Review: Midnight at the Electric

Der einzige Nachteil daran, Buchhändlerin zu sein, ist für mich, daß ich keine Bücher mehr geschenkt bekomme.
Schade eigentlich, denn ich finde, es ist immer etwas ganz besonderes, wenn man ein Buch verschenkt, daß einen selbst begeistert hat. – Fast ein bißchen so, als würde man einen kleinen Teil seiner Seele mitverschenken. Nach dem Motto: Hier, das habe ich geliebt, ich hoffe so sehr, daß du es auch lieben wirst!

Solche Geschenke vermisse ich. Deshalb schenke ich mir gelegentlich einfach selbst Bücher, über die ich nichts weiß, ausser daß ein anderer Blogger es tränenreich in den Himmel gelobt hat.
Das kann natürlich kolossal schief gehen, manchmal macht man aber auch einen wirklichen Glücksgriff, wie mit „Midnight at the Electric“.

Im Jahr 2065 kämpft man mit den Folgen des Klimawandels; weltweit versinken die Küstenstädte in den Meeren…
Deshalb wurde vor kurzem damit begonnen, eine Kolonie auf dem Mars zu errichten und die junge Biologin und Ingenieurin Adri wurde ausgewählt, das Team zu verstärken.
Auf der Erde wird Adri wohl niemand vermissen, denn ihre Eltern starben schon früh bei einer der großen Klimakatastrophen. Doch kurz vor ihrem Abflug erfährt sie, daß sie noch eine entfernte Cousine hat: die 107jährige Lily.
Kurzentschlossen macht sich Adri auf den Weg zu Lily, die alleine auf einer abgeschiedenen Farm in Kansas lebt. Gesellschaft leistet ihr nur ihre uralte Schildkröte Galapagos.
Eines Nachts entdeckt Adri eine Postkarte aus dem Jahr 1920 auf der Galapagos erwähnt wird. Neugierig geworden macht sie sich auf die Suche nach weiteren Briefen, um hinter das Geheimnis der Schildkröte zu kommen…

1934 ist kein gutes Jahr um in Kansas zu leben, denn der Dust Bowl, eine der schlimmsten Dürrekatastrophen der USA, hat das Land fest im Griff.
Catherine, die mit ihrer Mutter, ihrer kleinen Schwester Beezie und der Schildkröte Galapagos inmitten des Dust Bowls lebt, kann nicht verstehen, warum ihre Mutter die kleine Farm nicht verlassen möchte.
Denn Beezie leidet schon an Staublunge und Catherine wird klar, daß sie alles was liebt zurücklassen muss, wenn sie ihre kleine Schwester retten will…

1919 erholt man sich in England langsam von den Folgen des Krieges, doch Lenore leidet noch sehr darunter. Ihr Bruder ist im Kampf gefallen und ihre beste Freundin Beth wurde zu Beginn des Krieges nach Amerika geschickt, um dort in Sicherheit zu sein. Lenore vermisst Beth sehr, schreibt ihr fast täglich, doch Antworten erhält sie nur selten.
Da begegnet sie in einer verfallenen Hütte im Wald den rätselhaften James, der im Krieg entstellt wurde und sich nun vor der Welt versteckt. Bald wird er Lenores engster Vertrauter, doch immer wieder entdeckt sie Widersprüche in seinen Erzählungen.
Kann sie im wirklich vertrauen?

„Midnight at the Electric“ war ein Buch, daß mich sehr berührt hat.
Anfangs dachte ich, daß die Geschichten irgendwie durch die Schildkröte verbunden sein müssen, später vielen mir dann immer mehr gemeinsame Themen auf…
Drei Frauen, alle auf der Flucht vor menschengemachten Katastrophen: dem Krieg, der Dürre, dem Klimawandel.
Erst gegen Ende, wenn man die fehlenden Puzzleteile zusammensetzt, stellt man fest, wie eng verbunden die drei Geschichten wirklich sind.

Ich muss zugeben, daß ich die letzten fünfzig Seiten Rotz und Wasser geheult habe.
Ein wirklich wunderbares Buch!
Schade, daß es noch nicht übersetzt wurde.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

13 Kommentare zu „Review: Midnight at the Electric“

  1. Über das Problem der Buchgeschenke als Buchhändler/in habe ich mir bis dato noch nie Gedanken gemacht. Aber das ist dann wohl tatsächlich einer der wenige Nachteile in dem Beruf 😉
    Am spannendsten an „midnight at the electric“ finde ich wohl, dass die Geschichten irgendwie miteinander verwoben sind, dieser Umstand sich jedoch erst im Laufe des Buches offenbart. Klingt sehr lesenswert!
    Und Übrigens: Ich finde deine individuellen Beitragsbilder zu jedem Buch sehr passend 😉

    Gefällt 1 Person

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