Review: Wir von der anderen Seite

Aus den aktuellen Neuerscheinungen sticht Anika Deckers Debütroman „Wir von der anderen Seite“ definitiv heraus. – Schon alleine durch die knallige Covergestaltung mit dem psychedelischen, winkenden Eichhörnchen.
Wer dann auf den Klappentext schaut, der findet dort Lob und Begeisterung der gesamten deutschen Filmprominenz. – Kein Wunder, denn Anika Decker steht als Drehbuchautorin hinter Kinoerfolgen wie „Keinohrhasen“ und führt mittlerweile auch selbst Regie.

Eigentlich konnte mich deutsche Comedy bis jetzt nicht wirklich begeistern, trotzdem schnappte ich mir die Leseprobe von „Wir von der anderen Seite“ und war sofort so gefesselt von Deckers Geschichte, daß ich unbedingt wissen wusste, wie es weiter geht…

Als die Drehbuchautorin Rahel Wald aufwacht, fällt es ihr zunächst schwer zu begreifen, was passiert ist. Sie befindet sich auf der Intensivstation, ist an zahlreiche Monitore angeschlossen und kann Realität und Halluzinationen kaum auseinanderhalten. Nur das freundlich winkende Eichhörnchen, daß ihr immer wieder erscheint, macht sie ein kleines bißchen glücklich.
Es dauert eine ganze Weile, bis Rahel mithilfe der Ärzte und ihrer Familie begreift, was passiert ist: wegen eines Nierensteins kam es zu einer Blutvergiftung mit anschließendem Multiorganversagen. Es sah zeitweise so schlecht für sie aus, daß sie ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Der Weg zurück ins Leben gestaltet sich für Rahel als schwieriger als gedacht, denn in der kurzen Zeit im Koma haben ihre Muskeln bereits so abgebaut, daß sie nicht einmal mehr in der Lage ist, selbstständig zu essen, sich zu waschen, oder auf die Toilette zu gehen. Außerdem wurde ihr Herz in Mitleidenschaft gezogen; ob sie wieder völlig gesund wird, bleibt lange unklar.

Doch zusammen mit ihrer wirklich wunderbaren Familie und einer gehörigen Portion Galgenhumor lässt sich Rahel nicht unterkriegen, auch wenn sie sich auf Einiges keinen Reim machen kann… Wieso wurde bei der Einlieferung eine hohe Dosis Schmerzmittel in ihrem Blut nachgewiesen? Warum fehlen Teile ihrer Erinnerung? Und wo steckt eigentlich ihr Freund Olli?
Es dauert, bis Rahel auf die Beine kommt und alles, was passiert ist, in ihrem Kopf sortieren kann. In der Zwischenzeit hängt sie relativ hilflos im Gesundheitssystem fest, mit Ärzten, die sich widersprechen, Krankenpflegerinnen, die schon mal ihre Kompetenzen ausreizen müssen, um ihren Patienten Antworten zu geben und Physiotherapeuten, die auch anhänglich werden können. Und draußen dreht sich die Welt ohne Rahel weiter…

Ich hatte ja anfangs schon gesagt, daß ich kein allzu großer Fan von deutscher Comedy bin, weil ich sie immer mit etwas plumpem Haudrauf-Humor assoziiere. Vielleicht ist das ja in den letzten Jahren besser geworden, ich habe mich ehrlich gesagt lang nicht mehr damit befasst.
Umso überraschter war ich, daß Anika Decker wirklich unheimlich feinfühlig schreibt, daß ihre Witze immer auf Kosten der Ich-Erzählerin gehen und Charaktere, die sich vielleicht als leichtes Opfer anbieten würden, stattdessen mit sehr viel Herz beschrieben werden.

Die Geschichte, die Rahel Wald da passiert, ist Anika Decker so, oder zumindest so ähnlich, selbst passiert. Nach ihren ersten Kinoerfolgen erlitt sie – wie Rahel – eine Sepsis mit Multiorganversagen und anschließendem Koma.
Sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie die Krankheit, die Hilflosigkeit angesichts des für den Patienten schlecht zu durchschauenden Gesundheitssystems und den harten Weg zurück ins Leben (gerade für Freiberufler) beschreibt.
Dabei lässt sie auch ein wenig hinter die Kulissen der Filmindustrie blicken und mich wirklich dankbar für meinen Job als Buchhändlerin sein.

„Wir von der anderen Seite“ ist Unterhaltungsliteratur im wirklich besten Sinne. Rahel Wald wurde schnell zu meiner besten Freundin, auf die ich mich Abends nach zahlreichen traurigen Büchern, die ich parallel gelesen habe, immer sehr gefreut habe.
Humorvoll, spannend, ehrlich und sehr menschlich…

Vielleicht werde ich mir demnächst doch auch mal einen Film von Anika Decker anschauen. ; )

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

7 Kommentare zu „Review: Wir von der anderen Seite“

  1. Hey 🙂 Danke für deine Rezension. Ich konnte mich leider nicht so in das Buch einfinden 😦 Hab es nach 50 Seiten weg gelegt 😦 Aber Geschmäcker sind ja unterschiedlich und ich verstehe dank deiner Rezension, was andere an dem Buch vielleicht gut finden könnten. 🙂 Danke dir dafür 🙂 Alles Liebe, Ella

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      1. Das ist gut möglich oder es spricht mich gar nicht mehr an, aber dafür sind ja auch Bücher da, dass man seinen Geschmack kennen lernt und auch sich selber ein bisschen besser einschätzen kann. Ich mag es offenbar dramatischer. Ich hatte immer gedacht ich wäre der Komödien Typ 🧐 Aber auch dafür war das Buch gut 🙂
        Liebe Grüße:)

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