Review: Jesolo

Andrea – genannt Andi – und Georg sind schon seit ihrer Jugend ein Paar, doch nun, mit Mitte dreißig, wird klar, daß die Beziehung vollkommen stagniert.
Während ihre Freunde heiraten, Häuser bauen und Eltern werden, weigert sich Andi nach wie vor, ihre eigene Wohnung aufzugeben und zu Georg zu ziehen. Wenn die Themen Heirat oder Kinder aufkommen, reagiert sie extrem gereizt und beendet sofort das Gespräch, denn es fällt Andi schwer, sich in dieses vorgefertigte Kleinstadtleben zu fügen. Sie träumt davon, in Spanien zu Leben, von einem Haus am Meer, und doch bricht sie nicht aus und lebt dieses Leben, daß ihr nicht ganz genügt, stoisch weiter.

Beim alljährlichen Urlaub in Jesolo tritt für Andi deutlich zutage, wie eingefahren ihr Leben mit Georg ist: der fährt nämlich schon seit seiner Kindheit stets nur nach Jesolo, immer in das selbe Hotel und lädt sich am Frühstücksbuffet die immer gleichen Speisen auf den Teller…

Nach diesem Urlaub kommt es zum Bruch zwischen den beiden, doch Andi beginnt zu begreifen, daß ihre Liebe zu Georg vielleicht doch stärker war, als ihr unbestimmter Freiheitsdrang.
Dann stellt sie fest, daß sie schwanger ist und ihr Leben wird erneut auf den Kopf gestellt. Ihre ersten Gedanken sind Abtreibung und Flucht, doch wie auch schon zuvor kann sie sich nicht entschließen, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen.

So geht sie zurück zu Georg und gibt die weitere Kontrolle über ihr Leben fast komplett aus der Hand. Als Georg von dem Baby erfährt, beginnt er sofort zusammen mit seinem Vater den Ausbau des Elternhauses zu planen, während Georgs Mutter Möbelhausprospekte wälzt, um die neue Wohnung einzurichten.
Andi ist zu erschöpft, um noch dagegen aufzubegehren. Sie fügt sich, nimmt alles hin und versucht, das Leben anzunehmen, das ihr da aufgedrängt wird.

Doch immer wieder gerät sie in Panik. Schließlich ist ihre eigene Mutter eines Tages sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden. Und Andi kann nicht aufhören, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, auch ihr Leben hinter sich zu lassen und neu zu beginnen…

Mit „Jesolo“ hat Tanja Raich ein wirklich beachtliches Debüt vorgelegt, das tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonistin gewährt und das trotz deren Handlungsunfähigkeit keine Sekunde langweilt. Als Leser fiebert man mit Andi mit, man möchte sie manchmal schütteln, damit sie endlich aus ihrer Lethargie herausfindet und beginnt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, oder ihr versichern, daß das Leben nie perfekt ist und man nicht gezwungen ist, die Fehler seiner Eltern zu wiederholen.

Tanja Raich zeichnet ein sehr präzises Bild unserer Generation, in der das Leben nach einem bestimmten Fahrplan abzulaufen scheint, in der es keinen Platz gibt, um zu Zaudern, und in der man Angst hat, aus diesen Mustern auszubrechen.

„Jesolo“ ist für mich definitiv eines der stärksten Debüts diesen Jahres.