Review: Die Tagesordnung

„Die Tagesordnung“ rutschte ganz unerwartet auf meine Wunschliste, nachdem immer mehr Kunden (mit zum Teil recht kryptischen Beschreibungen des Buches) danach fragten und ich die ersten Sätze angelesen habe…

Die Sonne ist ein kaltes Gestirn. Ihr Herz aus eisigen Dornen. Gnadenlos ihr Licht.

Klingt das nicht ganz wunderbar?
Jeder Satz ist absolut geschliffen und wie ein leiser Paukenschlag.
Kein Wunder, daß Éric Vuillard den Prix Goncourt dafür gewonnen hat!

Doch die Geschichte ist alles andere als wunderbar…

Wir schreiben das Frühjahr 1933 und Hitlers Machtübernahme steht kurz bevor, da bittet Göring hochrangige Vertreter der Industrie- und Finanzwelt zu einem Treffen.
Schließlich muss der Wahlkampf finanziert werden… und Opel, Krupp und all die anderen öffnen bereitwillig ihr Geldbörsen. Man will sich ja mit dem neuen Regime gutstellen und später soll das dann mit „billigen Arbeitskräften“ belohnt werden…

Doch auch die Vertreter des Auslands stehen Hitlers Machtübernahme mit einer Naivität gegenüber, bei der man eine Gänsehaut bekommt.
Ein möglicher Anschluß Österreichs wird als durchaus legitim angesehen. Solange nur alles friedlich vonstatten geht…

So wird man im Lauf des Romans Zeuge, wie die Nazis ihre Figuren wie bei einem Schachspiel in Stellung bringen, während der Rest der Welt dem nichts entgegenzusetzen hat.

Es lässt einen manchmal geradezu schaudern, wenn man bedenkt, welche schrecklichen Konsequenzen das ein oder andere unbedachte Zugeständnis hat.

Dabei muss man den wirklich ganz meisterhaften Stil von Éric Vuillard loben.
Er schafft es, die historischen Begebenheiten so zu fiktionalisieren, daß man das Gefühl hat, selbst dabei zu sein, wobei er als allwissender Erzähler auch immer wieder die Folgen einzelner Entscheidungen schon in dem Moment mitliefert, in dem sie getroffen werden.
Trotzdem bringt Vuillard den Leser gelegentlich zum Schmunzeln, zum Beispiel in einer Episode, in der das Deutsche Heer gleich hinter der österreichischen Grenze in solche technischen Schwierigkeiten kommt, daß die Panzer nachts auf Zügen nach Wien gekarrt werden müssen, um es überhaupt zum Einmarsch zu schaffen.

„Die Tagesordnung“ ist richtiges kleines Meisterwerk.
Sprachlich unheimlich ausgefeilt und dicht, aber mit einer gehörigen Portion Galgenhumor, während die Geschichte mit einem Thema überrascht, das immer noch brandaktuell ist.