Review: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

In den letzten Jahren werden ja immer mehr Autoren des vergangenen Jahrhunderts „neu“ entdeckt und in die heutige Zeit hinübergerettet. John Williams, beispielsweise, oder Betty Smith und James Baldwin…
Auch bei Diogenes hat man nun damit begonnen, die Werke der schottischen Autorin Muriel Spark neu zu übersetzen und da ich bisher noch nichts von ihr gelesen hatte, war ich gespannt, wie sich dieses mittlerweile fast sechzig Jahre alte Buch „gehalten“ hat.

Jean Brodie ist Lehrerin an einer Edinburgher Mädchenschule, doch ihre Lehransätze sind recht exzentrisch…
Statt den Schülerinnen Mathematik oder Geografie beizubringen erzählt sie von ihrem verstorbenen Verlobten, ihren Liebeleien und Urlaubsreisen. Sie ist so von sich selbst überzeugt, daß sie alles daran setzt, die Mädchen so zu erziehen, daß sie ihr eines Tages nacheifern werden.
Die Schülerinnen, die den größten Ehrgeiz in diesem Bereich zeigen, bilden die so genannte Brodie-Clique, mit denen Miss Jean auch außerhalb der Schule viel unternimmt.
Einige der Mädchen sind ganz von ihrer Lehrerin eingenommen und beginnen sogar, ihre Liebesgeschichten weiterzuspinnen und regelrechte fan fiction über Miss Brodie zu schreiben.

Bis dahin, muss ich sagen, war ich vom Setting und dem Plauderton her an Weit weg von Verona von Jane Gardam erinnert, doch dann nahm die Geschichte eine für mich doch recht unerwartete Wendung.

Denn Jean Brodie ist in den Kunstlehrer der Schule verliebt. Der erwidert ihre Gefühle zwar, ist aber mehr oder weniger glücklich verheiratet.
Miss Brodie verzichtet also schweren Herzens auf eine Liaison und tröstet sich stattdessen mit einer recht halbherzigen Beziehung zum Musiklehrer.
Aber was dann geschieht überraschte mich doch sehr. Denn die Mädchen sind mittlerweile volljährig und so hat Miss Brodie die Idee, daß doch eine ihrer ehemaligen Schülerinnen an ihrer Stelle die Geliebte des Kunstlehrers werden könnte.
Sie drängt die Mädchen immer wieder dazu, ihn zu besuchen, sich von ihm malen zu lassen, lässt sich alles haargenau berichten und fühlt sich in ihrem Tun bestätigt, als der Lehrer tatsächlich eine Affäre mit einer der Schülerinnen beginnt.

Ich muss sagen, daß mir „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ stilistisch sehr gut gefallen hat und ich die überspitzten, beinahe schon klischeehaften Charaktere recht amüsant fand, aber gegen Ende war ich ein wenig ratlos.
Denn Miss Brodie wird von eben der Schülerin, die eine Beziehung zu dem Kunstlehrer hat verraten und verliert ihre Stelle. (Kein Spoiler; da die Handlung zeitlich ständig vor und zurück springt weiß man das bereits zu Beginn des Buches.)
Die Gründe dafür bleiben allerdings reine Spekulation…
Es kann nicht wirklich daran gelegen haben, daß die Schülerin eine Konkurrentin ausschalten wollte. Schließlich verzichtet Miss Brodie ja von Anfang an auf den Mann und zum Zeitpunkt des Verrats hat die Schülerin die Beziehung schon längst wieder beendet.

Noch ratloser machte mich dann das Nachwort des Buches.
Ich hatte erwartet, daß die Geschichte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens als wohl eher provokativ eingestuft worden wäre.
Immerhin geht es hier um eine Lehrerin, die eine ehemalige Schülerin dazu anstiftet, eine Stellvertreter-Affäre mit dem Mann, den sie selbst liebt zu haben.
Und auch der ganze Charakter von Jean Brodie ist recht fragwürdig. So hat sie zu jedem Thema sehr starke Meinungen, mit zuletzt zum Faschismus, den sie wohl hauptsächlich wegen seiner Optik verehrt.

Doch im Nachwort von Autorin Candia McWilliam las ich dann, daß dieses Buch wohl häufig von Schülerin gelesen würde, weil es (Zitat) „total witzig“ ist.
Sie selbst (also McWilliam) hätte es zum ersten Mal mit zehn Jahren gelesen!

Nun bin ich ja wirklich nicht prüde, aber ich kann mir beim besten Willen nicht ausmalen, was ich mit zehn darüber gedacht hätte, daß eine Lehrerin möchte, daß man eine Affäre mit einem Lehrer beginnt. Gut, zu dem Zeitpunkt sind alle Beteiligten volljährig, aber es hinterlässt doch einen seltsamen Beigeschmack.

Hätte ich das Nachwort nicht gelesen, wäre ich davon ausgegangen, daß „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ ein überspitzter und zum Zeitpunkt seines Erscheinens wohl auch provokativer Roman war, bei dem mir nur leider die Motivation hinter dem Schlüsselereignis fehlt.
Nun wird mir gesagt, daß es ein „total witziges“ Buch ab zehn Jahren ist?
Ich zweifle an meinem Verstand…