Review: Geschichte einer Ehe

Die Ehe von Jon und Timmy scheint lange Zeit über perfekt zu sein, bis sie es ganz plötzlich nicht mehr ist…

Die Geschichte ihrer Ehe beginnt zwanzig Jahre zuvor, als sich Jon so Hals über Kopf verliebt, daß er seine erste Ehefrau und die gemeinsame Tochter von einem Tag auf den anderen verlässt, nur um bei Timmy sein zu können.
Die letzten Worte, die Jons Exfrau ihm mit auf den Weg gibt sind: „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du einmal genau so verlassen werden wirst, wie du mich verlassen hast.“ – Ein dunkler Wunsch, der ihm nie aus dem Kopf gehen wird.

Doch die Beziehung mit Timmy verläuft zwanzig Jahre lang absolut harmonisch. Sie führen eine moderne, gleichberechtigte Ehe, in der Jon als Schriftsteller viel zu Hause ist und sich um die Kinder kümmert, während Timmy weiter Karriere macht und sich ihre Freiheiten gönnt.
Und auch das Liebesleben der beiden scheint nach all den Jahren noch genauso intensiv zu sein, wie am Anfang.

Die Ehe scheitert nicht aus den üblichen Gründen; nicht daran, daß man sich auseinandergelebt oder an seiner Rolle in der Beziehung aufgerieben hätte…
Das Ende kommt von einer völlig unerwarteten Seite, nämlich durch Jons Fantasien und seinem Bedürfnis zu beweisen, daß ihre Ehe stärker ist, als alles andere.

„Geschichte einer Ehe“ hat mich ungemein gefesselt und fasziniert. Es ist nicht das typische Buch, das von einer Trennung berichtet, sondern eine sehr erotische Geschichte um eine Leidenschaft, die sich nach und nach selbst zerstört.

Die Art und Weise, wie Geir Gulliksen seine Figuren erzählen lässt, ist ungemein spannend: denn es ist Jon, der verzweifelte Verlassene, der die Ereignisse in einem fiktiven Gespräch mit seiner Frau aus ihrer Sicht rekapituliert.
Das hört sich vielleicht etwas kompliziert an, doch dieses hin und her schlüpfen zwischen den Figuren und von der Rolle eines allwissenden Erzählers zu der eines unreliable narrators gibt der Geschichte eine erzählerische Tiefe, die ich so noch nie erlebt habe.

Kein Wunder, daß Geir Gulliksen diese literarischen Kniffe perfekt beherrscht, denn auch wenn er hierzulande noch unbekannt ist, so ist er in seiner Heimat Norwegen ein wichtiger Name in der Literaturszene. Er schreibt nicht nur selbst Lyrik, Romane, Dramen, Essays und Kinderbücher, er arbeitet zudem auch als Lektor und Verleger und ist verantwortlich für die Entdeckung bekannter norwegischer Autoren, wie Karl Ove Knausgård.

„Geschichte einer Ehe“ ist ein unheimlich intensiver und erotischer Roman über das Scheitern einer großen Liebe.
Ich hoffe, daß dieses Buch im Zuge der Buchmesse, deren Gastland ja dieses Jahr Norwegen ist, noch mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

4 Kommentare zu „Review: Geschichte einer Ehe“

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