April, April…

…der weiß nicht, was er will! (So geht das schöne Sprichwort.)
Und ebenso abwechslungsreich, wie das Wetter im April erfahrungsgemäß ist, geht es diesem Monat auch auf meinem Bücherstapel zu.

Das Buch, auf das ich mich am meisten freue ist Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt. Bisher habe ich noch keine einzige schlechte und nicht einmal mittelmäßige Bewertung zu diesem Buch gelesen. Alle sind durch die Bank weg begeistert und ich hoffe, daß das meine Erwartungshaltung nicht zu hoch geschraubt hat. 😉

Zwei Bücher, auf die ich gespannt bin, die Erwartungshaltung aber schon gesenkt habe, sind Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde und Artemis von Andy Weir.
Beides sind Bücher, die mit ihren Vorgängern gemessen werden und es schon allein dadurch schwer haben dürften.
„Die Geschichte des Wassers“ ist der zweite Teil des Klima-Quartetts und auch wenn ich fand, daß Die Geschichte der Bienen ein wirklich gutes und wichtiges Buch ist, kann es natürlich leicht sein, daß man diese Art von Problembüchern schnell leid ist. Die Kritiken, die ich bisher gelesen habe waren eher negativ, trotzdem möchte ich unvoreingenommen an diese Geschichte gehen.
Auch bei „Artemis“ habe ich nur durchschnittliche Besprechungen gelesen. Anscheinend steht und fällt alles damit, ob dem Leser die Hauptfigur sympathisch ist oder eben nicht.
Den Prolog fand ich schon mal ganz witzig, ich hoffe darauf, positiv überrascht zu werden.

Nachdem ich also schon drei dicke, gebundene Bücher auf meinem Stapel hatte musste zum Ausgleich noch ein dünnes Büchlein her, damit ich in der Badewanne nicht von einem meiner Wälzer in die Tiefe gezogen werde. 😉
Kurzentschlossen griff ich zu We Were Liars („Solange wir Lügen“) von E. Lockhart, nachdem Mareike Fallwickl (die Autorin von „Dunkelgrün fast schwarz“) auf Instagram aus dem Schwärmen nicht mehr herauskam.

Meine Graphic Novel für diesen Monat ist Dr. Watson aus dem Splitter Verlag.
Als ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe musste ich an eine Wild West-Geschichte denken. Kein Wunder, wenn der Held auf dem Cover schon mit wehendem Ledermantel, epischem Schnauzer und rauchendem Colt zu sehen ist. 😉
Doch dann dachte ich mir: „Moooment… Der Dr. Watson?“
Tatsächlich geht es in dieser Graphic Novel um Dr. John Watson, den berühmten Gefährten von Sherlock Holmes. Die Handlung beginnt mit dem vermeintlichen Tod von Holmes und konzentriert sich auf Watson… Eine wirklich spannende Idee mit viel Potential.

Zu guter Letzt gibt es auch diesen Monat wieder ein Buch aus der Kategorie „Illustriertes Sachbuch“. Meine Wahl fiel auf The Little Book of Feminist Saints von Julia Pierpont mit den Illustrationen von Manjit Thapp.
Zwar finde ich das Wort Saints in diesem Fall ein bißchen übertrieben, nachdem es auch lebende Frauen in diesen kleinen Kanon geschafft haben, trotzdem gefällt mir die Aufmachung wirklich gut und vor Kurzem hat mich ja auch schon Little Leaders sehr begeistert, das ähnlich aufgemacht war.

Das ist also meine Auswahl für den April… Kennt ihr eins der Bücher?
Worauf freut ihr euch diesen Monat?

Liebe Grüße,
Andrea

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Review: Unorthodox

Bevor mir eine Kollegin „Unorthodox“ empfahl hatte ich noch nie etwas vom chassidischen Judentum gehört. Trotzdem war ich sofort gefesselt von Deborah Feldmans Autobiographie.

Aufgewachsen ist sie zwar im New York der 90er Jahre, doch ihre Jugend war von der ultraorthodoxen Lebensweise ihrer Familie und Nachbarschaft so geprägt, daß ich manchmal das Gefühl hatte, eine Geschichte aus dem 18. oder 19. Jahrhundert zu lesen.

Bei den Chassiden ist koscher nicht koscher genug, Frauen rasieren sich nach der Hochzeit den Schädel und tragen fortan nur noch Perücken und mit Anfang zwanzig gelten Frauen und Männer als fast schon zu alt für den Heiratsmarkt.

Deborah ist schon immer ein aufgewecktes Mädchen, die die strengen Regeln in Frage stellt und verbotene Klassiker liest, trotzdem fügt sie sich lange ein. Mit 17 Jahren wird eine Ehe für sie arrangiert, doch statt eine glückliche Hausfrau zu werden beginnt sie immer mehr zu rebellieren…

Wie schon bei Trevor Noahs „Born a Crime“ („Farbenblind“) war ich auch bei „Unorthodox“ erstaunt, von Gleichaltrigen zu lesen, deren Leben so völlig anders als meines war.

Wieder einmal ein Blick über den Tellerrand, der sich absolut gelohnt hat.

Deutscher Titel: UnOrthodox

Review: Der Zopf

Wie für viele war „Der Zopf“ von Laetitia Colombani für mich zunächst einmal ein Cover-Kauf. Ihr wisst ja; ich kann an schön gemachten Büchern einfach nicht vorbei gehen. 😉
Doch auch die Handlung hat mich ziemlich schnell gefangen genommen.

In diesem Buch werden die Geschichten von drei sehr unterschiedlichen Frauen miteinander verflochten.

Da ist Smita aus Indien, eine Unberührbare, deren Arbeit es ist, die Toiletten der Reichen zu leeren. Für ihre kleine Tochter Lalita wünscht sie sich ein besseres Leben und so spart sie alles was sie hat, um ihr den Besuch einer Schule zu ermöglichen.
Doch bereits am ersten Tag wird Lalita von ihrem Lehrer bloßgestellt und Smita trifft für sich und ihre Tochter eine lebensverändernde Entscheidung: Sie will aus dem kleinen Dorf verschwinden und die Grenzen, die ihr das Kastensystem setzt, überwinden…

Giulia aus Sizilien hat dagegen ein sehr behütetes Leben. Bis zu dem Tag, an dem ihr Vater in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt wird.
Giulia ist es gewohnt von klein auf in dem traditionsreichen Familienbetrieb – einer Perückenfabrik – mitzuarbeiten, doch nachdem ihr Vater im Koma liegt, wird ihr bewusst in welchen Schwierigkeiten die Firma steckt.
Wird es ihr gelingen eine Lösung zu finden oder muss der Betrieb geschlossen werden?

Und schließlich ist da noch Sarah aus Montreal, die hart für ihre Karriere als Anwältin gekämpft hat und nun vor den Trümmern ihres Lebens steht. Denn Sarah hat Krebs und während sie mit aller Macht versucht, ihre Krankheit zu ignorieren und ihre Position in der Kanzlei zu halten, wittern bereits andere aufstrebende Anwälte die Chance, sich auf Sarahs Kosten zu profilieren…

Diese drei Geschichten werden immer abwechselnd erzählt, eben wie ein Zopf geflochten wird.
Sprachlich ist das Buch recht einfach gestrickt. Es ist keine große Literatur, trotzdem aber sehr kraftvoll und mitreißend.

Ein paar Blogger hatten sich etwas kritisch geäußert, weil die Figuren (besonders Sarah) recht klischeehaft beschrieben wurden und das mag wohl auch stimmen. Doch es hat den Vorteil, daß man sehr schnell ein Bild von den Charakteren im Kopf hat, was auch zum Tempo der Geschichte beiträgt.

Für mich war „Der Zopf“ definitiv ein kleines Lesehighlight, das man jedem empfehlen kann, der eine leichte, mitreißende Lektüre mit Tiefgang sucht.

Review: Letters to the Lady Upstairs

Nachdem ich ja vor Kurzem die Graphic Novels zu Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorgestellt habe, gibt es heute noch ein kleines Büchlein von Marcel Proust. Und weil es wirklich ganz klein und dünn ist, erzähle ich gleich noch eine Geschichte dazu…

Ein Bekannter von mir lebte bis vor kurzem in einem dieser anonymen Münchner Mietshäuser… Zig Parteien, ein ständiges Kommen und Gehen, niemand kennt die Nachbarn so wirklich… Ihr habt vermutlich schon das richtige Bild im Kopf.
Alle hätten gemütlich aneinander vorbei leben können, hätte es da nicht eine Nachbarin gegeben. Eine etwas ältere Dame, die vermutlich schon in dem Haus lebte bevor es überhaupt gebaut wurde. Nennen wir sie Frau X.

Frau X tat offenbar nichts anderes, als in ihrer Wohnung zu sitzen und den Lebensgewohnheiten der Leute um sie herum zu lauschen.
Das tun vermutlich viele ältere Leute, doch Frau X hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Gewissen, Facebook und Twitter ihres Hauses zu werden.
Konkret äusserte sich das in Nachrichten – zum Teil handschriftlich, zum Teil auf der Schreibmaschine getippt – die meinem Bekannten (und nicht nur ihm) unter der Tür durchgeschoben wurden.

Frau X litt unter dem „Lärm“, den ihre Nachbarn verursachten und teilte es ihnen auf diese Weise mit. Sie gab sich zuweilen verständnisvoll, an anderen Tagen kämpferisch, gab gutgemeinte Ratschläge, drohte unverhohlen oder stellte andere an den Pranger.
In Erinnerung geblieben sind mit unter anderem ein Brief mit einer Reihe von Tipps und Hausmitteln, die mein Bekannter doch bitte anwenden sollte um sich endlich von seinem Husten zu kurieren, der ihren Nachtschlaf doch empfindlich störte, bis hin zu absolut kryptischen Notizen. Eine davon lautete schlicht: „Ich habe jetzt mit ihm gesprochen! Sie wissen schon, dem aus dem Fünften! ER WIRD NICHT MEHR SPÜLEN!!!“

Natürlich erreichten diese Briefe in unserem Freundeskreis Kultstatus!
Gelegentlich wurden sie bei gemeinsamen Essen vorgelesen. Sie waren ebenso skurril wie brilliant und ich kann nur hoffen, daß alle Bewohner dieses Hauses die Korrespondenz von Frau X aufheben und eines Tages veröffentlichen.

Als ich über „Letters to the Lady Upstairs“ stolperte war ich natürlich sofort an Frau X erinnert. Schließlich war Proust ja dafür bekannt, tagelang im Bett zu liegen und unter Lärm zu leiden.
Es gibt sogar eine Geschichte, laut der er im Grand Hotel alle angrenzenden Zimmer mietete, um in seinem Teil des Hotels Ruhe zu haben.

Zehn Jahre lang lebte Proust am Boulevard Hausmann. In der Wohnung über ihm lebte ein amerikanischer Zahnarzt mit seiner Frau, Marie Williams, an die die Briefe gerichtet sind.
Proust schreibt ihr von ganz alltäglichen Dingen, von seiner Krankheit, vom Krieg… und natürlich immer wieder die Bitte nach Ruhe. Diese verpackt er allerdings sehr charmant, macht Versprechungen, Komplimente und schickt Blumen.
Die Antworten sind leider nicht erhalten, deshalb lesen sich die Briefe recht einseitig.
Trotzdem ist es ein sehr charmantes kleines Bändchen, das nur leider mit einer Naturgewalt wie Frau X nicht mithalten kann.

Mittlerweile ist der Bekannte übrigens leider ausgezogen…
Allerdings nicht, ohne die Wohnung zuvor an einen gemeinsamen Freund weitervermietet zu haben.
Die ersten Briefe sind auch schon angekommen: Er möge doch bitte nachts das Schlagwerk im Bad abstellen!
Wir freuen uns also auf weitere Briefe von Frau X und zum nächsten Geburtstag unseres Freundes sollten wir wohl mal über ein Schlagwerk für sein Badezimmer nachdenken. 😉

Bewertungssysteme: The Fault in Our Stars

Gestern Abend kochte es auf Twitter und Facebook ja zeitweise ziemlich hoch… Viele von euch haben bestimmt mitbekommen worum es ging, für alle anderen eine kurze Zusammenfassung:
Es begann damit, daß eine Autorin (ich möchte keine Namen nennen) zunächst den Ausschnitt einer Rezension auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte, diesen leicht säuerlich kommentierte und danach noch ein fünfminütiges (mittlerweile wohl gelöschtes) Video hochlud, in dem sie ihrem Unmut über Blogger Luft machte.

Zu diesem Video gäbe es viel zu sagen und das überlasse ich gerne auch anderen, doch was mich so irritierte war der Grund für diese Aktion. Es war nicht etwa eine schlechte, oder gar verletzende Rezension… Auslöser war, daß die Bloggerin das Buch zwar für gut befunden hatte, erwähnte daß sie aber nicht die Zielgruppe wäre und drei Sterne vergab.

Es waren die drei Sterne, die die Autorin als so himmelsschreiend ungerecht empfand!

Ich hatte schon gerüchteweise von Autoren gehört, die Besprechungen bei drei Sternen monieren würden, war aber immer davon ausgegangen, daß es sich hierbei um Leute handeln würde, die man persönlich kennt und die Rezensionsexemplare aus dem Kleinstverlag aus eigener Tasche zahlen müssten. Doch nein! Hier handelte es sich um eine Autorin, die bereits mehrere Titel bei einem sehr großen Verlagshaus im Programm hat. Ein Verlagshaus übrigens, daß viel Geld für Werbemittel (unter anderem eben Rezensionsexemplare) in die Hand nimmt.

Es gäbe viel zu diesem Video zu sagen… Muss man Leseexemplare absolut objektiv behandeln, wie die Autorin forderte? Darf man es nicht Rezension nennen, wenn man seine persönliche Meinung mit einbringt?
Wie gesagt… Vermutlich werden sich noch andere mit diesem Thema auseinandersetzen, was mir aber einfach nicht aus dem Kopf wollte war, daß es hier um drei Sterne ging!

Und wie es der Teufel so wollte, war ich über das neuste Buch dieser Autorin just an diesem Tag beim Bloggerportal und Vorablesen gestolpert.
Und wisst ihr was?
Ich hatte mir das Buch angeschaut und überlegt, ob ich es anfragen sollte… Obwohl ich sonst wenig Bücher in dieser Art lese, einfach weil mir das Cover gut gefallen hat und ich gerne auch outside the box lesen möchte und muss. (Als Buchhändlerin muss ich ja schließlich in allen Bereichen beraten können.)

So, und jetzt kommts:
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte dieses Buch auch nicht mehr als drei Sterne von mir bekommen und bevor ihr jetzt ruft: „Aber Andrea! Wie unfair kann man denn nur sein und das über ein Buch sagen, das man noch nicht mal gelesen hat?!?“ muss ich etwas erklären…

Ich vergebe keine Sterne und das aus gutem Grund.
Sterne bedeuten für jeden etwas anderes. Für mich wäre es in etwa so:

1 Stern verschwendete Lebenszeit
2 Sterne das Gute überwiegt das Schlechte
3 Sterne ein schönes Buch, hat mir gefallen
4 Sterne ein wunderbares Buch, es hat mich berührt
5 Sterne Ich bin sprachlos! Ein Meisterwerk!

So sieht sie also aus, meine persönliche Sterne-Einteilung, wenn ich denn eine machen müsste und dementsprechend sind die meisten Bücher, die ich lese 3-Sterne-Bücher.

Aber jeder hat eine andere Skala für sich festgelegt. Es gibt genug Leute für die fünf Sterne bedeuten: ein schönes Buch, das mich gut unterhalten hat.

Das Sternesystem ist absolut individuell und kommt dann noch der persönliche Geschmack dazu, ist es kein Wunder, daß manche Bewertungen so voreinander abweichen.

Was treibt also die Autorin eines großen Verlags dazu, sich dermaßen über eine drei Sterne Bewertung aufzuregen? Die meisten Argumente, die sie ins Feld führte waren reichlich undurchdacht und ständig wurde zurückgerudert…
Ist es der Druck, der vom Verlag aufgebaut wird, einen bestimmten Verkaufsrang erreichen zu müssen?
Irgendwie kann ich mir das nicht so recht vorstellen, da der Verlag ausdrücklich schreibt, daß auch negative Rezensionen willkommen sind.
Was man bei dem Video deutlich gespürt hat, war eine Frustration darüber, daß mittlerweile jeder seine Meinung kundtun darf und daß ein Blog eine gewisse „journalistische Berechtigung“ darstellen soll, auch wenn die Qualität dafür fehlt.

Das Traurige an der ganzen Geschichte ist für mich, daß es wohl eine gute Besprechung war, die sie da bekommen hat. Einzig die Sternevergabe konnte sie nicht nachvollziehen. Wären die nicht gewesen, hätten wir letzte Nacht weniger wütende Blogger und keine Autorin gehabt, der vielleicht mittlerweile auch schon aufgegangen ist, daß sie sich da einen Bärendienst geleistet hat.

Ich kenne einige Blogger, die mit den Bewertungssternen recht unglücklich sind. Doch bestimmte Seiten lassen es nicht zu, eine Besprechung zu schreiben ohne Punkte abzugeben.

Was also tun?
Sollen Blogger jetzt per se nur noch vier oder fünf Sterne vergeben dürfen?

Als Buchhändlerin bin ich schon des Öfteren über die Sternefalle gestolpert.
Ein Beratungsgespräch ist mir da bis heute in Erinnerung:

Kunde: “ Ich habe im Internet recherchiert und dieser Reiseführer ist der beste, was können Sie mir dazu sagen?“
Ich: „Wie meinen Sie das? Der Beste?“
Kunde: „Er hat die meisten Sterne bekommen!“
Ich: „Was haben Sie denn vor?“
Kunde: „Ich mache eine dreimonatige Tour durch das Land!“
Ich: „Als Backpacker?“
Kunde: „Ja.“
Ich: „Haben Sie schon eine feste Route und Unterkünfte gebucht?“
Kunde: „Nein.“
Ich: „Dann ist das leider der falsche Führer für Sie. Der wird Ihnen nicht bei dem helfen, was sie brauchen.“
Kunde: „Aber komisch, daß der dann im Internet so gut bewertet wird…“
Ich: „Das Internet hat Sie ja auch nicht gefragt, was Sie brauchen!“
Kunde: „Hmmm… Stimmt.“

Sterne machen niemanden so wirklich glücklich und trotzdem fallen wir alle immer wieder darauf herein. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich bei Hotels, Restaurants oder Elektroartikeln nach den Sternen schiele.
Es ist verführerisch, mit einem so einfachen Bewertungssystem zu arbeiten. Aber was sagt es wirklich aus?

Allen Bloggern möchte ich raten: lasst Euch nicht verunsichern. Bei einigen habe ich in letzter Zeit festgestellt, daß die Sterne gegen Kategorien wie Lieblingsbuch oder Zwischendurchlektüre ersetzt wurden.
Vielleicht ist das ja schon mal ein Anfang, auch wenn bestimmte Plattformen uns weiter zu Sternevergaben zwingen werden.

Und an die Autoren: natürlich möchte man sein Buch lieber im Feuilleton der Süddeutschen sehen, als auf dem Blog einer Schülerin, die im schlimmsten Fall auch noch sagt, daß es ihr nicht gefallen hat. Aber auch diese Leute leisten viel Arbeit für Euch. Und ja, es werden Bewertungen dabei sein, die euch nicht gefallen und die ihr als unfair empfindet. Und ja, es kann Euch aufregen, daß für diese Meinung Geld aus Eurem Werbeetat (sprich: Rezensionsexemplare) bezahlt wurde.
Aber: jemand macht sich die Mühe, Euer Buch zu lesen, es zu fotografieren, eine Besprechung dazu zu schreiben, es auf Instagram, Twitter und Facebook zu posten, es bei Amazon, LovelyBooks oder Goodreads zu bewerten und das ist Arbeit! Vergesst das bitte nicht.
Ja, über die Qualität einiger Rezensionen kann man streiten aber jeder versucht sein bestes.

Lasst Euch bitte nicht auf Sterne reduzieren!

Liebe Grüße,
Andrea

Review: Die Schlange von Essex

„Die Schlange von Essex“ stand ja als „Love it or hate it“-Buch auf meiner Liste, denn alle Besprechungen, die ich bisher gelesen habe, waren entweder absolut begeistert oder enttäuscht.

Eigentlich hatte ich es schon im November kurz angelesen, aber der Prolog hatte mich ein wenig abgeschreckt. Die Sätze waren so wahnsinnig schön und poetisch, daß ich dachte: „Puh, das ist kein Buch, das man einfach so weglesen kann. Diesem Buch muss man Zeit geben!“ Und so stellte ich es leider immer weiter hinten an, bis ich es mir diesen Monat doch nochmal fest vorgenommen habe.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die junge Witwe Cora Seaborne erleichtert, nach dem Tod ihres Mannes endlich ihr eigenes Leben führen zu können.
Schon lange hat sie mit den Naturwissenschaften geliebäugelt und so entschließt sie sich, mit ihrem Sohn Francis und ihrer Freundin Martha nach Essex zu ziehen, um dort nach Fossilien und anderen Kuriositäten zu suchen.
Kaum angekommen hören sie auch bald die Geschichte der Schlange von Essex… Einem „Meerdrachen“, der schon im Mittelalter sein Unwesen getrieben hat und neuerdings wieder gesehen worden sein soll. Cora ist sofort begeistert von dieser Geschichte. Handelt es sich bei dem Ungeheuer um eine bisher unbekannte, oder vielleicht sogar als ausgestorben geltende Spezies? Sie macht es sich zur Aufgabe, dieses merkwürdige Wesen aufzuspüren.
In dem kleinen Dörfchen Aldwinter, in dem die mysteriöse Schlange gesehen worden sein soll, machen Cora und ihre kleine Entourage die Bekanntschaft der Familie Ransome. Will Ransome, der Pfarrer von Aldwinter, ist schon bald fasziniert von der eigensinnigen Frau, die es liebt mit ihm über Naturwissenschaften und Religion zu streiten. Doch in der Zwischenzeit breitet sich die Furcht vor der Schlange in seiner Gemeinde aus wie ein Lauffeuer…

Zunächst einmal muss ich sagen, daß „Die Schlange von Essex“ nicht unbedingt war, was ich erwartet hatte. Ich dachte anfangs, es wäre vielleicht wie Tracy Chevalier’s „Zwei bemerkenswerte Frauen“, bei dem die Paläonthologin Mary Anning im Mittelpunkt steht. Doch Freunde der Paläonthologie oder Kryptozoologie werden hier vermutlich enttäuscht werden.
Lange ist nicht klar, was die Schlange von Essex denn nun eigentlich ist… Ein Plesiosaurus? Ein Hirngespinst? Eine unbekannte Spezies? Eine Strafe Gottes?

Jede Figur in diesem Buch hat ihre eigene Auffassung davon, was es ist, das die Dorfbewohner in Schrecken versetzt, aber eigentlich steht die Schlange wohl eher als Symbol für zwei Epochen und Weltanschauungen, die aufeinander treffen. Da gibt es die aufgeklärten Wissenschaftler, die die Welt erforschen und damit auch ein wenig entzaubern und diejenigen, die allem Neuen misstrauisch gegenüber stehen und sich in ihren Aberglauben flüchten.

„Die Schlange von Essex“ hat mich schwer begeistert. Man kann sich in diesem Buch nie ganz sicher sein, wohin die Handlung läuft und auch die Charaktere sind wunderbar dreidimensional und unkonventionell, ohne dabei „aus der Zeit zu fallen“.
Ich habe, glaube ich, schon mal geschrieben, daß mich historische Romane immer dann wahnsinnig frustrieren, wenn die Figuren alle Klischees bedienen, oder so stark von ihnen abweichen, daß die Geschichte dadurch unglaubwürdig wird.
In diesem Buch passt alles ganz wunderbar!

Obwohl der Prolog sehr poetisch verfasst wurde, ist das Buch wirklich schön und leicht zu lesen. Man hat geschliffene Sätze, die aber nicht ermüden und ich bin nur so durch die Geschichte geflogen.
Jeden Tag habe ich mich auf die Zugfahrt gefreut, weil ich sie wieder mit diesen starken Charakteren verbringen durfte und gegen Ende wollte ich gar nicht mehr weiterlesen, weil ich Aldwinter und seine Bewohner nicht verlassen wollte.
So sollen Bücher sein!

Für mich war „Die Schlange von Essex“ ein absolutes Love it-Buch und an dieser Stelle möchte ich als begeisterte Bibliophile nochmal ein großes Dankeschön an den Eichborn Verlag sagen, der diesem Schatz auch ein passendes Gewand gegeben hat. Denn der Buchdeckel wurde mit Schuppenoptik und -haptik versehen.
Da beginnt der Lesegenuss schon vor dem Öffnen des Buches! 🙂

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Review: Von Inseln, die keiner je fand

Mittlerweile dürfte wohl schon bekannt sein, daß ich schön gemachte Bücher mit wunderbaren Illustrationen über alles liebe. Da darf es auch schon mal ein Sachbuch sein. 😉

Als ich im Katalog über „Von Inseln, die keiner je fand“ gestolpert bin war ich sofort verliebt und habe es mir dann doch noch auf Englisch bestellt, weil ich die wenigen Wochen, bis es auf Deutsch erscheinen würde (mittlerweile ist es das) nicht mehr abwarten konnte.

In „The Un-Discovered Islands“ nimmt sich Malachy Tallack sagenhafte Inseln vor, die zwar mittlerweile ins Reich der Fantasie oder auch Archäologie eingegangen sind, die aber über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte auf den Karten dieser Welt zu finden waren.

Hier finden wir natürlich Atlantis und Thule, aber auch weniger bekannte Archipele… Inseln, die wohl nur in Geschichten vorkamen und sich so einen Platz auf den Karten ergatterten oder solche, die trotz mehrfacher Sichtungen und genauer Angaben einfach und unerklärlich verschwanden.

Die Geschichten sind dabei immer einzigartig und kurzweilig.
Illustriert wurde alles ganz wundervoll von Katie Scott, die viele schon von ihren großartigen Bildbänden „Das Museum der Tiere“ und „Das Museum der Pflanzen“ kennen.

Ich liebe ja Bücher, bei denen alles zusammen passt und so ist „Von Inseln, die keiner je fand“ ein wirklich schönes Buch, daß man sich gönnen darf, wenn man ein bißchen von den Mythen und Forschern vergangener Epochen träumen möchte und natürlich auch ein perfektes Geschenk. 🙂

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