Review: Das Evangelium der Aale

Wenn man mir noch vor ein paar Wochen gesagt hätte, daß ein Sachbuch über Aale zu meinen Favoriten dieses Frühjahrs gehören würde, dann hätte ich denjenigen vermutlich für verrückt erklärt!
Mit Aalen hatte ich bisher so gar nichts am Hut und um ehrlich zu sein, wusste ich nicht das Geringste über sie. Doch dann wurde mir „Das Evangelium der Aale“  des schwedischen Journalisten Patrik Svensson empfohlen und schon das erste Kapitel faszinierte mich so sehr, daß ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Viele empfinden den Aal als eklig, manche lieben es, ihn zu essen, für Svensson war er ein wichtiges Bindeglied zwischen ihm und seinem Vater.
Als Kind verbrachten die beiden viele Abende gemeinsam beim Aalfischen und auch später, als sie das nicht mehr gemeinsam taten, war es doch ein verbindenes Thema, auch wenn Vater und Sohn immer weniger gemeinsam zu haben schienen…

Der Aal ist ein wirklich faszinierendes Wesen, wenn man sich denn einmal mit ihm beschäftigt. Berühmte Wissenschaftler, wie Aristoteles, der eben nicht nur Philosoph war, oder auch Sigmund Freud, bissen sich die Zähne daran aus, herauszufinden, was es eigentlich mit dem Aal auf sich hat.
Denn der Lebensweg dieser Fische ist wirklich spannend: Er beginnt in der Sargassosee, nahe der Karibik, wo die Aale das Licht der Welt erblicken. Als sogenannte Weidenblattlarven treiben sie mit dem Golfstrom in Richtung der europäischen Küsten, wo sie eine Metamorphose vollziehen und zu Glasaalen werden; dünne, etwa fingerlange durchscheinende Fischlein, die besonders im Baskenland als Delikatesse gelten.
Sie beginnen, die Flüsse hinaufzuschwimmen und verwandeln sich ein weiteres Mal. Diesmal in den Gelbaal, den man wohl vor Augen hat, wenn man eben an Aale denkt.
So lebt er für viele Jahre in den Flüssen uns Seen und kann unter bestimmten Umständen ein geradezu biblisches Alter erreichen; offenbar lebte ein Aal – abgeschnitten vom Rest der Welt – an die 150 Jahre in einem Brunnen.
Doch früher oder später folgen sie einem Ruf der Natur und beginnen, die Flüsse wieder Richtung Meer herabzuschwimmen und eine letzte Metamorphose zu durchlaufen: die zum Blankaal.
Erst jetzt entwickelt der Aal Geschlechtsorgane, er hört auf zu fressen und wendet alle im verbleibende Kraft dafür auf, um wieder zu dem Ort zu gelangen, von dem er kam: zur Sargassosee. Was aber dort passiert, das hat die Wissenschaft auch bis heute nicht vollständig erforschen können.
Man weiß, daß die Aale dorthin schwimmen und nicht mehr zurückkehren und man weiß, daß hier kurze Zeit später die kleinsten Weidenblattlarven gefunden werden, doch wie sich der Aal vermehrt, das hat noch niemand beobachten können.

Bis heute gibt der Aal uns viele Rätsel auf, dabei ist ein tieferes Verständnis dieses Fisches unablässig, wenn wir ihn schützen wollen. Denn seine Art ist durch Überfischung, die Turbinen der Wasserkraftwerke, aber vor allen Dingen durch steigende Wassertemperaturen vom Aussterben bedroht. Und es ist fast völlig unmöglich, den Aal nachzuzüchten, um die Bestände wieder zu erhöhen.

Patrik Svensson gelingt es in diesem Buch eine persönliche und berührende Geschichte mit faszinierenden Fakten zu vermischen. Dabei schreibt er ebenso informativ, wie poetisch.

„Das Evangelium der Aale“ ist definitiv eines meiner Frühlings-Highlights und ich kann es jedem, der hin und wieder ein gutes Sachbuch lesen möchte nur ans Herz legen. Auch, wenn man Aale vielleicht anfangs ein wenig eklig findet.

Review: Die Bagage

Ein Buch, auf dessen Erscheinungstermin ich mich schon seit Monaten freue, nämlich seit mir das Manuskript in die Hände fiel und ich es fast in einem Rutsch durchlas, ist „Die Bagage“ von Monika Helfer.
Dabei war mir die Autorin vorher – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch gar kein Begriff. Natürlich erinnerte ich mich nach kurzer Recherche dann doch daran, daß sie 2017 mit ihrem Roman „Schau mich an , wenn ich mit dir rede!“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Daß Monika Helfer aber schon seit den 1970er Jahren Romane, Hörspiele und Theaterstücke schreibt und mit Michael Köhlmeier verheiratet ist, das alles hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Mit „Die Bagage“ hat sie ihr nun wahrscheinlich autobiografischstes Werk vorgelegt, in dem sie sich der Geschichte ihrer Familie und der ungewissen Herkunft der Mutter widmet.
Im Winter hatte ich die große Freude, Monika Helfer bei einem Abendessen, bei dem sie „Die Bagage“ vorstellte, kennenlernen zu dürfen. Dort meinte sie, sie hätte immer ein wenig „um den heißen Brei herumgeschrieben“. Die Geschichte, die sie eigentlich immer hatte erzählen wollen, wäre diese gewesen.

Vor gut hundert Jahren leben Monika Helfers Großeltern Maria und Josef mit ihren vier Kindern etwas außerhalb eines kleinen Bergdorfes. Sie sind die letzten, die hierhergezogen sind und haben deshalb nur das Land bekommen, das noch übrig war; karger Boden, auf dem nur wenig wächst und ohne eigenen Brunnen. Von den Dorfbewohnern werden sie deshalb nur „die Bagage“ genannt.
Trotzdem kommt die Familie gut zurecht, denn Josef hat ein gewisses Talent dafür, Geschäfte zu machen und ist mit einflussreichen Leuten befreundet, unter anderem dem Bürgermeister des Dorfes.

Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und Josef wird zum Kriegsdienst eingezogen. Maria bleibt mit den Kindern alleine zurück; ohne Einkommen, fruchtbaren Boden und auf die Großzügigkeit der Freunde ihres Mannes angewiesen.
Ausgerechnet in dieser Zeit wird Maria erneut schwanger. Diesmal mit einer Tochter, die später Monika Helfers Mutter werden wird. Doch woher dieses Kind kommt, bleibt ein Familiengeheimnis, dem die Autorin in diesem Roman nachspürt.
Mithilfe der Erzählungen ihrer ältesten Tante versucht Monika Helfer herauszufinden, was damals geschah und wer ihr Großvater ist. Ist es Josef, der während des Krieges hin und wieder auf Heimaturlaub zurückkehrt? Ist es die Geschichte einer großen Liebe oder die eines Verbrechens?
Aber nicht nur das Geheimnis um Marias Schwangerschaft treibt die Familie um, denn als im langen Kriegswinter das Essen knapp wird bedarf es eines drastischen Plans, um zu überleben…

Monika Helfers Familiengeschichte hat mich sehr berührt. Als mir dann bei dem Abendessen mit der Autorin klar wurde, wie nah an der Realität sie in ihrer Erzählung geblieben ist, hatte ich einen dicken Kloß im Hals.

Der Leser wird schnell an Titel wie „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler oder „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger erinnert werden, doch anders als in den Geschichten kriegsmüder Männer wird hier ein anderer, meiner Meinung nach ebenso eindringlicher Kampf ums Überleben geschildert, nämlich der der Frauen, die daheim blieben, die versuchten, ihre Kinder satt zu bekommen und dabei auch immer noch auf ihren guten Ruf achten mussten.

Monika Helfers Protagonisten sind mehr als nur einfache Kunstfiguren. Man spürt, daß sie hier von realen Menschen erzählt, die ihr sehr nah gestanden sind. Das Leseerlebnis wird damit umso eindringlicher und intensiver.
Auch der ruhige, bildhafte Stil der Autorin ist einzigartig, wie sie immer wieder vorgreift, zurückblickt und die wichtigsten Ereignisse gerne dreimal aus leicht verschiedenen Blickwinkeln erzählt, so wie es ihre Tante damals getan hat.

Für mich ist „Die Bagage“ eines der Highlights der Saison und wäre meiner Meinung nach ein verdienter Kandidat für die nächste Longlist des Deutschen Buchpreises.

Viel vor im Februar

Ja, ich habe wirklich viel vor im Februar und nein, an diesem Lesestapel sieht man das nicht!
Nach wie vor bin ich dabei meinen SUB abzubauen, der – nicht zuletzt dank meiner gewaltigen Renovierungsaktion im Januar – liegengeblieben ist, Manuskripte für den Blogbuster Award zu lesen und an ein, zwei Projekten zu arbeiten, von denen erst dann die Rede sein wird, wenn auch alles wirklich spruchreif ist.
Auf ein paar Titel warte ich diesen Monat noch, die vielleicht eingeschoben und dann hier im März nachgereicht werden. Solange gibt es erstmal nur einen kleinen Februarstapel, aber ich stecke mir eben lieber realistische Ziele.

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Den ersten Titel habe ich dann auch ehrlich gesagt schon gelesen, als er mir im Herbst als Manuskript in die Finger gefallen ist. Seitdem habe ich begeistert auf den offiziellen Erscheinungstermin gewartet, damit ich ihn endlich im Laden empfehlen kann: „Die Bagage“ von Monika Helfer.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, daß ihr Name bei mir nichts klingeln hat lassen, obwohl sie schon seit den 1970er Jahren Romane, Theaterstücke und auch Hörspiele schreibt und 2017 mit ihrem Roman „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Asche über mein Haupt!
Denn mit „Die Bagage“ hat Monika Helfer eines meiner liebsten Bücher der Saison geschrieben. Nächste Woche muss ich dann auf jeden Fall ausführlich von diesem Buch erzählen!

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Buch Nummer zwei liegt zwar auch schon seit dem Herbst als Manuskript bei mir, allerdings habe ich so hohe Erwartungen daran, daß ich fast schon ein bißchen Angst habe, es zu lesen: „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber.
Es geht darin um Tod und Trauer, aber auch um den Roadtrip von zwei recht ungleichen Menschen. Jedenfalls hat mir Kaffeehaussitzer Uwe auf der Buchmesse so von diesem Romandebüt vorgeschwärmt, daß ich gleich Tränen in den Augen hatte.
Ende des Monats erscheint „Marianengraben“ nun und bis dahin will ich es definitiv gelesen haben und berichten, ob es meine Erwartungen erfüllen konnte.

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Zwei Titel, von denen ich noch so gut wie gar nichts weiß, die mir aber von Menschen ans Herz gelegt wurden, deren Geschmack ich immer sehr schätze, sind „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frenk und „Nach Matthias“ von Peter Zantingh.
Ersteres steht schon in den Läden, letzteres wird gegen Ende des Monats erscheinen.

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Zu guter Letzt entschied ich mich noch für ein comfort read, nämlich „Confessions of a Bookseller“ von Shaun Bythell.
Der Vorgänger, „Tagebuch eines Buchhändlers“, hat mich im Dezember sehr unterhalten und zum Schmunzeln gebracht. Vor allem, wenn man sich denkt, daß Shaun bei der Schilderung seiner exzentrischen Mitarbeiterin Nicky wohl bestimmt übertreibt, man dann aber schnell eines Besseren belehrt wird, wenn man die Videos auf der Facebook-Seite von „The Book Shop“ anschaut.
Der zweite Teil von Shaun Bythells Tagebüchern ist bisher noch nicht übersetzt worden, also habe ich einmal wieder auf Englisch zugeschlagen.

Mehr habe ich mir für den Februar noch nicht vorgenommen, denn wie gesagt; es gibt für mich zurzeit viel nebenher zu tun und es werden auch noch einige andere Titel im Laufe des Monats meine Aufmerksamkeit verlangen.
Was es alles damit auf sich hat… Wie gesagt: Wenn die Zeit reif ist!

Ich wünsche Euch allen einen entspannten und vor allen Dingen gesunden Start in den Februar!

Eure Andrea

Review: Schwarze Seerosen

Michel Bussi ist Krimilesern von Titeln wie „Das Mädchen mit den blauen Augen“ oder „Fremde Tochter“ bestimmt ein Begriff. Eines seiner früheren Werke „Nymphéas noirs“ („Schwarze Seerosen“) ist zwar bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden, allerdings dank des Splitter Verlags nun als Graphic Novel auch für die deutschsprachige Leserschaft erhältlich.

Wer sich – wenn auch nur kurz – mit dem französischen Impressionisten Claude Monet beschäftigt hat, der wird auch den Namen Giverny schon einmal gehört haben. In diesem kleinen Dorf lebte und arbeitete der Künstler viele Jahre lang; hier legte er den Seerosenteich an, an dem er seine berühmtesten Bilder malte.

In ebendiesem idyllischen Dörfchen geschieht ein Mord. Der wohlhabende Augenchirurg Jéròme Morval wird tot in einem kleinen Bach gefunden: erschlagen, erstochen und ertränkt… Jemand muss folglich einen großen Hass auf diesen Mann gehabt haben.
Die Ermittler stoßen auch schon bald auf ein mögliches Motiv, denn Morval war ein Frauenheld, der viele Affären hatte. Könnte es sein, daß seine Ehefrau, ein eifersüchtiger Ehemann oder eine verlassene Geliebte den Mord begangen hat?
Doch auch andere Motive kommen in Frage. So war es Morvals größter Wunsch, einen echten Monet zu besitzen. Ist er deshalb mit zwielichtigen Kreisen in Kontakt gekommen?
Und was hat es mit der geheimnisvollen Postkarte auf sich, die in der Jackentasche der Leiche gefunden wurde? Darin wird jemandem zur 11. Geburtstag gratuliert, doch wem?
Als die Polizei herausfindet, daß in den 1930er Jahren an der gleichen Stelle ein elfjähriger Junge tot aufgefunden wurde, wird die Verwirrung immer größer.
Hängen die beiden Todesfälle irgendwie miteinander zusammen?

„Schwarze Seerosen“ beginnt fast wie ein Märchen:
„In einem Dorf lebten drei Frauen… Die erste war böse… Die zweite eine Lügnerin… Die dritte eine Egoistin…“
Die drei Frauen, um die es geht, könnten unterschiedlicher nicht sein. Die erste ist eine über achtzigjährige Witwe, „zumindest fast“, wie sie sagt, die im Turm der „Hexenhaus“ genannten Mühle lebt und als stumme Beobachterin mehr weiß, als sie preisgibt.
Die zweite Frau ist Mitte dreißig und in einer unglücklichen und kinderlosen Ehe gefangen.
Die dritte im Bunde ist ein elfjähriges Mädchen, die das Malen liebt und davon träumt, eines Tages an einer angesehenen Kunsthochschule zu studieren.
Alle drei haben eines gemeinsam: Sie wollen weg aus Giverny und ihrem alten Leben, und alle drei werden in den Ermittlungen um den Mord eine große Rolle spielen…

„Schwarze Seerosen“ hat mich absolut begeistert. Die Geschichte ist großartig inszeniert und auch wenn den Leser hin und wieder eine leise Ahnung beschleicht, wie alles zusammenhängen könnte, begreift man wirklich erst ganz am Schluss, was da eigentlich passiert ist. Das als Graphic Novel umzusetzen, muss eine große Herausforderung gewesen sein, die aber perfekt gelungen ist.

Krimis sind ja meist keine Bücher, die man zweimal liest, schließlich kennt man dann die Lösung schon, doch im Fall der „schwarzen Seerosen“ lohnt es sich absolut, die Geschichte noch einmal zu lesen um zu begreifen, wie gekonnt man hier von Autor Michel Bussi, sowie Fred Duval und Didier Cassegrain, die für die Adaption zur Graphic Novel verantwortlich waren, in die Irre geführt worden ist.

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Die Illustrationen fangen die Stimmung in dem verschlafenen Dörfchen ganz wunderbar ein und nutzen gelegentlich auch bekannte Motive von Monet, um die Handlung der Geschichte darin einzubetten.
Beim Blättern bekommt man jedenfalls sofort Lust, seine Sachen zu packen und Giverny einen Besuch abzustatten.

„Schwarze Seerosen“ ist für mich eine der gekonntesten und besten Romanadaptionen, die ich in dieser Form gesehen habe.
Für mich ein absolutes Highlight und eine ganz große Leseempfehlung!

Review: Die Nibelungen

Wer mich zumindest ein bißchen kennt, weiß wie sehr ich illustrierte Bücher liebe, aber vielleicht auch, daß ich die Bände der Insel-Bücherei mit Begeisterung sammle.
Die derzeit schönsten sind da für mich die aus der von Burkhard Neie gestalteten Reihe, in der bereits Deutsche Balladen, Helden- und Volkssagen erschienen sind. Dabei liebe ich nicht nur den Illustrationsstil, sondern auch die Auswahl der Sagen und Balladen.

Nun erschien in der großformatigen Ausgabe der Insel-Bücherei das nächste von Burkhard Neie gestaltete Buch und was würde nach Dichtung und Sagen besser passen, als seine Interpretation der Nibelungen-Sage?

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Die Geschichte ist bekannt: Siegfried von Xanten wird durch das Bad im Blut eines Drachen bis auf eine kleine Stelle zwischen den Schulterblättern unverwundbar. Bei einem weiteren Abenteuer gelangt er außerdem in den Besitz einer Tarnkappe, die ihn Unsichtbar machen kann und er gewinnt den Hort der Nibelungen; einen schier unermesslich großen Goldschatz.
Als er nach Worms an den Hof der Burgunder kommt, verliebt er sich in Kriemhild, die Schwester von König Gunther, der aber hat eine Aufgabe für Siegfried, bevor er ihm die Hand seiner Schwester geben will. Gemeinsam reisen sie nach Island, wo Gunther die Kriegerkönigin Brünhild zur Frau nehmen will, doch die will nur denjenigen heiraten, der sie im Kampf besiegt. Schnell ist klar, daß er keine Chance gegen Brünhild hat, doch dank der Tarnkappe kann im Siegfried unsichtbar zur Seite stehen und so den Kampf für Gunther entscheiden. Brünhild wird Gunthers Frau und reist mit ihm zurück nach Worms, wo Siegfried und Kriemhild heiraten, doch schon nach kurzer Zeit kommt es zum Eklat: Kriemhild verrät Brünhild im Streit, daß nicht Gunther, sondern Siegfried im Kampf gegen sie gewonnen hat, woraufhin die Königin Rache schwört.
Hagen von Tronje, der Onkel des Königs, überredet Kriemhild die Stelle an der Siegfrieds verwundbar ist mit einem kleinen Kreuz an seiner Tunika zu markieren, vorgeblich um Siegfried so besser schützen zu können, doch nur kurze Zeit darauf ermordet Hagen Siegfried bei einem Jagdausflug.
Kriemhild ist voller Hass auf ihre Familie, die den Mord an Siegfried nicht rächen will und beginnt, den Nibelungenhort nach und nach zu verschenken, was ihre Brüder verhindern wollen. Wieder einmal mischt sich Hagen ein und versenkt den kompletten Schatz kurzerhand im Rhein.
Als Jahre später ein Botschafter der Hunnen an den Hof der Burgunder kommt und in König Etzels Namen um Kriemhilds Hand anhält, sieht sie endlich ihre Chance gekommen, doch noch Siegfrieds Mord zu rächen…

Natürlich kannte ich die Geschichte durch Bücher und Filme schon, trotzdem war es ein großer Genuss, diese Nacherzählung von Gretel und Wolfgang Hecht zu lesen. Die beiden haben einen angenehmen Ton gefunden, der zwar die alte und sehr getragene Sprache gut wiedergibt, der aber so spannend ist, daß man als Leser durchgehend mitfiebert.

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Die Illustrationen von Burkhard Neie treffen, wie immer, genau meinen Geschmack.
Vorwiegend in orangerot und blaugrau setzt er die Handlung in Szene, wobei er die Charaktere meist in an M.C. Escher erinnernde, grafische Umgebungen platziert. Dabei kombiniert er oft überraschende Elemente, die den Illustrationen seine ganz persönliche, etwas surrealistische Note geben.

„Die Nibelungen“ sind eine ganz wunderbare Ergänzung zur Burkhard Neie-Reihe der Insel-Bücherei, die mich durch die gekonnte Nacherzählung und die kraftvollen Bilder absolut begeistern konnte.

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Meine „neue“ Bücherwand oder Renovieren für null Euro – Geht das?

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal mein Wohnzimmer betreten habe und mir dachte: „Hach, hab ichs schön!“
Eingezogen sind wir hier vor mittlerweile 14 Jahren. Damals war ich hochschwanger mit meinem Ältesten und hatte kein ästhetisches Konzept im Kopf. Einfach nur die Möbel aus der alten Wohnung in die neue tragen und dann bitte dringend ein Schläfchen!
Die Möbel, die ich mir für meine erste eigene Wohnung gekauft hatte, waren eine Mischung aus allem was IKEA an Regalen in „edlem“ Buche Furnier zu bieten hatte und dunkle, massige Möbel von Kare. – War damals wohl schick…

In den letzten 14 Jahren wurde dann immer mal wieder etwas dazugekauft, von dem ich dachte, daß ich es brauchen würde. Statt auszumisten wurde einfach ein neues Regal, ein weiteres Schubladenelement oder eine Kiste dazugekauft. Richtig zusammengepasst hat aber nie etwas davon.

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Ein Foto meiner kompletten alten Bücherwand habe ich gar nicht mehr gefunden… Ich hab sie aber auch kaum fotografiert. Man sieht schon: ein Traum in braun und nix passt zusammen.

Nachdem ich letztes Jahr mein Schlafzimmer renoviert hatte, fand ich mein Wohnzimmer im direkten Vergleich so gar nicht mehr schön oder heimelig. Beim Fernsehen schaute ich inzwischen kaum noch auf die Filme, sondern starrte die Regale feindselig an, die nicht zusammenpassten, die vollgestopften Ecken, das kaputte Fernsehmöbel, die schiefen Schiebegardinen und die verstaubten Deko-Kästen, die absolut keinen dekorativen Wert mehr hatten…

Ein Tapetenwechsel war nötig und das sehr bald!

In meinem Kopf existierte bereits das Bild der perfekten Bücherwand. Statt langweiligem braun wollte ich nun auch die weißen Billy Regale, in denen die Bücher einfach viel besser zur Geltung kommen.
Die kaputte Fernsehbank musste dringend ersetzt werden und in Zeiten von Netflix und Co empfand ich es auch mehr und mehr als Platzverschwendung; ein riesiges Regal voller DVDs zu haben, die wir aber so gut wie nie schauten.
Es sollte heller werden, freier, luftiger!

Doch ein Teil von mir fragte sich auch: „Ist das denn wirklich nötig? Die Möbel sind doch noch gut! Du kannst doch nicht einfach alles aus einer Laune heraus entsorgen!“
Also fasste ich einen Plan: Die alten Möbel sollten verkauft, die neuen Möbel dann gebraucht gekauft werden. Ideal wäre natürlich, wenn ich die Möbel für den Preis verkaufen könnte, für die ich die „neuen“ oder besser: „vorgeliebten“ Stücke bekommen würde. Quasi eine Nullrechnung.

CDs, DVDs, Hörbücher und Brettspiele wurden aussortiert und es wurde auch endlich Zeit, mich von den massigen Bildbänden zu trennen, die ich vor vielen Jahren begeistert gesammelt, aber seit dem Kauf nicht mehr angeschaut habe.
Dank Momox und eBay Kleinanzeigen wurde ich einiges davon recht schnell los und das erste Geld tröpfelte herein. Es stellte sich dabei heraus, daß ein Bildband, den ich vollkommen vergessen hatte, zum Sammlerstück avanciert war! Den konnte ich sogar für 80 € bei eBay verkaufen.

Nach dem Ausmisten begann ich, mich neu einzurichten. Das Ganze mit den Zielen möglichst wenig neu zu kaufen, möglichst wenig wegzuwerfen und bereits bestehendes aufzuwerten.
Fall ihr also auch dringend einen Tapetenwechsel nötig habt: hier meine Tipps!

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ja so ein Wort, das jeder heutzutage benutzt und das manche deshalb schon gar nicht mehr hören können. Trotzdem finde ich es wichtig, sich ein paar Gedanken dazu zu machen, wenn man im Begriff ist, viel Neues zu kaufen und viel Altes zu entsorgen.

Ein Blick in die eBay Kleinanzeigen hat mich ehrlich gesagt ein wenig schockiert: Man findet hier so gut wie alles! Vieles für sehr wenig Geld, einiges sogar geschenkt… – Warum? Weil wir wirklich eine absolute Wegwerfgesellschaft geworden sind.
Am besten fasste es die junge Frau zusammen, deren Fernsehbank ich abholte. Sie erzählte, daß sie diese erst vor einem halben Jahr gekauft, sich dann aber verliebt hatte und nun mit ihrem Freund zusammenziehen würde. Der war natürlich bereits voll eingerichtet und so musste sie notgedrungen alles was doppelt vorhanden war loswerden. Sie zuckte nur die Schultern und meinte: „Naja… Gut, daß sie jemand nimmt. Wäre echt schade gewesen, die wegzuschmeißen!“
Ich stellte fest, daß überhaupt viele Leute es einfacher finden, sich bei einem Umzug gleich von den alten Möbeln zu trennen und neue zu kaufen, als alles mit umzuziehen.
Das bedeutet, daß man wirklich viel extrem günstig erwerben kann, aber natürlich auch, daß das Angebot so groß ist, daß man beim Verkauf selbst nur wenig für seine alten Möbel bekommt.
Immerhin: Die komplette Billy Regalwand, die ich mir bei einem Zahnarzt und einer Studentin zusammenräubern konnte, kostete mich alles in allem nur 60 €. Der Neupreis wäre bei 260 € gelegen.

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60 € für meine „neue“ Bücherwand! Durch den verkauf eines Bildbandes war die schnell finanziert!

Ein Punkt, der mir aber vorher nicht bewusst war und den ich sehr zu schätzen gelernt habe ist, daß man zwar keine makellosen Möbelstücke kauft, dafür aber eben auch immer eine kleine Geschichte.
Denn man kommt mit den Leuten meist sehr nett ins Gespräch, erfährt etwas über sie und warum sie ihre Möbel abgeben. Manchmal sogar, welche schöne Erinnerungen sie mit ihnen verbinden und all das bekommt man gratis mit dazu.
Und andersherum ist das genauso.
Mein alter Bürostuhl war wirklich schon in die Jahre gekommen. Zwar noch gut, voll funktionsfähig und aus Massivholz, aber im Laufe der Jahre waren die Armlehnen abgebrochen und schön war er deshalb wirklich nicht mehr. Ich hatte bereits den perfekten Ersatz gefunden; einen brandneuen Designerstuhl, der wegen eines sehr dringend Umzugs für schlappe 12,50 € zu haben war, also musste ich den alten nur noch zum Wertstoffhof fahren und die Sperrmüllgebühr zahlen. Aber irgendwie tat er mir leid, wie er da stand, nach 18 Jahren treuer Dienste… Also machte ich schnell ein Foto, lud es bei eBay Kleinanzeigen in der Rubrik „zu verschenken“ hoch und noch am selben Abend meldet sich eine absolut begeisterte Frau, die schon lange nach genau so einem Stuhl für ihr neues Nähzimmer gesucht hatte!
Es stellte sich heraus, daß sie die Löcher absolut nicht störten, weil sie ohnehin vorhatte, das gute Stück abzuschleifen und ihm einen neuen Anstrich zu verpassen. Sie war überglücklich und brachte mir eine Schachtel Pralinen mit und auch ich hatte ein richtig warmes Gefühl dabei. Es ist schön zu wissen, daß der Stuhl nicht zerhäckselt zu einer Spanholzplatte verarbeitet, sondern aufgewertet wird und ein neues Leben bekommt.

Upcycling

Womit wir beim Thema Upcycling sind.
Auch so ein Wort, das Zero Waster gerne verwenden und das manchmal etwas seltsame Formen annimmt. Mit ein paar guten Ideen kann man aber tatsächlich viel Schönes daraus machen!

Auf einem Instagram Account hatte ich ein Foto gesehen, auf dem ein Zimmer mit vielen Pflanzen drin zu sehen war, mittendrin stand ein hölzerner Pflanzenhocker. „Wie schön!“, dachte ich und begann gleich zu googeln, wo ich denn so einen hübschen Hocker finden könnte. Allerdings gab das Internet nicht viel her. Solche Pflanzenhocker waren offenbar in meiner Kindheit in Mode und danach nicht mehr wirklich „in“ gewesen. Überhaupt meine Kindheit! Hatte nicht auch meine Mutter so einen Hocker gehabt?
Also schickte ich ihr einen Screenshot des fancy Instagram Bildes: „Hast du den noch?“
Die Antwort war ein Foto, auf dem man ein völlig verwittertes Holzgestell erkennen konnte, an dem Teile durchgebrochen waren: „Meinst du den?!?“
Ein Glück, daß meine Mutter nichts wegwirft!
„Okay. Nehm ich!“, schrieb ich zurück und verbrachte die nächsten Tage schmirgelnd, sägend, schraubend und nach Leinöl riechend. Als ich meiner Mutter ein Foto ihres reparierten Pflanzhockers schickte, kam ein weiteres Bild: „Ich hab noch die dazu passende Blumenampel. Sieht aber noch schlimmer aus!“
Zwei Tage später hatte ich auch die wieder auf Vordermann gebracht und war mächtig stolz auf mich.

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Pflanzhocker und Blumenampel sind in etwa so alt wie ich. Dank liebevoller Heimarbeit jetzt auch wieder genauso strahlend! Der Schaukelstuhl ist übrigens auch schon 55 Jahre alt.

Doch damit noch nicht genug! Auch ein alter Hocker mit hässlichem, abgeriebenen Lederbezug wurde von meiner Schwiegermutter mit einem neuen Bezug ausgestattet und die Esstischlampe, die ich eigentlich so gelassen hätte, wie sie war, und von der beim Malern leider ein gläserner Lampenschirm zerbrach, ist jetzt eine fancy Holzlampe. Hat nicht jeder und mir gefällts!
Upcycling for the win!

War da nicht noch…?

Was beim Renovieren ebenfalls den Geldbeutel schont, ist es sich Gedanken darüberzumachen, was man selbst vielleicht schon zu Hause hat aber gar nicht richtig nutzt oder was Freunde und Familie abzugeben haben.
Den neuen Teppich in meinem Wohnzimmer hatte ich vor einem Jahr für mein Schlafzimmer gekauft und dort nie genutzt. Fast hätte ich ihn vergessen! Ein Glück, daß er mir noch eingefallen ist.
Und nachdem ich ordentlich ausgemistet hatte, waren plötzlich auch einige Schachteln leer, die nun endlich besser genutzt wurden.
Einen Pflanzableger habe ich frech von meinen Schwiegereltern gemopst. – Hoffentlich wird der was!
Auch diesen obligatorische IKEA Servierwagen, den gefühlt alle Bookstagrammer haben, hatte ich schon seit Jahren zu Hause, aber tatsächlich nur für Bastelkram und dergleichen genutzt. Jetzt hab ich also wohl auch so einen SUB-Wagen. Aber egal… Mir gefällts!

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Pflanzen, Kisten, Teppich und der obligatorische SUB-Wagen… manchmal hat man alles schon zuhause und muss es nur richtig einsetzen.

Aber woran sollte man nicht sparen?

An einer Sache habe ich aber nicht gespart und das ist die Kunst.
Wer meinen Blog nicht erst seit gestern verfolgt, wird wissen wie sehr ich illustrierte Bücher liebe.
Für mein neues Wohnzimmer wollte ich also auch ein paar Bilder, die man eben nicht schon tausendmal bei IKEA oder in irgendwelchen Online Poster-Shops gesehen hat, sondern ganz individuelle Sachen.
Zu Weihnachten hatte ich mir einen Druck von Hülya Özdemir gewünscht, die unter anderem durch ihre Gestaltung der Penguin Sisterhood Collection bekannt ist.
Außerdem habe ich mir einen Linolschnitt von Sofie van Schadewijk gegönnt, deren Insta Account ich auch schon länger folge.
Und dann schrieb ich noch Lucia Zamolo an, deren Buch „Rot ist doch schön“ letztes Jahr zu meinen Highlights gehörte und deren Illustrationen mich in den letzten Monaten immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben, wenn es mir mal nicht so gut ging.
Lucia hat zwar keinen Shop, war aber so lieb mir ein paar Fotos von Drucken zu schicken, aus denen ich mir dann zwei ausgesucht habe.

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Bilder von Hülya Özdemir, Lucia Zamolo, Sofie van Schadewijk und natürlich Kat Menschik. Love it!

Wenn ihr jetzt sagt: „Oh Gott, Andrea! Wir sind doch nicht Krösus!“ – Ganz ehrlich… So teuer waren die Bilder auch nicht!
Wenn ihr also Illustratoren habt, denen ihr vielleicht auf Instagram folgt und deren Bilder ihr liebt: Schaut doch einfach mal, ob sie Etsy Shops haben, oder schreibt sie an. Schaut mal, ob euch etwas gefällt was in eurer Preiskategorie liegt und dann bestellt es oder wünscht es euch zum Geburtstag! Gerade junge Illustratoren brauchen diese Unterstützung und auch die Botschaft, daß man ihre Arbeit wertschätzt… Und oft kostet ein Druck von IKEA gar nicht mal so viel weniger.

Und wie viel hat das alles nun gekostet?

Meine Idee war ja, daß ich es vielleicht irgendwie schaffe, die komplette Renovierung für null Euro über die Bühne zu bringen.
Nun, ganz geschafft hab ich es nicht. Zumindest noch nicht!
Aktuell habe ich 516 € ausgegeben. Ich muss ganz ehrlich sagen, daß ich es gar nicht glauben konnte, wie viel da zusammengekommen ist! Schließlich haben alle neuen Möbel zusammen nur 157 € gekostet. Wie konnte ich also 350 € zusätzlich ausgeben?
Aber all die Kleinigkeiten haben sich ganz schön zusammengeläppert: Wandfarbe, Leinöl, Schmirgelpapier, Stoff, Gardinen, Vorhangstange, ein neuer Lampenschirm, zwei-, drei Pflanzen, eine Vorhangstange… Zehn Euro hier, zwanzig Euro da, nie besonders viel und trotzdem wurds am Ende ein ganz schöner Batzen.
Aber: Eingenommen habe ich immerhin schon 374 €. Auch nicht zu verachten, wenn man bedenkt, daß ich das meiste davon gar nicht mehr brauchte. Bleiben also aktuell noch etwa 140 € Differenz, allerdings ist auch noch lange nicht alles verkauft.
Wie schon erzählt ist der Markt ziemlich übersättigt, aber mich hetzt kein Umzug, ich kann warten, bis sich nach und nach neue Besitzer für meine ausrangierten Sachen finden und dann werde ich – wenn alles gut läuft – am Ende eben doch mein Ziel von der null Euro-Renovierung erreicht haben.

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Mein Fazit

Auf jeden Fall kann ich den Kauf von Gebrauchtem, den Versuch altes in gute Hände weiterzugeben und die Idee, Dinge wieder schick zu machen, nur empfehlen.
Wenn ich jetzt mein neues Wohnzimmer betrete, ist es nicht nur ein Raum, in dem ich mich unheimlich wohl fühle, sondern der auch die Geschichten der früheren Besitzer und den Stolz, den ich fühlte, wenn ein Heimwerkprojekt gelungen war, enthält.
Und meine „neue“, vorgeliebte Bücherwand ist genauso, wie ich sie schon immer wollte. Ich liebe sie!

Last but not least…

An dieser Stelle sollte ich sagen: Ich hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie mein neues Wohnzimmer aussehen sollte und was ich dafür brauchte. Wer ein bißchen flexibler ist, für den dürfte es gar kein Problem werden, das alles noch günstiger zu schaffen.
Trotz alldem aber eine große Bitte: Viele Leute verkaufen ihre Sachen in den eBay Kleinanzeigen, weil sie dringend Umziehen müssen. Bitte nutzt das nicht aus!
Wenn da Verhandlungsbasis steht, dann fragt freundlich nach, wenn es ein Festpreis ist, dann zahlt ihn.
Es ging mir bei meinem Projekt nie um eine „Geiz ist Geil“-Mentalität, sondern darum zu zeigen, daß der Markt völlig überschwemmt ist und es deshalb absolut sinnvoll ist, zunächst einmal gebraucht zu suchen, bevor man immer weiter Neues kauft, während fast Neuwertiges auf dem Müll landet.

Wenn ich jetzt mein „neues“ Wohnzimmer betrete kann ich mir endlich denken: „Hach, schön hab ichs hier!“ Der ganze Aufwand hat sich wirklich gelohnt. : )

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Review: Kintsugi

Seit zwanzig Jahren sind Max und Reik nun ein Paar.
Anlass genug also, ein Wochenende in ihrem Ferienhaus am See zu verbringen und mit den wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu feiern: Tonio und Pega.
Alle vier sind ziemliche Charakterköpfe; Reik der Künstler, Max der Universitätsprofessor, Tonio der als Teenager eine kurze Liebelei mit Reik hatte und dann, kaum daß er volljährig war Vater wurde und seine Tochter Pega, die ohne Mutter aufgewachsen ist und stattdessen von ihrem jungen Vater, Max und Reik großgezogen wurde.

Auf den ersten Blick ist es die perfekte Idylle: Das hübsche Haus am zugefrorenen See, die Ruhe und Abgeschiedenheit, das Paar, das alle Höhen und Tiefen gemeinsam gemeistert hat und der stolze Vater, dessen Tochter mittlerweile schon erwachsen ist und studiert.
Doch unter der Oberfläche brodelt es, denn jeder der vier hat Geheimnisse, die er den anderen – und in manchen Fällen auch sich selbst – nur schwer eingestehen kann.
Während Reik sich sehnlichst ein Kind wünscht, was Max kategorisch ablehnt, bekommt Tonio die Nachricht, daß er vielleicht wieder Vater wird. Doch seine neue Beziehung hat er bisher geheim gehalten; vor allem vor seiner Tochter Pega und das hat Gründe…
Pega dagegen könnte sich nicht weniger für das Liebesleben ihres Vaters interessieren, denn sie ist zu sehr mit ihren eigenen Herzensangelegenheiten beschäftigt. Nur Reik scheint zu ahnen, wie unglücklich verliebt Pega ist, doch darüber sprechen kann sie mit keinem der drei Männer. Und auch das hat Gründe…

Schon bald werden die Risse unter der scheinbar perfekten Oberfläche sichtbar und es stellt sich die Frage, ob die Beziehungen und Freundschaften der vier daran zerbrechen, oder ob es gelingt all das wieder zusammenzufügen, wie bei der japanischen Reparaturmethode Kintsugi, in der Bruchkanten mit Gold gekittet und so veredelt werden.

Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“ war ja letztes Jahr in aller Munde. Er landete nicht nur auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, sondern gewann unter anderem auch den aspekte-Literaturpreis.
Ich habe nicht eine Stimme gehört, die nicht absolut begeistert von diesem Roman war. Aber vielleicht war gerade das mein Problem und ich bin mit absolut übersteigerten Erwartungen an diese Geschichte herangegangen.
Ich fand „Kintsugi“ wirklich gut, ein absolut gelungenes Debüt und trotzdem konnte es mich nicht so packen, wie es offenbar bei all den anderen Lesern der Fall war.

Lange habe ich hin und her überlegt, woran es liegen könnte, aber so ganz kann ich den Finger nicht darauf legen…
Ich fand die Charaktere einfach irgendwie zu glatt. Alles in ihrer Welt scheint perfekt zu sein. Alle sehen sie gut aus, das Haus, der Wald, der See, die komplette Einrichtung scheint einem Bildband entsprungen zu sein und nun kann man natürlich argumentieren, daß eben diese nach außen hin sichtbare Perfektion im krassen Kontrast zu den Gefühlswelten der Figuren stehen, aber selbst ihre Probleme kamen mir einfach zu konstruiert vor. Alles schien mir so klar abgesteckt, wie auf dem Reißbrett entworfen. Jeder Charakter und sein innerer Konflikt ließen sich in einem einzigen Satz zusammenfassen und so einfach ist die Welt eben nicht. Das ist für mich auch der Unterschied zwischen einem gut konzipierten Roman und einer Geschichte, in die ich komplett eintauchen kann und deren Protagonisten für mich greifbar werden.
Vielleicht spielt da auch der sehr geschliffene Erzählstil eine Rolle, in der zwar jede der Figuren einen Teil der Handlung schildert, deren Ton aber immer der gleiche bleibt.

Wie schon gesagt; trotz meiner Kritikpunkte empfand ich „Kintsugi“ als wirklich gelungenes Debüt, das mich weitere Romane von Miku Sophie Kühmel mit Spannung erwarten lässt. Dem Hype bin ich allerdings nicht verfallen.

Review: Antigone

Wer heutzutage Sophokles liest, der tut das wohl meist während der Schulzeit. Zumindest kommt es mir als Buchhändlerin so vor, wenn ich in die unmotivierten Gesichter der Kunden blicke, die nach „Antigone“, „König Ödipus“ oder „Elektra“ in der zweisprachigen Reclam-Ausgabe fragen.
Ich selbst hatte nie Griechisch in der Schule und tatsächlich auch keine einzige Unterrichtsstunde zu den großen antiken Tragödien. Klar kennt man in meinem Beruf die Namen, Titel und von einigen auch den groben Inhalt, doch „Antigone“ war eines der Dramen, von denen ich im Vorfeld absolut gar nichts wusste.

Umso spannender fand ich also, daß eben dieser Stoff vom Carlsen Verlag für ihre Graphic Novel-Reihe „Die Unheimlichen“ aufgegriffen wurde.
Vor etwa einem Jahr hatte ich Euch aus dieser Serie bereits Das Wassergespenst von Harrowby Hall vorgestellt, nun erschien diesen Winter „Antigone“ in der Bearbeitung der Comic-Künstlerin Olivia Vieweg, die man von ihrem Drehbuch zum Zombie-Film „Endzeit“ und der darauf basierenden Graphic Novel kennt.

Mit düsteren Themen kennt sich Olivia Vieweg also bestens aus, kein Wunder also, daß sie nun auch einen Teil zu den „Unheimlichen“ beisteuert.
Wer die Reihe noch nicht kennt: Hier interpretieren bekannte Illustratoren klassische Schauergeschichten in ihrem ganz persönlichen Stil neu. – Ein wirklich spannendes Projekt, in das man unbedingt mal reinblättern sollte.

„Antigone“ ist wohl eines der berühmtesten antiken Dramen.
Die titelgebende Heldin ist die Schwester von Polyneikes und Eteokles, die nach dem Tod ihres Vaters König Ödipus beschließen, sich die Herrschaft über Theben zu teilen und abwechselnd zu regieren.
Lange geht das nicht gut und als Eteokles die Herrschaft nicht mehr abgeben will, zettelt sein Bruder eine Rebellion an, die mit dem Tod der beiden endet.
Ihr Onkel Kreon lässt sich daraufhin zum König von Theben ausrufen und verfügt, daß Polyneikes nicht begraben werden darf. Antigone verliert bei dem Gedanken an ihren toten Bruder, der vor der Stadt von wilden Tieren gefressen wird fast den Verstand und nimmt die Dinge in ihre eigenen Hände. Obwohl sie damit das Gesetz bricht, beerdigt sie Polyneikes und wird daraufhin von ihrem Onkel dazu verurteilt, lebendig eingemauert zu werden…

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Wie Anfangs erwähnt hatte ich ja mit diesem Drama noch keine Bekanntschaft gemacht und auch nichts zum Inhalt parat. Ich wusste also absolut nicht, was mich erwarten würde und war dann doch ziemlich geschockt, wie aufreibend und aktuell die Geschichte um Antigone ist, für die der moralischer Kompass wichtiger ist, als willkürliche Gesetze.
In Zeiten, in denen civil disobedience wieder zum Thema wird und in denen Kinder auf die Straße gehen, um für eine bessere Zukunft zu protestieren, wirkt die Geschichte von Antigone, die sich gegen das Gesetz auflehnt, um das zu tun, was richtig ist, alles andere als angestaubt.

Olivia Vieweg setzt die Geschichte in ihrem unverkennbaren Stil und mit starken Kontrasten zwischen den Grautönen bei Landschaft und Menschen und einem tiefen Rot für Sonne und Blut in Szene.
Dabei erzählt sie nicht die ganze Geschichte und lässt das Ende bewusst offen. – Irgendwie passt das zu den Zeiten in denen wir gerade leben…

Review: West, West Texas

Gibt etwas schöneres, als das neue Jahr mit einem Titel zu beginnen, der ganz zufällig auch im Januar spielt?

In der Graphic Novel „West, West Texas“ von Tillie Walden begeben sich zwei junge Frauen auf einen Roadtrip, der schon bald unerwartete Wendungen nimmt…

Lou hat sich seit dem Tod ihrer Mutter in die Arbeit gestürzt, sich keinen Urlaub, keine Auszeit gegönnt, doch nun ist sie völlig ausgebrannt. Also beschließt sie, sich mit ihrem kleinen Wohnwagen auf die mehrtägige Reise nach Texas zu machen, um dort ihre Tante zu besuchen und auf der langen Fahrt hoffentlich ein wenig zur Ruhe zu kommen.
Doch schon an der ersten Tankstelle läuft ihr die 18-jährige Bea, die Tochter einer Nachbarin, über den Weg.
Schnell wird klar, das Bea von zu Hause abgehauen ist, aber keine rechte Ahnung hat, wohin sie eigentlich will. Also entschließt sich Lou, sie ein Stück weit mitzunehmen.
Die beiden sind jedoch zunächst sehr unfreiwillige Begleiterinnen; sowohl Lou als auch Bea haben Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, beide sind nicht besonders aufgeschlossen, leicht reizbar und geraten mitunter schnell aneinander. Trotzdem beginnen sie sich einander nach und nach zu öffnen und über die Dinge zu sprechen, die sie beide auf diesen Weg geführt haben.
Alles ändert sich jedoch, als Bea und Lou ein Kätzchen finden, auf deren Marke eine Adresse in West, West Texas eingraviert ist. Kurzerhand packen die beiden die kleine Katze, die sie Diamond nennen ein, um sie zu ihrer Familie zurückzubringen, doch ab diesem Zeitpunkt nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung…
Das Wetter spielt immer mehr verrückt, die Landschaft scheint sich zu verändern und plötzlich tauchen bedrohlich wirkende Männer auf, die offenbar hinter Diamond her sind.
Schnell wird aus dem Roadtrip eine immer surrealere Verfolgungsjagd, auf der sich Bea und Lou nicht nur ihren mysteriösen Verfolgern, sondern auch ihren eigenen Ängsten stellen müssen.

„West, West Texas“ hat mich sehr berührt und beschäftigt.
Was als eine einfache Geschichte über zwei junge Frauen beginnt, die sich eine Auszeit vom Leben nehmen müssen, um mit ihren Problemen klarzukommen, entwickelt ich nach und nach zu einer fantastischen Geschichte in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen.

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Tillie Waldens Illustrationsstil ist an sich recht einfach, mit flächigen Kolorierungen, die meist über mehrere Seiten Ton in Ton gehalten sind, trotzdem schafft sie es, nicht nur große Emotionen einzufangen, sondern auch den Spagat zwischen den Landschaften der wirklichen Welt und denen der Traumwelt ohne Stilbruch zu machen.

„West, West Texas“ war für mich wohl eine der berührendsten Graphic Novels des letzten Jahres und am liebsten würde ich mich jetzt selbst mit einem winzigen Wohnwagen ins Abenteuer stürzen.

Abschiede und Neuanfänge im Januar

Das neue Jahr ist angebrochen und so wie es aussieht, steht mir ein turbulentes Jahr bevor…
Vieles ist noch nicht spruchreif und deshalb kann ich nicht viel darüber sagen, allerdings habe ich das Gefühl, das neue Jahr türmt sich mit seinen Möglichkeiten, Projekten und Veränderungen geradezu gewaltig vor mir auf.

Ähnlich sieht es auch auf meinem Nachtkästchen aus, auf dem noch einiges von den letzten Monatsstapeln liegen geblieben ist und das noch dringend gelesen und rezensiert werden will.

Damit ich also nicht völlig überwältigt werde, habe ich mich – trotz all der Novitäten, die gerade nach und nach eintrudeln – dafür entschieden, es im Januar nochmal ruhig angehen zu lassen und mir nur wenig Neues vorzunehmen.

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Ein Roman abseits des Mainstreams, auf den ich schon gespannt bin, ist „Zeppelinpost“ von Florian Scherzer aus dem kleinen, feinen Hirschkäfer Verlag.
Darin geht es um eine Brieffreundschaft zwischen München und Brasilien, Anfang der 1930er Jahre.
Ähnlich wie manche Menschen sich heutzutage eine Art alternatives Leben auf Instagram oder Facebook aufbauen, in dem es mehr um Schein als Sein geht, erfindet sich hier ein Mann in Briefen neu.
Eine fesselnde Idee, die sich wohl im Laufe der Geschichte zu einem Kriminalfall entwickelt… Ich bin schon gespannt und werde berichten!

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Ein Titel, der irgendwo zwischen Roman und Sachbuch liegt, ist „Three Women – Drei Frauen“ von Lisa Taddeo, der am 13.01. erscheinen wird.
Taddeo hat drei Frauen über einen Zeitraum von acht Jahren begleitet und die Geschichten ihrer Wünsche und Ängste in eine literarische Form gebracht.
In den USA stieg „Three Women“ sofort auf Platz 1 der New York Times Bestseller Liste ein und war dort eines der meistdiskutiertesten Bücher des letzten Jahres.
Vor ein paar Wochen hatte ich die schöne Gelegenheit, Lisa Taddeo persönlich kennenzulernen und ich bin schon sehr gespannt, ob dieser Titel für ähnliche Furore in Deutschland sorgen wird, wie in den USA.

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Ein Sachbuch, das vielleicht die wenigsten von Euch auf den Leselisten haben werden, das mich aber mit den ersten Kapiteln schon sehr begeistern konnte, ist „Das Evangelium der Aale“ von Patrik Svensson, das am 27. 01. erscheinen wird.
Ja, es geht darin tatsächlich um Aale und eigentlich finde ich diese Tiere doch ein wenig eklig, aber Svensson schreibt so poetisch und interessant, daß ich schon seit Tagen meine Familie mit Aal-Fakten nerve.

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Ein ganz wunderbares Bilderbuch für Groß und Klein habe ich vor kurzem mit meinem Kleinen gelesen und möchte es Euch auch ganz bald vorstellen: „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von Rébecca Dautremer.
Darin geht es um das Leben eines kleinen Hasen von der Wiege bis zur Biege…
Das Ganze ist wirklich unheimlich schön illustriert und geht sehr ans Herz. – Bald also mehr davon!

Und recht viel mehr gibt es in diesem Monat schon gar nicht mehr…
Jetzt wird es also erstmal Zeit, den SUB in Angriff zu nehmen.

Habt Ihr irgendwelche spannenden Pläne für 2020?

Liebe Grüße,
Eure Andrea