Jahreszeiten-Leser

Kennt ihr das auch?
Alle empfehlen euch ein bestimmtes Buch, aber ihr könnt es einfach nicht sofort lesen, weil die Jahreszeit nicht passt?
Dann herzlich willkommen im Club der Jahreszeiten-Leser!

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, daß mir Bücher in der falschen Jahreszeit Probleme machen, als ich in der neunten Klasse alles von Peter Hoeg las…
Alles, außer „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Es ging einfach nicht!
Es war Hochsommer und meine Mutter hatte das Buch an einem Schwimmbad-Kiosk für mich mitgenommen, weil sie wusste, daß ich diesen Autor gerade begeistert las, aber ich kam nicht über die ersten Zeilen hinaus.
„Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit.“
Immer und immer wieder las ich den ersten Satz, während mir die Sonne auf den Rücken knallte und die Kinder neben mir ins Wasser sprangen.
Nein, ich konnte dieses Buch nicht lesen.

Also wartete ich, bin es Winter wurde und dann las ich „Smilla“ in einem Rutsch durch. Mit den richtigen Außentemperaturen war es plötzlich kein Problem mehr.

Natürlich gilt das nicht für alle Bücher. Trotzdem merke ich, daß mir Geschichten, in denen das Wetter und die Temperaturen ausgiebig beschrieben werden Probleme machen.

Andererseits ist es dann natürlich ein großes Glück, wenn man Bücher ganz zufällig zu genau der richtigen Zeit liest.

An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag vor vielen Jahren schlug ich in meiner Mittagspause die erste Seite von „Der Meister und Margarita“ auf und las: „An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer.“

Immer wenn so etwas passiert hat das Buch schon von Anfang an einen Stein bei mir im Brett.
Letztes Jahr begann ich ausgerechnet kurz vor Weihnachten We Are Okay von Nina LaCour zu lesen, was zeitlich auch exakt gepasst hat. Perfekt!

Wenn ich lese tauche ich immer komplett in den Geschichten ab. Ich stelle mir alles genau vor, dekoriere die Häuser der Protagonisten um und ändere die Räume entsprechend der Beschreibungen ab, wenn mir auffällt, daß etwas nicht passt.
Ich kann in der Regel alles um mich herum vergessen, aber bei zu starken Temperaturunterschieden zwischen der Wirklichkeit und dem Buch fällt es mir schwer, am Ball zu bleiben.

Nur in ganz seltenen Fällen lese ich bewusst gegen die Jahreszeiten an.
Ich kann mich noch erinnern, als es unsagbar heiß war, ich aber nicht an den See gehen konnte, weil ich meinem Sohn, damals gerade erst frisch auf der Welt, die Hitze nicht zumuten wollte. Im Haus war es trotz allem doch noch kühler als draußen.
An diesem Tag griff ich ganz bewusst zu „Der Name der Rose“ und die Sätze: „Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und so bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden.“, kühlten mich sofort ab.
(Tatsächlich hat es jetzt schon gereicht, diese Worte abzuschreiben, um mir eine Gänsehaut zu verpassen!)

Wie gesagt… die meisten Bücher kann ich lesen, wie jeder andere auch, aber manchmal muss ich nach ein paar Sätzen sagen: Tut mir leid, liebes Buch, aber wir sehen uns erst in einem halben Jahr wieder.

Wie ist es bei euch?
Könnt ihr alles jederzeit lesen, oder wartet ihr auch, bis die Jahreszeit passt?
Habt ihr Bücher, die ihr mit ganz bestimmten Zeiten oder Orten in Verbindung bringt?

Ich bis gespannt, ob es noch mehr Jahreszeiten-Leser gibt!

Liebe Grüße,
Andrea

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

36 Kommentare zu „Jahreszeiten-Leser“

  1. Nicht so sehr dieses Jahreszeitenproblem. Manchmal kaufe ich ein Buch und stelle fest, dass es gerade gar nicht in mein Leben passt. Dann verstaubt es manchmal mehrere Jahre im Regal, bis es mir wieder in die Hände fällt und plötzlich genau richtig ist.

    Ich habe aber ein anderes Jahreszeitenproblem: Manchmal tauche ich sehr tief in ein Buch ein. Wenn also im Buch Sommer ist und draußen Winter, laufe ich manchmal ohne Mantel aus dem Haus. (Man bemerkt das allerdings recht schnell, brrr!)

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    1. 😂 Na, daß find ich ja mal lustig! Wirklich ein Glück, daß man das dann doch recht schnell merkt.
      Ich hatte auch schon Bücher nach Jahren plötzlich wieder in der Hand und konnte gar nicht glauben, daß ich mal nicht über den Anfang hinaus gekommen bin.
      Gottseidank ändern sich Geschmäcker und für (fast) alles kommt mal eine Zeit. 🙂

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  2. Wenn es draußen besonders heiß ist, lese ich gerne Bücher, in den es „kalt“ ist. Das „kühlt“ ein bisschen ab. Ich lese das ganze Jahr über, mir würde was fehlen, wenn ich so gar nicht zum Lesen käme…

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      1. Mir ging es aber auch so, dass mir ein Buch nicht gefiel und ich es erst mal auf die Seite gelegt habe. Im 2. Anlauf habe ich es dann förmlich verschlungen. Ich könnte jetzt aber auch kein weihnachtsbuch lesen, ein prasselnder Kaminofen passt nun einfach nicht.

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  3. Ein wenig richte ich mich auch nach der Jahreszeit, wobei ich allerdings wie auch eine Kennentatorin vor mir eher noch im Sommer von Kälte lesen kann (denn ich mag Hitze ganz und gar nicht) als von tropischer Hitze, wenn es draußen stürmt und schneit.
    Was ich auf alle Fälle weder kann noch will, das ist Weihnachtsromane vor der Adventszeit oder nach Neujahr lesen! Habe ich schon mal probiert, doch etwas innerliches widerstrebte sich dem gewaltig.

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      1. Warum auch nicht? Der oder die Beschenkte muss es ja nicht sofort erhalten bzw lesen. Vielleicht kauft diese Kundin ja auch lediglich schon frühzeitig ein, kenne inzwischen viele, die das tun, einfach schon mal vorsorglich. Damit ersparen sie sich dann den kollektiven Einkaufsstress zu Weihnachtszeit.

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      2. Mich wundert inzwischen gar nichts mehr, in den USA haben die „Christmas-Shops/Stores“ ja auch das ganze Jahr geöffnet und es sind immer potentielle Kunden drin. Und seitdem mir eine Freundin aus den USA mal im Februar begeistert schrieb, sie hätte schon fast alle Weihnachtgeschenke fürs aktuelle Jahr zusammen, kann ich mich über (fast?) nichts mehr wundern.😋

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      3. Wow! Das ist ja wirklich supermotiviert!
        Da hätte ich aber das ganze Jahr lang Angst, daß derjenige es sich in der Zeit selber kauft.
        Ich kaufe alle Weihnachtsgeschenke im Oktober und Anfang November, jetzt war eine Freundin länger im Ausland und ich hab sie erst letzte Woche wieder gesehen und noch ein Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter… Ich hatte absolut keine Ahnung mehr, was drin war! 😂

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      4. 😂😂, wär‘ mir mit Sicherheit auch passiert, dass ich mich nicht mehr erinnere, was ich da als Geschenk gekauft und verpackt hatte. Bei mir ist’s dann wohl das hohe Alter. 😂🤣

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      5. Da bin ich jetzt neugierig: Weißt Du noch, welches Buch das war? Jahreszeitenleser bin ich nämlich eigentlich nur bei Winter- und Weihnachtsbüchern. Frau Hartliebs „Ein Winter in Wien“ im Hochsommer geht eher nicht. Und irgendwas, was in den heißen US-Südstaaten spielt, im Winter lesen – naja, schon eher, aber idealerweise auch im Sommer auf der Terasse. Schönes Thema!

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      6. Ein, ich hatte das Buch selber nur ganz kurz in der Hand, weil es zu dieser Zeit natürlich eine Bestellung war und ich sie nur kurz rausgesucht und abkassiert habe.
        Etwas kleines mit Illustrationen. Halbleinen. Mehr weiß ich nicht mehr.
        Na… „Winter in Wien“ geht gar nicht im Sommer!

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  4. Hallo. Das ist bei mir auch oft so. Trotzdem lese ich gerade Teil 3 von A Song of Ice and Fire, auch wenn da gerade Schnee liegt. Wenn ich das nur im Winter lesen würde, würde ich nie fertig werden. 😁

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  5. Hi. Mir ergeht es ähnlich, Bücher müssen in meine Lebensstimmung passen und die wird auch vom Wetter beeinflusst 😊
    Allerdings spielen bei mir grundsätzlich Ereignisse um mich herum eine Rolle. So passiert es, dass ich manchmal zwei oder sogar drei Bücher lese, bzw damit Pause mache, weil ich das eine mal weglegen musste, wegen….
    Beim Weiterlesen wird dann noch Mal kurz durchgeblättert…
    Liebe Grüße
    Nina

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  6. Hey!
    Bisher habe ich da nicht wirklich drüber nachgedacht, es ist mir auch nicht wirklich aufgefallen, dass mich das Setting bzw die Zeit der Geschichte am Lesen hindert.. scheinbar stört es mich also nicht groß 😀
    Was mir aber aufgefallen ist ist, dass ich es immer richtig schön finde, wenn die Zeit im Buch zu meiner Zeit passt.
    Ich habe mal ein Buch am selben Datum beendet, wie auch die Geschichte endete.. da stand dann, dass der 31.07. sei, und so war es auch bei mir. Das sorgte für einen Gänsehautmoment. Oder, wenn im Buch steht, dass es regnerisch ist, und bei mir dann auch. Oder Sommer.. oder Herbst. Wenn sowas übereinstimmt bin ich immer außer Rand und Band. 😀 ❤

    Liebe Grüße,
    Nicci

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  7. Oh ein interessantes Thema! Ich möchte im Juli auch mal Blog Beiträge zum Thema Jahreszeiten schreiben 🙂
    Ich finde es wirklich spannend, da mal so drüber nachzudenken und mir geht es da wirklich ähnlich wie dir. Bestimmte Sachen wie Weihnachten gehören für mich einfach in den Winter und im Sommer kann ich mich da schwer reinversetzen. Aber ich finde auch, wenn es draußen heiß und schwül ist, kann ein winterliches Buch irgendwie als gedankliche Abkühlung fungieren. Wenn ich mir vorstelle, wie es im Winter wäre und mich in das Buch Wetter hineinversetze. Am schönsten ist es wirklich, wenn Buch Umgebung und reale Umgebung zusammen passen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Yvonne
    https://seitenglueck.wordpress.com/

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