In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle

Nachdem ich ja schon von meinem ersten Tag in Hamburg berichtet habe, an dem ich mich dem Team der drei ??? angeschlossen habe, gibt es nun endlich meinen Bericht über die schönen Buchhandlungen, die ich besucht habe.

Ich weiß, daß es dort noch viele, viele andere schöne Läden gibt, die mir zum Teil wärmstens empfohlen wurden. Da ich aber an dem Tag auch noch auf einer Hochzeit eingeladen war, konzentrierte ich mich auf die Buchhandlungen in der Innenstadt.

Trotz der verhältnismäßig kleinen Fläche, auf der die Läden verteilt sind, war ich begeistert, wie unterschiedlich die drei Buchhandlungen sind, die ich euch jetzt vorstellen möchte.

Marissal Bücher am Rathaus

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Als ich diese Buchhandlung betrat, hätte ich fast ein bißchen weinen können, denn ich fühlte mich sofort in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt. Der Geruch, die Beleuchtung und das Mobiliar… alles erinnerte mich an die kleinen Buchhandlungen meiner Kindheit, die in mir den Wunsch geweckt hatten, Buchhändlerin zu werden.

Eigentlich haben sich Buchhandlungen wie Marissal schon seit Jahren überlebt, wurden aufgegeben oder rigoros modernisiert.
Hier haben wir aber noch eine richtige Bücherhöhle, in der sich in den letzten vierzig Jahren vermutlich wenig verändert hat.
Etwas abgestoßenes Eichenfurnier, Schieberegale zur maximalen Flächennutzung, und weil es bei der letzten Renovierung des Ladens wohl noch keine Hörbücher auf CD gab wurden Verkaufsboxen einfach dazuimprovisiert.

Wer jetzt aber denkt, daß Marissal ein eingestaubter Laden ist, der irrt sich gewaltig. Das geübte Auge erkennt sofort, daß man sich hier sehr um die Bücher kümmert, sie in Folie verpackt, falls nicht vorhanden und die Backlist regelmäßig aussortiert.

Die Auswahl ich wirklich groß; im Erdgeschoß findet man hauptsächlich Romane, von dort aus gelangt man über eine gewundene Treppe auf eine verwinkelte Balustrade. Hier gibt es dann Kinder- und Jugendbücher, sowie Sachbücher. Besonders was Reiseliteratur angeht, wurde hier gut bestückt.

Marissal war für mich Liebe auf den ersten Blick, weil ich so nostalgisch wurde und am Liebsten hätte ich die Buchhandlung, so wie sie ist, eingepackt und mit nach Hause genommen.

Marissal – Buchhandlung am Rathaus
Rathausmarkt 7
20095 Hamburg

stories!

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Anschließend ging es ein paar Strassen weiter, ins Hanseviertel, wo man in einer überdachten Passage eine der beiden stories!-Filialen finden kann.
Von dem stories!-Konzept haben wir Buchhändler sogar hier in Bayern schon viel gehört, also musste ich mir das unbedingt mal selbst anschauen.

Die Idee dahinter ist eigentlich das komplette Gegenteil von Buchhandlungen wie Marissal. Hier wird die Backlist bewusst schlank gehalten und ausgewählte Lieblingsbücher werden in Rahmen präsentiert.

Man merkt sofort, daß die Buchhändler hier keine reinen Waren-Verkäufer sind, sondern beinahe schon Kuratoren, die ihren Kunden ein handverlesenes Sortiment voller persönlicher Highlights präsentieren.

In der Filiale im Hanseviertel findet man hauptsächlich Belletristik, Kinder- und Jugendbücher und hochwertige Bildbände.

Ich fand das Konzept wahnsinnig spannend und auch wirklich schön zu sehen, wie der Beruf des Buchhändlers so aufgewertet wird. Weg von dem Versuch, ein möglichst umfassendes Angebot zu bieten, hin zu einem Laden, in dem jedes Buch mit viel Liebe ausgewählt wurde.

Mein Freund hatte allerdings seine Probleme mit dieser Buchhandlung, die ich zum Teil auch nachvollziehen kann.
Zwei der Bildbände hätten ihn interessiert, doch der eine war noch eingeschweißt, der andere in einem Rahmen, der so weit oben war, daß er ihn (obwohl er nun wirklich nicht klein ist) nicht erreichen konnte.
Als er mir das erzählte, lachte ich zunächst und meinte: „Du, wir Buchhändler werden dafür bezahlt, daß wir verschweißte Bücher öffnen und eine Trittleiter bedienen können!“
Aber er ließ das nicht gelten: „Ich möchte Bücher für mich selbst entdecken!“, rief er leicht genervt.
Und irgendwie hat er damit auch recht.
Das stories!-Konzept lädt dazu ein ins Gespräch zu kommen, doch Kunden, die eher schüchtern sind, oder einfach nur stöbern wollen können sich leicht davon eingeschüchtert fühlen, ein Buch aus seinem Rahmen zu nehmen und dadurch eine Lücke zu hinterlassen.

Trotzdem finde ich die Idee wahnsinnig spannend!

stories! im Hanseviertel
Große Bleichen 36
20354 Hamburg

Felix Jud

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Bevor es Zeit war, sich für die Hochzeit in Schale zu werfen, war aber noch ein Besuch bei Felix Jud fällig, einem Laden, der die in Büchern über die schönsten Buchhandlungen immer wieder auftaucht.

Ich muss sagen, daß ich hier nur noch kopfschüttelnd stand, denn die Buchhandlung Felix Jud zeigt all den Existenzängsten der Branche den wohlmanikürten Mittelfinger.

Taschenbücher sind hier Mangelware. Hier gibt es sehr gute, sehr hochwertige Bücher und nicht einen Fingerbreit weniger.
Die aktuellen Neuerscheinungen passen auf einen einzigen Tisch. Hier wurde rigoros ausgesiebt.
Beliebte Reihen wie „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff gibt es natürlich, aber als Taschenbuch? – Fehlanzeige! Da stehen die gebundenen Ausgaben schön nebeneinander im Regal.
Dabei hat man aber nicht das Gefühl, daß es sich hier um Ladenhüter handelt, nein, hier ist das Konzept.

Neben den Romanen gibt es auch einen Bereich mit schönen Sachbüchern, ausgewählten Kinderbüchern und dazwischen Kunst und kleine Skulpturen und eine Etage mit antiquarischen Büchern hinter Glas.

Den Kern des Ladens stellt wohl die riesige Klassikerabteilung dar, die einfach durchzieht, was sich seit Jahren kein Buchhändler mehr traut.
Hier findet man Reihen wie Manesse, die Insel Bücherei und sogar meine geliebten Clothbound Classics nahezu vollständig.
Thomas Manns Werke in der Frankfurter Ausgabe? – Klar, alles hier drüben! Und weil es so schön ist haben wir uns gleich noch die große Kommentierte Frankfurter Ausgabe daneben gestellt!

Jeder Steuerberater müsste angesichts des Wareneinsatzes, der hier betrieben wird, kurz vorm Herzinfarkt stehen. Jeder Bibliophile hingegen erlebt einen Buchgasmus nach dem anderen.

Wie lässt sich eine Buchhandlung mit einem so radikal hochwertigem Sortiment dauerhaft wirtschaftlich führen? – Keine Ahnung… offenbar gibt es hier eine sehr erlesene, gut betuchte und verdammt treue Stammkundschaft.

Auf der Suche nach exquisiten Büchern ist Felix Jud wohl einfach die Adresse in Hamburg!

Felix Jud – Buchhandlung, Kunsthandlung & Antiquariat
Neuer Wall 13
20354 Hamburg

Ich kann nur sagen, daß es mir eine absolute Freude war, so unterschiedliche und einzigartige Buchhandlungen auf einer relativ kurzen Strecke zu sehen.
Jeder dieser Läden hatte etwas, was ihn einzigartig und sympathisch machte.

Vor kurzem sorgte ja eine deutsche Jugendbuchautorin auf ihrem Blog für einen ziemlichen Aufreger…
Die Besitzerin einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung und Fan der Autorin hatte sie gefragt, ob es denn nicht vielleicht eine gute Idee wäre, wenn sie statt immer nur auf Amazon zu verlinken auch kleine Unternehmen, zum Beispiel über Buy Local, vernetzen könnte.
Die Antwort der Autorin war für viele Buchhändler ein ziemlicher Schlag in die Magengrube…
Sinngemäß meinte sie, daß alle Buchhändler mal bitte leise sterben gehen könnten… Schließlich hätten die sie nicht unterstützt, als sie noch keinen Verlag hatte, warum sollte also sie jetzt die Buchhändler unterstützen, und außerdem seinen sie selbst Schuld daran, wenn sie alle eingehen würden, denn den ganzen Einheitsbrei würde heutzutage eh keiner mehr sehen wollen.

Es sprach viel verletzter Stolz aus dem Beitrag der Autorin und auch wenig Kenntnis der Branche. Wenn ich sehe, wie unterschiedlich und einzigartig Buchhandlungen sein können, die alle praktisch nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, wird klar, wie falsch die Anschuldigungen dieser Autorin sind.

Mein kurzer Ausflug nach Hamburg hat mir jedenfalls das buchhändlerische Herz gewärmt und ich freue mich schon auf mein nächstes Abenteuer aus der Kategorie In vollen Zügen nach…

Was haltet ihr von den verschiedenen Konzepten?
Liebt ihr diese kleinen alten Buchhandlungen so wie ich oder habt ihr es lieber moderner?
Hättet ihr Berührungsängste dabei, ein ausgewähltes Buch aus seinem Rahmen zu nehmen, oder entdeckt ihr lieber eine versteckte Perle in einer Bücherhöhle?

Ich freue mich schon auf eure Kommentare!

Liebe Grüße,
Andrea

Was bisher geschah:

In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 1: Die drei ??? und die weinende Frau

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In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 1: Die drei ??? und die weinende Frau

Letztes Wochenende war es endlich mal wieder Zeit für eine kleine Reise in der Rubrik In vollen Zügen nach…
Hamburg hatte ich dieses Jahr zwar nicht wirklich eingeplant, aber nachdem ich zu einer Hochzeit eingeladen wurde und es dank Bahn-Bonus-Card ein Gratis-Ticket für den ICE gab, gab es auch keine Gründe, nicht hin zu fahren.

Für die Zugfahrt hatte ich mir Nutshell von Ian McEwan, Die Herrenausstatterin von Mariana Leky und Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe von Benjamin Alire Sáenz mitgenommen, aber enttäuschenderweise kam ich gar nicht so viel zum Lesen, wie ich mir gewünscht hätte.
Ich habe wohl zu viele Schläfchen gemacht, aber nachdem es an diesem Wochenende doch noch gut 300 Seiten wurden, werde meinen Blog-Namen nicht ändern müssen. 😉

Der öffentliche Nahverkehr von Hamburg hat dann auch gleich noch Pluspunkte bei mir gesammelt, mit einer sehr schönen Aktion, bei der in den Bussen kleine Bücherschränke mitfahren dürfen. Bitte mehr davon!

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Am Abend trafen wir uns dann mit Freunden auf der Reeperbahn, wo ich mein persönliches Highlight der Reise erlebte.

Normalerweise stelle ich ja bei In vollen Zügen nach… hauptsächlich schöne Buchhandlungen und andere Bookish Places vor, und die werden im nächsten Beitrag nicht zu kurz kommen, aber mein Favorit war etwas, bei dem auch alle Krimileser, Hörbuch-Liebhaber und ganz besonders Fans der „drei ???“ auf ihre Kosten kommen.

Denn wir hatten ein Escape Game bei Skurrilum gebucht, dem angeblich besten Anbieter in Hamburg, und die Erwartungshaltung war entsprechend hoch.

Für alle, die mit Escape Games noch keine Erfahrungen gemacht haben, eine kurze Erklärung:
Die Idee ist denkbar einfach. – Ihr werdet zusammen mit Freunden oder Kollegen in einen Raum gesperrt und habt eine Stunde Zeit, wieder zu entkommen.
Dazu müssen Codes geknackt, Rätsel gelöst und als Team zusammengearbeitet werden.
In der Anfangszeit bestanden die meisten Escape Games nur aus einem Raum mit billigem IKEA Mobiliar und Zahlenschlössern, heute kann man bei vielen Anbietern in die spannendsten Welten abtauchen… Ich habe mich beispielsweise schon aus Burgverliesen und Pharaonengräbern befreien müssen.

Das Skurrilum in St. Pauli geht sogar noch einen Schritt weiter und hat Escape Räume konzipiert, in denen die Geschichte so im Vordergrund steht, daß man zunächst mit einem Hörspiel startet und dann beginnt, die Handlung selbst zu beeinflussen.

Ursprünglich war das Ganze wohl als „Die drei ???“- Abenteuer geplant, aber es war offenbar problematisch, eine Lizenz dafür zu bekommen.
Deshalb wurde Geisterjäger Ernie Hudson (bekannt von den Ghostbusters) ins Leben gerufen, von dem es jetzt auf St. Pauli bereits zwei Spiele gibt.

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Wir hatten uns für „Geisterjäger Ernie Hudson und die weinende Frau“ entschieden und waren davon absolut begeistert!

Das Escape Game beginnt tatsächlich mit einem Hörspiel. Eine verzweifelte Frau bittet Ernie Hudson um Hilfe, weil es in ihrer Villa spukt. Immer wieder wird sie nachts von dem Schluchzen einer Frau geweckt.
Da der Geisterjäger selbst verhindert ist, liegt es nun an seinen Praktikanten (also den Spielern), Licht ins Dunkel zu bringen.

Das Hörspiel erinnert schon wirklich stark an „Die drei ???“, was vermutlich auch daran liegt, daß der Sprecher Jens Wawrczeck (bekannt als die Stimme von Peter Shaw) mit von der Partie war.
Nach der kurzen Einleitung beginnen die Spieler, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, doch der Erzähler schaltet sich immer wieder ein, gibt kleine Hinweise, oder erlaubt sich auch den ein oder anderen Spaß.
Für jeden Fan der drei Detektive ist es, als hätte man plötzlich selbst ihre Rollen übernommen.

Mehr will ich gar nicht verraten, nur so viel…
Ich habe noch nie ein Escape-Game gespielt, in dem es eine so gut durchdachte Geschichte gab, war noch nie beeindruckter von der Gestaltung der Räume und war absolut hingerissen von den Effekten.
Obwohl wir alle schon „alte Hasen“ waren, haben wir an drei Stellen Szenenapplaus gegeben und sogar gejauchzt vor Freude.

„Geisterjäger Ernie Hudson…“ ist wirklich ein Spiel, daß man gespielt haben sollte, wenn man Escape Games mag. Aber auch für alle, die schon immer mal in ein Hörbuch oder eine Geistergeschichte eintauchen wollten, ist es ein kleines Highlight.

Kleine Kritik (auf ganz hohem Niveau): von den Anbietern wurde „Ernie Hudson und die weinende Frau“ für vier bis acht Spieler empfohlen.
Ich würde aber raten, es nur mit einer kleinen Gruppe zu spielen.
Die meisten Rätsel lassen sich von ein bis zwei Personen lösen und da man nur eines nach dem anderen machen kann, würden sich bei einer Gruppe von acht Personen die meisten nur die Füsse in den Bauch stehen.

Abgesehen davon gibt es von mir eine unbedingte Empfehlung!

Wie sieht es bei euch aus?
Habt ihr schon Erfahrungen mit Escape Games gemacht?
Wie findet ihr die Idee, auf diese Art selbst in eine Buch- oder Abenteuerreihe einzutauchen?

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Und im nächsten Beitrag stelle ich euch ganz wunderbare Buchhandlungen in Hamburg vor. Versprochen! 😉

Liebe Grüße,
Andrea

Hier könnt ihr lesen, wie es weiter ging:

In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle

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