Rechts und Links im Buchhandel – Vom Platzen der Filterblase

Zum Tag der Deutschen Einheit gibt es heute von mir einmal einen fast schon politischen Beitrag.
Ich habe dieses Thema lange mit mir herumgetragen und mich gefragt, ob ich wirklich darüber schreiben soll, denn mir ist klar, daß es stark polarisieren kann.
Sollte es also Diskussionsbedarf geben bitte ich Euch nur um eins: bleibt höflich und aufgeschlossen.

2010 erschien Thilo Sarrazins vieldiskutiertes Buch „Deutschland schafft sich ab“, das monatelang die Spiegel-Bestsellerliste anführte.
Die Wochen nachdem das Buch auf den Markt gekommen war, waren eine Zeit, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht wirklich gerne in die Arbeit gegangen bin.
Denn plötzlich hatte ich das Gefühl, auf einem Schlachtfeld der Ideologien zu stehen… Fast täglich wurde ich wütend angeknurrt, was ich für ein Mensch sei, daß ich so einen Dreck verkaufen würde, andere fragten mich mit glänzenden Augen, ob ich es denn auch schon gelesen hätte und wenn ich den Kopf schüttelte wurde schon mal ein „Leute wie ihr werdet schon noch sehen…“ in meine Richtung gezischt.

An dieser Stelle fragt Ihr Euch nun vielleicht nach meiner politischen Einstellung.
Tatsächlich ist die für diesen Beitrag relativ irrelevant, denn man kann dieses Thema von beiden Seiten gleich betrachten.
Um aber ein bißchen Farbe zu bekennen: ich bin kein politisch engagierter Mensch, ich gehe aber brav zum Wählen und habe ein ausgeprägtes humanitäres und ökologisches Bewusstsein. Meine Einstellungen würde ich als recht liberal bezeichnen…
Eigentlich sind alle Buchhändler, die ich kenne ein sehr offenes und liberales Grüppchen. Das gilt wohl auch für die meisten Vielleser.
Wenn man in ständig neue Protagonisten mit unterschiedlichen Hautfarben, Geschlechtern und Religionen hineinschlüpft, fällt es schwer, verallgemeinernder Polemik Glauben zu schenken…

Und trotzdem… und da kommen wir zur Crux an der Sache… trotzdem arbeite ich in einer Buchhandlung, in der Bücher verkauft werden, die meinen inneren Überzeugungen zuwiderlaufen. Und ich finde sogar, daß es wichtig ist, diese Bücher in der Buchhandlung zu haben.

Lasst mich erklären…

An dieser Stelle wird nämlich gerne der Vorwurf gemacht, daß der Buchhändler seine Seele für ein paar Euro verkauft und ja, es kann sich nicht jeder leisten, ein Buch, das ein halbes Jahr lang auf Platz eins der Bestsellerliste steht komplett zu ignorieren.
Aber das ist nicht der Punkt.
Die Sache ist die: würde ein Kunde, der dieses spezielle Buch sucht von seinem Kaufvorhaben abgebracht werden, nur weil ich es nicht anbiete?
Ich denke nein. Der Kunde würde sein Handy aus der Tasche ziehen und auf die Website seiner favorisierten Onlinebuchhandlung gehen und es sich dort bestellen. Ganz nebenbei würde der Algorithmus zuschlagen und schon wäre sie da: die Filterblase.

Ich denke, mittlerweile bekommen wir langsam ein Bewusstsein dafür, was diese Filterblase mit uns anstellt. Gleich und gleich wird zusammengeführt, man bewegt sich in einer Echokammer, in der alle einer Meinung sind und sobald man die unterschiedlichen Ansichten aufeinander loslässt, zum Beispiel in der Kommentarfunktion auf Facebook, herrscht Krieg.

Dabei kann sich fast niemand der Filterblase entziehen: Netflix empfiehlt dir deine neue Lieblingsserie, Spotify stellt eine Playlist mit den großartigsten Titeln zusammen, von denen du noch gar nicht wusstest, daß es sie gibt, und dein Onlinebuchhändler macht dich darauf aufmerksam, daß „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben“, auch jenes kauften.
Wenn wir uns dann anschauen, was da angepriesen wird, dann ist recht schnell klar, daß der Algorithmus nicht darauf programmiert wurde, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzudecken, sondern in die immer gleiche Kerbe zu schlagen.

Und das ist die Stelle, an der ich es in der Buchhandlung anders machen kann.
Ich habe die Möglichkeit, Rechts neben Links zu legen, Gauland neben einen AfD-Aussteigerbericht, Ulfkotte neben Albright…

Ich denke, wir unterschätzen, wie sehr Filterblasen unser Denken beeinflussen und der einzige Ort, sie zu durchbrechen ist die Realität.
Gehe ich davon aus, daß jeder AfD-Wähler, der sich ein Buch darüber holt, wie schlimm der Islam ist, auch gleich noch einen Titel mitnimmt, der seine Thesen widerlegt?
Eher nicht.
Aber ein bißchen Hoffnung habe ich. In beide Richtungen.
Vielleicht blättert der AfD-Wähler ja doch in einem kritischen Buch und der ein oder andere Satz setzt sich bei ihm fest.
Vielleicht nimmt aber auch jemand, der AfD-Wähler für kapitale Idioten hält, eins dieser populistischen Werke in die Hand und versteht plötzlich, welche Ängste da geschürt werden…

Ich sehe mich als Buchhändlerin, nicht als Meinungsmacherin.
Ich kann meine Kunden nicht von meiner Weltanschauung überzeugen, dafür ist zu wenig Zeit und die wenigsten kommen zu mir, um sich missionieren zu lassen.
Was ich aber tun kann ist ein möglichst breites Meinungsspektum anzubieten um jedem die Möglichkeit zu geben, auch in Bücher hineinzublättern, die seinen Überzeugungen vielleicht zuwiderlaufen.

In den letzten Jahren geht dieses Spektrum immer weiter auseinander und ja, das macht mir manchmal Angst.
Aber es totschweigen, boykottieren und so die Filterblasen nur noch stärker zu machen… das ist auch keine Lösung.

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