Ab in den Urlaub im August!

Willkommen im August!
Unfassbar, wie schnell das Jahr vergeht… Die Kinder haben jetzt Ferien und ich werde in anderthalb Wochen meinen Sommerurlaub beginnen.
Traditionell ist das der Monat des Jahres, in dem ich am wenigsten lese. Immerhin müssen die Kinder bespaßt werden und der Kleinste ist eindeutig noch zu klein, um ihm im Schwimmbad oder am See seinem Schicksal zu überlassen. Für drei Wochen werde ich auch nicht in die Arbeit Pendeln, was meine Lesezeit dann doch stark einschränkt.
Natürlich ist es aber auch die Zeit des Jahres, in der sich meine Regale unter den ganzen Leseexemplaren biegen, die gelesen werden wollen, um den Kunden dann die wichtigsten Neuheiten empfehlen zu können.

Diesen Herbst finde ich unheimlich spannend; wir haben wenige große Namen in den Programmen, dafür aber sehr vielversprechende Debütanten und Autoren, die schon vor ein paar Jahren ein erstes erfolgreiches Buch veröffentlicht haben und nun beweisen müssen, daß sie keine One Hit Wonder sind.

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Ein Backlist-Titel hat sich dann aber trotz der ganzen Novitäten eingeschlichen:
„Wolkenbruchs Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer stand schon lange auf meiner Liste, jetzt kam gerade die wunderschön illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg auf den Markt.
Also schnell her damit, bevor Mitte September der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ bei Diogenes erscheint!

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Für den Podcast haben sich mein Kollege Andi und ich dann wieder auf zwei Titel geeinigt, die wir gemeinsam lesen und besprechen werden: Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong und Wir von der anderen Seite von Anika Decker.

Auf den ersten Blick haben die Titel vielleicht nicht viel gemeinsam, aber beide Autoren bringen schon Erfahrung mit, auch wenn dies ihre ersten Romane sind. Ocean Vuong hat sich in den USA bereits einen Namen als Lyriker gemacht, während Anika Decker als Drehbuchautorin hinter Filmen wie „Keinohrhasen“ steht.
Beide Autoren verarbeiten in ihren Büchern außerdem sehr persönliche Erfahrungen: Ocean Vuong schreibt über die Suche nach seiner Identität als homosexueller, vietnamesischer Einwanderer und Anika Decker setzt sich mit ihrer lebensbedrohliche Erkrankung und dem Kampf zurück ins Leben auseinander.

Mit Wir von der anderen Seite habe ich übrigens schon angefangen (obwohl ich meine Monatsstapel traditionell wirklich erst am Ersten des Monats beginne, aber ich brauchte dringend einen Ausgleich zu all den traurigen Büchern im letzten Monat) und bin unheimlich begeistert von Anika Deckers feinfühligem Humor.

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Zwei Titel, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl (erscheint am 30.08.) und „Miroloi“ von Karen Köhler (erscheint am 19.08.).
Mareike Fallwickl hatte ja mit Dunkelgrün fast schwarz ein wirklich aufsehenerregendes Debüt hingelegt, das mich sehr beeindruckt hat, Karen Köhler hat sich mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ einen Namen gemacht.

Vor Kurzem traf ich Karen Köhler bei einem wirklich netten Abendessen zu dem der Hanser Verlag eingeladen hatte und ich war sofort gefangen von der Lesung, die die Autorin da hingelegt hat. Da hat sich die Schauspielausbildung gelohnt!

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Zwei weitere Romane, auf die ich schon sehr gespannt bin sind „Der Sprung“ von Simone Lappert (erscheint am 28.08.), auf den ich mich freue, seit die fabelhaften Diogenes-Damen auf der Leipziger Buchmesse von diesem Titel erzählt haben. Jetzt darf das Buch mit in den Urlaub!
Außerdem hört sich der Debütroman Schöner als überall von Kristin Höller (erscheint am 12.08.) sehr vielversprechend an!

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Ein weiterer Titel, der mit in den Urlaub darf, ist „Fünf Lieben lang“ von André Aciman (erscheint am 28.08.). Ich muss zugeben, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, „Call Me by Your Name“ zu lesen und auch den Film habe ich bisher nicht gesehen. Dann beginne ich wohl einfach mit Acimans neustem Roman, während sein bekanntestes Buch weiterhin auf meiner Lesen!-Liste steht.

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Als illustriertes Sachbuch freue ich mich diesen Monat sehr über „Die wundersamen Zwölf – Kuriose Säugetiere, die tatsächlich existieren“ von Rae Mariz und der Künstlerin Moki, deren Graphic Novel Sumpfland ich ja vor Kurzem vorgestellt habe.
Darin werden wirklich seltsame Geschöpfe, wie der Langschnabeligel oder der Wüstengoldmull vorgestellt und natürlich darf auch das Schuppentier nicht fehlen! Immerhin ist es das Verlagsmaskottchen des fabelhaften Reisedepeschen Verlags.

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Literarisch wird es dann bei den Graphic Novels.
Der Künstler Andreas Eikenroth hat sich nämlich Georg Büchners „Woyzeck“ vorgenommen und grafisch inszeniert. Dabei hat er den Text ein wenig modernisiert und auch die Handlung vom Anfang des 19. Jahrhunderts in die Weimarer Republik geholt.
Für mich war der „Woyzeck“ ja als Schullektüre ein Graus, diese Umsetzung gefällt mir allerdings sehr gut!

Und im Splitter Verlag erschien nun „Victor Hugo – Im Exil“ von Esther Gil und Laurent Paturaud. Darin wird die Entstehungsgeschichte von „Les Misérables“ zwar fiktiv geschildert, allerdings haben sich die Autoren wohl an realen Ereignissen orientiert.
Ich bin gespannt!

Ganz schön viel vorgenommen habe ich mir da, hoffentlich komme ich wenigstens halbwegs zum Lesen!

Was liegt auf Euren Lesestapeln und auf welche Neuerscheinungen freut Ihr Euch in diesem Herbst schon am meisten?

Ich wünsche Euch einen sonnigen August,
Eure Andrea

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Review: Meine geniale Freundin

Das Ferrante-Fieber hat mich ja nun all die Jahre kaltgelassen.
Trotz zahlreicher Kollegen, die mir versicherten, wie großartig „Meine geniale Freundin“ wäre, trotz der vernichtenden Kritik von Maxim Biller im Literarischen Quartett, die ja nun eigentlich eher eine Auszeichnung ist, trotz allem blieb ich skeptisch. Denn obwohl ich zu den Lesern gehöre, die am liebsten so wenig wie möglich über Autoren wissen wollen, war mir das Mysterium, das Elena Ferrante umgibt immer ein wenig suspekt.
Die Gründe, die sie für ihre Anonymität anführt, sind zwar genau die, die ich nennen würde, wenn man mich fragt, warum ich so wenig über Autoren wissen möchte, die ich gerne lese, aber das hartnäckige Gerücht, hinter dem Namen würde eine Schreiberwerkstatt stecken, stieß mir immer sauer auf. Ich kann einen Autor akzeptieren, der die Öffentlichkeit scheut, es behagt mir allerdings nicht, wenn ich das Gefühl habe, da wäre ein Autoren-Team am Werk, das ganz gezielt bestimmte Schablonen abarbeitet – wie es ja in Filmen gang und gäbe ist – um den Leser bei der Stange zu halten…

Vor Kurzem las ich dann aber Frau im Dunkeln und war absolut beeindruckt von der psychologischen Tiefe dieses Romans. Für mich war sofort klar, daß die Geschichte keine Auftragsarbeit aus der Retorte sein konnte, sondern daß eine sehr reflektierte und intelligente Autorin dahinterstecken musste.
Und so begann ich, mich auf die „geniale Freundin“ zu freuen…

Elena und Lila wachsen in den 1950er Jahren in einem ärmlichen Viertel Neapels auf. Als die beiden in die Schule kommen, stellt sich heraus, daß Lila eine unheimlich begabte Schülerin ist, die sich das Lesen und Schreiben bereits selbst beigebracht hat. Da sie aber als Unruhestifterin gilt und selbst die Raufbolde in der Klasse das Fürchten lehrt, wird sie von der Lehrerin nicht so gefördert wie Elena. Die wurde offenbar dazu auserkoren, eine schulische Ausbildung zu erhalten, die ihr eines Tages eine Zukunft außerhalb des Rione ermöglichen soll, doch ohne Lilas Hilfe tut sich Elena anfangs manchmal schwer mit dem Schulstoff.

Nach der Zeit in der Grundschule bekniet die Lehrerin Elenas Eltern, sie auf die Mittelschule und später aufs Gymnasium zu schicken. Lilas Eltern dagegen wollen kein weiteres Geld für die Ausbildung ihrer Tochter ausgeben, die ohnehin eines Tages Hausfrau und Mutter sein wird. Sie beginnt im Schusterladen des Vaters und im Haushalt der Mutter mitzuhelfen, doch Lila lernt weiterhin mit Elena zusammen und bringt sich sogar selbst Latein und Griechisch bei, um ihrer Freundin zu helfen.

Mit der Zeit jedoch versiegt Lilas Lerneifer und sie beginnt sich in die Rolle zu fügen, die von ihr erwartet wird. Und während sich für Elenas Zukunft immer mehr Türen öffnen, beschließt Lila, daß sie einen vielversprechenden Mann finden muss, um der Armut ihres Viertels zu entkommen…

Ich muss sagen, daß es eine Weile dauerte, bis ich mit dem ersten Teil der Neapolitanischen Saga wirklich warm wurde. Anfangs fühlte ich mich ein wenig an einen klassischen ZDF-Mehrteiler erinnert. Eine nette Geschichte mit netten Protagonisten… alles sehr gefällig, vorhersehbar und wie tausend anderer solcher Geschichten, die man schon so ähnlich gelesen oder im Fernsehen gesehen hat.
Sollte das wirklich dieselbe Autorin geschrieben haben, die mich mit ihrer präzisen Beobachtungsgabe in Frau im Dunkeln so beeindruckt hatte?
Erst mit der Zeit und der starken Entwicklung der Figuren begann ich immer mehr Gefallen an der Geschichte zu finden. Zuletzt freute ich mich dann schon immer auf meine Zeit im Schwimmbad, wenn ich dieses Buch endlich weiterlesen konnte.

„Meine geniale Freundin“ ist ein wunderbarer Roman, um ihn entspannt in den Ferien zu lesen. Am Ende war ich sogar richtig enttäuscht, daß es mich dieses Jahr gar nicht nach Italien verschlägt. Es wäre wirklich schön gewesen, dieses Buch beim Strandurlaub an der Mittelmeerküste zu lesen…
Das wird dann hoffentlich nächstes Jahr mit dem zweiten Teil nachgeholt!


Die Neapolitanische Saga:

1. Meine geniale Freundin
2. Die Geschichte eines neuen Namens
3. Die Geschichte der getrennten Wege
4. Die Geschichte des verlorenen Kindes

Review: The October Man

Auf den Oktober freue ich mich dieses Jahr schon sehr, denn dann wird Ben Aaronovitch bei uns im Laden zu Gast sein, um sein neustes Buch „Der Oktobermann“ vorzustellen.
Als großer Fan der Rivers of London-Reihe schnappte ich mir diesen Band natürlich gleich auf Englisch und war dann zugegebenermaßen ein bißchen überrascht…
Ich hatte zwar gesehen, daß dieser Teil in Deutschland spielen würde, daß es allerdings ganz ohne Peter Grant und Co ablaufen würde… damit hatte ich nicht gerechnet.
Denn auch wenn auf der englischen Ausgabe frech „A Rivers of London Novella“ steht, betritt in „The October Man“ ein völlig neuer Ermittler die Bühne: Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts. Man könnte es wohl als das deutsche Äquivalent der Folly bezeichnen, wäre hier nicht alles streng reglementiert und mit preußischer Effizienz durchorganisiert.
Wer jetzt aber glaubt, daß damit der Charme der Reihe verlorengeht, der irrt, denn Tobias Winter ist zwar deutlich organisierter und abgeklärter als Peter Grant, aber deshalb nicht weniger liebenswert.

An einem Weinberg in Trier wird eine seltsam entstellte Leiche entdeckt: der gesamte Körper ist von einem Pilz überzogen, der dazu eingesetzt wird, Weine zu veredeln und der eigentlich nicht auf den Menschen übergreifen kann. Ein Fall für die Abteilung KDA?
Tobi Winter reist an, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen und wird vor Ort von einer Ermittlerin betreut, die zur Belustigung aller ausgerechnet Vanessa Sommer heißt.

Schnell wird klar, daß Magie beim Tod des Mannes definitiv eine Rolle gespielt haben muss und so beginnen Tobi und Vanessa, die sich erst an den Gedanken gewöhnen muss, daß ihr neuer Partner zaubern kann, zu ermitteln.
Dabei stoßen sie auf eine seltsame Trinkbruderschaft, ein altes Familiengeheimnis und natürlich auf die obligatorischen Flußgöttinnen…

„The October Man“ ist Aaronovitchs zweite Novella nach The Furthest Station und mit knapp 180 Seiten zwar ein kurzes, aber absolut lohnendes Lesevergnügen.

Das beeindruckende an dieser Geschichte ist, daß es Ben Aaronovitch gelungen ist, einen weiteren magischen Ermittler zu schaffen, der aber einen ganz eigenen Erzählton und eine völlig andere Herangehensweise hat. Dabei arbeitet er die Unterschiede zwischen England und Deutschland auf eine wirklich pointierte Art und Weise heraus, ohne dabei die typischen Klischees zu bedienen.
Denn wenn man in der Folly auf Ergebnisse aus anderen Abteilungen wartet, dann sind in der Regel die überarbeiteten, unterbesetzten Kollegen schuld, daß es nicht vorangeht. In Deutschland wird auf die Uhr geschaut, lakonisch festgestellt, daß die Beamten bereits Feierabend haben und der Rest der Ermittlung bis zum Dienstbeginn am nächsten Tag verschoben.

Überhaupt merkt man, daß Ben Aaronovitch sich Hilfe aus Deutschland geholt hat, denn es gibt keinen einzigen Fehler, wenn einmal etwas auf Deutsch gesagt wird. Wie oft habe ich schon englische Bücher gelesen, in denen plötzlich deutsche Figuren auftreten, die dann ein Kauderwelsch von sich geben, für das sich selbst der Google Translator schämen würde?
Sogar einen kleinen Schwaben-Witz bringt Aaronovitch locker unter! Da macht es auch Deutschen Spaß, das Buch im Original zu lesen.

Wer ein bißchen traurig ist, auf Peter Grant und Thomas Nightingale verzichten zu müssen, der sei getröstet… „The October Man“ bietet einen ganz großartigen Einblick in die Welt der Magie außerhalb der Folly und man beginnt zu ahnen, daß mit der Ausbildung von Peter etwas ins Rollen gebracht wurde, das weitreichendere Konsequenzen hat, als man bisher ahnen konnte.
Es gibt auch eine herrliche Szene, in der Tobi Abends im Bett liegt, an Peter Grant denkt und sich fragt, ob Peter wohl weiß, daß es ihn – also Tobi – überhaupt gibt…

Die Geschichte macht absolut Lust auf mehr vom Winter/Sommer-Team und lässt auf ein Crossover mit der Folly hoffen.
Für Fans ein absolutes Muss, auch ohne die üblichen Protagonisten!

Die deutsche Übersetzung „Der Oktobermann“ erscheint Ende September bei dtv.

Review: Sumpfland

Heute möchte ich Euch eine ganz besondere Graphic Novel vorstellen, die mich sehr beeindruckt hat: „Sumpfland“ der deutschen Künstlerin Moki aus dem Reprodukt Verlag.

In „Sumpfland“ folgen wir sehr verschiedenen Charakteren in recht unterschiedlichen Geschichten, die aber durch gemeinsame Themen miteinander verbunden sind.
Da ist zum Beispiel Ocre, eine Frau die durch die Landschaft zieht und versucht, eins mit ihr zu werden. Dann gibt es den introvertierten Aldi und seine Füchsin Puffi, deren Beziehung fast an Aldis Eigenbrötlerei zerbricht. Und es gibt die Getüme, seltsame quallenartige Wesen, die all ihre Energie auf Arbeit und ökonomisches Wachstum verwenden, bis die Frage nach der Endlichkeit der Ressourcen aufkommt.

Es gibt viele gesellschafts- und sozialkritische Themen, die in „Sumpfland“ angesprochen werden: die Zerstörung der Natur und der Versuch einzelner, zur Natur zurückzufinden oder die Wachstumsgesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen kaum gewürdigt wird. Es gibt aber auch sehr menschliche Themen, wie Verlassen zu werden, sich selbst zu verlieren und wiedergefunden zu werden.

So richtig erklären kann man „Sumpfland“ nicht. Man muss es schon gesehen haben und die Bilder auf sich wirken lassen; bestimmt werden viele Leser ganz andere Themen für sich entdecken.
Dabei würde man die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel beim ersten Durchblättern vielleicht gar nicht erkennen, denn Mokis Protagonisten sind Wesen, die wirken, als wären sie aus den verschiedensten Filmen oder Comics zusammengewürfelt worden. Da gibt es zum Beispiel die kleinen, niedlichen Flocken, die aussehen, wie flauschige Bällchen, die aber alles sehr genau beobachten und kritische Fragen stellen, oder Ichi, eine Art hasenohrigen Geist, der so zufrieden mit sich und der Welt ist, daß er stets nur das Gute sieht.

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Die Seiten des Buches sind alle in einem hellen Grünton gehalten, die Illustrationen wechseln von cartoonhaften Zeichnungen zu detailverliebten Skizzen, ohne daß es dabei zum Stilbruch kommen würde.

„Sumpfland“ ist für mich definitiv eins der Graphic Novel-Highlights dieses Jahres, auch wenn es mir wirklich schwerfällt, die Geschichte auf den Punkt zu bringen.
Denn hier werden in erster Linie Emotionen transportiert und das schafft Moki wie es wirklich nur wenige können.
Sollte Euch „Sumpfland“ also beim nächsten Besuch in Eurer Lieblingsbuchhandlung in die Hände fallen, dann lest auf jeden Fall rein!

Review: Jesolo

Andrea – genannt Andi – und Georg sind schon seit ihrer Jugend ein Paar, doch nun, mit Mitte dreißig, wird klar, daß die Beziehung vollkommen stagniert.
Während ihre Freunde heiraten, Häuser bauen und Eltern werden, weigert sich Andi nach wie vor, ihre eigene Wohnung aufzugeben und zu Georg zu ziehen. Wenn die Themen Heirat oder Kinder aufkommen, reagiert sie extrem gereizt und beendet sofort das Gespräch, denn es fällt Andi schwer, sich in dieses vorgefertigte Kleinstadtleben zu fügen. Sie träumt davon, in Spanien zu Leben, von einem Haus am Meer, und doch bricht sie nicht aus und lebt dieses Leben, daß ihr nicht ganz genügt, stoisch weiter.

Beim alljährlichen Urlaub in Jesolo tritt für Andi deutlich zutage, wie eingefahren ihr Leben mit Georg ist: der fährt nämlich schon seit seiner Kindheit stets nur nach Jesolo, immer in das selbe Hotel und lädt sich am Frühstücksbuffet die immer gleichen Speisen auf den Teller…

Nach diesem Urlaub kommt es zum Bruch zwischen den beiden, doch Andi beginnt zu begreifen, daß ihre Liebe zu Georg vielleicht doch stärker war, als ihr unbestimmter Freiheitsdrang.
Dann stellt sie fest, daß sie schwanger ist und ihr Leben wird erneut auf den Kopf gestellt. Ihre ersten Gedanken sind Abtreibung und Flucht, doch wie auch schon zuvor kann sie sich nicht entschließen, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen.

So geht sie zurück zu Georg und gibt die weitere Kontrolle über ihr Leben fast komplett aus der Hand. Als Georg von dem Baby erfährt, beginnt er sofort zusammen mit seinem Vater den Ausbau des Elternhauses zu planen, während Georgs Mutter Möbelhausprospekte wälzt, um die neue Wohnung einzurichten.
Andi ist zu erschöpft, um noch dagegen aufzubegehren. Sie fügt sich, nimmt alles hin und versucht, das Leben anzunehmen, das ihr da aufgedrängt wird.

Doch immer wieder gerät sie in Panik. Schließlich ist ihre eigene Mutter eines Tages sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden. Und Andi kann nicht aufhören, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, auch ihr Leben hinter sich zu lassen und neu zu beginnen…

Mit „Jesolo“ hat Tanja Raich ein wirklich beachtliches Debüt vorgelegt, das tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonistin gewährt und das trotz deren Handlungsunfähigkeit keine Sekunde langweilt. Als Leser fiebert man mit Andi mit, man möchte sie manchmal schütteln, damit sie endlich aus ihrer Lethargie herausfindet und beginnt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, oder ihr versichern, daß das Leben nie perfekt ist und man nicht gezwungen ist, die Fehler seiner Eltern zu wiederholen.

Tanja Raich zeichnet ein sehr präzises Bild unserer Generation, in der das Leben nach einem bestimmten Fahrplan abzulaufen scheint, in der es keinen Platz gibt, um zu Zaudern, und in der man Angst hat, aus diesen Mustern auszubrechen.

„Jesolo“ ist für mich definitiv eines der stärksten Debüts diesen Jahres.

Review: Siebzehnter Sommer

Ach ja… an meinen siebzehnten Sommer erinnere ich mich noch gut.
Ich hatte gerade die Schule beendet, meinen zukünftigen Mann kennengelernt, angefangen Fahrstunden zu nehmen und freute mich darauf, mit der Ausbildung zu beginnen und endlich erwachsen und unabhängig zu werden…

Auch für Angie Morrow ist ihr siebzehnter Sommer eine Zeit des Neubeginns:  sie hat ebenfalls die Schule abgeschlossen und freut sich darauf, bald ans College nach Chicago zu gehen. Bis dahin war sie ein eher unscheinbares Mädchen und ist noch nie wirklich ausgegangen, doch dann spricht sie der gutaussehende Jack Duluth an und lädt sie zu einer Bootstour am See ein.
Von da an treffen sich Angie und Jack regelmäßig und so öffnet sich ihr eine völlig neue Welt. Plötzlich ist sie keine Beobachterin mehr, sondern mittendrin im Geschehen; auf Partys, in Bars und bei romantischen Pärchenabenden.
Und doch ist für Angie klar, daß dieses Glück ein Ablaufdatum hat, denn bald werden Jack und sie ihre Heimatstadt in unterschiedliche Richtungen verlassen…

Was sich anhört, wie die Inhaltsangabe von so ziemlich jeden Teeniefilm, ist tatsächlich ein amerikanischer Klassiker, der 1942 den Grundstein für die Young Adult Literatur legte und durchaus kontrovers diskutiert wurde.

Dabei wirkt „Siebzehnter Sommer“ von Maureen Daly inzwischen an einigen Stellen eher unbeabsichtigt komisch. Denn während man der ersten Liebe in heutigen Jugendromanen die Strichervergangenheit, Drogenhandel und sogar eine Vergewaltigung verzeihen kann (Antonia Michaelis „Der Märchenerzähler“), hat Angie ganz klare Grenzen, was sie tolerieren kann und was nicht.
Und so droht das junge Glück in einem denkenswerten Kapitel fast an dem Umstand zu zerbrechen, daß Jack beim gemeinsamen Eis essen nicht einmal, sondern unerträgliche zweimal mit der Gabel gegen seine Zähne stößt!
Hach, das waren wirklich andere Zeiten damals…

Während mir die Geschichte trotz ihrer leichten Angestaubtheit doch gefallen konnte – denn die Atmosphäre und die zwischenmenschlichen Spannungen werden wirklich treffend beschrieben – bin ich mit der Protagonistin Angie nie wirklich warm geworden.
Zwar ist sie die Erzählerin, doch gibt sie praktisch keine Einblicke in ihr eigenes Seelenleben. Außer natürlich in der Szene mit dem Eis… soviel Verzweiflung wurde wohl in der Literaturgeschichte selten so eindrucksvoll geschildert.
Zu keiner Zeit gesteht sie sich selbst ihre Gefühle zu Jack wirklich ein. Das wirkt dann irgendwann seltsam und blutleer. Ist das nun den Umständen der Zeit anzurechnen, in denen dieser Roman geschrieben wurde? Ich denke nein, denn in mehr als einer Szene äußert sich eine Freundin von Angie über deren vorgebliche Gefühlsarmut genauso frustriert wie es der Leser irgendwann ist.

„Siebzehnter Sommer“ ist aber trotz allem ein recht charmantes Buch.
Kann man gelesen haben, muss man aber nicht.

Review: Rot ist doch schön

Ich weiß schon, daß sich das Thema Menstruation nicht unbedingt großer Beliebtheit erfreut, aber könntet Ihr heute trotzdem ausnahmsweise nicht gleich wegklicken?
Pretty please? (Und an dieser Stelle könnt Ihr Euch vorstellen, wie ich einen furchtbar süßen Rehaugenblick aufsetze.)
Denn auch, wenn Ihr selbst nicht menstruiert, gehe ich doch stark davon aus, daß Ihr in Eurem unmittelbaren Umfeld Menschen habt, die von diesem Thema betroffen sind…

Gedankenexperimente sind schon etwas Schönes.
Manchmal spiele ich ganz abwegige Szenarien in meinem Kopf durch, um zu überlegen, wie man bestimmte moralische Dilemmas wohl lösen würde.
Vor ein paar Jahren hatte ich eines Tages folgende Idee: was wäre, wenn allen Männern der Erde an ihrem 18. Geburtstag der rechte Arm abfallen würde?
Mein erster Gedanke war, daß so ein großer Anteil der Menschheit betroffen wäre, daß wir natürlich alles in unserer Macht Stehende tun würden, um ihnen zu helfen und ein Heilmittel zu finden.
Doch dann überlegte ich: was aber, wenn man so daran gewöhnt wäre, weil es schon immer so war, daß man das Thema komplett ignorieren würde? Das man vielleicht sogar schlechte Witze darüber machen würde…?
„Nein!“, dachte ich. „So schlimm sind wir doch nicht… oder?“
Und im nächsten Moment musste ich schon bitter lachen, denn mir wurde bewusst, daß mein Kopf ein Szenario durchgespielt hatte, mit dem wir es schon lange zu tun haben, nur daß nicht die 18-jährigen Männer, sondern die etwa 12-jährigen Mädchen davon betroffen sind.

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mich meine Mutter zur Seite nahm, mir mit gesenkter Stimme erklärte, was demnächst auf mich zukommen würde und mir ein kleines Täschchen „für den Notfall“ in den Schulranzen packte.
Mit meinen Mitschülerinnen habe ich damals nicht darüber geredet. Die gesenkte Stimme meiner Mutter hatte mir bereits suggeriert, daß es kein Thema war, über das geredet wurde, dazu kam dann noch die Angst, daß man die letzte sein könnte, die ihre Tage bekommen würde und man sich durch Fragen als Kind zu erkennen gegeben hätte, während alle anderen schon Frauen waren.

In meiner Teenagerzeit, bevor ich anfing Verhütungsmittel zu nehmen, die den wunderbaren Nebeneffekt haben, den Schmerz zu dämpfen, lag ich mehr als einmal im Krankenzimmer der Schule um eine Wärmflasche zusammengekrümmt.
Darüber geredet haben Mädchen wir nie groß.
Und auch jetzt ist es noch so, daß es für viele schwierig ist, sich wegen Regelschmerzen krankzumelden, weil viele Kolleginnen dann mit den Augen rollen und sagen: „Also bitte… damit müssen wir doch alle klar kommen!“

Solidarität zeigt sich allerdings dann, wenn ein kleines Unglück passiert. Auf die Frage, ob denn jemand einen Tampon dabei hat, reagieren selbst wildfremde Frauen und beginnen, in ihren Taschen zu kramen… Schließlich war man vielleicht schon in genau derselben Situation.
Doch die Frage wird nach wie vor sehr diskret gestellt. Ganz anders, als würde man durch einen Laden rufen, ob jemand ein Pflaster dabei hätte.

Warum eigentlich?
Warum senken wir immer die Stimmen, wenn es um Menstruation geht?

Diese Frage hat sich auch Lucia Zamolo gestellt, die mit ihrem wunderbaren kleinen Büchlein „Rot ist doch schön“ dazu beitragen möchte, daß dieses Thema von der nächsten Generation freier und offener diskutiert wird.
Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen, erklärt was da eigentlich im Körper passiert, gibt Tipps und Tricks, womit man die Schmerzen halbwegs in den Griff bekommen kann und erzählt vom Umgang mit Menstruation in anderen Kulturen.
So wusste ich zwar schon, daß Frauen in Nepal in Menstruationshütten verbannt werden, was mir allerdings völlig neu war ist, daß es in Japan bereits seit 1947 ein Gesetz gibt, das Frauen bei Periodenschmerzen erlaubt, bezahlten Urlaub zu nehmen.

„Rot ist doch schön“ ist informativ, humorvoll, ehrlich und unheimlich liebevoll illustriert. – Ein Buch, das man wirklich jedem Teenager in die Hand drücken sollte, um das Thema Menstruation mit der nächsten Generation von seinem „Darüber spricht man nicht!“-Dogma zu befreien und endlich mal mit sehr lauter Stimme nachzufragen, warum verdammt nochmal wir auf unsere Menstruationstassen, Binden und Tampons eigentlich den erhöhten Mehrwertsteuersatz zahlen müssen?
Was ist denn bitte die Alternative zu diesen „Luxusgütern“?!?
Eine Woche pro Monat in eine Menstruationshütte in die Berge gehen, oder was???

Großes Lob und Dank an dieser Stelle an die Autorin und Illustratorin Lucia Zamolo, die dieses Buch mit soviel Herzblut gemacht hat und an den Bohem Verlag, der dieses schwer zu bewerbende Thema ins Programm genommen hat!

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