Kurz und Knapp – Was ich noch so alles gelesen habe #1

Nachdem ich die letzten Monate praktisch kaum zum Bloggen gekommen bin, haben sich so viele Titel angesammelt, zu denen ich zumindest noch ein kurzes Feedback geben möchte, daß mich der Gedanke daran, über jedes dieser Bücher noch einmal einzeln und ausführlich zu schreiben, regelrecht überfordert.
Deshalb habe ich mir nun vorgenommen, einmal kurz von den Titeln zu erzählen, die zum Teil schon länger auf meinem Rezensionsstapel liegen.

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Der Roman, der vermutlich am längsten auf diesem Stapel liegt, ist „Blackbird“ von Matthias Brandt. Ein paar Kollegen und ich hatten schon im letzten Sommer die Idee, dieses Buch gemeinsam zu lesen und dann darüber zu sprechen, aber irgendwie haben wir es nie geschafft, einen Termin zu finden, an dem wir alle Zeit hatten und so rutschte „Blackbird“ bei den Titeln, über die ich schreiben wollte, immer weiter zurück.

Hauptfigur ist der 15-jährige Motte, der eigentlich genug mit der Scheidung seiner Eltern und dem ersten Liebeskummer zu tun hätte, als er erfährt, daß sein bester Freund an Krebs erkrankt ist.
Es fällt Motte immer schwerer, Bogi im Krankenhaus zu besuchen und so zu tun, als ob alles normal sei. Also kapselt er sich mehr und mehr ab. Nicht nur von Bogi, sondern auch von allen anderen.

„Blackbird“ war ein Buch, mit dem ich ziemlich zu kämpfen hatte. Als Mutter von zwei Jungs fällt es mir unheimlich schwer, über lebensbedrohliche Krankheiten bei Kindern zu lesen. Deshalb kämpfte ich beinahe mehr mit dem Buch, als der Protagonist Motte mit seinem schlechten Gewissen. Dabei bedient sich Brandt eines jugendlich „verschlufften“ Erzählstils, der mich auch nicht wirklich mit dem Thema versöhnen konnte.
Kein schlechtes Buch, das nun wirklich nicht, aber einfach nichts für mich.

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Auch schon seit dem letzten Jahr wartet Dana von Suffrins Debütroman „Otto“ auf eine Besprechung. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich die große Freude zu einer Lesung von Dana von Suffrin eingeladen zu werden und eigentlich wollten Andi und ich damals noch im Podcast in einer unserer alten Wohnzimmerfolgen darüber sprechen, aber dann kam verschiedenes dazwischen und auch „Otto“ verlor sich in meinem Rezensionsstapel.

Als der Patriarch Otto im Krankenhaus landet, ist für Timna und ihre Schwester Babi schnell klar, daß sie nicht in der Lage sind, ihrem Vater die rund-um-die-Uhr Betreuung zukommen zu lassen, nach der er verlangt. Nicht so sehr, weil er sie wirklich brauchen würde, aber Otto ist nur dann glücklich, wenn immer jemand da ist, den er herumkommandieren kann und der sich dennoch aufopferungsvoll um ihn kümmert. Von seinen alten siebenbürgischen Kameraden wird im schnell eine Pflegerin besorgt, die sich zum gewöhnungsbedürftigen Familienzuwachs entwickelt.

Rückblickend erzählt Timna von dem verrückten Leben mit Otto und den skurrilen Erlebnissen der Familie. Das schafft Dana von Suffrin mit so viel Wärme und Humor, daß ich hoffe, bald mehr von ihr lesen zu können.

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Ein weiterer Titel, der nun schon lange auf seine Besprechung wartet, ist „Melmoth“ von Sarah Perry.

Melmoth ist eine unheimliche Sagengestalt, die verzweifelte Menschen in ihren Bann zieht, sie mit sich nimmt und erst dann wieder freigibt, wenn sie bereit sind, zu sterben.
Helen glaubt nicht an solche Schauermärchen, doch dann zeigt ihr ihr guter Freund Karel ein Manuskript, daß er von einem Bekannten kurz vor dessen Tod bekommen hat und in dem dieser die Geschichte seines Lebens und seine Begegnung mit eben dieser Sagengestalt beschreibt. Karel wirkt so unruhig und paranoid, daß Helen einwilligt, das Manuskript zu lesen, doch dann verschwindet Karel plötzlich spurlos und Helen beginnt sich zu fragen, ob Melmoth nicht doch mehr sein könnte, als ein bloßes Hirngespinst.

„Melmoth“ ist eine höchst literarische Schauergeschichte, die man ganz wunderbar im Winter lesen kann. So mitreißen und begeisterten wie in „Die Schlange von Essex“, konnte mich Sarah Perry mit „Melmoth“ aber leider nicht.

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Ein dünnes Büchlein ist „Der Hund“ von Akiz.
Auf weniger als 200 Seiten erzählt er von Mo, einem Koch, der in einer Dönerbude gegenüber des berühmt-berüchtigten Sternerestaurants El Cion arbeitet.
Als eines Tages ein Straßenjunge in der Dönerbude aushelfen soll, entdeckt Mo, daß der Junge, den die anderen nur den „Hund“ nennen, ein kulinarisches Talent wie kein zweiter hat. Mo beschließt, zusammen mit dem Hund im El Cion anzuheuern und dort Karriere zu machen, doch dabei setzt er Ereignisse in Gang, die das Leben aller Beteiligten völlig aus den Fugen geraten lassen.

„Der Hund“ ist ein knappe, bitterböse Geschichte, die ein wenig an Süskinds „Parfum“ erinnert. Von der ziemlich derben Sprache sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen.

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Sayaka Murata wurde mit ihrem Roman „Die Ladenhüterin“ bekannt, im Sommer erschien nun ihr neustes Buch „Das Seidenraupenzimmer“.

Natsuki fühlt sich schon als Kind als Außenseiterin. Ihre Eltern bevorzugen klar die Schwester und auch an der Schule ist sie nicht übermäßig beliebt.
Nur in den Ferien, die sie mit der ganzen Verwandschaft im Haus der Großeltern verbringt, fühlt sie sich wirklich wohl, denn in ihrem gleichaltrigen Cousin Yu hat sie einen Seelenverwandten gefunden.
Der erzählt, ein Außerirdischer zu sein und auch Natsuki glaubt, magische Fähigkeiten zu besitzen. So fühlen sich die beiden beieinader sicher und akzeptiert.
Doch zurück an der Schule wird Natsuki von einem Lehrer sexuell mißbraucht und so beschließt sie, daß sie sich Yu einmal hingeben will, bevor sie wohl sterben muss. Das verursacht einen Skandal in der Familie, der Natsuki und Yu für viele Jahre auseinanderreißt.
Erst als die beiden schon erwachsen sind, sehen sie sich wieder. Natsuki ist inzwischen mit einem Mann verheiratet, der nicht mit ihr schlafen möchte. – Eine Absprache, die beide sehr zu schätzen wissen.
Doch als ihre Familien immer mehr Druck machen, daß es doch an der Zeit wäre, ein Kind zu bekommen, wünscht sich Natsuki immer mehr aus der Gesellschaft zu fliehen, in der Menschen offenbar nur Reproduktionsmaschinen sind.
Zusammen mit ihrem Mann fährt sie in die Berge, um Yu zu besuchen, der mittlerweise im abgelegenen Haus der Großeltern lebt. Alle drei wünschen sich ein Leben fernab der Anforderungen der Gesellschaft. Doch schon bald werden sie selbst an diesem abgeschiedenen Ort von den Erwartungen ihrer Familien und der Vergangenheit eingeholt…

Während „Die Ladenhüterin“ noch halbwegs zahm daherkam, empfand ich „Das Seidenraupenzimmer“ schon hart an der Grenze des Erträglichen. Wer Trigger-Warnungen für Bücher braucht, der sollte definitiv nicht nach diesem Titel greifen!

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Zu guter letzt wollte ich euch noch ein Hörbuch ans Herz legen, das mich wirklich unheimlich berührt hat: „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler, gelesen von der Autorin zusammen mit Sandra Hüller.

Als ich Karen Köhler letztes Jahr zur Präsentation ihres Romans Miroloi kennenlernen durfte, las sie uns auch die ersten Kapitel vor, was ein wirklich unheimlich schönes Erlebnis war.
Karen Köhler ist ja ausgebildete Schauspielerin und hat eine extrem angenehme Stimme, dazu kam auch, daß „Miroloi“ ja einen sehr eigenen Rhythmus hat, den die Autorin natürlich perfekt traf. Mit dieser Stimme im Ohr hatte ich dann auch keinerlei Schwierigkeiten, in das Buch mit seiner zum Teil eigenwilligen Sprache zu hineinzufinden.

Nachdem mich Karen Köhler also sowohl als Autorin, als auch als Sprecherin völlig begeistert hatte, wollte ich mir ihre Kurzgeschichtensammlung „Wir haben Raketen geangelt“ unbedingt als Hörbüch anhören.
Blöd nur, wenn man das im Auto macht, denn manche Geschichten bewegten mich derart, daß ich völlig verheult über österreichische Bergpässe kurvte. – Nicht zur Nachahmung empfohlen!

Eine große Empfehlung aber für „Wir haben Raketen geangelt“ und das wirklich unheimlich schön eingelesene Hörbuch, bei dem die Stimmen der beiden Sprecherinnen so gut aufeinander abgestimmt waren, daß ich manchmal wirklich Mühe hatte, sie auseinanderzuhalten.

Kurz und knapp: Empfehlungen aus dem Podcast #1

In den letzten Monaten war ich ja auf diesem Blog nur recht sporadisch aktiv.
Der Grund dafür war in erster Linie der Lockdown, durch den ich drei Monate lang keine freie Minute für mich hatte.
Ich kann mich wirklich nur vor den Laptop setzen und konzentriert schreiben, wenn kein Kind um mich herumspringt und meine Aufmerksamkeit fordert. Ach ja, und natürlich wäre es dazu auch hilfreich, tatsächlich vor einem Laptop sitzen zu können. Wenn der aber vom großen Sohn beansprucht wird, um seine Schulaufgaben machen zu können, dann wird schnell klar, daß für das Bloggen kaum Zeit bleibt.

Ein weiterer Grund, der zu der Corona-Krise dazu kam, war daß der Seite an Seite – Podcast meines Kollegen Andi und mir Anfang März seinen Relaunch erlebte und seitdem ganz professionell von Hugendubel produziert wird.
Während Andi und ich also früher in unseren „Wohnzimmerfolgen“ einfach losredeten und uns keinerlei Gedanken über Form und Gliederung machten, werden die neuen Episoden natürlich wesentlich intensiver vorbereitet. Dazu gehört auch, daß wir ein Skript schreiben, um unserer Redakteurin eine Art Fahrplan für die Folge zu geben und auch um uns abzustimmen, über welche Themen wir diskutieren wollen.
Nun ist es so, daß sich die Skripte, die wir schreiben, einfach nicht auf den Blog übertragen lassen. Dazu sind sie viel zu stichpunktartig und zu unvollständig.
Wenn ich dann aber bereits ein Skript zu einem Buch angefertigt und auch schon im Podcast ausführlich davon erzählt habe, stelle ich inzwischen fest, daß ich bei den meisten Titeln wenig hinzufügen kann. Es fühlt sich dann für mich fast so ein, als würde ich nur noch vom Podcast abschreiben.
Deshalb dachte ich, daß es doch schön wäre, die Titel an dieser Stelle noch einmal kurz und knapp vorzustellen und wenn ihr Lust bekommen habt, mehr zu erfahren, dann könnt ihr das ganz einfach in der entsprechenden Podcast-Folge tun.

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Jasmin Schreiber – Marianengraben

In unserer ersten professionellen Folge, die ihr als Folge #5 hören könnt (immerhin hatten wir vier Episoden bereits mit liebevollem Dilettantismus und wenig Ahnung von Schnittprogrammen in Andis Wohnzimmer aufgenommen) stellte ich Jasmin Schreibers Debütroman „Marianengraben“ vor.

Darin wird die Geschichte von Paula erzählt, die nicht über den Tod ihres kleinen Bruders Tim hinwegkommen kann. Als sie aber eines Nachts auf dem Friedhof einbricht, macht sie eine Begegnung, die ihrem Leben eine völlig neue Richtung geben und sie auf einen unerwarteten Roadtrip schicken wird.

In „Marianengraben“ gelingt Jasmin Schreiber der Spagat zwischen Humor und Traurigkeit perfekt. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe die schönsten Sätze daraus auswendig gelernt… Was will man mehr?

Nachzuhören in Folge #5 Nackt im Hotel Corona

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Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Kaum tauchen wir aus dem Marianengraben auf, erwarten uns schon die nächsten Abgründe mit Katya Apekinas literarischen Erfolgsdebüt „Je tiefer das Wasser“.

Als sich ihre Mutter versucht, das Leben zu nehmen, werden die Schwestern Edie und Mae von Louisiana nach New York geschickt, wo sie von nun an bei ihrem Vater, einem berühmten Schriftsteller, leben sollen. Zu dem hatten die beiden zwar keinerlei Kontakt seit er die Familie kurz nach Maes Geburt verließ, trotzdem kümmert er sich sofort rührend um seine Töchter. Es scheint, als wolle er die verlorenen Jahre wieder gutmachen, doch seine immer besitzergreifendere Art bereitet Edie schnell Kopfzerbrechen. Sie sieht ihre Loyalitäten klar bei der Mutter und bricht auf, um sie aus der Nervenklinik zu befreien. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwestern voneinander getrennt sind, entwickelt sich zwischen den Mädchen und dem jeweiligen Elternteil eine immer verstörender werdende Dynamik.

„Je tiefer das Wasser“ ist ein Roman, der dem Leser die volle Dramatik der Geschichte nur nach und nach preisgibt. Erzählerisch macht das Katya Apekina mit verschiedenen Erzählebenen und Perspektiven so gekonnt, daß ich fast gar nicht glauben kann, daß dies ihr erster Roman ist.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, was wir von dieser Autorin noch alles in Zukunft erwarten dürfen.

Nachzuhören in Folge #6 Germanys next Lovestory

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Angie Kim – Miracle Creek

Ein Gesellschaftsroman, der auch ein Thriller sein könnte, ist „Miracle Creek“ von Angie Kim. Darin geht es um die Bewohner der Kleinstadt Miracle Creek, in der ein schreckliches Unglück passiert ist: bei einer Explosion starben zwei Menschen, darunter der achtjährige Henry. Nun ist ausgerechnet seine Mutter Elizabeth wegen Mordes angeklagt; doch ist der Fall wirklich so klar, wie es zunächst den Anschein hat?

Als die Betroffenen ihre Aussagen machen, begreift man als Leser schnell, daß jeder etwas zu verheimlichen hat und das der Fall nur gelöst werden kann, wenn man die Widersprüche in den Aussagen aufdeckt und so der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ein wirklich spannender und überraschend vielschichtiger Roman, der mich ein wenig an „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joël Dicker erinnert hat.

Nachzuhören in Folge #8 Üble Überraschung

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James Baldwin – Giovannis Zimmer

Einen modernen Klassiker haben sich Andi und ich in Folge #9 mit „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin vorgenommen.

„Giovannis Zimmer“ zählt als einer der Klassiker der schwulen Literatur und wäre in den 1950er Jahren beinahe nicht erschienen; immerhin riet Baldwins Verleger ihm, das Manuskript zu verbrennen. Nun werden Baldwins Werke seit zwei Jahren in einer großartigen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow bei dtv neu aufgelegt.

David ist ein amerikanischer Auswanderer, der gemeinsam mit seiner Verlobten in Paris lebt. Als die aber alleine Urlaub in Spanien macht, verliebt sich David in Giovanni, bei dem er auch eine Zeitlang unterkommt.
Es ist nicht die erste homosexuelle Erfahrung für David, doch in den USA, wo Beziehungen zwischen Männern bei Strafe verboten sind, hat er einen regelrechten Hass auf sich und seine Gefühle entwickelt. Im liberalen Paris sieht er zum ersten Mal die Möglichkeit zu leben, ohne einen Teil seiner selbst verleugnen zu müssen. Trotzdem fühlt er, daß die Zeit mit Giovanni schon bald ein Ende finden wird.

„Giovannis Zimmer“ liest sich – trotz seiner mittlerweile siebzig Jahre – immer noch unheimlich modern, was man wohl der wirklich großartigen Neuübersetzung zuschreiben muss. Doch der innere Kampf, den David mit sich ausfechten muss, lässt einen die Unterdrückung, die queere Menschen noch vor einigen Jahrzehnten erfahren mussten, auf eine fast schon beklemmende Weise miterleben.
Baldwins berühmtestes Buch ist daher keine leichte Lektüre, aber eine absolut lohnende!

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Franziska Hauser – Die Glasschwestern

Dunja und Saphie sind Zwillinge, doch sie haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Dann aber sterben die Männer der beiden am selben Tag völlig überraschend; ein Ereignis, das die Schwestern völlig aus der Bahn wirft.
Saphie, die ein Hotel in der Kleinstadt im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet leitet, in der die Zwillinge aufgewachsen sind, stürzt sich in die Arbeit, während Dunja zunächst einmal gar nicht mehr weiß, was sie nun tun soll. Ihre Kinder sind fast erwachsen und behandeln die Mutter wie eine unliebsame Mitbewohnerin, auf die Arbeit als DaF-Lehrerin kann sie sich nicht wirklich konzentrieren und plötzlich steht die Frage im Raum, ob es nicht Zeit ist, noch einmal neu anzufangen.
Und so zieht Dunja in das Hotel ihrer Schwester, um sich neu zu orientieren, doch nach und nach scheint es, als müssten die Zwillinge das Leben der jeweils anderen übernehmen, um wieder glücklich werden zu können.

„Die Glasschwestern“ ist ein Roman, der viele Themen anschneidet: Tod, Trauer, Depression und die Abnabelung der Kinder, der aber auch auf die deutsche Geschichte kurz vor der Wende eingeht und sich mit Flucht und Verrat beschäftigt. Lauter schwierige Themen, so könnte man meinen, trotzdem liest sich dieses Buch mit einer regelrechten Leichtigkeit und unbeschwertem Humor. Denn – das wird schnell klar – die beiden Schwester und ihre Familie lieben sich trotz all des Dramas und als Leser kann man nicht anders, als sich zu wünschen, Teil dieser Familie zu sein.

Nachzuhören in Folge #9 Fast untergegangene Bücher

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Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ende des 19. Jahrhunderts hat der Leiter der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, den ehrgeizigen Plan, die besten Vertreter des neuen französischen Impressionismus in sein Museum zu holen. Er ist begeistert von Monet, Manet, Renoir und Degas und erkennt als einer der Ersten, wie revolutionär diese neue Kunstform ist. Doch das ruft auch viele Neider auf den Plan. Schon bald entwickelt sich die Frage, ob diese Gemälde ausgestellt werden sollen, zu einem Politikum, das sich bis in die höchsten Kreise um Kaiser Wilhelm II. zieht.

Auch als begeisterter Kunst- und Museumsfan muss ich zugeben, daß ich zuvor noch nie von Hugo von Tschudi gehört hatte. Und das, obwohl die Bilder von van Gogh oder Degas, die ich schon oft in der Neuen Pinakothek in München gesehen hatte, dank der Tschudi-Spende nach München kamen, wo er Museumsleiter wurde, nachdem er in Berlin in Ungnade gefallen war.
Dabei war Hugo von Tschudi ein absolut faszinierender Charakter: zwar war er mit allen bedeutenden Künstlern der damaligen Zeit befreundet oder zumindest bekannt, trotzdem gibt es kein Porträt von ihm, da sein Gesicht von Lupus völlig entstellt war.

Mariam Kühsel-Hussaini schreibt über diesen faszinierenden Mann in einem Stil, der wie mit dem Pinsel eines Impressionisten aufgetragen scheint; sie erschafft neue Worte und spielt begeistert mit den Möglichkeiten der Sprache.
Es würde mich wirklich wundern, wenn dieser Titel nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchen würde.

Nachzuhören in Folge #10 First Date im Fetischshop