Review: Die Kunst zu Lesen

Bücher und Kunst: meine beiden Leidenschaften!
Kein Wunder also, daß ich sofort mit dem schönen Titel „Die Kunst zu Lesen“ geliebäugelt habe.

Darin versammelt der Kunsthistoriker David Trigg Werke aus mehr als 2.000 Jahren, die sich mit dem Thema Buch und Lesen auseinandersetzten.
Von den Wandfresken Pompejis bis hin zu raumfüllenden Installationen mit „Fliegenden Büchern“; in allen Epochen und Stilrichtungen haben Künstler das Buch neu interpretiert.

Das spannende und manchmal auch wirklich witzige an diesem Buch ist, das Trigg sich dagegen entschieden hat, die Kunstwerke nach Epochen zu ordnen, sondern sie in einen inhaltlichen Zusammenhang zu setzen.
Da sieht man beispielsweise die Grabplastik der Eleonore von Aquitanien aus dem frühen 13. Jahrhundert, die die Königin mit einem aufgeschlagenen Buch in den Händen darstellt, direkt neben einem futuristischen Bild aus dem 21. Jahrhundert, auf dem eine auf geometrische Formen reduzierte Frau in sehr ähnlicher Haltung im Bett liegt und liest.

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Mann kann durch das Buch blättern und die einzelnen Bilder für sich betrachten, sich Gedanken zu den Wechselbeziehungen der gegenüberliegenden Werke machen, oder sich wiederholende Themen entdecken.

Die meisten Bilder in „Die Kunst zu Lesen“ stehen für sich, allerdings gibt es auch auf vielen Seiten Bildunterschriften, die auf die Symbolik der Werke, ihre Entstehungsgeschichte, oder ihre Aussage eingehen.

„Die Kunst zu Lesen“ ist ein wunderbares Büchlein für alle die die Kunst und das Lesen lieben. Blättert bei Eurem nächsten Besuch in der Buchhandlung auf jeden Fall mal rein!

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Review: Das Seelenhaus

Anfang des Jahres habe ich ja erzählt, daß es mein guter Vorsatz ist, meinen SUB stark zu reduzieren. Mittlerweile habe ich schon für einige Bücher ein neues Zuhause gefunden, andere wollte ich nun endlich mal lesen.
So auch „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent. Nach mittlerweile fast fünf Jahren auf dem SUB hätte ich mich eigentlich schon davon trennen sollen.
Der Titel erschien damals und versank auch schon bald darauf wieder in der Versenkung, also brauchte ich ihn nun wirklich nicht mehr lesen, um ihn in der Buchhandlung zu empfehlen.
Trotzdem fiel es mir schwer, „Das Seelenhaus“ wegzugeben.
Warum? Nun, das Buch spielt auf Island, meinem liebsten Ort auf der Welt, und so wurde es im Lauf der letzten Jahre immer wieder in die Hand genommen, um es auszusortieren, nur um es dann doch wieder zurück ins Regal zu stellen.
Diesen Monat habe ich es nun endlich gelesen.

Island, im Jahr 1829. Die Magd Agnes Magnusdottir wird nach dem Mord an ihrem Dienstherren zum Tode verurteilt. Da es aber kein Gefängnis auf der Insel gibt und man noch eine Bestätigung des Urteils durch den dänischen König, dem Island seinerzeit unterstellt war wartet, wird Agnes bis zur Vollstreckung des Urteils auf einem Bauernhof untergebracht.

Dort ist man wenig begeistert von dem ungebetenen Gast. Margret und ihr Mann Jon sorgen sich um das eigene Leben und das ihrer Töchter, schließlich könnte Agnes sie jederzeit im Schlaf ermorden, wie sie es schon mit ihrem Herrn Natan getan hat. Trotzdem kann sich Agnes relativ frei auf dem Hof bewegen und beginnt, dort wie eine Magd zu arbeiten.

Als Beichtvater wird ihr der junge Vikar Toti zur Seite gestellt, der aber schon bald merkt, daß Agnes kein Interesse an Buße und Beichte hat. Statt dessen lässt er sie ihre Geschichte erzählen; von ihrer Kindheit, die sie als Mündel der Gemeinde verbrachte, über ihre Zeit als Magd auf verschiedenen Höfen, bis hin zu ihrer Liebe und der Beziehung zu Natan, die ein so schlimmes Ende nahm.

In dem engen Torfhaus wird die ganze Familie zu Zuhörern von Agnes Geschichte und besonders Margret wird mit der Zeit klar, daß mehr dahinter steckt, als die Richter hören wollten…

Ich lese ja nicht mehr viele historische Romane. Irgendwie scheint die Handlung immer demselben Schema zu folgen, doch bei „Das Seelenhaus“ wurde mir im Lauf der Geschichte bewusst, daß es sich hier um keinen dieser typischen Wohlfühlromane handelte.
Als ich dann googelte stellte sich heraus, daß es Agnes Magnusdottir wirklich gegeben hat. Sie war der letzte Mensch, der auf Island zum Tode verurteilt wurde, und ihr Schicksal beschäftigt die Leute dort wohl bis heute, denn vor einigen Jahren wurde der Fall rekonstruiert und sozusagen „neu“ verhandelt.

„Das Seelenhaus“ ist ein leicht geschriebener Roman, allerdings mit einer bedrückenden Geschichte, die den Leser schnell gefangen nimmt.

Anfangs habe ich ja geschrieben, daß sich das Buch in der Zeit, die es auf meinem SUB verbrachte eigentlich schon selbst überlebt hat, aber wie es der Zufall so will, wird es wohl demnächst wieder populärer werden…
Denn während Hannah Kent in Deutschland nicht zu den bekanntesten Autoren zählt, hat sie im englischsprachigen Raum eine große Fangemeinde und „Das Seelenhaus“ wird demnächst unter dem englischen Titel „Burial Rites“ mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle verfilmt.

Ein Glück also, daß ich diesem Buch nach all den Jahren doch noch eine Chance gegeben habe!

Review: Das unabwendbare Altern der Gefühle

Letztes Jahr hat mich Zidrou mit Die Adoption tief berührt, nun ist gerade seine neuste Graphic Novel „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ beim Splitter Verlag erschienen und schon auf den ersten Blick war ich von der Geschichte gefesselt…

Mediterranee ist Anfang sechzig, als ihre Mutter stirbt. Schlagartig wird ihr bewusst, daß sie nun die Älteste in der Familie ist und das, was man wohl eine „alte Frau“ nennt, auch wenn sie sich in ihrem Inneren noch lange nicht so fühlt.

Ulysses ist Ende fünfzig, als er in Frührente geschickt wird. Seine Frau ist schon vor Jahren gestorben und so sitzt er Abends oft alleine vor dem Fernseher oder einem Sudoku, dabei will er noch nicht zum alten Eisen gehören.

Mit zwei so ähnlichen Geschichten und so schicksalhaften Namen ist klar, daß sich die beiden eines Tages begegnen müssen. Und so kommt es, daß sich Mediterranee und Ulysses ineinander verlieben, sich wieder jung fühlen und ihren zweiten Frühling genießen.

Doch dann passiert etwas, womit keiner rechnen konnte und was das Leben der beiden völlig auf den Kopf stellt…

„Das unabwendbare Altern der Gefühle“ hat mich wirklich sehr bewegt und am Schluß hatte ich – wie so oft bei großartigen Graphic Novels – Tränen in den Augen.

Zunächst einmal hat mich das Thema sehr angesprochen. Über Liebe und Sex im Alter liest man nicht sehr häufig; eigentlich fiel mit spontan nur „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ein.
Dabei zeigt Illustratorin Aimée de Jongh die Körper von Mediterranee und Ulysses wirklich ungeschönt, mit Fettpolstern, Falten und Altersflecken und trotzdem mit sehr viel Schönheit, die von ihrer inneren Haltung und dem gemeinsamen Glück ausgeht.

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„Das unabwendbare Altern der Gefühle“ ist eine wirklich schöne Graphic Novel, mit einer Geschichte, die ans Herz geht, Charakteren, zu denen man (bei mir trotz deutlichem Altersunterschied) sofort eine Verbindung aufbaut und einer Wendung, die man garantiert nicht vorhersieht.

Von mir gibt es dafür eine klare Empfehlung!

Review: Weltentdecker

Heute möchte ich Euch einmal wieder ein schönes Buch aus der Kategorie illustriertes Sachbuch vorstellen.
„Weltentdecker“ von Jonathan Litton aus dem 360 Grad Verlag ist ein wunderbares Buch für Jung und Alt, in dem von Forschern, Abenteurern und Reisenden berichtet wird, die uns die Welt erklärt und ein Stückchen näher gebracht haben.

Angefangen bei polynesischen Seefahrern aus dem 7. Jahrhundert, die bereits erste Karten aus Zweigen flochten, über Lewis und Clark, die den Wilden Westen kartografierten, bis hin zu den Apollo Missionen, die den ersten Menschen auf den Mond brachten…
„Weltentdecker“ liefert ein beeindruckendes Panorama dieser Reisen über Wasser und Land und durch Eis und Schnee.

Viele dieser Forscher und ihre Reisen sind natürlich bekannt, wie Darwins Weltumseglung auf der Beagle, Amundsens Expedition zum Südpol, oder Sir Edmund Hillarys Besteigung des Mount Everest.
Doch es gibt auch viele spannende Geschichten über Abenteurer, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte, wie von James Holman, der in seinem Leben mehr als 400.000 Kilometer gereist war und das völlig blind!
Oder von Henry Brown, einem Sklaven, der sich kurzerhand selbst per Holzkiste in die Freiheit verschickte.

Manche dieser Reisen haben Weltgeschichte geschrieben, wie die Wiederentdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Andere wiederum sind eher in Vergessenheit geratene kuriose Randnotizen, wie die abenteuerliche Weltumrundung des Thomas Stevens, der mit einem Hochrad durch Amerika, Europa und Asien radelte, und das nur zwei Jahre bevor das moderne Fahrrad erfunden wurde und das Hochrad schon wieder veraltet war.

Bebildert wurde „Weltentdecker“ von gleich vier verschiedenen Illustratoren, trotzdem hat es einen sehr einheitlichen Stil mit pastellig kolorierten Tuschezeichnungen.

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Empfohlen wird „Weltentdecker“ von 8-80 Jahren und auch wenn es dadurch wohl eher in der Kinderbuchabteilung zu finden ist, kann ich es ebensosehr für interessierte ältere Leser empfehlen.
Viele Geschichten sind so spannend, daß man sofort mehr über die vorgestellten Abenteurer erfahren möchten und gleich bei Wikipedia weiterliest oder nach Dokus googelt.

„Weltentdecker“ zeigt einmal wieder deutlich wieviel Spaß Sachbücher machen können. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Review: Loyalitäten

Für viele Lesern zählte Delphine de Vigans „Loyalitäten“ zu den besten Büchern des letzten Jahres.
Auch ich war gespannt auf diesen Roman, obwohl ich ein wenig Angst hatte, daß mich die Geschichte sehr persönlich treffen könnte.
Denn mein älterer Sohn ist – wie die Hauptfigur Théo – zwölf Jahre alt und auch er hat im letzten Jahr sehr stark und erwachsen sein müssen.
Trotzdem wollte ich „Loyalitäten“ unbedingt selbst lesen, um zu sehen, warum dieses Buch so viele Leser begeistern konnte.

Anfangs ist es für Théo und seinen besten Freund Mathis nur ein Spiel. Eine Mutprobe, bei der sie einen Schluck Alkohol aus der Flasche eines älteren Mitschülers trinken sollen.
Doch schon bald wird es für die beiden Jungen zum Zeitvertreib, sich in den Pausen und Freistunden in ihrem Versteck zu treffen und sich zu betrinken.
Während es für Mathis zunächst einfach nur ein kleiner Akt der Rebellion gegen seine Lehrer und Eltern ist, wird es für Théo bald zu einer Möglichkeit, den Alltag zu betäuben und weit von sich zu schieben.

Denn Théos Eltern sind geschieden und sein Vater, bei dem er jede zweite Woche verbringt, verliert immer mehr die Kontrolle über sein Leben. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hat und er seinen Job verliert, befindet sich Théos Vater in einer Abwärtssprirale, in der ihn seine Medikamente gegen Depression so lähmen, daß er nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen, oder sich selbst und seinen Sohn zu versorgen.

Mit seiner Mutter kann Théo nicht darüber sprechen, denn seit sie von ihrem Mann verlassen wurde, haben sich die Fronten zwischen ihr und ihrem Exmann verhärtet. Sie sprechen kein Wort miteinander, gehen sich aus dem Weg und so merkt niemand, wie Théo dabei ist, an der Situation zu zerbrechen.
Niemand, außer seiner Lehrerin Hélène, die jedoch lange nicht begreift, was mit dem Jungen nicht stimmt. Stattdessen projeziert sie die Erinnerungen an ihre eigene schlimme Kindheit auf Théo und geht davon aus, daß er daheim geschlagen wird.

Da aber niemand sonst aus dem Kollegium Théos Verhalten als besonders auffällig empfindet und die Schulkrankenschwester keine Anzeichen einer Misshandlung feststellen kann, wird Hélène geraten, sich nicht in die weiter in die Sache zu verrennen.
Doch Hélène wird immer besessener von der Idee, Théo retten zu müssen, was sogar soweit geht, daß sie seiner Mutter auflauert.

Die einzige, die die Jungen beim Trinken ertappt ist Mathis Mutter Cécile, doch die ist zu sehr mit ihrer eigenen lieblosen Ehe und dem Doppelleben ihres Mannes beschäftigt, als daß sie Théo helfen könnte.
Stattdessen wird er für sie zum Sündenbock, vor dem sie ihren Sohn schützen will…

„Loyalitäten“ hat mich wirklich begeistert.
Ich habe das Buch fast in einem Zug durchgelesen und kann absolut verstehen, warum es für viele Leser eines der besten Bücher 2018 war. Ich schließe mich da gerne an!

Bei dem Thema hätte es leicht zu einer recht süßlichen Geschichte eines Jungen werden können, der gerettet werden muss. Doch „Loyalitäten“ setzt seinen Schwerpunkt völlig anders. Nicht Théo und seine Probleme stehen im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Personen um ihn herum, die so in ihrer eigenen Welt gefangen sind und sich derart mit ihren eigenen Problemen beschäftigen, daß sie die Situation völlig falsch interpretieren. Und auch die titelgebenden „Loyalitäten“ sind sich in dieser Geschichte nichts positives, sondern halten die Protagonisten regelrecht gefangen und machen sie handlungsunfähig.

Ein Wohlfühlbuch ist „Loyalitäten“ definitiv nicht, aber eines, das dem Leser unter die Haut geht.
Mein einziger Kritikpunkt war, daß der Roman recht abrupt endet. Im Nachhinein muss ich sagen, daß es sehr gelungen ist, das Buch an einem Wendepunkt zu beenden, so daß der Leser die Geschichte selbst weiterspinnen muss.
Als ich auf der letzten Seite war, konnte ich es kaum fassen. In der Buchhandlung habe ich mir sofort ein Exemplar geschnappt, um zu sehen, ob in meiner Ausgabe nicht vielleicht doch ein paar Seiten fehlen.
„Loyalitäten“ ist definitiv ein Roman, der den Leser nicht so schnell wieder los lässt.

Review: Der kleine Nick – Wie alles begann

Hach, der kleine Nick…
Schon als Kind mochte ich diesen frechen kleinen Kerl und vor ein paar Jahren habe ich dann einige Bände mit dem großen Sohn zusammen gelesen. Bis der Kleinste aber alt genug ist, daß ich wieder in den Genuss komme, habe ich mir die Zeit mit „Der kleine Nick – Wie alles begann“ vertrieben, das vor kurzem im Diogenes Verlag erschienen ist.

Was ich nämlich nicht wusste: bevor der kleine Nick zum Kinderbuchhelden wurde, war er Mitte der 1950er Jahre die titelgebende Figur von Comic-Strips, die regelmäßig im belgischen Magazin Le Moustique erschienen.

Damals schrieb Goscinny noch unter dem Pseudonym Agostini und Sempé zeichnete den kleinen Nick noch nicht mit der markanten Nase, die er später all seinen Figuren geben würde.
Im direkten Vergleich sehen sich der Comic-Nick und der kleine Nick, wie wir ihn kennen noch nicht wirklich ähnlich:

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Nachdem die Comics eingestellt wurden dauerte es ein paar Jahre, dann begann Goscinny Geschichten vom kleinen Nick für eine französische Zeitung zu schreiben, die Sempé dann mit den Bildern illustrierte, die wir heute kennen.

Doch nicht nur das Aussehen der Figuren hat sich geändert, auch der Schwerpunkt der Geschichten wurde verlagert.
Während die Erzählungen ja sehr kindlich sind und sich hauptsächlich um Nicks Abenteuer in der Schule, in den Ferien oder mit seinen Freunden drehen, geht es in den Comic-Strips hauptsächlich um die Beziehung zwischen Nick und seinem Vater. Es wirkt fast so, als wären seinerzeit auch die Väter die Zielgruppe der Comics gewesen.

In den meisten Geschichten versucht Nicks Vater, seinem Sohn eine wertvolle Lektion zu erteilen, oder einfach Zeit mit seinem Jungen zu verbringen, was aber meist durch ein Missgeschick ziemlich nach hinten losgeht.
Dabei erinnerten mich die Nick-Comics oft an die „Vater und Sohn“ Geschichten von e. o. plauen, allerdings natürlich mit Text.

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Am Ende des Buches findet man zwei Comics und die dazugehörigen Nick-Geschichten, die sich daraus entwickelt haben. Es war spannend zu sehen, wie sich die Geschichten darin verändert haben und welche Elemente gleich geblieben sind.

Auch wenn ich sagen muss, daß ich den kleinen Nick aus den bekannten Kinderbüchern niedlicher finde, als den aus den Comics, hat mich dieser Band sehr angesprochen.
Er weckte nostalgische Gefühle an meine Kindheit und liefert einen aufschlussreichen Einblick in den künstlerischen Prozess, der zu dem Kinderbuchhelden führte, der seit mittlerweile fast sechzig Jahren immer noch von jung und alt geliebt wird.

„You go me on the cookie!“ Review, ein Interview mit Dana Newman und ein kleines Gewinnspiel

Seit etwa vier Jahren folge ich dem YouTube Kanal Wanted Adventure, auf dem die sympathische US-Amerikanerin Dana Newman von ihrem Leben in Deutschland, den Eigenheiten unseres Landes und den Unterschieden zu den USA erzählt.

Vor mittlerweile zehn Jahren packte Dana ihre Sachen und verließ Florida, um nach Prag zu ziehen, Tschechisch zu lernen und die Wurzeln ihrer Familie zu ergründen.
Bald darauf zog sie dann der Liebe wegen nach München, lernte Deutsch, startete „Wanted Adventure“, moderierte Videos für das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks und hat nun vor kurzem „You go me on the cookie!“, ein Buch über die Tücken der deutschen Sprache veröffentlicht.

Als Dana nach München zieht ist sie voll motiviert, Deutsch zu lernen. Sie kauft sich ein Lehrbuch, bastelt Lernplakate, hört Peter Fox und die Toten Hosen in Dauerschleife und beklebt jeden Gegenstand ihrer Wohnung mit Spickzettel.
Doch schnell wird ihr klar, daß Deutsch offenbar keinen logischen Regeln zu folgen scheint.

Schon die Artikel zwingen sie regelmäßig in die Knie und was bringt es, zu deklinieren wie eine Weltmeisterin, nur um dann vom Ehemann zu hören: „Naja, das ist vielleicht schon richtig, aber niemand sagt das wirklich so.“

Doch Dana schreibt auch von der Schönheit der deutschen Sprache; von wundersamen Sprichwörtern und Redewendungen oder von Wortverbindungen, die zunächst wie sinnlose Buchstabenkolonnen wirken und die man mit detektivischem Scharfsinn in ihre Bestandteile zerlegen muss.

Gespickt ist das alles mit Anekdoten, die mich beim Lesen immer wieder laut zum Lachen gebracht haben, zum Beispiel wenn vermeintlich englische Wörter wie „Public Viewing“ zu Missverständnissen führen; denn wer möchte schon an einer öffentlichen Leichenschau teilnehmen, wenn zeitgleich ein Fußballspiel übertragen wird?
Oder wenn das prachtvolle Münchner Rathaus zu einem „house of rats“ wird.

„You go me on the cookie!“ ist kein dröges Sprachbuch; es ist eine witzige Zusammenstellung von Anekdoten, und macht einfach Spaß beim Lesen.
Sympathisch und mit einer großen Portion Humor und Selbstironie schafft es Dana Newman den Leser immer wieder zum Schmunzeln zu bringen.

Alle, die Deutsch erst später im Leben gelernt haben, werden sich hier verstanden fühlen und auch für Muttersprachler ist es spannend und amüsant, ein wenig über die Unsinnigkeit mancher Sprachregeln nachzudenken.

Nun hatte ich ja anfangs erwähnt, daß ich Wanted Adventure schon seit einiger Zeit folge. Ich bin aber niemand, der auf YouTube Videos kommentiert und seinen Senf dazu gibt, allerdings bekommt man nach einer gewissen Zeit doch irgendwie das Gefühl, die Leute zu kennen, denen man über Jahre hinweg zuhört, wie sie über verschiedene Themen reden oder sie auf Ausflügen „begleitet“.
Deshalb war es ein etwas surreales Erlebnis, als ich eines Tages sah, wie sich Dana Newman in ihren Instastories freute, daß ihr die Doppeldeutigkeit meines Blognamens aufgefallen war.
Moment… Dana Newman kannte meinen Blog?

Also schrieb ich sie an, wir kamen nett ins Gespräch und verabredeten uns, ein kleines Interview zu machen.
Diese Woche trafen wir uns dann in einem gemütlichen Café im Münchner Norden, wo wir passenderweise unter einer Bücherwand saßen und mir Dana Fragen zum Schreiben, zum Lesen und zum Deutsch lernen beantwortete…

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Du hast erzählt, daß Du schon als Kind den Traum hattest, ein Buch zu schreiben.
Später hast Du dann Journalismus studiert…
Vermutlich wäre Dir da nie in den Sinn gekommen, daß Du einmal ein Buch über die Deutsche Sprache schreiben würdest.
Welche Art von Büchern wolltest Du damals schreiben?

Ich wusste schon immer, daß ich einmal ein Buch schreiben wollte, aber als Kind hatte ich keine feste Vorstellung, wovon es handeln sollte und mit der Zeit hat mich dann die Idee, ein ganzes Buch zu schreiben, immer mehr eingeschüchtert.
Während des Studiums habe ich gemerkt, wie sehr ich das Schreiben liebe und habe es sehr genossen, kurze Artikel zu schreiben. Der Traum von einem eigenen Buch war immer noch da, aber ich hatte keine Geschichte, die ich gerne erzählen wollte.
Also habe ich das Projekt „Buch“ ein bißchen beiseite geschoben und mir gedacht: „Wenn ich die passende Idee habe, dann mache ich das!“

Nach dem Studium hast Du dann aber erstmal Deine Koffer gepackt und bist nach Prag gezogen…

Ja, meine Familie stammt aus Tschechien und ich wollte unbedingt mehr über dieses Land und seine Sprache erfahren.
Also bin ich nach Prag gezogen und habe angefangen, dort Sprachkurse zu belegen.
Und plötzlich hatte ich eine Geschichte für mein erstes Buch!
In „Found in Prague“ geht es um eine junge Frau, die – wie ich – nach Prag zieht, sich in die Stadt verliebt und einen charmanten jungen Mann kennenlernt.
Es ist ein Young Adult Roman, wie ich sie als Teenager selbst gerne gelesen habe.
Anfangs fand ich die Idee, ein komplettes Buch selbst zu schreiben, immer noch ziemlich einschüchternd. Dann dachte ich mir: „Ich schreibe jetzt einfach mal das erste Kapitel und dann sehe ich weiter.“
Und so habe ich ein Kapitel nach dem anderen geschrieben, bis ich am Ende doch ein ganzes eigenes Buch zustande gebracht hatte!
Schließlich habe ich „Found in Prague“ dann im Selfpublishing veröffentlicht.

Dein neues Buch „You go me on the cookie!“ hast du dann aber bei Goldmann, einem der größten deutschen Verlage herausgebracht.
Wie fandest du den Sprung vom Selfpublishing zur Arbeit mit einem Verlag und welche Vor- und Nachteile siehst du dabei?

Beim Selfpublishing ist natürlich der große Vorteil, daß man die Kontrolle über jedes Detail seines Buches hat. Niemand mischt sich ein, Du kannst alles ganz genauso machen, wie Du es Dir vorstellst.
„Found in Prague“ war sozusagen mein erstes Baby und ich war ganz froh, daß mir niemand da hineingeredet hat.
Natürlich muss man sich beim Selfpublishing aber auch wirklich um alles selbst kümmern, und da stößt man schon mal an seine Grenzen.

Es erinnert mich ein bißchen an meine Videos: wenn ich für „Wanted Adventure“ drehe, dann kann ich jedes Detail bestimmen. Den Hintergrund, den Kamerawinkel, worüber ich rede…
Mein Mann Stefan hilft mir oft dabei, aber letztendlich sind wir nur zwei Leute und wenn wir Video-Ideen haben, die aufwändiger sind, dann können wir sie oft nicht so umsetzen wie wir uns das vorstellen.
Wenn ich aber ein Video für das Telekolleg mache, dann habe ich plötzlich ein ganzes Team an meiner Seite: Autoren, Kameramann, Tontechniker…
Ich bin dann nicht mehr alleine verantwortlich und muss die anderen ihre Arbeit machen lassen.
Manchmal ist das dann nicht genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, aber diese Leute sind Experten auf ihrem Gebiet, und dadurch bekommt das Ganze eine bessere Qualität.

Bei der Arbeit mit dem Verlag hat es sich ganz ähnlich angefühlt.
Ich habe zwar nicht mehr alles selbst bestimmt, aber ich war so dankbar für die Hilfe, die ich von meiner Lektorin und all den anderen, die an diesem Buch beteiligt waren, erhalten habe.
Natürlich tut es ein bißchen weh, wenn man etwas schreibt und dann wird der Rotstift angesetzt, aber schon während der Korrekturen stellte ich fest, daß meine Texte dadurch viel prägnanter und ausgereifter wurden.

Wie kam es eigentlich zum Kontakt mit dem Goldmann Verlag?

Tatsächlich hatte ich immer diesen kleinen Tagtraum im Hinterkopf: eines Tages würde ein Verlag durch meine YouTube Videos auf mich aufmerksam werden. Sie würden recherchieren und feststellen, daß ich schon mal ein Buch geschrieben hatte und dann würden sie mich bitten, noch eines für sie zu schreiben.
Tja… und dann ist es tatsächlich so gekommen!
Eines Tages bekam ich eine Nachricht von Daniel Wichmann, einem Literaturagenten, der fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein zweites Buch zu schreiben.
Es war wirklich mein absoluter Traum, der in Erfüllung ging!
Also habe ich ein paar Probekapitel und ein Exposé geschrieben, die mein Agent dann an verschiedene Verlage geschickt hat. – Und so kam ich zu Goldmann.

Nun hast du einen Roman und ein Sachbuch geschrieben.
Welches davon hat Dir eigentlich mehr Spaß gemacht?

Hmmm, es waren sehr unterschiedliche Erfahrungen, die beiden Bücher zu schreiben.
Bei „Found in Prague“ hatte ich immer ein bißchen Angst davor, dieser Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Bei „You go me on the cookie!“ war es schon viel leichter, weil ich ja nun wusste, daß ich es schaffen kann und weil ich mit Leuten gearbeitet habe, die mich sehr unterstützt haben.
In Romanen kann man viel freier und kreativer sein. Ich habe natürlich darauf geachtet, die Stadt möglichst genau zu beschreiben, aber wenn ich dachte, daß jetzt eine gute Zeit wäre, um meine Hauptfigur in ein Café oder eine Buchhandlung zu schicken, die es in dem Stadtteil so nicht gab, dann hatte ich die Freiheit, dort schnell eine hineinzuschreiben.
Bei „You go me on the cookie!“ ging das natürlich nicht. All die Leute aus meinen Geschichten und Anekdoten gibt es ja wirklich. Man kann das dann ein kleines bißchen überspitzen, oder kürzen, um es besser auf den Punkt zu bringen, aber abgesehen davon, ist alles in diesem Buch so oder so ähnlich passiert.
Und trotzdem musste ich beim Schreiben von „You go me on the cookie!“ viel lachen, weil manche Situationen rückblickend wirklich sehr lustig waren. Ich bin manchmal sogar Nachts kichernd im Bett gelegen, weil mir wieder etwas eingefallen ist und so hatte ich wirklich einfach nur Spaß am Schreiben!

Besonders viel Spaß hat es Dir ja anfangs nicht gemacht, Deutsch zu lernen. Das Buch beginnt sogar damit, wie du auf dem Boden liegst und in dein Kursbuch schluchzt.
Trotzdem merkt man, wie sehr Dich diese Sprache mit der Zeit begeistert hat.
Was empfindest du an der deutschen Sprache immer noch als frustrierend und was findest Du am schönsten?

Oh, die Artikel sind immer noch so unglaublich frustrierend!
Es gibt zwar ein paar Regeln die helfen sollen, den Artikel anhand von Endungen oder Vorsilben zu bestimmen, aber es gibt so viele Ausnahmen von diesen Regeln, daß es am Ende darauf hinausläuft, daß man den Artikel von jedem Nomen auswendig lernen muss.
Und selbst wenn man das tut, kann es sein, daß sich der Artikel ändert sobald man einen anderen Fall benutzt. Nimm zum Beispiel „Frau“: die Frau ist weiblich, eigentlich ganz einfach zu merken, oder? Aber dann sagst du „mit der Frau“… Und schon herrscht Chaos im Kopf!

Was ich an der deutschen Sprache aber wirklich wunderbar finde, sind compound words, also zusammengefügte Wörter. Anfangs sind das nur lange Buchstabenkolonnen, die teilweise nicht mal im Wörterbuch zu finden sind, aber wenn man weiß, daß man sie in Einzelteile zerlegen muss, merkt man, wie poetisch oder lustig sie sein können. „Nacktschnecke“, zum Beispiel… Eine nackte Schnecke; das ist doch ein herrliches Bild!

Viele Deutsche lesen ja englische Bücher, um ihr Englisch zu verbessern, aber oft empfinden sie es als „Arbeit“…
Liest Du eigentlich auch Bücher auf Deutsch und wenn Ja, ist es eher Arbeit oder Vergnügen für Dich?

Es ist wohl ein bißchen was von beidem…
Mein erstes deutsches Buch war ein Roman von Joy Fielding. Den habe ich gleich in meinem ersten Jahr hier gelesen und vermutlich nur die Hälfte davon verstanden.
Mittlerweile läuft es schon ganz gut, aber ich stelle fest, daß ich manchmal über Worte stolpere und dann darüber nachdenke, was den Lesefluss bremst.
Mein Trick ist, daß ich mir oft ein Buch zusammen mit dem ungekürzten Hörbuch kaufe und dann parallel lese und höre.
So laufe ich gar nicht Gefahr, daß ich mich an einzelnen Wörtern aufhänge, die man oft ohnehin aus dem Kontext versteht.

So, dann wären wir auch schon fast am Ende, aber wenn Du schon mal zu Gast auf einem Buchblog bist, wollte ich fragen, welches Dein Lieblingsbuch ist, das Du gerne empfehlen möchtest.

Oh, ich liebe „Der Graf von Monte Christo“!
Damals auf der High School haben wir die gekürzte Fassung als Schullektüre gelesen und die Geschichte hat mich sofort gefesselt.
Als ich dann nach Europa gekommen bin, habe ich mir die ungekürzte Ausgabe besorgt. Die war deutlich dicker, als die, die wir in der Schule gelesen haben und ich war einfach glücklich, so noch viel tiefer in die Geschichte eintauchen zu können.
Mittlerweile habe ich das Buch ein paar mal gelesen und auch das Hörbuch gehört. Wenn ich ganz einfach Französisch lernen könnte, wäre es bestimmt spannend, das Buch einmal im Original zu lesen.
Hmm, vielleicht sollte ich es mir aber demnächst mal auf Deutsch besorgen. Dann noch ein ungekürztes Hörbuch dazu und ich bin bereit!

Na, seid Ihr jetzt auf den Geschmack gekommen und würdet „You go me on the cookie!“ gerne lesen?
Oder habt Ihr vielleicht Deutschlernende in Eurem Freundeskreis, die ihren Spaß damit hätten?
Dann könnt Ihr jetzt bei meinem kleinen Gewinnspiel mitmachen, denn Dana war so lieb, mir ein signiertes Exemplar von „You go me on the cookie!“ zur Verlosung zur Verfügung zu stellen.

Dafür müsst Ihr nur eine kleine Frage beantworten: Welches ist Euer Lieblingswort?

Meines ist zum Beispiel Serendipity, ein englisches Kunstwort, das soviel bedeutet, wie „etwas durch einen glücklichen Zufall finden“.
Und auch Dana habe ich nach ihrem Lieblingswort gefragt. Ihre Antwort:

Das wechselt fast täglich, wenn Du mich morgen fragen würdest, würde ich Dir vermutlich andere Wörter sagen, aber lass mich mal überlegen…
Ich glaube mein Lieblingswort heute ist „Mülldeponie“. Es klingt einfach so schön.
(An dieser Stelle muss ich zugeben, daß Dana dieses Wort so genussvoll aussprach, daß ich einen Moment lang an einen Sonnenuntergang auf einer tropischen Insel dachte, bevor mir mein Kopf das korrekte Bild zu „Mülldeponie“ lieferte. Denn rein phonetisch ist es wirklich ein schönes Wort.)
Von der Bedeutung her finde ich „Verschlimmbessern“ genial! Ich will meinen Lidstrich nachziehen und denke mir: „Da geh ich nochmal kurz drüber, dann ist es perfekt!“ Und zack, schon habe ich es verschlimmbessert.
Es ist irgendwie tröstlich, daß es ein Wort dafür gibt.

So, und jetzt seid ihr dran!
Lasst mich Eure Lieblingsworte wissen!

Die Teilnahmebedingungen sind folgende:

Teilnehmen kann jeder Follower meines Blogs.
Ihr müsst nur einen kleinen Kommentar unter diesem Post hinterlassen, in dem ihr mir verratet, welches Euer Lieblingswort ist.
Teilnahmeschluß ist der 19.01.2019 um 23:59 Uhr.
Der Gewinner wird dann ausgelost und unter diesem Post bekannt gegeben.
Bitte meldet euch dann bei mir und schreibt mir Eure Adresse, daß ich Euch den Gewinn zusenden kann. Eure Adresse wird von mir natürlich weder weitergegeben noch gespeichert.

Ich freue mich schon auf Eure Antworten und wünsche Euch viel Glück!

Liebe Grüße,
Andrea