Neuer Lesestoff im März

Ich bin wirklich gespannt, wie sich dieser Monat entwickelt.
Der Kleinste darf ja schon wieder in den Kindergarten, während der Große weiterhin Distanzunterricht hat und ich in den letzten Wochen wieder zum Mathe-Ass werden musste, um Extremwertbestimmungen bei Termen korrigieren zu können. 😉
Vielleicht kann ich diesen Monat auch wieder anfangen, zu arbeiten. – Nachdem ich nun seit Anfang Dezember nicht mehr im Laden war, wäre das auch einmal wieder schön.

Während ich den Novitäten-Frühling 2020 ja eher mau fand, bietet dieses Jahr eine ganze Reihe an Highlights auf, auf die ich mich schon sehr freue.

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Beginnen wir mit zwei Titeln, an denen man derzeit auf Instagram gar nicht vorbeikommt und die ich auf BookBeat bereits gehört habe oder gerade höre: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo und „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah.

„Kim Jiyoung“ war ein Sensationserfolg in Südkorea und hat sich inzwischen zum weltweiten Phänomen entwickelt. Warum das so ist, versteht man schnell, wenn sich mit dem Stoff beschäftigt; denn auch wenn der Schreibstil sehr schnörkellos und an manchen Stellen fast schon sachbuchhaft daher kommt, ist die Erzählung vom Leben einer typischen südkoreanischen Frau, deren Alltag von misogynen Mikroaggressionen geprägt ist, extrem bedrückend und doch gar nicht einmal so weit von der Lebensrealität westlicher Frauen entfernt, auch wenn vieles, das Kim Jiyoung in diesem Roman auf den Kopf zu gesagt wird hierzulande vielleicht eher hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird.

Hengameh Yaghoobifarah haben ja letztes Jahr mit ihrem umstrittenen Artikel „All cops are berufsunfähig“ eine ziemliche Kontroverse ausgelöst. Mich persönlich hat die Kolumne – wenn man sie aufs rein stilistische runterbricht – nicht besonders angesprochen und vermutlich hätte ich ihren Debütroman nicht wirklich auf dem Schirm gehabt, wäre nicht der irgendwie fast schon verträumt wirkende Titel für mich im starken Kontrast zu der rotzfrechen Schreibe des taz-Artikels gestanden.
So war ich dann aber doch recht neugierig und höre „Ministerium der Träume“ derzeit auf meinen Spaziergängen.
Die Geschichte erzählt von Nasrin, deren Schwester bei einem Verkehrsunglück ums Leben kommt. Ein Unfall oder doch Selbstmord?
Während Nasrins Gedanken immer wieder darum kreisen, was wohl mit ihrer Schwester passiert ist, muss sie sich nun auch um deren 14-jährige Tochter kümmern…

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Weiter geht es mit zwei Büchern von Autorinnen, die mich bereits mit ihren Debütromanen begeistert haben.

Raphaela Edelbauer war 2019 für ihr Debüt „Das flüssige Land“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Darin geht es um eine Stadt, die nach und nach von einem riesigen Loch verschluckt wird: Kafka meets Schildbürger.
In „Dave“ geht es nun um künstliche Intelligenz, was mich sofort an Ian McEwans „Maschinen wie ich“ denken lässt.

Megan Hunter hat mich bereits mit ihrem äußerst lyrischem Buch „The End We Start From“ („Vom Ende an“) in ihren Bann geschlagen.
In „Die Harpyie“ erfährt die Protagonistin Lucy, daß sie von ihrem Mann betrogen wird. Um die Beziehung zu retten, trifft man die Entscheidung, daß Lucy ihren Mann dreimal bestrafen darf…
„Die Harpyie“ hört sich für mich beinahe wie ein bitterböses Märchen an. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf!

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Zu guter Letzt liegen noch zwei spannungsgeladene Titel auf meinem Märzstapel: „Das Geheimnis von Zimmer 622“ und „Die Neue“.

Joël Dickers Bücher waren für mich bisher immer die perfekte Mischung aus Krimi und literarischem Genuß; in seinem vierten Roman hat er sich nun selbst zum Protagonisten gemacht.
Hier macht Joël Dicker Urlaub in einem Schweizer Hotel, in dem es zwar einen Raum 621a, aber keinen mit der Nummer 622 gibt. Was steckt wohl dahinter, fragen sich er und seine Zimmernachbarin schon bald und beginnen zu recherchieren…

„Die Neue“ von Harriet Walker ist dagegen ein waschechter Thriller, in dem nichts so ist, wie es scheint.
Ich habe bereits letztes Jahr das englische Manuskript gelesen, da „Die Neue“ mein bold-Patenbuch ist und ich euch im Lauf des Monats – und besonders zum Erscheinen am 18. März – ausführlich davon berichten werde.
Nur soviel sei schonmal verraten: An sich greife ich ja eher selten zu Thrillern, weil mir die Charaktere oft zu eindimensional sind. In „Die Neue“ haben wir es aber mit unheimlich ausgefeilten Charakteren und wechselnden Blickwinkeln zu tun, die den Leser ständig seine Vermutungen ändern lassen müssen.

Kennt ihr schon den ein oder anderen Roman auf meinem Märzstapel und auf welche Titel freut ihr euch in diesem Monat?
Ich wünsche euch eine gute Zeit.

Bleibt alle gesund,
eure Andrea

Ausflüge im August?

Ein Sprichwort, an das ich dieses Jahr oft denken muss, ist: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“.
Ich denke, jeder von uns hat dieses Jahr Pläne gemacht, die dann spektakulär ins Wasser gefallen sind, deshalb traue ich mich fast gar nicht mehr, darüber zu schreiben… Allerdings habe ich die nächsten drei Wochen Urlaub und natürlich habe ich ein paar vorsichtige Pläne gemacht. Drückt mir die Daumen, daß etwas daraus wird!

Ich habe die leise Hoffnung, daß ich bald das Meer sehen darf. Hoffen wir mal, daß uns die aktuelle Situation dem keinen Strich durch die Rechnung macht.
Dafür habe ich mir diese drei Titel ausgesucht, die zwar alle noch nicht regulär erschienen sind, die ich aber unbedingt in Wassernähe lesen möchte.

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„Unter uns das Meer“ von Amity Gaige erscheint erst Ende September, aber die Geschichte schreit geradezu danach, am Meer gelesen zu werden. Immerhin geht es um eine Familie, die sich auf einen Segeltörn in die Karibik aufmacht. Da wäre es doch schade, dieses Buch erst im Herbst in der S-Bahn zu lesen.

Ein dünner Kurzgeschichtenband, der Sommer und Meer verspricht ist „Nach der Sonne“ von Jonas Eika. Ich stelle mir vor, Abends mit Blick aufs Meer darin zu lesen, aber besser nicht zu sehr, sonst bin ich am Ende nur zu enttäuscht, wenn doch wieder nichts daraus wird. „Nach der Sonne“ erscheint am 17. August.

„Untertauchen“ von Daisy Johnson spielt zwar nicht am Meer, sondern auf einem Hausboot, trotzdem darf es mit in den Urlaub, denn auf diesen Titel bin ich schon gespannt, seit er vor zwei Jahren für den Booker Prize nominiert war.
Auf Deutsch erscheint „Untertauchen“ am 14. September.

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Drei Romane, die ich bereits im Juli gelesen oder zumindest angelesen habe, sind „Zeit der Wildschweine“, „Schwarzpulver“ und „Die Wahnsinnige“.

„Zeit der Wildschweine“ ist ein Titel, den mir bereits mehrere Kollegen ans Herz gelegt haben und da Kai Wieland im Herbst wohl in unserer Filiale zur Langen Nacht des Lesens zu Gast sein wird, möchte ich den Roman vorher auf jeden Fall noch lesen.

Ein Debütroman, der mich komplett geplättet hat, ist „Schwarzpulver“ von Laura Lichtblau.
Darin geht es um drei Protagonisten, die in Berlin – wenige Jahre in der Zukunft – leben. Der einzige Unterschied zu unserer Zeit ist, daß mittlerweile eine rechtspopulistische Partei an der Macht ist, die ihre streng konservativen Werte mit einer solchen Macht durchsetzt, daß sich die Geschichte fast schon wie eine Dystopie liest.
Bald hört ihr mehr darüber!

Ein Buch, auf das ich schon gewartet habe, seit ich ein Teenager war, ist „Die Wahnsinnige“ von Alexa Hennig von Lange. Mit etwa 13 Jahren hörte ich zum ersten mal von Johanna von Kastilien, die eigentlich eine der mächtigsten Königinnen ihrer Zeit hätte sein sollen, die aber von ihrer Familie weggesperrt wurde.
Die Geschichte hat mich schon damals unheimlich fasziniert, als mir eine Biografie von Johanna in die Hände fiel. Daß es jetzt endlich einen Roman über diese spannende Frau gibt, freut mich ungemein!
„Die Wahnsinnige“ erscheint am 18. August.

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Obwohl ich mir eigentlich schon wieder viel zu viel vorgenommen habe, haben es aber diesen Monat dann noch zwei richtig dicke Wälzer auf meinen Lesestapel geschafft.

„Brüste und Eier“ von Mieko Kawakami kommt mit einer solch begeisterten Empfehlung von meinem Lieblingsautor Haruki Murakami daher, daß ich nicht anders konnte, als es mir vorzunehmen.
Der Titel erscheint am 18. August.

Und dann musste ich mir noch „A Beautifully Foolish Endeavor“, die Fortsetzung von „An Absolutely Remarkable Thing“ („Ein wirklich erstaunliches Ding“) von Hank Green gönnen.
Der erste Teil hat mir wirklich gut gefallen, nur das Ende hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen. Hoffentlich werden all die Fragen, die nach dem ersten Teil noch offen waren, endlich geklärt.

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Als wäre mein Auguststapel damit noch nicht hoch genug, habe ich mir auch zwei ganz dünne Bändchen ausgesucht. So habe ich immer noch etwas leichtes (aber gehaltvolles) zur Hand, wenn ich die Wälzer nicht mitschleppen möchte:

„Sh*tshow“ von Richard Russo ist eine politische Parabel auf die Präsidentschaft von Donald Trump, „Frausein“ von Mely Kiyak ist ein Essay, der sich auf sehr persönliche Weise mit dem Thema Weiblichkeit auseinandersetzt.
„Frausein“ erscheint am 17. August.

Wie sieht es bei euch aus?
Habt ihr für dieses Jahr Urlaubspläne gemacht, oder bleibt ihr daheim?
Und wenn ihr Urlaub macht: Welche Bücher nehmt ihr mit?

Sonnige Grüße,
Andrea

Review: Das flüssige Land

Dieses Jahr hatte ich mir ja einige Titel, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, vorgenommen und auch wenn mein Favorit letztendlich das Rennen gemacht hat, haben mich doch viele Romane von der Long- und Shortlist schwer begeistert.
Eine Autorin, der ich den Preis ebenfalls herzlich gegönnt hätte, ist Raphaela Edelbauer, die den Leser in ihrem Debütroman „Das flüssige Land“ mit auf eine spannende Gratwanderung zwischen magischem Realismus und zeitgeschichtlicher Vergangenheitsbewältigung nimmt.

Ruth Schwarz ist theoretische Physikerin und steckt gerade mitten in ihrer Habilitation, als sie erfährt, daß ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.
Zunächst steht Ruth völlig neben sich, doch als ihre Tante erwähnt, daß die Eltern in Groß-Einland, der Gemeinde, in der sie aufgewachsen sind, beerdigt werden wollten, beschließt Ruth sofort aufzubrechen, um dort alles für die Trauerfeier vorzubereiten.

Nach ein paar Stunden Fahrt wird Ruth aber plötzlich klar: sie hat keine Ahnung, wo Groß-Einland eigentlich liegt. Zwar hat sie eine ungefähre Vorstellung davon, in welcher Region das Städtchen zu finden sein sollte, doch ihr wird bewusst, daß sie nie selbst dort war und die Angaben ihrer Eltern keine Rückschlüsse auf den genauen Ort zulassen.
Auch ein Blick in die Karten und Anrufe bei verschiedenen Kommunalämtern helfen ihr nicht weiter; Groß-Einland scheint gar nicht zu existieren…
Doch Ruth macht sich verbissen weiter auf die Suche. Sie beginnt, alle Anhaltspunkte, die sie aus den Erzählungen ihrer Eltern hat, zusammenzutragen, das Gebiet, in dem sich das Städtchen befinden müsste, systematisch einzukreisen und gerät letztendlich eher durch Zufall nach Groß-Einland.

Die kleine Stadt entpuppt sich dann auch als ein wenig aus der Zeit und aus der Welt gefallen. Aufgrund eines Baufehlers ist Groß-Einland nämlich nicht wirklich ans Straßennetz angeschlossen und auch das Internet hat hier noch keinen Einzug gehalten. Zwar ist man durchaus an der weiten Welt interessiert, doch alle Bewohner scheinen bestimmen täglichen Ritualen zu folgen, in ihrer Gemeinschaft völlig zufrieden zu sein und kein allzu großes Bedürfnis zu verspüren, Groß-Einland zu verlassen.
Auch politisch grenzt sich die Gemeinde vom Rest Österreichs ab, denn hier wird noch eine Art Feudalismus gepflegt, an deren Spitze die exzentrische Gräfin steht.

Trotz anfänglicher Irritation fühlt sich Ruth schon bald sehr wohl in Groß-Einland und beschließt kurzerhand zu bleiben, als ihr die Gräfin eine Stelle anbietet.
Denn das wohl größte Mysterium liegt unter der Stadt: ein gigantisches Loch, das die Gemeinde nach und nach zu verschlingen droht.
Seit Jahrhunderten wurde hier Bergbau betrieben und die Schächte drohen einzubrechen. Dazu kommt, daß die Stollen in der Nazizeit zum Flugzeugbau genutzt wurden und die Stadt, als sie im Krieg fast vollständig zerstört wurde, einfach mitsamt der Toten zubetoniert und darüber wieder neu aufgebaut wurde. Ein wirklich instabiles Konstrukt ist es, auf dem die Groß-Einländer da leben.
Nun soll die Physikerin Ruth ein Mittel entwickeln, um die Stollen zu versiegeln, und die Gemeinde zu retten.

Doch bald schon wird Ruth von völlig widersprüchlichen Gefühlen geplagt: soll sie den Ort und damit auch die Erinnerung an ihre Eltern retten oder gibt es nicht noch vieles, was aufgeklärt und aufgearbeitet werden müsste, wie das mysteriöse Verschwinden von achthundert Zwangsarbeitern in den letzten Tagen des Krieges. Würde das Einspritzen eines Füllmittels nicht bedeuten, daß damit auch die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nie ans Licht kommen würden?

Man muss weder Geschichte noch Philosophie studiert haben, um die Metapher zu deuten, für die das bodenlose Loch steht, daß sich unter der nach außen hin idyllischen Gemeinde auftut.
Im Lauf der Handlung bricht Groß-Einland nach und nach auseinander, doch die Bewohner nehmen dies mit absolutem Stoizismus hin. Das Offensichtliche wird ignoriert, die Schuld an anderer Stelle gesucht. Solange man die Risse im eigenen Haus so unauffällig verspachtelt, daß die Nachbarn nichts davon mitbekommen, ist alles gut…
Was für ein treffender Vergleich für die gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch hierzulande mehr und mehr abzeichnet, wenn es um die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit geht.

„Das flüssige Land“ überzeugt mit einer geschliffenen und dennoch sehr zugänglichen Sprache, mit einer fantastischen Geschichte, die aktueller und ehrlicher kaum sein könnte, mit einem Setting, das irgendwo zwischen kafkaeskem Roman und Schildbürgergeschichte steht und trotzdem sofort ein lebhaftes und glaubwürdiges Bild der Stadt in unseren Köpfen entstehen lässt…

Für mich ist „Das flüssige Land“ definitiv eines meiner Lesehighlights des Jahres und so bin ich schon sehr gespannt auf den zweiten Roman dieser vielversprechenden Autorin!