Review: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Für japanische Autoren kann man mich ja immer begeistern und ich liebe magischen Realismus. Kein Wunder also, daß mir „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“, das Erstlingswerk des Filmemachers Genki Kawamura, sofort ins Auge gefallen ist.

In dem dünnen Büchlein lernen wir den Ich-Erzähler, einen jungen Briefträger kennen, der erfährt, daß er nur noch wenige Wochen oder gar Tage zu leben hat.
Zu Hause macht er die überraschende Bekanntschaft des Teufels in Gestalt seines Doppelgängers, der einen verlockenden Vorschlag für den jungen Briefträger hat.
Er kann weiterleben, solange nur eine Sache für jeden Tag seines weiteren Lebens von dieser Welt verschwindet.
Sofort fallen dem Erzähler zahllose überflüssige Dinge ein, doch der Teufel besteht darauf, selbst zu wählen, was verschwinden wird.
Dennoch lässt sich der Briefträger auf den Pakt ein und tags darauf verschwinden die Telefone…
Am zweiten Tag sind es die Filme, danach die Uhren, doch als alle Katzen von der Welt verschwinden sollen kommen dem Protagonisten Zweifel…

An sich fand ich die Idee von Genki Kawamura wirklich gut.
Was macht das Leben lebenswert, was wären wir bereit zu opfern?

Doch die Umsetzung fand ich ein wenig holprig.
Zunächst einmal spielt es so gut wie keine Rolle, daß die Dinge verschwinden. Wer erwartet, daß der Pakt mit dem Teufel Chaos auslösen würde, irrt sich, denn die Leute scheinen einfach nur vergessen zu haben, daß es Telefone oder Uhren jemals gab.
Dabei funktioniert dieser Erklärungsversuch nicht einmal, denn kurz nachdem ihm auffällt, daß sich keiner mehr an sein Telefon zu erinnern scheint, führt er ein Gespräch mit seiner ehemaligen Freundin, in dem sie bemerkt, daß es leichter war, am Telefon mit ihm zu sprechen…
Hat sie also doch nicht vergessen, daß es Telefone gab?
Ich bin kein Mensch, der für alles eine Erklärung braucht, aber solche Unstimmigkeiten fallen mir einfach negativ auf.

Zudem bemerkt man als Leser bald, daß all die verschwundenen Dinge einen Bezug zu einer für den Protagonisten wichtigen Person haben: die Telefone stehen für die Beziehung zu seiner großen Liebe, die Filme für den besten Freund, die Uhren für den Vater und die Katzen für seine Mutter…
Man könnte also meinen, daß es besonders spannend wäre zu sehen, wie sich das Verschwinden der Dinge auf das Leben seiner Freunde auswirkt, doch darauf wird absolut nicht eingegangen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ war für mich eine nette Geschichte, in der aber meiner Meinung nach viel Potential verschenkt wurde.

Wenn mir der Film zum Buch – „If Cats Disappeared from the World“ – mal in die Finger fällt schaue ich aber gerne rein, vielleicht wurde ja dort ein bißchen mehr Zwischenmenschliches hineingepackt.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

10 Kommentare zu „Review: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“

  1. Schade, dabei klingt die Prämisse wirklich nicht schlecht. Es muss ja nicht immer das ganz große Drama sein, aber ich frage mich gerade unwillkürlich, was für eine Art Roman bei einem Autor wie Stephen King dabei herausgekommen wäre …

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      1. Vor allem dann, wenn es eben doch noch mehr Personen als ihm bewusst zu sein scheint. Ich weiß ja nicht, wie viele Tage letztlich im Buch beschrieben werden. Aber ich tue mich schwer, wenn es direkt mit solch verhältnismäßig „wichtigen“ Dingen losgeht, mir vorzustellen, wie lange das funktionieren könnte, bis der Teufel irgendwann bei der Atemluft angekommen ist.

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      2. Es sind eigentlich nur drei Dinge die verschwinden, bis es dem Protagonisten zuviel wird. Telefone, Filme, Uhren.
        Aber gerade bei Uhren würde ja erstmal gar nichts mehr gehen…
        Deshalb fand ich es irgendwie enttäuschend daß alles irgendwie egal zu sein scheint. :/

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      3. Bei mir wäre schon bei den Filmen Schluss mit lustig gewesen.

        Hm, schade. Das klingt wirklich, als hätte der Autor Angst/zu viel Respekt vor seiner eigenen Prämisse bekommen.

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  2. Moin Andrea!

    Lieben Dank für Deine Rezension. Ich bin schon seit einiger Zeit um dieses Buch herum geschlichen (ansprechendes Cover, interessante Grundidee und dann auch noch das Wort „Katzen“ im Titel). Nun bin ich froh, dass ich der Versuchung wiederstanden habe (…klappt nicht immer!).
    Ich habe die Vermutung, dieses Buch hätte ich nach der Lektüre weiterverkauft…!

    Liebe Grüße – auch von meinem Roten an Deine/n Schwarze/n!
    Andreas

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    1. Grüß dich!

      Tja… Ich glaub, ich hatte einfach mehr von der vielversprechenden Grundidee erwartet.
      Aber vielleicht bin ich da zu kritisch. Anderen hat das Buch ja sehr gefallen. 😉

      Die Schwarze wird gegrüßt!
      (Ist die von meinen Schwiegereltern, die wohnen unten im Haus und da kann sie immer rein und raus wann sie will. Auch wenn mein Großer immer versucht, sie hochzulocken… 😉)

      Gefällt 1 Person

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