Review: Miroloi

Eine Insel, die wirkt, als wäre sie aus der Zeit und auch ein bißchen aus der Welt gefallen…
Dieser Ort, an dem die Protagonistin aufwächst, funktioniert nach ganz eigenen Regeln: mit einer fast schon archaischen Gesellschaftsstruktur, strengen Gesetzen, einer eigenen Religion, Festen und Ritualen, in der die Männer bestimmen und sich die Frauen fügen.
Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Händler, der etwa einmal im Monat mit seinem Boot auf die Insel kommt, doch auch hier reglementiert der Ältestenrat, was verkauft werden darf und welche Waren wie verteilt werden. Und vieles kann auf der Insel ohnehin nicht gebraucht werden, denn was nutzt schon ein Fernseher, wenn es keinen Strom gibt?

Trotz allem ist das Leben im Dorf – zumindest an der Oberfläche – recht harmonisch. Wichtige Waren, wie Schuhe oder Zahnprothesen, werden von der Dorfkasse bezahlt und nach Bedarf zugeteilt. Jedem Bewohner steht der gleiche Geldbetrag zur Verfügung; Ende des Monats wird das übrige Geld wieder eingesammelt und neu verteilt. Trotzdem wissen alle, daß jene, die ein Familienmitglied im Ältestenrat haben, bevorzugt behandelt werden.
Und wehe denen, die keinen festen Platz in der Gemeinschaft haben… So wie unserer Ich-Erzählerin: als Neugeborene auf den Stufen des Bethauses ausgesetzt, lebt sie wie eine Unberührbare auf der Insel. Sie darf nichts besitzen, hat nicht einmal einen Namen.

Obwohl sie der Bethausvater aufgenommen und zusammen mit seiner Haushälterin Mariah liebevoll aufgezogen hat, ist es auch ihnen nicht möglich, die strengen Regeln des Rates zu umgehen.

Doch als die Protagonistin etwa sechzehn Jahre alt ist, beginnt sich ihr Leben zu verändern. Nach und nach findet sie Freunde und Verbündete im Dorf, sie entdeckt die Liebe und die Lust, und der Bethausvater bringt ihr das Lesen und Schreiben bei, was den Mädchen der Insel verboten ist.
Doch das neue Wissen bringt auch ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten mit sich und während die Ich-Erzählerin die Regeln ihrer Welt mehr und mehr infrage stellt, versuchen die Dorfältesten die Veränderungen, die sich ankündigen mit aller Macht zu verhindern…

„Miroloi“ ist wohl eines der Bücher, über die in letzter Zeit mit am meisten diskutiert wurde. In einigen Feuilletons wurde es von (überwiegend männlichen) Rezensenten verrissen, denen die Kritik am Patriarchat offenbar nicht subtil genug war.
Viele Leser konnte die Geschichte begeistern, andere hatten Schwierigkeiten, sich in die Welt von „Miroloi“ einzufinden.
Damit hatte ich nun wiederum keine Probleme, denn ich hatte das Glück, Karen Köhler im Sommer bei einem netten Abendessen, das der Hanser Verlag organisiert hatte, kennenlernen zu dürfen, und so erfuhr ich aus erster Hand, was hinter dieser aus der Zeit gefallenen Insel steckt. Denn auch wenn die Geschichte manchmal anmutet, als würde sie vor hundert Jahren spielen, kann man sich nach und nach zusammenreimen, daß wir uns in den 1980er Jahren befinden.
Zu Recherchezwecken besuchte Karen Köhler übrigens abgelegene griechische Inseln, sprach mit den Einheimischen und erfuhr, daß einige dieser kleinen Inseln tatsächlich erst Mitte der achtziger Jahre ans Stromnetz angebunden wurden.
In „Miroloi“ wurde diese Abgeschiedenheit natürlich ein wenig überspitzt und mit einer eigenen Religion und Gemeinschaftsorganisation ausgestattet, doch es fiel mir nie schwer, mich in diese Welt einzufinden, anders als bei „The Water Cure“ von Sophie Mackintosh. Auch dort wurde ja vom Leben der Frauen auf einer abgeschiedenen Insel erzählt, doch irgendwie schaffte es diese Autorin nicht, mir ihre Welt glaubhaft zu vermitteln.

Auch Karen Köhlers Schreibstil, mit seiner manchmal fast schon naiven Schlichtheit und den ungewöhnlichen Wortneuschöpfungen, hat mich in keinster Weise gestört. Im Gegenteil; für mich war es das perfekte Stilmittel, um die Abgeschnittenheit der Insel vom Rest der Welt und das Unwissen der Protagonistin auch noch einmal sprachlich zu transportieren.
Und so steht „Miroloi“ meiner Meinung nach auch völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises!

Zum Schluß noch ein kleiner Tipp: an dem schönen Hanser-Abend las Karen Köhler die ersten Kapitel des Romans vor und schaffte es sofort, uns alle mit ihrem Vortrag zu fesseln. Kein Wunder: immerhin hat sie lange genug als Schauspielerin am Theater gearbeitet. Deshalb wollte ich an dieser Stelle auch nochmal das Hörbuch von „Miroloi“ empfehlen, das die Autorin als ungekürzte Lesung selbst eingesprochen hat.

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