Review: Loyalitäten

Für viele Lesern zählte Delphine de Vigans „Loyalitäten“ zu den besten Büchern des letzten Jahres.
Auch ich war gespannt auf diesen Roman, obwohl ich ein wenig Angst hatte, daß mich die Geschichte sehr persönlich treffen könnte.
Denn mein älterer Sohn ist – wie die Hauptfigur Théo – zwölf Jahre alt und auch er hat im letzten Jahr sehr stark und erwachsen sein müssen.
Trotzdem wollte ich „Loyalitäten“ unbedingt selbst lesen, um zu sehen, warum dieses Buch so viele Leser begeistern konnte.

Anfangs ist es für Théo und seinen besten Freund Mathis nur ein Spiel. Eine Mutprobe, bei der sie einen Schluck Alkohol aus der Flasche eines älteren Mitschülers trinken sollen.
Doch schon bald wird es für die beiden Jungen zum Zeitvertreib, sich in den Pausen und Freistunden in ihrem Versteck zu treffen und sich zu betrinken.
Während es für Mathis zunächst einfach nur ein kleiner Akt der Rebellion gegen seine Lehrer und Eltern ist, wird es für Théo bald zu einer Möglichkeit, den Alltag zu betäuben und weit von sich zu schieben.

Denn Théos Eltern sind geschieden und sein Vater, bei dem er jede zweite Woche verbringt, verliert immer mehr die Kontrolle über sein Leben. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hat und er seinen Job verliert, befindet sich Théos Vater in einer Abwärtssprirale, in der ihn seine Medikamente gegen Depression so lähmen, daß er nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen, oder sich selbst und seinen Sohn zu versorgen.

Mit seiner Mutter kann Théo nicht darüber sprechen, denn seit sie von ihrem Mann verlassen wurde, haben sich die Fronten zwischen ihr und ihrem Exmann verhärtet. Sie sprechen kein Wort miteinander, gehen sich aus dem Weg und so merkt niemand, wie Théo dabei ist, an der Situation zu zerbrechen.
Niemand, außer seiner Lehrerin Hélène, die jedoch lange nicht begreift, was mit dem Jungen nicht stimmt. Stattdessen projeziert sie die Erinnerungen an ihre eigene schlimme Kindheit auf Théo und geht davon aus, daß er daheim geschlagen wird.

Da aber niemand sonst aus dem Kollegium Théos Verhalten als besonders auffällig empfindet und die Schulkrankenschwester keine Anzeichen einer Misshandlung feststellen kann, wird Hélène geraten, sich nicht in die weiter in die Sache zu verrennen.
Doch Hélène wird immer besessener von der Idee, Théo retten zu müssen, was sogar soweit geht, daß sie seiner Mutter auflauert.

Die einzige, die die Jungen beim Trinken ertappt ist Mathis Mutter Cécile, doch die ist zu sehr mit ihrer eigenen lieblosen Ehe und dem Doppelleben ihres Mannes beschäftigt, als daß sie Théo helfen könnte.
Stattdessen wird er für sie zum Sündenbock, vor dem sie ihren Sohn schützen will…

„Loyalitäten“ hat mich wirklich begeistert.
Ich habe das Buch fast in einem Zug durchgelesen und kann absolut verstehen, warum es für viele Leser eines der besten Bücher 2018 war. Ich schließe mich da gerne an!

Bei dem Thema hätte es leicht zu einer recht süßlichen Geschichte eines Jungen werden können, der gerettet werden muss. Doch „Loyalitäten“ setzt seinen Schwerpunkt völlig anders. Nicht Théo und seine Probleme stehen im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Personen um ihn herum, die so in ihrer eigenen Welt gefangen sind und sich derart mit ihren eigenen Problemen beschäftigen, daß sie die Situation völlig falsch interpretieren. Und auch die titelgebenden „Loyalitäten“ sind sich in dieser Geschichte nichts positives, sondern halten die Protagonisten regelrecht gefangen und machen sie handlungsunfähig.

Ein Wohlfühlbuch ist „Loyalitäten“ definitiv nicht, aber eines, das dem Leser unter die Haut geht.
Mein einziger Kritikpunkt war, daß der Roman recht abrupt endet. Im Nachhinein muss ich sagen, daß es sehr gelungen ist, das Buch an einem Wendepunkt zu beenden, so daß der Leser die Geschichte selbst weiterspinnen muss.
Als ich auf der letzten Seite war, konnte ich es kaum fassen. In der Buchhandlung habe ich mir sofort ein Exemplar geschnappt, um zu sehen, ob in meiner Ausgabe nicht vielleicht doch ein paar Seiten fehlen.
„Loyalitäten“ ist definitiv ein Roman, der den Leser nicht so schnell wieder los lässt.

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

10 Kommentare zu „Review: Loyalitäten“

  1. Hallo hallo 🙂

    Das ist eine tolle Rezension, die hat mir das Buch gleich so schmackhhaft gemacht, dass es auf die Wunschliste wandert. Vielleicht habe ich Glück und wir haben es sogar schon in der Bücherei im Bestand, ich werd das mal prüfen. Ich finde den Schwerpunkt, den du genannt hast, sehr interessant, denn oftmals sind es ja genau diese Dinge, die auftauchen, wenn man eine schwierige oder gescheiterte Persönlichkeit durchleuchtet: es ist vieles schief gegangen, aber es hätte möglicherweise auch vieles aufgefangen werden können, wenn… Ich werd auf jeden Fall mal rein lesen!

    Liebe Grüße
    Ivy

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