Review: Heute hat die Welt Geburtstag

Damals während meiner Ausbildung, also vor etwa zwanzig Jahren, war die Band, auf die wir Buchhändler uns fast alle einigen konnten überraschenderweise Rammstein.
Wenn ich das heute erzähle schütteln die jüngeren Kollegen den Kopf und fragen: „Rammstein?!?“, während die älteren immer noch enthusiastisch „Rammstein!!!“ rufen.
Es sind wohl die sehr poetischen Texte, besonders der früheren Lieder, vielleicht haben wir damals aber auch einfach besser hingehört und die Doppelbödigkeit von Till Lindemanns Lyrik, den Bruch zwischen Inhalt und Ausdruck und den sehr speziellen Humor einfach anders wahrgenommen.

Als ich hörte, daß Flake (eigentlich Christian Lorenz), der Keyboarder der Band, autobiografische Bücher schrieb, war ich zwar neugierig, allerdings nicht so sehr, daß ich sie mir dann auch sofort kaufte.
Erst kürzlich sah ich auf YouTube das Video einer Lesung von Flake mit einem anschließenden Gespräch zwischen ihm und Horst Evers. Fast bin ich aus dem Bett gefallen, so sehr musste ich lachen!
Da war klar: Nicht nur brauchte ich sofort sein aktuelles Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“, sondern es musste unbedingt das Hörbuch sein!

Da mein Großer inzwischen auch seine Liebe zu Metal im Allgemeinen und Rammstein im Besonderen entdeckt hat, überredete er mich, als er das Hörbuch sah, die CDs gleich mit ins Auto zu nehmen, um sie auf der Fahrt gemeinsam zu hören.
Schon nach zwei Minuten lachten der Große und ich dann auch so schallend los, daß der Kleine auf dem Rücksitz zu weinen begann. So laut gelacht habe ich schon lange nicht mehr!

In „Heute hat die Welt Geburtstag“ erzählt Flake von einem ganz normalen Tag auf einer Rammstein-Tour: der Reißverschluss des Kostüms klemmt, die Bühnenschminke, die aus Kaffee besteht, führt zu Schlaflosigkeit und manchmal vergisst man auch seinen Einsatz…
In Rückblenden und kleinen oder größeren Abschweifungen erfahren wir dann auch von der Entstehung der Band, den spannenden ersten Jahren und dem Durchbruch in den USA.
Die Geschichten und Anekdoten sind dabei so skurril und oftmals auch völlig überraschend, daß es einfach nur Spaß macht, Flake beim Erzählen zuzuhören. – Egal ob man Rammstein-Fan ist, oder nicht.

Dank Flakes leicht verpeilter Erzählweise und seinem unterschwelligen Humor lohnt es sich sehr, zum Hörbuch von „Heute hat die Welt Geburtstag“ zu greifen.
Mit knapp neun Stunden handelt es sich hierbei auch um eine ungekürzte Lesung.

Review: Scharnow

Heute gibt es eine Premiere: „Scharnow“ ist nämlich das erste Hörbuch, das ich auf meinem Blog bespreche!
Früher waren Audiobücher ein ständiger Begleiter für mich, mittlerweile habe ich dank der Kinder eigentlich kaum noch Zeit dafür. Im Auto werden familiengerechtere Titel für die schwierige Zielgruppe der 4-40jährigen ausgewählt und dazu gehört „Scharnow“ definitiv nicht!
Trotzdem wollte ich mir Bela B Felsenheimers Debütroman nicht als Hörbuch entgehen lassen, weil er mich vor vielen Jahren schon mit „Die Brautprinzessin“, das er zusammen mit Jochen Malmsheimer eingesprochen hat, begeisterte.

Als es nun vor kurzen zur Leipziger Buchmesse ging, sah ich den perfekten Zeitpunkt gekommen, einmal wieder ein Hörbuch nur für mich zu besorgen.
Doch wirklich anfreunden konnte ich mich mit „Scharnow“ leider nicht. Das mag wohl auch am Format gelegen haben, doch fangen wir erst einmal mit dem Inhalt an:

Scharnow ist ein kleines Städtchen in Brandenburg, in dem eigentlich nie etwas passiert, bis dort plötzlich einfach alles passiert.
Es beginnt ganz großartig mit einem Buchblogger, der über die Jahre hinweg die Lust am Bloggen verloren hat und die ungelesenen Titel mit generischen Texten über den grünen Klee lobt oder in die Tonne haut. Doch eines Tages wird ihm ein Titel zugesandt, der recht schnell kurzen Prozess mit dem Blogger macht.
Das Buch findet seinen Weg in die Freiheit und beginnt, die verschiedenen Charaktere zu beeinflussen…

So weit, so gut; doch dann verschwindet das sonderbare Buch einfach aus der Geschichte, um einem neuen Mysterium Platz zu machen. Nämlich den geheimnisvollen Weltenlenkern: telepathisch begabte Tiere, die sich als Haustiere der Reichen und Mächtigen ins Weltgeschehen einmischen, indem sie ihre Halter durch Hypnose beeinflussen.
Einzig das Bündnis Skeptischer Bürger ahnt, was da vor sich geht, und beschließt sich zu wehren, indem sie solche Haustiere (oder deren tierische Verwandte) aus dem Weg schaffen.

Doch damit nicht genug; außerdem bekommen wir es mit einem sterbenden Superhelden zu tun, dem seine Macht offenbar von eben diesen telepathischen Tieren verliehen wurde (warum bleibt unklar, außer um ein Kapitel aus der Sicht von schwulen Eichhörnchen schreiben zu können, was uns vielleicht einfach nur versichern soll, daß es Homosexualität auch im Tierreich gibt), ein Pakt der Glücklichen, der eine WG voller sehr unglücklich wirkender Männer ist, die in Scharnow ihr Unwesen treiben, ein syrischer Flüchtling (weil Diversität), der sich in ein Mangamädchen verliebt, ein Pornostar mit Jesus-Komplex, den es antörnt mit Frauen zu schlafen, die eigentlich viel zu alt und unattraktiv für einen Mann wie ihn wären, ein Gülle-Milliardär, über den wir sehr viel erfahren, obwohl er – wenn ich mich jetzt nicht komplett verhört habe – eigentlich gar nicht auftritt…
Dann noch der Seelenparkplatz, bei dem die Seelen von Menschen und Tieren, die noch im Limbus festhängen, in nicht mehr ganz taufrische Senioren outgesorced werden.
Oh, und die Außerirdischen. Oder Zeitreisende in einem Raumschiff, so ganz klar wurde das nicht…

Ihr merkt schon… Es wurde mir einfach irgendwann zuviel des Guten.
Die einzelnen Ideen waren wirklich zum Großteil sehr originell und viele der Charaktere extrem gut ausgearbeitet, aber was bringt es mir, zum Beispiel minutenlang von den ganz einzigartigen Geschmackserlebnissen des Buchbloggers zu hören, nur damit er einen Augenblick später von dem Buch dahingemeuchelt wird und wir nie erfahren, warum eigentlich.

Für mich hätte das Ganze funktioniert, wenn man mehr Wert auf einen durchdachten Überbau für die Geschichte gelegt hätte, statt immer neue, immer verrücktere Ideen ins Spiel zu bringen.

Anfangs meinte ich ja auch, daß ich ein wenig mit dem Format zu kämpfen hatte. Hier muss gesagt sein, daß die Geschichte ein wirklich großes Personal auffährt. Manche verschwinden nach ausgiebiger Beschreibung auch gleich wieder, andere bleiben, wechseln aber schon gerne mal die Namen. Ein riesen Kuddelmuddel, für das es dankenswerterweise ein Personenregister gibt, das man aber bei Tempo 130 auf der Autobahn nur schlecht zu Rate ziehen kann.
Unklar war mir auch, warum man sich für eine Gaststimme entschieden hat, die nichts anderes tut, als die Kapitelzahl zu verkünden und die Interlude mit den schwulen Eichhörnchen (wir erinnern uns) vorzulesen. Ansonsten liest Bela B wirklich sehr angenehm, da kann man nicht meckern.

Insgesamt lässt mich „Scharnow“ aber ein wenig überfordert und enttäuscht zurück.

Kennt Ihr „Scharnow“? Wie hat es Euch gefallen?
Könnt Ihr meine Kritikpunkte nachvollziehen?