unter uns das Meer” erzählt die Geschichte von Juliet und ihrem Mann Michael. Die beiden haben eine Familie mit zwei kleinen Kindern und ein ganz normales und geregeltes Leben, als Michael plötzlich beschließt, daß er aussteigen und für mindestens ein Jahr mit der ganzen Familie auf einem Segelschiff leben will. Für Juliet ist diese Idee zunächst etwas beängstigend, doch mit der Zeit lässt sie sich von Michael überreden.
Wir folgen dem, was auf ihrer Reise geschieht einerseits unmittelbar, durch Michaels Logbucheinträge und rückblickend, durch Juliets Erzählung, bei der von Anfang an klar ist, daß irgendetwas auf dieser Reise mit Michael passiert sein muss.
Dieses Buch mit Blick aufs Meer zu lesen war natürlich ein Traum, aber Michael war mir von Anfang an wahnsinnig unsympathisch.

Deshalb nahm ich mir am vorletzten Tag noch “Nach der Sonne”, eine Kurzgeschichtensammlung von Jonas Eika, vor.
In der ersten Geschichte strandet der Protagonist auf einer Geschäftsreise in Kopenhagen und lernt dort einen jungen Mann kennen, der ihn in den Online Derivatehandel einführt. Für mich war die Geschichte ein bißchen zu schräg, allerdings gefällt mir Jonas Eikas Schreibstil, weshalb ich auch dieses Buch bald weiterlesen möchte.
Zu “Das lügenhafte Leben der Erwachsenen” kam ich in meiner kurzen Zeit in Istrien leider gar nicht, dafür lese ich es, seit ich wieder daheim bin und bin bisher sehr angetan davon.

Die Zeit in Istrien war wirklich wahnsinnig schön, auch wenn ich nicht so viel zum Lesen gekommen bin, wie gehofft, was in erster Linie daran lag, daß ich unheimlich viel Geschnorchelt bin. Und das ist doch mal ein schöner Grund, die Bücher ein wenig zur Seite zu legen!

Ich hoffe, ihr alle hattet einen schönen Sommer und jetzt guten Start in den Herbst.

Alles Liebe,
Andrea

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

3 Kommentare zu „Lesegrüße aus Istrien“

  1. Wer seine ganze Familie per alleinigen Beschluss auf ein Segelschiff für ein Jahr verfrachtet, hat s bei mir verschie…..
    Traurige oder dramatische Bücher kann ich besser bei sonnigem Wetter lesen, aber gerade trotz sonnigen Altweibertagen überhaupt nicht. Die graphic novel „Nils“ war schon heftig, aber eigentlich wusste ich ja, was in etwa auf mich zukommt. Dann doch lieber Donau beschippern als bunter Hund ☺
    Hoffe, die schöne Zeit samt Erholung bleibt Euch noch lange erhalten!
    Liebe Grüße
    Nina

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