Review: Das flüssige Land

Dieses Jahr hatte ich mir ja einige Titel, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, vorgenommen und auch wenn mein Favorit letztendlich das Rennen gemacht hat, haben mich doch viele Romane von der Long- und Shortlist schwer begeistert.
Eine Autorin, der ich den Preis ebenfalls herzlich gegönnt hätte, ist Raphaela Edelbauer, die den Leser in ihrem Debütroman „Das flüssige Land“ mit auf eine spannende Gratwanderung zwischen magischem Realismus und zeitgeschichtlicher Vergangenheitsbewältigung nimmt.

Ruth Schwarz ist theoretische Physikerin und steckt gerade mitten in ihrer Habilitation, als sie erfährt, daß ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.
Zunächst steht Ruth völlig neben sich, doch als ihre Tante erwähnt, daß die Eltern in Groß-Einland, der Gemeinde, in der sie aufgewachsen sind, beerdigt werden wollten, beschließt Ruth sofort aufzubrechen, um dort alles für die Trauerfeier vorzubereiten.

Nach ein paar Stunden Fahrt wird Ruth aber plötzlich klar: sie hat keine Ahnung, wo Groß-Einland eigentlich liegt. Zwar hat sie eine ungefähre Vorstellung davon, in welcher Region das Städtchen zu finden sein sollte, doch ihr wird bewusst, daß sie nie selbst dort war und die Angaben ihrer Eltern keine Rückschlüsse auf den genauen Ort zulassen.
Auch ein Blick in die Karten und Anrufe bei verschiedenen Kommunalämtern helfen ihr nicht weiter; Groß-Einland scheint gar nicht zu existieren…
Doch Ruth macht sich verbissen weiter auf die Suche. Sie beginnt, alle Anhaltspunkte, die sie aus den Erzählungen ihrer Eltern hat, zusammenzutragen, das Gebiet, in dem sich das Städtchen befinden müsste, systematisch einzukreisen und gerät letztendlich eher durch Zufall nach Groß-Einland.

Die kleine Stadt entpuppt sich dann auch als ein wenig aus der Zeit und aus der Welt gefallen. Aufgrund eines Baufehlers ist Groß-Einland nämlich nicht wirklich ans Straßennetz angeschlossen und auch das Internet hat hier noch keinen Einzug gehalten. Zwar ist man durchaus an der weiten Welt interessiert, doch alle Bewohner scheinen bestimmen täglichen Ritualen zu folgen, in ihrer Gemeinschaft völlig zufrieden zu sein und kein allzu großes Bedürfnis zu verspüren, Groß-Einland zu verlassen.
Auch politisch grenzt sich die Gemeinde vom Rest Österreichs ab, denn hier wird noch eine Art Feudalismus gepflegt, an deren Spitze die exzentrische Gräfin steht.

Trotz anfänglicher Irritation fühlt sich Ruth schon bald sehr wohl in Groß-Einland und beschließt kurzerhand zu bleiben, als ihr die Gräfin eine Stelle anbietet.
Denn das wohl größte Mysterium liegt unter der Stadt: ein gigantisches Loch, das die Gemeinde nach und nach zu verschlingen droht.
Seit Jahrhunderten wurde hier Bergbau betrieben und die Schächte drohen einzubrechen. Dazu kommt, daß die Stollen in der Nazizeit zum Flugzeugbau genutzt wurden und die Stadt, als sie im Krieg fast vollständig zerstört wurde, einfach mitsamt der Toten zubetoniert und darüber wieder neu aufgebaut wurde. Ein wirklich instabiles Konstrukt ist es, auf dem die Groß-Einländer da leben.
Nun soll die Physikerin Ruth ein Mittel entwickeln, um die Stollen zu versiegeln, und die Gemeinde zu retten.

Doch bald schon wird Ruth von völlig widersprüchlichen Gefühlen geplagt: soll sie den Ort und damit auch die Erinnerung an ihre Eltern retten oder gibt es nicht noch vieles, was aufgeklärt und aufgearbeitet werden müsste, wie das mysteriöse Verschwinden von achthundert Zwangsarbeitern in den letzten Tagen des Krieges. Würde das Einspritzen eines Füllmittels nicht bedeuten, daß damit auch die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nie ans Licht kommen würden?

Man muss weder Geschichte noch Philosophie studiert haben, um die Metapher zu deuten, für die das bodenlose Loch steht, daß sich unter der nach außen hin idyllischen Gemeinde auftut.
Im Lauf der Handlung bricht Groß-Einland nach und nach auseinander, doch die Bewohner nehmen dies mit absolutem Stoizismus hin. Das Offensichtliche wird ignoriert, die Schuld an anderer Stelle gesucht. Solange man die Risse im eigenen Haus so unauffällig verspachtelt, daß die Nachbarn nichts davon mitbekommen, ist alles gut…
Was für ein treffender Vergleich für die gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch hierzulande mehr und mehr abzeichnet, wenn es um die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit geht.

„Das flüssige Land“ überzeugt mit einer geschliffenen und dennoch sehr zugänglichen Sprache, mit einer fantastischen Geschichte, die aktueller und ehrlicher kaum sein könnte, mit einem Setting, das irgendwo zwischen kafkaeskem Roman und Schildbürgergeschichte steht und trotzdem sofort ein lebhaftes und glaubwürdiges Bild der Stadt in unseren Köpfen entstehen lässt…

Für mich ist „Das flüssige Land“ definitiv eines meiner Lesehighlights des Jahres und so bin ich schon sehr gespannt auf den zweiten Roman dieser vielversprechenden Autorin!

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

4 Kommentare zu „Review: Das flüssige Land“

    1. Der Begriff kafkaesk liegt nahe, daher habe ich ihn auch verwendet, weil er einen bestimmten Erzählstil beschreibt, für mich stand aber tatsächlich das Schildbürgerhafte der Geschichte im Vordergrund. Ich finde, man tut dem Roman unrecht, wenn man ihn auf einen Kafkaverschnitt reduziert.
      Und die Argumente in der Amazon Rezension überzeugen mich auch nicht wirklich.
      Das Altenheim beispielsweise, in dem Ruths Großmutter lebt, entdeckt sie ja nicht völlig zufällig, obwohl es direkt vor ihr steht, sondern sie erfährt zu diesem Zeitpunkt nur, daß ihre Großmutter noch am Leben ist. Warum hätte sie sich auch vorher für das Altenheim interessieren sollen?
      All die Argumente, die als Logikfehler aufgeführt werden, sind ja der sehr verschwiegenen, seltsamen Dynamik der Stadtbewohner zuzuschreiben, diesem Stoizismus, dem Ruth ja auch zum Teil verfällt… Und das ist für mich eben genau das Stilmittel, das transportiert, was es anprangert.
      Über die Adjektive kann man sich streiten. Ich persönlich mag es ja, wenn Sprache kreativ genutzt wird.

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