Review: Edison

Heute wollte ich euch ein Bilderbuch vorstellen, das nun aber wirklich ein Augenschmaus für jung und alt ist.

Vor zwei Jahren konnte mich Torben Kuhlmann schon mit „Armstrong – Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ begeistern. Davor war bereits „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ erschienen.
Nun also liegt der dritte Band der Reihe „Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes“ vor und wieder einmal machen sich mutige Mäuschen auf, Abenteuer und Wissenschaft miteinander zu verbinden.

In „Edison“ geht es um den kleinen Mäuserich Pete, dessen Vorfahre ein geheimnisvolles Schriftstück hinterlassen hat, in dem die Rede von einem Schatz ist.
Gemeinsam mit dem Professor, einer älteren weisen Maus, findet er heraus, daß das Schiff, mit dem Petes Vorfahr damals nach Amerika übersiedeln wollte, gesunken ist.
Der Schatz muss nun also auf dem Grund des Ozeans liegen!
Doch das entmutigt Pete noch lange nicht und zusammen mit dem Professor macht er sich auf, in die Tiefen der Meere…

Wie auch schon in den vorherigen Bänden widmet sich Torben Kuhlmann in „Edison“ einem Kapitel der Wissenschaft und Forschung.
Dabei müssen die kleinen Mäuse selbst herausfinden, wie es möglich ist, auf den Grund des Meeres zu gelangen. So wird Wissen kindgerecht vermittelt und auch die Erwachsenen haben Spaß beim Vorlesen.

Kuhlmanns Illustrationen sind einfach wunderbar und viele Doppelseiten kommen ganz ohne Text aus, was Raum für eigene Beobachtungen und Erklärungen lässt.

„Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes“ ist ein Bilderbuch für jung und alt, dessen kleine Protagonisten sofort die Herzen der Leser erobern werden.

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Review: Königskinder

In den letzten Jahren hat sich der Schweizer Autor Alex Capus nicht zuletzt durch „Léon und Louise“ einen Namen damit gemacht, gute Literatur mit schönen Liebesgeschichten zu verbinden.
Bisher hatte ich von ihm nur „Das Leben ist gut“ gelesen, wobei Capus mich mit seinem feinen Humor schnell für sich gewinnen konnte.
Deshalb habe ich mich auch schon sehr auf sein neustes Buch „Königskinder“ gefreut.

Tina und Max sind ein recht glückliches Ehepaar, das es jedoch liebt, über die kleinen Dinge des Lebens zu streiten, während man sich über die großen Dinge immer einig ist.
Als sie eines Nachts auf einem Gebirgspass im Schnee stecken bleiben, beschließen sie, das in dieser Situation sinnvollste zu tun und abzuwarten, bis es morgen wird und das Räumfahrzeug kommt.

Um sich die Zeit bis dahin zu vertreiben beginnt Max, eine Geschichte zu erzählen, die ihren Anfang vor etwa 250 Jahren in ebendieser Gegend genommen haben soll:

Jakob ist ein Waisenjunge, der alleine in einer kleinen Hütte in den Bergen wohnt und die Sommer damit verbringt, die Kühe des Bauern aus dem Tal zu hüten.
Im Herbst bringt er die Kühe dann zurück zu ihrem Besitzer und dabei verliebt er sich in Marie, die Tochter des reichsten Bauern im Dorf.

Das daß von ihrem Vater nicht gerne gesehen wird ist klar, und so brennt das junge Paar eines Tages miteinander durch.
Doch schnell begreifen die beiden, daß sie sich damit einen mächtigen Feind gemacht haben und so kehrt Marie zurück zu ihrer Familie, während sich Jakob für zehn Jahre beim Militär verpflichtet.

Jakob wird in Frankreich stationiert, doch Marie will ihm in all der Zeit nicht aus dem Kopf gehen. Sobald er seinen Dienst abgeleistet hat, kehrt er zurück in seine Heimat und wieder brennt Marie mit ihm durch.

Doch auch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer, denn schon bald trifft eine Nachricht von König Ludwig XVI. auf der kleinen Berghütte ein, in der Jakob nach Versailles beordert wird.
Der Grund: Prinzessin Elisabeth, die Schwester des Königs, hat sich in der Nähe des Schlosses einen kleinen Bauernhof eingerichtet, doch ihre Kühe wollen keine Milch geben. Nun soll sich ausgerechnet Jakob darum kümmern.

Wieder muss sich das Paar trennen und während Jakob die königlichen Kühe hütet und sich nach Marie sehnt, rückt die Revolution immer näher…

„Königskinder“ ist ein dünnes, leichtes Büchlein, das einfach Spaß zu lesen macht.
Immer wenn die Geschichte von Jakob und Marie droht zu kitschig oder vorhersehbar zu werden, schaltet sich Tina ein, um ihren Mann dazu zu bringen, die Handlung zu verändern.
Diese Geschichte in der Geschichte ist ein schöner Kunstgriff, den ich sehr schätze. Nicht umsonst ist „Die Brautprinzessin“ eines meiner Lieblingsbücher.

Tina und Max sind dabei keine bloßen Randfiguren, sie treten immer wieder in den Vordergrund, sie schmollen, streiten ein bißchen und beeinflussen damit die Geschichte von Jakob und Marie.

Eine wirklich schöne Lektüre für die bevorstehenden Winterabende!

Review: Aquarium

Für die zwölfjährige Caitlin ist ihre Mutter Sheri die einzige Familie, die sie hat.
Von ihrer eigenen Familie spricht Sheri nicht und auch über Caitlins Vater schweigt sie sich beharrlich aus.
Um über die Runden zu kommen arbeitet Sheri lange Schichten am Hafen. Der einzige Luxus in Caitlins Leben ist deshalb ihre Jahreskarte für das Aquarium, das sie jeden Tag nach der Schule besucht, während sie auf ihr Mutter wartet.

Eines Tages wird Caitlin im Aquarium von einem fremden, älteren Herren angesprochen. Auch er ist jeden Tag hier und schon bald beginnt eine zarte Freundschaft zwischen den beiden.
Doch als Sheri davon erfährt ist sie sofort alarmiert. Was will der fremde Mann von ihrer Tochter?
Besorgt ruft sie die Polizei, doch was dann passiert wird die Beziehung von Mutter und Tochter für immer verändern…

Ich muss zugeben, daß ich „Aquarium“ als Wohlfühlbuch auf meiner Leseliste abgespeichert hatte. Dementsprechend war ich dann auch erst einmal völlig überrumpelt, wie düster dieses Buch ist und mit welchen Abgründen es sich auseinandersetzt.

Denn David Vann beschreibt in „Aquarium“ nicht nur eine Mutter-Tochter-Beziehung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren geht.
Es geht um Schuld und Verantwortung, Liebe und Hass, Familie und Freundschaft…
Ich hatte nicht damit gerechnet, daß mir dieses Buch einen Schlag in die Magengrube nach dem anderen versetzen würde.
Doch Vann lässt seine Figuren dabei nicht zugrunde gehen, denn Caitlin findet auch Schönes, Liebe und Hoffnung.

Nein, „Aquarium“ ist kein Wohlfühlbuch.
Es ist aber ein verdammt gutes Buch, das die Grenzen einer Familie auslotet.

Deutscher Titel: „Aquarium“

Review: Neujahr

Am Neujahrsmorgen beschließt Henning, eine Radtour in die Berge Lanzarotes zu unternehmen…
Er ist Anfang vierzig, hat zwei kleine Kinder und führt eine glückliche Ehe. Seine Familie hat absolute Priorität, deshalb tritt der auch beruflich kürzer, um die Kinder zu versorgen und seine Frau zu unterstützen. Eigentlich läuft alles perfekt, wären da nicht die plötzlichen Panikattacken, die Henning immer wieder heimsuchen und ihn aus der Bahn werfen.

Auf seiner Tour beginnt er, über seine Familie und die Angststörung nachzudenken, doch hängen sie wirklich zusammen?
Während des beschwerlichen Aufstiegs scheint ihm seine Fantasie immer wieder Streiche zu spielen und eine innere Unruhe breitet sich in ihm aus.
Als Henning dann endlich den Gebirgspass erreicht wird ihm plötzlich klar; dies ist nicht sein erster Besuch auf Lanzarote. Er war schon einmal als Kind hier und damals muss etwas passiert sein, das ihn schwer traumatisiert hat…

Seit „Nullzeit“ bin ich ja ein großer Fan von Juli Zeh und war dementsprechend gespannt auf ihr neustes Buch.
Wie schon damals bei „Nullzeit“ konnte ich nun auch „Neujahr“ kaum aus der Hand legen und habe es fast in einem Rutsch durchgelesen.

Schon ganz zu Anfang war ich begeistert, denn Juli Zeh seziert das Innenleben einer nach außen hin perfekten Familie so ehrlich und leicht zynisch, wie ich es bisher noch nirgendwo gelesen habe.
Auch wenn Henning und seine Frau Theresa eine sehr gleichberechtigte Ehe führen, scheint es eine Art „Schuldenkonto“ zu geben, das besonders Henning stark im Blick hat. Wieviel Freizeit darf er sich gönnen, wieviel Hausarbeit muss er machen, wenn Theresa mehr verdient? Wieviele Ausflüge muss man mit den Kindern machen, wieviel dem Partner zugestehen, bevor man sich selbst eine Auszeit nimmt?
Ich kann schlecht einschätzen, wie Leser ohne Kinder diese Aufrechnerei finden, ich selbst habe meine Familie dabei sehr oft wiedererkannt und auch mein Mann musste lachen und zustimmend nicken, wenn ich ihm diese  Sätze aus „Neujahr“ vorgelesen habe.
Über dieses „Zeitkonto“, das es wohl in vielen Familien gibt, habe ich bisher noch nie in einem Roman gelesen und war begeistert, wie gut Juli Zeh hier den Nagel auf den Kopf trifft.

Der zweite Teil des Buches ist dann so spannend, daß man stellenweise fast Angst hat, weiterzulesen. Ich möchte an dieser Stelle nicht zuviel verraten, nur soviel: Es gibt weder Mord noch Totschlag, doch (besonders Eltern) müssen sich hier ihren Alpträumen stellen…

„Neujahr“ ist für mich ein absolutes Highlight dieses Herbstes und definitiv ein Buch, das ihr im Dezember auf meiner Geschenketipp-Liste wiederfinden werdet!

 

Mehr von Juli Zeh findet ihr hier:

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Review: Leere Herzen

Review: Der Held im Pardelfell

Wer meinem Blog nicht erst seit gestern folgt, dürfte mittlerweile mitbekommen haben, wie sehr ich für die Illustrationen von Kat Menschik schwärme.
Nun hat der Galiani Verlag den georgischen Nationalepos „Der Held im Pardelfell“ von Schota Rustaweli aufgelegt, der von Tilman Spreckelsen zeitgemäß nacherzählt und von Menschik ganz wunderbar bebildert wurde.

Nachdem ich mich bisher noch nicht groß mit georgischer Literatur beschäftigt habe, wurde es also definitiv Zeit, mir das diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse etwas genauer anzuschauen und dies schien mir die perfekte Lektüre dafür zu sein.

„Der Held im Pardelfell“ wurde bereits im 12. Jahrhundert geschrieben und handelt von Awtandil, dem Ziehsohn des Königs Rostewan, der jedoch beschließt, daß seine Tochter Tinatin das Land nach seinem Tod regieren soll.
Awtandil ist zunächst frustriert, daß er den Thron nicht erben soll, doch dann werden er und Rostewan auf einem Jagdausflug Zeugen einer seltsamen Begegnung.
Denn die Wachen entdecken einen Ritter auf einem schwarzen Pferd, der ein Leopardenfell trägt und traurig vor sich hinzustarren scheint, doch als sie in ansprechen geht er wie wild auf die Wachen los.
Als Awtandil und Rostewan daraufhin nach dem geheimnisvollen Ritter suchen, entdecken sie ihn zwar, doch er ergreift die Flucht und verschwindet spurlos.

Dieses Ereignis legt bald einen Schatten auf das Königreich, denn die Leute halten es für ein schlechtes Omen und Rostewan grübelt immer wieder darüber nach, was es mit dem Ritter wohl auf sich haben könnte.
Also läßt Tinatin nach Awtandil rufen und bittet ihn, den Mann im Pardelfell zu finden und dem Spuk ein Ende zu machen.
Awtandil ist so von Tinatin bezaubert, daß sich auf eine lange und abenteuerliche Reise macht, um den Ritter zu finden, hinter sein Geheimnis zu kommen und damit Tinatins Liebe zu gewinnen…

Ich hatte zuvor noch nie von dieser Geschichte gehört, die in Georgien wohl denselben Stellenwert besitzt, wie das Nibelungenlied hierzulande.
Ursprünglich wurde es als Versepos geschrieben, aber für diese Ausgabe in einer zeitgemäßen Form nacherzählt, weshalb man eigentlich nie das Gefühl hat, einen angestaubten Klassiker, sondern eher ein modernes Märchen zu lesen.

Überhaupt ist die ganze Geschichte wesentlich progressiver, als ich es von anderen mittelalterlichen Texten her kenne.
Die Frauen sind hier keine Prinzessinnen in Nöten, sondern starke Persönlichkeiten, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Herrscherinnen, die wissen, was sie im Leben wollen und sogar die Dienerin in dieser Geschichte verdient sich durch ihre Loyalität und ihren Mut am Ende ein besseres Leben.
Ausserdem wird kein Nationalstolz zementiert. Die Helden dieser Erzählung stammen aus Georgien, Indien und Persien und verbinden durch ihre Freundschaft viele Kulturen und Völker.

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Die Illustrationen von Kat Menschik wurden diesmal in dunklen Rot- und Blautönen gehalten und greifen viele orientalische Elemente auf. Ein absoluter Augenschmaus!

Damit ist „Der Held im Pardelfell“ nicht nur ein Buch, das man sich gönnen sollte, wenn man mehr zu Georgien erfahren möchte, sondern auch Buchkunst vom Feinsten!

 

Mehr von Kat Menschik findet ihr übrigens hier:

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Lieblingsillustratoren: Kat Menschik

Review: Never Mind

Diesen Sommer begegneten mir die Bücher von Edward St Aubyn plötzlich ständig auf Instagram. Es hat eine Weile gedauert, bis ich realisiert habe, daß es sich dabei um die Patrick Melrose – Reihe handelte, die ja vor kurzem mit Benedict Cumberbatch verfilmt wurde.

Die Serie habe ich noch nicht gesehen, aber der Trailer sah vielversprechend aus und das Cover ist wunderschön, also nichts wie her damit!

David und Eleanor Melrose verbringen die Sommer stehts in ihrer Villa im Süden Frankreichs, wohin sie gerne auch Freunde und Bekannte aus der Londoner High Society einladen.
Doch das schöne Wetter, die ausladende Villa mit ihren Ländereien, das gute Essen und die bissigen Gespräche mit den intellektuellen Freunden… das alles ist nur die schillernde Oberfläche unter der sich wahre Abgründe auftun.

Denn Eleanor schlägt sich mit Alkohol und Tabletten durch den Tag, während David es liebt, seine Familie zu demütigen und sowohl seelisch, als auch körperlich zu missbrauchen.

Und so kommt es zu Ereignissen, die das an sich so privilegierte Leben von Patrick Melrose für immer überschatten werden…

Es gibt ja viele Blogger, die Triggerwarnungen in ihre Rezensionen schreiben.
Ich selbst bin kein großer Fan davon, weil dadurch schnell gespoilert werden kann, also nur soviel: wenn ihr Triggerwarnungen für Bücher braucht, dann lest dieses Buch besser nicht.
Damit will ich nicht sagen, daß es unnötig grausam oder gewalttätig ist, allerdings ist der Missbrauch, der hier stattfindet stellenweise nur schwer zu ertragen und während einer Szene saß ich im Zug, hatte mir die Hand vor den Mund geschlagen und meine Mitfahrer wohl mit großen Augen angestarrt, wie um ihnen zu suggerieren: „Bitte sagt mir, daß das gerade nicht wirklich passiert!“

Ich versuche ja immer möglichst wenig über den Autor zu erfahren, damit mein Leseerlebnis  davon nicht beeinflußt wird, aber bei Edward St Aubyn konnte ich es mir nicht verkneifen, zu googeln und tatsächlich sind die Patrick Melrose – Bücher autobiografisch angehaucht und einige der Ereignisse sind dem Autor auch so passiert.

Trotzdem kann ich dieses Buch nur empfehlen!
Wer jetzt interessiert ist, sollte natürlich bedenken, daß es sich hier um den ersten Teil einer fünfbändigen Reihe handelt, weshalb man in diesem Buch noch keine Auflösung erwarten darf.
Ich habe jedenfalls vor, die Reihe nach und nach weiterzulesen.

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Die Patrick Melrose – Reihe:

  1. Never Mind (Schöne Verhältnisse)
  2. Bad News (Schlechte Neuigkeiten)
  3. Some Hope (Nette Aussichten)
  4. Mother’s Milk (Muttermilch)
  5. At Last (Zu guter Letzt)

PS: Aktuell sind nicht mehr alle Einzelbände auf Deutsch lieferbar. Dafür gibt es einen Gesamtband mit dem Titel „Melrose“.
Wer also nur mal in die Reihe hineinschnuppern möchte, ohne sich gleich auf ein 900 Seiten dickes Buch festzulegen, müsste das auf Englisch machen, oder sich eine gebrauchte Ausgabe des ersten Teils besorgen.

Review: Nobody is Ever Missing

Letztes Jahr habe ich ja eher verhaltene Kritiken zu Catherine Laceys Roman „Niemand verschwindet einfach so“ gelesen… Aber dieses Titelbild!
Also hab ich mich mal wieder zu einem Cover-Kauf hinreißen lassen.
Ob es sich dann doch noch gelohnt hat?

Elyria beschließt eines Tages, einfach so zu verschwinden.
Weder ihr Ehemann, noch ihre Mutter oder Freunde wissen Bescheid, als sie sich ein One-Way-Ticket nach Neuseeland kauft und ins nächste Flugzeug steigt.
Doch einen wirklichen Plan hat auch Elyria nicht. Sie trampt durch das Land, versucht, irgendwo unterzukommen, doch all das passiert erschreckend antriebslos.
Eigentlich würde Elyria wohl am liebsten komplett verschwinden, doch irgendwann stellt sie fest, daß es mit dem Verschwinden nicht so einfach ist, denn man selbst weiß ja immer noch, wo man steckt.

Nein, wirklich warm wird man nicht mit Elyria, denn es ist nicht leicht, ihre Beweggründe zu verstehen. Ist es die lieblose Ehe mit einem Mann, der ihr manchmal Angst macht, die sie zur Flucht veranlasst hat? Loslassen kann sie ihn scheinbar nur schwer.
Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und der Selbstmord der Schwester geistern immer am Rande durch die Geschichte, ohne wirklich aufgearbeitet zu werden.

Es hat mich ein bißchen frustriert dieses Buch zu lesen, in dem eine Frau offenbar eine neue Richtung im Leben sucht, sich treiben lässt, aber dann zu lethargisch ist, um auf Kurs zu kommen.
Dabei passiert kaum etwas, außer daß Elyria ihren Gedanken nachhängt, und weil die sich auch gerne mal im Kreis drehen, schweift man selbst schnell ab.
Zumindest ertappte ich mich ständig, wie ich begann meinen Gedanken nachzuhängen.

Und eigentlich ist es schade, denn das Buch hätte wirklich Potential gehabt.
Zwischen all den Gedankenspiralen verstecken sich ganz wunderbare Sätze und auch die Grundidee – ein absoluter Bruch mit dem bisherigen Leben – fand ich wahnsinnig spannend.

Manchmal stehe ich auf dem Nachhauseweg am Bahnhof und lese, in welche Richtungen die nächsten Züge fahren. Und dann denke ich mir – nur ganz kurz – wie es wohl wäre, mit nichts als dem, was ich gerade in meiner Handtasche habe in den Zug nach Florenz zu steigen und zu sehen, was passieren würde.
Natürlich werde ich das nie tun, denn daheim warten meine Kinder auf mich, also verzichte ich gerne auf so ein spontanes Abenteuer.
Aber die Idee bleibt und ich kann mir vorstellen, daß sich die meisten Leute gelegentlich fragen, wie es wäre, plötzlich aus den gewohnten Bahnen auszubrechen.

„Nobody is Ever Missing“ versucht zwar, eine solche Geschichte zu erzählen, dreht sich dann aber nur im Kreis. Deshalb war es leider eine Enttäuschung für mich.