Meine Liste der Schande

An manchen Tagen scheinen die Beratungsgespräche in der Buchhandlung perfekt zu laufen. In all der Titelflut zeigt der Kunde nur auf Bücher, die man gelesen und geliebt hat und man kann nach Herzenslust schwärmen… Man empfiehlt ein Buch nach dem anderen, der Stapel in den Armen des Kunden wird immer höher und seine Augen leuchten… In diesen Momenten fühle ich mich wie die Königin der Bücherwelt!

Doch dann kommt der Moment der Wahrheit: der Kunde erwähnt einen Klassiker, oder einen Literaturnobelpreisträger, den ich eigentlich schon vor Jahren hätte lesen müssen und ich kann nur mit den Schultern zucken.
Der Kunde ist enttäuscht und meine credibility dahin…

Natürlich kann ich nicht jedes Buch gelesen haben.
Wer eine grobe Ahnung davon hat, wieviele Bücher jedes Jahr erscheinen, kann sich ausrechnen, daß da für all die Highlights die erschienen sind, bevor ich lesen konnte wenig Zeit bleibt, wenn ich up to date bleiben will.

Und versteht mich nicht falsch!
Ich habe verhältnismäßig viele Klassiker gelesen!
Allerdings hatte ich keinen Deutsch Leistungskurs und auch kein Literaturstudium.

In der Realschule haben wir vielleicht zwei, drei Klassiker gelesen und jeder von uns sollte ein Referat über einen weiteren halten.
Ich habe diese Referate geliebt und tatsächlich viele Bücher von der Liste einfach nur für mich gelesen. „Homo faber“, „Der Erwählte“, „Der zerbrochene Krug“,… – alles Bücher zu denen mich niemand gezwungen hat.

An der FOS sah es mit der Lektüre auch eher mau aus. Im Sommer saßen wir im Schulgarten und hörten unserem Lehrer zu, der uns den „Vorleser“ vorlas… Das war wirklich schön, aber richtig ausgelastet war ich nicht.
Wann immer ein Lehrer ein Buch erwähnte landete es auf meiner Liste.
„Der Name der Rose“ habe ich nur gelesen, weil ein Lehrer meinte, wir wären zu dumm, es zu verstehen. „Menschenkind“ von Toni Morrison war ein Tipp von einem ziemlich angetrunkenen Musiklehrer…

Als ich dann mit meiner Ausbildung zur Buchhändlerin anfing wurden die Leselisten zwar ein klein wenig länger (wenn auch nicht viel… an der Frankfurter Buchhändlerschule ist die Liste wesentlich länger!), aber nach zwanzig Jahren „Effi Briest“ hatte unser Literaturkundelehrer wohl den Punkt erreicht, an dem er eher unbekanntere Bücher der großen Literaten durchnahm, um sich selbst nicht ganz so schrecklich zu langweilen.

Später, als ausgebildete Buchhändlerin hatte ich dann eben alle Hände voll damit zu tun, mich durch die Neuerscheinungen zu arbeiten und tatsächlich kommt es sehr selten vor, daß man eine wirklich anspruchsvolle Klassikerberatung machen muss.

Trotzdem versuche ich jedes Jahr an meinen Lücken zu arbeiten…
Und da gibt es noch erschreckend viele!
Ich habe noch nie etwas von Dostojewski oder Tolstoi gelesen! (Es sei denn, das „Anna Karenina“-Hörbuch zählt?)
Auch bei spanisch- und französischsprachigen Autoren sieht es düster bei mir aus…

Deshalb habe ich irgendwann angefangen, eine Liste zu machen, die ich humorvoll meine „Liste der Schande“ nenne.
Darauf stehen all die Titel und Autoren, die ich wirklich irgendwann mal lesen muss!
Wenn ich also im Beratungsgespräch mit einem Kunden zugeben muss, noch kein einziges Buch von Mario Vargas Llosa gelesen zu haben, sage ich gleich: „Aber er steht auf meiner Liste der Schande!“
Dann lachen die Kunden und mit einem Augenzwinkern kann man weiter beraten.

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Jedes Jahr können ein paar Bücher von meiner Liste der Schande gestrichen werden. Dieses Jahr waren es zum Beispiel: „To Kill a Mockingbird“, „A Moveable Feast“ und Der Report der Magd.

Ich habe nicht das Gefühl, daß es etwas ist, was ich für die Kunden mache. Ich mache das hauptsächlich für mich. Denn diese Bücher sind nicht umsonst zu Klassikern geworden, und auch wenn mich einige Werke nicht wirklich überzeugen können, ist es manchmal faszinierend zu sehen, woher bestimmte Referenzen kommen. Und manchmal versteht man auch einfach nur einen Witz mehr bei den „Simpsons“… 😉

Wie sieht es bei euch aus?
Lest ihr Klassiker auch wenn euch niemand dazu zwingt? 😉
Habt ihr manchmal das Gefühl, daß ihr literarische Wissenslücken dringend schließen solltet?
Enttäuschen euch Klassiker, oder begeistern sie euch?

Ich wünsche euch noch einen schönen zweiten Advent! 🙂