Review: Dort dort

Wer die neuste Folge des „Seite an Seite“-Podcasts schon gehört hat, weiß wie beeindruckt mich Tommy Oranges Debütroman „Dort dort“ zurückgelassen hat.
Heute möchte ich Euch nochmal ein wenig ausführlicher von diesem Buch erzählen, das den American Book Prize gewann, für den Pulitzer Prize nominiert war und es letztes Jahr auf die „Bücher des Jahres“-Liste von Barack Obama schaffte.

„Dort dort“ erzählt die Geschichten von zwölf Protagonisten, die meisten von ihnen sind Native Americans, die das Big Oakland Powwow besuchen wollen; ein Fest, auf dem sie ihre Traditionen pflegen oder einfach nur bei den Tanzwettkämpfen zuschauen möchten…
Alle Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen, keines ihrer Leben verlief bisher reibungslos, doch diese einschneidenden Erlebnisse sind es letztendlich, die sie nach Oakland bringen.
Da ist zum Beispiel Edwin, der seinen Vater vor kurzem über das Internet ausfindig gemacht hat und der ihn hier treffen will, oder Jacquie, die lange Zeit alkoholabhängig war und nun zu ihren Enkelsöhnen zurückkehren will, um für sie da zu sein, oder Dene, der einen Dokumentarfilm über das Powwow drehen möchte.
Doch es gibt auch die, die ihre Chance wittern, ans große Geld zu kommen…

Es dauert – soviel muss gesagt werden – zunächst ein Weilchen, bis sich die Sogwirkung von „Dort dort“ entfaltet. Nacheinander werden die Protagonisten eingeführt und zunächst scheinen die Geschichten nicht viel miteinander zu tun zu haben. Sogar die Erzählform schwankt von Figur zu Figur von der ersten zur dritten Person und wieder zurück.
So wirkt das Buchs anfangs eher wie eine Kurzgeschichtensammlung mit einem gemeinsamen Thema, als ein zusammenhängender Roman, doch nach und nach beginnt man als Leser Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Figuren zu erkennen. Man muss schon aufpassen um das alles richtig zuzuordnen, und so entwickelt sich die erste Hälfte von „Dort dort“ nur langsam…

Doch danach nimmt die Geschichte plötzlich mehr und mehr Fahrt auf und spitzt sich auf ein so dramatisches Ende zu, daß ich das letzte Drittel des Buches in einem Rutsch durchgelesen habe, dabei kaum still sitzen konnte, immer wieder die Hand vors Gesicht geschlagen und mir die Haare gerauft habe… Die Leute in der S-Bahn haben schon ganz unbehaglich geguckt! Damit hat mir Tommy Orange wohl eines meiner intensivsten Leseerlebnisse des Jahres beschert.

Die Geschichten, die in „Dort dort“ verwebt werden, zeichnen ein großartiges Bild einer Kultur, von der viele Leser wohl gar nicht wissen, das es sie gibt. Denn meist denkt man beim Begriff Native American an Wildwest-Romantik, oder vielleicht die Nachrichtenbilder von Protesten in Reservaten, durch die Pipelines gezogen werden sollen. Daß die meisten Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner jedoch nicht in Reservaten, sondern in Städten leben, wo sie den Spagat zwischen dem Erreichen des amerikanischen Traums und der Bewahrung ihrer Traditionen machen, war mir bis jetzt nie so bewusst gewesen.
Daß dies Spuren hinterlässt und der Umgang der US-Regierung mit den Natives in der Vergangenheit tiefe Wunden geschlagen hat, die auch noch Generationen später spürbar sind, arbeitet Tommy Orange höchst eindringlich heraus.

„Dort dort“ ist für mich eines der besten Bücher des Jahres, auch wenn man der Geschichte ein wenig Zeit geben muss, um sich zu entwickeln.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, was wir noch von Tommy Orange erwarten dürfen!