Review: Scharnow

Heute gibt es eine Premiere: „Scharnow“ ist nämlich das erste Hörbuch, das ich auf meinem Blog bespreche!
Früher waren Audiobücher ein ständiger Begleiter für mich, mittlerweile habe ich dank der Kinder eigentlich kaum noch Zeit dafür. Im Auto werden familiengerechtere Titel für die schwierige Zielgruppe der 4-40jährigen ausgewählt und dazu gehört „Scharnow“ definitiv nicht!
Trotzdem wollte ich mir Bela B Felsenheimers Debütroman nicht als Hörbuch entgehen lassen, weil er mich vor vielen Jahren schon mit „Die Brautprinzessin“, das er zusammen mit Jochen Malmsheimer eingesprochen hat, begeisterte.

Als es nun vor kurzen zur Leipziger Buchmesse ging, sah ich den perfekten Zeitpunkt gekommen, einmal wieder ein Hörbuch nur für mich zu besorgen.
Doch wirklich anfreunden konnte ich mich mit „Scharnow“ leider nicht. Das mag wohl auch am Format gelegen haben, doch fangen wir erst einmal mit dem Inhalt an:

Scharnow ist ein kleines Städtchen in Brandenburg, in dem eigentlich nie etwas passiert, bis dort plötzlich einfach alles passiert.
Es beginnt ganz großartig mit einem Buchblogger, der über die Jahre hinweg die Lust am Bloggen verloren hat und die ungelesenen Titel mit generischen Texten über den grünen Klee lobt oder in die Tonne haut. Doch eines Tages wird ihm ein Titel zugesandt, der recht schnell kurzen Prozess mit dem Blogger macht.
Das Buch findet seinen Weg in die Freiheit und beginnt, die verschiedenen Charaktere zu beeinflussen…

So weit, so gut; doch dann verschwindet das sonderbare Buch einfach aus der Geschichte, um einem neuen Mysterium Platz zu machen. Nämlich den geheimnisvollen Weltenlenkern: telepathisch begabte Tiere, die sich als Haustiere der Reichen und Mächtigen ins Weltgeschehen einmischen, indem sie ihre Halter durch Hypnose beeinflussen.
Einzig das Bündnis Skeptischer Bürger ahnt, was da vor sich geht, und beschließt sich zu wehren, indem sie solche Haustiere (oder deren tierische Verwandte) aus dem Weg schaffen.

Doch damit nicht genug; außerdem bekommen wir es mit einem sterbenden Superhelden zu tun, dem seine Macht offenbar von eben diesen telepathischen Tieren verliehen wurde (warum bleibt unklar, außer um ein Kapitel aus der Sicht von schwulen Eichhörnchen schreiben zu können, was uns vielleicht einfach nur versichern soll, daß es Homosexualität auch im Tierreich gibt), ein Pakt der Glücklichen, der eine WG voller sehr unglücklich wirkender Männer ist, die in Scharnow ihr Unwesen treiben, ein syrischer Flüchtling (weil Diversität), der sich in ein Mangamädchen verliebt, ein Pornostar mit Jesus-Komplex, den es antörnt mit Frauen zu schlafen, die eigentlich viel zu alt und unattraktiv für einen Mann wie ihn wären, ein Gülle-Milliardär, über den wir sehr viel erfahren, obwohl er – wenn ich mich jetzt nicht komplett verhört habe – eigentlich gar nicht auftritt…
Dann noch der Seelenparkplatz, bei dem die Seelen von Menschen und Tieren, die noch im Limbus festhängen, in nicht mehr ganz taufrische Senioren outgesorced werden.
Oh, und die Außerirdischen. Oder Zeitreisende in einem Raumschiff, so ganz klar wurde das nicht…

Ihr merkt schon… Es wurde mir einfach irgendwann zuviel des Guten.
Die einzelnen Ideen waren wirklich zum Großteil sehr originell und viele der Charaktere extrem gut ausgearbeitet, aber was bringt es mir, zum Beispiel minutenlang von den ganz einzigartigen Geschmackserlebnissen des Buchbloggers zu hören, nur damit er einen Augenblick später von dem Buch dahingemeuchelt wird und wir nie erfahren, warum eigentlich.

Für mich hätte das Ganze funktioniert, wenn man mehr Wert auf einen durchdachten Überbau für die Geschichte gelegt hätte, statt immer neue, immer verrücktere Ideen ins Spiel zu bringen.

Anfangs meinte ich ja auch, daß ich ein wenig mit dem Format zu kämpfen hatte. Hier muss gesagt sein, daß die Geschichte ein wirklich großes Personal auffährt. Manche verschwinden nach ausgiebiger Beschreibung auch gleich wieder, andere bleiben, wechseln aber schon gerne mal die Namen. Ein riesen Kuddelmuddel, für das es dankenswerterweise ein Personenregister gibt, das man aber bei Tempo 130 auf der Autobahn nur schlecht zu Rate ziehen kann.
Unklar war mir auch, warum man sich für eine Gaststimme entschieden hat, die nichts anderes tut, als die Kapitelzahl zu verkünden und die Interlude mit den schwulen Eichhörnchen (wir erinnern uns) vorzulesen. Ansonsten liest Bela B wirklich sehr angenehm, da kann man nicht meckern.

Insgesamt lässt mich „Scharnow“ aber ein wenig überfordert und enttäuscht zurück.

Kennt Ihr „Scharnow“? Wie hat es Euch gefallen?
Könnt Ihr meine Kritikpunkte nachvollziehen?

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

8 Kommentare zu „Review: Scharnow“

  1. Ich habe das Buch aus der Bücherei hier liegen, weil halt Bela B. Ich liebe übrigens auch dieses Hörbuch! Tja, ist halt ein Punker, der Autor und Mal sehen, so unübersichtliche Geschichten sind mir auch oft zu anstrengend. Dann bringe ich es wohl wieder in die Bücherei. Aber vorher sind hier noch Fans, die zumindest auch reinschauen wollen 😃
    Liebe Grüße und schönes Wochenende
    Nina

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  2. Ich stimme die voll und ganz zu. Das Buch war mir einfach zu abgedreht. Es war zu viel los und ja, der Güllemillionär taucht nicht auf. Er ist eben nur der Ex von der einen Frau. Irgendwie ist es absurd, wie viele Infos man zu einem Charakter bekommt, der nie auftaucht

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    1. Danke! Ich hatte schon ein bisschen an mir gezweifelt, ob ich einen Auftritt von ihm nicht komplett vergessen habe. 😅
      Aber ja… Letztendlich gibt er dem BSB nur den Hinweis mit dem Hund, aber das hätte jeder machen können. Dann gefühlt eine halbe Stunde von ihm erzählt zu bekommen irritiert irgendwie nur, weil man sich immer fragt: „Kommt da noch was?“
      Und überhaupt. Diese ganze Liebesgeschichte warum sie mit seinem Gestank klar kommt wird auch nie wirklich aufgeklärt…

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  3. Ich hab’s mir auf der Buchmesse gekauft und bin noch nicht dazu gekommen es zu lesen, aber ich freue mich trotzdem noch drauf. Bin sehr gespannt. Habe schon von vielen Seiten gehört, dass es einfach nur total abgedreht sein soll, aber eben auch unterhaltsam. Mal sehen. 🙂

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    1. Ja, es gibt ja genug Leute, denen es gerade wegen dieser Abgedrehtheit so gefallen hat, mir wars halt einfach irgendwann zuviel.
      Vielleicht klappt es als Buch aber auch besser, weil man da ja in der Regel mehr Pausen macht und das ganze ein bißchen setzen lassen kann. 😉

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