Auf Achse im Oktober!

Es wird nun aber wirklich Herbst…
Die Stürme wehen, die Novitätenstapel erreichen Höhen, die mich ins Schwitzen bringen und neben dem Lesen steht einiges an im Oktober!

Mitte des Monats geht es mit den weltbesten Kollegen auf die Frankfurter Buchmesse. Mein Notizbuch platzt schon aus allen Nähten, so viele Termine hab ich mir eingetragen, und ich bin wirklich sehr gespannt, was wir dort alles erleben werden.

Ende des Monats sollte es dann hoffentlich einmal wieder Zeit für eine neue Folge von „In vollen Zügen nach…“ werden. Diesmal soll es nach Wien gehen, allerdings mit beiden Kindern und die haben schon sehr eigene Pläne, was sie dort anstellen wollen!
Ich hoffe aber trotzdem, daß vielleicht ein, zwei Buchhandlungen auf dem Weg liegen werden, über die ich dann berichten kann. Also, liebe Wiener: Welche Buchhandlungen sollte ich unbedingt gesehen haben?

Wie schon erwähnt wird der Novitätenstapel nicht kleiner und ich bin schon wahnsinnig gespannt auf die Titel, die ich mir diesen Monat ausgesucht habe:

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Beginnen wir einmal mit ganz viel Liebe für den Diogenes Verlag, der einen Löwenanteil zu meinem Oktoberstapel beigetragen hat.

Wie eigentlich jedes Jahr gibt es etwas Neues von meiner Lieblingsautorin Amélie Nothomb, von der ich seit meiner Ausbildung jedes Buch verschlinge. „Klopf an dein Herz“ kam schon Anfang des Jahres auf Englisch auf den Markt und so hatte ich bereits im englischsprachigen BookTube sehr begeisterte Besprechungen dazu gesehen. Nun hat das Warten endlich ein Ende!

Ein weiterer Autor, von dem jede Neuerscheinung sofort auf meiner Wunschliste landet, ist Martin Suter. Mit „Allmen und der Koi“ legt er den mittlerweile sechsten Band der Allmen-Reihe vor und auch, wenn nicht jeder Suter-Fan automatisch zum Allmen-Fan wird, mag ich die Charaktere einfach unheimlich gern.

In meinem Sommerurlaub hatte ich „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer gelesen, nun erschien der zweite Teil „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“.
In den letzten Monaten habe ich ja langsam wieder angefangen, Hörbücher zu hören und gerade beim ersten Wolkenbruch-Roman bedauerte ich sehr, kein Hörbuch davon zu haben, denn auch wenn man jiddisch wohl ausspricht, wie es geschrieben wird, hatte ich oft keine Ahnung, wie betont wird.
Gestern habe ich dann schon mal ins Hörbuch reingehört und war sofort begeistert von Thomas Meyers Stimme. Jiddisch und ein Schweizer Akzent! – Das freut das Ohr!

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Weiter geht es mit einer ganzen handvoll Romanen:

„Gespräche mit Freunden“ von Sally Rooney hatte mein Kollege Andi ja schon im letzten Podcast vorgestellt und er war nicht wirklich überzeugt davon, allerdings lese ich ausschließlich absolut begeisterte oder komplett enttäuschte Rezensionen. Love it or hate it? Da bilde ich mir immer gern meine eigene Meinung.

Margaret Atwoods neustes Buch „Die Zeuginnen“ habe ich schon gelesen, da es allerdings im September erst auf den Markt kam, nachdem ich meinen Monatsstapel vorgestellt hatte und ich weiß, daß sich einige Leser an den Bildern in meiner Rubrik „Mit Büchern durch das Jahr“ orientieren, um bestimmte Titel wiederzufinden, von denen sie sich nur noch an das Cover erinnern, wird dieser Titel sozusagen nochmal optisch nachgereicht. Die Besprechung könnt ihr allerdings jetzt schon lesen.

Während alle über die Shortlist des Deutschen Buchpreises diskutieren, ist heimlich still und leise die Auswahlliste des Bayerischen Buchpreises erschienen. Mit dabei: „Levi“ von Carmen Buttjer.
Auch so ein Titel, auf den ich mich diesen Monat schon sehr freue!

Ein weiteres „Love it or hate it“-Buch ist wohl „Es ist Sarah“ von Pauline Delabroy-Allard. Wie gesagt; da bilde ich mir gern eine eigene Meinung.

Worauf ich mich aber schon wirklich lange freue, ist „Melmoth“ von Sarah Perry. Ihr Roman „Die Schlange von Essex“ hat mich vor zwei Jahren nach anfänglichen Startschwierigkeiten absolut begeistert, weshalb ich auch große Erwartungen an ihr neues Buch habe.

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Wer meinen Blog nicht erst seit gestern verfolgt, dürfte inzwischen wissen, wie sehr ich die Illustrationen von Kat Menschik liebe, weshalb ihr neustes Buch „Die Puppe im Grase – Norwegische Märchen“ natürlich auf meinem Lesestapel gelandet ist.
Und was für eine schöne Einstimmung auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse!

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Weil ich nicht nur gerne Bücher, sondern auch Bücher über Bücher lese, freue ich mich diesen Monat sehr über „Leseglück“ von Mareike Fallwickl und Florian Valerius und „Nervenkitzel“ von Miriam Semrau. Nachdem ich so gut wie nie Krimis lese, ist besonders letzteres eine tolle Möglichkeit für mich, mein Krimi-Wissen für den Laden etwas aufzupolieren ohne mich zu Tode fürchten zu müssen.

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Ich sage ja immer: „Es ist kein guter Monat, wenn keine Graphic Novel dabei ist!“, dieser Monat sollte demnach großartig werden!
Mit dabei sind nämlich „Hawking“, die neue Graphic Novel-Biografie von Ottaviani & Myrick, von denen ich auch schon den Band über Richard Feynman sehr begeistert gelesen habe. Dann noch „Natürliche Schönheit“ von Nanna Johansson, die sich feministische Themen im Stil ihrer Landsfrau Liv Strömquist vornimmt und „West, West Texas“ von Tillie Walden. Von ihr wollte ich ja immer „Pirouetten“ lesen, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben, dann fang ich eben einfach mit ihrem neusten Buch an.

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Zu guter Letzt noch zwei Bücher aus der Rubrik „In der Kinderbuchabteilung gefunden, lassen aber auch die Herzen der Großen höher schlagen“:
„Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ von Rebecca Green ist eines meiner liebsten Bilderbücher, das ich seit längerem auf Englisch besitze. Nun habe ich es mir nochmal auf Deutsch besorgt, um nicht immer simultan übersetzen zu müssen, wenn ich es dem Kleinen vorlesen will und um es Euch allen nochmal vorzustellen.
Es ist nämlich unheimlich entzückend!
Ein großartiges illustriertes Sachbuch hingegen ist „Verlorene Arten“ von Jess French und Daniel Long. Hier geht es eben nicht nur um Mammuts und Dinosaurier, sondern auch um Tiere, die erst in den letzten Jahren ausgerottet wurden.
Sehr spannend und informativ und ich kann jetzt schon sagen, daß dieses Buch sowohl mich, als auch meinen Kleinsten ungemein fasziniert.

So… Seid Ihr noch da oder schon von meinem Oktoberstapel erschlagen worden?

Kennt ihr einige der Titel und wie haben sie Euch gefallen?
Sehen wir uns auf der Buchmesse?
Und was sollte ich in Wien auf keinen Fall verpassen, selbst wenn ich alle Hände voll zu tun habe, weil ein Kind verlangt, die Krokodile im Haus des Meeres zu befreien, während sich das andere einen Panzer im Heeresgeschichtlichen Museum klauen will?

Liebe Grüße,
Andrea

Review: Der Sprung

Auf dieses Buch habe ich mich schon gefreut, seit es beim Diogenes-Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse angekündigt wurde: „Der Sprung“ von Simone Lappert.
Zwar haben es Bücher, in die ich schon lange hohe Erwartungen gesetzt hat, dann meistens schwer bei mir, doch dieser Roman hat gehalten, was versprochen wurde…

Es ist ein Ereignis, das das gewohnte Leben vieler Menschen aus dem Tritt bringt: eine Frau steht auf dem Dach eines Hauses und weigert sich herunterzukommen.
Schnell ist die Polizei vor Ort, Sprungkissen werden aufgepumpt, Gaffer versammeln sich auf der Straße, um das Geschehen zu filmen…
Doch der ganze Trubel hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die in der Straße wohnen, arbeiten oder vorbeikommen.
Da sind zum Beispiel Theres und Werner, deren Gemischtwarenladen gegenüber der Frau auf dem Dach schon seit Jahren keine Gewinne mehr abwirft, und die sich plötzlich einem Ansturm von Kunden gegenüber sehen. Oder Felix, der Polizist, der mit der jungen Frau reden soll und der zu sehr mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat. Da ist Maren, deren Lebensgefährte vermutlich eine Affäre hat und die diesen sonderbaren Tag nutzt, um aus ihrem gewohnten Leben auszubrechen, oder Winnie, das unbeliebteste Mädchen der Schule, die an diesem Tag eine unverhoffte Allianz mit einer Mitschülerin schließt…

In jedem Kapitel schlüpfen wir in eine andere Figur, die das Geschehen auf dem Dach passiv beobachtet, oder versucht, aktiv einzugreifen. Die Gründe, warum die Frau auf dem Dach steht, kann man sich erst nach und nach zusammenpuzzeln, doch auch wenn sie der Ausgangspunkt der Geschichte ist, entwickeln sich die Erzählstränge der zehn Personen um sie herum in zum Teil völlig verschiedene Richtungen. Es sind Geschichten über die Liebe und deren Ende, von Freundschaft, davon, aus seinem Leben auszubrechen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen oder ihr hinterherzutrauern, vertane Chancen und neue Möglichkeiten…

Simone Lappert schreibt über all das in einem Stil, der den Leser sofort mitreißt und auch wenn manche der Geschichten vielleicht ein bißchen kitschig oder weit hergeholt wirken, macht es einfach großen Spaß, dieses Buch zu lesen!

Obwohl wir es mit einer ganzen handvoll Protagonisten zu tun haben und die Kapitel relativ kurz sind, so daß wir die Perspektive immer wieder wechseln, ist man sofort mitten im Geschehen, fiebert mit den Charakteren mit und kann es dann trotzdem kaum erwarten, wieder zu früheren Handlungssträngen zurückzukehren, um zu sehen, wie es bei diesen Figuren weitergeht.
Das macht den „Sprung“ zu einer absolut kurzweiligen Lektüre, die man jedem Leser ans Herz legen möchte.

Review: Ein Freitod

Bald ist wieder Frankfurter Buchmesse, wo dieses Jahr Norwegen Ehrengast sein wird. Im Lauf der letzten Monate habe ich Euch schon einige norwegische Neuerscheinungen vorgestellt, heute soll es nun um eine sehr persönliche Graphic Novel des Comic-Künstlers Steffen Kverneland gehen.

In „Ein Freitod“ erzählt Kverneland vom Selbstmord seines Vaters, der sich wenige Monate nach dem achtzehnten Geburtstag seines Sohnes das Leben nahm.

Inzwischen sind 38 Jahre vergangen, doch man merkt, daß Steffen Kverneland immer noch nicht mit diesem Ereignis abgeschlossen hat. Spät ist er durch Adoption selbst Vater geworden und so sitzt er oft mit seinem kleinen Sohn zusammen und spürt der Zeit mit dem eigenen Vater nach…

Odd Kverneland war ein äußerst liebevoller Vater, ein begeisterter Erfinder, jemand der gerne Witze machte… aber auch ein Mensch, der die Welt oft in schwarz und weiß sah, nicht viel von Ausländern oder Andersdenkenden hielt und getrieben war von inneren Dämonen.

Kverneland erzählt von seinen Kindheitserinnerungen, den guten, wie den schlechten und versucht, in all dem etwas Bedeutsames zu finden, das damals schon erahnen ließ, wie sein Vater bald darauf seinem Leben ein Ende setzen würde.
Dabei fällt ihm aber auch auf, wie viel von ihm bis heute überdauert hat; sei es der alte Zeichentisch, an dem dieses Buch entstand, oder die lustigen Ausdrücke, die er benutzte und die der Autor heute in Gesprächen mit dem eigenen Sohn verwendet…

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Ähnlich wie Nora Krug ihrer Familiengeschichte letztes Jahr in „Heimat“ nachgespürt hat, bedient sich Steffen Kverneland ebenfalls einer spannenden Mischung aus Familienfotos, Aquarellen und Tuschezeichnungen und springt immer wieder von den Vergangenheit mit seinem Vater zur Gegenwart mit dem eigenen Sohn.

„Ein Freitod“ ist eine wirklich sehr persönliche und berührende Geschichte, die versucht, im Suizid eines geliebten Menschen irgendeinen Sinn zu erkennen. Und sie erzählt vom Weiterleben, dem Vermächtnis und den Erinnerungen, die bleiben.

Review: Ferngespräch

Wer das Cover sieht, denkt an Urlaub, Sonne, Strand…
Doch „Ferngespräch“ von Sheree Domingo ist eine Graphic Novel, die sich eindrucksvoll mit einem Thema beschäftigt, über das ich zuvor noch nie etwas gelesen hatte.

Es ist ein heißer Sommer und eigentlich möchte die junge Protagonistin nur ins Freibad, wie all ihre Schulkameraden. Doch ihre Mutter hat keinen Urlaub und nimmt sie kurzerhand mit in das Pflegeheim, in dem sie arbeitet.
Normalerweise würde sich ihre Tante kümmern, doch die ist auf die Philippinen geflogen, um bei ihrer Mutter, der Großmutter des Mädchens, sein zu können, weil diese im Sterben liegt…

Das Mädchen erinnert sich kaum noch an die Philippinen und ihre Familie dort. Sie weiß, sie sollte traurig sein, doch sie kennt ihre Großmutter nur noch von Fotografien und hat keinen richtigen Bezug zu ihr.
Ihre Mutter hingegen ist völlig zerrissen. Während sie sich um deutsche Rentner kümmert, ist sie in Gedanken weit weg, bei ihrer eigenen Mutter, von der sie sich nicht einmal verabschieden kann.
Ihre Tochter wandert indessen durch die Gänge des Pflegeheims und lernt dabei Frau Herrmann kennen, deren Ehemann gerade gestorben ist und die genauso verzweifelt ist, in diesem Heim festzusitzen, wie das Mädchen…

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„Ferngespräch“ ist eine Geschichte, die mit wenigen Worten auskommt und es schafft, stattdessen mit eindrucksvollen Bildern die Gefühle des Lesers anzusprechen.

Die drei Frauen der Geschichte haben alle eine andere Beziehung zum Tod: die Tochter, die zum ersten Mal damit konfrontiert ist und nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, die Mutter, die nicht Abschied nehmen kann, und die Seniorin, die weiß, daß es für sie bald selbst soweit sein wird und die doch immer noch am Leben hängt…

In einem Nachwort erzählt Sheree Domingo von der Situation der philippinischen Auswanderer, zu denen auch ihre Mutter gehörte: etwa 10 % des Bruttosozialprodukts kommt in Form von Überweisungen ins Land, die Arbeitsmigranten an ihre Familien senden. Diese Migration wird von der Regierung sogar gefördert; an den staatlichen Universitäten werden Pflegekräfte gezielt für den ausländischen Markt ausgebildet, während die Krankenhäuser im eigenen Land chronisch unterbesetzt sind.
In fast jeder Familie arbeitet mindestens ein Familienmitglied im Ausland, ein viertel aller philippinischer Kinder wachsen daher ohne oder mit nur einem Elternteil auf.

Es ist schon eine erschreckende Entwicklung, die das Wohlstandsgefälle auf dem globalen Arbeitsmarkt auf eine Weise aufzeigt, die wir alle nachempfinden können. Denn ist es nicht schrecklich zynisch, daß viele Menschen in ihrem Land keine Perspektive sehen, so daß sie ihre eigenen Kinder verlassen, um die Kinder reicher Amerikaner zu betreuen? Oder daß sie ihre Eltern vor deren Tod nicht mehr sehen, während sie hier in Deutschland Senioren pflegen, deren eigene Kinder sie nicht einmal besuchen kommen?

„Ferngespräch“ spricht dieses Thema auf eine sehr eindrückliche Art und Weise an. Dabei wertet die Geschichte nicht; sie zeigt uns nur eine Welt, von der viele nicht wissen, daß es sie gibt. Es tut gut, gelegentlich über den Tellerrand zu blicken und sein Weltbild zu überdenken.

Mich hat „Ferngespräch“ jedenfalls tief berührt.

Review: Die Zeuginnen

Kaum ein Buch hat mich durch mein Leben verfolgt, wie „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood. Der Roman erschien in Deutschland, als ich etwa vier war und ich kann mich heute noch erinnern, daß ich all die Jahre bei fast jedem Besuch einer Buchhandlung über das sonderbare Cover stolperte.
Als Teenager griff ich wohl dann auch zum ersten Mal danach, doch zu dieser Zeit hatten wir noch kein Wort für „dystopische Geschichten“. Und so war die Rede von Science Fiction, was mich angesichts der mittalalterlich anmutenden Roben und Hauben auf dem Cover nur verwirrte und das Buch wieder weglegen lies.
Irgendwann kaufte ich es mir dann auf einem Bücherflohmarkt, aber dennoch stand der Roman noch viele weitere Jahre ungelesen in meinem Regal.
Ich sage immer, daß es nicht vieles gibt, was ich im Leben bereue, aber den „Report der Magd“ nicht schon viel früher gelesen zu haben gehört definitiv dazu.
Als ich ihn dann endlich aus dem Regal zog und die ersten Seiten las, konnte ich gar nicht mehr aufhören. Ich weiß noch, wie ich in der Arbeit die Minuten zählte, bis ich endlich wieder zurück zu diesem Buch durfte. (Und nein, auch wenn ich in der Arbeit von Büchern umgeben bin, ist Arbeitszeit keine Lesezeit!)

Die Fernsehserie habe ich aber nie gesehen. Nur ein paar Ausschnitte, und da schreckten mich die offene Brutalität und Grausamkeit ab. Natürlich gab es auch im Roman solche Szenen, aber offenbar weigerte sich mein Gehirn, es mir dann doch so schlimm vorzustellen.

Als ich hörte, daß Margaret Atwood an einer Fortsetzung vom „Report der Magd“ schreibt, war ich einerseits unheimlich gespannt, andererseits aber auch nervös, ob sie mit seinem Vorgänger würde mithalten können.

In „Die Zeuginnen“ kehren wir mehrere Jahre nach dem „Report der Magd“ zurück in den totalitären Gottesstaat Gilead, ehemals USA.
In drei Handlungssträngen erfahren wir mehr vom Innenleben des Regimes, wobei eine der Erzählerinnen eine alte Bekannte ist: Tante Lydia, die wir aus dem Umerziehungslager der Mägde kennen und die dort als wahre Schreckensgestalt geherrscht hat.
Die Tanten sind die einzigen Frauen in Gilead, die lesen und schreiben dürfen. Sie sind anfangs noch für die Umerziehung der Frauen und später für die Erziehung der Mädchen verantwortlich und hüten das genealogische Archiv. Dadurch haben sie eine gewisse Macht, auch wenn das von den herrschenden Männern gerne übersehen wird.
Nun erfahren wir mehr darüber, wie Tante Lydia in diese Position gekommen ist, wer sie vor dem Sturz der Regierung war und was sie vorhat…

Im zweiten Erzählstrang lernen wir Agnes kennen. Sie wächst in Gilead als Tochter eines ranghohen Kommandanten auf und wird ganz im Sinne des totalitären Staates erzogen.
Als Teenager soll sie mit einem wesentlich älteren Kommandanten verheiratet werden; eine Vorstellung, die Agnes in Panik versetzt, doch es scheint keinen Ausweg für sie zu geben.
Als sie dann erfährt, daß eine ihrer Schulkameradinnen inzwischen zur Tante ausgebildet wird, setzt sie alles daran, es ihrer Freundin nachzutun, denn die Tanten dürfen nicht heiraten und genießen fast so etwas wie Freiheit, wenn sie zum Beispiel als Missionarinnen in andere Länder entsandt werden.

Die dritte Erzählerin ist das Teenagermädchen Daisy. Sie wächst in Kanada auf und steht dem Regime des Nachbarstaats äußerst kritisch gegenüber.
Als ihre Adoptiveltern ermordet werden erfährt sie, daß diese Teil einer Widerstandsbewegung gegen Gilead waren. Bald wird deutlich, daß eine mysteriöse Informationsquelle im Inneren des Staates großes Interesse daran hat, das Mädchen persönlich zu treffen…

Die Geschichten der drei Frauen werden als Zeugenberichte, beziehungsweise als eine Art Tagebuch aufgezeichnet. Dementsprechend unterscheidet sich auch der Erzählton der verschiedenen Handlungsstränge stark voneinander.
Tante Lydias Ton ist sehr reflektiert, stellenweise philosophisch, mit umfangreichem Wissen, um die Geheimnisse der Mächtigen von Gilead, was sie immer wieder zu spitzen Bemerkungen und beißendem Zynismus verleitet.
Während Tante Lydia in „Der Report der Magd“ ein fast schon klischeehaft böser Charakter war, wird sie in „Die Zeuginnen“ plötzlich zur wohl spannendsten Figur des Romans.

Agnes dagegen ist deutlich jünger und naiver, schließlich ist sie ihr Leben lang mit den Glaubenssätzen ihres Staates aufgewachsen. Trotzdem beginnt sie mit der Zeit mehr und mehr an den Doktrinen zu zweifeln…
Bei diesen beiden Charakteren hat man meiner Meinung nach deutlich gemerkt, daß sich Margaret Atwood lange mit ihnen und dem System Gilead auseinandergesetzt hat. Daisy, der jüngste Charakter, wirkte auf mich aber irgendwie unfertig und nicht ausgereift genug.
Während sie in Kanada noch äußerst nachgiebig und ruhig ist, verwandelt sie sich ausgerechnet in Gilead, wo jeder falsche Schritt ihr letzter sein könnte, in eine rotzfreche Rebellin, was sie Handlung wohl spannender machen sollte, auf mich allerdings eher gewollt und stellenweise auch recht anstrengend gewirkt hat.

„Die Zeuginnen“ spielt etwa sechzehn Jahre nach dem „Report der Magd“ und bezieht die Handlung der Fernsehserie mit ein. Zwar hatte ich keine Probleme, in das Buch hineinzufinden, obwohl ich die Serie nicht gesehen hatte, doch immer wieder werden wichtige Ereignisse erwähnt, bei denen ich das Gefühl hatte, die Serienzuschauer könnten diese sofort einordnen.
Eine kurze Google-Recherche bestätigte dann auch schnell, daß bestimmt Namen aus der Serie schon bekannt sind und die Zuschauer das Buch mit diesem Wissen lesen, während alle, die lediglich den Vorgänger kennen, nur eine gewisse Vermutung haben werden, wie die Figuren zusammenhängen.
Dem Verständnis der Geschichte tut das aber keinen Abbruch.

Auch wenn „Die Zeuginnen“ für mich nicht an den „Report der Magd“ heranreicht, ist es großartige Unterhaltung, die uns einen tieferen Einblick in die dystopische Welt von Gilead gibt, viele Fragen aus dem ersten Teil klärt und die Geschichte um die Magd Desfred, die mich Jahre lang beschäftigt hat, endlich zu einem gelungenen Abschluß bringt.

Meine Rezension zu „Der Report der Magd“ findet Ihr hier:

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Review: Der Report der Magd

Und schaut Euch doch auch mal die großartige Graphic Novel an. Die ist jetzt übrigens gerade auf Deutsch erschienen:

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Review: The Handmaid’s Tale – Graphic Novel

Review: Das Licht ist hier viel heller

Mit „Dunkelgrün fast schwarz“ machte Mareike Fallwickl letztes Jahr von sich reden, nun legt sie mit „Das Licht ist hier viel heller“ ihren zweiten Roman vor.
„Beim zweiten gilt’s.“, schrieb sie dazu auf Instagram. „Da zeigt sich, ob du nur zufällig kurz ein bisserl gehyped warst oder ob du doch was kannst.“
Und nachdem mir ihr Erstling seinerzeit wirklich Lust auf mehr gemacht hat, war ich nun sehr gespannt, ob Mareike eben „doch was kann“

Maximilian Wenger ist ein Autor, der seinen Zenit bereits überschritten hat. Die letzten Romane sind gefloppt, die junge Ehefrau hat ihn für einen noch jüngeren verlassen, er sitzt zwischen Umzugskartons in seiner neuen Junggesellenwohnung und tut sich selbst leid. Das Einzige, das seine Aufmerksamkeit halbwegs zu fesseln vermag, sind die Briefe einer Frau, die regelmäßig in Wengers Briefkasten landen und eigentlich an seinen Vormieter adressiert sind. Eindringlich schildert sie darin von der gemeinsamen Beziehung und dem Verrat, der an ihr begangen wurde.
Wenger versucht unterdessen, seinem Ego ein wenig zu schmeicheln, indem er sich über Dating-Apps mit jungen Frauen verabredet. Nach einem etwas seltsamen Treffen kommt ihm die Idee zu einem neuen Roman, der ihn wieder zurück ins Rampenlicht bringen soll. Doch an den Ergüssen eines mittelalten Mannes, der seine beste Zeit hinter sich hat, ist sein Verleger nicht interessiert. Etwas fehlt noch, um seiner Geschichte die nötige Zündkraft zu geben…

An dieser Stelle könnte man meinen, daß Mareike Fallwickl einen dieser „Herrenromane“ geschrieben hat, die mich ja nun schon seit Jahren maßlos anöden: mittelalter, mittel erfolgreicher Mann in der Midlifecrisis… Bitte nicht schon wieder!

Doch so unkreativ ist Mareike Fallwickl nicht. Im Gegenteil.
Denn die Wenger-Kapitel wechseln sich mit der Geschichte seiner Tochter Zoey ab. Diese ist siebzehn, fast achtzehn, und von der Lebenskrise ihrer Eltern heillos gefrustet. Das Verhältnis zum Vater war nie besonders eng, nun müssen sie und ihr Bruder Spin die Wochenenden in seiner kleinen Wohnung verbringen und ihm dabei zusehen, wie er verwahrlost, um Mitleid zu heischen.
Ihre Mutter dagegen ist ein Instagram-Star, die Lifestyle-Trends hinterherläuft und ihr Geld damit verdient, sich selbst zu vermarkten.
Von Zoeys Problemen haben die Eltern keine Ahnung, und das nicht, weil wir es hier mit einem typischen, in sich gekehrten Teenager zu tun hätten, sondern weil die beiden zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um ihren Kindern zuzuhören.

Und so entwickelt sich ein ungemein interessanter Spannungsbogen, zwischen den beiden Handlungssträngen: der Vater, der weiß, wie es in der Welt zugeht und die Tochter, die dies schmerzhaft erfahren muss. Wenger, der die Frauen ausnutzt und Zoey, die ausgenutzt wird. Der Romanautor, der liefert, was sich verkauft und die angehende Fotografin, die versucht, einen sehr persönlichen Stil zu finden…

Mareike Fallwickl hat mit „Das Licht ist hier viel heller“ einen Roman abgeliefert, der die Sinnkrisen-Geschichten mittelalter Männer imitiert, kritisiert und ganz nebenbei noch zeigt, wie es richtig geht; wie man aus dem Selbstmitleid dieser Herren, eben doch einen verdammt guten Roman machen kann.
Wir haben es hier definitiv mit einer Autorin zu tun, die nicht „nur zufällig kurz ein bisserl gehyped“ wurde, sondern die mit ihrem zweiten Buch bewiesen hat, daß sie eben doch wirklich „was kann“.

Mein liebster Satz: „Es gibt keine stärkeren Menschen als jene, die zerbrochen waren und wieder zusammengewachsen sind.“

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Besonders schön ist es ja immer, wenn man ein Buch dort liest, wo es handelt. Deshalb hatte ich „Das Licht ist hier viel heller“ auch bei meinem Urlaub im Salzkammergut mit dabei. Noch schöner ist es dann, wenn einem die Autorin gleich noch Ausflugstipps mit auf den Weg gibt…

 

„Washington Black“ – Mein Interview mit Esi Edugyan

Am Mittwoch stellte die kanadische Erfolgsautorin Esi Edugyan ihren neuen Roman „Washington Black“ im Amerikahaus München vor. Davor hatte ich die einmalige Gelegenheit, sie näher kennenzulernen und ein Interview mit ihr zu führen.
Das Wetter war sonnig und schön, also spazierten wir ein wenig durch München, tranken Kaffee, schauten bei mir im Laden vorbei, wo Esi ihre Bücher signierte und wir redeten über das Schreiben im allgemeinen, „Washington Black“ im besonderen und die anstehende Verfilmung dieses Romans, der letztes Jahr den kanadischen Giller Prize gewann, auf der Shortlist des Booker Prizes stand und es auf Barack Obamas „Lieblingsbücher des Jahres“-Liste schaffte.

Wer den Roman noch nicht kennt, kann sich in meiner Besprechung dazu einen kleinen Überblick verschaffen:

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Review: Washington Black

Das Interview lohnt sich auch dann, wenn man „Washington Black“ noch nicht gelesen hat, denn Esi Edugyan ist eine sehr intelligente, unheimlich reflektierte und humorvolle Frau, der man einfach gerne zuhört.
Vielleicht machen Euch ihre Antworten auf meine Fragen ja noch mehr Lust auf dieses Buch.

Liebe Esi, Du hast nach der Schule Kreatives Schreiben studiert und anschließend zunächst Kurzgeschichten und dann Deinen ersten Roman veröffentlicht.
Gab es einen besonderen Moment in Deinem Leben, in dem Du beschlossen hast, daß es das ist, was Du in Zukunft machen willst, oder kam das erst nach und nach?

Ich denke, das kam erst mit der Zeit. Als ich etwa dreizehn Jahre alt war, begann ich darüber nachzudenken, daß ich gerne Bücher schreiben würde, aber ich glaube, ich habe das damals noch nicht als richtigen Beruf wahrgenommen. Ich dachte damals wohl, das wäre etwas, was die Leute als Hobby am Wochenende machen.
Als ich dann nach dem Ende der Highschool studieren sollte, wusste ich nicht so recht, was. Ich war keine besonders gute Schülerin gewesen, außer bei den Sprachen. Es schien klar, daß ich mich in diese Richtung orientieren sollte, aber meine Eltern hatten Bedenken.
Also versprach ich meiner Mutter, zusätzlich zum kreativen Schreiben noch Journalismus zu studieren. Aber innerhalb weniger Monate wurde es offensichtlich, daß ich keine Journalistin werden würde. Dafür fiel es mir zu schwer, fremde Leute anzusprechen.
Danach konzentrierte ich mich ganz auf den kreativen Teil: ich studierte Lyrik, begann mit Belletristik und machte meinen Master. Dann gewann ich ein Stipendium und dachte: „Daraus mache ich wohl besser etwas!“, also schrieb ich meinen ersten Roman.

Gab es bestimmte Bücher oder Autoren, die Dich zum Schreiben inspiriert, oder die Deinen Stil beeinflusst haben?

Als Jugendliche habe ich Bücher gelesen, die man nicht gerade als gehobene Literatur bezeichnen würde. Was mich begeistert hat, waren Horror-Geschichten, die Romane von V. C. Andrews und dergleichen. Daran haben mich wohl hauptsächlich die Spannungsbögen fasziniert.
Als ich dann beschloss, selbst Schriftstellerin zu werden, überlegte ich, daß ich mir ein gewisses literarisches Grundwissen aneignen sollte. Also begann ich, die Klassiker zu lesen und verliebte mich in die Literatur des 19. Jahrhunderts: George Eliot, Thomas Hardy,… aber vor allem die Russen haben mich absolut begeistert.
„Schuld und Sühne“ habe ich immer einmal im Jahr gelesen. Jeden Herbst habe ich es aus meinem Regal gezogen und jedes Mal etwas anderes daraus für mich mitgenommen.
Und dann Tolstoi! Als ich „Anna Karenina“ las, war ich davon überwältigt, wie er es schafft, seine Figuren zum Leben zu erwecken; daß sie so sehr sie selbst sind, ohne dabei zu Karikaturen zu werden…
Ich war absolut gefangen. „Anna Karenina“ habe ich praktisch in einem Stück durchgelesen.

Kommen wir zu Deinem Buch… Ich habe gelesen, daß Du eigentlich einen Roman über den Tichborne Fall, bei dem ein Hochstapler sich als der verschwundene Sohn einer reichen, aristokratischen Familie ausgab, um an deren Vermögen zu kommen, schreiben wolltest und Dich eine Randfigur zu „Washington Black“ inspiriert hat.
War es eine Überraschung für Dich, daß sich Deine Geschichte in eine völlig andere Richtung entwickelt hat?

Ich überlege mir immer sehr lange, worüber ich schreiben will. Zuerst dachte ich, ich würde einen Roman schreiben, der in Afrika spielt; über die Dynastien, den Sklavenhandel,…
Dann stolperte ich eines Tages über einen Verweis auf den Tichborne Prozess, von dem ich davor noch nie gehört hatte. Selbst in England war die Geschichte in Vergessenheit geraten, obwohl es wohl der berüchtigtste Fall seiner Zeit war und sich über Jahrzehnte hinzog.
Ich dachte, ich könnte den Fall aus der Sicht von Andrew Bogle, eines der wichtigsten Zeugen der Verteidigung erzählen. Er war ein ehemaliger Sklave, der von einem Mitglied der Tichborne Familie von seiner Plantage in Jamaika gestohlen wurde, und derjenige, der den Hochstapler als Roger Tichborne identifizierte. Ich fand diese Geschichte unheimlich faszinierend. Er spielte eine Schlüsselrolle in einem der spannendsten Gerichtsfälle der Geschichte und trotzdem wurde dieser Mann fast völlig vergessen.
Als ich aber begann, darüber zu schreiben, spürte ich aber, wie ich den Bezug dazu verlor. Der Fall war so verworren, daß ich gar nicht wusste, wie ich anfangen sollte.
Trotzdem war ich immer noch fasziniert von der Geschichte dieses Mannes, der aus einem Leben voller Not und Elend kam, aus dem er urplötzlich und völlig unerwartet gerissen wurde und sich in einer Gesellschaft zurechtfinden musste, die so völlig anders war, als alles, was er sich jemals hätte vorstellen können…
Und ich dachte: das ist die Geschichte, die ich erzählen will und diese Geschichte wurde „Washington Black“.

Es gibt ja viele Bücher, die von der Flucht aus der Sklaverei erzählen. „Underground Railroad“ war wohl das prominenteste Beispiel in den letzten Jahren.
In „Washington Black“ geht es aber nicht so sehr um die tatsächliche Flucht, als vielmehr darum, inneren Frieden zu finden. Das ist ein scheinbar schwereres Unterfangen, als nur die Insel zu verlassen.
Wolltest Du der Geschichte von Anfang an diesen Schwerpunkt geben oder fiel diese Entscheidung beim Schreiben?

Ja, dieser Gesichtspunkt hat mich von Anfang an interessiert. Ich denke, ich habe in all meinen Büchern versucht, die Nachbeben von großen historischen Ereignissen einzufangen und wie sich das Leben durch solche Begebenheiten verändert.
Ich habe von „Washington Black“ immer als einem post-slavery Roman gesprochen und als das eine befreundete Kritikerin hörte, sagte sie: „Alle Romane über Sklaverei sind doch post-slavery!“ Nachdem sie es dann aber gelesen hatte, verstand sie genau, was ich damit ausdrücken wollte.
Es geht ja in erster Linie darum, die Wash nach seiner Flucht zunächst einmal ein eigenes Leben und eine eigene Persönlichkeit aufbauen muss, nachdem er sein ganzes bisheriges Leben emotional und intellektuell abgestorben war. Er muss herausfinden, wie es ist, ein ganzer Mensch zu sein und mit den Geistern und den Traumata aus seiner Zeit der Unterdrückung zu leben.
Selbst wenn man körperlich und rechtlich gesehen frei ist, kann man nicht in die Welt hinausgehen, ohne Einschränkungen zu erfahren, schon alleine, weil Wash schwarz und durch Verbrennungen entstellt ist. Er muss lernen, daß es immer Orte geben wird, an denen er nicht als Mensch wahrgenommen werden wird.

Washs Retter Titch ist an sich ein recht liebenswerter Charakter, aber trotzdem fühlt man sich nie ganz wohl mit seinen Motiven. Er tut die richtigen Dinge, aber aus den falschen, egoistischen Gründen.
In den letzten Jahren wurde ja immer wieder über die Rolle von weißen Retterfiguren, beispielsweise in Filmen, diskutiert. Titch ist einer dieser white saviors, aber im Lauf der Geschichte wird immer deutlicher, daß seine Rolle zu Spannungen zwischen ihm und Wash führt. Es wird extrem wichtig, daß Wash Titch damit konfrontiert und ihn zu seinen Motiven befragt.
War es Dir von Anfang an wichtig, über das Phänomen der Retterfiguren zu schreiben und eine Diskussion darüber anzustoßen, oder hat sich das beim Schreiben entwickelt?

Das hat definitiv mit der Zeit entwickelt.
Ich beginne jeden Roman mit den Figuren und sehe, wie sie miteinander interagieren. Am Anfang weiß ich oft selbst nicht, wohin alles hinauslaufen wird. Deshalb schreibe ich so viele Entwürfe. Für jeden meiner Romane gab es zehn bis zwölf davon und oft entwickeln sie sich in komplett unterschiedliche Richtungen.
Außerdem finde ich es schwer, mich einer Geschichte über ein Problem anzunähern. Ich finde, das wirkt am Ende oft zu gekünstelt.
Ich habe Wash und Titch einfach dabei beobachtet, wie sie miteinander umgehen und mich angefangen zu fragen, was Titchs Motive sind.
Daraufhin habe ich mich mehr und mehr mit den Gegnern der Sklaverei und ihren Beweggründen beschäftigt und immer abstrusere Geschichten entdeckt. Zum Beispiel habe ich in einem Buch über die Underground Railroad von einem Quäker-Treffen in New York gelesen, wo über die Abschaffung der Sklaverei gesprochen wurde. Man hatte dazu auch drei Schwarze eingeladen, aber sie mussten abseits auf eigenen Bänken sitzen und wurden nicht einmal nach ihrer Meinung gefragt. Sie mussten still dasitzen, während weiße Männer über ihr Schicksal diskutierten. Das ist schon sehr zynisch.
Und ich denke Titch hat einen ähnlichen Hintergrund. Für ihn ist die Sklaverei mehr ein Fleck auf der Moral der Weißen. Das ist wohl der Hauptbeweggrund für sein Handeln und schon sehr bedenklich.

Neben den Abenteuern und den Reisen spielt auch Wissenschaft eine große Rolle. Du schreibst von Luftschiffen, aber auch von Meereskunde…
Waren daß Themen, die Dich schon vorher interessiert haben oder hast Du das während der Recherchen zu „Washington Black“ für Dich entdeckt?

Das war definitiv zweiteres. Ich habe zwar viele Interessen, aber die Geschichte der Luftschifffahrt war keines davon. Derweil ist das Thema so faszinierend!
Und dann noch diese alten Tauchanzüge und wie man seinerzeit Tiere gefangen und Proben genommen hat… Es war eine wirkliche Freude, sich in all das einzulesen und darüber zu lernen.

Von Barbados, zur Arktis, nach London, Amsterdam und Marokko… In Deinem Roman schickst Du Wash auf eine Reise um die halbe Welt.
Und nun macht auch seine Geschichte eine ähnlich weite Reise, denn es ist bereits in vielen englischsprachigen Ländern ein großer Erfolg und wurde jetzt in mehrere Sprachen übersetzt.
Hast Du daran gedacht, daß sich die Reise von Wash mit seinem Buch wiederholen würde, als Du zu Hause am Schreibtisch gesessen bist und über all die fernen Länder geschrieben hast?

Nein, überhaupt nicht!
Es sind nun schon sieben Jahre vergangen, seit mein letztes Buch erschienen ist. Darin ging es um Jazz Musiker in Deutschland und Frankreich zwischen den Weltkriegen. Danach erwarteten viele meiner Leser ein weiteres Buch über Jazz oder den Zweiten Weltkrieg. Jetzt habe ich etwas völlig anderes geschrieben und vielleicht sind einige darüber enttäuscht, aber meine Interessen liegen inzwischen woanders.
Ich muss in jedem Buch etwas Neues machen, ich kann nicht immer wieder das Gleiche schreiben. Aber ich hatte keine Ahnung, wie meine Leser darauf reagieren würden. Daß es jetzt so gekommen ist und sich so viele Menschen auf der ganzen Welt dafür begeistern ist wirklich wunderbar.

Demnächst soll „Washington Black“ ja als Mini-Serie verfilmt werden und Du wirst als executive producer mit dabei sein.
Im Buch hattest Du ja alle Fäden in der Hand, hier wirst Du aber Kompromisse mit vielen Leuten eingehen müssen. Macht Dir das ein bißchen Angst oder freust Du Dich einfach auf dieses Projekt?

Ich freue mich schon sehr darauf!
Ich habe mich lange mit dem Drehbuchautor unterhalten und er hat ein wirklich tiefes Verständnis für mein Buch. Außerdem haben mich seine anderen Drehbücher begeistert, also weiß ich, daß es in guten Händen ist.
Wir hatten sowohl Angebote von öffentlichen Sendern als auch vom PayTV, was eine schwierige Entscheidung war. Natürlich wäre es schöner, wenn alle die Serie kostenlos sehen könnten, andererseits bietet PayTV wesentlich bessere Möglichkeiten, das Buch umzusetzen. Hier müssen wir nicht alle zwanzig Minuten einen Cliffhanger vor der Werbepause einbauen und auch die Sprache und Gewalt der Sklavenhalter muss nicht zensiert werden. Es ist mir wichtig, daß das nicht beschönigt wird.

Meine letzte Frage in Interviews ist immer diese:
Du bist Autorin, ich bin Buchhändlerin… Drehen wir den Spieß doch einmal um und jetzt darfst du mir ein Buch verkaufen!

Welches Buch muss ich gelesen haben?

Ich habe gerade „Just Kids“ von Patti Smith gelesen, und bestimmt kennst Du es, weil anscheinend jeder dieses Buch gelesen hat. Ich hatte davor schon Autobiografien von Musikern gelesen, die mich nicht wirklich begeistern konnten. Aber Smith ist so eine großartige Autorin! Sie schreibt unheimlich strukturiert, aber mit vielen Ebenen… eine richtige Poetin.
Beim Lesen bekommt man ein ganz wunderbares Gefühl für das New York der 70er Jahre, die Kunstszene und ihre schwierige Beziehung zu Robert Mapplethorpe.
Und sie kannte so gut wie jeden!
Das Buch hat mich wirklich sehr bewegt. Das wäre meine Empfehlung…

Okay, das werde ich wohl demnächst wirklich einmal lesen müssen!
Vielen Dank, daß Du Dir Zeit für meine Fragen genommen hast.

 

An dieser Stelle auch nochmal einen großen Dank an Dominique Pleimling und Uwe Kalkowski vom Eichborn Verlag, die dieses Interview möglich gemacht haben.
Es war mir eine große Freude!