Review: Die verlorenen Wörter

Ein ganz besonderes und wunderbares Buch möchte ich Euch heute vorstellen, nämlich „Die verlorenen Wörter – Ein Buch der Beschwörungen“ von Robert Macfarlane und Jackie Morris.

Es waren einmal Wörter, die sich herausschlichen aus der Sprache der Kinder. Sie verschwanden so leise, dass es kaum jemandem auffiel – ein Verdunsten wie von Wasser auf Stein. Es waren Wörter, mit denen Kinder die Natur um sich herum benannt hatten: Blauglöckchen, Brombeere, Eichel, Eisvogel, Farn, Heide – dahin!

Das schreibt Robert Macfarlane im Vorwort zu „Die verlorenen Wörter“ und macht sich dann auf, ebendiesen Wörtern neues Leben einzuhauchen.
In Gedichten und Schüttelreimen, deren Anfangsbuchstaben das verlorene Wort bilden, beschwört er deren Geist herauf.
Mal poetisch, dann wieder humorvoll, gerade so, wie es zu dem Tier oder der Pflanze, die beschrieben wird, zu passen scheint.
(An dieser Stelle auch Hut ab vor Daniela Seel, die diese Reime übersetzt hat.)

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Zu jedem Begriff findet man ein Bild, auf der sich das Wort in einem Buchstabensalat versteckt, danach das Gedicht und anschließend nochmal ein stimmungsvolles Aquarell, zum Teil mit Blattgoldhintergrund, was die Farben wunderbar leuchten lässt.

Ich wurde regelrecht in dieses Buch hineingezogen… Jede Seite macht Lust auf mehr, man blättert und blättert und entdeckt viel Verstecktes in den Illustrationen von Jackie Morris.

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Erschienen ist „Die verlorenen Wörter“ in der Naturkunden-Reihe von Matthes und Seitz, doch anders als die meisten Bücher dieser Reihe ist es kein kleines Bändchen, sonders ein ausgewachsenes Buch im Bildbandformat.

Wer also das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Naturliebhaber, oder naturverbundene Lyrikfans sucht, der sollte unbedingt einen Blick in diesen aussergewöhnlichen Band werfen!

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Review: Das weiße Schloss

Ich bin ja immer auf der Suche nach spannenden Dystopien wie zum Beispiel Der Report der Magd, die mich zum Nachdenken anregen, und mir eine neue Sicht auf die Welt eröffnen.
So wurde ich auf „Das weiße Schloss“ von Christian Dittloff aufmerksam, dessen Thema ebenfalls Leihmutterschaft ist.

Ada und Yves sind eines dieser Paare, die das Leben in vollen Zügen genießen. Sie sind noch jung, gutaussehend und gut betucht.
Da sich der exklusive Lebensstil, den die beiden pflegen offenbar nicht mit einem Kind vereinbaren lässt, entschließen sie sich zu einer teuren Alternative: im „weißen Schloss“ werden sorgfältig ausgewählten Paaren, die es sich leisten können, Leihmütter vermittelt, die die Kinder nicht nur austragen, sondern sie auch anschließend auf den Ländereien des Schlosses aufziehen.
Die biologischen Eltern besuchen ihren Nachwuchs dann, wenn ihnen der Sinn danach steht, offenbar ist das etwa einmal im Monat.

Ada und Yves entscheiden, daß die junge Marie ihr gemeinsames Kind bekommen soll. Um die Beziehung der werdenden Eltern zu stärken findet auch eine Art symbolischer Zeugungsakt statt, bei dem die drei miteinander schlafen, das Kind wird allerdings später durch künstliche Befruchtung gezeugt.

Als Marie schwanger ist leben Ada und Yves ihr Leben mit einer extremen Intensität weiter. Sie rauchen, trinken, kiffen, besuchen Sexparties und schreien in die Nacht hinaus, bis sich die Nachbarn beschweren.
Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der die Geister der Vergangenheit weckt und diesem Leben in Saus und Braus ein jähes Ende setzt…

Ich muss sagen, daß mich die Prämisse des Buches sehr neugierig gemacht hat. Die Geschichte entwickelt auch sofort eine regelrechte Sogwirkung, doch je länger ich las, desto mehr hat mich dieses Buch frustriert.
Denn die einfache Frage, die für mich im Zentrum der Geschichte steht, wird nicht einmal ansatzweise geklärt:
Warum wollen Ada und Yves dieses Kind?

Ab einem gewissen Punkt hat man als Leser das Gefühl, daß kein einziges gutes Haar an Kindern gelassen wird. Sie sind laut, nervig, sie halten uns davon ab, sich selbst zu verwirklichen…
Kurz: Kinder sind Störfaktoren, die kein vernünftiger Mensch in sein Leben lassen sollte.

Warum also wollen Ada und Yves dieses Kind?
Darüber schweigt sich Christian Dittloff leider aus.
Es ist nicht so, daß Ada besonders kinderlieb wäre. Ihre eigenen Neffen und Nichten meidet sie nach Möglichkeit.
Auch das Bestehen der Menschheit ist in diesem Szenario nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Ada arbeitet im „Amt für Gesellschaftliche Erweiterung“, einer Behörde, die handverlesenen Bewerbern Aufenthaltsgenehmigungen bewilligt. So fühlt sie sich zuweilen als Kuratorin der Gesellschaft… Mehr Einfluss kann man durch die Weitergabe des eigenen Genmaterials sicher nicht nehmen.
Es gibt keine gesellschaftlichen Zwänge, niemanden der Ada und Yves dazu drängt Kinder zu haben.
Selbst die Nachrichten von Adas Schwestern sind weitestgehend Berichte darüber, wie schrecklich das Leben mit Kindern doch ist.

Gegen Ende war ich von dieser ständigen Ablehnung gegenüber Kindern nur noch genervt. Besonders als Ada und Yves einander ausmalen, wie furchtbar es wäre, mit Kindern zu leben, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, während sich die beiden selbst, wie kleine trotzige Kinder verhalten, die ihr Leben nach dem Lustprinzip führen, auch wenn andere darunter leiden müssen.

Und so bleibt „Das weiße Schloss“ für mich leider ein spannendes, gut geschriebenes Buch mit einer interessanten Grundidee, das sich aber ohne Aussage im Kreise dreht.

Review: Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne

Nachdem 2019, anlässlich seines 250. Geburtstags, zum Alexander von Humboldt-Jahr“ erklärt wurde, haben viele Verlage in den letzten Monaten neue Biografien und Bildbände zu diesem bedeutenden Naturwissenschaftler auf den Markt gebracht.

Besonders ins Auge gestochen ist mir das wunderbar illustrierte Sachbuch „Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne“ aus dem Gerstenberg Verlag.

Empfohlen wird dieser Titel ab 10 Jahren, aber ich finde ja immer, daß man auch als Erwachsener viel Freude an solch liebevoll gestalteten Büchern hat, so auch in diesem Fall.

Volkert Mehnert erzählt auf eine herrlich beschwingte Weise von Humboldts Leben und seinen Forschungsreisen, angefangen von seiner Kindheit, bis ins hohe Alter.

So erfährt man, wie bedeutend Humboldts Forschungen seinerzeit waren. Er wurde sowohl vom amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson als auch vom russischen Zaren Nikolaus I. empfangen.
Doch er teilte sein Wissen nicht nur mit den Reichen und Mächtigen seiner Zeit, er gestaltete seine Vorträge so lebendig und spickte sie mit abenteuerlichen Geschichten seiner Reisen, daß auch normale Bürger, die zuvor nicht viel mit Wissenschaft am Hut hatten zu seinen Vorlesungen strömten.

Durch seine Reisen gelangte Humboldt zu einem überaus fortschrittlichen Wissen, beispielsweise darüber wie Ökosysteme zusammen hängen, und sprach sich schon früh gegen den Raubbau an unserer Erde, aber auch gegen die Sklaverei aus. (Übrigens auch bei Präsident Jefferson, der selbst Plantagenbesitzer war!)

So soll er einst gesagt haben: “ Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“
Eine überaus treffende Bemerkung, die selbst heute noch beklemmend aktuell ist.

So ist dieses Buch auch für Erwachsene absolut spannend, für jüngere Leser gibt es immer wieder Randnotizen, in denen weiterführende Begriffe erklärt werden.

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Illustriert wurde „Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne“ ganz wunderbar von Claudia Lieb, die sowohl mit flächigen, farbigen Illustrationen, als auch mit Bleistiftzeichnungen arbeitet.

Dabei versteckt sie die Figuren oft so in der Landschaft, daß diese nicht sofort sichtbar sind und der Leser manchmal erst beim zweiten oder dritten Hinsehen erkennt, was sich da alles in einem Bild versteckt. Sehr schön!

„Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne ist ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch, das sich durch seinen leichten, humorvollen Schreibstil, die stimmungsvollen Illustrationen und die hochwertige Ausstattung auszeichnet.
Definitiv nicht nur für Kinder ab zehn Jahren geeignet!

Review: Der Strand bei Nacht

Erwähnte ich eigentlich, wie sehr ich die Insel Bücherei liebe?
Mittlerweile habe ich schon ein paar Dutzend Bände in meiner Sammlung und ganz besonders begeistern mich immer die illustrierten Ausgaben der Reihe.

Da auch immer wieder Gegenwartsautoren neben den Klassikern auftauchen, finde ich, daß diese kleinen Bücher eine wunderbare Gelegenheit sind, einmal in den Schreibstil eines Autors hineinzuschnuppern, ohne sich gleich ein fünfhundertseitiges Buch vorzunehmen.

Nun ist „Der Strand bei Nacht“ von Elena Ferrante in der Insel Bücherei erschienen, und nachdem mich der Hype um die Neapolitanische Saga immer abgeschreckt hat, etwas von ihr zu lesen, konnte ich dieser kleinen Geschichte nun doch nicht widerstehen.

Darin erzählt Celina, eine Puppe, wie sie von ihrer „Mama“ Mati am Strand vergessen wird, wo Nachts viele Gefahren lauern.
So macht Celina Bekanntschaft mit dem Strandwächter, der alles Liegengebliebene zu einem Haufen zusammenrecht, um es dann zu verbrennen. Höchste Gefahr also für Celina!
Doch als der Strandwächter bemerkt, daß die Puppe sprechen kann, will er ihre Wörter stehlen, um sie auf dem Puppenmarkt zu verkaufen.
So erlebt Celina in dieser Nacht ein Abenteuer nach der anderen und erhält unerwartete Hilfe…

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„Der Strand bei Nacht“ ist eine kurze, magische Geschichte, die von Mara Cerri in einem Stil bebildert wurde, der mich sofort an die Buchillustrationen meiner Kindheit erinnert hat.

Ein wirklich schönes kleines Buch und eine wunderbare Ergänzung meiner Insel Bücherei Sammlung.

 

Alles auf Neuanfang: „Meine“ Buchhandlung der Zukunft

Anfang des Monats hatte ich ja schon erwähnt, daß ich mich beruflich ein klein wenig verändern werde und seit heute kann ich endlich von dem Projekt schwärmen, an dem ich nun teilnehmen darf.
Denn heute wird die Hugendubel Filiale am Münchner Stachus neu eröffnet und das mit einem Konzept, das man so noch nicht gesehen hat.

Doch zuerst wollte ich erzählen, wie ich eigentlich im Buchhandel gelandet bin, bevor ich verrate, wohin die Reise nun gehen wird…

Ich bin ja in einer Zeit aufgewachsen, als es das Internet noch nicht gab. Das heißt gegeben hat es das wohl schon, aber niemand hatte es.
Wenn meine Eltern also etwas kaufen wollten, was das überschaubare Ladenangebot unserer Kleinstadt nicht hergab, dann setzten sie es auf eine Liste und fuhren etwa einmal im Monat nach München, um dort ihre Besorgungen zu erledigen.

Mich konnten diese Ausflüge als Kind nie so recht begeistern. Deshalb wurde es zur Gewohnheit, mich in der Hugendubelfiliale am Marienplatz in eine Leseinsel zu setzen, mir ein Buch in die Hand zu drücken und mich nach ein paar Stunden wieder abzuholen.
Ich mochte den Trubel, der in dieser großen Filiale herrschte und irgendwann holten mich meine Eltern gar nicht mehr ab und ich begann meine Ausbildung zur Buchhändlerin in eben dieser Filiale, die mir eine zweite Heimat geworden war.

Mein halbes Leben, von 17 bis 34 blieb ich bei Hugendubel am Marienplatz und ich wäre auch bis zur Rente dort geblieben, wäre nicht der Mietvertrag ausgelaufen und hätte nicht ein großes Telekomunikationsunternehmen eine fantastilliaren Euro in die Hand genommen, um den zweihundertsten Handyladen in der Innenstadt zu eröffnen.
(Mittlerweile gibt es aber wieder eine kleine Filiale über dem Handyladen, schaut mal rein, sie ist wirklich sehr gemütlich!)

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Ein ganzes halbes Leben: mein letzter Tag in der alten Filiale am Marienplatz, bevor sie umgebaut wurde

Ich wurde in die Filiale in den Fünf Höfen versetzt, die – das kann man nicht anders sagen – die wohl schönste Decke hat, die eine Buchhandlung in München zu bieten hat und nachdem ich mich von dem Trubel einer sechsgeschossigen Buchhandlung an die Vielfalt einer kleinen Filiale gewöhnt hatte, wäre ich auch hier nicht mehr weg gegangen…

Doch dann begann man im Sommer von einem Projekt zu flüstern, das endlich die Innovationen bringen sollte, nach der die Branche nun schon seit Jahren schreit.
Arbeitstitel: „Buchshop der Zukunft“.
Und sofort sprachen mich meine Chefs an: „Das wäre doch was für Sie!“

Also bewarb ich mich und je mehr ich von diesem Projekt hörte, desto begeisterter wurde ich.
Richtig begriffen, wie anders diese Buchhandlung werden würde habe ich allerdings erst, als Nina Hugendubel auf einer Veranstaltung Bilder der alten Filiale neben die Konzeptblätter der neuen legte. Der einzige Gedanke, den ich in diesem Moment hatte war: „Okay, das ist radikal anders.“

Als Nina Hugendubels Vater Heinrich 1979 meine geliebte Filiale am Marienplatz eröffnete, war es damals auch ein radikal neues Konzept gewesen.
Bis dahin kannte man in Deutschland keine Buchkaufhäuser. Mehrere Stockwerke, verbunden durch Rolltreppen und mit Leseinseln, in denen man den ganzen Tag lang sitzen konnte, um jedes Buch aus den Regalen zu ziehen und darin zu lesen?
Sowas hatte man vorher noch nie gesehen und viele Kritiker schüttelten nur den Kopf.
Nach ein paar Tagen war die Filiale praktisch leer… Die Kunden hatten einfach alle Bücher gekauft.

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Radikal anders: die erste Großbuchhandlung Deutschlands (und mein zweites Kinderzimmer)

Doch der Handel hat sich in den letzten Jahren massiv verändert.
Millionen von Lesern sind weggebrochen, die Läden in den Innenstädten werden immer seltener besucht (mag es etwa daran liegen, daß jedes zweite Geschäft mittlerweile ein Handyladen ist?), niemand fährt mehr eine dreiviertel Stunde mit der S-Bahn, wie es meine Eltern getan haben, wenn alles, was man braucht, nur einen Mausklick entfernt ist.

Seit Jahren heißt es, die Branche soll umdenken.
Und hier ist, was dabei herausgekommen ist…

Zunächst einmal haben wir uns weitestgehend von klassischen Regalen und Büchertischen verabschiedet. Stattdessen arbeiten wir jetzt mit frei kombinierbaren Elementen, die wir je nach Lust, Laune und Bedarf mühelos umbauen und im Belagerungsfall eine Festung daraus errichten können.
Das hat den ungeheuren Vorteil, daß man Thementische oder neue Trends sofort aufgreifen und in den Laden integrieren kann ohne alles umräumen zu müssen.

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Frei kombinierbare Elemente: Ich bau mir die Welt wie sie mir gefällt

Das nächste, das verschwunden ist, ist die Regalbeschriftung.
Anstelle dessen arbeiten wir im neuen Laden mit Visualisierungen, die den Kunden sofort in den Bereich ziehen sollen, der ihn interessiert.
Ihr mögt Fantasy? – Dann haltet einfach Ausschau nach unserem Drachen!
Ihr sucht einen Reiseführer? – Dank riesiger Weltkarte und Wegweisern werdet ihr sicher nicht daran vorbei laufen!
Und so findet man leicht seinen Weg durch die verschiedenen Themenwelten…
Anne Frank lächelt auf Biografienleser herab, die Kinderbücher findet man in einer bunten Spielewelt und ein riesiges Manga-Graffito weißt den Weg zu… ach, da kommt Ihr selber drauf!

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Auch ohne Regalbeschriftungen machen wir kein Geheimnis daraus, wo was zu finden ist.

Als nächstes haben wir die klassische Einteilung nach Warengruppen über Bord geworfen. Dieses System existiert seit Jahrzehnten, ohne daß es groß modernisiert wurde und so kann heutzutage kein Kunde verstehen, warum man Colleen Hoover bei den Jugendbüchern und Mona Kasten bei den Romanen für Erwachsene findet.
Also wurden die alten Strukturen aufgebrochen, was uns Buchhändler zwar anfangs vielleicht etwas mehr Zeit kostet, das Buch zu finden; für den Kunden ist die neue Einteilung aber wesentlich logischer.
Und bei dieser Gelegenheit haben wir uns auch entschieden, die Medien nicht mehr zu trennen. So stehen die passenden Hörbücher, DVDs und englischsprachigen Titel direkt neben dem entsprechenden Buch.
Besonders in unserer großen Comic-Abteilung fiel mir auf, wie sinnvoll diese neue Einteilung doch ist.

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Marvel oder DC? Buch oder DVD? – Alles auf einen Griff!

Einen digitalen Service, den wir zunächst nur in der Filiale am Stachus anbieten werden und von dem ich mir wirklich viel verspreche, nennt sich efree.
Hierbei hat man die Möglichkeit alle verfügbaren ebooks als Vollversion in der Filiale auf dem Tablet oder dem eigenen Smartphone zu lesen. (Dafür braucht man nur einen QR-Code-Scanner.)
Da es müßig ist, Bücher aus obskuren Themenbereichen vorrätig zu haben, die sich nur alle heiligen Zeiten verkaufen, kann der Kunde diese speziellen Titel im Laden nicht nur anlesen, wie es im Internet bei der „Klick ins Buch“-Funktion möglich ist, sondern jedes Kapitel genau unter die Lupe nehmen, bevor er sich entscheidet, ob wir das Buch bestellen sollen.
Beim Verlassen der Filiale verschwindet der Titel dann wieder vom Handy.

So… ganz schön viel Neues, oder?
Naja… wir hätten dann noch eine Bühne mit Beamer und Leinwand, auf der regelmäßig neue Bücher präsentiert werden, einen Co-Working-Space, bei dem man seinen Laptop einstecken und fröhlich drauf los arbeiten kann (Münchner Studenten mit Euren handtuchgroßen Zimmern: eure Lerngruppen sind uns willkommen!), wer eine Auszeit von dem Trubel in der Innenstadt braucht, kann sich in unseren Raum der Stille zurückziehen, Kochbuchpräsentationen finden in Zukunft in unserer Showküche statt, die lieben Kleinen dürfen in unserer Spielewelt basteln und die riesigen Tafeln bemalen, wer coole und witzige Fotomotive sucht, kann sich bei unserer Instagram-Bühne austoben und natürlich gibt es ein Café.

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Unsere Showküche… Hoffentlich stellt hier bald jemand ein Plätzchen-Backbuch vor!

Ihr merkt schon: die neue Filiale am Stachus soll ein Ort sein, an dem man nicht nur ein Buch aus dem Regal zieht und wieder verschwindet; sie soll Euer zweites Wohnzimmer werden. Ein Ort, an dem sich Menschen, die Bücher lieben, treffen und gemeinsam immer wieder Neues erleben können.

So… und bald schlüpfe ich in meine schicke neue Arbeitskleidung, um die Kollegen in der Spätschicht zu unterstützen. Denn ab heute bin ich:

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Was haltet Ihr von dem neuen Konzept?
Ich bin schon sehr gespannt auf Eure Meinungen und freue mich, wenn Ihr vorbei schaut!

Liebe Grüße,
Andrea

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Kleiner Disclaimer Nr.1: Ich werde dafür bezahlt, Bücher zu verkaufen und für gute Stimmung im Laden zu sorgen. Von diesem Blog weiß in der Geschäftsleitung niemand.
(Sollte also Frau Hugendubel googeln, wer was über ihre neue Filiale geschrieben hat und zufällig hier landen: Huhu! Überraschung!)
Was ich damit sagen will: niemand hat mich darum gebeten oder dafür bezahlt diesen Beitrag zu schreiben.
Ich wollte Euch einfach von „meiner“ neuen Filiale erzählen, weil ich wahnsinnig aufgeregt bin und ich mich unheimlich freue, an diesem Projekt teilzunehmen.

Kleiner Disclaimer Nr.2: Die Fotos der alten Filiale am Marienplatz habe ich frech von meiner Kollegin Ursel Roth geklaut, natürlich nachdem ich sie vorher lieb gefragt habe.
Danke nochmal, Ursel!

 

Review: Der Hunderjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Allan Karlsson, der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist zurück!
Wobei er ja mittlerweile schon ein Hunderteinjähriger ist…

Doch just an diesem hundertersten Geburtstag geschient ein Missgeschick. Denn Allan und sein bester Freund Julius unternehmen zur Feier des Tages eine Ballonfahrt und werden aufs offene Meer hinausgeweht.
Doch die beiden haben Glück im Unglück und so werden sie schon bald gerettet. Nur leider von einem nordkoreanischen Schiff, das gerade dabei ist, angereichertes Uran nach Pjöngjang zu schmuggeln.
Um nicht gleich wieder im Meer zu landen verspricht Allan, das nordkoreanische Atomwaffenprojekt nach Kräften zu unterstützen. Schließlich hat er darin ja bereits Erfahrung… Doch seine Motivation, Kim Jong-un, dessen Großvater Allan vor Jahren hinrichten lassen wollte, zu helfen, eine Atombombe zu bauen, hält sich dann doch in Grenzen.

Dank der schwedischen Außenministerin Margot Wallström gelingt Allan und Julius die Flucht aus Nordkorea, wobei sie das Uran gleich noch mitgehen lassen.
Doch wohin damit?
Vielleicht könnte man es ja den Amerikanern geben?
Bei einem Treffen mit Donald Trump wird Allan allerdings schnell klar, daß er diesem Mann lieber kein Uran schenken möchte. Ein Glück, daß man vor dem UN-Gebäude den deutschen Botschafter Konrad trifft, dem das radioaktive Material nach einem durchzechten Abend kurzerhand für Angela Merkel mitgegeben wird.

Eigentlich könnte sich Allan nun zur Ruhe setzen.
Zurück in Schweden steigt Julius dann ins Sarg-Geschäft ein, doch schon bald haben die Freunde die schwedische Neonaziszene auf den Fersen.
Höchste Zeit also, mal wieder die Beine in die Hand zu nehmen…
Und ständig taucht neues Uran auf. Zufällig immer, wenn Allan in der Nähe ist.

Als Jonas Jonassons Debütroman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erschien, wurde er schnell zum absoluten Kassenschlager, der aus den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken war.

Mich hatte die erste Geschichte um den sprengstoffaffinen Allan Karlsson sehr amüsiert und Jonassons zweites Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ hält bis heute den Rekord an bösen Blicken, die mir in der Bahn zugeworfen wurden, weil ich immer wieder laut loslachen musste.
Buch Nummer drei, „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“, hat mich dann eher enttäuscht.
Die Figuren waren einfach nicht so liebenswert, wie in Jonassons anderen Büchern.
Trotzdem war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung des „Hundertjährigen“.

Auch der zweite Teil hat mich wieder glänzend unterhalten und amüsieren können.
Während man im ersten Band neben einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd durch Schweden noch hundert Jahre Geschichte serviert bekommt, liegt der Fokus in „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ auf den jüngsten politischen Ereignissen.
Dabei bringt Jonas Jonasson die internationalen Zusammenhänge mit einer gehörigen Portion Galgenhumor zielsicher auf den Punkt.

Für Fans des „Hundertjährigen“ ist der zweite Band eine ganz wunderbare Gelegenheit, nochmal in die verrückte Welt des Allan Karlsson abzutauchen. Wer „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ allerdings noch nicht kennt, wird viele Anspielungen nicht verstehen.

Zum Schluß bleibt nur noch zu sagen, daß ich wirklich gerne Mäuschen spielen würde, sollten Angela Merkel oder Margot Wallström, die ja durchaus wichtige Nebencharaktere in dem Buch sind, es jemals lesen. 😉

Review: Verwirrnis

Christoph Hein ist ja vielen durch sein Buch „Der fremde Freund/Drachenblut“ bekannt, das auch häufig als Schullektüre gelesen wird.
Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, aber nachdem ich nur begeisterte Besprechungen zu seinem neusten Buch „Verwirrnis“ gehört habe, bin ich doch sehr neugierig geworden.

Friedeward Ringeling wird 1933 geboren und wächst nach dem Ende des Krieges in Ostdeutschland auf. Sein Vater ist ein Gymnasiallehrer mit erzkonservativen Ansichten, der seine Kinder regelmäßig mit dem Siebenstriemer – einer Art Peitsche – schlägt, wenn sie seinen hohen Anforderungen nicht entsprechen.

Anfang der 1950er Jahre besucht Friedeward die elfte Klasse des Gymnasiums, an dem auch sein Vater unterrichtet, als er sich mit einem neuen Schüler anfreundet.
Wolfgang Zernick ist ein vorbildlicher Schüler mit einem großen musikalischen Talent, von dem Friedeward sehr beeindruckt ist.
Bald schon sind die beiden unzertrennlich und so unternehmen sie auch in den Sommerferien gemeinsam eine Radtour zur Ostsee. Bei dieser Reise wird ihnen klar, daß sie mehr füreinander empfinden, als nur Freundschaft, und so werden Friedeward und Wolfgang ein Liebespaar.

Doch „Sodomie“, wie es zu diesem Zeitpunkt noch heißt, ist strafbar und die beiden jungen Männer müssen äußerst diskret sein, denn sollte ihre Liebe entdeckt werden, droht ihnen Gefängnis.

Es kommt aber, wie es kommen muss…
Trotz aller Vorsicht werden die beiden von Friedewards strengem Vater überrascht, woraufhin dieser Wolfgangs Vater dazu zwingt, seinen Sohn in eine andere Stadt zu bringen, anderenfalls würde er im Gefängnis landen.

Friedeward ist zutiefst getroffen von dem Verlust seines Freundes und zieht sich immer mehr zurück. Erst nach dem Abitur trifft er Wolfgang wieder, und nachdem sie von Zuhause ausgezogen sind, beginnen sie ihre Liebesgeschichte erneut.
Bald schon wird Homosexualität in Ostdeutschland für straffrei erklärt, auch wenn es im Westen der Republik noch eine ganze Weile dauern wird, bis es soweit ist.
Trotzdem bleiben Friedeward und Wolfgang vorsichtig. Wolfgang hält seine Verlobung zu einer Jugendfreundin aufrecht und Friedeward heiratet sogar eine lesbische Freundin, um den Schein zu wahren.

Als Wolfgang die Chance erhält, in Westberlin weiterzustudieren, ergreift er sie und Friedeward kann ihn nur noch selten sehen. Doch dann wird Wolfgangs Homosexualität bekannt, ein Umstand, der ihn im Westen noch ins Gefängnis bringen könnte, doch zurück in die DDR kann er nicht, da er mittlerweile einen Westdeutschen Pass beantragt hat.
Wolfgang flieht von Berlin nach Hamburg und für Friedeward bricht eine Welt zusammen.

Ab diesem Punkt ändert die Geschichte ihren Fokus, denn nun konzentriert sich Friedeward voll und ganz auf seine akademische Karriere, die nur schleppend dahinläuft, weil er kein Mitglied der Partei ist.
Als sich auch noch der Institutsleiter in den Westen absetzt, gibt es an der Universität Gesinnungstests und Entlassungen.
Friedeward kommt mit knapper Not davon, doch bald darauf erhält er einen Besuch der Stasi.
Spionieren kann und will er nicht, doch er ist erpressbar und so stellt sich am Ende des Buches die Frage, die auch schon Bernhard Schlink im „Vorleser“ gestellt hat:
Wieviel ist man bereit zu opfern um ein Geheimnis zu hüten?

„Verwirrnis“ hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht.
Zunächst einmal ist es sprachlich sehr einfach, fast schon berichtsmäßig gehalten. So ist die Geschichte leicht und schnell zu lesen, allerdings hat man das Gefühl, daß einige Szenen überraschend kurz abgehandelt werden.

Auch die Verlagerung des Fokus, von der Liebesgeschichte auf Friedewards Gewissensfrage habe ich nicht kommen sehen und so hat mich das Ende der Geschichte sehr betroffen gemacht.

Immer wieder dachte ich mir während des Lesens: „Schlimm, wie das damals war!“
Doch dann wurde mir bewusst, daß es auch heute noch Menschen gibt, die ihre Sexualität verstecken müssen, weil sie das Gefühl haben, daß ihnen ansonsten berufliche Nachteile entstehen, oder sie mit dem Mobbing von Kollegen oder gar Freunden rechnen müssten.

Und deshalb ist „Verwirrnis“ kein Buch, das nur von einer vergangenen Zeit erzählt, sondern das die immer noch hochbrisante Frage stellt: in welchem Rahmen können wir ein selbstbestimmtes Leben führen?