Review: Loyalitäten

Für viele Lesern zählte Delphine de Vigans „Loyalitäten“ zu den besten Büchern des letzten Jahres.
Auch ich war gespannt auf diesen Roman, obwohl ich ein wenig Angst hatte, daß mich die Geschichte sehr persönlich treffen könnte.
Denn mein älterer Sohn ist – wie die Hauptfigur Théo – zwölf Jahre alt und auch er hat im letzten Jahr sehr stark und erwachsen sein müssen.
Trotzdem wollte ich „Loyalitäten“ unbedingt selbst lesen, um zu sehen, warum dieses Buch so viele Leser begeistern konnte.

Anfangs ist es für Théo und seinen besten Freund Mathis nur ein Spiel. Eine Mutprobe, bei der sie einen Schluck Alkohol aus der Flasche eines älteren Mitschülers trinken sollen.
Doch schon bald wird es für die beiden Jungen zum Zeitvertreib, sich in den Pausen und Freistunden in ihrem Versteck zu treffen und sich zu betrinken.
Während es für Mathis zunächst einfach nur ein kleiner Akt der Rebellion gegen seine Lehrer und Eltern ist, wird es für Théo bald zu einer Möglichkeit, den Alltag zu betäuben und weit von sich zu schieben.

Denn Théos Eltern sind geschieden und sein Vater, bei dem er jede zweite Woche verbringt, verliert immer mehr die Kontrolle über sein Leben. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hat und er seinen Job verliert, befindet sich Théos Vater in einer Abwärtssprirale, in der ihn seine Medikamente gegen Depression so lähmen, daß er nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen, oder sich selbst und seinen Sohn zu versorgen.

Mit seiner Mutter kann Théo nicht darüber sprechen, denn seit sie von ihrem Mann verlassen wurde, haben sich die Fronten zwischen ihr und ihrem Exmann verhärtet. Sie sprechen kein Wort miteinander, gehen sich aus dem Weg und so merkt niemand, wie Théo dabei ist, an der Situation zu zerbrechen.
Niemand, außer seiner Lehrerin Hélène, die jedoch lange nicht begreift, was mit dem Jungen nicht stimmt. Stattdessen projeziert sie die Erinnerungen an ihre eigene schlimme Kindheit auf Théo und geht davon aus, daß er daheim geschlagen wird.

Da aber niemand sonst aus dem Kollegium Théos Verhalten als besonders auffällig empfindet und die Schulkrankenschwester keine Anzeichen einer Misshandlung feststellen kann, wird Hélène geraten, sich nicht in die weiter in die Sache zu verrennen.
Doch Hélène wird immer besessener von der Idee, Théo retten zu müssen, was sogar soweit geht, daß sie seiner Mutter auflauert.

Die einzige, die die Jungen beim Trinken ertappt ist Mathis Mutter Cécile, doch die ist zu sehr mit ihrer eigenen lieblosen Ehe und dem Doppelleben ihres Mannes beschäftigt, als daß sie Théo helfen könnte.
Stattdessen wird er für sie zum Sündenbock, vor dem sie ihren Sohn schützen will…

„Loyalitäten“ hat mich wirklich begeistert.
Ich habe das Buch fast in einem Zug durchgelesen und kann absolut verstehen, warum es für viele Leser eines der besten Bücher 2018 war. Ich schließe mich da gerne an!

Bei dem Thema hätte es leicht zu einer recht süßlichen Geschichte eines Jungen werden können, der gerettet werden muss. Doch „Loyalitäten“ setzt seinen Schwerpunkt völlig anders. Nicht Théo und seine Probleme stehen im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Personen um ihn herum, die so in ihrer eigenen Welt gefangen sind und sich derart mit ihren eigenen Problemen beschäftigen, daß sie die Situation völlig falsch interpretieren. Und auch die titelgebenden „Loyalitäten“ sind sich in dieser Geschichte nichts positives, sondern halten die Protagonisten regelrecht gefangen und machen sie handlungsunfähig.

Ein Wohlfühlbuch ist „Loyalitäten“ definitiv nicht, aber eines, das dem Leser unter die Haut geht.
Mein einziger Kritikpunkt war, daß der Roman recht abrupt endet. Im Nachhinein muss ich sagen, daß es sehr gelungen ist, das Buch an einem Wendepunkt zu beenden, so daß der Leser die Geschichte selbst weiterspinnen muss.
Als ich auf der letzten Seite war, konnte ich es kaum fassen. In der Buchhandlung habe ich mir sofort ein Exemplar geschnappt, um zu sehen, ob in meiner Ausgabe nicht vielleicht doch ein paar Seiten fehlen.
„Loyalitäten“ ist definitiv ein Roman, der den Leser nicht so schnell wieder los lässt.

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Review: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung

Morgen ist schon wieder der letzte Adventssamstag und wenn ihr bis jetzt noch keine Geschenke habt, ist dies nun der perfekte Augenblick, um in Panik zu verfallen. 😉
Für uns Buchhändler ist dies die anstrengendste, aber auch wichtigste Zeit des Jahres. Ein betriebswirtschaftlicher Himmel und eine logistische Hölle…
Man muss es erlebt haben, um es zu verstehen, oder vielleicht einfach das schöne Büchlein „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“ von Petra Hartlieb zur Hand nehmen.

Vor fünfzehn Jahren kauften sie und ihr Mann ganz überraschend eine kleine Traditionsbuchhandlung in Wien. Seitdem ist Petra Hartlieb Buchhändlerin mit Leib und Seele und macht ihren Laden immer wieder zum Mittelpunkt ihrer Bücher, sei es nun in den beiden Bänden zur „wundervollen Buchhandlung“, oder in ihren historischen Romanen.

In ihrem neuen Buch beschreibt sie das Leben eines Buchhändlers im Dezember. Das Kind kann nicht mehr richtig versorgt werden, die Wohnung über dem Laden verwandelt sich in einen Lagerraum und wenn Freunde, die ganz offensichtlich keine Ahnung haben, was es bedeutet im Weihnachtsgeschäft Buchhändler zu sein, darauf bestehen, daß man sie besucht, schläft man auch gerne mal über dem Essen ein…

Dabei passiert aber auch immer viel lustiges, unerwartetes und skurriles.
Besonders schön fand ich Petra Hartliebs Geschichten von Kunden, die im Lauf der Zeit zu Freunden wurden, und ihre Buchhändler tatkräftig unterstützen. Sei es nun durch das Mitbringen von Grillhendl, Einladungen an die vernachlässigte Tochter oder in dem der Arzt einen Hausbesuch macht, um seinen kranken Buchhändlern Infusionen zu legen, damit sie am nächsten Tag wieder fit im Laden stehen können…

Ich war fast ein bißchen neidisch, daß ich in einer großen Buchhandlung arbeite, in der die Logistik dann doch etwas runder läuft und niemand die ganze Nacht über Bücher auspacken muss, wenn man liest, wie rührend sich Petra Hartliebs Stammkunden um sie und ihr Team kümmern.

Als Buchhändlerin erkenne ich vieles wieder und kann Kapitelüberschriften wie „Lass mich einfach hier sitzen und sterben“ nur emphatisch nickend zustimmen.
Wer sich denkt, daß wir da vielleicht ein bißchen übertreiben, der lese dieses wunderbare Buch, das kein Blatt vor den Mund nimmt und trotzdem humorvoll wie herzerwärmend ist. Am Ende wird man eine größere Wertschätzung für den Einzelhandel im allgemeinen und den Buchhandel im besonderen haben.

Also ihr Lieben, wenn ihr heute und morgen panisch in die Läden einfallt: seid lieb zu euren Verkäufern und Buchhändlern. Das brauchen sie dieser Tage ganz besonders… ❤

Review: Der magische Adventskalender

Jonas ist ein schwieriger, bockiger Junge, der sich seit dem Tod seiner Großmutter vor einem Jahr mehr und mehr zurückgezogen hat. Doch am ersten Dezember macht er eine Entdeckung, die alles verändern wird.
Denn vor seiner Tür liegt ein seltsames Holzkästchen, ein Adventskalender, dessen Türchen sich jedoch nicht öffnen lassen. Stattdessen sind auf allen Türen Symbole, die für Menschen aus Jonas engerem oder auch weiterem Bekanntenkreis stehen. Nur mithilfe der richtigen Person am richtigen Tag lässt sich der Adventskalender öffnen und so muss Jonas lernen, wieder auf die Leute zuzugehen, um Hilfe zu bitten und auch etwas für andere zu tun…

Eine wirklich schöne Geschichte, die mir ein bißchen bekannt vorkam.
Euch auch?
Denn „Der magische Adventskalender“ wurde vor zwei Jahren im Rahmen einer Werbekampagne für die Telekom geschrieben. Damals gab es die Geschichte allerdings noch nicht als Buch, sondern als zweiminütigen Werbespot, den ich seinerzeit auch gesehen hatte und mich wohl unterbewusst beim Lesen daran erinnert habe.
Außerdem hat Rufus Beck die damalige Fassung als Hörbuch eingelesen, welches man sich auch gratis im Netz anhören kann.
Nun hatte Jan Brandt aber die Gelegenheit, diese schöne Geschichte nochmal nach seinen eigenen Vorstellungen zu bearbeiten und ihr eine persönlichere Note zu verleihen.

Illustriert wurde „Der magische Adventskalender“ von Daniel Faller, der daraus kein süßliches Winterwunderland machte, sondern dem Ganzen einen eher düsteren Look in Blau- und Schwarztönen gab, was mir persönlich richtig gut gefällt. Ich mag es ja, wenn Verlage Neues ausprobieren und nicht dem üblichen 08/15-Schema folgen.

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Vielleicht wirkt dieses Buch auf den ersten Blick ein wenig fehl am Platz, wenn man es auf dem Weihnachtstisch zwischen all den pummeligen Englein und fröhlichen Weihnachtsmännern sieht, doch lasst Euch davon nicht täuschen: die Geschichte ist spannend, geht ans Herz und spricht Leser aller Altersgruppen gleichermaßen an.
So kann man es auch wunderbar zur abendlichen Adventslektüre für die ganze Familie machen.

Wenn Ihr nun an dieser Stelle sagt: „Das hört sich aber gut an, doch wo nur wo bekomme ich dieses wunderbare Buch?“, dann schaut doch noch bei meinem Gewinnspiel vorbei:

Weihnachtliches im Dezember und ein kleines Gewinnspiel

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Im Rahmen der Aktion #GeschichtenvomTeilen des Dumont Verlages verlose ich nämlich noch bis morgen Abend (Samstag, den 08.12.2018 um 23:59 Uhr) ein Exemplar von „Der magische Adventskalender“.
Schaut mal vorbei!

Review: Das weibliche Prinzip

Seit Monaten findet man dieses Buch ja auf sämtlichen englischsprachigen Blogs, nun ist Meg Wolitzers Roman „Das weibliche Prinzip“ endlich auf Deutsch erschienen und wird als das Buch zur #metoo-Debatte verkauft.
Zeit, mal einen Blick hineinzuwagen…

Der schüchternen Greer passiert, was leider viele Frauen erleben müssen; auf einer Studentenparty wird sie von einem Kommilitonen angegrapscht und verbal gedemütigt.
Greer versucht, das Geschehene zu vergessen, doch als immer mehr Frauen am Campus von eben jenem Studenten belästigt werden kommt es zu einer Anhörung, bei der auch Greer aussagt. Das Ergebnis ernüchtert: denn der Täter kommt ohne nennenswerte Strafe davon.
Frustriert überlegt Greer, was man tun könnte und als ihre beste Freundin Zee sie mit zur Rede der bekannten Feministin Faith Frank nimmt, fragt sie diese kurzerhand um Rat.
Auch Faith hat keine Lösung parat, drückt ihr aber ihre Karte in die Hand und so kommt es, daß Greer nach dem Studium einen Job in Faiths Organisation bekommt.
Zunächst ist Greer absolut begeistert davon, mit Faith zusammen zu arbeiten. Sie ist ihr großes Vorbild und in Greers Vorstellung fast schon so etwas wie ein Mutterersatz.
Doch die Gute Sache rückt mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund. Statt Frauen in Not zu helfen geht es bald nur noch um Benefizveranstaltungen mit der reichen Elite.
Als Greer dann auch noch feststellt, daß Gelder für missbrauchte Frauen veruntreut wurden, kommt es zum Bruch…

Doch an dieser Stelle könnte ich auch eine völlig andere Inhaltsangabe schreiben:

Greer und ihr Freund Cory sind seit der Highschool ein Paar. Obwohl sie in unterschiedliche Colleges gehen und Cory später beruflich nach Manila versetzt wird, schaffen sie es irgendwie, ihre Beziehung aufrecht zu erhalten.
Doch dann kommt es zu einem schrecklichen Schicksalsschlag und Cory, der immer so zielstrebig und ehrgeizig war, wird komplett aus der Bahn geworfen.
Und während Greer Karriere macht, versucht er die Scherben seines Lebens wieder zusammen zu setzen…

Das hört sich nach zwei völlig verschiedenen Geschichten an, trotzdem stimmen beide Inhaltsangaben.
Und da sind wir auch schon bei dem Kritikpunkt, den ich zu diesem Buch habe. Es kommt mir schrecklich überladen vor.
Da haben wir die #metoo-Debatte mit Greer, Faith die ein absolutes Idol für Greer ist und die ihren Prinzipien nicht so treu ist, wie es scheint (an sich schon Stoff genug für ein eigenes Buch), Greers Freundin Zee, die aktiv etwas verändern möchte, feststellt daß Aktivismus alleine keine Mieten bezahlt und die eher zufällig in einen Beruf stolpert, der sie erfüllt und Cory, dem fast schon klischeehaften Millennial; gut ausgebildet, zielstrebig und erfolgreich, der sein Leben so durchgeplant hat, daß er in Zeiten der Krise alles hinwirft (eigentlich auch ein Buch für sich).

Meg Wolitzer schafft wirklich wunderbare Charaktere, die mir sofort nahe waren, aber dadurch, daß sie in diesem Buch so viele Themen aufgreift, kam mir keines wirklich ausgereift vor.

Auch, daß dieser Roman so wichtig zum Thema sexuelle Belästigung und Feminismus sein soll kann ich nicht nachvollziehen. Denn alles wird nur oberflächlich angeschnitten, nichts wirklich in die Tiefe gedacht.
Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, daß dieser Handlungsstrang ein wenig gezwungen wirkte.
Vielleicht war es anfangs eine einfache Geschichte von zwei Menschen, die sich immer weiter auseinander entwickeln und darüber, daß die junge Generation so damit beschäftigt ist, ihr Leben zu planen, daß sie mit Krisen nicht mehr umzugehen weiß…

So gesehen ist es ein gutes Buch. Es lässt sich leicht lesen, hat dreidimensionale Charaktere und greift einige Themen auf, über die man sich weitere Gedanken machen kann.
Wer allerdings auf den Roman zur Feminismus-Debatte hofft, der wird wohl hier eher enttäuscht werden.

In langen Julinächten…

…wird gelesen, gelesen, gelesen…

Der Juni ist so schnell vergangen und leider bin ich kaum zum Lesen gekommen, weil ich seit zwei Wochen kränkle und einschlafe, sobald ich ein Buch in die Hand nehme.
Deshalb müssen ein paar Bücher von meinem Junistapel mit in den Juli.

Ein Glück also, daß diesen Monat nur ein einziges dickes Buch auf dem Programm steht: Das weibliche Prinzip von Meg Wolitzer nämlich.
Auf den englischsprachigen Blogs führt ja dieser Tage kein Weg daran vorbei… Ich bin jedenfalls gespannt, da ich bisher noch gar nichts von der Autorin gelesen habe.

Worauf ich mich schon länger freue ist der neue Erzählungsband von Banana Yoshimoto. Yoshimoto ist eine der wenigen Autoren, von denen ich tatsächlich alles gelesen habe.
Erinnerungen aus der Sackgasse war leider zunächst in der Post verschollen, jetzt ist es aber endlich da und bereit gelesen zu werden.

Noch mehr Kurzgeschichten gibt es in Jen Campbells Buch The Beginning of the World in the Middle of the Night. Dieser Band wurde auch schon auf mehreren Blogs ziemlich euphorisch besprochen.
Die erste Geschichte habe ich schon gelesen und war ziemlich überrascht… Sehr märchenhaft und fast schon gruselig. Ich bin gespannt, was mich noch erwartet.

Zwei weitere englischsprachige Bücher, die auf anderen Blogs immer wieder empfohlen werden, sind Piecing Me Together von Renée Watson und Midnight at the Electric von Jodi Lynn Anderson.
Bei beiden Büchern weiß ich noch gar nicht, worum es geht. Manchmal muss man sich auch überraschen lassen!

Ein Buch, das sich sehr von den anderen abhebt ist Die Tagesordnung von Éric Vuillard. Es basiert auf tatsächlichen Treffen, die Hitler nach der Machtübernahme mit hochrangigen Vertretern der Industrie hatte und bei denen die Weichen für seine Politik gestellt wurden.
Das Buch ist allerdings kein geschichtlicher Tatsachenbericht, sondern Literatur erster Güte, was schnell klar wird, wenn man die ersten Seiten anliest.

Ein kleiner Schatz ist auch die illustrierte Frida Kahlo Biografie von María Hesse aus dem Insel Verlag. Verschiedene Schrifttypen und Illustrationen im Stil von Kahlo auf jeder Seite… Was will der bibliophile Kunstliebhaber mehr?

Zu guter Letzt durfte noch Nightlights von Lorena Alvarez als Graphic Novel mit auf den Julistapel.

Das ist also meine Auswahl für den Monat.
Was liegt auf euren Julistapeln?

Ich hoffe, ich bin gesundheitlich bald wieder auf dem Damm und komme mit den ganzen Büchern hinterher. 😉

Einen wunderschönen Juli euch allen!

Eure Andrea

Review: Die Herrenausstatterin

Was man von hier aus sehen kann war ja mein liebstes Buch des letzten Jahres. Danach hatte ich zwar wirklich Lust, noch mehr von Mariana Leky zu lesen, allerdings – wer kennt das nicht – schwang die Angst mit, daß man nach einem so wunderbaren Buch nur enttäuscht werden kann.

Nachdem mehrere Kolleginnen mit aber versichert haben, daß „Die Herrenausstatterin“ ein ebenfalls wirklich schönes Buch ist, habe ich mich nun doch endlich mal heran gewagt.

Als ihr Ehemann sie verlässt, verliert Katja den Boden unter den Füßen…
Daß er dann auch noch kurz darauf stirbt, lässt sie komplett zusammenbrechen.
Katja igelt sich immer mehr ein und verlässt kaum noch das Haus, doch plötzlich zieht aus heiterem Himmel der verstorbene Altphilologe Doktor Friedrich Blank bei ihr ein.

Ob es sich bei Blank nun um einen Geist oder einen aus der Einsamkeit geborenen imaginären Freund handelt, oder ob die fragwürdigen Pillen, die ihr ihre Freundin zugesteckt hat etwas damit zu tun haben bleibt ungeklärt. Tatsache ist jedoch, daß der tote Blank der Einzige ist, der Katja ein wenig ins Leben zurückholen kann.

Dann taucht auch noch der Feuerwehrmann Armin auf, der auf der Suche nach einem Feuer ist und sich schon bald ebenfalls bei Katja einnistet.
Ist Armin real?
Zusammen mit Blank und Armin erlebt Katja seltsame Abenteuer, bei denen man nie genau weiß, ob da alles mit rechten Dingen zugeht…

Während es bei Was man von hier aus sehen kann immer wieder seltsame kleine Zufälle gab, taucht Mariana Leky bei der „Herrenausstatterin“ voll ein in die Welt des magischen Realismus.
Ich mag solche Geschichten ja, andere haben damit eher zu kämpfen.

An Was man von hier aus sehen kann reicht „Die Herrenausstatterin“ für mich nicht heran, aber ich hatte trotzdem Spaß mit dieser zum Teil irrwitzigen, zum Teil melancholischen Gratwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

Mehr von Mariana Leky:

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Review: Was man von hier aus sehen kann

 

Review: Die Ermordung des Commendatore II – Eine Metapher wandelt sich

Vom ersten Teil habe ich ja schon geschwärmt. Heute wollte ich euch nun endlich den zweiten Teil der „Ermordung des Commendatore“ vorstellen.

Im Vorfeld habe ich, ehrlich gesagt, nicht viele gute Kritiken zu „Eine Metapher wandelt sich“ gelesen.
Nach der Euphorie um Band eins schien Katerstimmung zu herrschen.
Eine Kollegin war nach den negativen Besprechungen sogar zu demotiviert, um Band zwei zu lesen… Schade!

Doch worum geht es in diesem Teil?

„Eine Metapher wandelt sich“ schließt unmittelbar an den ersten Teil an.
Der namenlose Ich-Erzähler und Maler hat den Auftrag bekommen, seine Zeichen-Schülerin Marie Akikawa zu porträtieren.
Nebenbei beginnt er ein weiteres Bild; nämlich ein Gemälde, das die geheimnisvolle Grube im Wald darstellt, die im ersten Teil freigelegt wurde.
Auf unerklärliche Art und Weise scheint es einen Bezug zwischen den beiden Bildern zu geben, den sich der Künstler nicht erklären kann.
Doch dann verschwindet Marie plötzlich spurlos. Hat die Grube etwas damit zu tun?
Auf der Suche nach Marie begibt sich der Maler auf eine abenteuerliche Reise…

Wer schon viel von Haruki Murakami gelesen hat weiß, daß sich seine Bücher grob in zwei Kategorien einteilen lassen können.
Da gibt es Bücher, die sehr nah an der Realität sind, wie zum Beispiel „Naokos Lächeln“ und dann gibt es auch wieder andere, in denen der magische Realismus die Oberhand gewinnt und die Geschichte in die Welt des Fantastischen abgleitet.
Persönlich mag ich beides, aber ich kenne genug Leser, die schon bei den Worten Magischer Realismus schaudern.

Während „Eine Idee erscheint“ nun ein recht realitätsnaher Murakami war, natürlich auch mit mysteriösen Elementen, fast wie eine Geistergeschichte, gehört „Eine Metapher wandelt sich“ zu der Kategorie in der sich die Grenzen von Raum und Zeit aufheben.
Auf viele Erklärungen darf der Leser dabei nicht hoffen.
Vielleicht wandelt sich die Reise zu sehr in metaphorische, vielleicht stören sich auch viele Leser daran, daß letztendlich wenige Rätsel gelöst werden.

Meiner Meinung nach hat es Teil zwei der „Ermordung des Commendatore“ schwerer, weil er nicht so alltagstauglich, einsteigerfreundlich und zugänglich ist, wie der erste Band.

Trotzdem kann ich die Katerstimmung einiger Rezensenten nicht nachvollziehen.
„Eine Metapher wandelt sich“ war für mich zwar ein schwer greifbares Buch, bei dem viele Fragen offen bleiben, trotzdem empfand ich es als verdammt spannende Lektüre über die ich noch länger nachdenken werde.

Für Murakami-Einsteiger eignet sich Band Eins der „Ermordung des Commendatore“ wirklich gut, Band zwei ist dagegen vielleicht eher für Murakami-Kenner geeignet.

Und zum Abschluß nochmal ein riesen Dankeschön an den Dumont Verlag, der beide Bücher einfach wahnsinnig schön gestaltet hat!
Das freut das Herz der Bibliophilen!

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Meine Beprechung zum ersten Teil findet ihr hier:

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Review: Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Alles neu macht der Mai…

Willkommen im Mai!

Die letzten Tage war es ja schon herrlich warm und ich konnte endlich wieder draußen sitzen und lesen… Hach, wie habe ich das vermisst!
Ich habe meine Bücher regelrecht verschlungen und das ist vermutlich auch der Grund, warum der Maistapel deutlich dicker ausfällt als üblich.

Natürlich musste Teil zwei von Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore mit! – Eine Metapher wandelt sich. Die Besprechungen, die ich bisher gelesen habe sind ja recht verhalten, aber ich bin ganz offen und hoffe, es reicht an den grandiosen ersten Teil heran.

Einen weiterer japanischen Autor, auf den ich schon gespannt bin ist Genki Kawamura mit Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden.
Der Klappentext klang ziemlich vielversprechend und mit magischem Realismus kann man mich ja immer begeistern.

Ein Buch vor dem ich fast schon ein bißchen Angst habe, weil es von allen in den Himmel gelobt wird ist Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl.
Nach all den Hymnen, die ich die letzten Wochen gelesen habe, wird es vermutlich meine absolut übersteigerte Erwartungshaltung nicht erfüllen können.
Sei’s drum! – Ich will es jetzt trotzdem endlich auch mal lesen! 😉

An sich gehe ich Büchern, in denen es um den Krieg geht ja eher aus dem Weg, trotzdem finden sich diesen Monat gleich zwei Kriegsgeschichten auf meinen Lesestapel.
In Unter der Drachenwand von Arno Geiger geht es um einen Soldaten im zweiten Weltkrieg, der sich nach einer Verwundung am Mondsee erholt… Vermutlich der Hauptgrund für mich, dieses Buch mitzunehmen, denn ich war als Kind am Mondsee und fand es einfach wunderschön dort.

Das zweite Buch, das sich mit dem Krieg beschäftigt, allerdings mit dem ersten Weltkrieg, ist die Insel der Frauen aus dem Splitter Verlag.
In dieser Graphic Novel geht es jedoch nicht um die Soldaten, sondern um die Daheimgebliebenen. – Ein Thema, daß ich sehr spannend finde, weil ich die Geschichten, die meine Großmütter von Krieg zu erzählen hatten immer wesentlich wichtiger fand, als die meiner Großväter…

Um die Seele ein bißchen baumeln zu lassen gibt es dann noch ein Buch aus der für mich eher untypischen Kategorie Regionalkrimi: Kluftinger von Michael Kobr und Volker Klüpfel. Ein bißchen seicht, ein bißchen kitschig und auch vorhersehbar… trotzdem habe ich Kommissar Kluftinger irgendwann doch in mein Herz geschlossen.
Man muss nicht viel nachdenken und fliegt nur so durch die Seiten… muss auch ab und zu mal sein! 😉

Ein Buch, das mich wohl ziemlich fordern wird ist hingegen Nutshell („Nussschale“) von Ian McEwan.
„Abbitte“ fand ich ja seinerzeit ganz großartig, von „Nutshell“ habe ich dagegen nur sehr verhaltene Meinungen zu hören bekommen. Ich fand die Idee des Buches aber doch so spannend, daß ich auf jeden Fall mal reinlesen wollte. Bisher habe ich die ersten Kapitel gelesen und ich muss leider sagen, daß ich doch recht damit zu kämpfen habe.
Der Erzählton des Ungeborenen erinnert mich irgendwie an Baby Stewie aus Family Guy und macht das Buch für mich damit unfreiwillig komisch.
Ich bleibe aber am Ball!

Im Mai geht es auch endlich wieder weiter mit In vollen Zügen nach…!
Mitte des Monats bin ich auf eine Hochzeit in Hamburg eingeladen und ich freue mich schon sehr darauf.
Hamburg, das bedeutet für mich insgesamt an die 15 Stunden Zugfahrt und deshalb habe ich mir lange überlegt, welche Lektüre mit auf die Reise darf.
Die Wahl fiel schließlich auf Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe („Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“) von Benjamin Alire Sáenz, welches eine Empfehlung von John Green war und Die Herrenausstatterin von Mariana Leky.
Ein bißchen Angst habe ich ja vor diesem Buch, weil Was man von hier aus sehen kann mein absolutes Lieblingsbuch 2017 war und „Die Herrenausstatterin“ ein schweres Erbe hat. Trotzdem freue ich mich schon darauf und auf die Reise.

Da ich in erster Linie zum Freunde besuchen und Hochzeit feiern in Hamburg bin, werde ich vermutlich nicht viel Zeit haben, die dortigen Buchhandlungen unsicher zu machen. Allerdings liegt mir schon viel daran, in meiner wenigen freien Zeit ein, zwei schöne Läden zu besuchen und euch davon zu berichten.
Wenn ihr also Tipps habt, welche Buchhandlungen ich in Hamburg auf jeden Fall gesehen haben muss, dann lasst mir einen Kommentar da!

Schon mal ganz vielen Dank für eure Tipps und liebe Grüße,

Andrea

Review: Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Zuerst einmal ein Geständnis:
Ja, ich bin eine dieser Buchhändlerinnen Mitte dreißig, die auf die Frage nach ihrem Lieblingsautor sofort und ohne nachzudenken mit „Murakami!“ antworten… Es ist schon fast ein Klischee… 😉
Haruki Murakami begleitet mich nun schon mein halbes Leben lang, seit mir eine Kollegin vor 18 Jahren „Wilde Schafsjagd“ in die Hand drückte und nur „Lesen!“ sagte.
Und gelesen habe ich… und zwar alles, wirklich alles von Murakami. Selbst obskurere Werke wie „Untergrundkrieg“ oder „Absolutely on Music“… – Wenn Murakami drauf steht, landet es sofort auf meiner Leseliste.

Trotzdem ist mir klar, daß es bessere und schlechtere Bücher von ihm gibt und ich werde kein Buch in den Himmel loben, wenn es mich nicht überzeugt hat.
Mir ist klar, daß nicht jeder etwas mit magischem Realismus oder Murakamis fast schon technisch anmutenden Sexszenen anfangen kann…
Trotzdem muss ich sagen, daß „Die Ermordung des Commendatore“ für mich eines seiner besten Bücher ist und ein absolutes Lesehighlight des Jahres!

In diesem ersten Teil der Geschichte lernen wir den namenlosen Ich-Erzähler kennen; einen halbwegs erfolgreichen Porträtmaler, der seit der Trennung von seiner Frau den Boden unter den Füßen verloren hat. Er gibt das Porträtieren auf und reist ziellos durch das Land, bis sich ein alter Studienfreund bei ihm meldet.
Dieser bietet ihm an, ihm das Haus seines Vaters gegen einen geringen Betrag zu vermieten. Der Vater, Tomohiko Amada, war selbst ein gefeierter Maler und lebte zurückgezogen in den Bergen, bis er kürzlich in ein Pflegeheim übersiedelte.
Kaum zieht der Erzähler in das abgelegene Haus, beginnen seltsame Ereignisse ihren Lauf zu nehmen…
Es beginnt damit, daß er ein unbekanntes Meisterwerk von Tomohiko Amada auf dem Dachboden findet. Das Bild trägt den Titel „Die Ermordung des Commendatore“ und scheint eine verborgene Botschaft zu beinhalten.
Kurz darauf meldet sich der mysteriöse Herr Menshiki, der auf der anderen Seite des Tales lebt, bei ihm. Menshiki hat erfahren, daß der Erzähler Porträtmaler war und bietet ihm einen erstaunlich hohen Betrag, wenn er eine Ausnahme für ihn machen und sein Porträt malen würde.
Eines Nachts wird er dann auch noch vom Klang einer Glocke geweckt. Neugierig geworden verfolgt er das Geräusch und entdeckt einen alten, moosüberwucherten Steinhaufen, unter dem jemand zu läuten scheint.
Was hat es damit auf sich und hängen all diese Ereignisse irgendwie zusammen?

Ich bin schon selbst sehr gespannt auf die Antwort, denn Teil zwei „Eine Metapher wandelt sich“ erscheint im April.

Bis dahin kann ich es kaum erwarten und ich möchte an dieser Stelle noch kurz dem Dumont Verlag danken, der sich immer wieder etwas einfallen lässt, um die Bücher von Haruki Murakami zu einem kleinen Gesamtkunstwerk zu machen.
Denn schaut euch mal bitte dieses wunderschöne Buch an!

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Meine Besprechung des zweiten Teils findet ihr hier:

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Review: Die Ermordung des Commendatore II – Eine Metapher wandelt sich

Review: Heimkehren

Für das erste Buch in meinem Black History Month hätte ich wohl kaum ein besseres wählen können als „Heimkehren“ von Yaa Gyasi.

Ähnlich wie in „Roots“ von Alex Haley zeichnet Gyasi das Schicksal einer ghanaischen Familie über sieben Generationen vom 18. Jahrhundert bis heute nach.
Was die Geschichte ganz besonders spannend macht, ist daß die Familie bereits in der ersten Generation auseinander gerissen wird. Hier lernen wir die Halbschwestern Effia und Esi kennen, die sich aber selbst nie begegnen.
Während Effia einen britischen Gouverneur heiratet wird ihre Schwester Esi von eben diesem Gouverneur als Sklavin nach Amerika verkauft.

Effias Sohn genießt eine westliche Ausbildung und wird als Erwachsener Verbindungsmann der afrikanischen Sklavenhändler mit den Briten. Erst sein Sohn beschließt, dem Geschäft mit den Sklaven den Rücken zu kehren und wendet sich von seinem Vater ab. Doch die Familie ist daraufhin völlig entwurzelt und hat über Generationen hinweg mit dem Bruch zu kämpfen.

In den USA leiden währenddessen Esis Nachkommen unter der Sklaverei und ihren Folgen. Nach der Flucht von einer Baumwollplantage scheint die Familie im Norden in Sicherheit zu sein, doch nachdem das Gesetz geändert wird, wird auch dort Jagd auf entlaufene Sklaven gemacht (unabhängig davon, ob sie nun wirklich entlaufen sind oder nicht). Und auch nachdem die Sklaverei offiziell abgeschafft wird reicht das kleinste Vergehen oder nur eine Vermutung, um Schwarze zu jahrelanger Zwangsarbeit zu verurteilen.

Es hat mich wirklich sehr bewegt, wie die beiden Stränge der Familie zu kämpfen haben. Der afrikanische Teil leidet unter seinem schweren Erbe und den Erwartungen, die damit verknüpft sind, der amerikanische Teil fühlt sich absolut entwurzelt und hilflos.
Erst in der letzten Generation finden die beiden Stränge wieder zusammen und versuchen sich mit der Vergangenheit zu versöhnen.

Anfangs war ich ja ein bißchen skeptisch, ob ich nicht vielleicht den Faden verlieren würde. Jedes Kapitel wird nämlich von einer neuen Generation erzählt, wobei immer zwischen Afrika und Amerika gewechselt wird.
Doch tatsächlich habe ich mich sofort in jeden neuen Charakter einfühlen können und der Stammbaum im Anhang des Buches hat die Orientierung sehr erleichtert.

Zudem habe ich wirklich viel aus dem Buch mitnehmen können.
Wieso afrikanische Sklavenhändler ihre Landsleute an die Europäer verkauft haben und wie die Kolonialherren lokale Konflikte gezielt schürten um daran zu verdienen.
Oder welche Ausmaße die Ungerechtigkeit im Justizwesen hatte und wie die Auswirkungen bis heute spürbar sind…

Colson Whiteheads Underground Railroad kam ja fast zeitgleich mit „Heimkehren“ auf den Markt, doch die Geschichte um die entflohene Sklavin Cora konnte mich nicht so richtig abholen, weil ich immer eine gewisse Distanz zur Protagonistin gespürt habe.
Yaa Gyasi hat sich dem Thema meiner Meinung nach wesentlich eindringlicher und gefühlvoller genähert.

Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung!

Und noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache:
Wenn dieser Beitrag online geht werde ich schon in Venedig sein. Ihr könnt mir auf Twitter unter @andreascharl13 und auf Instagram und in den Instastories unter leseninvollenzuegen folgen. Ich freu mich schon drauf!