Review: Das weiße Schloss

Ich bin ja immer auf der Suche nach spannenden Dystopien wie zum Beispiel Der Report der Magd, die mich zum Nachdenken anregen, und mir eine neue Sicht auf die Welt eröffnen.
So wurde ich auf „Das weiße Schloss“ von Christian Dittloff aufmerksam, dessen Thema ebenfalls Leihmutterschaft ist.

Ada und Yves sind eines dieser Paare, die das Leben in vollen Zügen genießen. Sie sind noch jung, gutaussehend und gut betucht.
Da sich der exklusive Lebensstil, den die beiden pflegen offenbar nicht mit einem Kind vereinbaren lässt, entschließen sie sich zu einer teuren Alternative: im „weißen Schloss“ werden sorgfältig ausgewählten Paaren, die es sich leisten können, Leihmütter vermittelt, die die Kinder nicht nur austragen, sondern sie auch anschließend auf den Ländereien des Schlosses aufziehen.
Die biologischen Eltern besuchen ihren Nachwuchs dann, wenn ihnen der Sinn danach steht, offenbar ist das etwa einmal im Monat.

Ada und Yves entscheiden, daß die junge Marie ihr gemeinsames Kind bekommen soll. Um die Beziehung der werdenden Eltern zu stärken findet auch eine Art symbolischer Zeugungsakt statt, bei dem die drei miteinander schlafen, das Kind wird allerdings später durch künstliche Befruchtung gezeugt.

Als Marie schwanger ist leben Ada und Yves ihr Leben mit einer extremen Intensität weiter. Sie rauchen, trinken, kiffen, besuchen Sexparties und schreien in die Nacht hinaus, bis sich die Nachbarn beschweren.
Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der die Geister der Vergangenheit weckt und diesem Leben in Saus und Braus ein jähes Ende setzt…

Ich muss sagen, daß mich die Prämisse des Buches sehr neugierig gemacht hat. Die Geschichte entwickelt auch sofort eine regelrechte Sogwirkung, doch je länger ich las, desto mehr hat mich dieses Buch frustriert.
Denn die einfache Frage, die für mich im Zentrum der Geschichte steht, wird nicht einmal ansatzweise geklärt:
Warum wollen Ada und Yves dieses Kind?

Ab einem gewissen Punkt hat man als Leser das Gefühl, daß kein einziges gutes Haar an Kindern gelassen wird. Sie sind laut, nervig, sie halten uns davon ab, sich selbst zu verwirklichen…
Kurz: Kinder sind Störfaktoren, die kein vernünftiger Mensch in sein Leben lassen sollte.

Warum also wollen Ada und Yves dieses Kind?
Darüber schweigt sich Christian Dittloff leider aus.
Es ist nicht so, daß Ada besonders kinderlieb wäre. Ihre eigenen Neffen und Nichten meidet sie nach Möglichkeit.
Auch das Bestehen der Menschheit ist in diesem Szenario nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Ada arbeitet im „Amt für Gesellschaftliche Erweiterung“, einer Behörde, die handverlesenen Bewerbern Aufenthaltsgenehmigungen bewilligt. So fühlt sie sich zuweilen als Kuratorin der Gesellschaft… Mehr Einfluss kann man durch die Weitergabe des eigenen Genmaterials sicher nicht nehmen.
Es gibt keine gesellschaftlichen Zwänge, niemanden der Ada und Yves dazu drängt Kinder zu haben.
Selbst die Nachrichten von Adas Schwestern sind weitestgehend Berichte darüber, wie schrecklich das Leben mit Kindern doch ist.

Gegen Ende war ich von dieser ständigen Ablehnung gegenüber Kindern nur noch genervt. Besonders als Ada und Yves einander ausmalen, wie furchtbar es wäre, mit Kindern zu leben, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, während sich die beiden selbst, wie kleine trotzige Kinder verhalten, die ihr Leben nach dem Lustprinzip führen, auch wenn andere darunter leiden müssen.

Und so bleibt „Das weiße Schloss“ für mich leider ein spannendes, gut geschriebenes Buch mit einer interessanten Grundidee, das sich aber ohne Aussage im Kreise dreht.

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