„Seite an Seite“ über Familien

Wer unseren Podcast kennt, der weiß, daß Andi und ich immer drei Titel vorstellen; einen den wir gemeinsam gelesen haben und jeder einen weiteren, den nur er gelesen hat.
Für die aktuellen Folge #17 „Short Story Short“ habe ich aber tatsächlich alle drei Titel gelesen! Nun gut, wie der Name der Folge verrät waren es auch wirklich sehr kurze Büchlein, und weil wir dann auch ein schönes gemeinsames Thema gefunden haben, nämlich Familie im engsten und im weitesten Sinne, dachte ich, ich stelle euch die Bücher aus der Folge einfach mal alle zusammen vor.

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Ilona Hartmann: „Land in Sicht“

„Land in Sicht“ durfte ja mit in den Istrien-Urlaub, wo es sich ganz schnell zum Lektüreliebling entwickelt hat. Der arme Andi bekam per WhatsApp so viele Zitate aus dem Buch geschickt, daß er nicht anders konnte, als mitzulesen und es genauso zu lieben, wie ich.

In Ilona Hartmanns Debütroman geht es um die 24-jährige Jana, die ohne Vater aufgewachsen ist und auch keine Ahnung hat, wer er ist. Nach dem Gespräch mit einem Freund entschließt sie sich allerdings doch, einmal nachzuforschen. Mit dem Namen, den sie im alten Adressbuch ihrer Mutter findet, entdeckt sie im Internet auch schnell den Erzeuger, der als Kapitän auf dem Donaukreuzfahrtschiff MS Mozart arbeitet. Für Jana ist sofort klar, daß sie diesen Mann endlich einmal kennenlernen will, doch ob sie ihm auch verraten möchte, daß sie seine Tochter ist steht auf einem anderen Blatt. Und so bucht sie kurzentschlossen eine Flusskreuzfahrt auf der MS Mozart, von Passau nach Wien und wieder zurück. 
Ihr Plan, den Vater zunächst aus der Ferne zu beobachten, stellt sich allerdings schnell als schwierig heraus. Erstens, weil das Schiff zu klein ist, um „Ferne“ wirklich zuzulassen und zweitens, weil Jana unter den gefühlt hundertjährigen Rentnern trotz beiger Tarnkleidung sofort auffällt wie ein bunter Hund. Unglücklicherweise auch dem eigenen Vater, der sie auf ein Date einlädt…

„Land in Sicht“ ein Roman, der eine perfekte Balance zwischen Humor und Herzlichkeit findet. Die Geschichte von Jana und ihrem Vater ist kein Traumschiff-Kitsch, bei dem sich die Protagonisten unter Palmen in die Arme fallen, sondern zeigt die schwierige Situation in all seiner Peinlichkeit und mit all den Fragen, die sich stellen, und schafft es trotzdem, einen leichten Ton beizubehalten, der so pointiert ist, daß es extremen Spaß macht, dieses Buch zu lesen.

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Philipp Winkler: „Carnival“

Mit „Hool“ stand Philipp Winkler 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun hat er mit „Carnival“ ein dünnes Bändchen vorgelegt, das durch Sprache und Stil so besticht, daß es auch ohne Handlungsbogen auskommt.

„Carnival“ ist eine Art Abgesang auf Kirmesse und Jahrmärkte, die sich gerade in diesem Jahr, in dem alle abgesagt wurden, mit ganz besonderer Melancholie und Wehmut liest.
Es ist die Geschichte der Kirmser: Schausteller, Artisten, fahrendes Volk, oder auch einfach gestrandete Gestalten, die in der Welt keinen Platz mehr hatten und sich auf den Jahrmärkten neu erfinden konnten.

Philipp Winkler erzählt vom Unterschied zwischen Kirmsern und dem Rest der Welt, von der Hackordnung und Problemen auf dem Jahrmarkt, allerdings auch von Freundschaft und Zusammenhalt und das tut er so atmosphärisch, daß man sofort Sehnsucht nach Zuckerwatte, dem Geruch gebrannter Mandeln und dem Singsang der Fahrgeschäftsleiter bekommt.

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Mely Kiyak: Frausein

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Mely Kiyaks autobiografischer Essay „Frausein“, in dem sie erzählt, wie sie ihre Familie, Herkunft und Erfahrungen, ihre Gesundheit und ihr Körper zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Mely Kiyak wurde als Tochter türkischstämmiger alevitischer Kurden, die als Gastarbeiter nach Deutschland geholt worden waren, geboren und ist Autorin und Journalistin, unter anderem bei „Zeit Online“.

Von frühster Kindheit interessiert sie sich für das Schreiben und ihre Eltern tun alles, um die Kinder zu fördern. Es gibt Szenen, in denen Kiyak beschreibt, welchen extremen körperlichen Belastungen der Vater bei der Arbeit in der Fabrik ausgesetzt ist und der trotzdem immer härter arbeitet, nur um seinen Kindern ihre Wünsche zu erfüllen. 
Man lernt, wie übel den Gastarbeitern mitgespielt wurde, erfährt von der Familie, von der sich Kiyak mehr und mehr entfernt, von den Cousinen, die sich gegenseitig aufklären, ersten sexuellen Erfahrungen und Übergriffen…
Es sind viele Themen, die Mely Kiyak da auf gerade einmal 120 Seiten anspricht, sodass ich ständig fürchte, dem Buch mit ein paar Sätzen nicht gerecht zu werden, aber jeder, der den autobiografischen Stil von Rachel Cusk liebt, sollte sich unbedingt einmal in „Frausein“ reinlesen.

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Alle drei Titel Empfehlungen gibt es auch zum Nachhören, entweder direkt hier, bei Spotify, Apple Podcasts und dem Podcast-Anbieter eurer Wahl, oder beim YouTube-Kanal von Hugendubel.

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

5 Kommentare zu „„Seite an Seite“ über Familien“

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