Meine „neue“ Bücherwand oder Renovieren für null Euro – Geht das?

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal mein Wohnzimmer betreten habe und mir dachte: „Hach, hab ichs schön!“
Eingezogen sind wir hier vor mittlerweile 14 Jahren. Damals war ich hochschwanger mit meinem Ältesten und hatte kein ästhetisches Konzept im Kopf. Einfach nur die Möbel aus der alten Wohnung in die neue tragen und dann bitte dringend ein Schläfchen!
Die Möbel, die ich mir für meine erste eigene Wohnung gekauft hatte, waren eine Mischung aus allem was IKEA an Regalen in „edlem“ Buche Furnier zu bieten hatte und dunkle, massige Möbel von Kare. – War damals wohl schick…

In den letzten 14 Jahren wurde dann immer mal wieder etwas dazugekauft, von dem ich dachte, daß ich es brauchen würde. Statt auszumisten wurde einfach ein neues Regal, ein weiteres Schubladenelement oder eine Kiste dazugekauft. Richtig zusammengepasst hat aber nie etwas davon.

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Ein Foto meiner kompletten alten Bücherwand habe ich gar nicht mehr gefunden… Ich hab sie aber auch kaum fotografiert. Man sieht schon: ein Traum in braun und nix passt zusammen.

Nachdem ich letztes Jahr mein Schlafzimmer renoviert hatte, fand ich mein Wohnzimmer im direkten Vergleich so gar nicht mehr schön oder heimelig. Beim Fernsehen schaute ich inzwischen kaum noch auf die Filme, sondern starrte die Regale feindselig an, die nicht zusammenpassten, die vollgestopften Ecken, das kaputte Fernsehmöbel, die schiefen Schiebegardinen und die verstaubten Deko-Kästen, die absolut keinen dekorativen Wert mehr hatten…

Ein Tapetenwechsel war nötig und das sehr bald!

In meinem Kopf existierte bereits das Bild der perfekten Bücherwand. Statt langweiligem braun wollte ich nun auch die weißen Billy Regale, in denen die Bücher einfach viel besser zur Geltung kommen.
Die kaputte Fernsehbank musste dringend ersetzt werden und in Zeiten von Netflix und Co empfand ich es auch mehr und mehr als Platzverschwendung; ein riesiges Regal voller DVDs zu haben, die wir aber so gut wie nie schauten.
Es sollte heller werden, freier, luftiger!

Doch ein Teil von mir fragte sich auch: „Ist das denn wirklich nötig? Die Möbel sind doch noch gut! Du kannst doch nicht einfach alles aus einer Laune heraus entsorgen!“
Also fasste ich einen Plan: Die alten Möbel sollten verkauft, die neuen Möbel dann gebraucht gekauft werden. Ideal wäre natürlich, wenn ich die Möbel für den Preis verkaufen könnte, für die ich die „neuen“ oder besser: „vorgeliebten“ Stücke bekommen würde. Quasi eine Nullrechnung.

CDs, DVDs, Hörbücher und Brettspiele wurden aussortiert und es wurde auch endlich Zeit, mich von den massigen Bildbänden zu trennen, die ich vor vielen Jahren begeistert gesammelt, aber seit dem Kauf nicht mehr angeschaut habe.
Dank Momox und eBay Kleinanzeigen wurde ich einiges davon recht schnell los und das erste Geld tröpfelte herein. Es stellte sich dabei heraus, daß ein Bildband, den ich vollkommen vergessen hatte, zum Sammlerstück avanciert war! Den konnte ich sogar für 80 € bei eBay verkaufen.

Nach dem Ausmisten begann ich, mich neu einzurichten. Das Ganze mit den Zielen möglichst wenig neu zu kaufen, möglichst wenig wegzuwerfen und bereits bestehendes aufzuwerten.
Fall ihr also auch dringend einen Tapetenwechsel nötig habt: hier meine Tipps!

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ja so ein Wort, das jeder heutzutage benutzt und das manche deshalb schon gar nicht mehr hören können. Trotzdem finde ich es wichtig, sich ein paar Gedanken dazu zu machen, wenn man im Begriff ist, viel Neues zu kaufen und viel Altes zu entsorgen.

Ein Blick in die eBay Kleinanzeigen hat mich ehrlich gesagt ein wenig schockiert: Man findet hier so gut wie alles! Vieles für sehr wenig Geld, einiges sogar geschenkt… – Warum? Weil wir wirklich eine absolute Wegwerfgesellschaft geworden sind.
Am besten fasste es die junge Frau zusammen, deren Fernsehbank ich abholte. Sie erzählte, daß sie diese erst vor einem halben Jahr gekauft, sich dann aber verliebt hatte und nun mit ihrem Freund zusammenziehen würde. Der war natürlich bereits voll eingerichtet und so musste sie notgedrungen alles was doppelt vorhanden war loswerden. Sie zuckte nur die Schultern und meinte: „Naja… Gut, daß sie jemand nimmt. Wäre echt schade gewesen, die wegzuschmeißen!“
Ich stellte fest, daß überhaupt viele Leute es einfacher finden, sich bei einem Umzug gleich von den alten Möbeln zu trennen und neue zu kaufen, als alles mit umzuziehen.
Das bedeutet, daß man wirklich viel extrem günstig erwerben kann, aber natürlich auch, daß das Angebot so groß ist, daß man beim Verkauf selbst nur wenig für seine alten Möbel bekommt.
Immerhin: Die komplette Billy Regalwand, die ich mir bei einem Zahnarzt und einer Studentin zusammenräubern konnte, kostete mich alles in allem nur 60 €. Der Neupreis wäre bei 260 € gelegen.

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60 € für meine „neue“ Bücherwand! Durch den verkauf eines Bildbandes war die schnell finanziert!

Ein Punkt, der mir aber vorher nicht bewusst war und den ich sehr zu schätzen gelernt habe ist, daß man zwar keine makellosen Möbelstücke kauft, dafür aber eben auch immer eine kleine Geschichte.
Denn man kommt mit den Leuten meist sehr nett ins Gespräch, erfährt etwas über sie und warum sie ihre Möbel abgeben. Manchmal sogar, welche schöne Erinnerungen sie mit ihnen verbinden und all das bekommt man gratis mit dazu.
Und andersherum ist das genauso.
Mein alter Bürostuhl war wirklich schon in die Jahre gekommen. Zwar noch gut, voll funktionsfähig und aus Massivholz, aber im Laufe der Jahre waren die Armlehnen abgebrochen und schön war er deshalb wirklich nicht mehr. Ich hatte bereits den perfekten Ersatz gefunden; einen brandneuen Designerstuhl, der wegen eines sehr dringend Umzugs für schlappe 12,50 € zu haben war, also musste ich den alten nur noch zum Wertstoffhof fahren und die Sperrmüllgebühr zahlen. Aber irgendwie tat er mir leid, wie er da stand, nach 18 Jahren treuer Dienste… Also machte ich schnell ein Foto, lud es bei eBay Kleinanzeigen in der Rubrik „zu verschenken“ hoch und noch am selben Abend meldet sich eine absolut begeisterte Frau, die schon lange nach genau so einem Stuhl für ihr neues Nähzimmer gesucht hatte!
Es stellte sich heraus, daß sie die Löcher absolut nicht störten, weil sie ohnehin vorhatte, das gute Stück abzuschleifen und ihm einen neuen Anstrich zu verpassen. Sie war überglücklich und brachte mir eine Schachtel Pralinen mit und auch ich hatte ein richtig warmes Gefühl dabei. Es ist schön zu wissen, daß der Stuhl nicht zerhäckselt zu einer Spanholzplatte verarbeitet, sondern aufgewertet wird und ein neues Leben bekommt.

Upcycling

Womit wir beim Thema Upcycling sind.
Auch so ein Wort, das Zero Waster gerne verwenden und das manchmal etwas seltsame Formen annimmt. Mit ein paar guten Ideen kann man aber tatsächlich viel Schönes daraus machen!

Auf einem Instagram Account hatte ich ein Foto gesehen, auf dem ein Zimmer mit vielen Pflanzen drin zu sehen war, mittendrin stand ein hölzerner Pflanzenhocker. „Wie schön!“, dachte ich und begann gleich zu googeln, wo ich denn so einen hübschen Hocker finden könnte. Allerdings gab das Internet nicht viel her. Solche Pflanzenhocker waren offenbar in meiner Kindheit in Mode und danach nicht mehr wirklich „in“ gewesen. Überhaupt meine Kindheit! Hatte nicht auch meine Mutter so einen Hocker gehabt?
Also schickte ich ihr einen Screenshot des fancy Instagram Bildes: „Hast du den noch?“
Die Antwort war ein Foto, auf dem man ein völlig verwittertes Holzgestell erkennen konnte, an dem Teile durchgebrochen waren: „Meinst du den?!?“
Ein Glück, daß meine Mutter nichts wegwirft!
„Okay. Nehm ich!“, schrieb ich zurück und verbrachte die nächsten Tage schmirgelnd, sägend, schraubend und nach Leinöl riechend. Als ich meiner Mutter ein Foto ihres reparierten Pflanzhockers schickte, kam ein weiteres Bild: „Ich hab noch die dazu passende Blumenampel. Sieht aber noch schlimmer aus!“
Zwei Tage später hatte ich auch die wieder auf Vordermann gebracht und war mächtig stolz auf mich.

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Pflanzhocker und Blumenampel sind in etwa so alt wie ich. Dank liebevoller Heimarbeit jetzt auch wieder genauso strahlend! Der Schaukelstuhl ist übrigens auch schon 55 Jahre alt.

Doch damit noch nicht genug! Auch ein alter Hocker mit hässlichem, abgeriebenen Lederbezug wurde von meiner Schwiegermutter mit einem neuen Bezug ausgestattet und die Esstischlampe, die ich eigentlich so gelassen hätte, wie sie war, und von der beim Malern leider ein gläserner Lampenschirm zerbrach, ist jetzt eine fancy Holzlampe. Hat nicht jeder und mir gefällts!
Upcycling for the win!

War da nicht noch…?

Was beim Renovieren ebenfalls den Geldbeutel schont, ist es sich Gedanken darüberzumachen, was man selbst vielleicht schon zu Hause hat aber gar nicht richtig nutzt oder was Freunde und Familie abzugeben haben.
Den neuen Teppich in meinem Wohnzimmer hatte ich vor einem Jahr für mein Schlafzimmer gekauft und dort nie genutzt. Fast hätte ich ihn vergessen! Ein Glück, daß er mir noch eingefallen ist.
Und nachdem ich ordentlich ausgemistet hatte, waren plötzlich auch einige Schachteln leer, die nun endlich besser genutzt wurden.
Einen Pflanzableger habe ich frech von meinen Schwiegereltern gemopst. – Hoffentlich wird der was!
Auch diesen obligatorische IKEA Servierwagen, den gefühlt alle Bookstagrammer haben, hatte ich schon seit Jahren zu Hause, aber tatsächlich nur für Bastelkram und dergleichen genutzt. Jetzt hab ich also wohl auch so einen SUB-Wagen. Aber egal… Mir gefällts!

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Pflanzen, Kisten, Teppich und der obligatorische SUB-Wagen… manchmal hat man alles schon zuhause und muss es nur richtig einsetzen.

Aber woran sollte man nicht sparen?

An einer Sache habe ich aber nicht gespart und das ist die Kunst.
Wer meinen Blog nicht erst seit gestern verfolgt, wird wissen wie sehr ich illustrierte Bücher liebe.
Für mein neues Wohnzimmer wollte ich also auch ein paar Bilder, die man eben nicht schon tausendmal bei IKEA oder in irgendwelchen Online Poster-Shops gesehen hat, sondern ganz individuelle Sachen.
Zu Weihnachten hatte ich mir einen Druck von Hülya Özdemir gewünscht, die unter anderem durch ihre Gestaltung der Penguin Sisterhood Collection bekannt ist.
Außerdem habe ich mir einen Linolschnitt von Sofie van Schadewijk gegönnt, deren Insta Account ich auch schon länger folge.
Und dann schrieb ich noch Lucia Zamolo an, deren Buch „Rot ist doch schön“ letztes Jahr zu meinen Highlights gehörte und deren Illustrationen mich in den letzten Monaten immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben, wenn es mir mal nicht so gut ging.
Lucia hat zwar keinen Shop, war aber so lieb mir ein paar Fotos von Drucken zu schicken, aus denen ich mir dann zwei ausgesucht habe.

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Bilder von Hülya Özdemir, Lucia Zamolo, Sofie van Schadewijk und natürlich Kat Menschik. Love it!

Wenn ihr jetzt sagt: „Oh Gott, Andrea! Wir sind doch nicht Krösus!“ – Ganz ehrlich… So teuer waren die Bilder auch nicht!
Wenn ihr also Illustratoren habt, denen ihr vielleicht auf Instagram folgt und deren Bilder ihr liebt: Schaut doch einfach mal, ob sie Etsy Shops haben, oder schreibt sie an. Schaut mal, ob euch etwas gefällt was in eurer Preiskategorie liegt und dann bestellt es oder wünscht es euch zum Geburtstag! Gerade junge Illustratoren brauchen diese Unterstützung und auch die Botschaft, daß man ihre Arbeit wertschätzt… Und oft kostet ein Druck von IKEA gar nicht mal so viel weniger.

Und wie viel hat das alles nun gekostet?

Meine Idee war ja, daß ich es vielleicht irgendwie schaffe, die komplette Renovierung für null Euro über die Bühne zu bringen.
Nun, ganz geschafft hab ich es nicht. Zumindest noch nicht!
Aktuell habe ich 516 € ausgegeben. Ich muss ganz ehrlich sagen, daß ich es gar nicht glauben konnte, wie viel da zusammengekommen ist! Schließlich haben alle neuen Möbel zusammen nur 157 € gekostet. Wie konnte ich also 350 € zusätzlich ausgeben?
Aber all die Kleinigkeiten haben sich ganz schön zusammengeläppert: Wandfarbe, Leinöl, Schmirgelpapier, Stoff, Gardinen, Vorhangstange, ein neuer Lampenschirm, zwei-, drei Pflanzen, eine Vorhangstange… Zehn Euro hier, zwanzig Euro da, nie besonders viel und trotzdem wurds am Ende ein ganz schöner Batzen.
Aber: Eingenommen habe ich immerhin schon 374 €. Auch nicht zu verachten, wenn man bedenkt, daß ich das meiste davon gar nicht mehr brauchte. Bleiben also aktuell noch etwa 140 € Differenz, allerdings ist auch noch lange nicht alles verkauft.
Wie schon erzählt ist der Markt ziemlich übersättigt, aber mich hetzt kein Umzug, ich kann warten, bis sich nach und nach neue Besitzer für meine ausrangierten Sachen finden und dann werde ich – wenn alles gut läuft – am Ende eben doch mein Ziel von der null Euro-Renovierung erreicht haben.

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Mein Fazit

Auf jeden Fall kann ich den Kauf von Gebrauchtem, den Versuch altes in gute Hände weiterzugeben und die Idee, Dinge wieder schick zu machen, nur empfehlen.
Wenn ich jetzt mein neues Wohnzimmer betrete, ist es nicht nur ein Raum, in dem ich mich unheimlich wohl fühle, sondern der auch die Geschichten der früheren Besitzer und den Stolz, den ich fühlte, wenn ein Heimwerkprojekt gelungen war, enthält.
Und meine „neue“, vorgeliebte Bücherwand ist genauso, wie ich sie schon immer wollte. Ich liebe sie!

Last but not least…

An dieser Stelle sollte ich sagen: Ich hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie mein neues Wohnzimmer aussehen sollte und was ich dafür brauchte. Wer ein bißchen flexibler ist, für den dürfte es gar kein Problem werden, das alles noch günstiger zu schaffen.
Trotz alldem aber eine große Bitte: Viele Leute verkaufen ihre Sachen in den eBay Kleinanzeigen, weil sie dringend Umziehen müssen. Bitte nutzt das nicht aus!
Wenn da Verhandlungsbasis steht, dann fragt freundlich nach, wenn es ein Festpreis ist, dann zahlt ihn.
Es ging mir bei meinem Projekt nie um eine „Geiz ist Geil“-Mentalität, sondern darum zu zeigen, daß der Markt völlig überschwemmt ist und es deshalb absolut sinnvoll ist, zunächst einmal gebraucht zu suchen, bevor man immer weiter Neues kauft, während fast Neuwertiges auf dem Müll landet.

Wenn ich jetzt mein „neues“ Wohnzimmer betrete kann ich mir endlich denken: „Hach, schön hab ichs hier!“ Der ganze Aufwand hat sich wirklich gelohnt. : )

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