Review: Meine geniale Freundin

Das Ferrante-Fieber hat mich ja nun all die Jahre kaltgelassen.
Trotz zahlreicher Kollegen, die mir versicherten, wie großartig „Meine geniale Freundin“ wäre, trotz der vernichtenden Kritik von Maxim Biller im Literarischen Quartett, die ja nun eigentlich eher eine Auszeichnung ist, trotz allem blieb ich skeptisch. Denn obwohl ich zu den Lesern gehöre, die am liebsten so wenig wie möglich über Autoren wissen wollen, war mir das Mysterium, das Elena Ferrante umgibt immer ein wenig suspekt.
Die Gründe, die sie für ihre Anonymität anführt, sind zwar genau die, die ich nennen würde, wenn man mich fragt, warum ich so wenig über Autoren wissen möchte, die ich gerne lese, aber das hartnäckige Gerücht, hinter dem Namen würde eine Schreiberwerkstatt stecken, stieß mir immer sauer auf. Ich kann einen Autor akzeptieren, der die Öffentlichkeit scheut, es behagt mir allerdings nicht, wenn ich das Gefühl habe, da wäre ein Autoren-Team am Werk, das ganz gezielt bestimmte Schablonen abarbeitet – wie es ja in Filmen gang und gäbe ist – um den Leser bei der Stange zu halten…

Vor Kurzem las ich dann aber Frau im Dunkeln und war absolut beeindruckt von der psychologischen Tiefe dieses Romans. Für mich war sofort klar, daß die Geschichte keine Auftragsarbeit aus der Retorte sein konnte, sondern daß eine sehr reflektierte und intelligente Autorin dahinterstecken musste.
Und so begann ich, mich auf die „geniale Freundin“ zu freuen…

Elena und Lila wachsen in den 1950er Jahren in einem ärmlichen Viertel Neapels auf. Als die beiden in die Schule kommen, stellt sich heraus, daß Lila eine unheimlich begabte Schülerin ist, die sich das Lesen und Schreiben bereits selbst beigebracht hat. Da sie aber als Unruhestifterin gilt und selbst die Raufbolde in der Klasse das Fürchten lehrt, wird sie von der Lehrerin nicht so gefördert wie Elena. Die wurde offenbar dazu auserkoren, eine schulische Ausbildung zu erhalten, die ihr eines Tages eine Zukunft außerhalb des Rione ermöglichen soll, doch ohne Lilas Hilfe tut sich Elena anfangs manchmal schwer mit dem Schulstoff.

Nach der Zeit in der Grundschule bekniet die Lehrerin Elenas Eltern, sie auf die Mittelschule und später aufs Gymnasium zu schicken. Lilas Eltern dagegen wollen kein weiteres Geld für die Ausbildung ihrer Tochter ausgeben, die ohnehin eines Tages Hausfrau und Mutter sein wird. Sie beginnt im Schusterladen des Vaters und im Haushalt der Mutter mitzuhelfen, doch Lila lernt weiterhin mit Elena zusammen und bringt sich sogar selbst Latein und Griechisch bei, um ihrer Freundin zu helfen.

Mit der Zeit jedoch versiegt Lilas Lerneifer und sie beginnt sich in die Rolle zu fügen, die von ihr erwartet wird. Und während sich für Elenas Zukunft immer mehr Türen öffnen, beschließt Lila, daß sie einen vielversprechenden Mann finden muss, um der Armut ihres Viertels zu entkommen…

Ich muss sagen, daß es eine Weile dauerte, bis ich mit dem ersten Teil der Neapolitanischen Saga wirklich warm wurde. Anfangs fühlte ich mich ein wenig an einen klassischen ZDF-Mehrteiler erinnert. Eine nette Geschichte mit netten Protagonisten… alles sehr gefällig, vorhersehbar und wie tausend anderer solcher Geschichten, die man schon so ähnlich gelesen oder im Fernsehen gesehen hat.
Sollte das wirklich dieselbe Autorin geschrieben haben, die mich mit ihrer präzisen Beobachtungsgabe in Frau im Dunkeln so beeindruckt hatte?
Erst mit der Zeit und der starken Entwicklung der Figuren begann ich immer mehr Gefallen an der Geschichte zu finden. Zuletzt freute ich mich dann schon immer auf meine Zeit im Schwimmbad, wenn ich dieses Buch endlich weiterlesen konnte.

„Meine geniale Freundin“ ist ein wunderbarer Roman, um ihn entspannt in den Ferien zu lesen. Am Ende war ich sogar richtig enttäuscht, daß es mich dieses Jahr gar nicht nach Italien verschlägt. Es wäre wirklich schön gewesen, dieses Buch beim Strandurlaub an der Mittelmeerküste zu lesen…
Das wird dann hoffentlich nächstes Jahr mit dem zweiten Teil nachgeholt!


Die Neapolitanische Saga:

1. Meine geniale Freundin
2. Die Geschichte eines neuen Namens
3. Die Geschichte der getrennten Wege
4. Die Geschichte des verlorenen Kindes

Sommerlese im Juli

Morgen ist schon wieder der erste Juli und das halbe Jahr ist vorbei!
Unglaublich, wie die Monate geradezu vorbeifliegen…

Wir Buchhändler stecken gerade zwischen dem Frühjahrsprogramm und den neuen Herbstvorschauen. Wir schwanken von „Oh, das wollte ich eigentlich noch lesen!“ über „Hach, das ist gerade erschienen, darauf hab ich ja schon gewartet!“ zu „Waaah… woher kommen denn jetzt schon all die Herbst-Novitäten, die da plötzlich in meinem SUB-Regal liegen?!?“.

Auch bei mir ist es diesen Monat eine Mischung aus „Solltest du doch schon kennen!“ und „Na, jetzt komm aber mal in die Gänge mit den Neuheiten. Bis zum Weihnachtsgeschäft musst du das Herbstprogramm einigermaßen abgegrast haben!“.
Und auch wenn sich das jetzt nach Stress anhört: ich liebe es, dieser Tage in der Sonne zu liegen und zu lesen und dabei all die spannenden Neuheiten zu entdecken, die demnächst auf den Markt kommen werden.

Fangen wir aber zunächst mal mit den Titeln der Rubrik „Immer noch nicht gelesen?“ an.

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Ich habe tatsächlich erst vor kurzem meinen ersten Roman von Elena Ferrante gelesen. Der Hype um die Neapolitanische Saga hat mich zwar immer abgeschreckt, jetzt muss ich aber doch mal reinlesen, nachdem mich Frau im Dunkeln so positiv überrascht hat.
Als einziges Taschenbuch diesen Monat wird Meine geniale Freundin mein treuer Begleiter fürs Schwimmbad.

Zwei Titel, die nicht auf meiner Leseliste standen, als sie Ende letzten Jahres, bzw Anfang diesen Jahres erschienen sind, sind Mein Ein und Alles von Gabriel Tallent und Jesolo von Tanja Raich.
Nachdem ich aber auf allen Kanälen nur begeisterte Stimmen zu diesen Romanen gehört habe, war ich allerdings doch noch neugierig geworden!

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Ein Buch, zu dem ich keine begeisterten Stimmen hörte, ist dagegen Liebe in Lourdes von Sophie von Maltzahn. Im Rahmen einer Blogger-Aktion wurde mir dieses Buch überraschend zugesandt und nachdem ich zunächst dachte: „Oje… so ein kitschiger Titel!“, dann den Klappentext las und dachte, daß diese Geschichte durchaus Potential haben könnte, stolperte ich über die Rezension von Alexandra vom Read Pack Blog.
Ihr Beitrag ist wirklich ziemlich lesenswert: ihr findet ihn hier.

Sie kritisiert darin sehr scharf, wie Menschen mit Behinderung in diesem Buch dargestellt werden und nachdem, was sie dazu sagte und ich entsprechende Textstellen aus dem Buch gelesen hatte, wollte ich es eigentlich lieber weggeben.
Dann schrieb ich aber ein bißchen mit Alexandra und letztendlich dachte ich mir, vielleicht ist es besser, dieses Buch gerade deshalb zu lesen, um anschließend ein informiertes Feedback abgeben zu können. Schließlich kann man 2019 einfach nicht mehr über bestimmte Themen schreiben, wie man es vielleicht noch 1979 getan hat!

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Aus der „Rivers of London“-Reihe von Ben Aaronovitch gibt es auch wieder etwas Neues!
Mit The October Man ist die zweite Novella der Reihe erschienen und der Titel passt ganz wunderbar! Schließlich wird Ben Aaronovitch mein Oktober-Mann sein! – Zumindest was die Veranstaltungsorganisation bei uns im Laden betrifft, denn dann wird Aaronovitch zu einer Lesung in meine Filiale kommen!
Ich freu mich schon sehr!

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Kommen wir nun zu den ersten Herbstnovitäten dieses Jahr.
Von Stig Sæterbakken schwärmte mir Torsten Woywod von Dumont schon auf der Leipziger Buchmesse vor, Mitte Juli wird es nun endlich erscheinen.
Durch die Nacht hört sich zwar ziemlich düster an, aber Torsten hat einen Geschmack, der den meinen eigentlich immer trifft, deshalb vertraue ich seinem Urteil da gerne blind.

Ein Buch, das erst Ende August erscheint ist „Blackbird“ von Matthias Brandt.
Letzten Monat hatte ich ja schon ein bißchen von meinem kleinen, inoffiziellen Lesekreis mit zwei Kollegen erzählt, jetzt haben sich noch andere angeschlossen, so daß wir uns zu acht auf das Leseexemplar gestürzt haben!
Spannend wird es, weil mein Kollege schreibende Schauspieler absolut nicht leiden kann und dieser Zunft mit „Blackbird“ eine allerletzte Chance gibt. Das verspricht spannend zu werden!

Zwei Hinweise an dieser Stelle…

Erstens: hättet Ihr denn Lust, daß ich hier auch von dem Lesekreis mit meinen Kollegen erzähle, sie Euch ein bißchen vorstelle und statt einer normalen Rezension zu dem Buch all die verschiedenen Meinungen von uns sammle?

Zweitens: mir ist bewusst, daß ich oft der Kollege schreibe, so als hätte ich nur den einen. Tatsächlich ist es aber so, daß in der Regel immer derselbe Kollege gemeint ist, wenn ich schreibe: „Der Kollege hat mir das empfohlen…“ oder „Dem Kollegen hat das nicht gefallen…“
Diesen Kollegen möchte ich Euch Mitte des Monats gerne einmal richtig vorstellen. Wir haben da nämlich ein gemeinsames Projekt in Planung, auf das ich mich schon sehr freue!

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Natürlich durfte auch diesen Monat wieder ein illustriertes Sachbuch mit auf den Lesestapel: Rot ist doch schön von Lucia Zamolo aus dem Bohem Verlag.
Darin geht es (schockschwere Not!) um die Menstruation; ein Thema, über das ja immer noch kaum offen gesprochen wird. Deshalb bin ich jetzt schon ganz begeistert von diesem schön illustrierten Büchlein, das verspricht, Klartext zu reden.

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Kein Monat ohne Graphic Novel!
Im Juli ist das Sumpfland der Künstlerin Moki aus dem Reprodukt Verlag.
Seitenweise ohne Text und mit absolut ungewöhnlichen Figuren, scheint „Sumpfland“ nach dem ersten Anlesen ein Titel zu sein, in dem man wirklich abtauchen und sich ein Stück weit selbst verlieren kann.
Ich freu mich sehr darauf, es mir in einer stillen Nacht ganz in Ruhe vorzunehmen.

Soviel also von meiner Seite und jetzt seid Ihr dran:
Welche Titel habt Ihr Euch für den Juli vorgenommen?
Kennt Ihr den ein oder anderen Titel von meinem Lesestapel?
Und für mich besonders interessant: möchtet Ihr meine Kollegen kennenzulernen und ihre Meinungen zu den Büchern aus dem Lesekreis hören?

Genießt den Sommer!
Eure Andrea

Review: Frau im Dunkeln

Das Ferrante-Fieber ist ja komplett an mir vorbeigegangen, das einzige was ich bisher von ihr gelesen hatte, war Der Strand bei Nacht, eine kurze Geschichte, die letzten Herbst als illustrierte Ausgabe bei meiner heißgeliebten Insel-Bücherei erschienen ist.

Darin geht es um eine Puppe, die am Strand vergessen wird und eine gefahrvolle Nacht überstehen muss…
Stellt Euch vor, wie überrascht ich war, als ich bemerkte, daß eine Puppe am Strand auch in meinem ersten richtigen Ferrante-Roman „Frau im Dunkeln“ eine zentrale Rolle spielt! Kann ich hier mit einem wiederkehrenden Thema rechnen, wie John Irvings Bären?

Doch „Frau im Dunkeln“ war soviel mehr als diese kleine, nette Geschichte, die ich bisher von Elena Ferrante kannte und schnell war ich in ihren Bann gezogen…

Ledas Töchter sind mittlerweile fast schon erwachsen und vor Kurzem zu ihrem Vater nach Kanada gezogen. Ihre neugefundene Freiheit nutzt Leda, um einen entspannten Urlaub am Meer zu verbringen.
Eigentlich möchte sie nur am Strand liegen und lesen, doch schon bald wird sie auf eine laute neapolitanische Familie aufmerksam, die jeden Tag ihr Lager in der Nähe von Ledas Liege aufschlägt. Besonders die junge Nina und ihre kleine Tochter Elena ziehen immer wieder Ledas Blicke auf sich. Nach und nach verbringt sie immer mehr Zeit damit, die beiden zu beobachten, über ihre innige Mutter-Kind-Beziehung nachzudenken und zu versuchen, die innere Dynamik der Großfamilie zu verstehen.

Doch eines Tages verschwindet die kleine Elena plötzlich am Strand. Nina verfällt in Panik, die Familie sucht den Strand ab, nur Leda behält einen kühlen Kopf und findet Elena schnell wieder. Doch in dem Chaos hat Leda Elenas geliebte Babypuppe in ihre Tasche gesteckt. Eine impulsive Handlung, die sie sich selbst nicht so recht erklären kann, doch selbst als sie sieht, wie verzweifelt das Mädchen noch Tage später über den Verlust ihrer Puppe ist, gibt sie diese nicht zurück.

Nach Elenas kurzem Verschwinden beginnen Leda und Nina sich zaghaft anzufreunden, doch beide Frauen stecken voller dunkler Geheimnisse. Nina hat damit zu kämpfen, eine junge Mutter zu sein und ihr eigenes Leben hintenan zu stellen und Leda, die sich damals genauso gefühlt hat, ist einen radikalen Weg gegangen, der Nina zu erschrecken, aber auch zu faszinieren scheint…

Mich hat dieser Roman schwer beeindruckt. Nach der ersten kleinen Kurzgeschichte, die ich von Elena Ferrante kannte, hatte ich mir noch keine wirkliche Meinung gebildet und ich schlage ja immer weite Bögen um Bücher, die derart gehyped werden, wie die „Neapolitanische Saga“.
Mit einer so dichten Erzählkunst, die das Seelenleben einer Frau rasiermesserscharf seziert hätte ich wohl nie gerechnet!
Ständig schwankt man zwischen Verständnis und Ablehnung – verschiedene Leser vermutlich an verschiedenen Stellen – und so ist „Frau im Dunkeln“ ein Buch, das uns immer wieder fordert, aber dennoch spannend ist, wie ein Krimi.

Review: Kick-Ass Women

Seit „Good Night Stories for Rebel Girls“ vor zwei Jahren auf den Markt kam und seine Leser begeisterte, haben viele Verlage ganz ähnliche Titel herausgegeben. Einige davon habe ich hier besprochen, doch mit der Zeit stellte sich eine gewisse Ermüdung bei mir ein. Natürlich war jedes dieser Bücher durch seine Illustrationen und die Auswahl der Frauen einzigartig, aber vieles wiederholte sich…

Doch dann fiel mir „Kick-Ass Women – 52 wahre Heldinnen“ von Mackenzi Lee in die Hände und sofort war ich wieder begeistert!

Von den 52 Frauen, die in diesem Buch vorgestellt werden, konnte ich nur von einer einzigen behaupten, gut über ihr Leben informiert zu sein, und von weiteren zwei oder dreien hatte ich zumindest schon gehört. Der Rest waren absolut unbekannte Namen für mich und schnell wurde klar warum…
Während sich andere Titel zu diesem Thema hauptsächlich für Frauen mit gut dokumentierten Geschichten aus dem europäischen oder nordamerikanischen Raum beschäftigen, scheut Mackenzi Lee nicht davor zurück, so weit in der Geschichte zurückzugehen und so abgelegenen Plätze dieser Welt zu besuchen, daß gelegentlich nicht ganz klar ist, was nun wirklich Wahrheit und was Mythos ist.

Mackenzi Lee hat nicht den Anspruch, wissenschaftlich 100% korrekt zu sein und für Hausarbeiten zitierfähig zu schreiben. Nein, sie hat einen rotzfrechen Ton, wie er mir bisher noch nie untergekommen ist und wenn ihr das Ende einer Geschichte nicht gefällt, bietet sie auch schon mal eine fiktive Happy End-Alternative an.

Gestört hat mich das nicht… Ganz im Gegenteil!
Man merkt sofort, daß die Autorin hier mit Herzblut bei der Sache war, daß es ihr nicht wichtig ist zu gefallen, sondern die Geschichten dieser wahnsinns Frauen in die Welt hinauszubrüllen und man spürt ihre Wut über die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren sind.

Dabei geht es in diesem Buch nicht nur um Frauen mit Vorbildfunktion. Nein, wir erfahren auch von Piratinnen, Spioninnen und Gangsterinnen. Und manche Geschichten sind wirklich unglaublich, wie zum Beispiel die von Edith Garrud, die zur Zeit der Suffragettenbewegung eine Jiu-Jitsu-Schule für Frauen eröffnete und ihnen dort beibrachte, wie man übergriffige Polizisten verprügelt. Ist das nicht einfach fabelhaft?

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Illustriert wurde „Kick-Ass Women“ von Petra Eriksson, die alle Heldinnen mit sehr grafischen, aber dennoch ausdrucksstarken Portraits in Szene setzt.

Mich hat „Kick-Ass Women“ ausgezeichnet unterhalten und daß, obwohl ich ja nach der Lektüre von einigen ähnlichen Titeln bereits Ermüdungserscheinungen hatte.
Deshalb kann dieses Buch nur jedem ans Herz legen!
Und für alle, die sich jetzt denken: „Oh toll, das möchte ich verschenken!“…
Aufgrund des wirklich verdammt frechen Stils würde ich es vielleicht für eine klein wenig ältere Zielgruppe als zum Beispiel die „Rebel Girls“ empfehlen, ich denke so ab etwa 16 Jahren ist es perfekt.

Abenteuerliches im April

Morgen ist schon der erste April und bevor ihr denkt, daß der riesige Stapel, der sich diesen Monat bei mir angesammelt hat nur ein Aprilscherz ist, erzähle ich Euch lieber jetzt schnell, was im nächsten Monat alles auf meiner Leseliste steht.
Denn es ist eine ganze Menge zusammen gekommen!

Leider hänge ich noch ein wenig mit meinem Märzstapel hinterher, denn wie viele von Euch ja vielleicht mitbekommen haben, war ich schwer beschäftigt damit, die Wohnung zu renovieren, aber wenigstens habe ich nun endlich ein eigenes Zimmer.
Deshalb setze ich für den April vermehrt auf illustrierte Bücher und Graphic Novels. Hach… ich freue mich, denn es ist viel Spannendes und Abenteuerliches mit dabei.

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Aber beginnen wir mit den Romanen:

Das Buch, auf das ich mich wohl am meisten freue ist Das Verschwinden der Stephanie Mailer von Joel Dicker.
Bereits mit seinen ersten beiden Romanen „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ hat mich Dicker restlos begeistert. Hoffentlich kann „Stephanie Mailer“ daran anschließen.

Spannend hört sich auch Katherine Dions Debütroman Die Angehörigen an.
Es geht um einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau feststellt, daß sie wohl Zeit Lebens Geheimnisse vor ihm hatte…

Auf der Buchmesse wurde mir am Stand von weissbooks von Luna Al-Mouslis Roman Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich vorgeschwärmt.
Ende letzten Jahres haben ja viele Blogger sich die Mühe gemacht, um durchzuzählen, wie hoch die Frauenquote bei ihrer Lektüre war. Ich nahm das zum Anlass, um zu sehen, wie divers ich lese. Das Ergebnis: Während ich ganz gut bei den Persons of Color lag (vorausgesetzt man zählt Asiaten mit) und noch recht okay im Bereich LGBTQ+, war lediglich eine einzige Autorin mit Behinderung dabei und gar keine muslimischen Autoren! Daran wollte ich also ohnehin arbeiten, Luna Al-Mousli scheint da schon mal ein guter Einstieg zu sein.

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Natürlich darf auch der neue Moers nicht fehlen!
In Der Bücherdrache legt Walter Moers zwar nicht den lang erwarteten dritten Teil der „Stadt der träumenden Bücher“-Saga vor, dennoch geht es endlich wieder in die Katakomben von Buchhaim, diesmal allerdings mit dem kleinen Buchling Hildegunst von Mythenmetz.

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Weiter geht es mit den Sachbüchern.
Bei meinem neuen Lieblingsreisebuchverlag, dem Reisedepeschen Verlag ist vor Kurzem Vom Glück zu Reisen erschienen.
Darin setzt sich Philipp Laage wohl ebenso kritisch wie humorvoll mit den Auswüchsen der heutigen Reise-Industrie auseinander; von Selbstfindungstrips über Pauschal-Abenteuerurlaube.

Ein Titel auf den ich schon sehr gespannt bin ist Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen von Sy Montgomery. Ihr erstes Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ wurde ja zum Bestseller und mir schon lange von Kollegen ans Herz gelegt. Allerdings habe ich mich nun doch für „Einfach Mensch sein“ entschieden, immerhin wurde es von Rebecca Green illustriert, die zwar in Deutschland weitestgehend unbekannt ist, deren entzückendes Bilderbuch „How to Make Friends with a Ghost“ aber zu meinen Favoriten in diesem Bereich zählt.

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Mit Tieren und Menschen geht es weiter und zwar in zwei Graphic Novels, die von den Forschungsreisen zwei der berühmtesten Naturwissenschaftler ihrer Zeit berichten:
Darwin – An Exceptional Voyage von Fabien Grolleau und Jérémie Royer erzählt von der berühmten Reise auf der Beagle, während Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Humboldt-Expertin und Biografin Andrea Wulf und Illustratorin Lillian Melcher sich mit den Amerika-Reisen des Forschers beschäftigt.
So ähnlich sich die beiden Titel auch vom Thema her sind, so unterschiedlich sind sie in der Umsetzung und den Illustrationen.
Ich freue mich wirklich schon sehr darauf, Euch die Titel diesen Monat noch genauer vorzustellen!

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Bleiben wir bei illustriertem Sachbuch und widmen wir uns den Frauen…
Die Graphic Novel I’m every woman von Liv Strömquist setzt sich auf absolut humorvolle Weise mit Feminismus und Themen, die Frauen bewegen auseinander.

Kickass Women – 52 wahre Heldinnen von Mackenzi Lee dagegen ist im Stil von Büchern wie „Good Night Stories for Rebel Girls“ aufgemacht, wartet aber mit wesentlich unbekannteren Frauen auf, von denen ich zum Großteil noch nie gehört habe, und das obwohl ich im letzten Jahr bereits einige solcher Titel gelesen habe!

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Zu guter letzt bleiben wir bei Geschichten um Frauen und deren grafischer Umsetzung.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood liegt nun endlich auf Englisch als Graphic Novel vor und wurde wirklich verdammt gut umgesetzt!
Mary Who Wrote Frankenstein ist dagegen ein Bilderbuch, das zwar im englischsprachigen Raum zig Preise gewonnen hat, in Deutschland aber noch weitestgehend unbekannt ist.
Darin geht es um die Geschichte von Mary Shelley… Spannend!

Das ist er also, mein viel zu hoher Aprilstapel und wenn ich mir anschaue, was da alles noch vom März liegt könnte man ein bißchen an meinen Plänen zweifeln…
Allerdings ist nun tatsächlich wieder ein bißchen Ruhe in die Wohnung eingekehrt und ich merke, daß ich wieder Zeit finde, mehr zu lesen.
Der Maistapel wird dann aber garantiert wieder kleiner… Bestimmt!

Welche Titel liegen auf Euren Lesestapeln?
Worauf freut Ihr Euch am meisten und kennt Ihr einige der Titel, die ich heute vorgestellt habe vielleicht schon?
Ich wünsche Euch einen wunderbaren Frühling!

Eure Andrea

Neue Bekannte und alte Freunde im März

Schön langsam wird es Frühling und vor der Leipziger Buchmesse schneien gerade viele Neuerscheinungen ins Haus.
Mit dabei sind dieses mal zwei alte Bekannte, zwei Bücher von Autoren, die mir völlig neu sind und zwei Titel, die irgendwo dazwischen liegen.

Fangen wir mit den alten Freunden an, zu denen es auch schöne Geschichten gibt…

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Vea Kaiser hat mich vor Jahren mit Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ schwer begeistert.
Wie es der Zufall so wollte hatte ich dieses Buch ausgerechnet dabei, als ich meine beste Freundin im Sommerhäuschen ihrer Familie im Blauen Land besuchte.
Ich las das Buch während ich mich gemütlich auf der Veranda sonnte, hinter dem Haus weideten die Kühe vorbei und bimmelten mit ihren Glocken, ab und zu tuckerte ein Traktor weiter unten durchs Dorf und wenn ich aufblickte sah ich die Zugspitze.
Für „Blasmusikpop“ hätte ich wohl keinen besseren Leseplatz wählen können und schon allein deshalb war es ein absolutes Lesehighlight für mich.

Auch Vea Kaisers zweiten Roman Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ habe ich begeistert gelesen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Griechenland war.
Nun freue ich mich schon sehr auf ihr neustes Buch Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger.

Und wenn alles klappt, sehe ich Vea Kaiser auch demnächst auf der Leipziger Buchmesse.
Ich bin schon gespannt!

Eine ebenfalls alte Bekannte ist Ingrid Noll.

Ich weiß noch, wie ich damals meinen ersten Roman von ihr gelesen habe: es war vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Ich war 17 und verbrachte das Wochenende bei einer Freundin (nicht die mit dem Sommerhäuschen).
Dort war ich im Zimmer ihrer Schwester untergebracht, die ihrerseits das Wochenende bei Freunden verbrachte und die ein wirklich schönes Bücherregal neben dem Bett stehen hatte.

Da die ganze Familie ausgesprochene Langschläfer waren und ich morgens hungrig und einsam war, aber niemanden wecken wollte, griff ich mir eines der Bücher aus dem Regal der Schwester: „Die Häupter meiner Lieben“.

Ich las es in einem Rutsch durch und erschien dann – trotz des frühen Aufwachens und des Hungers – als Letzte am Frühstückstisch. Das Buch hatte mich an diesem Morgen völlig ans Bett gefesselt.

In der Ausbildung schnappte ich mir noch „Kalt ist der Abendhauch“, aber seltsamerweise habe ich danach nichts mehr von Ingrid Noll gelesen. Dabei fand ich ihre Titel sehr humorvoll und kurzweilig.

Nachdem mich aber vor Kurzem eine regelrechte Nostalgiewelle überrollte, dachte ich mir beim Stöbern im neuen Diogenes Programm: „Warum eigentlich nicht?“
Und so durfte Nolls neustes Buch Goldschatz auf meinem Lesestapel Platz nehmen.

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Zwei Autorinnen, von denen ich zwar schon etwas gelesen habe, wenn auch noch keinen Roman sind Hiromi Kawakami und Elena Ferrante.

Von Kawakami habe ich letzten Sommer Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß als Graphic Novel mit im Südtirol-Urlaub gehabt. Vermutlich lässt sich daraus nicht viel auf ihren Schreibstil schließen, aber die Geschichte gefiel mir gut und deshalb fand ich es an der Zeit, einmal einen richtigen Roman von ihr zu lesen, nämlich ihr neustes Buch Die zehn Lieben des Nishino.

Auch von Elena Ferrante habe ich bisher keinen Roman, sondern nur die Kurzgeschichte Der Strand bei Nacht gelesen.
Frau im Dunkeln hörte sich jedenfalls spannend an und die Besprechungen, die ich bisher davon gelesen habe, haben mich wirklich neugierig gemacht.

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Kommen wir nun zu zwei Titel von mir noch völlig unbekannten Autoren.
„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mìrza wäre wohl nicht auf meiner Leseliste gelandet, gäbe es die gute Jen Campbell und ihren fabelhaften YouTube-Kanal nicht.
Denn in der Liste ihrer Lieblingsbücher des letzten Jahres landete „A Place for us“, die englische Ausgabe dieses Titels auf Platz 1!

Da ich mit Jens Empfehlungen bisher gute Erfahrungen gemacht habe, wollte ich mir dieses Buch auf keinen Fall entgehen lassen.

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Zu guter Letzt durfte diesen Monat natürlich auch kein Sachbuch fehlen.
Als verhinderte Forscherin war ich sehr dankbar für den Tipp zu Christopher Kemps Buch Die verlorenen Arten – Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen.

Das hört sich nun erstmal nicht besonders reißerisch an, aber ich finde es faszinierend, was alles noch unentdeckt in den Schubladen großer Museen vor sich hinschlummert.
Sollte jemand daran zweifeln, dann empfehle ich den YouTube-Kanal „The Brain Scoop“ mit Emily Graslie. Wer naturkundliche Museen danach immer noch langweilig findet, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! 😉

Das ist er also, mein Märzstapel!
Kennt Ihr schon den ein oder anderen Titel?
Auf welche Novitäten freut Ihr Euch besonders?
Und seid Ihr auch auf der LBM und wenn ja: habt Ihr Tipps für mich?

Liebe Grüße und einen guten Start in den Frühling,
Eure Andrea

Review: Verzeichnis einiger Verluste

Als vor etwa zehn Jahren der „Atlas der abgelegenen Inseln“ auf den Markt kam, war ich sofort begeistert von der wunderschönen Aufmachung und dem spannenden Thema.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich nach der Arbeit im Zug saß, den Atlas aus der Tasche zog und begann, darin zu lesen. Schon nach ein paar Seiten wurde mir klar, daß dieses Buch nicht das war, was ich erwartet hatte, nämlich ein Sachbuch, in dem unbekannte Inseln vorgestellt wurden.
Es war so viel mehr als das; eine literarische Überraschung voller Geschichten, die mich auf jeweils nur einer Seite in ihren Bann schlugen.

Judith Schalanskys neues Buch „Verzeichnis einiger Verluste“ kann man wohl getrost als die große Schwester des „Atlas der abgelegenen Inseln“ bezeichnen, wie passend also, daß die erste Geschichte von einem verschwundenen Südseeatoll handelt.

In zwölf Geschichten erzählt Schalansky von verschwundenen Dingen: Gedichten, Bauwerken, Kunstwerken oder Tierarten.
Dabei kommt sie meist über Umwege auf das Thema zu sprechen oder streift es nur am Rande.

In der Erzählung „Der Knabe in Blau“ wird der verschollene Film von Friedrich Wilhelm Murnau beispielsweise nicht einmal erwähnt. Stattdessen lässt Schalansky Greta Garbo über das Ende ihrer Hollywood-Karriere nachdenken und dabei Murnaus Totenmaske einflechten, die Garbo viele Jahre lang aufbewahrte.

Andere Geschichten wiederum scheinen recht persönlich zu sein, wie die einer jungen Autorin, die ihren davon Verlag überzeugt, ein Buch über Fabelwesen herauszugeben.
Sie zieht sich in ein kleines Chalet in den Schweizer Bergen zurück, um dort in Ruhe mit dem Schreiben zu beginnen, nur um schon nach wenigen Tagen festzustellen, daß sie jedes Interesse an dem Thema verloren hat.

Jede von Schalanskys Geschichten ist eine eigene Welt für sich, weshalb ich mich der Empfehlung anderer Rezensenten anschließen möchte, die meinten, man solle sich jeden Tag nur eine Erzählung vornehmen, um diese auch wirken zu lassen.

Daß Judith Schalansky nicht nur eine talentierte Autorin, sondern auch Buchgestalterin ist, die mindestens genausoviel Wert auf die äußere Form wie auf den Inhalt legt, fällt in „Verzeichnis einiger Verluste“ sofort auf.
Jede Geschichte ist exakt so lang, daß sie genau ein Segment des Buchblocks füllt, also immer 16 Seiten. Dazwischen liegen schwarze Bögen, die die Erzählungen voneinander trennen und auf denen man im Gegenlicht eine Abbildung des verschwundenen Dinges erkennen kann, um die es in der nächsten Geschichte geht.
Trotz dieser sehr starren äußeren Form wirkt aber keine Erzählung gehetzt oder aufgebläht, was mich sehr beeindruckt hat.

„Verzeichnis einiger Verluste“ ist eine sprachgewaltige Sammlung von Geschichten, in deren Kern immer das Verschwinden und Vergessen steht.
Eigentlich ein recht melancholisches Thema, doch eben durch diese Geschichten beginnt man zu googeln um selbst mehr über das Quedlinburger Einhorn oder die Enzyklopädie im Walde zu lernen.
Und dabei erfährt man auch, daß manches nie ganz verschwindet, wie der Stahl vom Palast der Republik, der eingeschmolzen wurde und für den Bau des Burj Khalifa verwendet wurde.

Wer also tiefgründige und sprachlich geschliffene Kurzgeschichten liebt, der sollte „Verzeichnis einiger Verluste“ definitiv auf seine Leseliste setzen!

Review: Verwirrnis

Christoph Hein ist ja vielen durch sein Buch „Der fremde Freund/Drachenblut“ bekannt, das auch häufig als Schullektüre gelesen wird.
Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, aber nachdem ich nur begeisterte Besprechungen zu seinem neusten Buch „Verwirrnis“ gehört habe, bin ich doch sehr neugierig geworden.

Friedeward Ringeling wird 1933 geboren und wächst nach dem Ende des Krieges in Ostdeutschland auf. Sein Vater ist ein Gymnasiallehrer mit erzkonservativen Ansichten, der seine Kinder regelmäßig mit dem Siebenstriemer – einer Art Peitsche – schlägt, wenn sie seinen hohen Anforderungen nicht entsprechen.

Anfang der 1950er Jahre besucht Friedeward die elfte Klasse des Gymnasiums, an dem auch sein Vater unterrichtet, als er sich mit einem neuen Schüler anfreundet.
Wolfgang Zernick ist ein vorbildlicher Schüler mit einem großen musikalischen Talent, von dem Friedeward sehr beeindruckt ist.
Bald schon sind die beiden unzertrennlich und so unternehmen sie auch in den Sommerferien gemeinsam eine Radtour zur Ostsee. Bei dieser Reise wird ihnen klar, daß sie mehr füreinander empfinden, als nur Freundschaft, und so werden Friedeward und Wolfgang ein Liebespaar.

Doch „Sodomie“, wie es zu diesem Zeitpunkt noch heißt, ist strafbar und die beiden jungen Männer müssen äußerst diskret sein, denn sollte ihre Liebe entdeckt werden, droht ihnen Gefängnis.

Es kommt aber, wie es kommen muss…
Trotz aller Vorsicht werden die beiden von Friedewards strengem Vater überrascht, woraufhin dieser Wolfgangs Vater dazu zwingt, seinen Sohn in eine andere Stadt zu bringen, anderenfalls würde er im Gefängnis landen.

Friedeward ist zutiefst getroffen von dem Verlust seines Freundes und zieht sich immer mehr zurück. Erst nach dem Abitur trifft er Wolfgang wieder, und nachdem sie von Zuhause ausgezogen sind, beginnen sie ihre Liebesgeschichte erneut.
Bald schon wird Homosexualität in Ostdeutschland für straffrei erklärt, auch wenn es im Westen der Republik noch eine ganze Weile dauern wird, bis es soweit ist.
Trotzdem bleiben Friedeward und Wolfgang vorsichtig. Wolfgang hält seine Verlobung zu einer Jugendfreundin aufrecht und Friedeward heiratet sogar eine lesbische Freundin, um den Schein zu wahren.

Als Wolfgang die Chance erhält, in Westberlin weiterzustudieren, ergreift er sie und Friedeward kann ihn nur noch selten sehen. Doch dann wird Wolfgangs Homosexualität bekannt, ein Umstand, der ihn im Westen noch ins Gefängnis bringen könnte, doch zurück in die DDR kann er nicht, da er mittlerweile einen Westdeutschen Pass beantragt hat.
Wolfgang flieht von Berlin nach Hamburg und für Friedeward bricht eine Welt zusammen.

Ab diesem Punkt ändert die Geschichte ihren Fokus, denn nun konzentriert sich Friedeward voll und ganz auf seine akademische Karriere, die nur schleppend dahinläuft, weil er kein Mitglied der Partei ist.
Als sich auch noch der Institutsleiter in den Westen absetzt, gibt es an der Universität Gesinnungstests und Entlassungen.
Friedeward kommt mit knapper Not davon, doch bald darauf erhält er einen Besuch der Stasi.
Spionieren kann und will er nicht, doch er ist erpressbar und so stellt sich am Ende des Buches die Frage, die auch schon Bernhard Schlink im „Vorleser“ gestellt hat:
Wieviel ist man bereit zu opfern um ein Geheimnis zu hüten?

„Verwirrnis“ hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht.
Zunächst einmal ist es sprachlich sehr einfach, fast schon berichtsmäßig gehalten. So ist die Geschichte leicht und schnell zu lesen, allerdings hat man das Gefühl, daß einige Szenen überraschend kurz abgehandelt werden.

Auch die Verlagerung des Fokus, von der Liebesgeschichte auf Friedewards Gewissensfrage habe ich nicht kommen sehen und so hat mich das Ende der Geschichte sehr betroffen gemacht.

Immer wieder dachte ich mir während des Lesens: „Schlimm, wie das damals war!“
Doch dann wurde mir bewusst, daß es auch heute noch Menschen gibt, die ihre Sexualität verstecken müssen, weil sie das Gefühl haben, daß ihnen ansonsten berufliche Nachteile entstehen, oder sie mit dem Mobbing von Kollegen oder gar Freunden rechnen müssten.

Und deshalb ist „Verwirrnis“ kein Buch, das nur von einer vergangenen Zeit erzählt, sondern das die immer noch hochbrisante Frage stellt: in welchem Rahmen können wir ein selbstbestimmtes Leben führen?